Briefe aus Japan, Tag 13 (und ein bisschen 14)

Minako Ohaaaaaa~you, Minato-ku!

Umeko Und auch von mir ein herzliches Willkommen vom 13. und letzten Tag unserer Reise nach Japan.

Minako Traditionell ist der letzte Tag ja in Sachen Sehenswürdigkeiten eher ruhig. Die beiden Menschlinge, auf die wir acht geben, nutzen die Zeit in der Regel, um ein letztes Mal shoppen zu gehen.

Umeko Es ist allerdings noch etwas früh, also nehmen wir einen kurzen Umweg in Kauf und fahren mit der Asakusa Line von Daimon (A09) nach Asakusabashi (A16).

Minako Während wir im Untergrund waren, ist der Regen wieder von leichtem Niesel zu einem waschechten Wolkenbruch geworden. Da macht es einfach keinen Spaß, sich den Asakusakannon mehr als aus der Entfernung, aus dem neuen Besucherzentrum des Viertels anzusehen.

Die Spitze des Sky Tree Tower verschwindet ebenfalls in den Wolken. Es wird ein furchtbar unangenehmer Tag werden, fürchte ich.

Umeko Das Besucherzentrum ist übrigens einen Blick wert, falls man Asakusa besucht und sich erst einmal einen Überblick verschaffen will, auf welchem Wege man sich die historisch bedeutsamen Orte ansehen kann.

Minako Machen wir bei dem Wetter aber hoffentlich nicht.

Umeko Nein, keine Angst, es ist einfach viel zu nass für längere Wanderungen. Ich wollte mir das Informationszentrum nur mal ansehen. Man kann hier übrigens, wenn man keinen Daten-Plan für das Mobiltelefon hat, auch über öffentliche Internet-Kioske auf seine E-Mails zugreifen.

Minako Herrin hat die Dinger versehentlich gehackt beim Rumspielen. Besser wir verschwinden hier.

Umeko Dann fahren wir jetzt mit der Asakusa Line weiter nach Asakusa (A18), von dort mit der Ginza Line nach Ueno (G16) und dann oberirdisch mit der Yamanote nach Akihabara (JY03).

Minako Puppen shoppen!

? ? ? Entschuldigen Sie, meine Damen …

Pristine … aber ich glaube, wir wurden einander noch nicht vorgestellt. Ich bin Professorin Pristine Lune Doe …

… die Schwester von C. Jane Doe, esq.

C. Jane Das ist korrekt. Ich freue mich, dich zu sehen, Schwesterherz.

Minako Herzlich Willkommen in der Familie, Frau Professor!

Umeko Mittlerweile ist es später Nachmittag, und das Wetter ist unverändert kalt und feucht. Was hältst du davon, wenn wir uns ein letztes Mal an Udon Soba gütlich tun?

Minako Das würde ich fantastisch finden! Ich werde den frittierten Tofu und vor allem den tenpura Tintenfisch vermissen. Ich habe noch niemals in meinem Leben so zarten und milden Tintenfisch gegessen – in der Heimat kriegt man ja dann doch eher panierte Gummireifen, wenn man sich mal an Calamari traut.

Umeko Ich lege meine Hand nicht dafür ins Feuer, dass die Japaner den Tintenfisch nicht industriell verarbeiten, damit das Fleisch so zart wird. Aber ich bin froh, dass du es magst.

Minako Während wir essen und für den Rückflug packen, zeigen wir am Besten die Fotos von der Nachtwanderung am ersten Tag, oder? Sie sind zwar unscharf, und eines ist überhaupt nicht zu gebrauchen, aber vielleicht mag jemand Daimon und Minato bei Nacht sehen?

Umeko Der Tokyo Tower wird ab Oktober immer schon in orangefarbenes Licht getaucht, als Vorbereitung auf die Weihnachts-Saison. Mehr davon gibt’s in unserem Reisebericht von 2015 zu sehen.

Minako Genau. Also geht dort nachschauen, wir gehen jetzt schlafen, denn um fünf ist die Nacht vorbei. Schlaf gut, Ume-chan.

Und schon sind wir wieder in Narita am Flughafen, wo unser Abenteuer vor vierzehn Tagen begann. War aber ja klar: Auf der Autobahn ist noch Nebel und Regen, und hier kriegen wir wolkenlosen Himmel und warme Temperaturen.

Umeko Dann wird es wenigstens ein ruhiger Flug zurück. Was ist dein Fazit, Schatz?

Minako Irgendwie war diesmal der Wurm drin. Die vergangenen Tage waren mehr Abenteuerurlaub als sonst was. Herrin war auch einfach bescheiden vorbereitet.

Umeko Ich hoffe ebenfalls, dass sie daraus Lehren gezogen hat. Das nächste Mal wird dann hoffentlich wieder etwas besser.

Minako Vor allem wünsche ich mir besseres Wetter! Oh… hör, sie rufen den Flug aus. Auf zum Gate, Ume-chan!

Umeko Ihr habt das Flausenhirn gehört. Wir verlassen Japan, aber wir kommen sicher wieder zurück, denn es gibt noch so viel mehr zu entdecken in meiner Heimat! Sayounara, minna!

Minako Ich sitz am Fenster!

Briefe aus Japan, Tag 12

Minako Ohayou, Minato-ku…

Umeko Nanu, was ist denn mit deiner Motivation geschehen?

Minako Ach, ich mag einfach nicht ’ne Stunde im Zug hocken, um mir mehr Züge anzuschauen. Wir waren doch letztes Mal schon in Omiya.

Außerdem ist dann auch noch ausklingende Rush Hour auf der Tokaido zwischen Shimbashi (JT02) und Omiya (JU07), da macht das alles doppelt keinen Spaß.

Umeko Und wenn ich dir eine Überraschung für hinterher verspreche?

Minako Bestechungen funktionieren bei mir nicht.

Was denn für eine Überraschung, Ume-chan?

Umeko Das wirst du dann schon sehen.

Minako Nach dem Andrang an der Kasse hatte ich damit gerechnet, dass hier drin mehr los sein würde.

Umeko Zum einen wurde das Museum seit dem letzten Mal umgebaut, das Gelände ist weitläufiger und dadurch verläuft sich die Menge etwas. Und zum anderen haben wir einigermaßen schönes Wetter, da sind viele vielleicht eher draußen unterwegs.

Minako Ganz ehrlich? Würd ich jetzt auch lieber machen.

Umeko Dabei gibt es ein paar interessante Dinge über das japanische Eisenbahnwesen zu sagen. Wie die meisten Länder mussten nämlich auch die Japaner ihr erstes Rollmaterial aus den USA oder Großbritannien kaufen, was man auch an der Optik der frühen Züge merkt. Aber auf Anraten des Briten Edmund Morel bildeten die Japaner schon damals ihr eigenes Personal aus und sicherten dadurch ihre Unabhängigkeit von ausländischen Arbeits- und Fachkräften.

Minako Ich schätze mal, nach der jahrundertelangen Isolation fiel der Vorschlag bei den Verantwortlichen aber eh auf fruchtbaren Boden.

Umeko Damit könntest du Recht haben. Die ersten Fahrzeuge mussten trotzdem gekauft werden, da es in Japan keinerlei Infrastruktur gab. Die erste Strecke führte damals von der Hafenstadt Yokohama ins gerade erst zur neuen Hauptstadt gewordene Tokyo. Der ehemalige Bahnhof, die Old Shinbashi Station, ist heute ein – sehr kleines – Museum.

Minako Hattest du nicht auch erzählt, wie sehr die Tokyo Station vom europäischen Baustil beeinflusst ist?

Umeko Ja, ebenso wie viele der älteren Gebäude im Stadtzentrum. Der Kaiserpalast ist ja auch nur einen Steinwurf entfernt, vergleichsweise zumindest.

Minako Die C57 hatten wir uns letztes Jahr schon angesehen.

Umeko Es gibt in Japan noch zwei Maschinen dieser Bauart, die aktiven Einsatz fahren. Eine gehört JREast und eine JRWest.

Minako Und diese hier ist eine Winter-Bauweise, denn sie hat ein Räumschild und am Führerhaus die Klarsichtschirme.

Umeko Ich bin beeindruckt. Woher weißt du denn so etwas?

Minako Von Herrins Modellbahn. Ihre DE10 ist doch die Winterbauweise aus Hokkaido.

Umeko Die Bauweise mit zwei Zylindern war übrigens eine deutsche Idee. Urpsrünglich gab es einen einzelnen Zylinder zwischen den Rädern. Man sieht hier aber auch, wie kompliziert das Gestänge an Dampflokomotiven war – das ganze Gewirr nennt der Fachmann auch Steuerung, und es erforderte einiges an Übung, beim Rangieren oder im Schnee nicht versehentlich alles zu verbiegen.

Minako Und diese C51 hat sich extra fein gemacht.

Umeko Das liegt daran, dass sie ursprünglich einmal den Zug des tenno gezogen hat. Während der goldenen Epoche der Eisenbahnen war es völlig normal, dass Staatsoberhäupter ihre eigenen Luxus-Züge hatten. Viele von ihnen waren regelrecht vernarrt in die Möglichkeiten der Eisenbahn.

Gestänge gab es übrigens auch später noch, bei Zahnradbahnen wie dieser ED4010 zum Beispiel. In dem Fall verhindert es, dass einzelne Achsen am Hang durchrutschen und erhöht so die Traktion.

Minako Was man auf diesem Detailfoto nicht sehen kann: Die ED4010 ist eine Mehrsystemlok. Sie hat auch einen Stromabnehmer, sodass sie über Oberleitung und Stromschiene versorgt werden kann.

Umeko KiHa 41307 kann auf eine Dienstzeit von immerhin fünfzig Jahren zurückblicken, sie war von 1934 bis 1987 im Dienst. Die Typenbezeichnung gibt Aufschluss darüber, womit wir es hier zu tun haben: Ki ist die Bezeichnung für Fahrzeuge mit Dieselmotor und Ha bezeichnet Züge der dritten und später zweiten Wagenklasse.

Minako Wir haben wieder Front-Embleme.

Umeko Das lässt Rückschlüsse darauf zu, dass diese ED75 im Personenverkehr eingesetzt wurde. Sie ist nämlich das, was man heutzutage eine Mehrzweck-Lok nennt, weil man sie für Personen- und Güterverkehr einsetzen kann. Der Typ kommt noch heute zum Einsatz, insbesondere im Express-Güterverkehr, aber die ursprüngliche Baureihe stammt ja auch erst aus den 1960ern.

Minako Sieht halt aus wie ’ne Box auf Rädern. Von der dreigeteilten Frontscheibe mal abgesehen spüre ich da jetzt nicht viel Charakter.

Umeko Mag ja sein, aber wir können auch nicht jedes Mal den 181 zeigen, oder?

Minako Zeigen nicht. Aber uns angucken.

Schade. Galaxy Express 999 fehlt.

Umeko War vielleicht nur eine Leihgabe.

Minako In Kyoto hatten sie auch wesentlich mehr Embleme in der Ausstellung. Wieso man ausgerechnet die nicht fotografieren durfte… Na ja, Schwamm drüber, diese kleine Auswahl gibt ja auch eine schöne Impression, wieso ich die Embleme so mag und finde, dass sie einem Zug Charakter geben.

Umeko Am südlichen Ende des Geländes ist ein vierstöckiger Mehrzweckbau hinzugekommen, in dem sich das Educational Center für Schulklassen befindet, ein Restaurant, ein Überblick über die Geschichte der Eisenbahnen in Japan und einige Nachbauten von modernen Shinkansen …

Minako – die alle hässlich sind –

Umeko … am nördlichen Ende sind die Bibliothek, ein KiHa11 und eine DD13 dazu gekommen.

Minako Und da sich weder Angestellte noch Kinderscharen hierher verirren, können wir auch endlich mal aus der Tasche raus und unsere Beine strecken. Aber du-hu, Ume-chan? Was ist denn nun die Überraschung fürs Durchhalten?

Umeko Es wäre ja keine Überraschung mehr, wenn ich sie dir verraten würde. Reden wir lieber noch schnell über den anderen Aspekt des Schienenverkehrs: Gütertransport.

Minako Früher gab’s für jeden Mist spezielle Waggons, heute wird das alles mit Containern erledigt, The End.

Umeko Alles klar, ich hab verstanden. Gehen wir auf die Dachterasse und genießen die Sonne und was zu trinken.

Die Sache ist nämlich, dass Eisenbahn sehr viel mehr ist als mit dem Zug von A nach B zu fahren und hinterher über „die scheiß Bundesbahn“ zu nörgeln. Sie sind eine riesige Infrastruktur, die ständigem Wandel und unkontrollierbaren äußeren Einflüssen unterworfen ist. Da man mit einem Zug auch nicht so einfach überholen kann wie mit dem Auto, lösen kleine Störungen oft einen Domino-Effekt im gesamten Netz aus. Und die Fahrgäste sind, wie du von Herrin weißt, auch nicht immer ganz unschuldig, wenn es dann mal nicht weiter geht.

Minako So, und damit hast du jetzt erstmal genug gepredigt. Wir reden jetzt seit drei Urlauben und zwanzig Tagen über nix anderes als darüber, wie toll hier der Nahverkehr im Vergleich zu Deutschland ist. Ich hab Hunger, Ume-chan! Fütter mich, sonst esse ich ein Japanerkind!

Umeko Also gut, du kleine Nervensäge, wir fahren zurück nach Tokyo rein. Aber ein bisschen Geduld musst du noch haben, denn unsere Fahrt endet erst einmal in Oji (JK36), denn hier …

… steigen wir in die letzte noch verbliebene Straßenbahnlinie Tokyos um, die Tokyo Sakura Tram.

Minako Die kostet wirklich dasselbe, ganz egal wie weit man fährt? Ist ja fast wie bei der Randen in Kyoto! Wie weit fahren wir?

Umeko Bis Higashi-Ikebukuro. Von dort gehen wir zu Fuß zur Sunshine City.

Minako Ikebukuro?! Heißt das …?

Umeko Die hast du dir verdient, Schatz. Die Mandelcreme hinterher natürlich auch.

Minako Itadakimasu!

Umeko Und bis morgen, liebe Leser, zum letzten Tag unserer Japanreise.

Minako Schwing keine Reden, hau rein! Sonst ess ich deinen auch!

Briefe aus Japan, Tag 11

Minako Ohaaaaaa~you, Minato-ku!

Umeko Und auch von mir einen guten Morgen zum elften Tag unserer Japan-Reise.

Minako Der Himmel hat sich wieder zugezogen, aber das hält uns nicht auf. Wo fahren wir heute mit der Yamanote hin?

Umeko Erst einmal gar nicht, stattdessen werden wir heute unseren obligatorischen Besuch auf dem Tokyo Tower absolvieren. Und dorthin können wir auch laufen.

Minako Wenn man von der Hamamatsucho Station die Straße zum Tokyo Tower entlang geht, kommt man schon bald an das erste torii des Zojoji Tempels. Die Straße endet dann am Hauptportal.

Umeko Das sangedatsu-mon wurde 1655 errichtet und ist immer noch weitestgehend im urpsrünglichen Zustand, die eigentliche Tempelanlage ist aber deutlich älter und stammt mindestens aus dem 14. Jahrhundert. Nebenbei: mon heißt nichts anderes als Tor, und das torii in der Nähe unseres Hotels gibt dem Stadtteil Daimon seinen Namen: großes Tor.

Minako Über den Friedhof mit den Jizo-Statuen hatten wir ja schon berichtet. Was ist mit der Anlage selbst?

Umeko Sie wurde von der Jodo-shu-Sekte des Buddhismus begründet. Bis auf das sanmon wurden große Teile des Tempels im zweiten Weltkrieg zerstört. Das daimon ist, wie du sicher gesehen hast, ein Nachbau aus Beton. Außerdem wurden Teile der nördlichen Tempelanlage verkauft, sodass das onarimon jetzt außerhalb der Tempelanlage steht.

Auch die Große Halle oder daiden wurde im zweiten Weltkrieg zerstört und erst 1974 wieder neu errichtet. Daher kommen auch hier viele neue Baumaterialien zum Einsatz, allen voran natürlich Beton.

Minako Sonderbar dass man in Kyoto und hier so unterschiedliche Wege beschritt, um die alten Tempelanlagen wiederherzustellen. Ich finde ja, dass der Kinkakuji Tempel deutlich kitschiger und unnatürlicher wirkte, obwohl er weitestgehend originalgetreu wiederhergestellt wurde, während dieser Tempel irgendwie seine Erhabenheit beibehalten konnte. Na ja – liegt vielleicht auch einfach daran, dass ich Gold nicht so wahnsinnig viel abgewinnen kann.

Umeko Der Tokyo Tower wurde übrigens auch renoviert. Alles in Vorbereitung auf Olympia 2020. Apropos, welches der beiden Maskottchen magst du lieber?

Minako Das der Paralympics, glaube ich. Es wirkt viel runder und weicher als das der Olympics.

Umeko Im Erdgeschoss des Turms gibt es jetzt eine Ausstellung zur Geschichte des Viertels und des Tokyo Towers. Am Modell kann man sehen, wie traditionell und altmodisch das Viertel noch aussah, als der Bau begann.

Minako Ich finde ja die Story mit dem Baseball viel witziger. 2011 wurde die Antenne des Turms beim Tohoku-Beben verbogen. Als sie die Antenne dann 2012 austauschten und das Metall zum ersten Mal seit über fünf Jahrzehnten öffneten, fanden sie einen alten Gummiball im Inneren. Keiner weiß, wie der da hin kam oder wer ihn dorthin gepackt hat. Die stellen den Ball auch da vorne aus. Das ist übrigens auch so ein Mysterium: Wieso hat Herrin davon kein Foto gemacht?

Umeko Sollen wir dann hoch fahren?

Minako Auf jeden. Solange es noch nicht wieder regnet.

Sieht aus als hätten wir Glück. Es ist zwar diesig und bewölkt, aber die Sicht ist klar. Man kann bis in die Bucht hinaus gucken. Da startet sogar gerade ein Flugzeug!

Umeko Das kommt aus Haneda. Die Brücke ist übrigens Rainbow Bridge, und im Hintergrund kannst du Odaiba sehen. Sogar die Stahlkugel oben im Gebäude der Fuji Television kann man erkennen.

Minako Die ganze Stadt ist eine einzige Baustelle.

Umeko Tokyo macht sich schön für Olympia. Ich fände es nur schade, wenn dort ein weiterer Wolkenkratzer entsteht. Immer mehr Sichtachsen fallen dem Streben nach Oben zum Opfer.

Minako Glaub ich nicht. Schließlich weiß jedes Kind, dass Wolkenkratzer in Japan unterirdisch gebaut und dann bei Tag hydraulisch nach oben gefahren werden.

Umeko Du guckst entschieden zu viel Anime.

Minako Die Kinder unter den Besuchern aber auch. Schau wie viel Angst sie vor den Glasböden haben.

Umeko Du hast leicht reden, du wiegst ja auch im Vergleich fast nichts.

Minako Ein bisschen mulmig ist mir trotzdem. Dreihundert Meter bleiben eben dreihundert Meter, auch mit starkem Glas und einem Gitter dazwischen.

Umeko Na gut, zurück auf den Boden der Tatsachen mit uns. Genieß einen letzten Blick auf das Dach des Zojoji.

Minako Ganz schön viel Polizeipräsenz hier, und kaum ein Auto unterwegs.

Umeko Heute findet im Viertel ein Marathon statt, der Awareness für Kindesmissbrauch generieren soll. Und da muss natürlich alles ganz besonders sicher sein.

Minako Wohin also als nächstes? Wir fahren ja immer noch nicht mit dem Zug, wie ich feststelle.

Umeko Ganz um die Ecke ist das NHK-Museum. Letztes Mal war es geschlossen, du erinnerst dich?

Minako Fotografieren verboten?

Umeko Leider. Hier gibt es nämlich einige sehr interessante Exponate darüber, welchen Einfluss der Rundfunk auf das alltägliche Leben der Japaner hatte. Der Übergang von ihrer Isolation als Inselnation hin zu der weltoffenen Nation, die nächstes Jahr die Welt zu Gast hat, zieht sich wie ein roter Faden durch unseren Urlaub, und Fernsehen und Radio hatten daran einen nicht unerheblichen Anteil.

Minako Interessant ist es ja auch ohne die Fotografie. Wohin aber als nächstes?

Umeko Jetzt kannst du deinen Pinguin herauskramen. Mit der Hibiya Line geht’s von Kamiyacho (H05) nach Ningyocho (H13). Dort gibt es laut unserer Informantin Hannah einen Castle Licca Store. Den schauen wir uns heute mal an.

Minako Und plötzlich bist du mitten in einem Straßenfest.

Umeko Das hatte ich völlig vergessen. Heute ist das Nihonbashi-Kyobashi. Willst du zuschauen?

Minako Ein bisschen. Erzähl mir derweil doch was über die Gegend.

Umeko Das Viertel hat seinen Namen von der Nihonbashi, dieser Brücke hier über den Sumida. Sie ist – oder eher: war berühmt, weil man von ihr einen Blick auf den Fuji erhaschen konnte. Als im Zuge der Olympiade 1964 der Express Highway darüber gebaut wurde, war es damit natürlich vorbei. Derzeit gibt es aber Pläne, die Autobahn nach den Sommerspielen 2020 unter die Erde zu legen.

Minako Zu den runter gefahrenen Wolkenkratzern eben. Und wie ich die Japaner kenne, würden sie das in zwei Wochen machen, und es wäre erdbebensicher. Aber wohin geht’s als nächstes?

Umeko Von Mitsukoshimae (G12) mit der Ginza Line nach Nihombashi (G11) und dann mit der Tozai Line raus nach Kasai (T17).

Minako Noch ein Eisenbahnmuseum?

Umeko Das Tokyo Metro Museum beschäftigt sich exklusiv mit der Geschichte der U-Bahnen in Tokyo. Während man mit den S-Bahnen nämlich als Tourist sehr viel mehr von der Stadt zu sehen bekommt, sind es die U-Bahnen, die eine größere Netzabdeckung in der Metropole ermöglichen. Nicht von ungefähr sind wir heute fast ausschließlich im Untergrund unterwegs: die meisten unserer Ziele hätten wir mit den Zügen der JR East gar nicht erreicht ohne lange Fußwege.

Minako Also gut, ich lasse mich drauf ein. Erzähl mir was.

Umeko Die Tokyo Metro gibt es im wesentlichen seit 1927 und ist inspiriert von der Londoner Underground. Gegründet wurde sie bereits 1920, damals noch als Tokyo Underground Railway, und der erste Streckenabschnitt war das knapp zwei Kilometer lange Stück zwischen Ueno und Asakusa. Der damals geplante Endbahnhof in Shinbashi nahm 1934 seinen Betrieb auf, und die Linie war so populär, dass manche Reisende bis zu zwei Stunden auf einen Platz in den Zügen der Serie 1000 warteten.

Minako Sieht man ja auch heute noch in der Rush Hour, wenn die Menschen von Angestellten in die Züge gedrückt werden.

Umeko Diese Angestellten heißen oshiya. Die Überlastung ist auch der Grund, wieso die ersten und letzten Waggons in den Zügen heutzutage in den Spitzenzeiten für Frauen reserviert sind: es gab einfach zu viele Übergriffe im Getümmel, und die Frauen fühlten sich nicht mehr sicher.

Minako Es gibt übrigens neben der Tokyo Metro noch eine weitere, „konkurrierende“ Firma, die Toei Subway. Elektronische Tickets wie Suica oder Passmo haben es für die Reisenden aber stark vereinfacht, jedes beliebige Verkehrsmittel zu nutzen und – wie es bei unseren Marketing-Vögeln so schön heißt – die Mobilität zu mischen. Da kann sich Deutschland noch einiges von abschneiden, selbst in den Verkehrsverbünden gibt’s erhebliches Klein-Klein, und die EU-weiten Ausschreibungen auf den Strecken und in den Städten zersplittern unser Netz weiter.

Umeko Das hier kennst du aber auch aus Herrins Job: ein typisches Tunnelprofil.

Minako Ja, nur ein Unterschied ist, dass hier in Japan die Schienenstöße nicht verschweißt sondern verschraubt werden. Ist ja auch sinnvoll – wenn’s zum Erdbeben kommt, sind verschraubte Stöße weniger anfällig für Schienenbruch als verschweißte.

Umeko Der Fachbegriff ist übrigens Dilatation. Und noch ein Effekt der strengen Linientrennung in Japan: Die neueren Linien arbeiten alle mit Oberleitung und fahren auf Kap-Spur, die mit 1.067 Millimeter schmaler ist als die in Deutschland verwendete Normalspur aber dafür kompatibel mit jener bei den S-Bahnen der JR East. Nur Ginza Line und Marunouchi Line nutzen Normalspur …

… und Stromschiene.

Minako Na gut, ich geb’s zu, die Geschichte des Nahverkehrs in Tokyo ist schon interessant. Insbesondere weil man immer wieder darüber stolpert, wie Tradition und Fortschritt hier friedlich ko-existieren, auch nachdem das Land sich zum Westen geöffnet hat. Wie geht’s jetzt aber weiter?

Umeko Wir bleiben im Untergrund. Mit der Tozai Line erst einmal zurück bis Kayabacho (T11) und dann mit der Hibiya Line bis Akihabara (H15). Schließlich müssen wir uns langsam einig darüber werden, wen wir als Andenken adoptieren, wo wir jetzt wissen, dass man Herrins EC-Karte als VISA-Karte missbrauchen kann.

Minako Das heißt dann aber auch, dass wir uns für heute von den Lesern verabschieden werden. Wir sehen uns dann morgen wieder. Wo fahren wir dann hin?

Umeko Nach Omiya.

Minako Mir schwant übles. Bis morgen dann, liebe Leser.

Umeko Sayounara!

Briefe aus Japan, Tag 10

Minako Ohaaaaaa~you, Minato-ku!

Umeko Und auch von mir einen schönen guten Morgen am zehnten Tag unserer Japan-Reise.

Minako Das Wetter ist heute natürlich wieder fantastisch, nachdem es uns in Kyoto beinahe weggespült hat, also werden wir einen zweiten Trip an den Pazifik wagen. Mit der Yamanote geht’s zuerst von Hamamatsucho (JY28) nach Shimbashi (JY29), wo wir in die Yokosuka-Sobu nach Ofuna (JO09) umsteigen. Aber sag mal, Umeko…

Hast du nicht auch das Gefühl, Herrin hat heute irgendwas vergessen vorzubereiten?

Umeko Kann ich mir nicht vorstellen. Sie ist doch immer so gut organisiert.

Minako Na gut. Was hältst du dann davon, wenn wir das schöne Wetter nutzen und uns endlich einmal die Ofuna-Kannon aus der Nähe ansehen? Bisher haben wir sie immer nur von hier unten gesehen, und sie ist doch so prominent.

Umeko Die Kannon gilt im Buddhismus als Friedens-Heilige. Ihr Bau wurde im Jahr 1929 begonnen, aber 1934 musste man die Konstruktion vorübergehend aussetzen. Was genau zu der Unterbrechung führte, ist heute nicht mehr zurückzuverfolgen. Es dauerte bis 1954, ehe die Pläne zum Bau wieder aufgenommen wurden, und erst 1960 wurde die Kannon eingeweiht.

Minako Auf der Rückseite sieht sie übrigens längst nicht so strahlend-weiß aus. Der Wald hinterlässt Spuren.

Umeko Du bist ein Lästermaul. Stattdessen könntest du erwähnen, dass sich im Inneren ein kleiner Schrein befindet – Fotografieren natürlich verboten – und am Hang unterhalb der Ofuna-Kannon-Tempel, der 1961 gebaut wurde, weil sich die Ofuna-Kannon-Gesellschaft auflöste.

Minako Selbst um diese Uhrzeit ist hier oben schon einiges los. Am Fuße der Statue sitzen einige Besucher und malen die Göttin. Im Schrein gab es auch Gemälde.

Umeko Wir werden sie erst einmal verlassen und mit der Shonan Monorail nach Fujisawa fahren. Die Haltestellen wurden in den letzten fünf Jahren renoviert – du kannst jetzt mit der Suica fahren – und in Enoshima gibt es sogar eine Dachterasse, von der aus man den Fuji sehen kann.

Minako Bah. Der versteckt sich doch eh wieder vor uns, der doofe Berg.

Is‘ nicht wahr.

Umeko Ach komm, hör auf zu schmollen. Gehen wir lieber über die Brücke nach Enoshima rüber.

Auf der Insel gibt es zwei shintoistische Schreine und einen buddhistischen Tempel. Wenn man von der Brücke und durch die Einkaufsstraße kommt, geht man geradewegs auf den Hetsunomiya zu. Von hier aus gehen wir gegen den Uhrzeigersinn um die Insel herum.

Teile des Schreins ziehen sich bis weit auf den westlichen Teil der Insel. Rundherum hat sich ein kleines Dorf gebildet, mit zahlreichen Lokalen und Andenkenläden. Der Weg führt hier auch auf die Klippen hinunter, die wir vor fünf Jahren von oben gesehen haben.

Minako Man hat von hier oben einen ganz schönen Ausblick auf das Festland, insbesondere wenn man auf die Sea Candle hinauffährt.

Umeko Der Aussichtsturm war ursprünglich mal ein Leuchtturm, dessen Spitze 120 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Er steht im Samuel Cocking Garden, in dem gegenwärtig das Lichterfest vorbereitet wird. Überall stellen Freiwillige Teelichter auf.

Minako Muss nachts traumhaft aussehen, wenn die alle angezündet werden. Ich drücke ihnen die Daumen, dass sich das Wetter hält. Auch wenn wir uns das Schauspiel nicht anschauen können, ich hoffe trotzdem, dass sie ihr Fest feiern können.

Umeko Die Taifune haben ohnehin einiges an Schäden in den Wäldern der Insel angerichtet. Auch die Höhle unten in den Klippen ist derzeit für den Publikumsverkehr gesperrt. Die hätte ich dir nämlich gerne gezeigt.

Minako Da drüben kann ich Kamakura sehen. Das letzte Mal haben wir vom Strand dort unten hier hinauf fotografiert. Dieses Jahr ist es umgekehrt.

Umeko Den Strand lassen wir heute ohnehin mal außen vor.

Stattdessen schlage ich vor, dass wir ins Enoshima Aquarium gehen.

Minako Ganz schön voll und düster hier. Aber na ja, ist ja auch Samstag. Hoffentlich hält Herrin durch – dunkel, eng und laut ist ja eher nicht so ihr Ding.

Umeko Ich denke mal, spätestens bei den Quallen wird sie wieder aufblühen. Sie mag diese majestätischen Wesen.

Minako Sehen ja auch unglaublich elegant aus, wie sie so durchs Wasser treiben.

Umeko Das Aquarium verdankt seine Existenz auch den Quallen. Aber vor allem ist es Teil der ozeanologischen Forschung in der Sagami-Bucht, angestoßen von der Kaiserlichen Familie. Die Ausstellungen beschäftigen sich mit der Bucht, aber auch mit dem Pazifik im Allgemeinen. Außerdem gibt es Schildkröten, deren Gelege regelmäßig ausgewildert werden, Pinguine, Capybara, Otter und ein Delphinarium.

Minako Das können wir uns aber sparen. Mir tun Delphine in Gefangenschaft immer Leid.

Umeko Dein Wunsch ist mir Befehl. Es gibt ja auch sonst genug zu sehen hier.

Minako Die Wasserschildkröten finde ich zum Beispiel unglaublich faszinierend. Auch dass man sich hier tatsächlich darum bemüht, Nachwuchs zu züchten, der dann ausgewildert werden kann.

Umeko Behalt deine Hände bei dir! Nicht nur Schnappschildkröten können schnappen!

Unter den Schildkröten befindet sich die Ausstellung der Tiefseeforschung. Dort wird auch das Shinkai 2000 ausgestellt, ein Tiefsee-Forschungsschiff.

Minako Ganz schön beengte Verhältnisse in der Konservendose. Kann ich mir gar nicht vorstellen, da drin eingesperrt zu sein, mit tonnenweise Wasser um mich herum. Wenn da was schief geht, dann…

Huch, da war plötzlich der Speicher an der Kamera voll. Komisch, eigentlich sollte die Speicherkarte doch für wenigstens achttausend Bilder reichen!

Umeko Scheint so als hätte dein Bauchgefühl dich nicht getäuscht. Heute früh muss Herrin das Flausenhirn gewesen sein – sie hat vergessen, die Speicherkarte wieder in die Kamera einzulegen!

Minako Schade, eigentlich wollte ich noch Fotos von den niedlichen Ottern machen und den Pinguinen und Robben. Ach, das ist wirklich ärgerlich.

Umeko Der Tag war aber auch ohne die Fotos lang genug, und wir haben noch fast zwei Stunden im Zug vor uns. Also, verschieben wir alle weiteren Foto-Sessions auf morgen.

Minako Ja, na ja, ’s hilft ja nix. Also, bis morgen, liebe Leser!

Briefe aus Japan, Tag 9

Umeko Ohayou gozaimasu, Kyoto.

Minako Und auch von mir ein enthusiastisches Guuuuu~ten Morgen, Kyoto! Auch wenn er so gut gar nicht ist. Japan wurde letzte Nacht vom nächsten Taifun erwischt, und auch hier bei uns regnet es Bindfäden. Ein Glück dass wir trotzdem eher am Rand liegen; die Bilder im Fernsehen sind beängstigend.

Umeko Wir werden natürlich sehr vorsichtig sein, aber trotzdem wollen wir uns ein wenig die älteren Teile der Stadt ansehen, nicht wahr? Von Kyoto Station nehmen wir zunächst die Karasuma bis Shijo, dort steigen wir in die Hankyu Kyoto bis Omiya um…

Minako Nicht zu verwechseln mit dem Omiya nördlich von Tokyo, wo sich ein weiteres Eisenbahnmuseum befindet!

Umeko … um schließlich mit der Randen Tram via Katabirano Tsuri bis Kitano-Hakubaicho zu fahren. Dann noch ein kleiner Fußmarsch…

Minako – bei dem wir wirklich bis auf die Knochen durchweicht wurden –

Umeko… und wir erreichen den Goldenen Pavillon des Kinkakuji Tempel. Die oberen beiden Stockwerke sind mit Blattgold bedeckt, und bei Sonnenschein wird das Licht auf den See reflektiert und verleiht dem Tempel eine besondere Aura.

Minako Der Tempel ist sicher ziemlich alt, oder? Er sieht wie neu aus.

Umeko Traurigerweise zündete ein fehlgeleiteter buddhistischer Mönch die Pagode im Jahr 1950 an. Das Gebäude brannte nieder und wurde fast vollständig zerstört. Obwohl es mittlerweile originalgetreu restauriert wurde, hat es seinen Status als Nationalschatz dadurch natürlich verloren.

Minako Den Besucherströmen tut das aber wohl keinen Abbruch, ebenso wenig wie der Dauerregen. Es ist wirklich rappelvoll hier, Schulkinder und Touristen aus aller Herren Länder treten sich gegenseitig auf die Füße.

Umeko Der Park rund um den Tempel ist ja trotzdem sehr schön.

Minako Ehrlich gesagt mag ich das Licht bei diesem Wetter fast noch lieber. Alles wirkt so weich.

Umeko Wenn man sich etwas Zeit nimmt, findet man auch trotz des Andrangs den einen oder anderen schönen Blickfang.

Minako Trotzdem wird man im wesentlichen nur durch die Anlage hindurch geschoben und macht an drei, vier Punkten seine Pflichtfotos. Ich will ehrlich gesagt gar nicht wissen, wie voll es hier ist, wenn die Sonne scheint.

Umeko Na komm, wir fahren zurück nach Omiya. Hast du übrigens die Stirn-Embleme an den Zügen bemerkt? Wir hatten ja gestern darüber geredet.

Minako Tatsächlich! Aber die Randen ist streng genommen ja ohnehin eine Tram-Linie.

Umeko Sie nehmen auch nur einen Festpreis, egal wie weit man in ihrem Streckennetz fährt. Dass sie überhaupt die Suica akzeptieren, ist ein Wunder. Wir kehren jedenfalls an den Ausgangspunkt zurück und nehmen von dort die Hankyu Kyoto bis Kawaramachi.

Jenseit des Flusses liegt mit Gion eines der ältesten Viertel Kyotos.

Minako Schau dir nur mal all die jungen Frauen in ihren verzierten Yukata an! Und das trotz des Regens, wollen die sich alle eine Lungenentzündung holen?

Umeko Der Regen wird wieder stärker. Wir sollten uns in den Untergrund flüchten; wir haben nämlich noch Zeit für genau eine weitere Station auf unserer Reise. Schade – ich hätte zu gerne gesehen, ob wir tiefer im Viertel eine Maiko sehen. Aber bei diesen ständigen Wolkenbrüchen hat das einfach keinen Sinn.

Minako Wohin also?

Umeko Mit der Keihan bis Fushimi-Inari.

Minako Fushimi-Inari sagt mir was. Das ist doch der Schrein mit den ganzen roten torii im Wald, oder? Der Führer im Edo Museum hatte ihn erwähnt, als er über die Hausschreine sprach.

Umeko Ja, genau. Die Architektur wurde noch stark vom chinesischen Einfluss geprägt. Inari bezeichnet dabei die in diesem Tempel verehrte Gottheit, von dem Inari zu sprechen, ist also streng genommen falsch. Vielmehr gibt Fushimi den Ort an, an dem der Schrein steht.

Minako Auch hier wird man dem Regen zum Trotz fast totgetrampelt von all den Touristen. Aber ich glaube, da vorn im Wald sehe ich bereits die berühmten torii.

Umeko Das ist nur der untere Teil, nahe dem Hauptschrein. Weiter oben geht es noch weiter; die torii ziehen sich hier durch den ganzen Wald.

Wir werden sie aber nicht alle ablaufen, denn auch wenn der Shinkansen nach Tokyo alle fünf Minuten fährt, sollten wir spätestens um halb fünf zurück am Bahnhof sein.

Minako Erzählst du mir noch was über diese Schakal-Statuen, die überall im Wald am Wegrand stehen? Sie erinnern mich die ganze Zeit schon an Anubis.

Umeko Oh, richtig. Das sind Fuchsstatuen. Inari ist die Göttin von Reis, Fruchtbarkeit und der Füchse. Schneeweiße Füchse gelten als ihre Boten. Unsere Leser kennen sie vielleicht auch als kitsune.

Minako Und was ist nun mit den torii? Wieso sind es so viele, und was steht da genau drauf?

Umeko Die torii im Fushimi Inari-Taisha wurden fast alle von Einzelpersonen, Familien oder Firmen gestiftet. Ihre Namen und das Datum der Stiftung sind auf den Säulen des torii eingeschnitzt. Sie erhoffen sich davon Glück und Erfolg in ihren Unternehmungen. Die Allee führt bis hinauf auf den Berg, wo sich dann das Allerheiligste befindet. Ungewöhnlich für einen Shinto-Schrein ist es hier öffentlich einzusehen. Es handelt sich übrigens um einen Spiegel – nur zur Information, weil im Allerheiligsten fotografieren natürlich verboten ist.

Minako Immerhin gehen auch Menschen, die sich nicht gleich ein ganzes torii leisten können, nicht ganz leer aus. Es gibt, wie in jedem Schrein, Talismane und Gebetsstäbchen zu kaufen, die Glück und Gesundheit verheißen. Erstaunlich dass selbst im 21. Jahrhundert in einem so modernen Land wie Japan immer noch Menschen an die alten Götter glauben. Schau, selbst Herrin hat sich einen Kitsune-Talisman gekauft.

Umeko Bei ihr stelle ich allerdings in Frage, dass sie wirklich dran glaubt. Immerhin behandelt sie den Glauben aber mit Respekt. Was aber, denke ich, vor allem daran liegt, dass der Shintoismus niemandem wirklich etwas antut.

Minako Und damit sind wir wieder auf dem Rückweg nach Tokyo. Schade dass uns der Regen den Besuch in dieser faszinierenden Stadt so zunichte gemacht hat, aber im Vergleich zu anderen Regionen in Japan sind wir wirklich glimpflich davon gekommen.

Umeko Der Himmel klart auch auf. Vielleicht bekommen wir morgen also noch einmal einen schönen Tag. Bis wir beim Fuji ankommen, wird es allerdings dunkel sein, den Anblick hätte ich dir sehr gegönnt, Schatz.

Minako Ach, der läuft ja nicht weg, der olle Berg. Irgendwann sehe ich den schon aus der Nähe. Ich freue mich einfach, wenn es morgen trocken und vor allem etwas wärmer wird. Und bis dahin sollten wir uns verabschieden und unser ekibento genießen.

Umeko Ja, du hast recht. Also, bis morgen, liebe Leser, und sayounara!