Leseprobe »SenseNet liebt dich!«

01> Club Blue

Die Stroboskope tauchten die Tanzfläche in den erratischen Schein zuckender Laserstrahlen, während der DJ die Bässe der Quarz-Lautsprecher so richtig zum Dröhnen brachte. In dem Club, der nach akustischen Gesichtspunkten konstruiert war, verstärkte sich der Ton noch zusätzlich, je weiter man ins Zentrum trat. Am Rand, wo sich die Bar befand, blieb von den sich hektisch durch die unteren Tonlagen windenden Melodien häufig nur noch die Bassline übrig, die sich in den Eingeweiden festsetzte und für ein unterschwelliges Vibrieren im Beckenboden der Gäste sorgte.

Maya, in der linken Hand einen giftgrünen Cocktail, der ein sanftes Glühen abgab, die rechte locker in die Tasche der Anzughose gesteckt, zirkelte durch den Raum. Sie war auf der Jagd, Geronimo Divine, ihr Alter Ego, war auf der Jagd. SenseNet übertrug das sanfte Hintergrundrauschen der Mini Pulses, die aus dem Club abgesetzt wurden, und ließ die vielen kleinen Textschnipsel, Videos und Fotos durch ihr Blickfeld huschen. Ihr war nach einem Abenteuer, und eine der Ladies hier in dem Raum oder draußen in den angrenzenden Etablissements würde heute Nacht das Vergnügen haben, das Bett mit ihr teilen zu dürfen. Es half immer ein wenig, schon im Voraus abzustecken, wer sich besonders als Eroberung eignete, und Social Engineering im SenseNet war ein elementarer Teil ihrer Masche.

Die Mehrheit der Gäste war ganz normales Romy Folk, eine homogene Mischung aller Gesellschaftsschichten, die man zu dieser Tageszeit in einem Club antreffen konnte. Viele der Frauen waren mit ihrem Partner oder Freund hier, und die schieden bereits von vorneherein aus, denn Mayas Spiel fußte nicht darauf, einem Loser seinen Input auszuspannen. Ihr ging es um jene Frauen, die tatsächlich auf ein Abenteuer aus waren, einen One Night Stand wollten, aber trotzdem drauf standen, erobert zu werden. Nur für sie wurde Maya zu dem smarten Gentleman Geronimo Divine, für den es ganz natürlich war, eine Dame zu hofieren und ihr das Gefühl zu geben, dass es nur um sie ging. Schließlich musste sie ihr Ziel nur genauso behandeln, wie sie selbst behandelt zu werden erwartete.

Ein paar der anwesenden Frauen waren echte Celebrities, Life Streamer, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienten, ihr gesamtes Leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen über das SenseNet zu übertragen. Einerseits war das eine unglaublich profane Angelegenheit, und die meisten Fans schalteten nur wegen der mehr oder weniger ausgeprägten sekundären Geschlechtsmerkmale der Protagonistinnen ein. Auf der anderen Seite war das für diese Möglichkeit benötigte Upgrade ihres Adapters auf SenseNet+ (oder SenPro, wie die meisten Menschen das Upgrade nannten) durchaus auch aus anderen Gründen reizvoll, denn es ermöglichte einen noch viel direkteren, schnelleren und vor allem werbefreien Zugriff auf das SenseNet. Man fühlte sich damit nicht einfach nur sinnlich, man fühlte sich übersinnlich. Sei‘s drum – auch diese sogenannten Prominenten waren Maya egal. Diese Sterne hingen in viel höheren Wolken als Sol von hier entfernt war, das Sonnensystem und die Wiege der Menschheit.

Es gab wirklich gute Gründe, das SenseNet zu lieben. Es umspannte die gesamte Expansion, die von Sol ausgehend ungefähr dreihundert Lichtjahre ins All hinaus reichte. Die Einführung des Adapters, der jedem Menschen bei der Empfängnis eingesetzt wurde und mit diesem zu einer Einheit verschmolz, hatte die Menschheit endlich geeint. Durch dieses neue Bewusstsein von Gemeinschaft, dieses Wissens, ein Teil von etwas großem zu sein, war die Kriminalitätsrate innerhalb weniger Monate fast auf den Nullpunkt gefallen. Das war der Startschuss gewesen für eine kulturelle und technologische Entwicklung, wie sie die menschliche Rasse in ihrer gesamten Geschichte nicht erlebt hatte. Grenzen fielen, und man arbeitete geeint daran, den Planeten Erde zu verlassen, über die Notwendigkeit von Arbeit und Geld hinaus zu wachsen, Krankheiten, Hunger, Armut und Hass zu überwinden und das Leben für alle, die in das SenseNet eingeklinkt waren, besser zu machen. Mittlerweile profitierten 22 Milliarden Menschen von den Vorteilen und der Sicherheit, die das System ihnen bot, und die Zahl – und mit ihr die Entwicklung von Wissenschaft, Kunst und Kultur – wuchs beständig weiter.

Um die wenigen Menschen, die tatsächlich noch Ambitionen hatten, gegen die Gesetze zu verstoßen, kümmerten sich die beiden staatlichen Institutionen SecTac und MedicAid. Wurde ein Mensch auffällig, schlug der Adapter Alarm, und die zuständigen Behörden nahmen sich die fragliche Person zur Brust, um zu ergründen, ob sich mit Therapie und Medikation etwas an dem Problem tun ließ. Die meisten konnten ein normales Leben führen. Weggesperrt wurde kaum noch jemand. Und selbst diesen unglücklichen Seelen bot der Adapter eine Möglichkeit, ihrer räumlichen Isolation zum Trotz am sozialen Leben teilzuhaben.

Diese Automatismen betrafen auch vor allem psycho- und soziopathische Störungen. Kleinere Gaunereien konnte man durchaus noch durchziehen, ohne das automatisierte System zu triggern. Wenn man sich nicht erwischen ließ, war so ein abwechslungsreiches und erträgliches Leben möglich – und Maya hielt große Stücke darauf, noch nie erwischt worden zu sein.

Und in die Träume konnte SenseNet dann bei allem Fortschritt auch immer noch nicht hineinsehen – ein Fakt, mit dem auch die Life Streamer nicht sehr glücklich waren, denn weniger Sendezeit bedeutete auch weniger Einnahmen durch geschaltete Werbung.

Maya war in der Zwischenzeit eine der aus papierdünnem Plexiglas gefertigten Treppen zur Empore hinauf flaniert, die den gesamten Raum in etwa vier Metern Höhe einfasste. Laser erzeugten in den Stufen intelligente Lichtspiele, die auf die Besucher reagierten und über eine SenseNet API ihre letzten Mini Pulses und Fotos neben ihre als Schatten zurückbleibenden Fußabdrücke zeichneten. Dazwischen immer wieder Miffys Gesicht, das Mädchen, das mit jedem befreundet war und das magische Mantra wisperte: „SenseNet liebt dich.“ Das Verb war durch ein Icon ersetzt, einen stilisierten Chip inmitten eines Geflechts aus Schaltkreisen mit einem Herzen auf der Oberfläche.

Von der Galerie führten mehrere Türen auf einen das Gebäude umspannenden Balkon hinaus. Dieser bot einen atemberaubenden Blick auf City 17, wie diese Siedlung bei ihrer Gründung wenig einfallsreich genannt worden war. Der Club lag hoch über der Stadt, und überall in der Nähe der ebenfalls aus Plexiglas gestalteten Balustrade, die Besucher vor einem Sturz in die Tiefe schützte, hielten sich intelligente Drohnen auf, die all diejenigen auffingen, denen es trotz der Sicherheitsvorkehrungen gelang, darüber zu klettern. Und das kam, wenn Alkohol und unerfahrene Teens, die ihr Limit nicht kannten, zusammentrafen, leider immer wieder einmal vor.

Maya trat in die Nacht hinaus. Die Luft war angenehm mild und angefüllt mit einem lieblichen Hauch von Vanille. Die Aromaten, die überall in den habitablen Zonen von 51-Andromedae c angetroffen werden konnten, waren ein für diesen Exoplaneten typisches Nebenprodukt des Terraformings, das immer noch im vollen Gange war. Trotzdem hatte das Gouvernement bereits eine weitestgehend autarke Lebensweise auf dem Planeten erreicht. Unsummen waren in die Infrastruktur der zwanzig großen Städte geflossen, um diese zu pulsierenden Metropolen für aufstrebende Startups und aufregende Trendsetter gleichermaßen auszubauen. Knapp über dreißig Millionen Menschen lebten, arbeiteten und feierten in den mit pechschwarzem Glas verkleideten Wolkenkratzern, die sich glitzernd in den stets mit Wolkenschleiern überzogenen Himmel reckten. Die Stadt war ebenfalls von einer künstlichen Intelligenz nach Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit entworfen worden, und so war jede der hoch aufragenden Säulen mit ihren Wohnungen und Geschäften, Büros und Vergnügungsvierteln gleichzeitig auch eine photovoltaische Anlage, die die größtmögliche Menge Energie aus der Strahlung des Klasse K3-III Sterns zu gewinnen in der Lage war. Nachts erstrahlte die Stadt hingegen im Schein unzähliger Lichtquellen. Der Anblick war, zumal auf der Galerie des in schwindelnder Höhe angesiedelten Club Blue, immer wieder atemberaubend, ein schillerndes Lichtermeer, das, alten Sirenengesängen gleich, Verlockung und Erfüllung wildester Phantasien verhieß.

Maya ließ ihren Blick über das anwesende City 17-Volk schweifen. Auf dem Balkon hielten sich vornehmlich Pärchen auf, die in der warmen Nachtluft einander ihre niemals endende Liebe gestanden. Das war natürlich Blödsinn, wie Maya wusste, schließlich war nicht einmal das Universum für die Ewigkeit gemacht, und so manches im Rausch der Vanille und der exotischen Cocktails gemachte Liebesversprechen fand bald ein jähes Ende. Nicht jedoch bei ihr, denn ihr ging es gar nicht um eine feste Beziehung, sondern um den Reiz der Eroberung, das Hochgefühl, wenn das Ziel ihrer aktuellen Begierde neben ihr im Bett lag und sich eingestand, dass Frauen manchmal doch die besseren Liebhaber waren.

Und heute schien sich zunehmend abzuzeichnen, dass das Ziel ihrer Begierde schwarze Haare haben würde. Sie lehnte alleine an der gläsernen Balustrade und blickte in das bunte Schimmern hinab. Sie war ein bisschen größer als Maya und hatte eine schlanke Statur, die von ihrem vorteilhaft geschnittenen Hosenanzug noch unterstrichen wurde. Über die schmalen Schultern trug sie ein winziges Jackett aus einem silbernen High-Tech-Gewebe, wie es wohl bei EVA-Panzern Verwendung fand. Maya gönnte sich einen Blick auf das Profil der Schönheit – alles an ihr schien auf entrückende Weise zu schmollen.

Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Volltreffer.

Sie stellte den Cocktail auf einen metallenen Tisch und trat an die Seite ihres Ziels, wobei sie sich lässig auf den Handlauf der Balustrade lehnte. Eine Weile stand sie nur schweigend dort und warf ihrer Nachbarin bewusst offensichtlich „verborgene“ Blicke zu. Das gehörte zum Spiel dazu. Dann sagte sie: „Mir gefällt, was du mit deinem Gesicht gemacht hast, Milady. Dein Lippenstift, das ist Rose Peaches aus der Herbstkollektion von Chevalier, nicht wahr?“

Die junge Frau schenkte ihr einen langen Blick aus den künstlichsten aquamarinfarbenen Augen, die Maya jemals gesehen hatte. Ihr Gesicht war nicht perfekt, es wies eine gewisse Asymmetrie auf, genau wie sie es mochte. Sie musterte Maya, dann stahl sich die Vorahnung eines Lächelns auf ihre vollen Lippen. „Das ist richtig“, sagte sie. „Ich kenne nicht viele Männer, die den Lippenstift einer Frau mit nur einem Blick erkennen. Gutaussehende Gentlemen wie du sind selten geworden.“ Sie streckte ihre Hand aus. „Ich bin Marigold, sie.“

„Ich heiße Geronimo, er“, stellte Maya sich vor, wobei sie das zu ihrem Alter Ego passende Pronomen verwendete, und nahm die ihr dargebotene Hand, um einen formvollendeten Handkuss zu vollziehen – die Lippen durften den Handrücken der Dame also nicht berühren. „Es ist eine Schande, dass man solch klassische Frauen wie dich nicht mit mehr Respekt behandelt.“

„Du klingst nicht wie die typische Klientel dieses Clubs.“ Erneut musterte sie Maya. „Bei den meisten da drin muss man froh sein, wenn sie das Klo nicht mit dem Waschbecken verwechseln.“

„Ich mag die Musik und die Ablenkung, die mir der Laden bieten“, erwiderte diese leichthin. „Ablenkung vom Tagesgeschäft. Leider verträgt sich mein Musikgeschmack nur wenig mit meinen geschäftlichen Dingen – ich handele nämlich mit Antiquitäten und Artefakten aus Sol.“ Sie winkte ab. „Aber lass uns diesen perfekten Abend doch nicht mit Gesprächen über unsere Jobs ruinieren. Wir sind hier, um uns zu vergnügen, nicht wahr, Marigold?“

Ehe Marigold antworten konnte, stürzte in nur wenigen Metern Entfernung ein schwarzer Schweber aus dem Himmel. Die vier Turbinen, die dort an dem schnittigen Rumpf angebracht waren, wo ein normales Bodenfahrzeug seine Räder hatte, jaulten und brachten die gläserne Fassade des Hochhauses zum Klirren. Die Scheiben waren verspiegelt, und die diversen Lichter, die an Flugmaschinen zur Sicherung Vorschrift waren, blendeten die beiden Frauen und die anderen Besucher von Club Blue auf höchst unangenehme Weise. Überall um Maya und Marigold herum stürzten die Menschen zur Balustrade, doch der Spuk war schon vorbei und der Schweber im Lichtermeer unter ihren Füßen verschwunden.

„Meine Güte“, sagte Marigold und kicherte leise. „Der hatte es ganz schön eilig.“

„Kommt vielleicht zu spät zu einer Party. Die Sicherheit wird sich um ihn kümmern, sobald er unten ankommt.“ Maya zuckte mit den Schultern. Dann bot sie ihrer Eroberung den Arm an. „Darf ich dich zu einem Drink an der Bar überreden?“

„Ich dachte schon, du würdest überhaupt nicht mehr fragen, G-Man.“


»SenseNet liebt dich!« | ISBN 978-3-7460-3741-7 | 364 Seiten | 12,99€ (D)

Leseprobe »Gefallene Federn«

Die Schriften lehren, dass die Göttin Devana all ihre Kreaturen gleichermaßen liebt: Elfen, Satyre und Zentauren, Feen, Tiere und Pflanzen und ihre Boten, die Angelisken. Über alle Maßen jedoch liebte sie eine ganz besondere Angeliske. Sie hielt diese ihre liebste Botin dicht an ihrer Seite, und nur sie durfte der Einen Göttin nahe sein, sie umsorgen, ihr des Morgens beim Ankleiden helfen, während des Tages an ihrer Seite stehen und des Nachts an ihrem Bette wachen.

Dass Devana eines ihrer Geschöpfe gegenüber allen anderen bevorzugte und ihr mehr Liebe schenkte, erzeugte Neid und Missgunst unter ihren übrigen Kindern. Die Angeliske wurde gemieden und geschnitten, und sie war sehr einsam. Doch sie ließ sich nichts anmerken, denn auch sie liebte ihre Schöpferin über alle Maßen und brachte es nicht über das Herz, ihr die Wahrheit zu sagen.

Sie gewahrten nicht, dass die anderen Geschöpfe sich zusammenschlossen und eine gar grausame Intrige ausheckten, die Angeliske nicht, und auch nicht die Eine Göttin. Doch eines Tages fand Devana ihre liebste Angeliske erschlagen im eigenen Blute vor. Die Kinder ihrer Schöpfung, die sie so geliebt hatte, hatten sich zusammengeschlossen und ihr genommen, was ihr am allerliebsten war.

Sieben Tage und sieben Nächte betrauerte Devana ihre verlorene Tochter. Sie strich ihr durch die güldenen Haare und über die ebenmäßig weißen Federn ihrer gewaltigen Schwingen und vergoss viele Tränen, weil die Schmerzen ihr das Herz zu zerreißen drohten.

Am achten Tage jedoch erhob sich die Eine Göttin, bettete ihre liebste Angeliske in einen Sarg aus feinstem Elfenbein und übergab sie den Flammen, auf dass ihre Spirië Frieden finden möge. Nur eine Feder aus den Schwingen, eine Locke ihres goldenen Haares und eine kleine Menge ihres Blutes behielt die Eine Göttin zu ihrem Andenken. Aus der Feder ließ sie von ihrem besten Künstler eine Schreibfeder fertigen, aus den Haaren erschuf der kunstfertigste Goldschmied des Reiches Zierrat und aus dem Blute gewann ihr bester Alchimist eine prächtige dunkelblaue Tinte. Dann bat Devana den Todesvogel Pandur um Splitter der Spirië und fügte diese der Feder und der Tinte hinzu.

Als die Feder und die Tinte fertiggestellt waren, ließ sie sich ein Blatt des feinsten Pergamentes bringen und stellte den Artefakten eine Frage: „Wer hat umgebracht, die mir am liebsten von all meinen Kindern war?“

Die Feder antwortete: „Ihr wart es, geliebte Göttin. Denn Ihr habt den Neid geschaffen und so den Hass in die Schöpfung gebracht.“

Da schleuderte Devana die Feder und die Tinte auf Myrrah hinab und weinte viele Nächte um die, die ihr am liebsten gewesen, aber auch um ihre Schöpfung, die sie durch ihre Liebe verdorben hatte.

Das Artefakt jedoch, geschaffen aus dem geschundenen Leib der Angeliske, ist heute noch als die Drei Schwestern der Wahrheit bekannt, und jedem, der reinen Herzens ist, beantworten sie alle Fragen wahrheitsgemäß.


»Gefallene Federn« | ISBN 978-3-7460-4440-8 | 356 Seiten | 12,99€ (D)

Leseprobe »Scherbenschwingen«

Mittwoch, später Abend
Eine Gasse hinter dem Hauptbahnhof

Der Himmel war mit bleigrauen Wolken überzogen, die von Sturmböen nach Osten getrieben wurden. Nieselregen hatte die Straßen hinter dem Bahnhof mit einem dünnen Film aus Wasser überzogen, in dem sich die Neonleuchtreklamen spiegelten. Von der Hauptstraße am Ende des Blocks drang gedämpfter Straßenlärm in die Seitengasse. Die Gasse wurde auf der einen Straßenseite durch den hohen, gemauerten Bahndamm mit seinen Rundbögen aus den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begrenzt, während sich auf der anderen Straßenseite alte Mehrfamilienhäuser aus der Nachkriegszeit in den dunklen Himmel reckten, der Putz von den Abgasen der Stadt nahezu schwarz und die meisten Fenster tot und vom Schmutz blind oder mit Holzbohlen verschalt. Die Straßenränder waren zugeparkt mit alten, verbeulten PKW aus dem letzten Jahrtausend. Unrat stapelte sich an den Wänden und wurde durch den Sauren Regen langsam zu einer homogenen, muffigen Masse umgeformt, in der Ratten und anderes Ungeziefer ein neues Zuhause fanden.

„Scheißkalt“, sagte Noir und trat von einem Fuß auf den anderen. Ihre Absätze erzeugten auf den gesprungenen Gehwegplatten ein rhythmisches Tack-Tack-Tack.

„Kann ich mir denken. Deine Latexklamotten sehen auch nicht gerade warm aus.“ Marik steckte sich eine Zigarette an. Für einen kurzen Augenblick erhellte das Zippo in seiner Hand seine Gesichtszüge und ließ die tiefen Falten lange Schatten werfen. „Wieso hast du eigentlich deinen gefütterten Mantel nicht übergezogen?“

„Leck mich.“ Noir lehnte sich an eine Hausmauer. „Mache ich dir ständig Vorwürfe, dass du mit deinen Kippen meine Klamotten vollquartzt?“ Sie ging in die Hocke und wippte auf den Spitzen ihrer Ballettstiefel. „Scheiße, wieso müssen unsere Auftraggeber uns immer bei diesem Wetter vor die Tür bestellen? Wie lange noch?“

„Viertelstunde.“ Marik blies Rauchkringel in die Nacht. Von den Kanaldeckeln stieg Dampf auf, und es roch nach Fäkalien. Oben auf dem Bahndamm kreischten die Räder eines Güterzugs. „An der Hauptstraße ist ein Stehcafé. Warum gehst du da nicht hin und holst dir ’nen Sojakaffee oder so was?“

Noir stieß sich von der Ziegelmauer ab und wandte sich wortlos in Richtung Hauptstraße. Ihre hohen Absätze zerhackten die wenigen Meter zur Straßenecke. Sie überlegte, einen kurzen Sprint einzulegen, um ihren Kreislauf zusätzlich in Schwung zu bringen, entschied sich aber dagegen. Die Absätze ihrer Stiefel und das vom Regen schlüpfrige Pflaster ergaben eine Kombination, die auch bei normalem Tempo einiges an akrobatischem Geschick erforderte.

Das Stehcafé war hell erleuchtet. Klappernd fiel die Tür hinter Noir ins Schloss und sperrte die klamme Kälte der Regennacht aus. Das Café, ein einzelner Raum mit einer hohen Fensterfront zur Hauptstraße und vollgestopft mit Verkaufsautomaten, war leer, abgesehen von einem pickelnden Jüngling, der an einem der Stehtische stand und ihr über den Rand seines Laptops hinweg ungeniert auf die Brüste starrte. Informatikstudent vermutlich. Dieselben Blicke hatte sie immer kassiert, als sie selber noch zur Universität gegangen war. Aber seit sie diesen Körper zu tragen gezwungen war, hatten die Blicke merklich zugenommen.

Der Kaffee, den sie aus dem Automaten zog, war heiß und roch modrig und erdig. Das miese Wetter hatte anscheinend die Sojabohnen verdorben, aus denen die Schweizer Schweine, wie der größte Lebensmittelkonzern Mitteleuropas scherzhaft auf der Straße hieß, ihren Rattenfraß destillierten. Sie nippte an dem Plastikbecher und bereute fast augenblicklich, fünf Euro für diese Brühe ausgegeben zu haben.

Noir konzentrierte ihren Blick auf die kleine Uhr, die in das rechte untere Blickfeld ihrer Retina implantiert war. Sie hatte noch ein paar Minuten, ehe Marik sie rufen würde, weil ihr Kontakt auftauchte. Vielleicht konnte sie die Zeit nutzen und ihre Neugierde in Bezug auf den Studenten befriedigen, der sie schon wieder unauffällig über den Rand seines Laptops musterte.

Sie trat erneut an einen der Automaten und tat so, als würde sie interessiert die allgemeinen Geschäftsbedingungen studieren. Stattdessen verband sie ihr tragbares Cyberdeck mit ihrem Gehirn und nutzte den Wartungszugang des Automaten, um Zugriff auf das Netzwerk des Stehcafés zu erhalten. Die digitale Sicherheit war abysmal, die Betreiber hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, das Standard-Passwort für den Administratorzugriff des Automaten zu ändern. Das hatten offenbar auch schon andere Möchtegern-Hacker festgestellt, denn der Speicher der Maschine war mit digitalen Graffiti vollgestopft.

Als erstes holte sie ihre fünf Euro zurück – dieser synthetische Dreck rechtfertigte nicht, dass man dafür auch noch zahlte -, dann verband sie sich mit dem öffentlichen Router und suchte nach der Verbindung, die der junge Mann mit seinem Rechner aufgebaut hatte. Das war nicht weiter schwer, denn er hatte sich eine Hostmaske in Leet Speech verpasst. Er hatte mehrere Verbindungen geöffnet, unter anderem zu den Servern der städtischen Universität, und sein Monitor zeigte die Eingabemaske einer Programmiersprache. Die Befehle deuteten darauf hin, dass er an einem Net-Programm arbeitete, während in einem kleinen Bildausschnitt eine Serie gestreamt wurde.

Noir kopierte den gesamten Code in den Cache ihres Decks und überflog ihn. Erstaunt stellte sie fest, dass Teile davon auf einem theoretischen Paper basierten, das sie selbst geschrieben hatte. Der Typ bastelte eindeutig an einem Wurm, der in implantierten neuralen Interfaces die Hintertür für alle möglichen Sauereien öffnen konnte, von denen unerwünschte Werbeeinblendungen im Sichtfeld des Opfers noch die harmlosesten waren. Eine kurze Suche in seinem Posteingang förderte Mails zutage, denen zufolge er dafür bezahlt wurde, diesen Code zu schreiben. Andere finanzierten ihr Studium, indem sie mit Drogen dealten. Dieses Exemplar des gemeinen Studenten bastelte offenbar maliziösen Code gegen harte Euros.

Das Spiel konnte man aber auch zu zweit spielen. Und sie gehörte zur Profi-Liga. Zuerst deaktivierte sie seine Sicherheitsrichtlinien, dann injizierte sie ihre eigene Hintertür in seinem System, sodass sie auf der Ebene unter seinem Administrator-Konto auf den Rechner zugreifen konnte. Nun brauchte sie nur noch einige Speicheraufrufe, die während des Bootens abgearbeitet wurden, in besonders düstere Ecken des Nets verbiegen, und beim nächsten Start würde sein Laptop – und mit diesem seine gesamte Arbeit inklusive der Unterlagen für die Uni – in Rauch aufgehen. Seinen Cloud-Speicher kündigte sie mit einer simplen Mail, die sie in seinem Namen abschickte und legte zur Sicherheit noch ein paar Gigabyte anonymer Abuse-Meldungen an seinen Anbieter oben drauf. Damit waren auch eventuelle Backups seiner Arbeiten für immer verloren.

Sie wollte dem jungen Burschen gerade den Fangschuss verpassen, als ein Piepsen an ihrer Schläfenbasis sie unterbrach.

„Noir. Schmidt kommt.“

Noir schloss ihre Verbindung mit einem Neustart-Befehl an den Rechner des Studenten, griff den Becher mit dem Biomüll, den jemand fälschlicherweise als Kaffee etikettiert hatte und trabte los. Bedauerlicherweise würde sie die Reaktion des jungen Knaben nicht mehr mitbekommen, wenn er feststellte, dass sein Rechner Schrott war – Marik konnte einem jeden Spaß verderben.

Marik starrte in die Dunkelheit. Einige der Straßenlaternen in der Gasse hatten schon lange ihren Dienst versagt. Seine künstlichen Augen tauchten das Umfeld in den typischen grünen Schimmer elektronischer Lichtverstärkung, während der taktische Prozessor in seinem Kopf ständig Daten und Diagramme durch sein Blickfeld laufen ließ. Seine hochgezüchteten Sinne hatten ihm auch gemeldet, dass sich Noir auf dem Weg zu ihm befand, noch bevor die Tür des Stehcafés wieder zugefallen war. Das charakteristische Geräusch ihrer Schritte war ihm so vertraut wie kaum ein zweites.

Schmidt fuhr einen altersschwachen Mercedes C130, dessen Farbe irgendwo zwischen staubgrau und rostbraun lag. Der linke Scheinwerfer war zerbrochen, und der Kompressor hatte anscheinend auch schon bessere Zeiten gesehen. Es tat Marik in der Seele weh, zu sehen, wie sehr man das Fahrzeug misshandelt hatte.

Noir erreichte Marik noch vor dem Wagen. Angewidert schleuderte sie die Reste ihres Sojakaffees in einen Müllberg. Der Plastikbecher zerplatzte und überzog die Müllsäcke mit einer dünnen braunschwarzen Schicht. Sie gesellte sich zu ihrem Partner und beobachtete, wie Schmidt den Mercedes regelwidrig direkt unter einem Halteverbotsschild parkte und ausstieg.

Ihr Auftraggeber erinnerte Marik eher an einen heruntergekommenen Privatdetektiv im Stil von Perry Mason. Langer, schlammfarbener Mantel, Schlapphut, knittrige Hose, ausgelatschte Schuhe. Der Geruch nach billigem Rasierwasser ging von ihm aus. Nur der Metallkoffer, den er mit einer Kette an seinem rechten Handgelenk befestigt hatte, zeugte davon, dass hinter der Fassade mehr steckte als das, was der Mann offen zur Schau stellte. Noir musste grinsen. Irgendwie verrieten sich die Konzernsklaven doch immer.

„Herr Schmidt?“, fragte Marik.

„Ja. Ich nehme an, Sie sind Herr Marik, und dies -“ Schmidt musterte Noir, aber was er dachte, blieb im Schatten seines Huts verborgen. Sie hätte gerne gesehen, ob er genauso reagierte wie die meisten Männer, die das erste Mal mit ihr zu tun bekamen. „- dürfte Fräulein Noir sein.“ Noir verschränkte die Arme und nickte. „Dann lassen Sie mich zur Sache kommen.“ Schmidt zog ein zerknautschtes Zigarettenpäckchen aus der Tasche, schlug eine Zigarette heraus und steckte sie in den Mund. Marik bot ihm mit dem Zippo Feuer an. Noir an seiner Seite rümpfte die Nase und schnaubte leise.

„Worum geht es?“ erkundigte sich ihr Partner.

„Unsere Außendienst-Mitarbeiter haben aus dem Besitz eines unserer Klienten ein Objekt geborgen, das in der Abteilung F&E der Firma, die ich repräsentiere, für einiges an Aufregung gesorgt hat. Der Auftrag wird sich im Großen und Ganzen darum drehen, dass Sie uns zusätzliche Informationen über besagtes Objekt besorgen. Wir wissen nichts über den Ursprung und möchten nicht zu offen darüber spekulieren. Die Konkurrenz schläft nicht.“

„Über welche Summe reden wir?“ Marik hatte sich ebenfalls eine Kippe angezündet und das Zippo in seinem Ledermantel verstaut.

„Eine halbe Million Euro für Sie beide, 100 000 Euro pro Kopf als Anzahlung.“

„Das scheint Ihrer Firma recht wichtig zu sein.“ Marik blickte kurz zu Noir, die kaum merklich nickte. „In Ordnung, Herr Schmidt. Sie haben ein Team. Erzählen Sie uns ein paar Details.“ Schmidt antwortete nicht sondern hob den Koffer hoch, ließ die Schlösser aufschnappen und öffnete den Deckel. Dann drehte er den Koffer so, dass Marik und Noir den Inhalt sehen konnten. „Sieht für mich aus wie ein Gelenk aus einem Cyberarm“, kommentierte Marik.

„Das war auch der erste Gedanke meiner Auftraggeber“, nickte Schmidt. „Was sie allerdings beunruhigt, ist die vergleichsweise fortschrittliche Art der Konstruktion. Dieses unscheinbare Werkstück enthält neben den üblichen Kompositmetallen und Legierungen auch organische Komponenten. Diese wurden mit einer Kunstfertigkeit eingebracht und zu einem Hybridgelenk verbunden, von der unsere Wissenschaftler annehmen, dass wir sie frühestens in zehn Jahren erreichen werden.“ Er unterbrach sich. „Entschuldigen Sie, wenn ich nicht weiter ins Detail gehen darf. Aber die Sache wurde seitens meines Auftraggebers mit höchster Geheimhaltung eingestuft. Ich glaube auch nicht, dass es in Ihrem Sinne ist, wenn ich Sie mit weiteren technischen Details langweile.“

„Ein paar Details werden Sie uns schon noch mitteilen müssen“, erwiderte Marik neutral.

„Selbstverständlich.“ Schmidt nickte. Der Koffer auf seinen Armen zitterte leicht, als sei der Mann es nicht gewöhnt, schwere Lasten zu tragen. „Sie werden verstehen, dass wir wissen möchten, welcher unserer Konkurrenten uns hier derart übertrumpft. Bringen Sie den Hersteller dieses Stücks in Erfahrung und beschaffen Sie uns Forschungsunterlagen. Oder vernichten Sie alle Forschungsergebnisse, die Sie finden, wenn dies Ihrer Einschätzung nach einfacher ist.“

„Von wem wurde Ihnen dieses Stück zugespielt?“, fragte Noir.

„Wir haben es bei einer Wohnungsräumung im Hafenbezirk gefunden. Der ehemalige Wohnungseigentümer war ein gewisser Gordo Ramirez. Er war… Nehmen wir der Einfachheit halber an, er war mit den Mietzahlungen im Rückstand. Unsere Inkassoabteilung hat ihn mehrfach nicht angetroffen, darum haben wir seine Wohnung geräumt und seinen Besitz gepfändet. Möglicherweise finden Sie über Ramirez heraus, woher dieses Stück kommt.“

„Wohnungsauflösung?“, wiederholte Marik, bohrte aber nicht näher nach. „Die Adresse haben Sie aber, nehme ich an.“

Schmidt nickte. Dann schloss er den Koffer und nahm ihn wieder in die linke Hand, während er mit der Rechten in die Tasche seines Mantels tauchte. Er brauchte einen Moment, um einen gerollten Streifen Folienpapier hervorzuziehen und ihn Marik zu überreichen. „Das Mietshaus finden Sie im Hafenviertel. Meine Auftraggeber sind zu der Ansicht gekommen, dass Herr Ramirez möglicherweise versucht hat, das Gelenk zu verkaufen, um seine Mietschulden tilgen zu können.“

„Wenn das für den Auftrag von Relevanz ist, werden wir die Informationen prüfen und verfolgen“, sagte Marik. „Können Sie uns sonst noch etwas zu Herrn Ramirez sagen?“

Schmidt schüttelte den Kopf. „Ich bedauere, aber das war alles. Unsere Ressourcen sind begrenzt. Deswegen greifen wir in diesem Fall mit Ihrer Beauftragung auch auf externe Sachverständige zurück.“

„Ich verstehe.“ Marik warf die heruntergebrannte Zigarette auf den feuchten Asphalt und drückte sie mit der Spitze seines Kampfstiefels aus. „Wie erreichen wir Sie?“

„Meine Auftraggeber werden wissen, wenn Sie den Auftrag zu unserer vollen Zufriedenheit erfüllt haben. Ich werde dann wieder Kontakt zu Ihnen oder Ihrer Partnerin aufnehmen.“ Schmidt überreichte Marik zwei Geldchips, die dieser in seinen Mantel steckte. „200 000 Euro Anzahlung, wie vereinbart.“ Er wandte sich um, hielt aber noch einmal kurz inne. „Eines noch. Subtilität ist bei dieser Aktion von besonderer Wichtigkeit. Sollten Sie versagen, werden wir dafür Sorge tragen, dass Sie die Zusammenhänge Ihrer Tätigkeiten nicht ausplaudern können.“

„Sie haben uns engagiert, weil unser Portfolio sich mit Ihren Anforderungen gedeckt hat, Herr Schmidt“, sagte Marik und legte eine gewisse Schärfe in seine Stimme. „Sie wissen also, dass Sie sich auf unsere Verschwiegenheit verlassen können.“

Schmidt blieb eine Antwort schuldig. Stattdessen stieg er in seinen Wagen, den er unverschlossen hatte stehen lassen, ließ den Motor an und fuhr in die Nacht davon, ohne die beiden Freelancer noch eines Blickes zu würdigen.

„Der gehört nicht zu einem Konzern“, sagte Noir, kaum dass die Rücklichter des Mercedes im Meer der Neonreklamen auf der Hauptstraße untergegangen waren.

„Nein“, erwiderte Marik, „Behörde.“ Er schlug eine weitere Zigarette aus dem Päckchen und steckte sie in den Mund. Das Zippo flackerte auf. „Ich hasse es, für den Staat zu arbeiten.“

Noir legte die Hände hinter dem Rücken ineinander und nickte. „Das wird ein böses Ende nehmen.“ Sie grinste. „Gefällt mir.“


»Scherbenschwingen« | ISBN 978-3-7460-5651-7 | 424 Seiten | 14,99€ (D)