Metamorphose

Wenn Wörter zu Worten werden

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Alan Bradley: »Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet«

Ich würde gerne behaupten, dass ich mich gefürchtet hätte, aber das stimmte nicht. Ganz im Gegenteil. Es war das mit Abstand spannendste, was ich je erlebt hatte.

Eines Tages liegt im zum Landsitz der de Luces gehörigen Gurkenbeet ein rothaariger Mann und haucht der elfjährigen Flavia de Luce seinen letzten Atemzug ins Gesicht. Und das neunmalkluge Mädchen mit einem Faible für Chemie riecht sofort Lunte – nicht nur, weil der nun Verstorbene ihr quasi die Mordwaffe in die Nüstern geblasen hat, sondern auch, weil der Unbekannte am Abend zuvor mit ihrem Vater, dem ehemaligen Offizier der Britischen Armee und jetzigen Philatelisten Colonel de Luce, einen heftigen Streit gehabt hat. Auch Inspektor Hewitt zieht schnell diese Verbindung und verhaftet den alleinerziehenden Vater, und dabei kennt er noch nicht einmal die ganze Wahrheit: Dass nämlich dem Mord eine Drohung vorangegangen war, in Form einer auf den Schnabel einer toten Schnepfe aufgespießten Briefmarke! Für Flavia ist klar: Die Aufklärung des Falls kann sie nicht den Beamten seiner Majestät König George überlassen! Sie heftet sich auf die Spur des unbekannten Rotschopfes und stößt dabei tief in die Vergangenheit ihres Vaters vor, in eine Zeit, als er selber noch ein Schuljunge war und die Saat des Briefmarkensammlers in ihm gesät wurde. Durch ihre Neugier gerät sie immer tiefer in ein gefährliches Spiel, bei dem es schließlich nicht nur um eines der Symbole für die Überlegenheit der Britischen Krone gegenüber den Oraniern, die beiden seltenen Briefmarken Rächer von Ulster, von denen eine keinem geringeren gehört als König George von Großbritannien selbst, geht, sondern auch um die Freiheit ihres Vaters und ihr eigenes Leben.

Krimis sind definitiv kein Genre, das mich sonderlich glücklich macht. Ich kann nicht einmal genau den Finger auf das Warum legen; ich finde Krimis einfach nicht so spannend wie andere Romane. Insofern war ich gegenüber Flavia de Luce auch zunächst skeptisch. Dass die Elfjährige aber ein unbändiges Interesse an Chemie zeigt und ihr ein eigenes Labor, geerbt von ihrem Großonkel Tar de Luce, für ihre Experimente zur Verfügung steht, hat sicherlich geholfen, meine anfängliche Ablehnung zu zerstreuen. Außerdem muss ich gestehen, dass ich eine begeisterte Leserin der Fünf Freunde von Enid Blyton bin und immer noch alle 21 Bände im Regal stehen habe. Außerdem kann man sich dem Bann der so neunmal- wie altklugen Flavia nur schwer entziehen. Irgendwas hat das Mädchen an sich, was viele ihrer Missetaten schnell vergessen lässt. Vielleicht liegt es ein wenig an ihrer Familienkonstellation: Der Vater ein Offizier alter Schule, ihre Mutter im Himalaja verstorben, als sie ein Baby war, ihre beiden älteren Schwestern stets darauf bedacht, ihr das Leben schwer zu machen. Vielleicht fiebert man deshalb mit ihr mit, während sie der gesamten Bevölkerung von Bishops Lacey und der Polizei zeigt, was sie so auf dem Kasten hat.

Erfreulicherweise wird die Polizei in Mord im Gurkenbeet nicht als inkompetent dargestellt, ganz im Gegenteil. Inspektor Hewitt und Flavia kommen ziemlich zeitgleich auf dieselben Schlüsse, wenngleich anhand unterschiedlicher Indizien. Natürlich ist es Flavia, die die chemischen Beweise zusammenträgt, während der Inspektor vor allem klassische Polizeiarbeit leistet, und es stellt sich sogar heraus, dass Hewitt das Mädchen die ganze Zeit im Auge behalten hat, damit sie keinen Unsinn anstellt. Trotzdem kann er nicht verhindern, dass Flavia am Ende vom Drahtzieher der ganzen Geschichte überrumpelt und in eine lebensgefährliche Situation gebracht wird – aber zum Glück gibt es ja noch Dogger, das Faktotum auf dem de Luce’schen Landsitz Buckshaw, der das unheimliche Talent hat, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. In dieser Notlage zeigt sich auch am ehesten, dass Flavia ein verhältnismäßig normales Mädchen ist, denn jetzt, wo ihr Leben auf dem Spiel steht, zeigt sie echte Angst. Das unterscheidet sie wiederum wohltuend zum Beispiel von Anne aus den oben bereits zitierten Fünf Freunden, die stets lieber daheim blieb, wenn die Jungs auf Entdeckungsreise gingen, und für dieses Verhalten von ihren Brüdern und ihrer Cousine George auch gerne mal als Hausmütterchen geneckt wurde – hier blieben die Figuren immer irgendwie eindimensional. Das zeigt meiner Meinung nach auch, was von den Rezensenten zum Beispiel auf Amazon zu halten ist, die Flavia unerträglich weil neunmalklug finden. Die Frage muss erlaubt sein, was solche Leser von einem Krimi erwarten, in dem die Hauptfigur elf Jahre alt und ein Mädchen im England der 1950er ist.

Als Krimi hat Mord im Gurkenbeet meiner Meinung nach wenige Schwächen. Alle Fäden werden gut miteinander verknüpft, und es entsteht eine von der ersten bis zur letzten Seite spannende Geschichte. Die wenigen Logikfehler können auch der Übersetzung zugeschrieben werden, so fragt der Täter im Finale nur nach einem der beiden Rächer von Ulster, obwohl er nicht wissen kann, dass die zweite zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Flavias Besitz ist. Auch die Streifzüge durch die Geschichte der Chemie sind durchweg gut recherchiert – davor Hut ab! Nur einen Mecker habe ich, aber das auch nur, weil es mir als Chemikerin sofort aufgefallen ist. Als Flavia aus Hühnersuppe und Backpulver ein Wunderschnupfenmittel mischt, bezeichnet sie das Backpulver zwar korrekt als NaHCO3, verwendet dann aber nicht den richtigen Namen Natriumhydrogencarbonat, sondern die beiden falschen Bezeichnungen Natriumcarbonat beziehungsweise Natriumbicarbonat, und letzteres ist so richtig schmerzhaft falsch. Das sind aber Kleinigkeiten, die man wirklich verschmerzen kann. Stattdessen habe ich mich gefreut, eine weitere berühmte Naturwissenschaftlerin – Marie-Anne Paulze Lavoisier – auf meine Liste bedeutender Frauen schreiben zu dürfen.

Insgesamt hat mir Mord im Gurkenbeet so gut gefallen, dass mittlerweile auch die Nachfolge-Bände bis einschließlich Mord ist nicht das letzte Wort in meinem Bücherregal stehen. Keiner davon kommt meiner Meinung nach an Bradleys Erstlingswerk heran, und vor allem in Halunken, Tod und Teufel hatte ich mehrfach den Eindruck, dass da ganze für die Handlung wichtige Szenen der Schere zum Opfer gefallen sind. Zum Schluss wurde Flavia de Luce zu sehr zu einer Auserwählten ausgebaut, die das schwere Erbe ihrer Mutter antreten soll, und dieser Story-Bogen mündet in Eine Leiche wirbelt Staub auf in eine Geschichte an einer Akademie für besondere Schülerinnen. Dass Flavia nach diesem Fall zurück nach Buckshaw darf, fühlt sich beinahe wie ein Reboot an – als habe Alan Bradley gewusst, dass seine altkluge Heldin außerhalb der alterwürdigen Hallen nicht funktionieren kann. Ganz gleich, bei aller Kritik und allen Problemen habe ich Flavias Fälle durchweg als kurzweilig und angenehm zu lesen empfunden, des ganzen „Auserwählte“-Plots zum Trotz. Und das ist aus dem Mund einer Leserin, die mit Krimis nichts anfangen kann und Serien verabscheut, vermutlich das größte Lob.

Alan Bradley: Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet | ISBN 978-3-442-37624-7 | 400 Seiten | 10,99€ (D)

Love Doll

Ich bin nur eine Love Doll. Ein Spielzeug für gelangweilte Männer und Frauen, die etwas erleben wollen, was weit abseits der üblichen Normen ist. Ich gehörte zu einem edlen Club im Stadtteil Chiba. Ich lebte in dem Club in einem winzigen Zimmer mit Möbeln aus abgewetztem Hartplastik. Es war hässlich und kein Ort, an dem man sich geborgen fühlte oder den man Zuhause nannte. Mein Arbeitsplatz war ein Entzugstank, in dem mit gutem Willen drei Menschen Platz haben. Einen dieser hochgezüchteten Soldaten in diesen Tank zu kriegen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. So blieb mir zumindest dieser »Genuss« erspart.

Ich war in dieser Branche tätig, solange ich denken kann. Skitty, mein Boss, sammelte mich in der Gosse einer namenlosen Trabantenstadt am Rand von Tokyo auf und brachte mich in seinen Club, als ich gerade fünfzehn war. Die frustrierten Execs hatten ständig Bedarf an frischem Fleisch, und ich war jung und sah einigermaßen gut aus. Mein Aufgabenfeld war zunächst die Bedienung in der Bar, ehe Skitty mich von seinem Hausarzt operieren ließ, damit ich den Ansprüchen seiner Kunden genügte.

Ich habe nicht viel Cyberware in meinem Körper, gemessen an einem Konzerngardisten zumindest. Meine Veränderungen dienten immer nur dem Spaß anderer und halfen mir selber nie. Meine Reflexrecorder, die Wissens- und Talentleitungen, die Chip- und die Datenbuchse, sie alle erfüllen nur einen Zweck: Möglichst viele perverse Spiele für die Kunden zuzulassen. Meine künstlichen Pheromone sollen stimulierend wirken. Ich sehe aus wie eine japanische Elfe mit Hörnern, dabei war ich vor nicht einmal zwei Jahren noch ein ganz normaler Mensch, und meine Familie muss europäischer Abstammung gewesen sein. All das interessierte Skitty nicht wirklich, als er mich von seinem Ripperdoc verändern ließ. Mystische Wesen liefen gut, weil exotische Modifikationen in Japan gesellschaftlich verpönt und damit reizvoll waren, und die Kunden standen auf japanische Schulmädchen. Ihm war auch egal, dass er etwas anderes an mir veränderte und mich langsam brach.

In den folgenden Jahren bekamen meine Chipbuchsen viele Programme zu fressen: Kamasutra, exotische Liebespraktiken, Grundlagen von Sado-Maso, derlei Dinge. Etwa ein Jahr lang schlief ich mit jedem, der Skitty genug Geld einbrachte. Studenten, Fabrikarbeiter, junge Ehepaare, frustrierte Hacker, Cops – sie alle standen auf der Liste. Ich lernte, mein Bewusstsein so weit wie möglich auszublenden. Am Anfang beschwerten sich die Kunden noch, dass ich kalt und abweisend wäre. Ich wurde verprügelt und vergewaltigt, bis ich gelernt hatte, die Kundenwünsche wie im Reflex und unterbewusst zu erfüllen. Mehr und mehr sehnte ich mich nach den wenigen freien Stunden, die ich in der Einsamkeit meiner Zelle hatte.

Als ich Skitty bewiesen hatte, wie gut ich in meinem Job war, veränderten sich plötzlich die Kunden. Sie wurden vornehmer und stanken nach Geld. Ich erfuhr zum ersten Mal, dass Skitty meinen Sex mit diesen Kunden aufzeichnete, um sie später erpressen zu können. Einige der reichen Pinkel waren nett und unterschieden sich kaum von einem normalen Liebhaber, die meisten jedoch waren jene gelangweilte Sorte Kunden, die auf der Suche nach dem ultimativen Kick waren.

Eines Tages, es muss vor ungefähr einem Jahr gewesen sein, kam Skitty zu mir und gab mir einen kleinen Chip. Er sagte, dass ein ausgesprochen reicher und mächtiger Kunde nach mir gefragt habe. Der Kunde habe ganz besondere Wünsche, und dieser Chip würde mir das erforderliche Wissen vermitteln. Ich nahm den Chip und benutzte ihn. An den Rest erinnere ich mich nicht mehr. Es war das erste Mal, dass Skitty Drogen benutzte, um meine Erinnerungen an einen Kunden zu löschen.

Die Löcher in meinen Erinnerungen wurden eine willkommene Abwechslung zu all den brutalen Szenen, die sich bei dem Sex mit den normalen Kunden in mein Gehirn gebrannt hatten. Ich wusste nicht, wer meine Kunden waren. Ich wusste nicht, was sie von mir verlangten. Vielleicht war das gut so. Zurückblickend denke ich, dass einige der Dinge, die die Leute von mir verlangt haben könnten, weitaus schlimmer gewesen waren als das, was letztendlich meine Flucht veranlasste. Solange Skitty zufrieden war, war alles in Ordnung und mein Leben folgte zumindest geringfügig normalen Bahnen.

Dass es in Skittys Laden eine Love Doll gab, die bereit war, beinahe jeden Wunsch zu erfüllen – ein Hohn, wenn man bedachte, dass ich ungefähr so bereit zu diesen Taten war wie ein Tier, das zum Schlachter geführt wird -, sprach sich unter den oberen Zehntausend in Japan offenbar schnell herum. Ich bekam kaum noch Ruhepausen, sah man von den Phasen der Bewusstlosigkeit ab, die die Anwendung der Drogen bei mir hervor riefen. Die Arbeit und der Mangel an Schlaf hinterließen ihre Spuren, und Skittys Ripperdoc hatte alle Hände voll zu tun, meine Jugend zu erhalten. Mein Gesicht und mein Körper seien mein Kapital, betonte Skitty öfter.

Dann jedoch kam der Tag, der mein Leben radikal umwerfen würde. Skitty war bereits seit einer Woche sehr aufgeregt, und ich ahnte, dass er einen ganz besonderen Gast erwartete und mit den Vorbereitungen beschäftigt war. Ich bekam einige Tage Ruhe, meine übliche Kundschaft wurde abgewiesen. Ich nutzte die Zeit, um zu entspannen, nachdem Skitty mich im Zuge der Vorbereitungen für den Gast einer weiteren Operation unterziehen und mir rubinrot lackierte Nagelmesser implantieren ließ. Sie waren von normalen Fingernägeln nicht zu unterscheiden, aber ich wusste, dass sie gefährliche Schnittwunden verursachen konnten.

Es war ein regnerischer Frühlingsabend, als Skittys Sekretär mir den Chip und das Glas mit dem Drogencocktail gab. Er führte mich nicht in einen der üblichen Entzugtanks sondern brachte mich in einen großen Salon mit einem gewaltigen Bett. Sanfte Musik spielte im Hintergrund, Champagner stand bereit. Ich legte den Chip ein und setzte mich auf die Bettdecke aus rotem Samt.

Die Tür öffnete sich, und herein kam mein Gast. Ich erkannte Kanzler Shiteru aus dem Kabinett des Kaisers auf den ersten Blick. Er war einer der wichtigsten Vertrauten des Kaisers. Er kam in Begleitung eines jungen Mädchens, die wie eine traditionelle Geisha gekleidet und geschminkt war, und ich kann nicht einmal ausschließen, dass sie kein Poser sondern ein echtes Mitglied dieser geachteten Zunft war. Er gab ihr einen leisen Befehl und setzte sich dann in einen Sessel neben der Tür. Die Geisha legte ihr wertvolles Gewand ab und kam zu mir aufs Bett. Ich fragte mich einen Moment, wieso mir Skitty einen Chip gab, wenn es hier nur um eine lesbische Liebesszene vor einem Spanner ging. Ich hatte mit mehr gerechnet und schaltete den Chip ein.

Eine Welle von Hass und Brutalität traf mich. Ich fand mich mitten in einem künstlich induzierten Albtraum voller Blut und Gewalt wieder. Ohne mich kontrollieren zu können, fuhr ich die Nagelmesser aus und ging auf die Geisha los, die mich entsetzt anblickte und einen spitzen Schrei ausstieß. Ich versuchte, mich unter Kontrolle zu kriegen, während Kanzler Shiteru in seinem Sessel lachte und sich ein Glas Champagner eingoss. Als ich jedoch den ersten Schnitt setzte und das rote Blut über meine Hand und die Haut der Geisha, die wie Porzellan schimmerte, spritzen sah, konnte ich mich nicht mehr beherrschen. In einem wahren Rausch zerfleischte ich das junge Mädchen, schnitt ihr bei lebendigem Leib die Augen aus den Höhlen und die Zunge aus dem Mund, trennte Finger, Zehen und Brüste ab und schlitzte mich wie ein Berserker durch Knochen und Eingeweide. Erst als das Mädchen blutüberströmt und reglos auf den klebrigen, durchtränkten Laken lag, ebbte die blinde Wut ab. Ich keuchte, als ein stechender Schmerz durch meine Datenbuchse ging.

Zuerst war ich geschockt. Ich hatte nie zuvor einen Menschen getötet. Dann griff ich nach dem Glas mit der Droge. Ich würde selig schlafen und alles vergessen, was ich getan hatte. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, meine Nagelmesser zu reinigen oder einzufahren und leerte das Glas mit einem Zug. Dann wartete ich auf die Ohnmacht.

Sie kam nicht.

Als mir klar wurde, dass ich diesmal nicht darauf hoffen konnte, zu vergessen, wusste ich, dass mein Leben in Gefahr war. Kanzler Shiteru wandte sich bereits zum Ausgang, die Hand immer noch an der Knopfleiste seiner Hose. Das grausame Spiel hatte ihm ganz offensichtlich gefallen. Meine einzige Chance war, ihm eine Zugabe zu bieten – die letzte seines Lebens. Ich stürzte mit einem Schrei auf ihn, der ihn dazu veranlasste, herumzufahren. Meine Nagelmesser bohrten sich tief in seinen Hals und rissen blutende Striemen in Kehlkopf und Schlagader. Ich ließ ihn einfach zu Boden fallen, stürzte aus dem Raum und verschwand, so schnell ich konnte. Ich wollte mich an Skitty rächen, aber ich wusste, dass seine Bodyguards und sein Bluthund mich zerlegen würden, ehe ich ihn auch nur zu Gesicht bekam. Ich stürzte aus seinem Bordell auf die hell erleuchtete Einkaufsstraße irgendwo im Herzen von Chiba und tauchte in der Menschenmenge unter. Zum ersten Mal seit vier Jahren war ich wieder auf der Straße. Und ich hatte nicht einmal die Chance, meine Freiheit zu genießen. Ich rannte, bis meine Lungenflügel bei jedem Atemzug brannten, und verschwand schließlich in einer dunklen Seitengasse.

Niemand konnte mir bisher erklären, wieso die Droge damals ihren Dienst versagte. Vielleicht hatte ich mit der Zeit eine Toleranz entwickelt, sodass mir diesmal kein Vergessen vergönnt war. Vielleicht gab es nichts mehr zu vergessen. Ich weiß inzwischen jedoch, dass die Chips, die mir Skitty gab, spezielle Programme enthielten, deren internen Schaltkreise mich der Kontrolle über meinen Körper beraubten und , den unterschwelligen Signalen auf dem Chip Folge leistend, jeden Wunsch der perversen Kunden erfüllen ließen. Ich hatte davon schon früher gehört, das war Militärtechnologie. Einmal selber Opfer zu werden, war mir im Traum nicht eingefallen.

Ich weiß, dass Skitty mich suchen wird, sobald er eine Ahnung hat, wo ich mich befinde. Ich weiß, dass ich nicht nach Japan zurückkehren kann, denn die Polizei dort sucht nach mir als Mörderin, und Skitty hat ihnen sicher die Aufzeichnungen gegeben, die er von dieser Nacht gemacht hat, um den Kanzler später erpressen zu können. Ich kann nicht beweisen, dass mich der Chip zum Mord an der Geisha gezwungen hat, weil er sich zerstörte, als das Programm abgelaufen war. Und selbst wenn ich beweisen könnte, dass ich unter Zwang gehandelt habe, so entlastet das nicht meinen Mord an Kanzler Shiteru. Ich stecke tief in der Klemme, und meine wenigen Ersparnisse sind nahezu aufgebraucht, investiert in meine Flucht und eine neue SIN hier in diesem Land.

Ich bin nur eine Love Doll. Aber wenn Sie bereit sind, für jemanden zu bezahlen, der vier Jahre lieben musste ohne jemals geliebt zu haben, wäre ich erfreut, wenn Sie meine Dienste als ernstzunehmende Söldnerin in Anspruch nehmen würden.

E.F. von Hainwald: »Cyberempathy«

„[…] Es ist unlogisch, Freiheit statt Sicherheit zu wählen. Wer sicher ist, lebt lang und glücklich. Wer frei ist, lebt gefährlich und achtet nicht auf das Wohl seiner Mitmenschen“, die Stimme nahm einen tadelnden Klang an.

In der Stadt Skyscrape sind alle Menschen über das Cybernet verbunden und können so in einer großen Gemeinschaft an den Gefühlen der anderen Mitmenschen teilhaben. Aufgrund dieser Gemeinschaft gehören Kriege und Verbrechen der Vergangenheit an, und wer doch eine Emotion loswerden will, geht zu einem Erinnerungskonstrukteur. Ein solcher ist auch Leon, und er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, mit der wunderbaren Star-Sängerin Janica an seiner Seite und der Aussicht darauf, nur die exklusivsten Kunden behandeln zu dürfen. Dann jedoch geht eine solche Behandlung beim Sohn eines einflussreichen Bankers schief, und der Junge begeht Selbstmord. Das System befindet Leon für schuldig, trennt ihn vom Cybernet und verbannt ihn in die Unterstadt, tief im Fundament von Skyscrape. Leon ist klar, dass man ihn in dieser verwirrenden Welt aus abstoßender Gewalt und offenem Hass verrecken lassen will. Als er fast alle Hoffnung aufgeben will, wird er jedoch vom Ex-Soldaten Rade aus der Klemme geholt, und dieser bietet dem Newcomer im Slum eine Bleibe und seinen Schutz. Nach und nach lernt Leon auch Rades Geliebte, die Hure Lux, und seine Mechanikerin Skylynn kennen. Gemeinsam mit diesen neuen Freunden gelingt es ihm, in der Unterwelt Tritt zu fassen und sich ein neues Leben aufzubauen. Dann jedoch tritt der undurchsichtige Yas in sein Leben, der unfreiwillige Spender ihrer Organe beraubt, und macht Leon ein verlockendes Angebot. Er bringt ihn zurück in die Oberstadt, wenn Leon ihm hilft, das Trauma seiner Opfer zu lindern. Leon willigt ein – und wird zu einem Spielball von Mächten, die er nicht begreifen kann.

Ich bin bekennender Cyberpunk-Fan, seit ich den Neuromancer gelesen, den Blade Runner gesehen und Shadowrun gespielt habe. Leider fristet diese besondere Untergattung des Sci-fi im Literaturbetrieb immer ein gewisses Schattendasein (als ob Sci-fi selber so eine große Rolle spielen würde), und darum gebe ich Newcomern auf der Bühne gerne eine faire Chance. Das gilt insbesondere, wenn ich mit dem Autoren ein paar Takte über dieses Genre wechseln konnte – wie im Falle von Hainwalds auf der LBM geschehen. (Dass ich als Indie-Autorin mit anderen Indies mitfühlen kann, könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben.) Als ich das Buch dann schließlich las, beschlich mich zusehends dieses seltsame Gefühl von déjà vu, das alles irgendwo schon einmal gelesen oder gesehen zu haben. Cyberempathy trägt seine Inspirationen sehr offen mit sich herum, mit einer tiefen Verwurzelung im Anime – hier sollen vor allem Battle Angel Alita und Akira genannt werden – und dem beinahe formulaischen Befolgens all jener Punkte, die den Cyberpunk ausmachen. Cyber? Check. Punk? Check. Mehr Schein als Sein? Check. Immer auf des Messers Schneide? Check. Einstellung ist alles? Check. Drogen, Sex und sinnlose Gewaltexzesse? Check, check uuuund check. Es geht gefühlt wenige Risiken ein, die Heldenreise ist ebenso in allen Punkten vorhanden wie die klar definierte Drei-Akt-Struktur und das im Cyberpunk so typische Fehlen eines sauberen auflösenden Endes. Für Kenner des Genres ist von vorneherein absehbar, wie sich die Geschichte von Schlecht zu Katastrophal dreht. Die Welt ist dabei durchsetzt von auf den ersten Blick coolen Gimmicks, denen aber das eher cineastische Verständnis für die zugrunde liegenden Technologien, das geradewegs aus Scottys Enterprise-Mechaniker-Wortschatz zu stammen scheint, häufig anzumerken ist. Ständig wird irgendein neuer abgedrehter Scheiß in die Manege geschmissen und gemäß dem Grundsatz „Style over Substance“ in kurzen Vignetten verheizt. Irgendwann wird das sehr ermüdend, der Zauber der sehr eigenwilligen Welt verfliegt und die Ungläubigkeit lässt sich nicht mehr willentlich aussetzen. Wie und warum die Gesellschaft in Skyscrape funktioniert, bleibt immer im Hintergrund, wenn man vom Cybernet und den miteinander verknüpften Emotionen absieht.

Die Figuren sind ziemlich simple Archetypen: Da ist der naive optimistische Newcomer, der Ex-Elitesoldat mit der dunklen Vergangenheit, die Hure mit dem Herz aus Gold und die Wunderkind-Mechanikerin. Die Mischung funktioniert, auch wenn sie auf den ersten Blick wenig Überraschung verspricht – man erwartet einfach, dass diese vier zueinander finden. Trotzdem legt von Hainwald viel Augenmerk darauf, zumindest Leon und Rade umfangreich mit Empathie und Gefühlen auszustatten. Immerhin geht es in dem Roman genau um diese Empathie und um das (bei Philip K. Dick sehr populäre) Motiv der Frage nach dem, was uns menschlich macht und an welchem Punkt wir aufhören, Menschen zu sein. Gerade bei Rade und den anderen aufgemotzten Gestalten in der Unterwelt kommt mir das aber manchmal zu kurz; in den Cyberpunk-Rollenspielen wird das sehr coole Konzept des Menschlichkeitsverlustes gepflegt, bei dem man immer, wenn man ein Körperteil durch Blech ersetzt, ein wenig vom eigenen Selbst aufgeben muss, bis man einer Psychose anheim fällt. Es gibt bei Rade zwar Indizien dafür, und auch die allgegenwärtige Gewalt und Abwertung menschlichen Lebens und die Kriecher im Fundament sind Hinweise auf ein solches Prinzip, aber in einem Roman, der sich so stark um Empathie und Emotionen dreht, wäre hier etwas plakativeres Vorgehen sicher nicht verkehrt gewesen. Besonders Wundermechanikerin Skylynn scheint sonderbar emotionslos gegenüber dem Fakt zu sein, dass ihr irgendein Arschloch die Arme abgesäbelt hat, als sie noch ein kleines Kind war. „Das ist lange her“, lautet ihr lakonischer Kommentar – als ob man das Trauma eines solchen Übergriffes einfach ad acta legen könnte. (Eigene Erfahrungswerte: PTSD ist ’ne Bitch.) Ich mag die Menagerie trotzdem, auch wenn sie jetzt nicht so viele Schichten wie Zwiebeln oder Oger hat. Und während Rade und Leon auf der letzten Seite im Widerschein der brennenden Unterstadt Händchen halten, wandern meine Gedanken zu Skylynn und Lux und der bangen Frage, ob es ihnen gut geht.

Reden wir noch kurz über das Handwerkliche des Verlags. Gedankenreich ist sehr klein und steckt einen Haufen Herzblut in seine Projekte. Das kenne ich aus eigener Erfahrung, man möchte die Welt an seiner Liebe ein bisschen teilhaben lassen. Umso schmerzhafter ist es dann, Fehler zu sehen, die mit etwas mehr Sorgfalt hätten vermieden werden können. Immer wieder sind dem Lektorat Rechtschreib- und Grammatikfehler durchgerutscht, und die Satzzeichen (insbesondere die Kommas) scheint jemand mit der Schrotflinte nach dem Zufallsprinzip in den Satz geschossen zu haben. Das Layout ist zwar liebevoll, mit ansprechenden Trennern und Kapitelköpfen, aber auch hier merkt man, dass im Wesentlichen nur die Silbentrennung und die Hurenkinderregelung in Office eingeschaltet und danach nicht noch einmal drüber gelesen wurde. Das macht den Satz stellenweise sehr unruhig, mit riesigen Wortabständen oder Stellen, an denen nur die Satzzeichen einer wörtlichen Rede in die neue Zeile rutschen und dann der Absatz endet. Ich meine, ich weiß selber, wie viel Zeit (und für einen Verlag auch Geld) es kostet, diesen ganzen Mist zu finden und zu beseitigen, und ich ärgere mich schwarz, dass mir in meinen eigenen Werken vereinzelt solche Fehler durchgegangen sind. Aber wenn man sich eines Lektorates und eines Layouters rühmt, sollte das doch möglich sein, oder?

Nach derart geharnischten Worten erwartet vermutlich niemand mehr versöhnliche Töne aus meiner Feder. Aber der Punkt ist, dass Cyberempathy bei all meiner Kritik irgendetwas wohl fundamental richtig gemacht haben muss. Immerhin habe ich das Buch tatsächlich bis zum Ende gelesen, und ich hatte niemals während der 560 Seiten das Gefühl, es wäre nur Arbeit oder eine unangenehme Pflicht – und das konnten in den vergangenen Wochen wirklich wenige Bücher in meiner Sammlung von sich behaupten. So formulaisch und nach Checkliste der Roman auch allem Anschein nach entstanden sein mag: Er funktioniert. Die Charaktere sind keine Katastrophe, die ich ständig gehasst habe, und die unterschwellige Botschaft der obrigkeitsbefohlenen Political Correctness bis zur Selbstverleugnung gepaart mit einer diffusen nicht ganz greifbaren globalen Bedrohung klickt gut in den aktuellen Zeitgeist. Sex-Anspielungen sind gehäuft, aber nicht aufdringlich, und Cyberempathy dürfte der erste Cyberpunk-Roman sein, in dem der obligatorische Fick des Hauptcharakters homoerotisch ist. Das alleine hat fette Bonuspunkte verdient. Kurz gesagt: Wer das Genre liebt und ein Herz für Indie-Autoren und -Verlage hat, sollte bei aller Kritik zugreifen. Schon allein, um’s dem Establishment der großen Verlage zu zeigen. Das wäre nämlich ziemlich Cyberpunk von euch.

E.F. von Hainwald: »Cyberempathy« | ISBN 978-3-947147-48-9 | 560 Seiten | 16,90 € (D)

Gestellte Weichen

Ihr Zug ist nicht sehr voll, als sie ihn durch die samtene Schwärze der lauen Juninacht steuert. Es ist ihre letzte Tour für heute, die letzte Fahrt hinaus an den Stadtrand und in die Wendeanlage, die sich in einem kleinen Wäldchen verbirgt, abgeschirmt von neugierigen Augen. Es ist halb drei in der Früh, und die Schleife kann um diese Uhrzeit schon beängstigend sein, insbesondere wenn man ganz alleine auf dem Wagen ist.

Nur eine Handvoll Fahrgäste sitzen in den beiden Wagen, aus denen sich ihr Zug zusammensetzt, verlorene Seelen, Nachtschwärmer. Menschen, die wie sie bis in die Nacht gearbeitet haben. Menschen, die ihre Freizeit in der Innenstadt verbracht haben und sich nun nach einem Bett sehnen, ehe der Arbeitsalltag wieder von ihnen Besitz ergreift. Menschen, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen, für die ihr Zug eine warme Zwischenstation ist, in der sie einige Stunden unbehelligt und im Trockenen schlafen können, ehe sie zurück auf die Straßen und in einen Hauseingang gezwungen werden.

Die Fahrsignalanlage kommt in Sicht, halb verdeckt von den in der milden Witterung sprießenden Bäumen, ein beruhigender, orangefarben leuchtender Balken von links unten nach rechts oben, der ihr anzeigt, dass die Weichen in die Schleife hinein korrekt eingelaufen sind. Sie zieht den Sollwertgeber in den Bremsbereich und bremst ihren Zug sanft ab. Der Umformer summt, und die Dachlüfter springen an, um die durch das Bremsen entstehende Wärme abzuleiten. Es gibt einen Stoß, als das vordere Triebgestell auf die Weichenzunge trifft und ihr Zug nach rechts abgeleitet wird, in die scharfe Kurve, die den Beginn der Wendeanlage markiert. Die beiden Wagen schütteln sich, und die vierundzwanzig Radkränze kreischen ein beängstigendes Wehklagen durch den stockfinsteren Forst.

An der Haltetafel des Bahnsteigs bringt sie die siebzig Tonnen ihres Arbeitsplatzes mit ruhiger Hand zum Stehen und öffnet die Türen auf der rechten Seite. Kühle Nachtluft strömt in den Fahrgastraum. Es ist stockfinster, nur die Hydrogeräte ihrer Federspeicherbremsen surren. Sie drückt den Taster für die Innenlautsprecher und macht ihre Durchsage: “Verehrte Fahrgäste, wir haben die Endstelle erreicht. Bitte steigen Sie aus. Ich wünsche Ihnen eine schöne Nacht.”

Im Spiegel beobachtet sie den Bahnsteig, der nur spärlich von sechs Natriumdampflampen beleuchtet wird, die ein fade-terrakottafarbenes Licht abgeben. Ein Pärchen steigt aus dem ersten Waggon aus, die beiden haben die ganze Zeit seit der Innenstadt hinter ihr gesessen und miteinander gekuschelt. Auch aus dem hinteren Wagen kommt eine Gestalt, in weite, dunkle Kleidung gehüllt. Sie geht vornüber gebeugt, die Hände tief in den Taschen ihrer Jacke vergraben, und ihre Schritte scheinen unsicher und wankend zu sein. Zu viel über den Durst getrunken, denkt sie, während sie die Beleuchtung ihres Fahrstandes einschaltet und nach ihrem Fahrtennachweis greift, nichts ungewöhnliches an einem Samstagabend und in dieser lauen Sommerluft.

Mit dem Ausfüllen der Formulare lässt sie sich Zeit, ihr IBIS zeigt für die Abfahrt beruhigende 28 Minuten Pause an. Fast eine halbe Stunde, in der sie in Ruhe die Wagendurchsicht machen und sich einen heißen Tee und einen Keks genehmigen kann. Sie schätzt die meditative Ruhe der letzten Fahrt des Tages, der nur noch das Einrücken in den Betriebshof folgt. Sie kommt nicht gut mit Menschen zurecht. Mehr beiläufig geht ihr Blick noch einmal zum Außenspiegel, doch der Betrunkene aus dem hinteren Wagen ist in der Dunkelheit des Waldweges verschwunden. Er wird ihre Hilfe heute nicht benötigen.

Der Tee aus ihrer Thermoskanne ist noch heiß und duftet lieblich nach Früchten und Savanne im Abendrot. Sie legt den Fahrtennachweis und ihren Kuli fort und nippt an dem Edelstahlbecher. Die rechte Hand schaltet die Monitoranlage ein, vier Kameras in jedem der beiden Fahrzeuge. Eine gute Methode, sich einen schnellen Überblick zu verschaffen, ehe man selber durch die Wagen geht und möglicherweise in unliebsamer Gesellschaft landet. Sie hat schon einiges erlebt in der Hinsicht, auch wenn sie nicht unbedingt unter Angstzuständen leidet.

Der Wagen in ihrem Rücken ist leer, verwaiste Sitzbänke aus blauem Hartplastik leuchten ihr aus den statischen Störungen der Kameraanlage entgegen. Sie drückt den Taster für die Wagenfortschaltung und ruft so das Übersichtsbild des Beiwagens auf, das alle vier Kameras gleichzeitig zeigt. Und stutzt. Beugt sich vor, während ihr Finger mit einem hektischen Stakkato die vier Kameras durchschaltet, bis sie sieht, was sie irritiert hat. Was sie gehofft hatte, niemals sehen zu müssen. Blut im Beiwagen.

Sie schließt die Augen, atmet tief durch. Hunderttausend Szenarien huschen vor ihrem inneren Auge vorbei. Ihre Hand tastet nach dem Stelleisen in ihrem Rücken, einem Meter beruhigend schwerem Stahl, mit dem sie Weichen von Hand stellt. Oder aufsässige Kunden abschreckt, als allerletzte Möglichkeit. Sie zieht den Schlüssel aus dem Wagenschloss, verlässt den Fahrstand und geht langsam nach hinten, in den Beiwagen.

Es ist so ruhig im Fahrzeug, dass sich ihre Nackenhaare aufrichten. Sie kann ihr Herz schlagen hören, und als das Hydrogerät auf dem Dach anspringt, macht sie einen kleinen Satz. Das Blut ist deutlich zu sehen, ganz am Ende des Wagens, eine dünne Spur, die im kalten Neonlicht tiefrot glitzert. Langsam tastet sie sich heran und ist beruhigt, als sie auf den Bänken keinen Körper erkennen kann, keine verräterischen Schatten eines Angreifers, der nur auf sie wartet. Aber irgendetwas ist da.

Unwillkürlich packt sie das Stelleisen fester und wagt einen Blick über die millimeterdünne Kunststofflehne des Sitzes. Nichts. Nichts außer dieses Gefühls. Sie beugt sich weiter vor. Erblickt, was auf dem Sitz liegt. Ihre Augen weiten sich, und das Stelleisen poltert zu Boden.

“Oh mein Gott.”

Sie hat vieles gesehen in den letzten fünf Jahren auf dem Bock. Messerstechereien, Prügeleien, Junkies, die sich in der scheinbaren Ruhe einer abgelegenen U-Bahn-Station einen Druck in den Arm setzen. Säufer, die ihr in das Fahrzeug pinkelten. Schüler, die die Noteinrichtungen missbrauchen und die Türschließsensoren beschädigen. Fußballfans, die in wenigen Minuten einen ganzen Zug auseinandernehmen im Siegestaumel. Sie hat mehrfach erfolgreich Selbsttötungen verhindert und war einmal zu spät und hat einen jungen Mann überfahren. Aber niemals hätte sie damit gerechnet, einen Neugeborenen zu finden. Ein winziges Mädchen. Blutverschmiert. Die Nabelschnur mit einem schartigen Taschenmesser durchtrennt, das neben dem Baby in einer blutigen Pfütze liegt.

Erst jetzt dringen die Informationen, die in dem sich ihr bietenden Anblick eingebettet sind, in ihren für die Ratio zuständigen Teil des Hirnes vor. Für einen endlos erscheinenden Augenblick setzt ihr Denken komplett aus. Dann hat sie auch schon ihre Dienstjacke ausgezogen und das mit Blut und klebriger Nachgeburt verschmierte Bündel Mensch darin eingewickelt. Sie weiß nicht viel über Babys, aber dieses scheint immerhin wohlauf zu sein, die Umstände in Betracht ziehend.

Wie sie auf ihren Fahrstand gekommen ist, weiß sie nicht genau. Jetzt sitzt sie auf ihrem Fahrerplatz, das Baby, das leise gluckst, in ihrer Jacke eingewickelt auf dem Schoß, und drückt mit zitternden Fingern auf den roten Unfallruf an ihrem IBIS. Den Knopf, den niemand jemals drücken will. Bange Sekunden vergehen, bis der diensthabende Verkehrsmeister sich endlich meldet.

“Leitstelle für Neun Fünfzehn, Sie haben den Unfallruf ausgelöst?”

Sie schluckt. Nicht mehr allein. Alles wird gut werden. “Leitstelle, ich muss eine Fundsache melden”, sagt sie, atmet dann noch einmal durch und beendet ihren Satz: “Ich habe im Fahrzeug ein Neugeborenes gefunden.”

Stille im Funk. Fast will sie erneut auf den Unfallruf drücken, da meldet sich der Verkehrsmeister. “Neun Fünfzehn, bitte wiederholen Sie das.”

“Ich habe bei der Wagendurchsicht ein Neugeborenes im Fahrzeug gefunden”, wiederholt sie und wundert sich darüber, wie ruhig sie jetzt ist. “Die Mutter scheint es auf dem Weg zur Endstelle in meinem Zug entbunden und dann im Stich gelassen zu haben.”

Sie kann hören, wie ihr Kollege schluckt, während die Zahnräder in seinem Kopf versuchen, irgendein Protokoll, eine Dienstanweisung zu finden, was in so einem Fall zu tun ist. Sein Professionalismus und seine Erfahrung übernehmen. “Leitstelle hat verstanden. Ich alarmiere die Polizei und einen RTW, der das Kind übernehmen wird. Sind Sie noch fahrtauglich?”

Sie will erst nicken und sagen, dass es nicht so schlimm ist, dass sie ja ohnehin nur noch die Einfahrt in den Betriebshof hat, aber die Tränen quellen ihr aus den Augen. “Ich fürchte nicht”, sagt sie.

“Ich schicke einen Verkehrsmeister und die Bereitschaft. Bleiben Sie auf jeden Fall vor Ort stehen und beim Kind. Wenn was ist, rufen Sie mich unverzüglich wieder an. Insbesondere wenn die Mutter wieder auftauchen sollte, halten Sie sie dann unbedingt fest. Leitstelle Ende.”

Das IBIS verstummt. Sie lehnt sich zurück, das Kind fest an sich gedrückt. Alles wird gut. Man wird sich um sie kümmern.


Sechs Jahre waren vergangen. Sie hat sich einschränken müssen, hat viele Abstriche machen müssen, als Celeste in ihr Leben trat. Es war ein lauer Juniabend, so wie heute, und tausende Sterne haben über dem Forst gefunkelt, in den die Wendeanlage eingebettet ist. Den Zug zu fahren, Menschen sicher an ihr Ziel zu bringen, das war ihr Leben. Niemals hätte sie sich vorstellen können, das irgendetwas denselben hohen Stellenwert würde einnehmen können wie dieser Beruf. Nein, es war kein Beruf, für sie war es Berufung. Sie war die Züge-Flüstererin.

Die Prioritäten haben sich in jener Nacht verschoben, vor sechs Jahren. Plötzlich war eine andere Sache in den Vordergrund gerückt. Nein, keine Sache, ein Menschenleben, ein junges Mädchen. Das Ereignis hatte sie mehr beeinflusst als jeder Suizidversuch. Mehr als der junge Mann, dem es gelungen war, sich vor ihren Zug zu werfen und sich so das Leben zu nehmen. Als Celeste, die damals noch nicht Celeste hieß, ihren Finger umklammerte und leise wimmerte.

Celestes Mutter war nicht aufzufinden gewesen, und das Mädchen kam zunächst in ein Heim. Ihre Adoption gestaltete sich als schwierig, war ein harter Kampf gegen Behörden und Regeln und Vorschriften. Ihr Lebenswandel, ihr Beruf mit Schichtdienst ließen eine problemlose Adoption nicht zu. Sie stellte ihren Dienstplan auf Mitteldienste und Tagdienste um. Trotzdem vergingen lange Jahre, ehe sie das Mädchen wiedersah. Ehe sie das Mädchen zum ersten Mal aus dem Hort abholen und in ihre neue Wohnung, ihr neues Leben bringen durfte. Einfach waren die zurückliegenden Jahre nicht gewesen. Aber wenn sich das Schicksal mit so großer Macht in das eigene Leben drängt, dann muss man überlegen, ob der eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist oder ob es nicht an der Zeit ist, die Weichen neu zu stellen und die Prioritäten neu zu sortieren.

Sie liegen auf dem Rücken im warmen Gras. Celeste ist eingeschlafen und hat sich in der Kuhle ihrer Armbeuge zusammengerollt. Das Mädchen wimmert leise im Schlaf; das hat sie seit ihrer Geburt nicht abgelegt. Sie streicht diesem schönsten aller Wesen durch die dunklen Haare und wirft einen Blick zum Himmel hinauf, wo die Sterne funkeln. Der Himmel. Vom Himmel kommend. Celestrisch. Daher der Name für das Kind.

Die Kleine ist aufgewacht und blickt nun auch hinauf in das funkelnde Schauspiel, die Endlosigkeit der Schöpfung. Deutlich hebt sich das Band der Milchstraße aus dem Sternenmeer ab.

“Die anderen Kinder ärgern mich. Sie sagen, du bist nicht meine richtige Mama.”

“Ich habe dich nicht auf die Welt gebracht. Aber ich liebe dich trotzdem genauso sehr, als hätte ich dich geboren.”

“Hast du meine richtige Mama gekannt?”

“Nein.” Sie schüttelt den Kopf, streichelt das Mädchen weiter. “Man hat sie nicht gefunden, in der Juninacht damals.”

Celeste überlegt. Dann sagt sie leise: “Wenn meine richtige Mama mich weggeworfen hat wie ein kaputtes Spielzeug, dann war sie vielleicht nicht meine richtige Mama. Und wenn du mich aufgenommen hast, dann bist du vielleicht meine richtige Mama.”

Sie stutzt und stellt das Streicheln ein. Dann lacht sie leise, aber das Lachen schlägt in ein Schlicksen um, und ehe sie sich versieht, rinnen ihr die Tränen über die Wangen und zu den Ohren hinab und fallen ins Gras unter ihr.

“Weinst du, Mama? Habe ich etwas schlimmes gesagt?”, fragt das Kind erschreckt.

“Nein”, erwidert sie und zieht Celeste an sich. “Du hast etwas wunderschönes gesagt. Etwas so schönes werde ich nie wieder in meinem Leben hören.” Eine Liebe gegen eine andere. Eine Berufung gegen eine andere. Eine Verantwortung gegen eine andere. Sie küsst das Mädchen auf den Schopf. “Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Augenstern.”

Terence Blacker: »boy2girl«

“Alles, was du tun musst, ist fünf Tage als Mädchen in die Schule gehen. Wenn du das machst, bist du dabei. Dann bist du einer von uns.”

Das Leben der britischen Familie Burton wird ziemlich durcheinander gewirbelt, als sie Cousin Sam aus den USA bei sich aufnehmen müssen, weil dessen Vater im Knast sitzt und seine Mutter bei einem Unfall ums Leben kam. Sam ist so alt wie Sohn Matthew, aber mit seinen 13 Jahren viel rotziger und darüber hinaus ungepflegt und voller schlechter Manieren. Trotzdem stellt Matt ihn seinen Freunden Jake und Tyrone von der Bunkerbande vor. Gemeinsam versuchen sie, Sam die Eingewöhnung möglichst leicht zu machen, doch als dieser einen Streit in ihrem Lieblings-Imbiss provoziert, schließen sie ihn aus ihrer Bande aus. Als Sam den Vorschlag macht, seine Treue zur Bande durch eine Mutprobe zu beweisen, sind die Jungen zunächst nicht begeistert, doch dann haben sie eine Idee: Aus Sam soll Samantha werden, und er soll die gesamte erste Woche des neuen Schuljahres als Mädchen zur Schule gehen. Die drei Jungen sind überzeugt, dass der raue und ungehobelte Sam diese Prüfung nie bestehen wird, doch zu ihrer Überraschung verwandelt er sich in ein perfektes Mädchen und freundet sich in kürzester Zeit mit ihren Erzfeinden an, den Zicken Elena, Zia und Charley. Dann jedoch stellt sich heraus, dass Sams Mutter ihrem Sohn ein Vermögen hinterlassen hat, und als sein Vater aus dem Knast entlassen wird und sich auf die Reise nach England macht, um seinen Sohn und die Kohle zu retten, hat Matthew darauf nur eine Antwort: Sam muss von der Bühne verschwinden und durch Samantha ersetzt werden – rund um die Uhr! Aber wie bringt man das den Erwachsenen bei, die von der Aktion “boy2girl” bisher nichts wussten?

Es ist mal wieder so weit: Alice zerreißt ein Buch. Ich wusste, dass boy2girl mich enttäuschen und wütend machen würde, kaum dass ich Cover und Klappentext gesehen hatte, und ich wurde leider bestätigt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – habe ich dieses Jugendbuch beim letzten Besuch in der Buchhandlung gekauft. Kinder- und Jugendbücher, die sich der Geschlechterthematik gleich welcher Couleur annehmen, sind immer noch rar gesät, und gute Vertreter ihrer Gattung sind seltener als schwarze Perlen. Vielleicht wollte ich deshalb bei der Lektüre von boy2girl unbedingt positiv überrascht werden, wollte sehen, dass das Buch es besser macht, nicht zuletzt, weil Terence Blacker für den Roman den Angus Book Award bekam und der Verlag (Gulliver / Beltz) es in der Rubrik Schullektüre unter dem Stichpunkt “Geschlechtertausch” führt. Zumindest unter anderem, aber dazu später mehr. Leider kommt das Buch dann aber letztendlich über eine Mischung aus “Charlys Tante” und “Die Lümmel aus der letzten Bank” nicht wirklich hinaus. Und das ist wirklich schade, denn wie bereits eingangs erwähnt, sind gute Bücher zu der Thematik nicht gerade einfach zu finden. Der Fairness halber ist das Thema “Geschlechtertausch” aber auch nicht wirklich leicht umzusetzen – gerade Männer, die zu Frauen werden müssen, haben in unserer Gesellschaft immer noch eher Comedy-Potenzial, während man das Wachsen am Geschlechtertausch lieber Frauen wie Mulan überlässt, die sich als Männer ausgeben. Diesen irgendwie unauslöschlich in den genetischen Code der Dramaturgie gegossenen Naturgesetzen folgt leider auch boy2girl.

Nun taugt eine Geschichte recht wenig ohne ihre Charaktere, und auch hier muss man leider sagen, dass diese flachen Abziehbilder von Figuren einfach zu schwach sind, um den ohnehin extrem dürftigen Plot zu tragen, und sich im Laufe der Handlung auch kaum wirklich verändern. Was an Veränderung stattfindet, wird mal eben überhastet in Nebensätzen rausgehauen und damit scheinbar zur absoluten Bedeutungslosigkeit degradiert. Lernen Sam und Matt etwas aus der Geschichte? Verändert sich Matts Beziehung zu Sam, zu seinen Eltern, zu den Zicken? Kommen Tyrone und Jake mit ihren Eltern, mit Sam, mit Matt, mit den Zicken besser klar? Ja, das berühmte Verwechselungsspielchen um Sam und Samantha, der zwischendurch auch mal zu Simon und Simone wird, ganz wie es die Handlung braucht, sorgt in der typischen Manier solcher Komödien für einiges an Verwirrungen und Chaos. Dass Matts Eltern nichts merken, gut, das kauf ich noch, Eltern sind häufig ein bisschen realitätsfremd und betriebsblind ihren Teenager-Kindern gegenüber. Dass aber die Rektorin, die dem Buch zufolge klar einen Jungen namens Sam erwartete, beim Auftauchen eines Mädchens namens Sam nicht mal ganz flott bei Familie Burton anruft und um Klärung des Sachverhaltes bittet – was die ganze Show schon auf Seite 60 gekillt hätte -, macht diese Figur absolut unglaubwürdig. Dass die Eltern, als sie endlich eingeweiht werden, nicht in der Schule anrufen und dort für Klärung sorgen (oder generell mal erzieherisch tätig werden), demontiert auch sie als Autoritätsperson. Überhaupt kommen die Erwachsenen in diesem Buch ziemlich schlecht weg und werden durchweg als klischeehaft unsympathisch und ätzend dargestellt. Aber das war irgendwie zu erwarten in dieser Schublade voller Abziehbilder, in denen der einzig interessante Charakter – Sams Mutter – in einem Nebensatz und einem Autounfall getötet wird.

Reden wir noch kurz über den Stil, in dem das Buch geschrieben ist. Terence Blacker präsentiert boy2girl als eine Art Bericht, in dem jeder Protagonist abwechselnd zu Wort kommt. Manche erzählen die Handlung über mehrere Seiten, manche tragen immer nur wenige Sätze oder sogar nur ein Wort bei, und der Löwenanteil des Erzählens kommt Matt zu. Überhaupt nicht zu Wort kommt hingegen Sam, all seine Betrachtungen, seine Gefühle, seine Motivation bleiben im Dunkeln und werden höchstens von außen beleuchtet, von Menschen, die sich in seine Krise, die Mutter verloren zu haben, nicht einfühlen können. Dadurch bleibt Sam als Figur so undefiniert wie seine Geschlechterrolle in diesem Buch. Wieso er die Mutprobe auf sich nimmt und es scheinbar sogar regelrecht genießt, als Mädchen aufzutreten, wird nie wirklich geklärt. Erst im Finale wird der Vorhang ein winziges bisschen gelüftet, als Sam gesteht, dass er nicht mehr vor seinem Vater davonlaufen will. Denn durch diesen ist er ziemlich früh an Verbrechen und Gewalt und das Recht des Stärkeren gewöhnt worden – und so hat Beltz die Themen Gewalt, Aggressionen, Erwachsenenwerden, Freundschaft und Familie auch direkt mal auf die Liste der pädagogischen Themen geschrieben, obwohl man die Themen – oder ihre Lösung – schon mit der Lupe suchen muss. Überhaupt geht das Buch mit einem guten, plausiblen Schluss sehr spärlich um. Sams Vater zieht mit seiner schwangeren Freundin in die Staaten zurück, Sam bleibt bei den Burtons und macht weiter Musik mit Zia, und die einzige Erkenntnis, die Matt aus der Geschichte zieht, ist, dass der Unterschied zwischen Mann und Frau dem Leben erst die Würze gibt – und diese Erkenntnis wird in einem einzigen Satz so sehr mit dem Holzhammer vermittelt, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, der Autor habe drei Sätze vor Finale festgestellt: “Ach ja, da war ja noch was, was kann man noch kluges zum Geschlechtertausch sagen?”

Ich kann euch leider nicht sagen, welcher Song von den Doors dieses Buch wäre, dafür kenne ich zu wenig von den Doors. Das von Matt vorgeschlagene “Break through to the other side” ist es jedenfalls nicht, dazu fehlt es der Geschichte zu sehr am Durchbruch. Insgesamt bin ich enttäuscht, dass das Buch mich wie vorhergesehen enttäuscht hat, und zornig, dass das Buch mich wie vorhergesehen zornig gemacht hat. Zu gerne wüsste ich, was die begleitenden Unterrichtsmaterialien von Beltz zu dem Schmöker sagen, aber der Download ist nur für registrierte Lehrer erhältlich, und das Buch mit den Unterrichtsmaterialien zu kaufen, das ist es mir dann doch nicht wert. boy2girl kriegt keinen Ehrenplatz neben Luna, nicht einmal neben Finding Alex. Es kriegt einfach einen Platz auf einem der Bretter – und ich werde weiter auf das Jugendbuch hoffen, das sich endlich vernünftig mit dem Thema Geschlechterrollen auseinandersetzt. Auch wenn ich fürchte, dass das niemals geschehen wird.

Terence Blacker: »boy2girl« | ISBN 978-3-407-78973-0 | 283 Seiten | 8,95€ (D)

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