Metamorphose

Wenn Wörter zu Worten werden

Briefe aus Japan, Tag 4

Minako Ohaaaaaa~you, Minato-ku!

Umeko Und natürlich auch wie immer einen Guten Morgen von mir, liebe Leser.

Minako Heute fahren wir nach Yokohama! Selbst mit den Schnellzügen ist das eine ziemliche Weltreise. Mit der Yamanote geht’s erst einmal von Hamamatsucho (JY28) nach Shinagawa (JY25), und ab dort mit der Yokosuka-Sobu weiter nach Yokohama (JO13), und zu guter Letzt mit der Minatomirai bis Motomachi-Chukagai (MM06).

Umeko Vom Harbor View Park auf dem America Hill aus hat man einen guten Blick auf eine der vielen Brücken, die die einzelnen Bereiche des Hafen miteinander verbinden. Um hingegen die Skyline selber zu sehen…

… muss man die Position wechseln.

Minako Jetzt schummelt Herrin aber mit der Reihenfolge der Bilder. das hier war doch unten im Yamashita Park!

Umeko Das haben wir hiermit ja durchaus angemerkt. Der Harbor View Park ist aber meines Erachtens nach schöner. Es gibt hier einen oppulenten Rosengarten, und die Landschaft wird durch Wasserläufe wie diesen aufgelockert.

Minako Komm, ich helfe dir rüber. Die Klamotten sehen aber auch kompliziert aus, Ume-chan!

Umeko Danke, Schatz. Unser erster Stopp ist das Tin Toy Museum. Es ist klein, hat aber eine umfangreiche Sammlung aus Blechspielzeug.

Minako Die Betreiber sind auch superlieb. Ein richtiges kleines Herzensprojekt, und der Eintritt ist ebenfalls sehr günstig. Den Museumshund zu knuffeln ist übrigens zwingend Vorschrift!

Dieses Diorama hat es mir besonders angetan. Viele der Blechspielzeuge waren nicht gerade maßstabsgetreu, aber der Diner hier ist durchweg in seinem Maßstab. Richtige Americana, was irgendwie passend ist für America Hill.

Umeko Als nächstes geht es dann über den von dir schon erwähnten Yamashita Park ins Yokohama Doll Museum.

Minako Ah! Verwandschaftsbesuch erledigen, Zwinkersmiley.

Die hier scheint ja auch auf große Reise gehen zu wollen. Hat sogar ihre Puppe eingepackt.

Umeko Dieser Teil der Ausstellung befasst sich mit Ambassador oder Friendship Dolls. Das Konzept, eine Puppe auf Reisen um die Welt zu schicken, ist nämlich keineswegs neu. Diese Damen sind im Auftrag japanisch-amerikanischer Freundschaft weit gereist.

Minako Sogar mit eigenem Pass, wie süß.

Umeko Viele Puppen haben den zweiten Weltkrieg nicht überlebt. In Japan gibt es derzeit noch 334 der American Blue-eyed Dolls, und man betreibt großen Aufwand, sie zu erhalten.

Minako Irgendwie traurig. Puppen, die eine japanisch-amerikanische Freundschaft symbolisieren, gehen verloren in einem Krieg, der Japan und die USA teilt.

Umeko Ab hier ist die Ausstellung zweigeteilt. Linkerhand siehst du die Puppen, die sich in den einzelnen Gebieten Japans entwickelt haben…

… während die rechte Seite im Zeichen internationaler Puppen steht.

Minako Die Unterschiede sind schon faszinierend. Von simpel bis komplex ist wirklich alles dabei. Und während man bei einigen Puppen tatsächlich glaubt, dass sie zum Spielen gedacht sind…

… wie zum Beispiel bei dieser Kinderpuppe amerikanischer Ureinwohner, die auf ihr Papoose gebunden ist…

… will man das bei dieser Schönheit aus China gar nicht so recht glauben.

Umeko Wusstest du übrigens, dass Papoose ein Lehnwort ist? In der Sprache der Narragansett heißt „papoós“ einfach nur „Kind“.

Minako Puppenhäuser scheint es dafür auch in vielen Kulturkreisen gegeben zu haben. Es wirkt so viel nüchterner als westliche Puppenhäuser aus der gleichen Ära, und trotzdem irgendwie vollständig. Fast wie ein Diorama und nichts, mit dem ein Kind spielen würde.

Umeko Wir kommen jetzt auch zu den Artistic Dolls. Da verwischt die Linie zwischen Spielzeug und Kunst endgültig. Diese einzigartigen Werke gibt man eigentlich keinem Kind in die Hand. Sie zeigen das künstlerische Können ihrer Schöpfer und sind üblicherweise Unikate.

Minako Ich verstehe, was du meinst. Aber sag mal…

… bist du sicher, dass sie nur eine Puppe ist?

Umeko Wer kann das heutzutage schon noch so genau wissen?

Minako Ume-chan!

Umeko Keine Angst, ich mache nur Spaß. Wir kommen jetzt auch zum gestern angekündigten Besuch im Marinemuseum beim Pier der Nippon Maru.

Minako Warum ausgerechnet hier Fotografieren wieder verboten ist, will mir einfach nicht in den Sinn. Na ja, dann muss ich den Lesern wohl schnell erzählen, dass das Museum sich vor allem der Geschichte des Hafen von Yokohama widmet – von den ersten Anfängen über den Erstkontakt mit den „Black Ships“ der Amerikaner, das große Kanto-Beben, den Wiederaufbau, die US-Besetzung während des Kriegs und den Wandel des Hafens zu der Drehscheibe für Güter und Passagiere, die er heute ist. Wenn man sich für Seefahrt im Allgemeinen und diesen Hafen im Speziellen interessiert, ist das Museum auf jeden Fall einen Blick wert.

Umeko Und du hast bereits ein Modell und einige Zeitdokumente der Hikawa Maru gesehen, die liegt nämlich als Museumsschiff im Hafen vor Anker und ist unser nächstes Ziel.

Minako Wenn ich das richtig verstanden habe, war sie sowohl Passagierdampfer als auch schneller Frachter und von 1930 bis 1960 im Dienst. Ich habe oben im Empfangsbereich des Schiffes Tafeln gesehen, denen zufolge sie während des zweiten Weltkriegs auch als Lazarettschiff genutzt wurde. Nur deshalb hat sie den Krieg wohl auch überstanden; ihre beiden Schwesterschiffe wurden von den Amerikanern versenkt.

Umeko So ist Krieg nun einmal. Er verdirbt alles, dem auch nur der kleinste Zauber inne wohnt, und das alles für kleinliche Interessen und verletzten Stolz, für ein wenig Macht oder etwas mehr Land, Geld und Rohstoffe, die im großen Rahmen überhaupt keine Bedeutung haben.

Für das Museum wurde das Schiff aber so weit wie möglich wieder in den Urszustand versetzt. Zum Beispiel bei dieser Kabine Erster Klasse.

Minako Wenn ich mir vorstelle, wochenlang auf See unterwegs zu sein, dann wünsche ich mir auch einen gewissen Komfort. Wurde bestimmt trotzdem ziemlich langweilig.

Umeko Charlie Chaplin schien anderer Ansicht zu sein. Er fuhr damals eigentlich immer auf der Hikawa Maru, nicht zuletzt wegen der exzellenten Küche und der Art Deco-Aufmachung. Das mit dem Komfort galt übrigens nur in der ersten Klasse. Die dritte Klasse befand sich unten auf Höhe des Maschinenraums. Dort teilten sich acht Reisende eine Kabine, und die Nähe zu den Motoren war sicher auch kein Vergnügen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es hier unten eng, laut und heiß war.

Minako Na ja, ansonsten ist es halt ein Passagierschiff. Kennste eins, kennste alle.

Umeko Wenn du dich da mal nicht irrst, Schatz.

Minako Ein Hausschrein auf der Brücke!

Umeko Das japanische Wort ist kamidana. Sie sind häufig kleine Nachbildungen real existierender Shinto-Schreine. Das Strohseil über dem kamidana nennt man shimenawa, und die Papierbänder heißen shide. Opferung und Gebet am Hausschrein folgen denselben Regeln wie im großen Vorbild. Was mich zu der Frage bringt, ob die Helfer hier im Museum ebenfalls die erforderlichen Opfergaben darbringen. Der kamidana sieht gut gepflegt aus, also vermutlich ja.

Minako Der feste Boden hat uns wieder, und schon stehen wir vor dem nächsten torii.

Umeko Ja, aber dieses markiert den Eingang zu Chinatown und ist streng genommen kein torii im Wortsinn. Das Viertel ist heute, am Sonntag, natürlich hoffnungslos überlaufen, viele nutzen das langsam aufklarende Wetter, um hier in den zahlreichen Lokalen einzukehren. Wir gehen nur mal durch, um zur Haltestelle der Minatomirai zu gelangen.

Außerdem will ich dir den Anblick des Tempels hier im Viertel nich vorenthalten.

Minako Das ist schon etwas anderes als die shintoistischen und buddhistischen Schreine, die man sonst so in Japan sieht, das stimmt. Das Gebäude „kitschig“ zu nennen, wäre zwar respektlos, aber kommt der Sache einfach am nächsten.

Umeko Das war es dann allerdings mit den Attraktionen für heute auch schon. Kaum hatten wir den langen Weg zurück nach Minato-ku ins Hotel geschafft, fiel Herrin nämlich ins Koma, um den verlorenen Schlaf aufzuholen.

Minako Macht aber nichts, finde ich. Wir waren heute immerhin in vier Museen und haben mehrere Kilometer zu Fuß zurückgelegt, das ist schon ziemlich beachtlich.

Umeko Anzumerken sei übrigens noch, dass wir die Reihenfolge hier im Bericht ein kleines Bisschen vertauscht haben. Wenn unsere Leser unseren Weg also auf einer Karte nachzuverfolgen versuchen, mögen sie sich bitte nicht über das sonderbare Zick-Zack-Muster wundern, das dabei entsteht.

Minako Auf jeden Fall haben wir uns eine Pause nun redlich verdient. Morgen ist Herrins „Ich“-Tag, den sie alleine bestreiten muss, und ich habe gehört, dass sie ein paar Läden überall in Tokyo abzuklappern gedenkt.

Umeko Falls jemand in der geneigten Leserschaft noch Vorschläge für Sehenswürdigkeiten oder Läden hat, die sich im Großraum Tokyo befinden und die es zu besuchen lohnt, sind unsere Ohren dafür natürlich offen. Ansonsten wünschen wir an dieser Stelle sayounara und gute Nacht.

Minako Bis morgen!

Briefe aus Japan, Tag 3

Minako Ohaaaaaa~you, Minato-ku!

Umeko Und auch von mir ein herzliches „Guten Morgen“ zu diesem dritten Tag unserer Reise.

Minako Während wir in Hamamatsucho (JY28) auf die Yamanote nach Harajuku (JY19) warten – es wird übrigens bunt, nebenbei gesagt, gefällt euch das? – müssen wir eine kleine Korrektur zu unserem gestrigen Bericht über das Ghibli-Museum anbringen. Leser haben uns darauf hingewiesen, dass der Shop durchaus Sachen führt, die man in den regulären Stores nicht kriegt, zum Beispiel sehr schöne und vergleichsweise erschwingliche Model Kits und natürlich DVDs und BluRays mit den Filmen und Kurzfilmen.

Umeko Außerdem wurden wir darauf hingewiesen, dass die Bücherei tatsächlich ein Buchladen ist. Das ist besonders ärgerlich, wo Herrin sich selbst doch immer als Bibliophil bezeichnet. Aber nun gut, dann haben wir wenigstens einen Grund, noch einmal hinein zu gehen. Sehenswert ist das Museum nämlich bei all den Details auch mehrfach.

Minako Übrigens, unsere kleine Statue, die normalerweise bekanntlich in ein Becken pieselt, ist derzeit ganz im Zeichen Halloweens. Wie generell die ganze Stadt, scheint’s.

Umeko Unser eigentliches Ziel ist das Ōta-Kunstmuseum für Ukiyo-e, aber bis das aufmacht, haben wir noch etwas Zeit. Also lass uns zum Meiji Jingu laufen.

Minako Schade dass es Hunde und Katzen regnet, ich wäre gerne auch wieder durch den Wald gegangen. Aber ohne festes Schuhwerk ist das bei diesem Wetter einfach nicht angebracht, und außerdem würde dein Yukata nur unnötig schmutzig. Also bleiben wir halt auf den befestigten Wegen.

Umeko Bisher war ich jedes Mal hier, wenn ich in Tokyo war. Etwas an den Schreinen im Stadtgebiet ist besonders. Vielleicht dass es in ihnen immer vergleichsweise ruhig ist, obwohl der Trubel der Hauptstraßen üblicherweise nur einen Steinwurf entfernt ist.

Minako Oder es ist der Zauber des Ortes mit der wundervollen Architektur und diesem Hauch von Erhabenheit. Guck mal! Eine Braut im Kimono! Na, ich kann mir auch schöneres vorstellen als bei diesem Wetter zu heiraten. Aber schön ist sie schon, ganz in weißer Seide, das muss man ehrlich anerkennen.

Umeko Das Wetter ist eben ein Faktor, den man nicht so ohne weiteres planen kann. Während wir in Deutschland bei unserer Abfahrt spätsommerliche Temperaturen und strahlenden Sonnenschein hatten, wird Japan derzeit von einem Taifun geplagt. Da kommen wir mit dem bisschen Regen noch ganz glimpflich davon; es könnte deutlich schlimmer sein, wenn man die Nachrichten anschaut.

Minako Auch ein Vorteil von Herrins neuer Japan Travel Sim: das mobile Internet ermöglicht nicht nur die Kommunikation mit den Daheimgebliebenen und die Planung von Fahrten und Suche nach interessanten Orten, sondern warnt auch vor Katastrophen und gibt uns Hinweise, was wir zu tun haben, wenn es zu einer solchen kommt.

Umeko Das Museum sollte jetzt übrigens geöffnet haben. Fotografieren darf man im Inneren leider nicht, die dort ausgestellten Kunstwerke sind ziemlich empfindlich und stammen aus dem 19. Jahrhundert.

Minako Na ja, aber zum Beispiel Kanagami-oki nami-ura aus den 36 Ansichten des Berges Fuji kenne ja sogar ich, also können sich die Leser sicher ein Bild davon machen, was hier zu sehen ist.

Umeko Falls die werten Leser sich ein Bild machen wollen, die Ausstellung handelt von Utagawa Kunijoshi und seinen Töchtern.

Minako Sehr interessant jedenfalls und sehr verschieden von dem, was wir aus der westlichen Kunst gewöhnt sind. Mir hat’s sehr gefallen, und ich habe sogar ein paar Sachen gelernt. Aber wohin geht’s jetzt?

Umeko Alice on Wednesday. Du solltest den Kopf einziehen; der Eingang ist nur einen knappen Meter hoch und imitiert damit die Szene, in der Alice im Buch so weit schrumpft, dass sie in den Garten hinter der kleinen Tür kommt.

Minako Was genau finden wir hier?

Umeko Das Geschäft verkauft Schmuck, Accessoires, Taschen, Deko-Stücke und allerlei Naschzeug rund um Alice im Wunderland.

Minako Ich kriege hier vor allem die totale Reizüberflutung. Ich meine, versteh mich nicht falsch, das sind tolle Sachen, und ich verstehe, dass Herrin noch einmal herkommen und ihren gesamten Konto-Inhalt verbrennen will, aber mir wird schon etwas schummerig.

Umeko Dann hilft es dir wohl nicht, wenn ich dir sage, dass im Laden zehn kleine Geheimnisse versteckt sein sollen?

Minako Eines hab ich schon einmal gefunden. Da ist ’ne Maus im Mauseloch.

Wie geht’s jetzt weiter?

Umeko Herrin und ihr Begleiter fahren mit der Yamanote von Harajuku (JY19) nach Shinjuku (JY17) und dann mit der Odeo Line weiter nach Ochiai-Minami-Nagasaki (E33).

Minako Ah. Der obligatorische Besuch im KATO Hobby Center.

Umeko Ja, genau. Ich schlage vor, wir lassen die beiden in Ruhe ihren Hobbies fröhnen und treffen dann in Odaiba wieder mit ihnen zusammen.

Minako Wieder ein Tag zu Ende gegangen. In diesem sonderbaren Zwielicht sieht die Rainbow Bridge beinahe aus als sei sie aus einem Computerspiel geklaut worden.

Umeko Über der Bucht hängt eine Dunstglocke. Nach dem Regen ist die Sonne durch die Wolken gebrochen, und hier in Tokyo führt das direkt zu hoher Luftfeuchtigkeit und schwüler Luft.

Minako Jetzt verstehe ich, was Herrin meint, wenn sie schreibt, der Himmel habe die Farbe von Silber, das dringend einmal geputzt werden müsste.

Braut sich aber auch schon wieder die nächste Regenfront zusammen. Hoffentlich bleibt es bei finster-bedrohlichen Wolkenbergen. Japan könnte dringend eine Verschnaufpause brauchen.

Umeko Mal ganz abgesehen davon, dass es ganz schön wäre, morgen einigermaßen trockenen Fußes nach Yokohama zu kommen.

Minako Wir gehen ins Marine-Museum, oder?

Umeko Richtig. Dann war C. Jane Doe, esq. nicht mehr die einige von uns, die schon einmal auf einem alten Schiff herumgestreunt ist.

Minako Na dann, auf zur Yurikamome und zurück nach Minato-ku, wo unsere Reise vor zehn Stunden begann. Mir tun auch wirklich die Füß weh. Bis morgen, liebe Leser!

Umeko Sayounara!

Briefe aus Japan, Tag 2

Minako Ohaaaaaayou, Minato-ku!

Umeko Der Anime hat’s dir ja echt angetan, wie es scheint. Ich muss dich aber enttäuschen, nach Miyakejima fahren wir in den zwei Wochen nicht, denn auch wenn es auf der Insel einen aktiven Vulkan gibt, man muss die Nachtfähre ab Tokyo nehmen und ist mehrere Stunden auf dem Schiff.

Minako Das macht fast gar nichts. Dafür geht’s heute schließlich ins Ghibli-Museum. Unsere Pingu-Route: Mit der Yamanote bis Tokyo (JY01) und dann mit der Chuo Rapid bis Mitaka (JC12). Von dort kann man zwar den Katzenbus nehmen, aber wir sind dann doch mal klimaneutral zu Fuß unterwegs.

Umeko Während wir die knapp anderthalb Kilometer bezwingen, nehme ich es auf mich, die Leser schon einmal vorzuwarnen, dass im Museum selbst fotografieren verboten ist.

Minako Macht aber nix. Das Wetter ist so trübe, dass selbst Außenaufnahmen einiges zu wünschen übrig lassen, und da Herrin jetzt auch noch technische Probleme hat… Na ja, wir wollen es euch nicht vorenthalten, ihr freut euch ja drauf.

Minako Die Außenansicht lässt jedenfalls schon einmal Gutes erhoffen. Ein Bisschen Hundertwasser, ein wenig Verwunschenes Schloss und ganz viel Phantasie auf engstem Raum.

Umeko Die Sonne steht eigentlich ziemlich schlecht für vernünftige Bilder: Genau hinter dem Museum und dem Giganten auf dem Dach. Das lässt die Qualität der Bilder zwangsläufig leiden, weil man ständig ins Gegenlicht fotografiert.

Minako Sei nicht so streng mit Herrin. Auf manche Dinge hat man eben keinen Einfluss. Gehen wir lieber zum Eingang, ehe die Menschenmassen eintreffen.

Umeko Das Kontingent der Karten für jeden Tag ist streng limitiert, und das ist auch wirklich notwendig. Das Haus ist innen eng und verschachtelt, und es gibt so viel zu sehen, dass die Besucher sich in den einzelnen Räumen sehr lang aufhalten. Das gilt umso mehr, wenn man die Sprache versteht, denn fast alle Exponate sind auf japanisch beschriftet.

Minako Es sind auch viele Schulklassen hier. Ich habe jetzt schon zwei Klassen mit jeweils mindestens vier Betreuern gesehen. Wie alt mögen die Kinder sein? Sechs, sieben Jahre?

Umeko Hier ist deine Eintrittskarte, Schatz. Pass gut drauf auf.

Minako Eigentlich ist die für das Kino – aber die Idee mit dem Filmstreifen ist schon sehr cool. Komm, wir funktionieren Herrins Mobiltelefon mal kurz in einen Leuchttisch um, dann kann man die Bilder besser sehen.

Die Armen, so hinter Glas und Gittern zusammengepfercht.

Umeko Die sind das doch gewohnt, im Keller zu leben, wo der Kessel steht.

Minako Na ja, richtig ist das trotzdem nicht, finde ich. Aber ich vertraue dir mal. Gehen wir also rein?

Umeko Ja, und während du den Lesern erzählst, was sich im Inneren abspielt, streuen wir ab und an mal Fotos von Außen ein. Einverstanden?

Minako Klingt gut. Also, die Ausstellung besteht aus acht Teilen. Im Erdgeschoss befindet sich das Kino, außerdem wird hier erklärt, wie die Bilder das Laufen lernen. Ein schneller Galopp durch die Geschichte des Films, vereinzelt auch immer zum Mitmachen. Selbst ohne Sprachkenntnisse lernt man hier, wie im Kino unsere Augen ausgetrickst werden, um aus vielen Einzelbildern einen Film zu machen. Auch der Aufwand lässt sich hier schon erahnen, der hinter den Animes von Ghibli steckt.

Umeko Deutlicher wird das im ersten Stock, in der Dauer-Ausstellung „ein Film entsteht“. Die Ateliers und Arbeitsplätze der Zeichner sind hier detailliert nachgebildet. Die Ära liegt irgendwo zwischen Totoro, Porco Rosso und Kikis Kleinem Lieferservice; die meisten Motive handeln von diesen drei Filmen und von Mononokehime.

Minako Dieser Teil der Ausstellung gefällt mir sehr gut. Alles wirkt so lebendig, mit den vielen Notizen an den Wänden, den Regalen voller Referenz-Büchern zu allen möglichen Themen, den Pantone-Feldern für die Farben, den kleinen Modellen und gesammelten Schätzen… Sogar an benutzte Teebecher und Aschenbecher voller Zigarettenstummel haben die Kuratoren gedacht. Alles ist zwar inszeniert, aber es atmet Leben, als sei hier erst gerade eben einer der großen Ghibli-Filme abgeschlossen worden.

Umeko Die zweite Ausstellung hier oben widmet sich diversen Detail-Elementen im Entstehungsprozess. Das hier zum Beispiel ist eine ganze Sektion über die Darstellung von Wasser im Ghibli-Film.

Minako Es ist unglaublich, wie viel Arbeit alleine in dieses Element fließt. So viele Ebenen für Blasen, Schatten, Wellenmuster, Pflanzen und all die kleinen Details, die dann auf der Leinwand nur wenige Sekunden dauern – und jede Ebene hat eigene Cels.

Umeko Als Cel bezeichnet man übrigens eine Folie aus dem Folienstapel, der zusammen einem Bild in einem fortlaufenden Film mit fast dreißig Bildern in der Sekunde entspricht.

Minako Das Museum geht ja nur auf den Entstehungsprozess so ungefähr während der Neunziger ein. Wie ist das eigentlich heute?

Umeko Ich könnte dir jetzt natürlich einen Vortrag über Key Frames und Inbetweenern halten. Aber wenn dich das wirklich interessiert, können wir zuhause eigentlich auch Kurumi gucken. Das zeigt ja das Leben einer Neueinsteigerin im Business und welche Schritte es so braucht.

Minako Na gut. Wenn ich mich hier so umsehe, fällt übrigens auf, dass einige Ghibli-Filme mehr vertreten sind als andere. Porco Rosso ist wie erwähnt stark dabei, auch Kikis Kleiner Lieferservice, Totoro und Mononokehime. Vereinzelt habe ich auch Laputa, Sen to Chihiro und Die Letzten Glühwürmchen gesehen. Dafür fehlen von Nausicaä, Arietty oder all den „Alltags“-Ghiblis jede Spur, oder täusche ich mich?

Umeko Bei so vielen Filmen und so begrenztem Raum muss man zwangsläufig eine Auswahl treffen, und die liegt bei den Kuratoren vielleicht anders als wir das im Westen wahrnehmen. Es ist ja auch durch die Rezeption in Japan geprägt, was für das Museum wichtig ist.

Minako Herrin freut sich jedenfall über die vielen Bilder von Lady Eboshi, der Herrin der Eisenschmiede aus Mononokehime. Aber war die denn nicht eher auf Seiten der Bösen?

Umeko Ghibli handelt kaum in Absoluten, so wie zum Beispiel Disney. Lady Eboshi hatte die richtigen Intentionen, immerhin gewährte ihre Schmiede den Kranken, Schwachen und Geächteten eine Zuflucht, und das will finanziert werden. Ihre Wahl der Mittel war fragwürdig, und dafür musste sie einen hohen Preis bezahlen.

Minako Dritter Stock. Museums-Shop und Kinderparadies mit Leseecke.

Umeko Können wir auslassen. Was du hier kaufen kannst, kriegst du auch in all den Ghibli-Stores im Stadtgebiet.

Minako Herrin hat ja eh keinen einzigen Yen, den sie ausgeben könnte. Und außerdem wird’s langsam wirklich voll. Kaum zu glauben, dass das nur zweihundert Leute sein sollen. Was machen wir dann jetzt?

Umeko Der Inokashira-Zoo ist in der Nähe. Aus tier-ethischen Gesichtspunkten sind die Haltungsbedingungen dort zwar alles andere als ideal, aber die meisten Tiere dort sind in Japan heimisch. Du kriesgst also einen recht guten Überblick über das Wildleben in Japan.

Minako Schade nur, dass die Käfige alle so engmaschig sind. Da kann man die Kamera einstellen, wie man will, man kriegt immer nur das Gitter scharf. Dabei waren die kleinen Fenneks so putzig.

Umeko Ansonsten gibt’s eigentlich gar nicht so viel zu berichten vom ersten richtigen Tag in Japan. Ich mein, ihr merkt’s ja selber, liebe Leser, wir sind noch nicht so richtig im Urlaubsmodus.

Minako Liegt aber auch an der Kombination aus Jetlag und Schlafmangel, denn Herrins Begleiter hat ganze Regenwälder abgeholzt. Wenn du selbst trotz Meditation drüber nachdenkst, jemanden mit dem Kopfkissen zu ersticken, und dann vielleicht drei Stunden Schlaf kriegst, dann ist das Hirn halt nicht zu mentaler Höchstleistung fähig.

Umeko Ich stimme dir zu, im Vergleich zu den letzten beiden Malen kommt Herrin einfach nicht in den richtigen Rhythmus. Aber ich sehe auch den Silberstreif. Wir sind erst am Ende des ersten Tages angekommen. Da ist noch massiv Luft nach oben. Ist natürlich Schade, weil das Ghibli-Museum darunter etwas gelitten hat, aber auf den Tag, an dem man ein Ticket kriegt, hat man leider wenig Einfluss.

Minako Ja, ich stimme dir zu, wir kommen bestimmt noch in Schwung, spätestens wenn…

Umeko Schatz!

Minako Huch, jetzt hätte ich mich fast verplappert! Na ja, wir sind ja auch müde. Wir machen für heute also Schluss, und morgen schaffen wir dann hoffentlich etwas mehr Struktur in diesen Bericht. Gibt es schon einen Plan?

Umeko Ja, aber er ist wenig spektakulär: Harajuku und danach ein wenig leichtes Bummeln. Die Kamera ist da natürlich wieder dabei, und hoffentlich hat dann auch der Bericht etwas mehr Struktur als dieses unzusammenhängende Chaos. Ansonsten zeigen wir die Handy-Bilder von der Nachtwanderung, die waren ganz nett. Und überhaupt: Wir haben jetzt mobiles Internet auf Herrins Mobiltelefon. Das wird einiges vereinfachen und neue Möglichkeiten bieten.

Minako Und wie ich Herrin kenne, wird sie auch diesen Bericht nachbearbeiten. Sie ist eine unverbesserliche Perfektionistin. Also, freut euch einfach auf mehr, in Ordnung? Bis morgen!

Umeko Und schlaft gut – oder wenigstens besser als wir.

Briefe aus Japan, Tag 1

Minako Gooooooo~d Evening, Minato-ku!

Umeko Und auch ich wünsche euch ein etwas weniger enthusiastisches Konban wa, minna aus dem Land der Aufgehenden Sonne.

Minako Ach komm schon, Ume-chan, ist doch alles gut gegangen.

Umeko Ja, am Ende hatten Herrin und ihre Begleitung dann doch noch ziemliches Glück, aber vielleicht sollten wir vorne beginnen mit dem Erzählen?

Minako Wie weit willst du denn zurück? Bis zu der Stelle, wo die Sicherheit am Fraport Herrin und ihre Tasche rausgepickt hat, weil sie dachten, die Spiele-Speicherkarten für ihren DS seien gefährliche unidentifizierte Chips?

Umeko Nein, ich glaube, es reicht, wenn wir bis zu der Stelle springen, an der Herrins Begleitung eine Viertelstunde vor dem Boarding auffällt, dass er seine Kreditkarte nicht eingesteckt hat.

Minako Ja, die beiden waren schon kurz davor, einfach gar nicht in den Flieger zu steigen, insbesondere weil Herrin ja keinen so großen Kreditrahmen hat, dass sie davon die vierzehn Tage Doppelzimmer zahlen könnte. Glücklicherweise hatte ihr Begleiter genügend Bargeld dabei, um zumindest das Hotel und auch die Versorgung mit Lebensmitteln abzudecken – aber für Ausflüge sah es schon echt eng aus, von Shopping gar nicht zu spechen.

Umeko Glücklicherweise gelang es den beiden aber, eine andere Geldquelle aufzutun.

Minako Wie das wieder klingt, Ume-chan! Als ob Herrin ihren Körper verkauft hätte!

Umeko Du hast ein sonderbares Bild von diesem Land. Nein, die Lösung ist viel einfacher. EC-Karten, die hier an den ATMs als Kreditkarten erkannt werden. Die Gebühren sind horrend, aber das ist eben der Preis, den man für Schusseligkeit zahlen muss.

Minako Ich liebe dieses Land, Ume-chan, und das solltest du auch wissen. Die Höflichkeit der Menschen, die Eindrücke, die Kultur, das tägliche Leben und nicht zuletzt die Landschaften – Japan hat mich verzaubert, als ich vor vier Jahren das erste Mal hier war. Will ich hier leben und arbeiten? Nein, weil es nicht meine Kultur ist. Möchte ich so viel wie möglich vom Land sehen? Yes, eintausendmal Yes!

Umeko Nun, dazu wirst du Gelegenheit bekommen, das sei dir versprochen. Wegen der Enttäuschung über „Kreditgate“ hat Herrins Begleiter bereits eines der Ziele verraten, obwohl er sie damit überraschen wollte.

Minako Dann bist du jetzt besser still, damit unsere Leser dann überrascht sind. Erzähl mir stattdessen, was wir morgen unternehmen, nachdem unser erster Tag hier weniger dem Tourismus gewidmet war.

Umeko Sagen wir mal, es hat mit einem gewissen japanischen Anime-Studio zu tun, und ein Katzenbus ist vielleicht auch involviert.

Minako Ooh! Das wird in den kommenden Tagen schwer zu übertreffen sein! Immerhin gibt es morgen dann aber auch die ersten Fotos – dazu hat uns heute nämlich ein wenig der Kopf gefehlt.

Umeko Versprich nichts, was du nicht halten kannst. Im Ghibli-Museum darf man leider nicht fotografieren. Aber trotzdem geht unser Bericht dann ab morgen so richtig los. Und wir werden uns wie die letzten beiden Male auch große Mühe geben, uns wieder in das eine oder andere Bild zu schmuggeln.

Minako Aber für heute machen wir hier Schluss. Es ist ja auch schon neun Uhr am Abend. Wir springen jetzt noch schnell unter die Dusche, und dann geht’s in die Federn.

Umeko Dem schließe ich mich an; Minako kann auch schon kaum noch die Augen offen halten. Also gute Nacht – und noch einmal unsere aufrichtige Entschuldigung, dass es heute noch nichts zu gucken gibt. Wir sehen uns morgen!

Unmutter

Als wir unseren Planeten endlich so weit ruiniert hatten, dass die Schäden nicht mehr zu leugnen, die Folgen nicht mehr zu vertuschen waren, als die Mächtigen dieser Welt uns im Dreck sitzen ließen und in ihren Vaults verschwanden, nur um nie wieder aus ihnen empor zu steigen, als schwere Unwetter, Hitzewellen und Sandstürme unseren Fortschritt zu Trümmern zerrieben und nichts zurück ließen als Ruinen, all ihrer Annehmlichkeiten beraubt, als auch die letzte saubere Quelle versiegt oder ungenießbar geworden war von den in ihrem Wasser gelösten Salzen und Schwermetallen, dachten wir alle, dachten unsere Vorfahren, dass wir den tiefsten Punkt in der Geschichte unserer Spezies, unserer Zivilisation erreicht hatten.

Dies waren die letzten Tage, der einstmals strahlende Chor, der von unseren Taten berichtete, reduziert auf ein jammerndes Heulen, der Abgesang all unserer Errungenschaften. Wir hatten den Grund erreicht, schlimmer konnte es nicht kommen, von hier ausgehend konnten wir unsere Welt wieder aufbauen, etwas neues, größeres, niemals dagewesenes schaffen, die Menschheit zum Phönix unter der ewig brennenden Sonne machen, die aus der Asche auferstand, auf den Gebeinen all jener Spezies, die wir auf dem Weg zu unserem Ende ausgerottet hatten.

Wir bildeten Clans. Wir führten Kriege um das wenige, was noch verblieben war. Wasser. Nahrung. Waffen. Energie. Wissen. Wir gründeten neue Siedlungen, wo die geänderten Bedingungen unserer Umwelt uns einen fruchtbaren Fleck versprachen. Wir eröffneten Handelsrouten. Wir verhandelten mit den Nachbarn und führten Kämpfe gegen sie, um sie auszurotten oder zu unterwerfen. Wir brachen die Vaults der einstmals Mächtigen auf und plünderten, was noch nicht verdorben, töteten, wo noch Leben vorhanden war. Wir waren Barbaren, reduziert auf das essenzielle. Wir klammerten uns an das wenige Leben, das uns verblieben war. Stagnation, die Illusion von Stabilität.

Doch es kam schlimmer. Die Strahlung der Sonne und die Strahlung der gebändigten Kernkraft fraßen an unseren Genen, zerstörten die biologischen Programme, die unser aller Fortbestand sicherten, die wir seit undenklichen Zeiten weitergaben, von unserer Generation an die nächste, von der letzten Generation an unsere. Die Krankheiten, die in unseren Reihen tobten, als unsere Zivilisation zusammenbrach, waren schlimm, aber sie waren nicht zu vergleichen mit den Schrecken, die der in unseren Zellen, im Innersten aller Dinge tobende Kampf gegen die ständigen Mutationen mit sich brachte. Viele starben an alten und neuen Erbkrankheiten oder gingen qualvoll an Krebs zugrunde, der uns alle auffraß, die einen mehr, die anderen weniger. Ohne sauberes Wasser, ohne gesunde Lebensmittel und ohne medizinische Versorgung kämpften unsere Körper eine aussichtslose Schlacht gegen den unsichtbaren Feind, der unsere Körper selbst waren.

Und dann wurden wir weniger. Nicht weil die Krankheiten, die Mängel, die Naturkatastrophen oder die verzweifelten Kämpfe ums Überleben uns aufrieben. Sondern weil das ständige Bombardement harter Strahlung uns langsam unfruchtbar machte. Zuerst fiel es nicht auf, und bis sich in dem Chaos jemand fand, der noch genug Ahnung von Wissenschaft hatte, um die Teile zu einem Bild zusammenzusetzen, war es beinahe zu spät.

Wir erfanden Wege, die wenigen von uns zu schützen, die den Fortbestand unserer Spezies sichern konnten. Und während die Männer wie so oft in unserer Geschichte mit einer eher geringen Beeinträchtigung ihres Komforts und ihrer persönlichen Freiheit davon kamen, waren es wie üblich die Frauen, die unter der Situation am meisten zu leiden hatten. Wir gaben den Maschinen niemals einen Namen, sie blieben autonome Parasiten, eine weitere menschgemachte Gefahr im Ödland, die all jene für immer zeichnete, die noch Kinder gebären konnten und in den Ruinen in flüchtiger Freiheit lebten. Transformierte sie in widernatürlichster Form, verwandelte ihre Bäuche in gläserne Kuppeln, die dem heranwachsenden Baby und den Eierstöcken Schutz boten vor Gewalteinwirkung, Umweltgiften und harter Strahlung, zwangen sie zu einem Leben in ständiger Fruchtbarkeit, hielten stets eine neue Eizelle bereit, für den Fall, dass ein zeugungsfähiger Mann mit ihnen Geschlechtsverkehr hatte, erzwangen einen ständigen Strom von Muttermilch. Reduzierten die Frauen auf die Funktion eines Automaten, dessen einzige Aufgabe es war, Babys in die Welt zu setzen.

Clan-Herrscher zahlten hohe Kopfgelder für die sogenannten Verlorenen Mütter. Nicht in klingender Münze, sondern in Wasser, in Treibstoff oder in Munition. Sie bewachten die Frauen, horteten sie in Harems, zusammen mit einigen Männern, die fähig waren, Kinder zu zeugen. Es gab einen neuen Rohstoff, den es zu jagen galt und um den es sich Kriege zu führen lohnte. Wer die Verlorenen Mütter kontrollierte, kontrollierte die Zukunft der Menschheit, kontrollierte die Stärke seiner Armeen, die Menge seiner Arbeiter, seine eigene Erbfolge. Wer die Verlorenen Mütter kontrollierte, hatte Macht.

Vielleicht fürchten sie darum alle die Unmutter. Wispern ihren Namen hinter vorgehaltener Hand. Sie hat das Undenkbare getan, hat ihren eigenen Körper vergiftet, nachdem sie zu einer Verlorenen Mutter wurde, und so ihre Fruchtbarkeit zerstört. Sie hat Verrat begangen an den Menschen und ihrem Recht auf Zukunft. Wenn ihre Wahl sich verbreitet, wenn andere Verlorene Mütter auch wählen, dann bleibt auf der Erde nichts mehr. Sie beseitigen ihre Spuren, wo sie sie finden, die auf der Seite liegende Acht, das Unendlichkeitssymbol. Ouroboros, die Schlange, die sich selbst beißt. Der Endlosknoten skandinavischer Mythologie. Zwei pralle Brüste. Verbergen, dass es sie gibt, leugnen, dass nicht zu gebären eine Form von Freiheit ist, die erstrebenswert ist, wenn man doch stattdessen Leben schenken kann, Leben für die Zukunft aller, für das große Ziel. Bieten gleichzeitig alles, was ein Mensch sich erträumen kann, für ihren Kopf. Sie glauben, dass man das Signal stoppen, den Status Quo aufrecht erhalten, das Wissen auslöschen kann. Sie glauben, dass die Menschen ihre Lügen über die Unmutter glauben, wenn sie sie nur lange genug wiederholen, laut genug in die Wüste hinaus brüllen. Dass die Unmutter zur verhassten Täterin wird und sie selbst zu den Opfern. Dass die Unmutter verschwindet, zu einem Schatten wird wie die Spuren der Alten Welt.

Sie haben Unrecht.

Prolog zu meiner Fingerübung „Unmutter“, Post-Apocalyptica in Nordeuropa. Ähnlichkeiten zu meiner Kurzgeschichte „Fleischmaschinen“ sind sicherlich kein Zufall.

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