Eisscherbe

Die Kirschen erblühten vor den Fenstern der Bibliothek und kündeten davon, dass der Frühling in Kaldenbach nördlich der Wolkenstürmerzinnen Einzug gehalten hatte. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel herab und ließ das Eis auf dem nahen See schmelzen. Die milde Witterung markierte den Beginn der Aussaat in unserer kleinen Siedlung im Norden Myrrahs, und so begannen Elfen, Satyre und Zentauren gleichermaßen damit, die Felder vorzubereiten.

Für mich selber galt dies indes nicht. Anders als meine elfischen Brüder und Schwestern nahm ich nicht in dieser Form am gesellschaftlichen Leben teil. Stattdessen traf man mich immer häufiger in der Bücherei des Dorfes an, wo ich meine Studien der elfischen Geschichte vorantrieb. Dass es in den Hallen voller Bücher angenehm kühl war, betrachtete ich als erfreulichen Nebeneffekt.

»Ich habe euch gefunden, Herrin!«, plapperte meine Assistentin, die kindgroße Eisfee Nyssa in die Stille und unterbrach damit meine Lektüre in Eolais Federstolzens ‘Wohlfeilem Brevier für den reisigen Kaufmann und Abenteurer’. Als Eisfee war Nyssa immun gegen die schweren Winter in Kaldenbach, und ihre zierlichen, eisblauen Flügel widerstanden der beißenden Kälte.

»Selbstverständlich«, erwiderte ich und blickte auf, »ich sagte dir doch, dass ich in die Bücherei gehen werde.«

»Sucht ihr immer noch nach dem Grab des elfischen Kriegsherren Svartwulf?« Nyssa blickte mir über die Schulter und versuchte, Eolais’ Handschrift zu entziffern, aber da sie des Zentaurischen nicht fließend mächtig war, verlor sie schnell das Interesse. »Was steht dort?«

»Nicht viel von Nutzen, fürchte ich.« Ich streckte mich und schöpfte Atem. »Die Encyclica Myrraea ist nicht unbedingt das beste Werk für derlei Nachforschungen. Milady Federstolz nimmt jedoch an, dass Svartwulf sein Leben vor zwei Jahrhunderten in der Schlacht um die Eisbruch-Pässe verlor. Sie schreibt von Spuren, die darauf hindeuten, dass er in einem Grab in der Gegend beigesetzt wurde.«

»Vielleicht solltet ihr eure Suche beim alten Rory Trübeblick fortsetzen?«, schlug Nyssa vor. »Er kämpfte Seit an Seit mit Svartwulf, er könnte also genaueres darüber wissen, ob der Kriegsherr nach seinem Tode in seine Heimat verbracht wurde.«

»Meistens weiß Rory nicht einmal, wo sich seine Beinkleider befinden«, entgegnete ich und kratzte mich am Hinterkopf. Dann jedoch nickte ich und schloss Eolais’ Nachschlagewerk. »Du hast Recht. Es wäre kurzsichtig, ihn nicht zu fragen. Seine Informationen mögen fragwürdig sein, doch er ist ein Kriegsheld und kannte Swartwulf.«


Rory Trübeblick lebte in einer winzigen baufälligen Hütte nahe dem Friedhof, für dessen Bewachung er auch vom Stadtrat beschäftigt wurde, wenngleich diese Aussage vielleicht etwas übertrieben anmutete. Dass der Stadtrat ihm Stelle und Gehalt zuteilte, lag vermutlich eher an seinem Status als Kriegsheld denn an tatsächlicher Befähigung.

Als wir bei Rory eintrafen, saß der alte Elf vor seiner Kate auf einer Bank und schmauchte seine Pfeife. Er zwinkerte Nyssa zu, als er unserer gewahr wurde, und begrüßte uns freundlich. »Ah, Milady Kalla Tiefwasser, eure Hoheit. Und natürlich auch euch willkommen, Milady Nyssa. Was führt euch an diesem Tage zum alten Rory?«

»Wir suchen nach Svartwulfs Grab!«, entfuhr es Nyssa freudig erregt, ehe ich auch nur ein Wort sagen konnte.

»Wirklich?« Rory lächelte amüsiert und hob eine Augenbraue.

Ich räusperte mich und ergänzte: »Ihr habt an seiner Seite gekämpft, ist es nicht so?«

»Ich war einer seiner nächsten Vertrauten, das ist wohl wahr, doch ihr könnt mir glauben, dass ich es kaum mit Svartwulf und seiner mächtigen ‘Eisscherbe’ aufnehmen konnte. Das konnte niemand.«

»Eisscherbe?«, bohrte ich nach.

»Sein treues Langschwert«, erklärte Rory. »Fünf Fuß und aus der feinsten Gletscherjade, die man für Geld kaufen kann. Die Klinge war mit Runen in Zentaurim verziert. Magisch sollte sie sein, erzählte man sich. Der Träger verlor niemals einen Kampf. ‘Eisscherbe’ hasste es, zu verlieren. Aber irgendwann mussten die beiden verlieren. Den Tod betrügt man nicht, auch nicht Svartwulf und seine ‘Eisscherbe’.«

»Ich nehme an, man hat ihn mit seiner Waffe beigesetzt?«

»Das wohl.« Der alte Elf nickte und stopfte seine Pfeife mit frischem Tabak. »Niemand hat die beiden je wieder gesehen.«

»Das Schwert muss sehr wertvoll sein, wenn die Klinge aus Gletscherjade ist«, bemerkte Nyssa nachdenklich. Sie hatte Recht: Gletscherjade, jener hellblaue, beinahe transparente Edelstein mit den weißen Wolkenschleier-Einschlüssen, war nur sehr schwer aus den Wolkenstürmerzinnen abzubauen und zu Schmucksteinen zu verarbeiten, und vollständiger Schmuck war sehr kostspielig, ganz zu schweigen von einer vollständigen Klinge. Und es gab noch einen weiteren Grund, an der Legende zu zweifeln.

»Gletscherjade ist auch nicht robust genug, um dauerhaft als Klinge zu dienen«, ergänzte ich. »Wie verhinderte Svartwulf, dass ‘Eisscherbe’ im Gefecht zerbrach?«

»Er hatte ein kleines Schlachtlied, das er vor jedem Kampfe sang«, erwiderte Rory. »Lud damit die Runen auf. Die Klinge begann zu leuchten, wie die Aurora. Beängstigend, das sag ich euch. Wartet, lasst mich überlegen, ob ich das Lied noch zusammen bekomme.« Er summte, und nach einer Weile rezitierte er:

»Pob taith yn dechrau gyda cam cyntaf
Eisscherbe, fy helpu i weld y llwybr
Ddall fy ngelynion gyda tennyn a chrefft
Gyrru i mewn i nos ddiddiwedd
A byddwn yn fuddugol!
«

»Zentaurim?«, fragte ich überrascht. »Svartwulf war doch ein Elf.«

»Und der stärkste, der mir je unterkam. Besiegte mich unzählige Male im Armdrücken.« Rory nickte. »Aber ‘Eisscherbe’ war nicht elfisch. Das Schwert stammte aus einer satyrischen Schmiede, und die Runen waren von einem Zentauren geschnitzt worden. Um die Magie zu aktivieren, musste Svartwulf auf zentaurisch singen.«

»Ich frage mich, wieso wir vergessen haben, wo sein Grab ist«, sagte ich nachdenklich. »Man sollte annehmen, dass wir wissen, wo seine Gebeine liegen, wo er ein solch bedeutender Kriegsheld der Elfen war.«

»Wenn ihr meinen Rat beherzigen mögt, so lasst Svartwulf in Frieden ruhen. Es gibt Geheimnisse, die besser unerforscht bleiben sollten. ‘Eisscherbe’ ist ein solches Ding.« Rory musterte uns mit seinen beinahe blinden Augen. Dann seufzte er. »Ich kenne diesen Blick, Kalla. Ihr habt nicht vor, so schnell aufzugeben.«

Ich zuckte die Schultern. »Ich denke, wir schulden es den Elfen und auch Svartwulf selber, mehr über ihn und unsere Geschichte zu erfahren. Ich bin kein Grabräuber, Rory. Mein Antrieb ist rein dem Wissensdurst geschuldet.«

»Für die eure mag das zutreffen.« Der alte Elf schnaubte, dann erhob er sich mühsam. »Ich habe da möglicherweise ein Erinnerungsstück, das euch bei eurer Suche helfen mag. Wartet hier.«

Er verschwand in seiner Hütte und ließ uns in der Sonne zurück. Deutlich konnten wir hören, wie er im Inneren durch seine Besitztümer wühlte und dabei zweifelsfrei zahllose Erinnerungsstücke an vergangene Heldentage zutage förderte. Als er zurückkehrte, hielt er einen Gegenstand in der Hand, der entfernt an das dreibeinige Stativ eines Apothekarius erinnerte. In der rostfleckigen Plattform jedoch war ein T-förmiges Stück goldenen Stahls eingebettet, dessen vertikaler Teil mit uraltem Hanf und Stoff umwickelt war.

»Hier«, sagte er und überreichte mir das Artefakt. »Svartwulf selbst gab es mir, als wir uns voneinander verabschiedeten. Vielleicht hilft es euch bei eurer Suche.«

Ich nahm das Dreibein entgegen und untersuchte es. Augenblicklich bemerkte ich die in den Rand der Plattform eingeritzten Nummern. Konnte es sich dabei um Koordinaten handeln, zu zu Swartwulfs Grabe gar? »Danke«, sagte ich. »Dies wird uns eine große Hilfe sein.«


Wir packten unsere Siebensachen und sandten nach unserem Freund Alistair Goldpelz. Dem Satyr gehörte ein fliegendes Schiff, eine dæmonische Drakka namens »Kuss des Morgens«. Ich wusste, dass er dem Ruf des Abenteuers niemals widerstehen können würde, und er bestätigte uns auch, dass die Koordinaten auf dem Dreibein sich irgendwo in den Weiten der Eisbruch-Pässe lagen. Binnen einer Stunde waren wir in der Luft und nahmen Kurs auf die Pässe.

Wir überflogen die kargen Steppen, die größtenteils immer noch mit Schnee bedeckt waren. Nur stellenweise war dieser schon geschmolzen und hatte den Grund in tückisches Sumpfland verwandelt.

Ich hatte jedoch keine Augen für die Schönheit der nördlichen Steppen, denn ich kehrte zu meinen Studien zurück, sobald Kaldenbach hinter uns lag. Immer noch versuchte ich, die Bedeutung des Artefaktes zu verstehen – Handelte es sich um einen Schlüssel? Und wenn ja, wofür? – und Svartwulfs Ballade zu übersetzen. Nyssa leistete mir Gesellschaft, stets um Verbesserung ihrer Lesefähigkeiten bemüht.

»Ich glaube, ich hab’s!«, rief ich schließlich nach mehreren Stunden aus. Dann las ich vor:

»Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt
Eisscherbe, hilf mir, den Weg zu sehen
Blende meine Feinde mit List und Tücke
Vertreibe sie in die dunkelste Nacht
Und wir werden siegreich sein.
«

»Das klingt nach einem weiteren Rätsel«, sagte Nyssa nach einer Weile, die Stirn in Falten gelegt. »Nun, wir werden auch dieses lösen, nicht wahr, Herrin?«

»Richtig.« Ich nickte, auch wenn ich mir dessen im Augenblick nicht zu sicher war. Andererseits lösten sich viele Probleme von selber, wenn man erst einmal am Ort des Geheimnisses ankam. »Ich habe noch mehr herausgefunden. Eolais berichtet, dass Svartwulf eine Frau hatte, die Scharlachfarbene Agapa. Die Encyclica listet sie als eine satyrische Schmiedin.«

»Daraus können wir schließen, dass sie etwas über Waffen wusste«, sagte Nyssa. »Glaubt ihr, dass sie auch ‘Eisscherbe’ geschmiedet hat?«

»Das könnte durchaus sein.« Ich zuckte die Schultern. »Der Text ist nicht eindeutig.«

»Es muss sonderbar gewesen sein, mit ihr verheiratet zu sein, als der Krieg gegen die Satyre und Zentauren begann«, sagte die Fee leise. »Ich frage mich, wie Svartwulf sich gefühlt hat.«

Ich nickte. »Da fragt man sich schon, ob vielleicht nicht alle Legenden über den alten Kriegsherren der Wahrheit entsprachen.«

Ein Schatten fiel auf unsere Notizen. Alistair gesellte sich zu uns. »Macht ihr Fortschritte?«

»Ich glaube, wir haben eine Spur«, erwiderte ich, »aber genaues kann ich nicht sagen.«

»Ich verstehe.« Er nickte und schwieg eine Weile. Dann überreichte er mir sein Fernblickrohr. »Wir werden verfolgt.«

»Hier oben, am Himmel?« Ich erhob mich, trat an das Heck der »Kuss des Morgens« und nahm das Fernblickrohr ans Auge. Ich musste etwas suchen, ehe ich unseren Verfolger schließlich fand, ein fliegendes Schiff, das ich nur allzu gut von vorherigen Abenteuern kannte. »Fiend Harradan!«

»Ja.« Alistair nahm sein Fernblickrohr wieder entgegen. »Er wäre mir beinahe nicht aufgefallen, doch die Sonne hat sich in seinen Segeln gespiegelt.«

»Mam yn ast mangy!«, fluchte ich auf zentaurisch. Wie war er uns diesmal auf die Schliche gekommen? Oder war unsere Begegnung ein Zufall? »Kannst du ihn abhängen, Alistair?«

»Tut mir Leid, Kalla.« Er zuckte die Schultern. »Der Himmel ist wolkenklar, und wir sind beinahe gleich schnell. Er kennt unseren Kurs, und wenn wir ihn jetzt ändern, wird er uns den Weg abschneiden.«

»Du hast Recht«, erwiderte ich seufzend. »Wann erreichen wir die Eisbruch-Pässe?«

Mein Freund blickte zur Sonne und sagte: »Zwei, vielleicht drei Glasen.«

»Dann fahren wir mit unserem Plan fort. Um Harradan können wir uns immer noch kümmern.« Ich war mir sicher, dass es uns gelingen würde, ihn zu überlisten. Es war nicht das erste Mal, dass sich unsere Wege kreuzten – doch diesmal hatte ich Wissen, das er nicht besaß.


Wir bemühten uns, Fiend Harradan in einigen verstreuten Wolken abzuschütteln, doch er blieb uns dicht auf den Fersen, bis wir schließlich unser Ziel erreichten. Mit nur wenigen Minuten Vorsprung landete Alistair die »Kuss des Morgens« nahe der Stelle, an der wir den Zugang zu Svartwulfs Gruft vermuteten.

In dieser Höhe schneite es immer noch. Wir trugen Fuchspelz, um uns gegen den eisigen, schneidenden Wind zu schützen, und doch klapperten wir mit den Zähnen, weil uns die Kälte unter die Kleider fuhr. Wir mussten uns beeilen, wenn wir nicht wollten, dass unser Schiff am Boden festfror.

Wir entzündeten die Gleiris-Kristalle in unseren tragbaren Canhwyllbren und stiegen in die Höhle hinab. Der Grund im Tunnelmund war schlüpfrig von Schnee und Eis, doch nach einigen Schritt war der Boden wieder trocken, sodass wir unseren Weg sicher fortsetzen konnten.

Einige Minuten später weitete sich der Korridor in eine größere Kaverne, die von Gleiris-Kristallen und Glühmoos in dämmriges Licht getaucht wurde. Der Boden wies ein regelmäßiges Muster aus sechseckigen Fliesen auf, die sich von Wand zu Wand spannten. Jede einzelne Fliese trug eine Zentaurim-Rune und war in einer anderen Farbe ausgeführt.

»Dies ist keine natürliche Formation«, sagte ich und war von meinem eigenen Echo überrascht, das vieltausendfach von den Wänden zurückgeworfen wurde. »Wir sind in der richtigen Höhle.«

»Ich beglückwünsche euch zu eurem Fund, Tiefwasser!«, rief eine mir nicht unbekannte Stimme, und ihr Besitzer klatschte langsam in die Hände. Wir wandten uns um und erblickten Fiend Harradan, ein feistes Grinsen auf seinem schmallippigen Mund. Er war in Begleitung von vier Handlangern, die Armbrüste auf uns gerichtet hielten. »Wenn ihr nun beiseite treten würdet, damit meine Freunde und ich uns den Schatz sichern können?«

»An eurer Stelle würde ich nicht weitergehen«, erwiderte ich.

»Bitte«, fügte Harradan hinzu, grinsend wie eine Katze.

Ich zuckte die Schultern und trat beiseite, und mein Gegner nickte einem seiner Gefolgsleute zu. Der arme Tropf senkte die Armbrust und trat – nicht wenig zögerlich – auf die ihm am nächsten liegende Platte. Sobald sein Fuß sie jedoch berührte, schossen blaue Flammen aus dem Boden, hüllten ihn ein und verbrannten ihn unter infernalischem Schreien zu einem Häuflein Asche.

»Eine Falle!« Harradan warf mir einen zornigen Blick zu, aber schnell hatte er sich wieder im Griff. »Milady Tiefwasser, wenn ihr uns dann bitte den Weg weisen würdet?«

Nun war ich in der Klemme: Durch Harradans Einmischung hatte ich noch keine Gelegenheit, über das Rätsel nachzudenken. Ich spürte Angst, und mein Kopf war wie leergefegt. Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht gut unter Stress arbeitete.

»Herrin«, flüsterte meine Assistentin mir ins Ohr. Sie hatte sich in einen Schwarm Glühwürmchen verwandelt, kaum dass Harradan auf der Bildfläche erschienen war. »Ich kenne die Lösung. Erinnert euch an die Ballade von Svartwulf und Agapa!« Sie summte die Melodie und sagte dann: »Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.«

»Pob taith yn dechrau gyda cam cyntaf«, wiederholte ich auf Zentaurim und überlegte, wieso Nyssa die Scharlachfarbene Agapa nicht bei ihrem vollen Namen genannt hatte. »Natürlich!«, rief ich schließlich. »Die erste Rune dieser Zeile gibt die Rune auf der Platte an! Und scharlachfarben ist ein anderes Wort für rot!« Ich tat einen tiefen Atemzug und trat auf die mir am nächsten liegende rote Platte, die die korrekte Rune trug. Nichts geschah, sah man von dem Felsgebirge ab, welches mir vom Herzen purzelte. »Und ich weiß auch, welche Runen als nächstes kommen. Es sind die Anfangsbuchstaben der Verse in Svartwulfs Lied!«

Wir überquerten das Mosaik und durchquerten einen Bogen aus Felsgestein, der über und über mit nordischen Reliefen bedeckt war. Er führte in eine zweite Höhle, deren hohes Dach von massiven Säulen getragen wurde. In ihrem Zentrum stand ein steinerner Sarkophag auf einem Sockel. Unsere Canhwyllbren warfen lange Schatten auf die Wände.

Wir umrundeten den Sarkophag. Harradan deutete mit einem Fingerschnipsen auf seine Gefolgsleute. »Öffnen!«

Wenig überraschend schüttelten die verbliebenen Männer die Köpfe, und die Angst vor weiteren Fallen war ihnen überdeutlich anzusehen. Der Tod ihres Gefährten lag nun wahrlich auch noch nicht so weit zurück, und ehrlich gesagt konnte ich es ihnen nicht verübeln, dass sie weiteren Toden gegenüber abgeneigt waren.

»Das wird euch nicht gelingen«, sagte ich also. Ich war näher an den Sarkophag getreten und hatte den Deckel und seinem Relief näher untersucht. »Der Deckel ist verriegelt. Ihr benötigt einen Schlüssel.«

»Einen Schlüssel?« Mein Gegenspieler zog eine Augenbraue nach oben. »Wenn ihr mich verschaukeln wollt, werde ich euch töten lassen, Tiefwasser.«

Ich schüttelte den Kopf und setzte meinen Tuchbeutel ab, um diesem den Dreifuß zu entnehmen. »Seht ihr diese drei Löcher?«, fragte ich und deutete dazu auf den Steindeckel. »Ich schätze, dass sich der Sarkophag damit entriegeln lässt.«

Harradan entriss mir den Dreifuß und stopfte ihn deutlich ungeduldig in die Löcher, bis er mit einem deutlichen Klicken einrastet. Dann drehte er den Dreifuß, wobei er das T-förmige Objekt in der Plattform als Griff benutzte. Im Inneren des Sarkophags rieb Stein auf Stein, dann glitt der Deckel beiseite.

»Bringt mir Licht!«, befahl Harradan, währenddessen der Deckel auf dem Boden aufschlug. Der Dreifuß löste sich aus seinem Sockel und kullerte in die Dunkelheit davon. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass Nyssa ihm folge, um ihn zu mir zurück zu bringen.

In der Zwischenzeit hatten Harradans Gefolgsleute ihre Canhwyllbren nahe an den Sarkophag gebracht, und wir alle rückten näher an die Kiste, um ins Innere zu spähen. Sie war leer, abgesehen von einer Statue von Svartwulf selbst, die auf dem Grund lag. Sie hatte die Hände gefaltet, als bete er zu unserer Göttin Devana.

»Was soll das?«, knurrte mein Gegner. »Ein weiteres von Svartwulfs Rätseln?«

Ich zuckte die Schultern und sagte: »Vielleicht ist uns jemand zuvor gekommen. Diese Gruft hat seit mindestens zwei Jahrhunderten existiert, und anfangs wussten die Wesen wohl noch, wo sich Svartwulfs Grab befand.«

»Mam yn ast mangy!«, fluchte Harradan zornig. »Die ganze Arbeit für nichts!« Mit einer Geste gab er seinen Männern zu verstehen, dass sie die Canhwyllbren und Armbrüste einsammeln und ihm folgen sollten; eine Aufforderung, der diese nur zu gerne nachkamen. Ehe sich Harradan ihnen anschloss, richtete er ein letztes Mal sein Wort an uns. »Die einzige Genugtuung, die ich aus diesem Fehlschlag ziehe, ist, dass auch ihr nicht in der Lage sein werdet, Svartwulfs Schatz zu bergen!«

Ich wartete sanft lächelnd, bis Harradan und seine Männer die Höhle verlassen hatten. Dann wandte ich mich wieder dem Sarkophag zu.

»Also«, sagte Alistair, »ziehen wir uns auch zurück?«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf und nahm den Dreifuß und das T-förmige Metallstück von meiner Assistentin entgegen. »Weißt du, ich habe Harradan nicht die ganze Wahrheit über Svartwulfs Sarg erzählt. Dahinter steckt mehr. Du hast es auch gespürt, nicht wahr, Nyssa?« Sie nickte. »Harradan mag eine Pestbeule sein, aber er ist auch nur ein kleiner Dieb. Er nutzt Armbrüste und Dolche, wenn er kämpfen muss. Svartwulf war jedoch ein Krieger, und Agapa war eine Schmiedin. Dieses T-förmige Teil ist kein Schmuckstück. Es ist ein Heft.«

»Du redest vom Heft von ‘Eisscherbe’?«, fragte Alistair.

»Bildlich gesprochen, ja.« Ich kletterte in den Sarkophag und inspizierte die gefalteten Hände der Statue. »Wie ich es mir dachte. Hier ist ein Loch zwischen den Händen, welches das Heft aufnehmen könnte.«

Ich platzierte den Schwertgriff über dem Loch, und tatsächlich glitt er ohne Widerstand in die Öffnung hinein. Ein Summen erscholl, und dann entstand unter dem Heft eine Klinge aus blauem Licht. Gleichzeitig ertönte aus dem Schatten das Kratzen von Stein, als sich eine geheime Öffnung in der Wand auftat und den Weg in eine weitere Höhle freigab. Ein gespenstisches blaues Licht schien durch den Spalt.

Sobald die Wand sich nicht mehr bewegte, liefen wir durch die Öffnung und betraten Svartwulfs wahre Gruft. Die Kammer war klein im Vergleich zu den vorangegangenen Höhlen, und in ihre Wände waren Gleiris-Kristalle eingebettet, die alles in sanften hellblauen Schimmer tauchten. Im Zentrum der Kaverne standen auf Podesten in einem leichten Winkel zwei gläserne Sarkophagi. Sie enthielten die toten Körper zweier Personen, die mit den Füßen zur Öffnung lagen. Säulen und Wände waren an den freien Stellen mit Zentaurim-Runen bedeckt, die ebenfalls sanft glühten und vermutlich die Geschichte der hier begrabenen Wesen erzählte. Waffen, Rüstungen, Münzen und Kisten waren auf dem Boden verstreut.

Langsam traten wir auf die Sarkophagi zu, und tatsächlich lag in einem von ihnen der sagenumwobene Kriegsherr Svartwulf. Der andere Körper war eine größere Überraschung. Es handelte sich um eine wunderschöne junge Satyra mit feuerroten Haaren, zweifelsfrei Svartwulfs Gattin, die Scharlachfarbene Agapa. Beide hielten Waffen in ihren gefalteten Händen: Svartwulf die legendäre Klinge »Eisscherbe«, seine Frau Agapa einen gewaltigen Kampfhammer mit einem runenverzierten Kopf.

Wir hatten Svartwulfs Gruft gefunden.


Wir blieben noch für drei oder vier Glasen und erwiesen den beiden toten Helden unseren Respekt. Alistair half mir, so viel von den Runeninschriften an der Wand zu kopieren wie nur irgend möglich. Svartwulfs Schätze rührten wir nicht ab, und auch die gläsernen Sarkophagi öffneten wir nicht. Ihre letzte Ruhe sollte ungestört bleiben, und »Eisscherbe« verblieb im Besitz des Helden.

Als wir in das Atrium zurückkehrten, trat ich an den steinernen Sarg und zog das Heft aus seinem Sockel in den Händen der Statue. Sofort begann die geheime Wand, sich wieder zu schließen. Wir warteten gemeinsam, sahen zu, wie die Wand sich zwischen uns und den Helden schob. Nur wenige Augenblicke, ehe sich der Durchgang schloss, warf ich das Heft und den Dreifuß durch den schmaler werdenden Spalt in die Gruft. Dann schloss sich die Wand und versperrte den Zugang für alle Ewigkeit.

»Wieso habt ihr das getan, Herrin?«, fragte Nyssa.

»Ich habe mich an Rory Trübeblicks Worte erinnert«, sagte ich. »Es gibt Geheimnisse, die besser unerforscht bleiben sollten.« Ich lächelte und nickte gen Ausgang. »Gehen wir. Das Abenteuer ruft.«

Leonie Swann: »Dunkelsprung«

Aber da sind die Dinge. Gerüchte von Gerüchten. Wunder. Unbeschreibliches, nie Geahntes. Nichts Genaues natürlich. Eigentlich gar nichts. Geh nur selbst. Du wirst schon sehen. Nun gut. Sehen wir also…

Der Flohzirkusdompteur und Goldschmied Julius Birdwell fällt an einem kalten Winterabend nach dem Verlust seiner Artistenflöhe in die Themse und überlebt diesen Sturz nur, weil er von einer geheimnisvollen Meerjungfrau errettet wird. Für die Rettung seines Lebens verlangt sie von ihm, dass er ihre Schwester aus den Fängen des geheimnisvollen Professor Fawkes befreit, und damit der arme Bursche sich nicht alleine mit einem wortwörtlich steinalten Magier herumschlagen muss, der es offenbar zu seinem erklärten Hobby gemacht hat, übernatürliche Wesenheiten gefangen zu nehmen und in seinem Varieté zur Schau zu stellen, verweist sie Julius an den Privatdetektiv Frank Green. Der scheint seine ganz eigenen Probleme mit einer undurchsichtigen Vergangenheit zu haben, derer er mithilfe eines Vergessenstherapeuten zu Leibe zu rücken versucht, und schnell fragt sich Julius, ob Green überhaupt fähig ist, ihm bei der Suche nach Professor Fawkes zu helfen. Als dann noch die geheimnisvolle Goth Elisabeth in sein Leben tritt und seine totgeglaubten Flöhe plötzlich wieder zum Leben erwachen und eine sehr eigenwillige Form von Intelligenz entwickeln, finden er und Green sich schnell in einer verwirrenden Geschichte voller mystischer Wesen wieder, deren Motive rundheraus undurchsichtig sind. Was ist das Legulas, das Green bei seinen Nachforschungen bei einer alten Dame findet, und wieso ist Fawkes so scharf auf das Schuppenviech? Sind Elisabeth’ Ziele wirklich so lauter wie sie vorgibt? Und sind es am Ende vielleicht die ganz normalen, mundanen Gefahren, die Schatten ihrer Vergangenheit, die Birdwell und Green das Genick brechen, und gar nicht die fantastischen Wesen aus der Anderswelt? Nur Geduld – wir werden alles zu seiner Zeit erfahren.

„Kann man auch mit Hufen und Hörnern Porsche fahren?“ Dieser Satz aus dem Klappentext war es, wegen dem ich Dunkelsprung gekauft hatte, ohne auch nur irgendwas über Inhalt oder Autorin zu wissen, und ganz ehrlich? Ich hatte das Buch aus dem einzigen Grund gekauft, dass ich es hassen wollte. Spoiler: Ging dann aber nicht, das mit dem Hass. Dabei war ich mir echt sicher: Eine Urban Fantasy Story im modernen London, in der potenziell ein Dämon vorkommt, der dann sicher wieder so überhaupt nicht meinem Bild von Dämonen entspricht, das konnte nur in die Hose gehen, das hatte doch schon Lila Black bewiesen, mit ihren knallroten Zitronendämonen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es schwierig ist, Wesen aus der existierenden Mythologie zu nehmen und „neu“ zu erfinden oder zu interpretieren. Gerade bei bekannten Wesen hat ein Leser oder Zuschauer immer schon ein gewisses Bild im Kopf, eine Erwartungshaltung, wie ein solches Wesen zu sein hat. Hinzu kommt, dass gerade die Fantasy sehr stark von einem gewissen Dualismus aus Gut und Böse lebt, aus der klaren Definition von Held und Antagonist. Mich störte daran immer schon, auch in den alten Heldensagen, dass dem „Monster” unterstellt wurde, keine Motivation für sein Handeln zu haben. Viele Fantasy-Rollenspiele treiben dieses Prinzip auf die Spitze, mit einem straff definierten moralischen Kompass, in dem manche Rassen (Orks oder Dämonen) immer böse sind, mit den Menschen spielen und bekämpft werden müssen, während andere (Elfen oder Engel) immer gut sind und den Helden helfen oder diese sogar stellen. Entfernt man sich zu stark von diesem Bild, läuft man Gefahr, dass der Leser sich von der Figur, die er unter demselben Namen aber mit anderen Merkmalen kennt, entfremdet – wie zum Beispiel bei den funkelnden Vegetarier-Vampiren aus Twilight geschehen, die mit Bram Stokers Dracula streng genommen nur noch das Typenschild teilen. Eigentlich ist das aber ziemlich traurig, weil es sehr spannende Völker zu schmückendem Beiwerk in der Szenerie degradiert.

Nicht so Dunkelsprung, in dem die phantastischen Wesen irgendwo alle ihre Motivation haben oder – wenn sie ein bisschen animalischer sind – ihren nachvollziehbaren Trieben und Lebenszyklen folgen. Wer zum großen Kreis der Hauptfiguren gehört, scheut sich dabei auch nie, seine Kräfte einzusetzen, um sein Ziel zu erreichen, und die Menschen, die in dieser Geschichte mitspielen, stehen gleichermaßen hilf- wie wehrlos vor der großen geheimnisvollen Magie des Anderen Volkes. Diejenigen von ihnen, die sich nicht „normal” verhalten, haben dafür innerhalb der Welt einen durchaus nachvollziehbaren Grund. Aber für keinen von ihnen ist das Ziel so platt und schnell definiert wie „böse sein um des Böse sein Willens”, und das macht die Figuren alle einfach interessant und hebt sie über die Masse eintöniger Abziehbilder ab, die ansonsten Fantasy und Science Fiction (und zunehmend auch ganz normale Belletristik) bevölkern. Das ist aber nicht alles, denn auch die menschlichen Figuren werden nicht zu schmückendem Beiwerk degradiert. Wer in diesem Buch auftaucht, der spielt auch irgendwann eine Rolle – das gilt sogar für die Schnecke, die Frank Green in Rose Dawns Wohnung findet, Julius Birdwells Kundin Odette Rothfield, die einen Ring mit dem Antlitz der Meerjungfrau von ihm kauft oder Mary, eine Patientin aus Franks Therapierunde, die ihm ein Paar Luftsocken schenkt. Es lohnt sich also, aufmerksam zu lesen, weil sich so vieles schon vorab abzeichnet, ohne wirklich vorhersehbar zu sein. Ach was, es lohnt sich generell, Dunkelsprung aufmerksam zu lesen, denn die Sprache und der Stil sind wirklich solide und machen Spaß, ohne unnötige Längen oder Durststrecken zu produzieren. Das ist dann glaube ich auch der richtige Augenblick, um zu gestehen, dass mir Leonie Swann vorher kein Begriff war und dass ich positiv überrascht war, in ihrer Vita zu lesen, dass sie eine Münchnerin ist, die Teilzeit in London lebt – denn das ließ Rückschlüsse darauf zu, dass sowohl die verwendete Sprache als auch das von London gezeichnete Bild so authentisch wie möglich sind.

Am Ende ist Dunkelsprung also zu einem Buch geworden, das ich nicht hassen konnte, obwohl ich es mir wirklich vorgenommen hatte, und das macht mich rückblickend betrachtet echt glücklich. Dunkelsprung enthält keinen klar definierten Schurken, auch wenn man Professor Fawkes während der fast vierhundert Seiten mehr als einmal die Pest an den Hals wünscht für das, was er all diesen wunderbaren mystischen Kreaturen antut. Aber dann stellt sich heraus, dass sogar dieser uralte Mensch eigentlich gar nicht böse oder wahnsinnig ist sondern extrem verletzlich, sensibel und müde. Dass Dinge geschehen sind in seiner Vergangenheit, die er bereut, und dass er manches gerne vergessen möchte so wie Frank Green seine geheimnisvolle Vergangenheit vergessen hat. Am Ende wird er seine Erlösung erhalten, eine Meerjungfrau wird befreit und ein Porsche erleidet einen Totalschaden, weil das mit Hufen eben doch alles nicht ganz so einfach ist. Am Ende werden die Menschenwelt und die Anderswelt ein ganz kleines bisschen Frieden finden, ein Miteinander statt eines Nebeneinanders, eine wundervolle warme Schnittmenge. Und wenn ihr das Buch lest, was ich euch nur ans Herz legen kann, wird euch am Ende vielleicht sogar bewusst, wieso ich so unglaublich auf Milch stehe – und wieso ich mich trotzdem unglaublich darüber gefreut habe, als Elisabeth ihre Milch erbrach.

Leonie Swann: »Dunkelsprung« | ISBN 978-3-442-48542-0 | 384 Seiten | 9,99€ (D)

Hans

Sie schließt die Wohnungstür ab und steigt, die Reisetasche auf dem Rücken, in den Fahrstuhl. Der Schlüssel fällt klimpernd in ihre Handtasche, zu der Zugfahrkarte, Stuttgart Hamburg mit Rückfahrt. Zu ihren Eltern und ihrem Bruder. Heiligabend feiern und Weihnachten.

Zum Bahnhof nimmt sie die Tram. Es ist voll, die Geschäfte haben bis zum Mittag noch geöffnet, und die Menschen kaufen für das Festessen ein oder die letzten Geschenke oder gehen ein letztes Mal auf den Weihnachtsmarkt. Verkniffen sehen sie aus und gestresst, insbesondere wenn man bedenkt, dass sie heute Abend im Radio dem Kinderchor dabei zuhören werden, wie er Stille Nacht, Heilige Nacht singt. Mit ihrer großen Reisetasche dringt sie in den persönlichen Raum ihrer Mitreisenden ein, spürt, wie sich das bisher ungerichtete Brüten der Umstehenden auf sie bündelt. Sie versucht, sich klein zu machen, aber die Bahn ist zu voll, um verschwinden, sich auflösen zu können.

Der Zug kommt zum Stehen, die Türen gleiten auf, kalte Luft und Feuchtigkeit drängen ins Innere. Die anderen Menschen weichen zurück, wie um vor der Kälte zu flüchten. Der Himmel ist bleigrau, Regen fällt in Bindfäden zu Boden. Über die Köpfe hinweg kann sie sehen, dass am anderen Ende des Wagens ein Penner eingestiegen ist. Sie kennt den Mann vom Sehen, er ist öfter in den Straßenbahnen, um zu betteln. Er ist eine dieser typischen gescheiterten Seelen, die jede große Stadt bevölkern. Er zittert und hat einen Sprachfehler, begrüßt jeden, bei dem er bettelt, und hält den Menschen einen uralten Pappbecher aus einem Steh-Café, der genauso verknittert und zerrissen aussieht wie er, unter die Nase. Sie vermutet, er will nicht aufdringlich sein, doch weil er immer etwas zu lange innehält, sind die Menschen schnell von ihm genervt. Sie gibt ihm immer wieder einmal ein paar Euro, wenn sie gerade Münzgeld in den Taschen hat, und er freut sich darüber, bedankt sich herzlich und zieht dann seiner Wege.

Sie beobachtet ihn. Beobachtet die Menschen um sich herum. Sie sind schwer beladen mit Geschenken für ihre Lieben, mit Lebensmitteln aus dem Supermarkt für das Weihnachtsessen. Sie weisen ihn ab oder ignorieren ihn, blicken demonstrativ zur Seite oder stecken sich Kopfhörer in die Ohren. Sie wollen ihn nicht wahrnehmen. Und sie weiß, dass auch sie nicht viel anders war.

Ändert sich etwas, wenn man einem Bettler hilft? Wandelt sich die Welt zum Guten, oder ist diese kleine Geste eigentlich nur dem eigenen Egoismus geschuldet, dem Gefühl, doch kein ganz schlechter Mensch zu sein? Sie weiß: Viel hätte nicht gefehlt, und sie hätte Weihnachten an seiner Seite gefeiert, unter einer Brücke mit Wein aus dem Tetrapack, einer aus Abfällen gedrehten krummen Kippe und dem miesesten Hamburger aus dem Fast Food-Laden, den man für einen Euro kriegen kann. Sie hatte Glück, hat eine Familie, die sie unterstützt, hat eine Chance bekommen. Er hatte keins. Das unterscheidet sie. Nicht seine kaputte, für das Wetter unpassende Kleidung, sein verfilzter Bart, sein Geruch nach Dreck und Schweiß, seine tief in den Höhlen liegenden Augen. Sondern ein metaphysisches, ungreifbares Konzept, Umstände, zur richtigen Zeit die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hätte auch anders laufen können.

Er hat sie erreicht, sagt seinen Satz: Guten Tag, haben Sie vielleicht Kleingeld für was zu essen? Seine Aussprache ist undeutlich, sein Tick ist heute stärker, er verschluckt die Silben.

Sie antwortet nicht direkt. Ihre Hand schließt sich um die Fahrkarte in ihrer Manteltasche, das Ticket für den Inter City nach Hamburg zu ihrer Familie. Ihr Blick schweift zum Fenster hinaus, dunkel und nass ist es, Laternen und Scheinwerfer spiegeln sich in den tiefen Pfützen, deren Oberfläche vom Regen aufgewühlt wird. Er deutet ihr Verhalten als Ablehnung, wendet sich resigniert ab.

Sie fasst einen Entschluss. Die Hand schießt aus der Manteltasche und umschließt sein schmutziges, ausgemergeltes und vernarbtes Handgelenk.

Warte, sagt sie. Wie heißen Sie überhaupt?

Er wendet sich zu ihr um. Sie kann die Frage in seinen Augen sehen. Sie nimmt zum ersten Mal wahr, dass seine Augen hellgrau sind, wie Wolken eines sanften Sommerregens. Hans, sagt er, Hans Gruber.

Die anderen Menschen starren. Sie ignoriert es. Ich bin Nienke, sagt sie, Nienke Jensen. Blickt über seine Schulter zum Hotel am Bahnhof. Denkt an ihre Eltern. Dann sagt sie: Lassen Sie uns hier aussteigen, Hans. Ich möchte Ihnen was schenken. Es ist schließlich Weihnachten. In Ordnung?

Er antwortet nicht. Lässt sich von ihr durch die Menschen ziehen, an ihrer Hand, ohne Widerstand, wie ein folgsames Hündchen. Der Geruch von Verwesung und altem Schweiß kitzelt ihre Nase. Wie man eben riecht, wenn man sich lange nicht wäscht. Ihre Fahrkarte verschwindet in einem Mülleimer, den Zug wird sie ohnehin nicht bekommen.

Sie betreten das Hotel, gehen zur Rezeption. Pianomusik klimpert unaufdringlich aus verborgenen Lautsprechern. Es ist warm, ein Springbrunnen rauscht, kaum jemand spricht, und der dicke Teppich verschluckt ihre Schritte. Die Frau hinter dem Tresen begrüßt sie und lächelt höflich, aber sie weiß, was sie denkt. Hans ist lethargisch. Seine Kleidung uralt, eine fadenscheinige Jeans, ausgetretene Schuhe, die Jacke von einem Jogginganzug aus Ballonseide, alles andere als dem Wetter angemessen. Sie trägt einen eleganten Hosenanzug, makellose Stiefel und einen warmen Mantel.

Ich möchte gerne ein Zimmer für die Nacht für Herrn Gruber, sagt sie und schiebt der Rezeptionistin ihre Kreditkarte zu. Und senden Sie ihm bitte etwas zu Essen und für die Haarpflege auf das Zimmer. Wenn Sie vielleicht auch einen Mantel und frische Kleidung für ihn besorgen könnten, wäre das auch nicht von Nachteil.

Selbstverständlich, Frau Jensen, sagt die Rezeptionistin und schiebt Hans das Anmeldeformular zu. Bleiben Sie auch in unserem Haus?

Sie schüttelt den Kopf und sagt: Ich werde Herrn Gruber nur helfen, sich einzurichten. Ich muss heute noch nach Hamburg.

Die Rezeptionistin ruft einen jungen Mann in Livree und gibt ihm die Schlüsselkarte zu Hans’ Zimmer. Während sie auf den Fahrstuhl warten, schreibt sie eine Nachricht an ihre Eltern, dass sie sich verspäten wird.

Warum, fragt Hans.

Sie blickt vom Handy auf und sagt: Vielleicht aus egoistischen Gründen, damit ich mich wie ein guter Mensch fühle. Vielleicht aus altruistischen Gründen, damit Sie zumindest für eine Nacht in Würde leben dürfen. Vielleicht aus Schuldgefühlen, weil ich Glück hatte und Sie nicht. Vielleicht bin ich ein Arschloch. Oder ein Engel. Ich weiß es nicht.

Sie zuckt mit den Schultern. Die Lifttüren öffnen sich, und sie betreten die Kabine.

Frohe Weihnachten, Hans, sagt sie und wirft ihm einen Seitenblick zu.

Hans antwortet nicht und weint leise.

Leseprobe »SenseNet liebt dich!«

01> Club Blue

Die Stroboskope tauchten die Tanzfläche in den erratischen Schein zuckender Laserstrahlen, während der DJ die Bässe der Quarz-Lautsprecher so richtig zum Dröhnen brachte. In dem Club, der nach akustischen Gesichtspunkten konstruiert war, verstärkte sich der Ton noch zusätzlich, je weiter man ins Zentrum trat. Am Rand, wo sich die Bar befand, blieb von den sich hektisch durch die unteren Tonlagen windenden Melodien häufig nur noch die Bassline übrig, die sich in den Eingeweiden festsetzte und für ein unterschwelliges Vibrieren im Beckenboden der Gäste sorgte.

Maya, in der linken Hand einen giftgrünen Cocktail, der ein sanftes Glühen abgab, die rechte locker in die Tasche der Anzughose gesteckt, zirkelte durch den Raum. Sie war auf der Jagd, Geronimo Divine, ihr Alter Ego, war auf der Jagd. SenseNet übertrug das sanfte Hintergrundrauschen der Mini Pulses, die aus dem Club abgesetzt wurden, und ließ die vielen kleinen Textschnipsel, Videos und Fotos durch ihr Blickfeld huschen. Ihr war nach einem Abenteuer, und eine der Ladies hier in dem Raum oder draußen in den angrenzenden Etablissements würde heute Nacht das Vergnügen haben, das Bett mit ihr teilen zu dürfen. Es half immer ein wenig, schon im Voraus abzustecken, wer sich besonders als Eroberung eignete, und Social Engineering im SenseNet war ein elementarer Teil ihrer Masche.

Die Mehrheit der Gäste war ganz normales Romy Folk, eine homogene Mischung aller Gesellschaftsschichten, die man zu dieser Tageszeit in einem Club antreffen konnte. Viele der Frauen waren mit ihrem Partner oder Freund hier, und die schieden bereits von vorneherein aus, denn Mayas Spiel fußte nicht darauf, einem Loser seinen Input auszuspannen. Ihr ging es um jene Frauen, die tatsächlich auf ein Abenteuer aus waren, einen One Night Stand wollten, aber trotzdem drauf standen, erobert zu werden. Nur für sie wurde Maya zu dem smarten Gentleman Geronimo Divine, für den es ganz natürlich war, eine Dame zu hofieren und ihr das Gefühl zu geben, dass es nur um sie ging. Schließlich musste sie ihr Ziel nur genauso behandeln, wie sie selbst behandelt zu werden erwartete.

Ein paar der anwesenden Frauen waren echte Celebrities, Life Streamer, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienten, ihr gesamtes Leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen über das SenseNet zu übertragen. Einerseits war das eine unglaublich profane Angelegenheit, und die meisten Fans schalteten nur wegen der mehr oder weniger ausgeprägten sekundären Geschlechtsmerkmale der Protagonistinnen ein. Auf der anderen Seite war das für diese Möglichkeit benötigte Upgrade ihres Adapters auf SenseNet+ (oder SenPro, wie die meisten Menschen das Upgrade nannten) durchaus auch aus anderen Gründen reizvoll, denn es ermöglichte einen noch viel direkteren, schnelleren und vor allem werbefreien Zugriff auf das SenseNet. Man fühlte sich damit nicht einfach nur sinnlich, man fühlte sich übersinnlich. Sei‘s drum – auch diese sogenannten Prominenten waren Maya egal. Diese Sterne hingen in viel höheren Wolken als Sol von hier entfernt war, das Sonnensystem und die Wiege der Menschheit.

Es gab wirklich gute Gründe, das SenseNet zu lieben. Es umspannte die gesamte Expansion, die von Sol ausgehend ungefähr dreihundert Lichtjahre ins All hinaus reichte. Die Einführung des Adapters, der jedem Menschen bei der Empfängnis eingesetzt wurde und mit diesem zu einer Einheit verschmolz, hatte die Menschheit endlich geeint. Durch dieses neue Bewusstsein von Gemeinschaft, dieses Wissens, ein Teil von etwas großem zu sein, war die Kriminalitätsrate innerhalb weniger Monate fast auf den Nullpunkt gefallen. Das war der Startschuss gewesen für eine kulturelle und technologische Entwicklung, wie sie die menschliche Rasse in ihrer gesamten Geschichte nicht erlebt hatte. Grenzen fielen, und man arbeitete geeint daran, den Planeten Erde zu verlassen, über die Notwendigkeit von Arbeit und Geld hinaus zu wachsen, Krankheiten, Hunger, Armut und Hass zu überwinden und das Leben für alle, die in das SenseNet eingeklinkt waren, besser zu machen. Mittlerweile profitierten 22 Milliarden Menschen von den Vorteilen und der Sicherheit, die das System ihnen bot, und die Zahl – und mit ihr die Entwicklung von Wissenschaft, Kunst und Kultur – wuchs beständig weiter.

Um die wenigen Menschen, die tatsächlich noch Ambitionen hatten, gegen die Gesetze zu verstoßen, kümmerten sich die beiden staatlichen Institutionen SecTac und MedicAid. Wurde ein Mensch auffällig, schlug der Adapter Alarm, und die zuständigen Behörden nahmen sich die fragliche Person zur Brust, um zu ergründen, ob sich mit Therapie und Medikation etwas an dem Problem tun ließ. Die meisten konnten ein normales Leben führen. Weggesperrt wurde kaum noch jemand. Und selbst diesen unglücklichen Seelen bot der Adapter eine Möglichkeit, ihrer räumlichen Isolation zum Trotz am sozialen Leben teilzuhaben.

Diese Automatismen betrafen auch vor allem psycho- und soziopathische Störungen. Kleinere Gaunereien konnte man durchaus noch durchziehen, ohne das automatisierte System zu triggern. Wenn man sich nicht erwischen ließ, war so ein abwechslungsreiches und erträgliches Leben möglich – und Maya hielt große Stücke darauf, noch nie erwischt worden zu sein.

Und in die Träume konnte SenseNet dann bei allem Fortschritt auch immer noch nicht hineinsehen – ein Fakt, mit dem auch die Life Streamer nicht sehr glücklich waren, denn weniger Sendezeit bedeutete auch weniger Einnahmen durch geschaltete Werbung.

Maya war in der Zwischenzeit eine der aus papierdünnem Plexiglas gefertigten Treppen zur Empore hinauf flaniert, die den gesamten Raum in etwa vier Metern Höhe einfasste. Laser erzeugten in den Stufen intelligente Lichtspiele, die auf die Besucher reagierten und über eine SenseNet API ihre letzten Mini Pulses und Fotos neben ihre als Schatten zurückbleibenden Fußabdrücke zeichneten. Dazwischen immer wieder Miffys Gesicht, das Mädchen, das mit jedem befreundet war und das magische Mantra wisperte: „SenseNet liebt dich.“ Das Verb war durch ein Icon ersetzt, einen stilisierten Chip inmitten eines Geflechts aus Schaltkreisen mit einem Herzen auf der Oberfläche.

Von der Galerie führten mehrere Türen auf einen das Gebäude umspannenden Balkon hinaus. Dieser bot einen atemberaubenden Blick auf City 17, wie diese Siedlung bei ihrer Gründung wenig einfallsreich genannt worden war. Der Club lag hoch über der Stadt, und überall in der Nähe der ebenfalls aus Plexiglas gestalteten Balustrade, die Besucher vor einem Sturz in die Tiefe schützte, hielten sich intelligente Drohnen auf, die all diejenigen auffingen, denen es trotz der Sicherheitsvorkehrungen gelang, darüber zu klettern. Und das kam, wenn Alkohol und unerfahrene Teens, die ihr Limit nicht kannten, zusammentrafen, leider immer wieder einmal vor.

Maya trat in die Nacht hinaus. Die Luft war angenehm mild und angefüllt mit einem lieblichen Hauch von Vanille. Die Aromaten, die überall in den habitablen Zonen von 51-Andromedae c angetroffen werden konnten, waren ein für diesen Exoplaneten typisches Nebenprodukt des Terraformings, das immer noch im vollen Gange war. Trotzdem hatte das Gouvernement bereits eine weitestgehend autarke Lebensweise auf dem Planeten erreicht. Unsummen waren in die Infrastruktur der zwanzig großen Städte geflossen, um diese zu pulsierenden Metropolen für aufstrebende Startups und aufregende Trendsetter gleichermaßen auszubauen. Knapp über dreißig Millionen Menschen lebten, arbeiteten und feierten in den mit pechschwarzem Glas verkleideten Wolkenkratzern, die sich glitzernd in den stets mit Wolkenschleiern überzogenen Himmel reckten. Die Stadt war ebenfalls von einer künstlichen Intelligenz nach Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit entworfen worden, und so war jede der hoch aufragenden Säulen mit ihren Wohnungen und Geschäften, Büros und Vergnügungsvierteln gleichzeitig auch eine photovoltaische Anlage, die die größtmögliche Menge Energie aus der Strahlung des Klasse K3-III Sterns zu gewinnen in der Lage war. Nachts erstrahlte die Stadt hingegen im Schein unzähliger Lichtquellen. Der Anblick war, zumal auf der Galerie des in schwindelnder Höhe angesiedelten Club Blue, immer wieder atemberaubend, ein schillerndes Lichtermeer, das, alten Sirenengesängen gleich, Verlockung und Erfüllung wildester Phantasien verhieß.

Maya ließ ihren Blick über das anwesende City 17-Volk schweifen. Auf dem Balkon hielten sich vornehmlich Pärchen auf, die in der warmen Nachtluft einander ihre niemals endende Liebe gestanden. Das war natürlich Blödsinn, wie Maya wusste, schließlich war nicht einmal das Universum für die Ewigkeit gemacht, und so manches im Rausch der Vanille und der exotischen Cocktails gemachte Liebesversprechen fand bald ein jähes Ende. Nicht jedoch bei ihr, denn ihr ging es gar nicht um eine feste Beziehung, sondern um den Reiz der Eroberung, das Hochgefühl, wenn das Ziel ihrer aktuellen Begierde neben ihr im Bett lag und sich eingestand, dass Frauen manchmal doch die besseren Liebhaber waren.

Und heute schien sich zunehmend abzuzeichnen, dass das Ziel ihrer Begierde schwarze Haare haben würde. Sie lehnte alleine an der gläsernen Balustrade und blickte in das bunte Schimmern hinab. Sie war ein bisschen größer als Maya und hatte eine schlanke Statur, die von ihrem vorteilhaft geschnittenen Hosenanzug noch unterstrichen wurde. Über die schmalen Schultern trug sie ein winziges Jackett aus einem silbernen High-Tech-Gewebe, wie es wohl bei EVA-Panzern Verwendung fand. Maya gönnte sich einen Blick auf das Profil der Schönheit – alles an ihr schien auf entrückende Weise zu schmollen.

Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Volltreffer.

Sie stellte den Cocktail auf einen metallenen Tisch und trat an die Seite ihres Ziels, wobei sie sich lässig auf den Handlauf der Balustrade lehnte. Eine Weile stand sie nur schweigend dort und warf ihrer Nachbarin bewusst offensichtlich „verborgene“ Blicke zu. Das gehörte zum Spiel dazu. Dann sagte sie: „Mir gefällt, was du mit deinem Gesicht gemacht hast, Milady. Dein Lippenstift, das ist Rose Peaches aus der Herbstkollektion von Chevalier, nicht wahr?“

Die junge Frau schenkte ihr einen langen Blick aus den künstlichsten aquamarinfarbenen Augen, die Maya jemals gesehen hatte. Ihr Gesicht war nicht perfekt, es wies eine gewisse Asymmetrie auf, genau wie sie es mochte. Sie musterte Maya, dann stahl sich die Vorahnung eines Lächelns auf ihre vollen Lippen. „Das ist richtig“, sagte sie. „Ich kenne nicht viele Männer, die den Lippenstift einer Frau mit nur einem Blick erkennen. Gutaussehende Gentlemen wie du sind selten geworden.“ Sie streckte ihre Hand aus. „Ich bin Marigold, sie.“

„Ich heiße Geronimo, er“, stellte Maya sich vor, wobei sie das zu ihrem Alter Ego passende Pronomen verwendete, und nahm die ihr dargebotene Hand, um einen formvollendeten Handkuss zu vollziehen – die Lippen durften den Handrücken der Dame also nicht berühren. „Es ist eine Schande, dass man solch klassische Frauen wie dich nicht mit mehr Respekt behandelt.“

„Du klingst nicht wie die typische Klientel dieses Clubs.“ Erneut musterte sie Maya. „Bei den meisten da drin muss man froh sein, wenn sie das Klo nicht mit dem Waschbecken verwechseln.“

„Ich mag die Musik und die Ablenkung, die mir der Laden bieten“, erwiderte diese leichthin. „Ablenkung vom Tagesgeschäft. Leider verträgt sich mein Musikgeschmack nur wenig mit meinen geschäftlichen Dingen – ich handele nämlich mit Antiquitäten und Artefakten aus Sol.“ Sie winkte ab. „Aber lass uns diesen perfekten Abend doch nicht mit Gesprächen über unsere Jobs ruinieren. Wir sind hier, um uns zu vergnügen, nicht wahr, Marigold?“

Ehe Marigold antworten konnte, stürzte in nur wenigen Metern Entfernung ein schwarzer Schweber aus dem Himmel. Die vier Turbinen, die dort an dem schnittigen Rumpf angebracht waren, wo ein normales Bodenfahrzeug seine Räder hatte, jaulten und brachten die gläserne Fassade des Hochhauses zum Klirren. Die Scheiben waren verspiegelt, und die diversen Lichter, die an Flugmaschinen zur Sicherung Vorschrift waren, blendeten die beiden Frauen und die anderen Besucher von Club Blue auf höchst unangenehme Weise. Überall um Maya und Marigold herum stürzten die Menschen zur Balustrade, doch der Spuk war schon vorbei und der Schweber im Lichtermeer unter ihren Füßen verschwunden.

„Meine Güte“, sagte Marigold und kicherte leise. „Der hatte es ganz schön eilig.“

„Kommt vielleicht zu spät zu einer Party. Die Sicherheit wird sich um ihn kümmern, sobald er unten ankommt.“ Maya zuckte mit den Schultern. Dann bot sie ihrer Eroberung den Arm an. „Darf ich dich zu einem Drink an der Bar überreden?“

„Ich dachte schon, du würdest überhaupt nicht mehr fragen, G-Man.“


»SenseNet liebt dich!« | ISBN 978-3-7460-3741-7 | 364 Seiten | 12,99€ (D)

Leseprobe »Gefallene Federn«

Die Schriften lehren, dass die Göttin Devana all ihre Kreaturen gleichermaßen liebt: Elfen, Satyre und Zentauren, Feen, Tiere und Pflanzen und ihre Boten, die Angelisken. Über alle Maßen jedoch liebte sie eine ganz besondere Angeliske. Sie hielt diese ihre liebste Botin dicht an ihrer Seite, und nur sie durfte der Einen Göttin nahe sein, sie umsorgen, ihr des Morgens beim Ankleiden helfen, während des Tages an ihrer Seite stehen und des Nachts an ihrem Bette wachen.

Dass Devana eines ihrer Geschöpfe gegenüber allen anderen bevorzugte und ihr mehr Liebe schenkte, erzeugte Neid und Missgunst unter ihren übrigen Kindern. Die Angeliske wurde gemieden und geschnitten, und sie war sehr einsam. Doch sie ließ sich nichts anmerken, denn auch sie liebte ihre Schöpferin über alle Maßen und brachte es nicht über das Herz, ihr die Wahrheit zu sagen.

Sie gewahrten nicht, dass die anderen Geschöpfe sich zusammenschlossen und eine gar grausame Intrige ausheckten, die Angeliske nicht, und auch nicht die Eine Göttin. Doch eines Tages fand Devana ihre liebste Angeliske erschlagen im eigenen Blute vor. Die Kinder ihrer Schöpfung, die sie so geliebt hatte, hatten sich zusammengeschlossen und ihr genommen, was ihr am allerliebsten war.

Sieben Tage und sieben Nächte betrauerte Devana ihre verlorene Tochter. Sie strich ihr durch die güldenen Haare und über die ebenmäßig weißen Federn ihrer gewaltigen Schwingen und vergoss viele Tränen, weil die Schmerzen ihr das Herz zu zerreißen drohten.

Am achten Tage jedoch erhob sich die Eine Göttin, bettete ihre liebste Angeliske in einen Sarg aus feinstem Elfenbein und übergab sie den Flammen, auf dass ihre Spirië Frieden finden möge. Nur eine Feder aus den Schwingen, eine Locke ihres goldenen Haares und eine kleine Menge ihres Blutes behielt die Eine Göttin zu ihrem Andenken. Aus der Feder ließ sie von ihrem besten Künstler eine Schreibfeder fertigen, aus den Haaren erschuf der kunstfertigste Goldschmied des Reiches Zierrat und aus dem Blute gewann ihr bester Alchimist eine prächtige dunkelblaue Tinte. Dann bat Devana den Todesvogel Pandur um Splitter der Spirië und fügte diese der Feder und der Tinte hinzu.

Als die Feder und die Tinte fertiggestellt waren, ließ sie sich ein Blatt des feinsten Pergamentes bringen und stellte den Artefakten eine Frage: „Wer hat umgebracht, die mir am liebsten von all meinen Kindern war?“

Die Feder antwortete: „Ihr wart es, geliebte Göttin. Denn Ihr habt den Neid geschaffen und so den Hass in die Schöpfung gebracht.“

Da schleuderte Devana die Feder und die Tinte auf Myrrah hinab und weinte viele Nächte um die, die ihr am liebsten gewesen, aber auch um ihre Schöpfung, die sie durch ihre Liebe verdorben hatte.

Das Artefakt jedoch, geschaffen aus dem geschundenen Leib der Angeliske, ist heute noch als die Drei Schwestern der Wahrheit bekannt, und jedem, der reinen Herzens ist, beantworten sie alle Fragen wahrheitsgemäß.


»Gefallene Federn« | ISBN 978-3-7460-4440-8 | 356 Seiten | 12,99€ (D)