Kirsten Boie: »Seeräuber-Moses«

Es war eine wilde, stürmische Gewitternacht, als Moses zu den Seeräubern kam. Die Blitze zuckten nur so am Horizont und dazu rollte der Donner über den Himmel mit einem Krachen wie ein rumpeliges Fass: Und alle Landratten, die schon seekrank werden, sobald sie nur die Deckplanken eines Schiffs unter ihren Füßen spüren, sollten jetzt vielleicht nicht weiterlesen und sich stattdessen mit einer Wärmflasche und einer schönen Tasse Kakao gemütlich in ihr kuscheliges Bett legen.

Das Piratenschiff “Wüste Walli” gerät auf der Ostsee in einen schweren Sturm, und die Piraten unter Käptn Klaas werden Zeugen, wie in ihrer Nähe ein Schiff untergeht. In der Hoffnung, dass es sich dabei um ihren Erzfeind Olle Holzbein mit seinem Schiff, der “Süßen Suse”, handelt, kümmern sie sich nicht weiter darum. Als der Sturm dann nachlässt, wird eine Balje mit einem Stoffbündel an die “Wüste Walli” geschwemmt, und obwohl das auf den ersten Blick nur Lüttschiet zu sein scheint, fischen die Piraten die Balje aus dem Wasser und sind enorm überrascht, unter dem Stoff ein Baby zu finden. Man beschließt, das Baby erst einmal an Bord zu behalten, denn vielleicht kann man dafür ja Lösegeld kriegen, und Bruder Marten der Smutje tauft das Kind auf den Namen Moses, in Anlehnung an die Bibelgeschichte. Da gibt es nur ein Problem: Moses ist gar kein Junge, sondern eine lütt Dern! Und Weibsvolk an Bord eines Schiffes, das bringt ganz klar Unglück, das weiß auch der dösigste Pirat! Aber weil da ja (vielleicht) ein fettes Lösegeld zu kriegen ist, beschließen die Piraten, einfach zu vergessen, dass ihre Moses eine kleine Dame ist, und behalten sie an Bord, statt sie über die Reling zurück ins Wasser zu schmeißen. Und so wächst Moses unter ruppigen, struppigen Seeräubern auf und wird mit den Jahren zu einem richtigen Schiffsjungen-Mädchen. Dabei ahnt sie nicht, dass auf sie schon ein großes Abenteuer voller Rätsel und Merkwürdigkeiten wartet, mit neuen Freunden, neuen Feinden und einem Schatz, der alle so reich machen wird wie die Königin von Saba: Der blutrote Blutrubin des Verderbens, auf dem ein furchtbarer Fluch lasten soll!

Dieses Buch ist perfekt. Damit ist eigentlich alles wichtige schon gesagt – trotzdem soll hier wie immer ein etwas detaillierter Blick auf den Seeräuber-Moses erfolgen. Zuerst fällt sicherlich die wundervolle Aufmachung auf: Das Papier ist robust, der Einband stabil, und als Lesezeichen dient ein Stoffbändchen – die scheinen in letzter Zeit glücklicherweise wieder auf dem Vormarsch zu sein! Die fast 320 Seiten wurden von Barbara Scholz liebevoll illustriert; dabei unterstreichen ihre Bilder die Geschichte immer nur, ohne das Geschehen zu dominieren oder Inhalte vorweg zu nehmen. Die Sprache ist herrlich authentisch und gleichzeitig doch simpel genug für Kinder, und Kirsten Boie hat ihren Text mit allerlei Worten aus der Sprache der Seemänner und der Küstenbewohner angereichert. Damit auch Landratten alles verstehen, die üblicherweise ja einen Palstek nicht von einem Anderthalbfachen Rundtörn unterscheiden können, gibt es am Ende des Buches ein ausführliches kleines Lexikon, in dem kindgerecht alle Begriffe von “abbeldwatsch” bis “Zuber” erklärt werden, und wem das immer noch nicht reicht, der findet vorne eine zweiseitige Abbildung einer typischen Ostsee-Kogge, bei der alle wichtigen Teile beschrieben sind. Immer wieder spricht Kirsten Boie ihre Leser auch direkt an, was vor allem beim Vorlesen die Kinder sicher noch mehr an das Buch bindet, und dabei gehört sie meiner Meinung nach zu den ganz ganz wenigen Autoren, bei denen das nicht gekünstelt klingt sondern wirklich zur Atmosphäre beiträgt.

Überhaupt hatte ich während der Lektüre durchweg das Gefühl, dass Kirsten Boie ihre Leser – die Großen wie auch die Kleinen – zu jedem Zeitpunkt ernst nimmt. Dieses Buch ist kein Kinderbuch, das man mal eben zwischendurch lesen und dann wieder vergessen kann. Seeräuber-Moses fordert Konzentration, denn die Sätze sind trotz ihres einfachen Aufbaus lang und voller Informationen. Kirsten Boie weiß, dass Kinder nicht dumm sind und mehr verstehen, als wir Erwachsenen ihnen zutrauen. Sie fordert ihre kleinen Leser bewusst; nicht umsonst tritt sie immer wieder aktiv für die Leseförderung in Deutschland ein. Und noch etwas fällt positiv auf. Obwohl das Buch mit Handlungsfäden nicht geizt, schafft Kirsten Boie es geschickt, all die Geheimnisse in ihrem Buch glaubwürdig aufzuklären, ohne dass die Spannung auch nur eine Minute lang einbricht. Was hat es mit Moses’ Vergangenheit auf sich? Woher kennen sich Käpten Klaas und Olle Holzbein? Welches Geheimnis hat Olles Matrose Hinnerk mit dem Hut? Und was ist wirklich dran an der Geschichte um den Fluch, der auf dem blutroten Blutrubin des Verderbens lastet? All diese Fragen werden am Ende beantwortet, und sogar die ersten Kapitel, die scheinbar nur eine Einleitung in die Geschichte darstellen, werden an späterer Stelle wieder aufgegriffen und geschickt in die Geschichte eingebunden. Kurz: Dieses Buch ist rundum gelungen, und wenn man gewillt ist, sich auf die teilweise arg langen Sätze einzulassen, dann kann man mit dem Kauf vom Seeräuber-Moses nicht viel falsch machen – stattdessen wird man sich einen wahren Piratenschatz nach Hause holen!

Kann man ein Kinderbuch voller Piraten so schreiben, dass auch Mädchen daran ihren Spaß haben? Ich behaupte: Kirsten Boie kann! Schon an der Inhaltsangabe lässt sich sehen, dass sie die typischen Geschlechtergrenzen mit ihrer Moses aufweicht. Die Frage, die Moses stellt, als sie das erste Mal den “feinen Damen” ihrer Zeit – die tatsächlich Dirnen in einer Hafenstadt sind – begegnet, ist durchaus berechtigt, wird aber immer noch viel zu selten gestellt: Was spricht dagegen, gleichzeitig eine Dame und ein Seeräuberkapitän zu sein? (Also – im übertragenen Sinne.) Für Moses zum Glück nicht viel, und so kämpft sie mit ganz viel Witz und Intelligenz und ganz wenig Hauen und Stechen an der Seite ihres Freundes Dohlenhannes gegen den finsteren Olle Holzbein und darum, den blutroten Blutrubin des Verderbens zuerst zu finden. Sie erinnert teilweise wirklich an eine moderne, emanzipierte Variante des Wikingers Wickie. Und an all die Mütter, denen das für ihre Töchter immer noch nicht pink und rüschig genug ist: Es kommt auch eine gewitzte und intelligente Prinzessin vor, die ganz besonders wichtig für die Geschichte ist. Aber mehr wird nicht verraten – das müsst ihr schon selber lesen!

Kirsten Boie: »Seeräuber-Moses« | ISBN 978-3-7891-3180-6 | 320 Seiten | 18,00€ (D)

Alan Bradley: »Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet«

Ich würde gerne behaupten, dass ich mich gefürchtet hätte, aber das stimmte nicht. Ganz im Gegenteil. Es war das mit Abstand spannendste, was ich je erlebt hatte.

Eines Tages liegt im zum Landsitz der de Luces gehörigen Gurkenbeet ein rothaariger Mann und haucht der elfjährigen Flavia de Luce seinen letzten Atemzug ins Gesicht. Und das neunmalkluge Mädchen mit einem Faible für Chemie riecht sofort Lunte – nicht nur, weil der nun Verstorbene ihr quasi die Mordwaffe in die Nüstern geblasen hat, sondern auch, weil der Unbekannte am Abend zuvor mit ihrem Vater, dem ehemaligen Offizier der Britischen Armee und jetzigen Philatelisten Colonel de Luce, einen heftigen Streit gehabt hat. Auch Inspektor Hewitt zieht schnell diese Verbindung und verhaftet den alleinerziehenden Vater, und dabei kennt er noch nicht einmal die ganze Wahrheit: Dass nämlich dem Mord eine Drohung vorangegangen war, in Form einer auf den Schnabel einer toten Schnepfe aufgespießten Briefmarke! Für Flavia ist klar: Die Aufklärung des Falls kann sie nicht den Beamten seiner Majestät König George überlassen! Sie heftet sich auf die Spur des unbekannten Rotschopfes und stößt dabei tief in die Vergangenheit ihres Vaters vor, in eine Zeit, als er selber noch ein Schuljunge war und die Saat des Briefmarkensammlers in ihm gesät wurde. Durch ihre Neugier gerät sie immer tiefer in ein gefährliches Spiel, bei dem es schließlich nicht nur um eines der Symbole für die Überlegenheit der Britischen Krone gegenüber den Oraniern, die beiden seltenen Briefmarken Rächer von Ulster, von denen eine keinem geringeren gehört als König George von Großbritannien selbst, geht, sondern auch um die Freiheit ihres Vaters und ihr eigenes Leben.

Krimis sind definitiv kein Genre, das mich sonderlich glücklich macht. Ich kann nicht einmal genau den Finger auf das Warum legen; ich finde Krimis einfach nicht so spannend wie andere Romane. Insofern war ich gegenüber Flavia de Luce auch zunächst skeptisch. Dass die Elfjährige aber ein unbändiges Interesse an Chemie zeigt und ihr ein eigenes Labor, geerbt von ihrem Großonkel Tar de Luce, für ihre Experimente zur Verfügung steht, hat sicherlich geholfen, meine anfängliche Ablehnung zu zerstreuen. Außerdem muss ich gestehen, dass ich eine begeisterte Leserin der Fünf Freunde von Enid Blyton bin und immer noch alle 21 Bände im Regal stehen habe. Außerdem kann man sich dem Bann der so neunmal- wie altklugen Flavia nur schwer entziehen. Irgendwas hat das Mädchen an sich, was viele ihrer Missetaten schnell vergessen lässt. Vielleicht liegt es ein wenig an ihrer Familienkonstellation: Der Vater ein Offizier alter Schule, ihre Mutter im Himalaja verstorben, als sie ein Baby war, ihre beiden älteren Schwestern stets darauf bedacht, ihr das Leben schwer zu machen. Vielleicht fiebert man deshalb mit ihr mit, während sie der gesamten Bevölkerung von Bishops Lacey und der Polizei zeigt, was sie so auf dem Kasten hat.

Erfreulicherweise wird die Polizei in Mord im Gurkenbeet nicht als inkompetent dargestellt, ganz im Gegenteil. Inspektor Hewitt und Flavia kommen ziemlich zeitgleich auf dieselben Schlüsse, wenngleich anhand unterschiedlicher Indizien. Natürlich ist es Flavia, die die chemischen Beweise zusammenträgt, während der Inspektor vor allem klassische Polizeiarbeit leistet, und es stellt sich sogar heraus, dass Hewitt das Mädchen die ganze Zeit im Auge behalten hat, damit sie keinen Unsinn anstellt. Trotzdem kann er nicht verhindern, dass Flavia am Ende vom Drahtzieher der ganzen Geschichte überrumpelt und in eine lebensgefährliche Situation gebracht wird – aber zum Glück gibt es ja noch Dogger, das Faktotum auf dem de Luce’schen Landsitz Buckshaw, der das unheimliche Talent hat, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. In dieser Notlage zeigt sich auch am ehesten, dass Flavia ein verhältnismäßig normales Mädchen ist, denn jetzt, wo ihr Leben auf dem Spiel steht, zeigt sie echte Angst. Das unterscheidet sie wiederum wohltuend zum Beispiel von Anne aus den oben bereits zitierten Fünf Freunden, die stets lieber daheim blieb, wenn die Jungs auf Entdeckungsreise gingen, und für dieses Verhalten von ihren Brüdern und ihrer Cousine George auch gerne mal als Hausmütterchen geneckt wurde – hier blieben die Figuren immer irgendwie eindimensional. Das zeigt meiner Meinung nach auch, was von den Rezensenten zum Beispiel auf Amazon zu halten ist, die Flavia unerträglich weil neunmalklug finden. Die Frage muss erlaubt sein, was solche Leser von einem Krimi erwarten, in dem die Hauptfigur elf Jahre alt und ein Mädchen im England der 1950er ist.

Als Krimi hat Mord im Gurkenbeet meiner Meinung nach wenige Schwächen. Alle Fäden werden gut miteinander verknüpft, und es entsteht eine von der ersten bis zur letzten Seite spannende Geschichte. Die wenigen Logikfehler können auch der Übersetzung zugeschrieben werden, so fragt der Täter im Finale nur nach einem der beiden Rächer von Ulster, obwohl er nicht wissen kann, dass die zweite zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Flavias Besitz ist. Auch die Streifzüge durch die Geschichte der Chemie sind durchweg gut recherchiert – davor Hut ab! Nur einen Mecker habe ich, aber das auch nur, weil es mir als Chemikerin sofort aufgefallen ist. Als Flavia aus Hühnersuppe und Backpulver ein Wunderschnupfenmittel mischt, bezeichnet sie das Backpulver zwar korrekt als NaHCO3, verwendet dann aber nicht den richtigen Namen Natriumhydrogencarbonat, sondern die beiden falschen Bezeichnungen Natriumcarbonat beziehungsweise Natriumbicarbonat, und letzteres ist so richtig schmerzhaft falsch. Das sind aber Kleinigkeiten, die man wirklich verschmerzen kann. Stattdessen habe ich mich gefreut, eine weitere berühmte Naturwissenschaftlerin – Marie-Anne Paulze Lavoisier – auf meine Liste bedeutender Frauen schreiben zu dürfen.

Insgesamt hat mir Mord im Gurkenbeet so gut gefallen, dass mittlerweile auch die Nachfolge-Bände bis einschließlich Mord ist nicht das letzte Wort in meinem Bücherregal stehen. Keiner davon kommt meiner Meinung nach an Bradleys Erstlingswerk heran, und vor allem in Halunken, Tod und Teufel hatte ich mehrfach den Eindruck, dass da ganze für die Handlung wichtige Szenen der Schere zum Opfer gefallen sind. Zum Schluss wurde Flavia de Luce zu sehr zu einer Auserwählten ausgebaut, die das schwere Erbe ihrer Mutter antreten soll, und dieser Story-Bogen mündet in Eine Leiche wirbelt Staub auf in eine Geschichte an einer Akademie für besondere Schülerinnen. Dass Flavia nach diesem Fall zurück nach Buckshaw darf, fühlt sich beinahe wie ein Reboot an – als habe Alan Bradley gewusst, dass seine altkluge Heldin außerhalb der alterwürdigen Hallen nicht funktionieren kann. Ganz gleich, bei aller Kritik und allen Problemen habe ich Flavias Fälle durchweg als kurzweilig und angenehm zu lesen empfunden, des ganzen „Auserwählte“-Plots zum Trotz. Und das ist aus dem Mund einer Leserin, die mit Krimis nichts anfangen kann und Serien verabscheut, vermutlich das größte Lob.

Alan Bradley: Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet | ISBN 978-3-442-37624-7 | 400 Seiten | 10,99€ (D)

E.F. von Hainwald: »Cyberempathy«

„[…] Es ist unlogisch, Freiheit statt Sicherheit zu wählen. Wer sicher ist, lebt lang und glücklich. Wer frei ist, lebt gefährlich und achtet nicht auf das Wohl seiner Mitmenschen“, die Stimme nahm einen tadelnden Klang an.

In der Stadt Skyscrape sind alle Menschen über das Cybernet verbunden und können so in einer großen Gemeinschaft an den Gefühlen der anderen Mitmenschen teilhaben. Aufgrund dieser Gemeinschaft gehören Kriege und Verbrechen der Vergangenheit an, und wer doch eine Emotion loswerden will, geht zu einem Erinnerungskonstrukteur. Ein solcher ist auch Leon, und er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, mit der wunderbaren Star-Sängerin Janica an seiner Seite und der Aussicht darauf, nur die exklusivsten Kunden behandeln zu dürfen. Dann jedoch geht eine solche Behandlung beim Sohn eines einflussreichen Bankers schief, und der Junge begeht Selbstmord. Das System befindet Leon für schuldig, trennt ihn vom Cybernet und verbannt ihn in die Unterstadt, tief im Fundament von Skyscrape. Leon ist klar, dass man ihn in dieser verwirrenden Welt aus abstoßender Gewalt und offenem Hass verrecken lassen will. Als er fast alle Hoffnung aufgeben will, wird er jedoch vom Ex-Soldaten Rade aus der Klemme geholt, und dieser bietet dem Newcomer im Slum eine Bleibe und seinen Schutz. Nach und nach lernt Leon auch Rades Geliebte, die Hure Lux, und seine Mechanikerin Skylynn kennen. Gemeinsam mit diesen neuen Freunden gelingt es ihm, in der Unterwelt Tritt zu fassen und sich ein neues Leben aufzubauen. Dann jedoch tritt der undurchsichtige Yas in sein Leben, der unfreiwillige Spender ihrer Organe beraubt, und macht Leon ein verlockendes Angebot. Er bringt ihn zurück in die Oberstadt, wenn Leon ihm hilft, das Trauma seiner Opfer zu lindern. Leon willigt ein – und wird zu einem Spielball von Mächten, die er nicht begreifen kann.

Ich bin bekennender Cyberpunk-Fan, seit ich den Neuromancer gelesen, den Blade Runner gesehen und Shadowrun gespielt habe. Leider fristet diese besondere Untergattung des Sci-fi im Literaturbetrieb immer ein gewisses Schattendasein (als ob Sci-fi selber so eine große Rolle spielen würde), und darum gebe ich Newcomern auf der Bühne gerne eine faire Chance. Das gilt insbesondere, wenn ich mit dem Autoren ein paar Takte über dieses Genre wechseln konnte – wie im Falle von Hainwalds auf der LBM geschehen. (Dass ich als Indie-Autorin mit anderen Indies mitfühlen kann, könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben.) Als ich das Buch dann schließlich las, beschlich mich zusehends dieses seltsame Gefühl von déjà vu, das alles irgendwo schon einmal gelesen oder gesehen zu haben. Cyberempathy trägt seine Inspirationen sehr offen mit sich herum, mit einer tiefen Verwurzelung im Anime – hier sollen vor allem Battle Angel Alita und Akira genannt werden – und dem beinahe formulaischen Befolgens all jener Punkte, die den Cyberpunk ausmachen. Cyber? Check. Punk? Check. Mehr Schein als Sein? Check. Immer auf des Messers Schneide? Check. Einstellung ist alles? Check. Drogen, Sex und sinnlose Gewaltexzesse? Check, check uuuund check. Es geht gefühlt wenige Risiken ein, die Heldenreise ist ebenso in allen Punkten vorhanden wie die klar definierte Drei-Akt-Struktur und das im Cyberpunk so typische Fehlen eines sauberen auflösenden Endes. Für Kenner des Genres ist von vorneherein absehbar, wie sich die Geschichte von Schlecht zu Katastrophal dreht. Die Welt ist dabei durchsetzt von auf den ersten Blick coolen Gimmicks, denen aber das eher cineastische Verständnis für die zugrunde liegenden Technologien, das geradewegs aus Scottys Enterprise-Mechaniker-Wortschatz zu stammen scheint, häufig anzumerken ist. Ständig wird irgendein neuer abgedrehter Scheiß in die Manege geschmissen und gemäß dem Grundsatz „Style over Substance“ in kurzen Vignetten verheizt. Irgendwann wird das sehr ermüdend, der Zauber der sehr eigenwilligen Welt verfliegt und die Ungläubigkeit lässt sich nicht mehr willentlich aussetzen. Wie und warum die Gesellschaft in Skyscrape funktioniert, bleibt immer im Hintergrund, wenn man vom Cybernet und den miteinander verknüpften Emotionen absieht.

Die Figuren sind ziemlich simple Archetypen: Da ist der naive optimistische Newcomer, der Ex-Elitesoldat mit der dunklen Vergangenheit, die Hure mit dem Herz aus Gold und die Wunderkind-Mechanikerin. Die Mischung funktioniert, auch wenn sie auf den ersten Blick wenig Überraschung verspricht – man erwartet einfach, dass diese vier zueinander finden. Trotzdem legt von Hainwald viel Augenmerk darauf, zumindest Leon und Rade umfangreich mit Empathie und Gefühlen auszustatten. Immerhin geht es in dem Roman genau um diese Empathie und um das (bei Philip K. Dick sehr populäre) Motiv der Frage nach dem, was uns menschlich macht und an welchem Punkt wir aufhören, Menschen zu sein. Gerade bei Rade und den anderen aufgemotzten Gestalten in der Unterwelt kommt mir das aber manchmal zu kurz; in den Cyberpunk-Rollenspielen wird das sehr coole Konzept des Menschlichkeitsverlustes gepflegt, bei dem man immer, wenn man ein Körperteil durch Blech ersetzt, ein wenig vom eigenen Selbst aufgeben muss, bis man einer Psychose anheim fällt. Es gibt bei Rade zwar Indizien dafür, und auch die allgegenwärtige Gewalt und Abwertung menschlichen Lebens und die Kriecher im Fundament sind Hinweise auf ein solches Prinzip, aber in einem Roman, der sich so stark um Empathie und Emotionen dreht, wäre hier etwas plakativeres Vorgehen sicher nicht verkehrt gewesen. Besonders Wundermechanikerin Skylynn scheint sonderbar emotionslos gegenüber dem Fakt zu sein, dass ihr irgendein Arschloch die Arme abgesäbelt hat, als sie noch ein kleines Kind war. „Das ist lange her“, lautet ihr lakonischer Kommentar – als ob man das Trauma eines solchen Übergriffes einfach ad acta legen könnte. (Eigene Erfahrungswerte: PTSD ist ’ne Bitch.) Ich mag die Menagerie trotzdem, auch wenn sie jetzt nicht so viele Schichten wie Zwiebeln oder Oger hat. Und während Rade und Leon auf der letzten Seite im Widerschein der brennenden Unterstadt Händchen halten, wandern meine Gedanken zu Skylynn und Lux und der bangen Frage, ob es ihnen gut geht.

Reden wir noch kurz über das Handwerkliche des Verlags. Gedankenreich ist sehr klein und steckt einen Haufen Herzblut in seine Projekte. Das kenne ich aus eigener Erfahrung, man möchte die Welt an seiner Liebe ein bisschen teilhaben lassen. Umso schmerzhafter ist es dann, Fehler zu sehen, die mit etwas mehr Sorgfalt hätten vermieden werden können. Immer wieder sind dem Lektorat Rechtschreib- und Grammatikfehler durchgerutscht, und die Satzzeichen (insbesondere die Kommas) scheint jemand mit der Schrotflinte nach dem Zufallsprinzip in den Satz geschossen zu haben. Das Layout ist zwar liebevoll, mit ansprechenden Trennern und Kapitelköpfen, aber auch hier merkt man, dass im Wesentlichen nur die Silbentrennung und die Hurenkinderregelung in Office eingeschaltet und danach nicht noch einmal drüber gelesen wurde. Das macht den Satz stellenweise sehr unruhig, mit riesigen Wortabständen oder Stellen, an denen nur die Satzzeichen einer wörtlichen Rede in die neue Zeile rutschen und dann der Absatz endet. Ich meine, ich weiß selber, wie viel Zeit (und für einen Verlag auch Geld) es kostet, diesen ganzen Mist zu finden und zu beseitigen, und ich ärgere mich schwarz, dass mir in meinen eigenen Werken vereinzelt solche Fehler durchgegangen sind. Aber wenn man sich eines Lektorates und eines Layouters rühmt, sollte das doch möglich sein, oder?

Nach derart geharnischten Worten erwartet vermutlich niemand mehr versöhnliche Töne aus meiner Feder. Aber der Punkt ist, dass Cyberempathy bei all meiner Kritik irgendetwas wohl fundamental richtig gemacht haben muss. Immerhin habe ich das Buch tatsächlich bis zum Ende gelesen, und ich hatte niemals während der 560 Seiten das Gefühl, es wäre nur Arbeit oder eine unangenehme Pflicht – und das konnten in den vergangenen Wochen wirklich wenige Bücher in meiner Sammlung von sich behaupten. So formulaisch und nach Checkliste der Roman auch allem Anschein nach entstanden sein mag: Er funktioniert. Die Charaktere sind keine Katastrophe, die ich ständig gehasst habe, und die unterschwellige Botschaft der obrigkeitsbefohlenen Political Correctness bis zur Selbstverleugnung gepaart mit einer diffusen nicht ganz greifbaren globalen Bedrohung klickt gut in den aktuellen Zeitgeist. Sex-Anspielungen sind gehäuft, aber nicht aufdringlich, und Cyberempathy dürfte der erste Cyberpunk-Roman sein, in dem der obligatorische Fick des Hauptcharakters homoerotisch ist. Das alleine hat fette Bonuspunkte verdient. Kurz gesagt: Wer das Genre liebt und ein Herz für Indie-Autoren und -Verlage hat, sollte bei aller Kritik zugreifen. Schon allein, um’s dem Establishment der großen Verlage zu zeigen. Das wäre nämlich ziemlich Cyberpunk von euch.

E.F. von Hainwald: »Cyberempathy« | ISBN 978-3-947147-48-9 | 560 Seiten | 16,90 € (D)

Terence Blacker: »boy2girl«

“Alles, was du tun musst, ist fünf Tage als Mädchen in die Schule gehen. Wenn du das machst, bist du dabei. Dann bist du einer von uns.”

Das Leben der britischen Familie Burton wird ziemlich durcheinander gewirbelt, als sie Cousin Sam aus den USA bei sich aufnehmen müssen, weil dessen Vater im Knast sitzt und seine Mutter bei einem Unfall ums Leben kam. Sam ist so alt wie Sohn Matthew, aber mit seinen 13 Jahren viel rotziger und darüber hinaus ungepflegt und voller schlechter Manieren. Trotzdem stellt Matt ihn seinen Freunden Jake und Tyrone von der Bunkerbande vor. Gemeinsam versuchen sie, Sam die Eingewöhnung möglichst leicht zu machen, doch als dieser einen Streit in ihrem Lieblings-Imbiss provoziert, schließen sie ihn aus ihrer Bande aus. Als Sam den Vorschlag macht, seine Treue zur Bande durch eine Mutprobe zu beweisen, sind die Jungen zunächst nicht begeistert, doch dann haben sie eine Idee: Aus Sam soll Samantha werden, und er soll die gesamte erste Woche des neuen Schuljahres als Mädchen zur Schule gehen. Die drei Jungen sind überzeugt, dass der raue und ungehobelte Sam diese Prüfung nie bestehen wird, doch zu ihrer Überraschung verwandelt er sich in ein perfektes Mädchen und freundet sich in kürzester Zeit mit ihren Erzfeinden an, den Zicken Elena, Zia und Charley. Dann jedoch stellt sich heraus, dass Sams Mutter ihrem Sohn ein Vermögen hinterlassen hat, und als sein Vater aus dem Knast entlassen wird und sich auf die Reise nach England macht, um seinen Sohn und die Kohle zu retten, hat Matthew darauf nur eine Antwort: Sam muss von der Bühne verschwinden und durch Samantha ersetzt werden – rund um die Uhr! Aber wie bringt man das den Erwachsenen bei, die von der Aktion “boy2girl” bisher nichts wussten?

Es ist mal wieder so weit: Alice zerreißt ein Buch. Ich wusste, dass boy2girl mich enttäuschen und wütend machen würde, kaum dass ich Cover und Klappentext gesehen hatte, und ich wurde leider bestätigt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – habe ich dieses Jugendbuch beim letzten Besuch in der Buchhandlung gekauft. Kinder- und Jugendbücher, die sich der Geschlechterthematik gleich welcher Couleur annehmen, sind immer noch rar gesät, und gute Vertreter ihrer Gattung sind seltener als schwarze Perlen. Vielleicht wollte ich deshalb bei der Lektüre von boy2girl unbedingt positiv überrascht werden, wollte sehen, dass das Buch es besser macht, nicht zuletzt, weil Terence Blacker für den Roman den Angus Book Award bekam und der Verlag (Gulliver / Beltz) es in der Rubrik Schullektüre unter dem Stichpunkt “Geschlechtertausch” führt. Zumindest unter anderem, aber dazu später mehr. Leider kommt das Buch dann aber letztendlich über eine Mischung aus “Charlys Tante” und “Die Lümmel aus der letzten Bank” nicht wirklich hinaus. Und das ist wirklich schade, denn wie bereits eingangs erwähnt, sind gute Bücher zu der Thematik nicht gerade einfach zu finden. Der Fairness halber ist das Thema “Geschlechtertausch” aber auch nicht wirklich leicht umzusetzen – gerade Männer, die zu Frauen werden müssen, haben in unserer Gesellschaft immer noch eher Comedy-Potenzial, während man das Wachsen am Geschlechtertausch lieber Frauen wie Mulan überlässt, die sich als Männer ausgeben. Diesen irgendwie unauslöschlich in den genetischen Code der Dramaturgie gegossenen Naturgesetzen folgt leider auch boy2girl.

Nun taugt eine Geschichte recht wenig ohne ihre Charaktere, und auch hier muss man leider sagen, dass diese flachen Abziehbilder von Figuren einfach zu schwach sind, um den ohnehin extrem dürftigen Plot zu tragen, und sich im Laufe der Handlung auch kaum wirklich verändern. Was an Veränderung stattfindet, wird mal eben überhastet in Nebensätzen rausgehauen und damit scheinbar zur absoluten Bedeutungslosigkeit degradiert. Lernen Sam und Matt etwas aus der Geschichte? Verändert sich Matts Beziehung zu Sam, zu seinen Eltern, zu den Zicken? Kommen Tyrone und Jake mit ihren Eltern, mit Sam, mit Matt, mit den Zicken besser klar? Ja, das berühmte Verwechselungsspielchen um Sam und Samantha, der zwischendurch auch mal zu Simon und Simone wird, ganz wie es die Handlung braucht, sorgt in der typischen Manier solcher Komödien für einiges an Verwirrungen und Chaos. Dass Matts Eltern nichts merken, gut, das kauf ich noch, Eltern sind häufig ein bisschen realitätsfremd und betriebsblind ihren Teenager-Kindern gegenüber. Dass aber die Rektorin, die dem Buch zufolge klar einen Jungen namens Sam erwartete, beim Auftauchen eines Mädchens namens Sam nicht mal ganz flott bei Familie Burton anruft und um Klärung des Sachverhaltes bittet – was die ganze Show schon auf Seite 60 gekillt hätte -, macht diese Figur absolut unglaubwürdig. Dass die Eltern, als sie endlich eingeweiht werden, nicht in der Schule anrufen und dort für Klärung sorgen (oder generell mal erzieherisch tätig werden), demontiert auch sie als Autoritätsperson. Überhaupt kommen die Erwachsenen in diesem Buch ziemlich schlecht weg und werden durchweg als klischeehaft unsympathisch und ätzend dargestellt. Aber das war irgendwie zu erwarten in dieser Schublade voller Abziehbilder, in denen der einzig interessante Charakter – Sams Mutter – in einem Nebensatz und einem Autounfall getötet wird.

Reden wir noch kurz über den Stil, in dem das Buch geschrieben ist. Terence Blacker präsentiert boy2girl als eine Art Bericht, in dem jeder Protagonist abwechselnd zu Wort kommt. Manche erzählen die Handlung über mehrere Seiten, manche tragen immer nur wenige Sätze oder sogar nur ein Wort bei, und der Löwenanteil des Erzählens kommt Matt zu. Überhaupt nicht zu Wort kommt hingegen Sam, all seine Betrachtungen, seine Gefühle, seine Motivation bleiben im Dunkeln und werden höchstens von außen beleuchtet, von Menschen, die sich in seine Krise, die Mutter verloren zu haben, nicht einfühlen können. Dadurch bleibt Sam als Figur so undefiniert wie seine Geschlechterrolle in diesem Buch. Wieso er die Mutprobe auf sich nimmt und es scheinbar sogar regelrecht genießt, als Mädchen aufzutreten, wird nie wirklich geklärt. Erst im Finale wird der Vorhang ein winziges bisschen gelüftet, als Sam gesteht, dass er nicht mehr vor seinem Vater davonlaufen will. Denn durch diesen ist er ziemlich früh an Verbrechen und Gewalt und das Recht des Stärkeren gewöhnt worden – und so hat Beltz die Themen Gewalt, Aggressionen, Erwachsenenwerden, Freundschaft und Familie auch direkt mal auf die Liste der pädagogischen Themen geschrieben, obwohl man die Themen – oder ihre Lösung – schon mit der Lupe suchen muss. Überhaupt geht das Buch mit einem guten, plausiblen Schluss sehr spärlich um. Sams Vater zieht mit seiner schwangeren Freundin in die Staaten zurück, Sam bleibt bei den Burtons und macht weiter Musik mit Zia, und die einzige Erkenntnis, die Matt aus der Geschichte zieht, ist, dass der Unterschied zwischen Mann und Frau dem Leben erst die Würze gibt – und diese Erkenntnis wird in einem einzigen Satz so sehr mit dem Holzhammer vermittelt, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, der Autor habe drei Sätze vor Finale festgestellt: “Ach ja, da war ja noch was, was kann man noch kluges zum Geschlechtertausch sagen?”

Ich kann euch leider nicht sagen, welcher Song von den Doors dieses Buch wäre, dafür kenne ich zu wenig von den Doors. Das von Matt vorgeschlagene “Break through to the other side” ist es jedenfalls nicht, dazu fehlt es der Geschichte zu sehr am Durchbruch. Insgesamt bin ich enttäuscht, dass das Buch mich wie vorhergesehen enttäuscht hat, und zornig, dass das Buch mich wie vorhergesehen zornig gemacht hat. Zu gerne wüsste ich, was die begleitenden Unterrichtsmaterialien von Beltz zu dem Schmöker sagen, aber der Download ist nur für registrierte Lehrer erhältlich, und das Buch mit den Unterrichtsmaterialien zu kaufen, das ist es mir dann doch nicht wert. boy2girl kriegt keinen Ehrenplatz neben Luna, nicht einmal neben Finding Alex. Es kriegt einfach einen Platz auf einem der Bretter – und ich werde weiter auf das Jugendbuch hoffen, das sich endlich vernünftig mit dem Thema Geschlechterrollen auseinandersetzt. Auch wenn ich fürchte, dass das niemals geschehen wird.

Terence Blacker: »boy2girl« | ISBN 978-3-407-78973-0 | 283 Seiten | 8,95€ (D)

Leonie Swann: »Dunkelsprung«

Aber da sind die Dinge. Gerüchte von Gerüchten. Wunder. Unbeschreibliches, nie Geahntes. Nichts Genaues natürlich. Eigentlich gar nichts. Geh nur selbst. Du wirst schon sehen. Nun gut. Sehen wir also…

Der Flohzirkusdompteur und Goldschmied Julius Birdwell fällt an einem kalten Winterabend nach dem Verlust seiner Artistenflöhe in die Themse und überlebt diesen Sturz nur, weil er von einer geheimnisvollen Meerjungfrau errettet wird. Für die Rettung seines Lebens verlangt sie von ihm, dass er ihre Schwester aus den Fängen des geheimnisvollen Professor Fawkes befreit, und damit der arme Bursche sich nicht alleine mit einem wortwörtlich steinalten Magier herumschlagen muss, der es offenbar zu seinem erklärten Hobby gemacht hat, übernatürliche Wesenheiten gefangen zu nehmen und in seinem Varieté zur Schau zu stellen, verweist sie Julius an den Privatdetektiv Frank Green. Der scheint seine ganz eigenen Probleme mit einer undurchsichtigen Vergangenheit zu haben, derer er mithilfe eines Vergessenstherapeuten zu Leibe zu rücken versucht, und schnell fragt sich Julius, ob Green überhaupt fähig ist, ihm bei der Suche nach Professor Fawkes zu helfen. Als dann noch die geheimnisvolle Goth Elisabeth in sein Leben tritt und seine totgeglaubten Flöhe plötzlich wieder zum Leben erwachen und eine sehr eigenwillige Form von Intelligenz entwickeln, finden er und Green sich schnell in einer verwirrenden Geschichte voller mystischer Wesen wieder, deren Motive rundheraus undurchsichtig sind. Was ist das Legulas, das Green bei seinen Nachforschungen bei einer alten Dame findet, und wieso ist Fawkes so scharf auf das Schuppenviech? Sind Elisabeth’ Ziele wirklich so lauter wie sie vorgibt? Und sind es am Ende vielleicht die ganz normalen, mundanen Gefahren, die Schatten ihrer Vergangenheit, die Birdwell und Green das Genick brechen, und gar nicht die fantastischen Wesen aus der Anderswelt? Nur Geduld – wir werden alles zu seiner Zeit erfahren.

„Kann man auch mit Hufen und Hörnern Porsche fahren?“ Dieser Satz aus dem Klappentext war es, wegen dem ich Dunkelsprung gekauft hatte, ohne auch nur irgendwas über Inhalt oder Autorin zu wissen, und ganz ehrlich? Ich hatte das Buch aus dem einzigen Grund gekauft, dass ich es hassen wollte. Spoiler: Ging dann aber nicht, das mit dem Hass. Dabei war ich mir echt sicher: Eine Urban Fantasy Story im modernen London, in der potenziell ein Dämon vorkommt, der dann sicher wieder so überhaupt nicht meinem Bild von Dämonen entspricht, das konnte nur in die Hose gehen, das hatte doch schon Lila Black bewiesen, mit ihren knallroten Zitronendämonen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es schwierig ist, Wesen aus der existierenden Mythologie zu nehmen und „neu“ zu erfinden oder zu interpretieren. Gerade bei bekannten Wesen hat ein Leser oder Zuschauer immer schon ein gewisses Bild im Kopf, eine Erwartungshaltung, wie ein solches Wesen zu sein hat. Hinzu kommt, dass gerade die Fantasy sehr stark von einem gewissen Dualismus aus Gut und Böse lebt, aus der klaren Definition von Held und Antagonist. Mich störte daran immer schon, auch in den alten Heldensagen, dass dem „Monster” unterstellt wurde, keine Motivation für sein Handeln zu haben. Viele Fantasy-Rollenspiele treiben dieses Prinzip auf die Spitze, mit einem straff definierten moralischen Kompass, in dem manche Rassen (Orks oder Dämonen) immer böse sind, mit den Menschen spielen und bekämpft werden müssen, während andere (Elfen oder Engel) immer gut sind und den Helden helfen oder diese sogar stellen. Entfernt man sich zu stark von diesem Bild, läuft man Gefahr, dass der Leser sich von der Figur, die er unter demselben Namen aber mit anderen Merkmalen kennt, entfremdet – wie zum Beispiel bei den funkelnden Vegetarier-Vampiren aus Twilight geschehen, die mit Bram Stokers Dracula streng genommen nur noch das Typenschild teilen. Eigentlich ist das aber ziemlich traurig, weil es sehr spannende Völker zu schmückendem Beiwerk in der Szenerie degradiert.

Nicht so Dunkelsprung, in dem die phantastischen Wesen irgendwo alle ihre Motivation haben oder – wenn sie ein bisschen animalischer sind – ihren nachvollziehbaren Trieben und Lebenszyklen folgen. Wer zum großen Kreis der Hauptfiguren gehört, scheut sich dabei auch nie, seine Kräfte einzusetzen, um sein Ziel zu erreichen, und die Menschen, die in dieser Geschichte mitspielen, stehen gleichermaßen hilf- wie wehrlos vor der großen geheimnisvollen Magie des Anderen Volkes. Diejenigen von ihnen, die sich nicht „normal” verhalten, haben dafür innerhalb der Welt einen durchaus nachvollziehbaren Grund. Aber für keinen von ihnen ist das Ziel so platt und schnell definiert wie „böse sein um des Böse sein Willens”, und das macht die Figuren alle einfach interessant und hebt sie über die Masse eintöniger Abziehbilder ab, die ansonsten Fantasy und Science Fiction (und zunehmend auch ganz normale Belletristik) bevölkern. Das ist aber nicht alles, denn auch die menschlichen Figuren werden nicht zu schmückendem Beiwerk degradiert. Wer in diesem Buch auftaucht, der spielt auch irgendwann eine Rolle – das gilt sogar für die Schnecke, die Frank Green in Rose Dawns Wohnung findet, Julius Birdwells Kundin Odette Rothfield, die einen Ring mit dem Antlitz der Meerjungfrau von ihm kauft oder Mary, eine Patientin aus Franks Therapierunde, die ihm ein Paar Luftsocken schenkt. Es lohnt sich also, aufmerksam zu lesen, weil sich so vieles schon vorab abzeichnet, ohne wirklich vorhersehbar zu sein. Ach was, es lohnt sich generell, Dunkelsprung aufmerksam zu lesen, denn die Sprache und der Stil sind wirklich solide und machen Spaß, ohne unnötige Längen oder Durststrecken zu produzieren. Das ist dann glaube ich auch der richtige Augenblick, um zu gestehen, dass mir Leonie Swann vorher kein Begriff war und dass ich positiv überrascht war, in ihrer Vita zu lesen, dass sie eine Münchnerin ist, die Teilzeit in London lebt – denn das ließ Rückschlüsse darauf zu, dass sowohl die verwendete Sprache als auch das von London gezeichnete Bild so authentisch wie möglich sind.

Am Ende ist Dunkelsprung also zu einem Buch geworden, das ich nicht hassen konnte, obwohl ich es mir wirklich vorgenommen hatte, und das macht mich rückblickend betrachtet echt glücklich. Dunkelsprung enthält keinen klar definierten Schurken, auch wenn man Professor Fawkes während der fast vierhundert Seiten mehr als einmal die Pest an den Hals wünscht für das, was er all diesen wunderbaren mystischen Kreaturen antut. Aber dann stellt sich heraus, dass sogar dieser uralte Mensch eigentlich gar nicht böse oder wahnsinnig ist sondern extrem verletzlich, sensibel und müde. Dass Dinge geschehen sind in seiner Vergangenheit, die er bereut, und dass er manches gerne vergessen möchte so wie Frank Green seine geheimnisvolle Vergangenheit vergessen hat. Am Ende wird er seine Erlösung erhalten, eine Meerjungfrau wird befreit und ein Porsche erleidet einen Totalschaden, weil das mit Hufen eben doch alles nicht ganz so einfach ist. Am Ende werden die Menschenwelt und die Anderswelt ein ganz kleines bisschen Frieden finden, ein Miteinander statt eines Nebeneinanders, eine wundervolle warme Schnittmenge. Und wenn ihr das Buch lest, was ich euch nur ans Herz legen kann, wird euch am Ende vielleicht sogar bewusst, wieso ich so unglaublich auf Milch stehe – und wieso ich mich trotzdem unglaublich darüber gefreut habe, als Elisabeth ihre Milch erbrach.

Leonie Swann: »Dunkelsprung« | ISBN 978-3-442-48542-0 | 384 Seiten | 9,99€ (D)