Metamorphose

Wenn Wörter zu Worten werden

Briefe aus Tokyo, Finale (11.11.15)

Umeko: Konban wa, liebe Leser, und herzlich Willkommen zu unserem Reisebericht vom zehnten und letzten Tag aus Tokyo.

Minako: Ume-chan, sag doch bitte nicht so furchtbare Dinge. Sag mir lieber, womit wir uns heute von unserem Abschiedsschmerz ablenken.

Umeko: Also, wir werden sicher noch ein letztes Mal die Geschäfte unsicher machen und auch einen letzten Okonomiyaki essen gehen. Aber vorher steht eine Fahrt nach Ome an.

Minako: Wir sind hier so weit draußen, dass die Minako Line nur noch mit vier statt elf Waggons fährt. Also, was gibt es hier? Wandern wir?

Umeko: Gewandert bin ich hier vor drei Jahren tatsächtlich, rund um den Mitakesan. Aber heute geht’s nur in ein weiteres Eisenbahn-Museum.

Minako: Das wirft zwei Fragen auf. Erstens, willst du mich verkohlen? Und zweitens, wie haben die komplette Züge diese Hügel hinauf bekommen? Gibt’s da einen Schienenanschluss?

Umeko: Zu deiner ersten Frage: Nein, das ist mein Ernst, aber es ist auch nur ein kleines Museum, wir sind vor allem wegen der Landschaft hier. Und zur zweiten Frage: Warte es ab.

Minako: Ist ja schon echt schön hier. Nicht ganz so einsam wie der Takao-san, aber auch kein Stadtgebiet. Aber selbst hier gibt’s Hochhäuser.

Umeko: Darum kommst du nicht herum. Japan ist ein kleines Land. Was denkst du, wieso sie mit gomi künstliche Inseln aufschütten. Oh! Gib auf die Spinne acht!

Minako: Verdammt, ist das ein riesiges Viech! Das Foto müssen wir aber hinter einen Spoiler packen.

ACHTUNG!!! Es folgt ein Spinnenfoto! Öffnet diesen Link nur, wenn ihr glaubt, damit klar zu kommen! Ihr seid gewarnt!

Umeko: Minako, du bist weiß wie die Wand. Hast du Arachnophobie?

Minako: Nein, geht schon, es ist nur… Ugh, zum Glück gibt’s auch schöne Blumen in diesem Land.

Umeko: Dieser Friedhof ist auch sehr hübsch. Schau nur, wie er sich in den Hang schmiegt und den Berg hinauf schwingt.

Minako: Das ist ziemlich faszinierend. Oh. Ich glaube, ich kann das Museum hören.

Umeko: Wie du siehst, gibt es hier vor allem Dampfrösser. Aber auch diesen Shinkansen hier, in den man rein darf.

Minako: Du schuldest mir aber immer noch eine Erklärung. Ich sehe hier nirgends einen Gleisanschluss. Also wie ist der Shinkansen auf den Berg gekommen?

Umeko: Die meisten Lokomotiven haben sie in Unterbau und Aufbau zerlegt und dann auf Sattelschleppern den Berg hinauf geschafft und mit Kränen zusammengesetzt. Beim Shinkansen war es etwas anders, da haben sie die Drehgestelle gelöst und den Wagenkasten auf Selbstfahrer gesetzt. Danach ist er selber den Berg hinauf gefahren und wurde hier auf die Drehgestelle zurückgehoben.

Minako: Okay, ich gebe zu, Ome war schön, aber das hier ist noch schöner. Ein torii, richtig?

Umeko: Ja, es gehört zum Meiji Jingu, einem Schrein in Harajuku. Wir sind gar nicht weit von der Brücke entfernt, auf der sich sonntags immer die Cosplayer tummeln. Aber es ist Mittwoch, also gehen wir lieber in den Schreingarten.

Das ist das Teehaus, in dem immer noch gelegentlich Teezeremonien abgehalten werden. Aber heute ist es mal wieder geschlossen, wie’s aussieht.

Minako: Schade. Das hätte ich mir zu gerne angesehen.

Aber die Seerosen sind wunderschön.

Umeko: Wir sind leider etwas zu spät gekommen. In diesem Garten gibt es einige Bereiche, die der Zucht seltener Pflanzen gewidmet sind. Ich wundere mich, dass wir überhaupt noch Seerosen zu sehen bekommen. Normalerweise sind sie im November bereits im Winterquartier.

Minako: Ich bekomme gerade ernsthafte Flashbacks zu Crimson Butterfly. Ein uralter Waldweg, ein abweisendes Hinweisschild und zwei Mädchen, die ganz alleine unterwegs sind, während es dämmert. Rieche nur ich ein Horror-Klischee?

Umeko: Der ganze Schreingarten ist voller Touristen aus aller Herren Länder, und im Schrein selber findet gerade eine Shinto-Hochzeit statt. Also ja: Ich fürchte, du bist die einzige, die das gruselig findet.

Das ist Kiyomasas Brunnen. Du erinnerst dich sicher daran aus meinem letzten Bericht.

Minako: Unglaublich, wie klar das Wasser ist. Und auch hier hört man nichts mehr von der Stadt. Ohne die Touristen wären wir hier wirklich ganz alleine.

Umeko: Ich sag’s ungerne, Minako, aber streng genommen bist auch du „nur“ eine Touristin. Und sogar ich, meiner Wurzeln zum Trotze, bin nur als Touristin hier.

Minako: Das ist sie also? Die letzte Yamanote-Fahrt, die wir in diesem Urlaub hinter uns bringen werden?

Umeko: Ja. Aber sieh es doch auch mit einem lachenden Auge: Du hast unglaublich viel erlebt, um das dich viele Menschen beneiden werden. Ohne Herrin hättest du all das hier niemals gesehen. Das ist echt verdammt viel für zwei so kleine Puppen wie uns.

Minako: Apropos, was machen wir mit Herrin? Sie starrt schon eine ganze Weile nur auf den See.

Umeko: Geben wir ihr noch etwas Zeit. Bei unserem letzten Besuch hat sie ihr komplettes Leben überdacht. Dieses Mal wird Tokyo ähnliche Ergebnisse zeitigen. Aber das muss sie an diesem Punkt alleine lösen, da kann ihr niemand helfen.

Goodbye, farewell & amen. Es war schön hier.

Briefe aus Tokyo, Tag 9 (10.11.15)

Stitch: Kleine Puppenmädchen packen, also Stich schreibt Bericht.

Umeko: Machst du das auch ordentlich, du Fellknäuel?

Stitch: Ha!

Umeko: Wehe, wenn nicht. Dann hetze ich das Tanuki auf dich.

Stitch: Ist Tempel in Wald.

Umeko: Wirklich? Das ist der Seishouji Tempel in Minato, vielleich einen halben Kilometer zu Fuß vom Hotel entfernt. Er liegt in der Nähe des NHK-Museums, das wir eigentlich besuchen wollten, leider hatte es aber wegen Renovierung geschlossen.

Stitch: Ha. Tempel.

Ist Zug.

Minako: Das übernehme ich, kümmer du dich um die Disney-Becher, Ume-chan. Das ist die Ginza Line. Mit ihr sind wir vom Seishouji nach Ginza gefahren. Und ganz ehrlich, so langsam kann ich bei „Wetten, dass..?“ mitmachen. Wetten, dass ich alle Stationen im Streckennetz Tokyos an der Musik erkenne, die gespielt wird, wenn sich die Türen schließen?

Stitch: Ha. Musik.

Umeko: Ich halte das nicht aus. Stitch, weiterpacken. Minako, Jacke, mitkommen. Wir gehen jetzt zum Kyu-shiba-rikyu Garten.

Minako: Ich kann einfach nicht glauben, dass dieser Garten nur einen Steinwurf von der S-Bahn-Station entfernt liegt, an der wir immer in die Yamanote einsteigen.

Umeko: Der Garten ist ein Kulturerbe und einer der ältesten noch erhaltenen Gärten, die in der Edo-Zeit einem daimyo, einem Fürsten gehörten.

Er ist in verschiedene Themenbereiche unterteilt und wird im Zentrum vom Dai-Sensu dominiert, ein ungefähr 9.000 Quadratmeter großer künstlicher See, der damals eine Anbindung zum Meer hatte und darum den Gezeitenhub mitmachte.

Minako: Ja, nur heute ist das hier eindeutig Süßwasser, denn ich habe vorhin Koi gesehen. Die sind Süßwasserfische.

Umeko: Gar nicht schlecht, Minako. Du überraschst mich immer wieder. Komm, wir stellen uns eine Weile im Azumaya unter, bis der Regen ein wenig abgeebbt hat.

Minako: Weißt du eigentlich, wie sehr ich es an dir liebe, wenn du mir Sachen erklärst, ohne mich dabei wie ein kleines blondes Dummchen dastehen zu lassen? Du behandelst mich mit Respekt, das freut mich immer.

Umeko: Manchmal fällt mir das schon ein wenig schwer, muss ich gestehen. Aber weißt du, wie das Plüschviech sagen würde, du bist letztendlich immer noch ohana für mich. Und damit werde ich dich beschützen – wenn es sein muss, bis zum letzten Atemzug.

Minako: Das hast du schön gesagt, Ume-chan. Die Wortwahl macht mir zwar Angst, aber ich freue mich auch.

Du bist so still, Ume-chan.

Umeko: Ist schon in Ordnung, Minako. Mach dir keine Gedanken. Ich bin nur ein wenig nachdenklich.

Minako: Du wirst Japan vermissen, wenn wir wieder in Deutschland sind, nicht wahr? Weil es deine Heimat ist?

Umeko: …manchmal bist du einfach zu schlau.

Minako: Es wird schon dunkel, und der Regen hat nachgelassen.

Umeko: Ja. Der Park wird bald schließen. Lass uns aufbrechen.

Minako: Lass uns Udon Soba essen gehen. Ich lade dich ein. Was immer Stitch für ein Chaos angerichtet hat, wird nicht weglaufen.

Umeko: Einverstanden. Machen wir Schluss für heute. Ein letzter Tag verbleibt uns ja noch.

Minako: Also dann, liebe Leser. Hier gibt’s nichts mehr zu sehen. Den Abend wollen Ume-chan und ich für uns – ihr versteht das sicher. Bis morgen!

Briefe aus Tokyo, Tag 8 (09.11.15)

Umeko: Konban wa, minna! Schön, euch alle wieder an Bord begrüßen zu dürfen, wenn wir den 8. Tag unseres Japan-Urlaubs in Angriff nehmen!

Minako: Auch von mir ein fröhliches Hallo! Heute geht’s ins Disney Resort Tokyo, richtig?

Umeko: Mit einem kleinen Umweg über Tokyo Station, wo wir in die Keiyo Line umsteigen, die uns nach Maihama bringen soll.

Minako: Es gibt, glaube ich, nur zwei Arten Menschen auf der Welt: Jene, die Disney lieben und jene, denen es eher egal ist. Zu welcher Gruppe gehörst du, Ume-chan?

Umeko: Ich habe keine sonderlich stark ausgeprägte Meinung über Disney, aber ich bin neugierig und glaube, dass du deinen Spaß haben wirst. Das reicht mir.

Auch wenn es mir durch den amerikanischen Weihnachtskitsch wirklich schwerfällt.

Minako: Da wirst du nicht drum herum kommen, du Spaßbremse. In Disneyland beginnt heute nämlich die Weihnachts-Saison, und das heißt: Kitsch as kitsch can.

Umeko: Meinen Landsleuten scheint es wenigstens zu gefallen. Und vielleicht komme ich ja auch noch in Stimmung. Wohin also als erstes, Schatz?

Minako: Na, nach hinten aus der Main Street heraus…

…und einen Blick auf Cinderellas Schloss werfen! Es ist schließlich eines der ikonischen Gebäude Disneys.

Umeko: Der Himmel sieht ziemlich bedrohlich aus. Es ist zwar warm, aber ich hoffe wirklich, es bleibt auch trocken. Lass uns lieber losgehen.

Minako: Erster Halt: Adventureland!

Umeko: Und auch hier haben sie alles auf Weihnachten getrimmt. Das wird wirklich eine Geduldsprobe in Ruhe und Sanftmut für mich.

Minako: Ach, du kannst doch gar nicht böse werden. Guckie, da hat sich ein Stitch versteckt. Huhu, Stitch!

Umeko: Lass ihn bloß in Ruhe, sonst wirst du den nie wieder los.

Minako: Lass uns ein paar der Fahrgeschäfte nutzen, solange das Volk noch bei der Weihnachtsparade auf der Main Street ist.

Umeko: Einverstanden. Aber halt dich fest. Du weißt, dass Puppen nicht gut schwimmen!

Minako: Naaaaaaants ingonyama bagithi Baba!

Umeko: Der Fairness halber: Es ist von Disney. Sonst würde ich dich jetzt bremsen.

Minako: Spaßbremse!

Umeko: Entschuldige, für mich sind es eben die kleinen Details, die diesen Besuch ausmachen. Ist dir mal aufgefallen, wie genau hier alles geplant ist? Bei Odaiba hast du dich noch beschwert, es sei dir zu künstlich.

Minako: Im Gegensatz zu Odaiba vergisst du im Disneyland aber schnell, dass die Sachen bis ins kleinste Detail durchgeplant sind. Es wirkt einfach organisch.

Guck dir zum Beispiel das Baumhaus der Schweizer Robinsons an. Natürlich ist das komplett künstlich errichtet, du kannst das Plastik sogar fühlen. Aber es wirkt alles sehr stimmig, weil Leute daran gearbeitet haben, die eine Illusion verkaufen wollten.

Umeko: Minako, ich bin aufrichtig beeindruckt.

Weihnachten macht scheint’s auch vor dem wilden Westen nicht halt.

Minako: Schade, dass Thunder Mountain und die Dampfeisenbahn gerade renoviert werden. Darauf hätte ich jetzt Lust, zumal man von der Eisenbahn echt was vom Park zu sehen kriegt.

Na gut, dann müssen wir wohl den Mississippi-Raddampfer aus Tom Sawyers Themenbereich nehmen. Das macht sicher auch Spaß.

Umeko: Schon wieder Wasser. Nun gut. Gehen wir es an.

Minako: Da hängen ja überall Rettungsringe, und du kannst auch keinen Schritt tun, ohne auf einen Park-Angestellten zu treten, also denke ich mal, wir werden es überleben.

Umeko: Endlich. Das Festland hat uns wieder.

Minako: Siehst du? Das war gar nicht so schlimm. Und zur Belohnung gehen wir jetzt in Cinderellas Schloss und gucken uns die Geschichte ihrer Inthronisation an.

Umeko: Auch hier sind die Details wunderschön. Diese Mosaike zum Beispiel sind unglaublich detailliert und erzählen Dornröschens Geschichte.

Minako: Dornröschen? Das heißt hier Cinderella, Ume-chan!

Umeko: Na gut, ehe die Disney-Polizei mich lyncht: Cinderella. Was ich sagen wollte: Weil ihr Schloss ohnehin ein künstliches Bauwerk ist, fällt nicht so ins Gewicht, dass auch das Design absolut künstlich ist. Anders als bei der Natur.

Minako: Mag schon sein, aber letztendlich geht man doch nicht ins Disneyland, weil man einen besonders schönen, natürlichen Park besuchen will.

Umeko: Wohl nicht, nein. So. Ruhe jetzt, wir werden gleich zur Königin vorgelassen.

Beide: Herrin?!

Minako: Ich bin grad unsicher, was das Protokoll verlangt: Müssen wir vor ihr knien?

Umeko: Ich hab noch nie aus freien Stücken vor ihr gekniet, ich fange sicher nicht heute damit an. Verschwinden wir lieber, ehe sie uns entdeckt.

Minako: Endlich draußen aus dem Schloss. Oha! Wir sind im Wunderland gelandet.

Umeko: Kein Wunder, dass Herrin auf dem Thron saß. Wenn man das japanische „Arisu“ außer Acht lässt, dürfte sie heute die einzige hier im Park sein, die wirklich und wahrhaftig „Alice“ heißt.

Minako: Ich kriege langsam Hunger. Können wir was essen?

Umeko: Wir können ja die freundliche Katze hier fragen. Die Wegweiser sind jedenfalls keine Hilfe.

Minako: Ob du mit der Katze wirklich so viel mehr Glück haben wirst?

Umeko: Siehst du, die Grinsekatz war doch wunderbar kooperativ.

Minako: Ich hoffe nur, sie erholt sich wieder von dem Judo-Griff, den du bei ihr angewandt hast.

Umeko: Das wird schon wieder. Iss lieber dein Dessert, das du unbedingt haben wolltest.

Minako: Ich finde ja super, dass man diese Tasse und den Kuchenteller als Andenken behalten darf und dass sie sogar Knackfolie bereithalten zum Einpacken. Das macht Disney aus.

Umeko: Schade. Es hat zu Regnen begonnen. Da müssen wir wohl die Zelte abbrechen hier im Wunderland.

Minako: Habe ich da eine Spur von Bedauern gehört in deiner Stimme? Ume-chan, hast du am Ende etwa Spaß gehabt mit all dem Glitzerkitsch?

Umeko: Nein, keinesfalls! Na gut, ein bisschen. Es ist aber auch schwer, sich diesem durchorganisierten Vergnügungs-Imperium zu entziehen. Vielleicht gucke ich sogar Mulan. Aber ein Fan werde ich eher nicht.

Minako: Das finden wir einen guten Anfang. Nicht wahr, Tinkerbell?

Umeko: Ach, Mina-chan. Es gibt so Tage, da hab ich dich echt sehr gern.

Minako: Sonst nicht so?

Umeko: Doch, sonst natürlich auch.

Minako: Endlich wieder im Hotel. Man, die Züge waren vielleicht voll, weg vom Park. Aber sag mal, hattest du auch den Eindruck, dass wir verfolgt werden?

Stitch: Meega, nala kwishta!

Beide im Chor: Aaaaaaaaaah!

Umeko: Gute Nacht, liebe Leser, und bis morgen! Halt ihn von der Kettensäge fern, Minako!

Briefe aus Tokyo, Tag 7 (08.11.15)

Minako: Hallo, liebe Leser! Wir sind heute am siebten Tag unserer Reise schon wieder unterwegs.

Umeko: Ja, allzu viel Ruhe gönnen Herrin und ihr Begleiter sich nicht.

Minako: Leider ist das gute Wetter der letzten Tage heute wie vom Wetterbericht vorhergesagt umgeschlagen. Es regnet und ist bitterkalt. Darum werden wir heute ein paar Tausend Yen in die japanische Wirtschaft buttern. Ume-chan, wie heißt das Kaff, wo wir hinfahren?

Umeko: Die Station heißt Ochiai-minami-nagasaki, aber das Viertel gehört zu Shinjuku.

Minako: Shinjuku, na klar. Shinjuku sind Hochhäuser und glänzende Fassaden und Geschäfte.

Umeko: Das täuscht, Minako. Auch das hier ist Shinjuku, nur halt nicht die Glitzerwelt an der S-Bahn-Station, die man normalerweise zu sehen bekommt.

Minako: Und was treiben wir hier?

Umeko: Herrin und ihr Begleiter werden ins KATO Hobby Center gehen und Modelleisenbahnen kaufen, denke ich. Wir werden uns wohl besser ausklinken und erst in Akihabara wieder melden. In den meisten Geschäften darf man eh nicht fotografieren.

Minako: Kaum zu glauben, dass es uns gelungen ist, diesen Dollce-Store zu finden.

Umeko: Ja, der war wirklich gut versteckt. Er ist allerdings auch ziemlich winzig, vielleicht so groß wie ein kleiner Übersee-Container.

Minako: Na, wenn du dich da mal nicht verschätzt. Fotografieren verboten, nehme ich an?

Umeko: So ist das leider. Aber es gibt eine Ausnahme: Im Azone Store darf man die Ausstellungsvitrinen ohne Blitzlicht fotografieren. Also folgt jetzt ein Haufen Fotos von eben diesen Vitrinen. Viel Spaß, und wir sehen uns später wieder.

Umeko: Mittlerweile sind wir nach Daimon zurückgekehrt und haben uns bereits bei einer heißen Nudelsuppe gestärkt. Jetzt werden wir ins Hotel zurückkehren und unsere Füße ausruhen.

Minako: So schön der Tokyo Tower in den tiefhängenden Wolken auch aussieht, ich hoffe wirklich, dass das Wetter wieder aufklart.

Umeko: Schau doch schon einmal im TV, was für morgen angesagt ist.

Minako: Das kann ich sogar, die Schriftzeichen für Tokyo kenn ich nämlich mittlerweile. Das sind die beiden Pagoden, von denen die linke ein geschlossenes und die rechte ein offenes Fenster hat.

Umeko: Du hast komische Umschreibungen, wirklich. Aha, es soll also 23 Grad geben und irgendwo zwischen Quellbewölkung und Schauern alles drin haben. Das könnte ungemütlich werden.

Minako: Schau, Herrin hat schon ihre Sachen für morgen rausgelegt. Denkst du, sie nimmt uns krumm, wenn wir damit ein bisschen spoilern, was unsere Pläne für morgen sind?

Umeko: Was sie nicht weiß… Aber nun gut, es wird ein anstrengender Tag, also lass uns hier mal schließen. Sayounara, minna, und bis morgen!

Minako: Ja, bis morgen! Wir freuen uns auf Eure Kommentare!

Briefe aus Tokyo, Tag 6 (07.11.15)

Umeko: Konban wa, all ihr Leser da draußen! Minako und ich sind schon wieder unterwegs, diesmal mit der Keihin Tohoku Line nach Omiya.

Minako: Wie lange wird das ungefähr dauern?

Umeko: Oh, eine knappe Stunde werden wir an unser Ziel brauchen. Von Omiya nehmen wir noch das New Shuttle für eine Station.

Minako: So langsam kann ich keine Eisenbahnzüge mehr sehen. Ich glaube langsam, wir verbringen die Hälfte unseres Urlaubes auf der Schiene!

Umeko: Dann fürchte ich, dass du an unserem heutigen Ausflug nicht viel Freude haben wirst. Wir fahren nämlich in das Eisenbahn-Museum in Omiya.

Minako: Nicht schon wieder ein Museum. Haben die auch Dinosaurier?

Umeko: Nur wenn du Dampflokomotiven wie diese C57 als Dinosaurier der Schiene betrachtest. Im Einsatz war sie von 1937 bis 1953, und sie zog vor allem Personenzüge.

Minako: Dampflokomotiven haben wenigstens Charakter. Das Schnaufen, der Dampf, die Glocke und generell die ganze Optik – da glaubt man einfach, dass sie leben und atmen.

Umeko: Dann wird dir dieser Personenwagen des Fuji Express gefallen.

Minako: Ja, das war noch eine Reise in Stil. Guck dir nur mal all diese liebevollen Details und die warmen Farben an! Heutzutage wäre das eins-fix-drei von Vandalen zerlegt.

Umeko: Die EF58 war von 1946 bis 1984 als Schnellzug-Elektrolokomotive im Einsatz, und kurz vor der Gründung der JNR wurde sie auch vielfach als Güterzuglokomotive „missbraucht“. Diese hier wurde 2000 im neuen Farbschema blau und creme lackiert und erhielt ihre ursprünglich braune Farbgebung, als sie 2007 hier ins Museum kam.

Minako: Ich mag vor allem das Emblem vorne auf der Spitze.

Umeko: Das hatten viele Züge, wie zum Beispiel der Kassiopeia oder der Fuji, den wir gerade gesehen haben. Oben in der Ausstellung gibt es sogar ein Stirn-Emblem von „Galaxy Express 999“, obwohl das rein fiktiv ist.

Minako: Ich finde, es gibt Zügen einen Charakter und eine Geschichte. Und das mag ich einfach.

Umeko: Serie 181. Gebaut ab 1964, sind einige der späteren Revisionen noch heute im Personenverkehr im Einsatz.

Minako: Boah. Damit würde ich gerne mal fahren. Da triefen die 60er aus jeder Rundung dieser Nase.

Umeko: Ja, irgendwas haben diese alten Damen an sich, dass wir ihr Design heute als besonders gefällig empfinden. Vielleicht liegt es daran, dass mittlerweile fast alles gleich langweilig aussieht.

Das gilt auch für das alte JNR-Logo. Das Logo der JR East ist zwar alles andere als schlecht, aber dieser metallische Schriftzug signalisiert einfach Geschwindigkeit und Transit auf dem Weg in eine mobile Zukunft.

Minako: Du solltest Werbetexte schreiben, Ume-chan.

Aber du hast natürlich recht. Als man noch nicht mit dem Flugzeug in wenigen Stunden von Hokkaido nach Honshu fliegen konnte, hatte die Eisenbahn einen anderen Stellenwert, und Reisen sollte komfortabel sein. Da war guter Stil einfach wichtig.

Umeko: Für Deutschland mag das stimmen. Aber überleg einmal, welchen Stellenwert zum Beispiel die Yamanote im Alltag des typischen Tokyoters einnimmt. Die S-Bahnen der JR East halten diese Metropole mobil, sie sind der Motor und das Herz Tokyos. Sicher, heute ist das alles funktionaler gehalten, aber die Technik und die Koordination dahinter sind viel wichtiger.

Minako: Die sieht optisch auch hübsch aus. Sie hat ein richtiges Stubsnäschen.

Umeko: Die EF66 wurde 1966 das erste Mal in Dienst gestellt und ist bis heute eines der Arbeitstiere im schnellen Güterverkehr. Heute hat sie oft ein Facelift bekommen und sieht ein bisschen anders aus, aber wie du so schön sagst: Dieses Exponat hat Charakter.

Minako: Ein Kühlwagen mit… einem Beamten-Abteil?

Umeko: Richtig. Solche Zugabteile waren am Zugschluss im Einsatz. Heute wird das meiste in Containern oder Kesselwagen verschickt, und der Computer übernimmt das Sichern des Zugschlusses. Aber du findest immer noch spezialisierte Waggons für Kühlfracht, Schüttgut, Tiere oder Autos. Japan hat sogar einen besonderen Typ Güterwaggon für den Transport von lebenden Fischen. Er enthält Wasserbecken, die von oben berieselt werden.

Minako: Die Nase erkenne ich. Das ist ein Shinkansen.

Umeko: Serie 200, genau gesagt. Es ist schon erstaunlich, dass diese Nase so eine ikonische Wirkung hat. So ziemlich jeder erkennt diesen Zug sofort, obwohl die Series 5, 6 und 7 des Shinkansen heute ganz anders aussehen. Solche kulturellen Besonderheiten und Ikonen faszinieren mich ungemein.

Minako: So. Genug der grauen Theorie. Jetzt will ich das selber probieren.

Umeko: Dieses Modell soll den Unterschied zwischen den einzelnen Schaltstufen verdeutlichen, insbesondere zwischen der Serien- und Reihenschaltung. Mit den modernen Superzügen hat das nicht mehr viel gemein, aber es gibt immer noch ältere Züge und Straßenbahnen, die solche Schaltwerke benutzen.

Minako: Das war gar nicht so langweilig wie ich es vermutet hatte. Wie geht’s jetzt aber weiter?

Umeko: Erst einmal mit dem New Shuttle zurück zur Bahnstation von Omiya und dann mit der Shonan Shinjuku Line runter nach Ikebukuro. Es wird langsam Zeit fürs Mittagessen.

Minako: Hmm… werden wir bedient oder müssen wir unser Essen selber zubereiten.

Umeko: Pack nicht auf die Platte, Schatz, die ist heiß. Das braucht man nämlich für die Spezialität dieses Ladens.

Minako: Das sind Okonomiyaki! Echte Okonomiyaki!

Umeko: Ich wusste, dass ich dir damit eine Freude machen kann. Als Nachtisch habe ich uns Mandelcreme mit Fruchtsirup bestellt. Die wirst du lieben.

So. Wird Zeit fürs Finale. Ich schlage vor, dass wir mit der Yurakucho Line nach Ginza fahren und mit einem kleinen Shopping Trip zur Shimbashi Station den Tag ausklingen lassen.

Minako: Das klingt wie ein guter Plan. Oh. Oh oh! Ume-chan? Der Boden wackelt!

Umeko: Ein Erdbeben! Halt dich fest. Es scheint zum Glück nur ein kleiner Rumpler zu sein, aber jetzt keine Panik, klar? Wir schauen nachher, welche Stärke das hatte. Für heute verabschieden wir uns erst einmal von euch, liebe Leser. Diese Situation ist jetzt wichtiger. Bis morgen! Minako?

Minako: Wääh! Ich zittere am ganzen Körper!

Umeko: Komm, ich beschütze dich. Also, sayounara!

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