Eisscherbe

Die Kirschen erblühten vor den Fenstern der Bibliothek und kündeten davon, dass der Frühling in Kaldenbach nördlich der Wolkenstürmerzinnen Einzug gehalten hatte. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel herab und ließ das Eis auf dem nahen See schmelzen. Die milde Witterung markierte den Beginn der Aussaat in unserer kleinen Siedlung im Norden Myrrahs, und so begannen Elfen, Satyre und Zentauren gleichermaßen damit, die Felder vorzubereiten.

Für mich selber galt dies indes nicht. Anders als meine elfischen Brüder und Schwestern nahm ich nicht in dieser Form am gesellschaftlichen Leben teil. Stattdessen traf man mich immer häufiger in der Bücherei des Dorfes an, wo ich meine Studien der elfischen Geschichte vorantrieb. Dass es in den Hallen voller Bücher angenehm kühl war, betrachtete ich als erfreulichen Nebeneffekt.

»Ich habe euch gefunden, Herrin!«, plapperte meine Assistentin, die kindgroße Eisfee Nyssa in die Stille und unterbrach damit meine Lektüre in Eolais Federstolzens ‘Wohlfeilem Brevier für den reisigen Kaufmann und Abenteurer’. Als Eisfee war Nyssa immun gegen die schweren Winter in Kaldenbach, und ihre zierlichen, eisblauen Flügel widerstanden der beißenden Kälte.

»Selbstverständlich«, erwiderte ich und blickte auf, »ich sagte dir doch, dass ich in die Bücherei gehen werde.«

»Sucht ihr immer noch nach dem Grab des elfischen Kriegsherren Svartwulf?« Nyssa blickte mir über die Schulter und versuchte, Eolais’ Handschrift zu entziffern, aber da sie des Zentaurischen nicht fließend mächtig war, verlor sie schnell das Interesse. »Was steht dort?«

»Nicht viel von Nutzen, fürchte ich.« Ich streckte mich und schöpfte Atem. »Die Encyclica Myrraea ist nicht unbedingt das beste Werk für derlei Nachforschungen. Milady Federstolz nimmt jedoch an, dass Svartwulf sein Leben vor zwei Jahrhunderten in der Schlacht um die Eisbruch-Pässe verlor. Sie schreibt von Spuren, die darauf hindeuten, dass er in einem Grab in der Gegend beigesetzt wurde.«

»Vielleicht solltet ihr eure Suche beim alten Rory Trübeblick fortsetzen?«, schlug Nyssa vor. »Er kämpfte Seit an Seit mit Svartwulf, er könnte also genaueres darüber wissen, ob der Kriegsherr nach seinem Tode in seine Heimat verbracht wurde.«

»Meistens weiß Rory nicht einmal, wo sich seine Beinkleider befinden«, entgegnete ich und kratzte mich am Hinterkopf. Dann jedoch nickte ich und schloss Eolais’ Nachschlagewerk. »Du hast Recht. Es wäre kurzsichtig, ihn nicht zu fragen. Seine Informationen mögen fragwürdig sein, doch er ist ein Kriegsheld und kannte Swartwulf.«


Rory Trübeblick lebte in einer winzigen baufälligen Hütte nahe dem Friedhof, für dessen Bewachung er auch vom Stadtrat beschäftigt wurde, wenngleich diese Aussage vielleicht etwas übertrieben anmutete. Dass der Stadtrat ihm Stelle und Gehalt zuteilte, lag vermutlich eher an seinem Status als Kriegsheld denn an tatsächlicher Befähigung.

Als wir bei Rory eintrafen, saß der alte Elf vor seiner Kate auf einer Bank und schmauchte seine Pfeife. Er zwinkerte Nyssa zu, als er unserer gewahr wurde, und begrüßte uns freundlich. »Ah, Milady Kalla Tiefwasser, eure Hoheit. Und natürlich auch euch willkommen, Milady Nyssa. Was führt euch an diesem Tage zum alten Rory?«

»Wir suchen nach Svartwulfs Grab!«, entfuhr es Nyssa freudig erregt, ehe ich auch nur ein Wort sagen konnte.

»Wirklich?« Rory lächelte amüsiert und hob eine Augenbraue.

Ich räusperte mich und ergänzte: »Ihr habt an seiner Seite gekämpft, ist es nicht so?«

»Ich war einer seiner nächsten Vertrauten, das ist wohl wahr, doch ihr könnt mir glauben, dass ich es kaum mit Svartwulf und seiner mächtigen ‘Eisscherbe’ aufnehmen konnte. Das konnte niemand.«

»Eisscherbe?«, bohrte ich nach.

»Sein treues Langschwert«, erklärte Rory. »Fünf Fuß und aus der feinsten Gletscherjade, die man für Geld kaufen kann. Die Klinge war mit Runen in Zentaurim verziert. Magisch sollte sie sein, erzählte man sich. Der Träger verlor niemals einen Kampf. ‘Eisscherbe’ hasste es, zu verlieren. Aber irgendwann mussten die beiden verlieren. Den Tod betrügt man nicht, auch nicht Svartwulf und seine ‘Eisscherbe’.«

»Ich nehme an, man hat ihn mit seiner Waffe beigesetzt?«

»Das wohl.« Der alte Elf nickte und stopfte seine Pfeife mit frischem Tabak. »Niemand hat die beiden je wieder gesehen.«

»Das Schwert muss sehr wertvoll sein, wenn die Klinge aus Gletscherjade ist«, bemerkte Nyssa nachdenklich. Sie hatte Recht: Gletscherjade, jener hellblaue, beinahe transparente Edelstein mit den weißen Wolkenschleier-Einschlüssen, war nur sehr schwer aus den Wolkenstürmerzinnen abzubauen und zu Schmucksteinen zu verarbeiten, und vollständiger Schmuck war sehr kostspielig, ganz zu schweigen von einer vollständigen Klinge. Und es gab noch einen weiteren Grund, an der Legende zu zweifeln.

»Gletscherjade ist auch nicht robust genug, um dauerhaft als Klinge zu dienen«, ergänzte ich. »Wie verhinderte Svartwulf, dass ‘Eisscherbe’ im Gefecht zerbrach?«

»Er hatte ein kleines Schlachtlied, das er vor jedem Kampfe sang«, erwiderte Rory. »Lud damit die Runen auf. Die Klinge begann zu leuchten, wie die Aurora. Beängstigend, das sag ich euch. Wartet, lasst mich überlegen, ob ich das Lied noch zusammen bekomme.« Er summte, und nach einer Weile rezitierte er:

»Pob taith yn dechrau gyda cam cyntaf
Eisscherbe, fy helpu i weld y llwybr
Ddall fy ngelynion gyda tennyn a chrefft
Gyrru i mewn i nos ddiddiwedd
A byddwn yn fuddugol!
«

»Zentaurim?«, fragte ich überrascht. »Svartwulf war doch ein Elf.«

»Und der stärkste, der mir je unterkam. Besiegte mich unzählige Male im Armdrücken.« Rory nickte. »Aber ‘Eisscherbe’ war nicht elfisch. Das Schwert stammte aus einer satyrischen Schmiede, und die Runen waren von einem Zentauren geschnitzt worden. Um die Magie zu aktivieren, musste Svartwulf auf zentaurisch singen.«

»Ich frage mich, wieso wir vergessen haben, wo sein Grab ist«, sagte ich nachdenklich. »Man sollte annehmen, dass wir wissen, wo seine Gebeine liegen, wo er ein solch bedeutender Kriegsheld der Elfen war.«

»Wenn ihr meinen Rat beherzigen mögt, so lasst Svartwulf in Frieden ruhen. Es gibt Geheimnisse, die besser unerforscht bleiben sollten. ‘Eisscherbe’ ist ein solches Ding.« Rory musterte uns mit seinen beinahe blinden Augen. Dann seufzte er. »Ich kenne diesen Blick, Kalla. Ihr habt nicht vor, so schnell aufzugeben.«

Ich zuckte die Schultern. »Ich denke, wir schulden es den Elfen und auch Svartwulf selber, mehr über ihn und unsere Geschichte zu erfahren. Ich bin kein Grabräuber, Rory. Mein Antrieb ist rein dem Wissensdurst geschuldet.«

»Für die eure mag das zutreffen.« Der alte Elf schnaubte, dann erhob er sich mühsam. »Ich habe da möglicherweise ein Erinnerungsstück, das euch bei eurer Suche helfen mag. Wartet hier.«

Er verschwand in seiner Hütte und ließ uns in der Sonne zurück. Deutlich konnten wir hören, wie er im Inneren durch seine Besitztümer wühlte und dabei zweifelsfrei zahllose Erinnerungsstücke an vergangene Heldentage zutage förderte. Als er zurückkehrte, hielt er einen Gegenstand in der Hand, der entfernt an das dreibeinige Stativ eines Apothekarius erinnerte. In der rostfleckigen Plattform jedoch war ein T-förmiges Stück goldenen Stahls eingebettet, dessen vertikaler Teil mit uraltem Hanf und Stoff umwickelt war.

»Hier«, sagte er und überreichte mir das Artefakt. »Svartwulf selbst gab es mir, als wir uns voneinander verabschiedeten. Vielleicht hilft es euch bei eurer Suche.«

Ich nahm das Dreibein entgegen und untersuchte es. Augenblicklich bemerkte ich die in den Rand der Plattform eingeritzten Nummern. Konnte es sich dabei um Koordinaten handeln, zu zu Swartwulfs Grabe gar? »Danke«, sagte ich. »Dies wird uns eine große Hilfe sein.«


Wir packten unsere Siebensachen und sandten nach unserem Freund Alistair Goldpelz. Dem Satyr gehörte ein fliegendes Schiff, eine dæmonische Drakka namens »Kuss des Morgens«. Ich wusste, dass er dem Ruf des Abenteuers niemals widerstehen können würde, und er bestätigte uns auch, dass die Koordinaten auf dem Dreibein sich irgendwo in den Weiten der Eisbruch-Pässe lagen. Binnen einer Stunde waren wir in der Luft und nahmen Kurs auf die Pässe.

Wir überflogen die kargen Steppen, die größtenteils immer noch mit Schnee bedeckt waren. Nur stellenweise war dieser schon geschmolzen und hatte den Grund in tückisches Sumpfland verwandelt.

Ich hatte jedoch keine Augen für die Schönheit der nördlichen Steppen, denn ich kehrte zu meinen Studien zurück, sobald Kaldenbach hinter uns lag. Immer noch versuchte ich, die Bedeutung des Artefaktes zu verstehen – Handelte es sich um einen Schlüssel? Und wenn ja, wofür? – und Svartwulfs Ballade zu übersetzen. Nyssa leistete mir Gesellschaft, stets um Verbesserung ihrer Lesefähigkeiten bemüht.

»Ich glaube, ich hab’s!«, rief ich schließlich nach mehreren Stunden aus. Dann las ich vor:

»Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt
Eisscherbe, hilf mir, den Weg zu sehen
Blende meine Feinde mit List und Tücke
Vertreibe sie in die dunkelste Nacht
Und wir werden siegreich sein.
«

»Das klingt nach einem weiteren Rätsel«, sagte Nyssa nach einer Weile, die Stirn in Falten gelegt. »Nun, wir werden auch dieses lösen, nicht wahr, Herrin?«

»Richtig.« Ich nickte, auch wenn ich mir dessen im Augenblick nicht zu sicher war. Andererseits lösten sich viele Probleme von selber, wenn man erst einmal am Ort des Geheimnisses ankam. »Ich habe noch mehr herausgefunden. Eolais berichtet, dass Svartwulf eine Frau hatte, die Scharlachfarbene Agapa. Die Encyclica listet sie als eine satyrische Schmiedin.«

»Daraus können wir schließen, dass sie etwas über Waffen wusste«, sagte Nyssa. »Glaubt ihr, dass sie auch ‘Eisscherbe’ geschmiedet hat?«

»Das könnte durchaus sein.« Ich zuckte die Schultern. »Der Text ist nicht eindeutig.«

»Es muss sonderbar gewesen sein, mit ihr verheiratet zu sein, als der Krieg gegen die Satyre und Zentauren begann«, sagte die Fee leise. »Ich frage mich, wie Svartwulf sich gefühlt hat.«

Ich nickte. »Da fragt man sich schon, ob vielleicht nicht alle Legenden über den alten Kriegsherren der Wahrheit entsprachen.«

Ein Schatten fiel auf unsere Notizen. Alistair gesellte sich zu uns. »Macht ihr Fortschritte?«

»Ich glaube, wir haben eine Spur«, erwiderte ich, »aber genaues kann ich nicht sagen.«

»Ich verstehe.« Er nickte und schwieg eine Weile. Dann überreichte er mir sein Fernblickrohr. »Wir werden verfolgt.«

»Hier oben, am Himmel?« Ich erhob mich, trat an das Heck der »Kuss des Morgens« und nahm das Fernblickrohr ans Auge. Ich musste etwas suchen, ehe ich unseren Verfolger schließlich fand, ein fliegendes Schiff, das ich nur allzu gut von vorherigen Abenteuern kannte. »Fiend Harradan!«

»Ja.« Alistair nahm sein Fernblickrohr wieder entgegen. »Er wäre mir beinahe nicht aufgefallen, doch die Sonne hat sich in seinen Segeln gespiegelt.«

»Mam yn ast mangy!«, fluchte ich auf zentaurisch. Wie war er uns diesmal auf die Schliche gekommen? Oder war unsere Begegnung ein Zufall? »Kannst du ihn abhängen, Alistair?«

»Tut mir Leid, Kalla.« Er zuckte die Schultern. »Der Himmel ist wolkenklar, und wir sind beinahe gleich schnell. Er kennt unseren Kurs, und wenn wir ihn jetzt ändern, wird er uns den Weg abschneiden.«

»Du hast Recht«, erwiderte ich seufzend. »Wann erreichen wir die Eisbruch-Pässe?«

Mein Freund blickte zur Sonne und sagte: »Zwei, vielleicht drei Glasen.«

»Dann fahren wir mit unserem Plan fort. Um Harradan können wir uns immer noch kümmern.« Ich war mir sicher, dass es uns gelingen würde, ihn zu überlisten. Es war nicht das erste Mal, dass sich unsere Wege kreuzten – doch diesmal hatte ich Wissen, das er nicht besaß.


Wir bemühten uns, Fiend Harradan in einigen verstreuten Wolken abzuschütteln, doch er blieb uns dicht auf den Fersen, bis wir schließlich unser Ziel erreichten. Mit nur wenigen Minuten Vorsprung landete Alistair die »Kuss des Morgens« nahe der Stelle, an der wir den Zugang zu Svartwulfs Gruft vermuteten.

In dieser Höhe schneite es immer noch. Wir trugen Fuchspelz, um uns gegen den eisigen, schneidenden Wind zu schützen, und doch klapperten wir mit den Zähnen, weil uns die Kälte unter die Kleider fuhr. Wir mussten uns beeilen, wenn wir nicht wollten, dass unser Schiff am Boden festfror.

Wir entzündeten die Gleiris-Kristalle in unseren tragbaren Canhwyllbren und stiegen in die Höhle hinab. Der Grund im Tunnelmund war schlüpfrig von Schnee und Eis, doch nach einigen Schritt war der Boden wieder trocken, sodass wir unseren Weg sicher fortsetzen konnten.

Einige Minuten später weitete sich der Korridor in eine größere Kaverne, die von Gleiris-Kristallen und Glühmoos in dämmriges Licht getaucht wurde. Der Boden wies ein regelmäßiges Muster aus sechseckigen Fliesen auf, die sich von Wand zu Wand spannten. Jede einzelne Fliese trug eine Zentaurim-Rune und war in einer anderen Farbe ausgeführt.

»Dies ist keine natürliche Formation«, sagte ich und war von meinem eigenen Echo überrascht, das vieltausendfach von den Wänden zurückgeworfen wurde. »Wir sind in der richtigen Höhle.«

»Ich beglückwünsche euch zu eurem Fund, Tiefwasser!«, rief eine mir nicht unbekannte Stimme, und ihr Besitzer klatschte langsam in die Hände. Wir wandten uns um und erblickten Fiend Harradan, ein feistes Grinsen auf seinem schmallippigen Mund. Er war in Begleitung von vier Handlangern, die Armbrüste auf uns gerichtet hielten. »Wenn ihr nun beiseite treten würdet, damit meine Freunde und ich uns den Schatz sichern können?«

»An eurer Stelle würde ich nicht weitergehen«, erwiderte ich.

»Bitte«, fügte Harradan hinzu, grinsend wie eine Katze.

Ich zuckte die Schultern und trat beiseite, und mein Gegner nickte einem seiner Gefolgsleute zu. Der arme Tropf senkte die Armbrust und trat – nicht wenig zögerlich – auf die ihm am nächsten liegende Platte. Sobald sein Fuß sie jedoch berührte, schossen blaue Flammen aus dem Boden, hüllten ihn ein und verbrannten ihn unter infernalischem Schreien zu einem Häuflein Asche.

»Eine Falle!« Harradan warf mir einen zornigen Blick zu, aber schnell hatte er sich wieder im Griff. »Milady Tiefwasser, wenn ihr uns dann bitte den Weg weisen würdet?«

Nun war ich in der Klemme: Durch Harradans Einmischung hatte ich noch keine Gelegenheit, über das Rätsel nachzudenken. Ich spürte Angst, und mein Kopf war wie leergefegt. Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht gut unter Stress arbeitete.

»Herrin«, flüsterte meine Assistentin mir ins Ohr. Sie hatte sich in einen Schwarm Glühwürmchen verwandelt, kaum dass Harradan auf der Bildfläche erschienen war. »Ich kenne die Lösung. Erinnert euch an die Ballade von Svartwulf und Agapa!« Sie summte die Melodie und sagte dann: »Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.«

»Pob taith yn dechrau gyda cam cyntaf«, wiederholte ich auf Zentaurim und überlegte, wieso Nyssa die Scharlachfarbene Agapa nicht bei ihrem vollen Namen genannt hatte. »Natürlich!«, rief ich schließlich. »Die erste Rune dieser Zeile gibt die Rune auf der Platte an! Und scharlachfarben ist ein anderes Wort für rot!« Ich tat einen tiefen Atemzug und trat auf die mir am nächsten liegende rote Platte, die die korrekte Rune trug. Nichts geschah, sah man von dem Felsgebirge ab, welches mir vom Herzen purzelte. »Und ich weiß auch, welche Runen als nächstes kommen. Es sind die Anfangsbuchstaben der Verse in Svartwulfs Lied!«

Wir überquerten das Mosaik und durchquerten einen Bogen aus Felsgestein, der über und über mit nordischen Reliefen bedeckt war. Er führte in eine zweite Höhle, deren hohes Dach von massiven Säulen getragen wurde. In ihrem Zentrum stand ein steinerner Sarkophag auf einem Sockel. Unsere Canhwyllbren warfen lange Schatten auf die Wände.

Wir umrundeten den Sarkophag. Harradan deutete mit einem Fingerschnipsen auf seine Gefolgsleute. »Öffnen!«

Wenig überraschend schüttelten die verbliebenen Männer die Köpfe, und die Angst vor weiteren Fallen war ihnen überdeutlich anzusehen. Der Tod ihres Gefährten lag nun wahrlich auch noch nicht so weit zurück, und ehrlich gesagt konnte ich es ihnen nicht verübeln, dass sie weiteren Toden gegenüber abgeneigt waren.

»Das wird euch nicht gelingen«, sagte ich also. Ich war näher an den Sarkophag getreten und hatte den Deckel und seinem Relief näher untersucht. »Der Deckel ist verriegelt. Ihr benötigt einen Schlüssel.«

»Einen Schlüssel?« Mein Gegenspieler zog eine Augenbraue nach oben. »Wenn ihr mich verschaukeln wollt, werde ich euch töten lassen, Tiefwasser.«

Ich schüttelte den Kopf und setzte meinen Tuchbeutel ab, um diesem den Dreifuß zu entnehmen. »Seht ihr diese drei Löcher?«, fragte ich und deutete dazu auf den Steindeckel. »Ich schätze, dass sich der Sarkophag damit entriegeln lässt.«

Harradan entriss mir den Dreifuß und stopfte ihn deutlich ungeduldig in die Löcher, bis er mit einem deutlichen Klicken einrastet. Dann drehte er den Dreifuß, wobei er das T-förmige Objekt in der Plattform als Griff benutzte. Im Inneren des Sarkophags rieb Stein auf Stein, dann glitt der Deckel beiseite.

»Bringt mir Licht!«, befahl Harradan, währenddessen der Deckel auf dem Boden aufschlug. Der Dreifuß löste sich aus seinem Sockel und kullerte in die Dunkelheit davon. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass Nyssa ihm folge, um ihn zu mir zurück zu bringen.

In der Zwischenzeit hatten Harradans Gefolgsleute ihre Canhwyllbren nahe an den Sarkophag gebracht, und wir alle rückten näher an die Kiste, um ins Innere zu spähen. Sie war leer, abgesehen von einer Statue von Svartwulf selbst, die auf dem Grund lag. Sie hatte die Hände gefaltet, als bete er zu unserer Göttin Devana.

»Was soll das?«, knurrte mein Gegner. »Ein weiteres von Svartwulfs Rätseln?«

Ich zuckte die Schultern und sagte: »Vielleicht ist uns jemand zuvor gekommen. Diese Gruft hat seit mindestens zwei Jahrhunderten existiert, und anfangs wussten die Wesen wohl noch, wo sich Svartwulfs Grab befand.«

»Mam yn ast mangy!«, fluchte Harradan zornig. »Die ganze Arbeit für nichts!« Mit einer Geste gab er seinen Männern zu verstehen, dass sie die Canhwyllbren und Armbrüste einsammeln und ihm folgen sollten; eine Aufforderung, der diese nur zu gerne nachkamen. Ehe sich Harradan ihnen anschloss, richtete er ein letztes Mal sein Wort an uns. »Die einzige Genugtuung, die ich aus diesem Fehlschlag ziehe, ist, dass auch ihr nicht in der Lage sein werdet, Svartwulfs Schatz zu bergen!«

Ich wartete sanft lächelnd, bis Harradan und seine Männer die Höhle verlassen hatten. Dann wandte ich mich wieder dem Sarkophag zu.

»Also«, sagte Alistair, »ziehen wir uns auch zurück?«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf und nahm den Dreifuß und das T-förmige Metallstück von meiner Assistentin entgegen. »Weißt du, ich habe Harradan nicht die ganze Wahrheit über Svartwulfs Sarg erzählt. Dahinter steckt mehr. Du hast es auch gespürt, nicht wahr, Nyssa?« Sie nickte. »Harradan mag eine Pestbeule sein, aber er ist auch nur ein kleiner Dieb. Er nutzt Armbrüste und Dolche, wenn er kämpfen muss. Svartwulf war jedoch ein Krieger, und Agapa war eine Schmiedin. Dieses T-förmige Teil ist kein Schmuckstück. Es ist ein Heft.«

»Du redest vom Heft von ‘Eisscherbe’?«, fragte Alistair.

»Bildlich gesprochen, ja.« Ich kletterte in den Sarkophag und inspizierte die gefalteten Hände der Statue. »Wie ich es mir dachte. Hier ist ein Loch zwischen den Händen, welches das Heft aufnehmen könnte.«

Ich platzierte den Schwertgriff über dem Loch, und tatsächlich glitt er ohne Widerstand in die Öffnung hinein. Ein Summen erscholl, und dann entstand unter dem Heft eine Klinge aus blauem Licht. Gleichzeitig ertönte aus dem Schatten das Kratzen von Stein, als sich eine geheime Öffnung in der Wand auftat und den Weg in eine weitere Höhle freigab. Ein gespenstisches blaues Licht schien durch den Spalt.

Sobald die Wand sich nicht mehr bewegte, liefen wir durch die Öffnung und betraten Svartwulfs wahre Gruft. Die Kammer war klein im Vergleich zu den vorangegangenen Höhlen, und in ihre Wände waren Gleiris-Kristalle eingebettet, die alles in sanften hellblauen Schimmer tauchten. Im Zentrum der Kaverne standen auf Podesten in einem leichten Winkel zwei gläserne Sarkophagi. Sie enthielten die toten Körper zweier Personen, die mit den Füßen zur Öffnung lagen. Säulen und Wände waren an den freien Stellen mit Zentaurim-Runen bedeckt, die ebenfalls sanft glühten und vermutlich die Geschichte der hier begrabenen Wesen erzählte. Waffen, Rüstungen, Münzen und Kisten waren auf dem Boden verstreut.

Langsam traten wir auf die Sarkophagi zu, und tatsächlich lag in einem von ihnen der sagenumwobene Kriegsherr Svartwulf. Der andere Körper war eine größere Überraschung. Es handelte sich um eine wunderschöne junge Satyra mit feuerroten Haaren, zweifelsfrei Svartwulfs Gattin, die Scharlachfarbene Agapa. Beide hielten Waffen in ihren gefalteten Händen: Svartwulf die legendäre Klinge »Eisscherbe«, seine Frau Agapa einen gewaltigen Kampfhammer mit einem runenverzierten Kopf.

Wir hatten Svartwulfs Gruft gefunden.


Wir blieben noch für drei oder vier Glasen und erwiesen den beiden toten Helden unseren Respekt. Alistair half mir, so viel von den Runeninschriften an der Wand zu kopieren wie nur irgend möglich. Svartwulfs Schätze rührten wir nicht ab, und auch die gläsernen Sarkophagi öffneten wir nicht. Ihre letzte Ruhe sollte ungestört bleiben, und »Eisscherbe« verblieb im Besitz des Helden.

Als wir in das Atrium zurückkehrten, trat ich an den steinernen Sarg und zog das Heft aus seinem Sockel in den Händen der Statue. Sofort begann die geheime Wand, sich wieder zu schließen. Wir warteten gemeinsam, sahen zu, wie die Wand sich zwischen uns und den Helden schob. Nur wenige Augenblicke, ehe sich der Durchgang schloss, warf ich das Heft und den Dreifuß durch den schmaler werdenden Spalt in die Gruft. Dann schloss sich die Wand und versperrte den Zugang für alle Ewigkeit.

»Wieso habt ihr das getan, Herrin?«, fragte Nyssa.

»Ich habe mich an Rory Trübeblicks Worte erinnert«, sagte ich. »Es gibt Geheimnisse, die besser unerforscht bleiben sollten.« Ich lächelte und nickte gen Ausgang. »Gehen wir. Das Abenteuer ruft.«

Leseprobe »Gefallene Federn«

Die Schriften lehren, dass die Göttin Devana all ihre Kreaturen gleichermaßen liebt: Elfen, Satyre und Zentauren, Feen, Tiere und Pflanzen und ihre Boten, die Angelisken. Über alle Maßen jedoch liebte sie eine ganz besondere Angeliske. Sie hielt diese ihre liebste Botin dicht an ihrer Seite, und nur sie durfte der Einen Göttin nahe sein, sie umsorgen, ihr des Morgens beim Ankleiden helfen, während des Tages an ihrer Seite stehen und des Nachts an ihrem Bette wachen.

Dass Devana eines ihrer Geschöpfe gegenüber allen anderen bevorzugte und ihr mehr Liebe schenkte, erzeugte Neid und Missgunst unter ihren übrigen Kindern. Die Angeliske wurde gemieden und geschnitten, und sie war sehr einsam. Doch sie ließ sich nichts anmerken, denn auch sie liebte ihre Schöpferin über alle Maßen und brachte es nicht über das Herz, ihr die Wahrheit zu sagen.

Sie gewahrten nicht, dass die anderen Geschöpfe sich zusammenschlossen und eine gar grausame Intrige ausheckten, die Angeliske nicht, und auch nicht die Eine Göttin. Doch eines Tages fand Devana ihre liebste Angeliske erschlagen im eigenen Blute vor. Die Kinder ihrer Schöpfung, die sie so geliebt hatte, hatten sich zusammengeschlossen und ihr genommen, was ihr am allerliebsten war.

Sieben Tage und sieben Nächte betrauerte Devana ihre verlorene Tochter. Sie strich ihr durch die güldenen Haare und über die ebenmäßig weißen Federn ihrer gewaltigen Schwingen und vergoss viele Tränen, weil die Schmerzen ihr das Herz zu zerreißen drohten.

Am achten Tage jedoch erhob sich die Eine Göttin, bettete ihre liebste Angeliske in einen Sarg aus feinstem Elfenbein und übergab sie den Flammen, auf dass ihre Spirië Frieden finden möge. Nur eine Feder aus den Schwingen, eine Locke ihres goldenen Haares und eine kleine Menge ihres Blutes behielt die Eine Göttin zu ihrem Andenken. Aus der Feder ließ sie von ihrem besten Künstler eine Schreibfeder fertigen, aus den Haaren erschuf der kunstfertigste Goldschmied des Reiches Zierrat und aus dem Blute gewann ihr bester Alchimist eine prächtige dunkelblaue Tinte. Dann bat Devana den Todesvogel Pandur um Splitter der Spirië und fügte diese der Feder und der Tinte hinzu.

Als die Feder und die Tinte fertiggestellt waren, ließ sie sich ein Blatt des feinsten Pergamentes bringen und stellte den Artefakten eine Frage: „Wer hat umgebracht, die mir am liebsten von all meinen Kindern war?“

Die Feder antwortete: „Ihr wart es, geliebte Göttin. Denn Ihr habt den Neid geschaffen und so den Hass in die Schöpfung gebracht.“

Da schleuderte Devana die Feder und die Tinte auf Myrrah hinab und weinte viele Nächte um die, die ihr am liebsten gewesen, aber auch um ihre Schöpfung, die sie durch ihre Liebe verdorben hatte.

Das Artefakt jedoch, geschaffen aus dem geschundenen Leib der Angeliske, ist heute noch als die Drei Schwestern der Wahrheit bekannt, und jedem, der reinen Herzens ist, beantworten sie alle Fragen wahrheitsgemäß.


»Gefallene Federn« | ISBN 978-3-7460-4440-8 | 356 Seiten | 12,99€ (D)