E.F. von Hainwald: »Cyberempathy«

„[…] Es ist unlogisch, Freiheit statt Sicherheit zu wählen. Wer sicher ist, lebt lang und glücklich. Wer frei ist, lebt gefährlich und achtet nicht auf das Wohl seiner Mitmenschen“, die Stimme nahm einen tadelnden Klang an.

In der Stadt Skyscrape sind alle Menschen über das Cybernet verbunden und können so in einer großen Gemeinschaft an den Gefühlen der anderen Mitmenschen teilhaben. Aufgrund dieser Gemeinschaft gehören Kriege und Verbrechen der Vergangenheit an, und wer doch eine Emotion loswerden will, geht zu einem Erinnerungskonstrukteur. Ein solcher ist auch Leon, und er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, mit der wunderbaren Star-Sängerin Janica an seiner Seite und der Aussicht darauf, nur die exklusivsten Kunden behandeln zu dürfen. Dann jedoch geht eine solche Behandlung beim Sohn eines einflussreichen Bankers schief, und der Junge begeht Selbstmord. Das System befindet Leon für schuldig, trennt ihn vom Cybernet und verbannt ihn in die Unterstadt, tief im Fundament von Skyscrape. Leon ist klar, dass man ihn in dieser verwirrenden Welt aus abstoßender Gewalt und offenem Hass verrecken lassen will. Als er fast alle Hoffnung aufgeben will, wird er jedoch vom Ex-Soldaten Rade aus der Klemme geholt, und dieser bietet dem Newcomer im Slum eine Bleibe und seinen Schutz. Nach und nach lernt Leon auch Rades Geliebte, die Hure Lux, und seine Mechanikerin Skylynn kennen. Gemeinsam mit diesen neuen Freunden gelingt es ihm, in der Unterwelt Tritt zu fassen und sich ein neues Leben aufzubauen. Dann jedoch tritt der undurchsichtige Yas in sein Leben, der unfreiwillige Spender ihrer Organe beraubt, und macht Leon ein verlockendes Angebot. Er bringt ihn zurück in die Oberstadt, wenn Leon ihm hilft, das Trauma seiner Opfer zu lindern. Leon willigt ein – und wird zu einem Spielball von Mächten, die er nicht begreifen kann.

Ich bin bekennender Cyberpunk-Fan, seit ich den Neuromancer gelesen, den Blade Runner gesehen und Shadowrun gespielt habe. Leider fristet diese besondere Untergattung des Sci-fi im Literaturbetrieb immer ein gewisses Schattendasein (als ob Sci-fi selber so eine große Rolle spielen würde), und darum gebe ich Newcomern auf der Bühne gerne eine faire Chance. Das gilt insbesondere, wenn ich mit dem Autoren ein paar Takte über dieses Genre wechseln konnte – wie im Falle von Hainwalds auf der LBM geschehen. (Dass ich als Indie-Autorin mit anderen Indies mitfühlen kann, könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben.) Als ich das Buch dann schließlich las, beschlich mich zusehends dieses seltsame Gefühl von déjà vu, das alles irgendwo schon einmal gelesen oder gesehen zu haben. Cyberempathy trägt seine Inspirationen sehr offen mit sich herum, mit einer tiefen Verwurzelung im Anime – hier sollen vor allem Battle Angel Alita und Akira genannt werden – und dem beinahe formulaischen Befolgens all jener Punkte, die den Cyberpunk ausmachen. Cyber? Check. Punk? Check. Mehr Schein als Sein? Check. Immer auf des Messers Schneide? Check. Einstellung ist alles? Check. Drogen, Sex und sinnlose Gewaltexzesse? Check, check uuuund check. Es geht gefühlt wenige Risiken ein, die Heldenreise ist ebenso in allen Punkten vorhanden wie die klar definierte Drei-Akt-Struktur und das im Cyberpunk so typische Fehlen eines sauberen auflösenden Endes. Für Kenner des Genres ist von vorneherein absehbar, wie sich die Geschichte von Schlecht zu Katastrophal dreht. Die Welt ist dabei durchsetzt von auf den ersten Blick coolen Gimmicks, denen aber das eher cineastische Verständnis für die zugrunde liegenden Technologien, das geradewegs aus Scottys Enterprise-Mechaniker-Wortschatz zu stammen scheint, häufig anzumerken ist. Ständig wird irgendein neuer abgedrehter Scheiß in die Manege geschmissen und gemäß dem Grundsatz „Style over Substance“ in kurzen Vignetten verheizt. Irgendwann wird das sehr ermüdend, der Zauber der sehr eigenwilligen Welt verfliegt und die Ungläubigkeit lässt sich nicht mehr willentlich aussetzen. Wie und warum die Gesellschaft in Skyscrape funktioniert, bleibt immer im Hintergrund, wenn man vom Cybernet und den miteinander verknüpften Emotionen absieht.

Die Figuren sind ziemlich simple Archetypen: Da ist der naive optimistische Newcomer, der Ex-Elitesoldat mit der dunklen Vergangenheit, die Hure mit dem Herz aus Gold und die Wunderkind-Mechanikerin. Die Mischung funktioniert, auch wenn sie auf den ersten Blick wenig Überraschung verspricht – man erwartet einfach, dass diese vier zueinander finden. Trotzdem legt von Hainwald viel Augenmerk darauf, zumindest Leon und Rade umfangreich mit Empathie und Gefühlen auszustatten. Immerhin geht es in dem Roman genau um diese Empathie und um das (bei Philip K. Dick sehr populäre) Motiv der Frage nach dem, was uns menschlich macht und an welchem Punkt wir aufhören, Menschen zu sein. Gerade bei Rade und den anderen aufgemotzten Gestalten in der Unterwelt kommt mir das aber manchmal zu kurz; in den Cyberpunk-Rollenspielen wird das sehr coole Konzept des Menschlichkeitsverlustes gepflegt, bei dem man immer, wenn man ein Körperteil durch Blech ersetzt, ein wenig vom eigenen Selbst aufgeben muss, bis man einer Psychose anheim fällt. Es gibt bei Rade zwar Indizien dafür, und auch die allgegenwärtige Gewalt und Abwertung menschlichen Lebens und die Kriecher im Fundament sind Hinweise auf ein solches Prinzip, aber in einem Roman, der sich so stark um Empathie und Emotionen dreht, wäre hier etwas plakativeres Vorgehen sicher nicht verkehrt gewesen. Besonders Wundermechanikerin Skylynn scheint sonderbar emotionslos gegenüber dem Fakt zu sein, dass ihr irgendein Arschloch die Arme abgesäbelt hat, als sie noch ein kleines Kind war. „Das ist lange her“, lautet ihr lakonischer Kommentar – als ob man das Trauma eines solchen Übergriffes einfach ad acta legen könnte. (Eigene Erfahrungswerte: PTSD ist ’ne Bitch.) Ich mag die Menagerie trotzdem, auch wenn sie jetzt nicht so viele Schichten wie Zwiebeln oder Oger hat. Und während Rade und Leon auf der letzten Seite im Widerschein der brennenden Unterstadt Händchen halten, wandern meine Gedanken zu Skylynn und Lux und der bangen Frage, ob es ihnen gut geht.

Reden wir noch kurz über das Handwerkliche des Verlags. Gedankenreich ist sehr klein und steckt einen Haufen Herzblut in seine Projekte. Das kenne ich aus eigener Erfahrung, man möchte die Welt an seiner Liebe ein bisschen teilhaben lassen. Umso schmerzhafter ist es dann, Fehler zu sehen, die mit etwas mehr Sorgfalt hätten vermieden werden können. Immer wieder sind dem Lektorat Rechtschreib- und Grammatikfehler durchgerutscht, und die Satzzeichen (insbesondere die Kommas) scheint jemand mit der Schrotflinte nach dem Zufallsprinzip in den Satz geschossen zu haben. Das Layout ist zwar liebevoll, mit ansprechenden Trennern und Kapitelköpfen, aber auch hier merkt man, dass im Wesentlichen nur die Silbentrennung und die Hurenkinderregelung in Office eingeschaltet und danach nicht noch einmal drüber gelesen wurde. Das macht den Satz stellenweise sehr unruhig, mit riesigen Wortabständen oder Stellen, an denen nur die Satzzeichen einer wörtlichen Rede in die neue Zeile rutschen und dann der Absatz endet. Ich meine, ich weiß selber, wie viel Zeit (und für einen Verlag auch Geld) es kostet, diesen ganzen Mist zu finden und zu beseitigen, und ich ärgere mich schwarz, dass mir in meinen eigenen Werken vereinzelt solche Fehler durchgegangen sind. Aber wenn man sich eines Lektorates und eines Layouters rühmt, sollte das doch möglich sein, oder?

Nach derart geharnischten Worten erwartet vermutlich niemand mehr versöhnliche Töne aus meiner Feder. Aber der Punkt ist, dass Cyberempathy bei all meiner Kritik irgendetwas wohl fundamental richtig gemacht haben muss. Immerhin habe ich das Buch tatsächlich bis zum Ende gelesen, und ich hatte niemals während der 560 Seiten das Gefühl, es wäre nur Arbeit oder eine unangenehme Pflicht – und das konnten in den vergangenen Wochen wirklich wenige Bücher in meiner Sammlung von sich behaupten. So formulaisch und nach Checkliste der Roman auch allem Anschein nach entstanden sein mag: Er funktioniert. Die Charaktere sind keine Katastrophe, die ich ständig gehasst habe, und die unterschwellige Botschaft der obrigkeitsbefohlenen Political Correctness bis zur Selbstverleugnung gepaart mit einer diffusen nicht ganz greifbaren globalen Bedrohung klickt gut in den aktuellen Zeitgeist. Sex-Anspielungen sind gehäuft, aber nicht aufdringlich, und Cyberempathy dürfte der erste Cyberpunk-Roman sein, in dem der obligatorische Fick des Hauptcharakters homoerotisch ist. Das alleine hat fette Bonuspunkte verdient. Kurz gesagt: Wer das Genre liebt und ein Herz für Indie-Autoren und -Verlage hat, sollte bei aller Kritik zugreifen. Schon allein, um’s dem Establishment der großen Verlage zu zeigen. Das wäre nämlich ziemlich Cyberpunk von euch.

E.F. von Hainwald: »Cyberempathy« | ISBN 978-3-947147-48-9 | 560 Seiten | 16,90 € (D)

Gestellte Weichen

Ihr Zug ist nicht sehr voll, als sie ihn durch die samtene Schwärze der lauen Juninacht steuert. Es ist ihre letzte Tour für heute, die letzte Fahrt hinaus an den Stadtrand und in die Wendeanlage, die sich in einem kleinen Wäldchen verbirgt, abgeschirmt von neugierigen Augen. Es ist halb drei in der Früh, und die Schleife kann um diese Uhrzeit schon beängstigend sein, insbesondere wenn man ganz alleine auf dem Wagen ist.

Nur eine Handvoll Fahrgäste sitzen in den beiden Wagen, aus denen sich ihr Zug zusammensetzt, verlorene Seelen, Nachtschwärmer. Menschen, die wie sie bis in die Nacht gearbeitet haben. Menschen, die ihre Freizeit in der Innenstadt verbracht haben und sich nun nach einem Bett sehnen, ehe der Arbeitsalltag wieder von ihnen Besitz ergreift. Menschen, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen, für die ihr Zug eine warme Zwischenstation ist, in der sie einige Stunden unbehelligt und im Trockenen schlafen können, ehe sie zurück auf die Straßen und in einen Hauseingang gezwungen werden.

Die Fahrsignalanlage kommt in Sicht, halb verdeckt von den in der milden Witterung sprießenden Bäumen, ein beruhigender, orangefarben leuchtender Balken von links unten nach rechts oben, der ihr anzeigt, dass die Weichen in die Schleife hinein korrekt eingelaufen sind. Sie zieht den Sollwertgeber in den Bremsbereich und bremst ihren Zug sanft ab. Der Umformer summt, und die Dachlüfter springen an, um die durch das Bremsen entstehende Wärme abzuleiten. Es gibt einen Stoß, als das vordere Triebgestell auf die Weichenzunge trifft und ihr Zug nach rechts abgeleitet wird, in die scharfe Kurve, die den Beginn der Wendeanlage markiert. Die beiden Wagen schütteln sich, und die vierundzwanzig Radkränze kreischen ein beängstigendes Wehklagen durch den stockfinsteren Forst.

An der Haltetafel des Bahnsteigs bringt sie die siebzig Tonnen ihres Arbeitsplatzes mit ruhiger Hand zum Stehen und öffnet die Türen auf der rechten Seite. Kühle Nachtluft strömt in den Fahrgastraum. Es ist stockfinster, nur die Hydrogeräte ihrer Federspeicherbremsen surren. Sie drückt den Taster für die Innenlautsprecher und macht ihre Durchsage: “Verehrte Fahrgäste, wir haben die Endstelle erreicht. Bitte steigen Sie aus. Ich wünsche Ihnen eine schöne Nacht.”

Im Spiegel beobachtet sie den Bahnsteig, der nur spärlich von sechs Natriumdampflampen beleuchtet wird, die ein fade-terrakottafarbenes Licht abgeben. Ein Pärchen steigt aus dem ersten Waggon aus, die beiden haben die ganze Zeit seit der Innenstadt hinter ihr gesessen und miteinander gekuschelt. Auch aus dem hinteren Wagen kommt eine Gestalt, in weite, dunkle Kleidung gehüllt. Sie geht vornüber gebeugt, die Hände tief in den Taschen ihrer Jacke vergraben, und ihre Schritte scheinen unsicher und wankend zu sein. Zu viel über den Durst getrunken, denkt sie, während sie die Beleuchtung ihres Fahrstandes einschaltet und nach ihrem Fahrtennachweis greift, nichts ungewöhnliches an einem Samstagabend und in dieser lauen Sommerluft.

Mit dem Ausfüllen der Formulare lässt sie sich Zeit, ihr IBIS zeigt für die Abfahrt beruhigende 28 Minuten Pause an. Fast eine halbe Stunde, in der sie in Ruhe die Wagendurchsicht machen und sich einen heißen Tee und einen Keks genehmigen kann. Sie schätzt die meditative Ruhe der letzten Fahrt des Tages, der nur noch das Einrücken in den Betriebshof folgt. Sie kommt nicht gut mit Menschen zurecht. Mehr beiläufig geht ihr Blick noch einmal zum Außenspiegel, doch der Betrunkene aus dem hinteren Wagen ist in der Dunkelheit des Waldweges verschwunden. Er wird ihre Hilfe heute nicht benötigen.

Der Tee aus ihrer Thermoskanne ist noch heiß und duftet lieblich nach Früchten und Savanne im Abendrot. Sie legt den Fahrtennachweis und ihren Kuli fort und nippt an dem Edelstahlbecher. Die rechte Hand schaltet die Monitoranlage ein, vier Kameras in jedem der beiden Fahrzeuge. Eine gute Methode, sich einen schnellen Überblick zu verschaffen, ehe man selber durch die Wagen geht und möglicherweise in unliebsamer Gesellschaft landet. Sie hat schon einiges erlebt in der Hinsicht, auch wenn sie nicht unbedingt unter Angstzuständen leidet.

Der Wagen in ihrem Rücken ist leer, verwaiste Sitzbänke aus blauem Hartplastik leuchten ihr aus den statischen Störungen der Kameraanlage entgegen. Sie drückt den Taster für die Wagenfortschaltung und ruft so das Übersichtsbild des Beiwagens auf, das alle vier Kameras gleichzeitig zeigt. Und stutzt. Beugt sich vor, während ihr Finger mit einem hektischen Stakkato die vier Kameras durchschaltet, bis sie sieht, was sie irritiert hat. Was sie gehofft hatte, niemals sehen zu müssen. Blut im Beiwagen.

Sie schließt die Augen, atmet tief durch. Hunderttausend Szenarien huschen vor ihrem inneren Auge vorbei. Ihre Hand tastet nach dem Stelleisen in ihrem Rücken, einem Meter beruhigend schwerem Stahl, mit dem sie Weichen von Hand stellt. Oder aufsässige Kunden abschreckt, als allerletzte Möglichkeit. Sie zieht den Schlüssel aus dem Wagenschloss, verlässt den Fahrstand und geht langsam nach hinten, in den Beiwagen.

Es ist so ruhig im Fahrzeug, dass sich ihre Nackenhaare aufrichten. Sie kann ihr Herz schlagen hören, und als das Hydrogerät auf dem Dach anspringt, macht sie einen kleinen Satz. Das Blut ist deutlich zu sehen, ganz am Ende des Wagens, eine dünne Spur, die im kalten Neonlicht tiefrot glitzert. Langsam tastet sie sich heran und ist beruhigt, als sie auf den Bänken keinen Körper erkennen kann, keine verräterischen Schatten eines Angreifers, der nur auf sie wartet. Aber irgendetwas ist da.

Unwillkürlich packt sie das Stelleisen fester und wagt einen Blick über die millimeterdünne Kunststofflehne des Sitzes. Nichts. Nichts außer dieses Gefühls. Sie beugt sich weiter vor. Erblickt, was auf dem Sitz liegt. Ihre Augen weiten sich, und das Stelleisen poltert zu Boden.

“Oh mein Gott.”

Sie hat vieles gesehen in den letzten fünf Jahren auf dem Bock. Messerstechereien, Prügeleien, Junkies, die sich in der scheinbaren Ruhe einer abgelegenen U-Bahn-Station einen Druck in den Arm setzen. Säufer, die ihr in das Fahrzeug pinkelten. Schüler, die die Noteinrichtungen missbrauchen und die Türschließsensoren beschädigen. Fußballfans, die in wenigen Minuten einen ganzen Zug auseinandernehmen im Siegestaumel. Sie hat mehrfach erfolgreich Selbsttötungen verhindert und war einmal zu spät und hat einen jungen Mann überfahren. Aber niemals hätte sie damit gerechnet, einen Neugeborenen zu finden. Ein winziges Mädchen. Blutverschmiert. Die Nabelschnur mit einem schartigen Taschenmesser durchtrennt, das neben dem Baby in einer blutigen Pfütze liegt.

Erst jetzt dringen die Informationen, die in dem sich ihr bietenden Anblick eingebettet sind, in ihren für die Ratio zuständigen Teil des Hirnes vor. Für einen endlos erscheinenden Augenblick setzt ihr Denken komplett aus. Dann hat sie auch schon ihre Dienstjacke ausgezogen und das mit Blut und klebriger Nachgeburt verschmierte Bündel Mensch darin eingewickelt. Sie weiß nicht viel über Babys, aber dieses scheint immerhin wohlauf zu sein, die Umstände in Betracht ziehend.

Wie sie auf ihren Fahrstand gekommen ist, weiß sie nicht genau. Jetzt sitzt sie auf ihrem Fahrerplatz, das Baby, das leise gluckst, in ihrer Jacke eingewickelt auf dem Schoß, und drückt mit zitternden Fingern auf den roten Unfallruf an ihrem IBIS. Den Knopf, den niemand jemals drücken will. Bange Sekunden vergehen, bis der diensthabende Verkehrsmeister sich endlich meldet.

“Leitstelle für Neun Fünfzehn, Sie haben den Unfallruf ausgelöst?”

Sie schluckt. Nicht mehr allein. Alles wird gut werden. “Leitstelle, ich muss eine Fundsache melden”, sagt sie, atmet dann noch einmal durch und beendet ihren Satz: “Ich habe im Fahrzeug ein Neugeborenes gefunden.”

Stille im Funk. Fast will sie erneut auf den Unfallruf drücken, da meldet sich der Verkehrsmeister. “Neun Fünfzehn, bitte wiederholen Sie das.”

“Ich habe bei der Wagendurchsicht ein Neugeborenes im Fahrzeug gefunden”, wiederholt sie und wundert sich darüber, wie ruhig sie jetzt ist. “Die Mutter scheint es auf dem Weg zur Endstelle in meinem Zug entbunden und dann im Stich gelassen zu haben.”

Sie kann hören, wie ihr Kollege schluckt, während die Zahnräder in seinem Kopf versuchen, irgendein Protokoll, eine Dienstanweisung zu finden, was in so einem Fall zu tun ist. Sein Professionalismus und seine Erfahrung übernehmen. “Leitstelle hat verstanden. Ich alarmiere die Polizei und einen RTW, der das Kind übernehmen wird. Sind Sie noch fahrtauglich?”

Sie will erst nicken und sagen, dass es nicht so schlimm ist, dass sie ja ohnehin nur noch die Einfahrt in den Betriebshof hat, aber die Tränen quellen ihr aus den Augen. “Ich fürchte nicht”, sagt sie.

“Ich schicke einen Verkehrsmeister und die Bereitschaft. Bleiben Sie auf jeden Fall vor Ort stehen und beim Kind. Wenn was ist, rufen Sie mich unverzüglich wieder an. Insbesondere wenn die Mutter wieder auftauchen sollte, halten Sie sie dann unbedingt fest. Leitstelle Ende.”

Das IBIS verstummt. Sie lehnt sich zurück, das Kind fest an sich gedrückt. Alles wird gut. Man wird sich um sie kümmern.


Sechs Jahre waren vergangen. Sie hat sich einschränken müssen, hat viele Abstriche machen müssen, als Celeste in ihr Leben trat. Es war ein lauer Juniabend, so wie heute, und tausende Sterne haben über dem Forst gefunkelt, in den die Wendeanlage eingebettet ist. Den Zug zu fahren, Menschen sicher an ihr Ziel zu bringen, das war ihr Leben. Niemals hätte sie sich vorstellen können, das irgendetwas denselben hohen Stellenwert würde einnehmen können wie dieser Beruf. Nein, es war kein Beruf, für sie war es Berufung. Sie war die Züge-Flüstererin.

Die Prioritäten haben sich in jener Nacht verschoben, vor sechs Jahren. Plötzlich war eine andere Sache in den Vordergrund gerückt. Nein, keine Sache, ein Menschenleben, ein junges Mädchen. Das Ereignis hatte sie mehr beeinflusst als jeder Suizidversuch. Mehr als der junge Mann, dem es gelungen war, sich vor ihren Zug zu werfen und sich so das Leben zu nehmen. Als Celeste, die damals noch nicht Celeste hieß, ihren Finger umklammerte und leise wimmerte.

Celestes Mutter war nicht aufzufinden gewesen, und das Mädchen kam zunächst in ein Heim. Ihre Adoption gestaltete sich als schwierig, war ein harter Kampf gegen Behörden und Regeln und Vorschriften. Ihr Lebenswandel, ihr Beruf mit Schichtdienst ließen eine problemlose Adoption nicht zu. Sie stellte ihren Dienstplan auf Mitteldienste und Tagdienste um. Trotzdem vergingen lange Jahre, ehe sie das Mädchen wiedersah. Ehe sie das Mädchen zum ersten Mal aus dem Hort abholen und in ihre neue Wohnung, ihr neues Leben bringen durfte. Einfach waren die zurückliegenden Jahre nicht gewesen. Aber wenn sich das Schicksal mit so großer Macht in das eigene Leben drängt, dann muss man überlegen, ob der eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist oder ob es nicht an der Zeit ist, die Weichen neu zu stellen und die Prioritäten neu zu sortieren.

Sie liegen auf dem Rücken im warmen Gras. Celeste ist eingeschlafen und hat sich in der Kuhle ihrer Armbeuge zusammengerollt. Das Mädchen wimmert leise im Schlaf; das hat sie seit ihrer Geburt nicht abgelegt. Sie streicht diesem schönsten aller Wesen durch die dunklen Haare und wirft einen Blick zum Himmel hinauf, wo die Sterne funkeln. Der Himmel. Vom Himmel kommend. Celestrisch. Daher der Name für das Kind.

Die Kleine ist aufgewacht und blickt nun auch hinauf in das funkelnde Schauspiel, die Endlosigkeit der Schöpfung. Deutlich hebt sich das Band der Milchstraße aus dem Sternenmeer ab.

“Die anderen Kinder ärgern mich. Sie sagen, du bist nicht meine richtige Mama.”

“Ich habe dich nicht auf die Welt gebracht. Aber ich liebe dich trotzdem genauso sehr, als hätte ich dich geboren.”

“Hast du meine richtige Mama gekannt?”

“Nein.” Sie schüttelt den Kopf, streichelt das Mädchen weiter. “Man hat sie nicht gefunden, in der Juninacht damals.”

Celeste überlegt. Dann sagt sie leise: “Wenn meine richtige Mama mich weggeworfen hat wie ein kaputtes Spielzeug, dann war sie vielleicht nicht meine richtige Mama. Und wenn du mich aufgenommen hast, dann bist du vielleicht meine richtige Mama.”

Sie stutzt und stellt das Streicheln ein. Dann lacht sie leise, aber das Lachen schlägt in ein Schlicksen um, und ehe sie sich versieht, rinnen ihr die Tränen über die Wangen und zu den Ohren hinab und fallen ins Gras unter ihr.

“Weinst du, Mama? Habe ich etwas schlimmes gesagt?”, fragt das Kind erschreckt.

“Nein”, erwidert sie und zieht Celeste an sich. “Du hast etwas wunderschönes gesagt. Etwas so schönes werde ich nie wieder in meinem Leben hören.” Eine Liebe gegen eine andere. Eine Berufung gegen eine andere. Eine Verantwortung gegen eine andere. Sie küsst das Mädchen auf den Schopf. “Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Augenstern.”

Terence Blacker: »boy2girl«

“Alles, was du tun musst, ist fünf Tage als Mädchen in die Schule gehen. Wenn du das machst, bist du dabei. Dann bist du einer von uns.”

Das Leben der britischen Familie Burton wird ziemlich durcheinander gewirbelt, als sie Cousin Sam aus den USA bei sich aufnehmen müssen, weil dessen Vater im Knast sitzt und seine Mutter bei einem Unfall ums Leben kam. Sam ist so alt wie Sohn Matthew, aber mit seinen 13 Jahren viel rotziger und darüber hinaus ungepflegt und voller schlechter Manieren. Trotzdem stellt Matt ihn seinen Freunden Jake und Tyrone von der Bunkerbande vor. Gemeinsam versuchen sie, Sam die Eingewöhnung möglichst leicht zu machen, doch als dieser einen Streit in ihrem Lieblings-Imbiss provoziert, schließen sie ihn aus ihrer Bande aus. Als Sam den Vorschlag macht, seine Treue zur Bande durch eine Mutprobe zu beweisen, sind die Jungen zunächst nicht begeistert, doch dann haben sie eine Idee: Aus Sam soll Samantha werden, und er soll die gesamte erste Woche des neuen Schuljahres als Mädchen zur Schule gehen. Die drei Jungen sind überzeugt, dass der raue und ungehobelte Sam diese Prüfung nie bestehen wird, doch zu ihrer Überraschung verwandelt er sich in ein perfektes Mädchen und freundet sich in kürzester Zeit mit ihren Erzfeinden an, den Zicken Elena, Zia und Charley. Dann jedoch stellt sich heraus, dass Sams Mutter ihrem Sohn ein Vermögen hinterlassen hat, und als sein Vater aus dem Knast entlassen wird und sich auf die Reise nach England macht, um seinen Sohn und die Kohle zu retten, hat Matthew darauf nur eine Antwort: Sam muss von der Bühne verschwinden und durch Samantha ersetzt werden – rund um die Uhr! Aber wie bringt man das den Erwachsenen bei, die von der Aktion “boy2girl” bisher nichts wussten?

Es ist mal wieder so weit: Alice zerreißt ein Buch. Ich wusste, dass boy2girl mich enttäuschen und wütend machen würde, kaum dass ich Cover und Klappentext gesehen hatte, und ich wurde leider bestätigt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – habe ich dieses Jugendbuch beim letzten Besuch in der Buchhandlung gekauft. Kinder- und Jugendbücher, die sich der Geschlechterthematik gleich welcher Couleur annehmen, sind immer noch rar gesät, und gute Vertreter ihrer Gattung sind seltener als schwarze Perlen. Vielleicht wollte ich deshalb bei der Lektüre von boy2girl unbedingt positiv überrascht werden, wollte sehen, dass das Buch es besser macht, nicht zuletzt, weil Terence Blacker für den Roman den Angus Book Award bekam und der Verlag (Gulliver / Beltz) es in der Rubrik Schullektüre unter dem Stichpunkt “Geschlechtertausch” führt. Zumindest unter anderem, aber dazu später mehr. Leider kommt das Buch dann aber letztendlich über eine Mischung aus “Charlys Tante” und “Die Lümmel aus der letzten Bank” nicht wirklich hinaus. Und das ist wirklich schade, denn wie bereits eingangs erwähnt, sind gute Bücher zu der Thematik nicht gerade einfach zu finden. Der Fairness halber ist das Thema “Geschlechtertausch” aber auch nicht wirklich leicht umzusetzen – gerade Männer, die zu Frauen werden müssen, haben in unserer Gesellschaft immer noch eher Comedy-Potenzial, während man das Wachsen am Geschlechtertausch lieber Frauen wie Mulan überlässt, die sich als Männer ausgeben. Diesen irgendwie unauslöschlich in den genetischen Code der Dramaturgie gegossenen Naturgesetzen folgt leider auch boy2girl.

Nun taugt eine Geschichte recht wenig ohne ihre Charaktere, und auch hier muss man leider sagen, dass diese flachen Abziehbilder von Figuren einfach zu schwach sind, um den ohnehin extrem dürftigen Plot zu tragen, und sich im Laufe der Handlung auch kaum wirklich verändern. Was an Veränderung stattfindet, wird mal eben überhastet in Nebensätzen rausgehauen und damit scheinbar zur absoluten Bedeutungslosigkeit degradiert. Lernen Sam und Matt etwas aus der Geschichte? Verändert sich Matts Beziehung zu Sam, zu seinen Eltern, zu den Zicken? Kommen Tyrone und Jake mit ihren Eltern, mit Sam, mit Matt, mit den Zicken besser klar? Ja, das berühmte Verwechselungsspielchen um Sam und Samantha, der zwischendurch auch mal zu Simon und Simone wird, ganz wie es die Handlung braucht, sorgt in der typischen Manier solcher Komödien für einiges an Verwirrungen und Chaos. Dass Matts Eltern nichts merken, gut, das kauf ich noch, Eltern sind häufig ein bisschen realitätsfremd und betriebsblind ihren Teenager-Kindern gegenüber. Dass aber die Rektorin, die dem Buch zufolge klar einen Jungen namens Sam erwartete, beim Auftauchen eines Mädchens namens Sam nicht mal ganz flott bei Familie Burton anruft und um Klärung des Sachverhaltes bittet – was die ganze Show schon auf Seite 60 gekillt hätte -, macht diese Figur absolut unglaubwürdig. Dass die Eltern, als sie endlich eingeweiht werden, nicht in der Schule anrufen und dort für Klärung sorgen (oder generell mal erzieherisch tätig werden), demontiert auch sie als Autoritätsperson. Überhaupt kommen die Erwachsenen in diesem Buch ziemlich schlecht weg und werden durchweg als klischeehaft unsympathisch und ätzend dargestellt. Aber das war irgendwie zu erwarten in dieser Schublade voller Abziehbilder, in denen der einzig interessante Charakter – Sams Mutter – in einem Nebensatz und einem Autounfall getötet wird.

Reden wir noch kurz über den Stil, in dem das Buch geschrieben ist. Terence Blacker präsentiert boy2girl als eine Art Bericht, in dem jeder Protagonist abwechselnd zu Wort kommt. Manche erzählen die Handlung über mehrere Seiten, manche tragen immer nur wenige Sätze oder sogar nur ein Wort bei, und der Löwenanteil des Erzählens kommt Matt zu. Überhaupt nicht zu Wort kommt hingegen Sam, all seine Betrachtungen, seine Gefühle, seine Motivation bleiben im Dunkeln und werden höchstens von außen beleuchtet, von Menschen, die sich in seine Krise, die Mutter verloren zu haben, nicht einfühlen können. Dadurch bleibt Sam als Figur so undefiniert wie seine Geschlechterrolle in diesem Buch. Wieso er die Mutprobe auf sich nimmt und es scheinbar sogar regelrecht genießt, als Mädchen aufzutreten, wird nie wirklich geklärt. Erst im Finale wird der Vorhang ein winziges bisschen gelüftet, als Sam gesteht, dass er nicht mehr vor seinem Vater davonlaufen will. Denn durch diesen ist er ziemlich früh an Verbrechen und Gewalt und das Recht des Stärkeren gewöhnt worden – und so hat Beltz die Themen Gewalt, Aggressionen, Erwachsenenwerden, Freundschaft und Familie auch direkt mal auf die Liste der pädagogischen Themen geschrieben, obwohl man die Themen – oder ihre Lösung – schon mit der Lupe suchen muss. Überhaupt geht das Buch mit einem guten, plausiblen Schluss sehr spärlich um. Sams Vater zieht mit seiner schwangeren Freundin in die Staaten zurück, Sam bleibt bei den Burtons und macht weiter Musik mit Zia, und die einzige Erkenntnis, die Matt aus der Geschichte zieht, ist, dass der Unterschied zwischen Mann und Frau dem Leben erst die Würze gibt – und diese Erkenntnis wird in einem einzigen Satz so sehr mit dem Holzhammer vermittelt, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, der Autor habe drei Sätze vor Finale festgestellt: “Ach ja, da war ja noch was, was kann man noch kluges zum Geschlechtertausch sagen?”

Ich kann euch leider nicht sagen, welcher Song von den Doors dieses Buch wäre, dafür kenne ich zu wenig von den Doors. Das von Matt vorgeschlagene “Break through to the other side” ist es jedenfalls nicht, dazu fehlt es der Geschichte zu sehr am Durchbruch. Insgesamt bin ich enttäuscht, dass das Buch mich wie vorhergesehen enttäuscht hat, und zornig, dass das Buch mich wie vorhergesehen zornig gemacht hat. Zu gerne wüsste ich, was die begleitenden Unterrichtsmaterialien von Beltz zu dem Schmöker sagen, aber der Download ist nur für registrierte Lehrer erhältlich, und das Buch mit den Unterrichtsmaterialien zu kaufen, das ist es mir dann doch nicht wert. boy2girl kriegt keinen Ehrenplatz neben Luna, nicht einmal neben Finding Alex. Es kriegt einfach einen Platz auf einem der Bretter – und ich werde weiter auf das Jugendbuch hoffen, das sich endlich vernünftig mit dem Thema Geschlechterrollen auseinandersetzt. Auch wenn ich fürchte, dass das niemals geschehen wird.

Terence Blacker: »boy2girl« | ISBN 978-3-407-78973-0 | 283 Seiten | 8,95€ (D)

Eisscherbe

Die Kirschen erblühten vor den Fenstern der Bibliothek und kündeten davon, dass der Frühling in Kaldenbach nördlich der Wolkenstürmerzinnen Einzug gehalten hatte. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel herab und ließ das Eis auf dem nahen See schmelzen. Die milde Witterung markierte den Beginn der Aussaat in unserer kleinen Siedlung im Norden Myrrahs, und so begannen Elfen, Satyre und Zentauren gleichermaßen damit, die Felder vorzubereiten.

Für mich selber galt dies indes nicht. Anders als meine elfischen Brüder und Schwestern nahm ich nicht in dieser Form am gesellschaftlichen Leben teil. Stattdessen traf man mich immer häufiger in der Bücherei des Dorfes an, wo ich meine Studien der elfischen Geschichte vorantrieb. Dass es in den Hallen voller Bücher angenehm kühl war, betrachtete ich als erfreulichen Nebeneffekt.

»Ich habe euch gefunden, Herrin!«, plapperte meine Assistentin, die kindgroße Eisfee Nyssa in die Stille und unterbrach damit meine Lektüre in Eolais Federstolzens ‘Wohlfeilem Brevier für den reisigen Kaufmann und Abenteurer’. Als Eisfee war Nyssa immun gegen die schweren Winter in Kaldenbach, und ihre zierlichen, eisblauen Flügel widerstanden der beißenden Kälte.

»Selbstverständlich«, erwiderte ich und blickte auf, »ich sagte dir doch, dass ich in die Bücherei gehen werde.«

»Sucht ihr immer noch nach dem Grab des elfischen Kriegsherren Svartwulf?« Nyssa blickte mir über die Schulter und versuchte, Eolais’ Handschrift zu entziffern, aber da sie des Zentaurischen nicht fließend mächtig war, verlor sie schnell das Interesse. »Was steht dort?«

»Nicht viel von Nutzen, fürchte ich.« Ich streckte mich und schöpfte Atem. »Die Encyclica Myrraea ist nicht unbedingt das beste Werk für derlei Nachforschungen. Milady Federstolz nimmt jedoch an, dass Svartwulf sein Leben vor zwei Jahrhunderten in der Schlacht um die Eisbruch-Pässe verlor. Sie schreibt von Spuren, die darauf hindeuten, dass er in einem Grab in der Gegend beigesetzt wurde.«

»Vielleicht solltet ihr eure Suche beim alten Rory Trübeblick fortsetzen?«, schlug Nyssa vor. »Er kämpfte Seit an Seit mit Svartwulf, er könnte also genaueres darüber wissen, ob der Kriegsherr nach seinem Tode in seine Heimat verbracht wurde.«

»Meistens weiß Rory nicht einmal, wo sich seine Beinkleider befinden«, entgegnete ich und kratzte mich am Hinterkopf. Dann jedoch nickte ich und schloss Eolais’ Nachschlagewerk. »Du hast Recht. Es wäre kurzsichtig, ihn nicht zu fragen. Seine Informationen mögen fragwürdig sein, doch er ist ein Kriegsheld und kannte Swartwulf.«


Rory Trübeblick lebte in einer winzigen baufälligen Hütte nahe dem Friedhof, für dessen Bewachung er auch vom Stadtrat beschäftigt wurde, wenngleich diese Aussage vielleicht etwas übertrieben anmutete. Dass der Stadtrat ihm Stelle und Gehalt zuteilte, lag vermutlich eher an seinem Status als Kriegsheld denn an tatsächlicher Befähigung.

Als wir bei Rory eintrafen, saß der alte Elf vor seiner Kate auf einer Bank und schmauchte seine Pfeife. Er zwinkerte Nyssa zu, als er unserer gewahr wurde, und begrüßte uns freundlich. »Ah, Milady Kalla Tiefwasser, eure Hoheit. Und natürlich auch euch willkommen, Milady Nyssa. Was führt euch an diesem Tage zum alten Rory?«

»Wir suchen nach Svartwulfs Grab!«, entfuhr es Nyssa freudig erregt, ehe ich auch nur ein Wort sagen konnte.

»Wirklich?« Rory lächelte amüsiert und hob eine Augenbraue.

Ich räusperte mich und ergänzte: »Ihr habt an seiner Seite gekämpft, ist es nicht so?«

»Ich war einer seiner nächsten Vertrauten, das ist wohl wahr, doch ihr könnt mir glauben, dass ich es kaum mit Svartwulf und seiner mächtigen ‘Eisscherbe’ aufnehmen konnte. Das konnte niemand.«

»Eisscherbe?«, bohrte ich nach.

»Sein treues Langschwert«, erklärte Rory. »Fünf Fuß und aus der feinsten Gletscherjade, die man für Geld kaufen kann. Die Klinge war mit Runen in Zentaurim verziert. Magisch sollte sie sein, erzählte man sich. Der Träger verlor niemals einen Kampf. ‘Eisscherbe’ hasste es, zu verlieren. Aber irgendwann mussten die beiden verlieren. Den Tod betrügt man nicht, auch nicht Svartwulf und seine ‘Eisscherbe’.«

»Ich nehme an, man hat ihn mit seiner Waffe beigesetzt?«

»Das wohl.« Der alte Elf nickte und stopfte seine Pfeife mit frischem Tabak. »Niemand hat die beiden je wieder gesehen.«

»Das Schwert muss sehr wertvoll sein, wenn die Klinge aus Gletscherjade ist«, bemerkte Nyssa nachdenklich. Sie hatte Recht: Gletscherjade, jener hellblaue, beinahe transparente Edelstein mit den weißen Wolkenschleier-Einschlüssen, war nur sehr schwer aus den Wolkenstürmerzinnen abzubauen und zu Schmucksteinen zu verarbeiten, und vollständiger Schmuck war sehr kostspielig, ganz zu schweigen von einer vollständigen Klinge. Und es gab noch einen weiteren Grund, an der Legende zu zweifeln.

»Gletscherjade ist auch nicht robust genug, um dauerhaft als Klinge zu dienen«, ergänzte ich. »Wie verhinderte Svartwulf, dass ‘Eisscherbe’ im Gefecht zerbrach?«

»Er hatte ein kleines Schlachtlied, das er vor jedem Kampfe sang«, erwiderte Rory. »Lud damit die Runen auf. Die Klinge begann zu leuchten, wie die Aurora. Beängstigend, das sag ich euch. Wartet, lasst mich überlegen, ob ich das Lied noch zusammen bekomme.« Er summte, und nach einer Weile rezitierte er:

»Pob taith yn dechrau gyda cam cyntaf
Eisscherbe, fy helpu i weld y llwybr
Ddall fy ngelynion gyda tennyn a chrefft
Gyrru i mewn i nos ddiddiwedd
A byddwn yn fuddugol!
«

»Zentaurim?«, fragte ich überrascht. »Svartwulf war doch ein Elf.«

»Und der stärkste, der mir je unterkam. Besiegte mich unzählige Male im Armdrücken.« Rory nickte. »Aber ‘Eisscherbe’ war nicht elfisch. Das Schwert stammte aus einer satyrischen Schmiede, und die Runen waren von einem Zentauren geschnitzt worden. Um die Magie zu aktivieren, musste Svartwulf auf zentaurisch singen.«

»Ich frage mich, wieso wir vergessen haben, wo sein Grab ist«, sagte ich nachdenklich. »Man sollte annehmen, dass wir wissen, wo seine Gebeine liegen, wo er ein solch bedeutender Kriegsheld der Elfen war.«

»Wenn ihr meinen Rat beherzigen mögt, so lasst Svartwulf in Frieden ruhen. Es gibt Geheimnisse, die besser unerforscht bleiben sollten. ‘Eisscherbe’ ist ein solches Ding.« Rory musterte uns mit seinen beinahe blinden Augen. Dann seufzte er. »Ich kenne diesen Blick, Kalla. Ihr habt nicht vor, so schnell aufzugeben.«

Ich zuckte die Schultern. »Ich denke, wir schulden es den Elfen und auch Svartwulf selber, mehr über ihn und unsere Geschichte zu erfahren. Ich bin kein Grabräuber, Rory. Mein Antrieb ist rein dem Wissensdurst geschuldet.«

»Für die eure mag das zutreffen.« Der alte Elf schnaubte, dann erhob er sich mühsam. »Ich habe da möglicherweise ein Erinnerungsstück, das euch bei eurer Suche helfen mag. Wartet hier.«

Er verschwand in seiner Hütte und ließ uns in der Sonne zurück. Deutlich konnten wir hören, wie er im Inneren durch seine Besitztümer wühlte und dabei zweifelsfrei zahllose Erinnerungsstücke an vergangene Heldentage zutage förderte. Als er zurückkehrte, hielt er einen Gegenstand in der Hand, der entfernt an das dreibeinige Stativ eines Apothekarius erinnerte. In der rostfleckigen Plattform jedoch war ein T-förmiges Stück goldenen Stahls eingebettet, dessen vertikaler Teil mit uraltem Hanf und Stoff umwickelt war.

»Hier«, sagte er und überreichte mir das Artefakt. »Svartwulf selbst gab es mir, als wir uns voneinander verabschiedeten. Vielleicht hilft es euch bei eurer Suche.«

Ich nahm das Dreibein entgegen und untersuchte es. Augenblicklich bemerkte ich die in den Rand der Plattform eingeritzten Nummern. Konnte es sich dabei um Koordinaten handeln, zu zu Swartwulfs Grabe gar? »Danke«, sagte ich. »Dies wird uns eine große Hilfe sein.«


Wir packten unsere Siebensachen und sandten nach unserem Freund Alistair Goldpelz. Dem Satyr gehörte ein fliegendes Schiff, eine dæmonische Drakka namens »Kuss des Morgens«. Ich wusste, dass er dem Ruf des Abenteuers niemals widerstehen können würde, und er bestätigte uns auch, dass die Koordinaten auf dem Dreibein sich irgendwo in den Weiten der Eisbruch-Pässe lagen. Binnen einer Stunde waren wir in der Luft und nahmen Kurs auf die Pässe.

Wir überflogen die kargen Steppen, die größtenteils immer noch mit Schnee bedeckt waren. Nur stellenweise war dieser schon geschmolzen und hatte den Grund in tückisches Sumpfland verwandelt.

Ich hatte jedoch keine Augen für die Schönheit der nördlichen Steppen, denn ich kehrte zu meinen Studien zurück, sobald Kaldenbach hinter uns lag. Immer noch versuchte ich, die Bedeutung des Artefaktes zu verstehen – Handelte es sich um einen Schlüssel? Und wenn ja, wofür? – und Svartwulfs Ballade zu übersetzen. Nyssa leistete mir Gesellschaft, stets um Verbesserung ihrer Lesefähigkeiten bemüht.

»Ich glaube, ich hab’s!«, rief ich schließlich nach mehreren Stunden aus. Dann las ich vor:

»Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt
Eisscherbe, hilf mir, den Weg zu sehen
Blende meine Feinde mit List und Tücke
Vertreibe sie in die dunkelste Nacht
Und wir werden siegreich sein.
«

»Das klingt nach einem weiteren Rätsel«, sagte Nyssa nach einer Weile, die Stirn in Falten gelegt. »Nun, wir werden auch dieses lösen, nicht wahr, Herrin?«

»Richtig.« Ich nickte, auch wenn ich mir dessen im Augenblick nicht zu sicher war. Andererseits lösten sich viele Probleme von selber, wenn man erst einmal am Ort des Geheimnisses ankam. »Ich habe noch mehr herausgefunden. Eolais berichtet, dass Svartwulf eine Frau hatte, die Scharlachfarbene Agapa. Die Encyclica listet sie als eine satyrische Schmiedin.«

»Daraus können wir schließen, dass sie etwas über Waffen wusste«, sagte Nyssa. »Glaubt ihr, dass sie auch ‘Eisscherbe’ geschmiedet hat?«

»Das könnte durchaus sein.« Ich zuckte die Schultern. »Der Text ist nicht eindeutig.«

»Es muss sonderbar gewesen sein, mit ihr verheiratet zu sein, als der Krieg gegen die Satyre und Zentauren begann«, sagte die Fee leise. »Ich frage mich, wie Svartwulf sich gefühlt hat.«

Ich nickte. »Da fragt man sich schon, ob vielleicht nicht alle Legenden über den alten Kriegsherren der Wahrheit entsprachen.«

Ein Schatten fiel auf unsere Notizen. Alistair gesellte sich zu uns. »Macht ihr Fortschritte?«

»Ich glaube, wir haben eine Spur«, erwiderte ich, »aber genaues kann ich nicht sagen.«

»Ich verstehe.« Er nickte und schwieg eine Weile. Dann überreichte er mir sein Fernblickrohr. »Wir werden verfolgt.«

»Hier oben, am Himmel?« Ich erhob mich, trat an das Heck der »Kuss des Morgens« und nahm das Fernblickrohr ans Auge. Ich musste etwas suchen, ehe ich unseren Verfolger schließlich fand, ein fliegendes Schiff, das ich nur allzu gut von vorherigen Abenteuern kannte. »Fiend Harradan!«

»Ja.« Alistair nahm sein Fernblickrohr wieder entgegen. »Er wäre mir beinahe nicht aufgefallen, doch die Sonne hat sich in seinen Segeln gespiegelt.«

»Mam yn ast mangy!«, fluchte ich auf zentaurisch. Wie war er uns diesmal auf die Schliche gekommen? Oder war unsere Begegnung ein Zufall? »Kannst du ihn abhängen, Alistair?«

»Tut mir Leid, Kalla.« Er zuckte die Schultern. »Der Himmel ist wolkenklar, und wir sind beinahe gleich schnell. Er kennt unseren Kurs, und wenn wir ihn jetzt ändern, wird er uns den Weg abschneiden.«

»Du hast Recht«, erwiderte ich seufzend. »Wann erreichen wir die Eisbruch-Pässe?«

Mein Freund blickte zur Sonne und sagte: »Zwei, vielleicht drei Glasen.«

»Dann fahren wir mit unserem Plan fort. Um Harradan können wir uns immer noch kümmern.« Ich war mir sicher, dass es uns gelingen würde, ihn zu überlisten. Es war nicht das erste Mal, dass sich unsere Wege kreuzten – doch diesmal hatte ich Wissen, das er nicht besaß.


Wir bemühten uns, Fiend Harradan in einigen verstreuten Wolken abzuschütteln, doch er blieb uns dicht auf den Fersen, bis wir schließlich unser Ziel erreichten. Mit nur wenigen Minuten Vorsprung landete Alistair die »Kuss des Morgens« nahe der Stelle, an der wir den Zugang zu Svartwulfs Gruft vermuteten.

In dieser Höhe schneite es immer noch. Wir trugen Fuchspelz, um uns gegen den eisigen, schneidenden Wind zu schützen, und doch klapperten wir mit den Zähnen, weil uns die Kälte unter die Kleider fuhr. Wir mussten uns beeilen, wenn wir nicht wollten, dass unser Schiff am Boden festfror.

Wir entzündeten die Gleiris-Kristalle in unseren tragbaren Canhwyllbren und stiegen in die Höhle hinab. Der Grund im Tunnelmund war schlüpfrig von Schnee und Eis, doch nach einigen Schritt war der Boden wieder trocken, sodass wir unseren Weg sicher fortsetzen konnten.

Einige Minuten später weitete sich der Korridor in eine größere Kaverne, die von Gleiris-Kristallen und Glühmoos in dämmriges Licht getaucht wurde. Der Boden wies ein regelmäßiges Muster aus sechseckigen Fliesen auf, die sich von Wand zu Wand spannten. Jede einzelne Fliese trug eine Zentaurim-Rune und war in einer anderen Farbe ausgeführt.

»Dies ist keine natürliche Formation«, sagte ich und war von meinem eigenen Echo überrascht, das vieltausendfach von den Wänden zurückgeworfen wurde. »Wir sind in der richtigen Höhle.«

»Ich beglückwünsche euch zu eurem Fund, Tiefwasser!«, rief eine mir nicht unbekannte Stimme, und ihr Besitzer klatschte langsam in die Hände. Wir wandten uns um und erblickten Fiend Harradan, ein feistes Grinsen auf seinem schmallippigen Mund. Er war in Begleitung von vier Handlangern, die Armbrüste auf uns gerichtet hielten. »Wenn ihr nun beiseite treten würdet, damit meine Freunde und ich uns den Schatz sichern können?«

»An eurer Stelle würde ich nicht weitergehen«, erwiderte ich.

»Bitte«, fügte Harradan hinzu, grinsend wie eine Katze.

Ich zuckte die Schultern und trat beiseite, und mein Gegner nickte einem seiner Gefolgsleute zu. Der arme Tropf senkte die Armbrust und trat – nicht wenig zögerlich – auf die ihm am nächsten liegende Platte. Sobald sein Fuß sie jedoch berührte, schossen blaue Flammen aus dem Boden, hüllten ihn ein und verbrannten ihn unter infernalischem Schreien zu einem Häuflein Asche.

»Eine Falle!« Harradan warf mir einen zornigen Blick zu, aber schnell hatte er sich wieder im Griff. »Milady Tiefwasser, wenn ihr uns dann bitte den Weg weisen würdet?«

Nun war ich in der Klemme: Durch Harradans Einmischung hatte ich noch keine Gelegenheit, über das Rätsel nachzudenken. Ich spürte Angst, und mein Kopf war wie leergefegt. Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht gut unter Stress arbeitete.

»Herrin«, flüsterte meine Assistentin mir ins Ohr. Sie hatte sich in einen Schwarm Glühwürmchen verwandelt, kaum dass Harradan auf der Bildfläche erschienen war. »Ich kenne die Lösung. Erinnert euch an die Ballade von Svartwulf und Agapa!« Sie summte die Melodie und sagte dann: »Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.«

»Pob taith yn dechrau gyda cam cyntaf«, wiederholte ich auf Zentaurim und überlegte, wieso Nyssa die Scharlachfarbene Agapa nicht bei ihrem vollen Namen genannt hatte. »Natürlich!«, rief ich schließlich. »Die erste Rune dieser Zeile gibt die Rune auf der Platte an! Und scharlachfarben ist ein anderes Wort für rot!« Ich tat einen tiefen Atemzug und trat auf die mir am nächsten liegende rote Platte, die die korrekte Rune trug. Nichts geschah, sah man von dem Felsgebirge ab, welches mir vom Herzen purzelte. »Und ich weiß auch, welche Runen als nächstes kommen. Es sind die Anfangsbuchstaben der Verse in Svartwulfs Lied!«

Wir überquerten das Mosaik und durchquerten einen Bogen aus Felsgestein, der über und über mit nordischen Reliefen bedeckt war. Er führte in eine zweite Höhle, deren hohes Dach von massiven Säulen getragen wurde. In ihrem Zentrum stand ein steinerner Sarkophag auf einem Sockel. Unsere Canhwyllbren warfen lange Schatten auf die Wände.

Wir umrundeten den Sarkophag. Harradan deutete mit einem Fingerschnipsen auf seine Gefolgsleute. »Öffnen!«

Wenig überraschend schüttelten die verbliebenen Männer die Köpfe, und die Angst vor weiteren Fallen war ihnen überdeutlich anzusehen. Der Tod ihres Gefährten lag nun wahrlich auch noch nicht so weit zurück, und ehrlich gesagt konnte ich es ihnen nicht verübeln, dass sie weiteren Toden gegenüber abgeneigt waren.

»Das wird euch nicht gelingen«, sagte ich also. Ich war näher an den Sarkophag getreten und hatte den Deckel und seinem Relief näher untersucht. »Der Deckel ist verriegelt. Ihr benötigt einen Schlüssel.«

»Einen Schlüssel?« Mein Gegenspieler zog eine Augenbraue nach oben. »Wenn ihr mich verschaukeln wollt, werde ich euch töten lassen, Tiefwasser.«

Ich schüttelte den Kopf und setzte meinen Tuchbeutel ab, um diesem den Dreifuß zu entnehmen. »Seht ihr diese drei Löcher?«, fragte ich und deutete dazu auf den Steindeckel. »Ich schätze, dass sich der Sarkophag damit entriegeln lässt.«

Harradan entriss mir den Dreifuß und stopfte ihn deutlich ungeduldig in die Löcher, bis er mit einem deutlichen Klicken einrastet. Dann drehte er den Dreifuß, wobei er das T-förmige Objekt in der Plattform als Griff benutzte. Im Inneren des Sarkophags rieb Stein auf Stein, dann glitt der Deckel beiseite.

»Bringt mir Licht!«, befahl Harradan, währenddessen der Deckel auf dem Boden aufschlug. Der Dreifuß löste sich aus seinem Sockel und kullerte in die Dunkelheit davon. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass Nyssa ihm folge, um ihn zu mir zurück zu bringen.

In der Zwischenzeit hatten Harradans Gefolgsleute ihre Canhwyllbren nahe an den Sarkophag gebracht, und wir alle rückten näher an die Kiste, um ins Innere zu spähen. Sie war leer, abgesehen von einer Statue von Svartwulf selbst, die auf dem Grund lag. Sie hatte die Hände gefaltet, als bete er zu unserer Göttin Devana.

»Was soll das?«, knurrte mein Gegner. »Ein weiteres von Svartwulfs Rätseln?«

Ich zuckte die Schultern und sagte: »Vielleicht ist uns jemand zuvor gekommen. Diese Gruft hat seit mindestens zwei Jahrhunderten existiert, und anfangs wussten die Wesen wohl noch, wo sich Svartwulfs Grab befand.«

»Mam yn ast mangy!«, fluchte Harradan zornig. »Die ganze Arbeit für nichts!« Mit einer Geste gab er seinen Männern zu verstehen, dass sie die Canhwyllbren und Armbrüste einsammeln und ihm folgen sollten; eine Aufforderung, der diese nur zu gerne nachkamen. Ehe sich Harradan ihnen anschloss, richtete er ein letztes Mal sein Wort an uns. »Die einzige Genugtuung, die ich aus diesem Fehlschlag ziehe, ist, dass auch ihr nicht in der Lage sein werdet, Svartwulfs Schatz zu bergen!«

Ich wartete sanft lächelnd, bis Harradan und seine Männer die Höhle verlassen hatten. Dann wandte ich mich wieder dem Sarkophag zu.

»Also«, sagte Alistair, »ziehen wir uns auch zurück?«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf und nahm den Dreifuß und das T-förmige Metallstück von meiner Assistentin entgegen. »Weißt du, ich habe Harradan nicht die ganze Wahrheit über Svartwulfs Sarg erzählt. Dahinter steckt mehr. Du hast es auch gespürt, nicht wahr, Nyssa?« Sie nickte. »Harradan mag eine Pestbeule sein, aber er ist auch nur ein kleiner Dieb. Er nutzt Armbrüste und Dolche, wenn er kämpfen muss. Svartwulf war jedoch ein Krieger, und Agapa war eine Schmiedin. Dieses T-förmige Teil ist kein Schmuckstück. Es ist ein Heft.«

»Du redest vom Heft von ‘Eisscherbe’?«, fragte Alistair.

»Bildlich gesprochen, ja.« Ich kletterte in den Sarkophag und inspizierte die gefalteten Hände der Statue. »Wie ich es mir dachte. Hier ist ein Loch zwischen den Händen, welches das Heft aufnehmen könnte.«

Ich platzierte den Schwertgriff über dem Loch, und tatsächlich glitt er ohne Widerstand in die Öffnung hinein. Ein Summen erscholl, und dann entstand unter dem Heft eine Klinge aus blauem Licht. Gleichzeitig ertönte aus dem Schatten das Kratzen von Stein, als sich eine geheime Öffnung in der Wand auftat und den Weg in eine weitere Höhle freigab. Ein gespenstisches blaues Licht schien durch den Spalt.

Sobald die Wand sich nicht mehr bewegte, liefen wir durch die Öffnung und betraten Svartwulfs wahre Gruft. Die Kammer war klein im Vergleich zu den vorangegangenen Höhlen, und in ihre Wände waren Gleiris-Kristalle eingebettet, die alles in sanften hellblauen Schimmer tauchten. Im Zentrum der Kaverne standen auf Podesten in einem leichten Winkel zwei gläserne Sarkophagi. Sie enthielten die toten Körper zweier Personen, die mit den Füßen zur Öffnung lagen. Säulen und Wände waren an den freien Stellen mit Zentaurim-Runen bedeckt, die ebenfalls sanft glühten und vermutlich die Geschichte der hier begrabenen Wesen erzählte. Waffen, Rüstungen, Münzen und Kisten waren auf dem Boden verstreut.

Langsam traten wir auf die Sarkophagi zu, und tatsächlich lag in einem von ihnen der sagenumwobene Kriegsherr Svartwulf. Der andere Körper war eine größere Überraschung. Es handelte sich um eine wunderschöne junge Satyra mit feuerroten Haaren, zweifelsfrei Svartwulfs Gattin, die Scharlachfarbene Agapa. Beide hielten Waffen in ihren gefalteten Händen: Svartwulf die legendäre Klinge »Eisscherbe«, seine Frau Agapa einen gewaltigen Kampfhammer mit einem runenverzierten Kopf.

Wir hatten Svartwulfs Gruft gefunden.


Wir blieben noch für drei oder vier Glasen und erwiesen den beiden toten Helden unseren Respekt. Alistair half mir, so viel von den Runeninschriften an der Wand zu kopieren wie nur irgend möglich. Svartwulfs Schätze rührten wir nicht ab, und auch die gläsernen Sarkophagi öffneten wir nicht. Ihre letzte Ruhe sollte ungestört bleiben, und »Eisscherbe« verblieb im Besitz des Helden.

Als wir in das Atrium zurückkehrten, trat ich an den steinernen Sarg und zog das Heft aus seinem Sockel in den Händen der Statue. Sofort begann die geheime Wand, sich wieder zu schließen. Wir warteten gemeinsam, sahen zu, wie die Wand sich zwischen uns und den Helden schob. Nur wenige Augenblicke, ehe sich der Durchgang schloss, warf ich das Heft und den Dreifuß durch den schmaler werdenden Spalt in die Gruft. Dann schloss sich die Wand und versperrte den Zugang für alle Ewigkeit.

»Wieso habt ihr das getan, Herrin?«, fragte Nyssa.

»Ich habe mich an Rory Trübeblicks Worte erinnert«, sagte ich. »Es gibt Geheimnisse, die besser unerforscht bleiben sollten.« Ich lächelte und nickte gen Ausgang. »Gehen wir. Das Abenteuer ruft.«

Leonie Swann: »Dunkelsprung«

Aber da sind die Dinge. Gerüchte von Gerüchten. Wunder. Unbeschreibliches, nie Geahntes. Nichts Genaues natürlich. Eigentlich gar nichts. Geh nur selbst. Du wirst schon sehen. Nun gut. Sehen wir also…

Der Flohzirkusdompteur und Goldschmied Julius Birdwell fällt an einem kalten Winterabend nach dem Verlust seiner Artistenflöhe in die Themse und überlebt diesen Sturz nur, weil er von einer geheimnisvollen Meerjungfrau errettet wird. Für die Rettung seines Lebens verlangt sie von ihm, dass er ihre Schwester aus den Fängen des geheimnisvollen Professor Fawkes befreit, und damit der arme Bursche sich nicht alleine mit einem wortwörtlich steinalten Magier herumschlagen muss, der es offenbar zu seinem erklärten Hobby gemacht hat, übernatürliche Wesenheiten gefangen zu nehmen und in seinem Varieté zur Schau zu stellen, verweist sie Julius an den Privatdetektiv Frank Green. Der scheint seine ganz eigenen Probleme mit einer undurchsichtigen Vergangenheit zu haben, derer er mithilfe eines Vergessenstherapeuten zu Leibe zu rücken versucht, und schnell fragt sich Julius, ob Green überhaupt fähig ist, ihm bei der Suche nach Professor Fawkes zu helfen. Als dann noch die geheimnisvolle Goth Elisabeth in sein Leben tritt und seine totgeglaubten Flöhe plötzlich wieder zum Leben erwachen und eine sehr eigenwillige Form von Intelligenz entwickeln, finden er und Green sich schnell in einer verwirrenden Geschichte voller mystischer Wesen wieder, deren Motive rundheraus undurchsichtig sind. Was ist das Legulas, das Green bei seinen Nachforschungen bei einer alten Dame findet, und wieso ist Fawkes so scharf auf das Schuppenviech? Sind Elisabeth’ Ziele wirklich so lauter wie sie vorgibt? Und sind es am Ende vielleicht die ganz normalen, mundanen Gefahren, die Schatten ihrer Vergangenheit, die Birdwell und Green das Genick brechen, und gar nicht die fantastischen Wesen aus der Anderswelt? Nur Geduld – wir werden alles zu seiner Zeit erfahren.

„Kann man auch mit Hufen und Hörnern Porsche fahren?“ Dieser Satz aus dem Klappentext war es, wegen dem ich Dunkelsprung gekauft hatte, ohne auch nur irgendwas über Inhalt oder Autorin zu wissen, und ganz ehrlich? Ich hatte das Buch aus dem einzigen Grund gekauft, dass ich es hassen wollte. Spoiler: Ging dann aber nicht, das mit dem Hass. Dabei war ich mir echt sicher: Eine Urban Fantasy Story im modernen London, in der potenziell ein Dämon vorkommt, der dann sicher wieder so überhaupt nicht meinem Bild von Dämonen entspricht, das konnte nur in die Hose gehen, das hatte doch schon Lila Black bewiesen, mit ihren knallroten Zitronendämonen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es schwierig ist, Wesen aus der existierenden Mythologie zu nehmen und „neu“ zu erfinden oder zu interpretieren. Gerade bei bekannten Wesen hat ein Leser oder Zuschauer immer schon ein gewisses Bild im Kopf, eine Erwartungshaltung, wie ein solches Wesen zu sein hat. Hinzu kommt, dass gerade die Fantasy sehr stark von einem gewissen Dualismus aus Gut und Böse lebt, aus der klaren Definition von Held und Antagonist. Mich störte daran immer schon, auch in den alten Heldensagen, dass dem „Monster” unterstellt wurde, keine Motivation für sein Handeln zu haben. Viele Fantasy-Rollenspiele treiben dieses Prinzip auf die Spitze, mit einem straff definierten moralischen Kompass, in dem manche Rassen (Orks oder Dämonen) immer böse sind, mit den Menschen spielen und bekämpft werden müssen, während andere (Elfen oder Engel) immer gut sind und den Helden helfen oder diese sogar stellen. Entfernt man sich zu stark von diesem Bild, läuft man Gefahr, dass der Leser sich von der Figur, die er unter demselben Namen aber mit anderen Merkmalen kennt, entfremdet – wie zum Beispiel bei den funkelnden Vegetarier-Vampiren aus Twilight geschehen, die mit Bram Stokers Dracula streng genommen nur noch das Typenschild teilen. Eigentlich ist das aber ziemlich traurig, weil es sehr spannende Völker zu schmückendem Beiwerk in der Szenerie degradiert.

Nicht so Dunkelsprung, in dem die phantastischen Wesen irgendwo alle ihre Motivation haben oder – wenn sie ein bisschen animalischer sind – ihren nachvollziehbaren Trieben und Lebenszyklen folgen. Wer zum großen Kreis der Hauptfiguren gehört, scheut sich dabei auch nie, seine Kräfte einzusetzen, um sein Ziel zu erreichen, und die Menschen, die in dieser Geschichte mitspielen, stehen gleichermaßen hilf- wie wehrlos vor der großen geheimnisvollen Magie des Anderen Volkes. Diejenigen von ihnen, die sich nicht „normal” verhalten, haben dafür innerhalb der Welt einen durchaus nachvollziehbaren Grund. Aber für keinen von ihnen ist das Ziel so platt und schnell definiert wie „böse sein um des Böse sein Willens”, und das macht die Figuren alle einfach interessant und hebt sie über die Masse eintöniger Abziehbilder ab, die ansonsten Fantasy und Science Fiction (und zunehmend auch ganz normale Belletristik) bevölkern. Das ist aber nicht alles, denn auch die menschlichen Figuren werden nicht zu schmückendem Beiwerk degradiert. Wer in diesem Buch auftaucht, der spielt auch irgendwann eine Rolle – das gilt sogar für die Schnecke, die Frank Green in Rose Dawns Wohnung findet, Julius Birdwells Kundin Odette Rothfield, die einen Ring mit dem Antlitz der Meerjungfrau von ihm kauft oder Mary, eine Patientin aus Franks Therapierunde, die ihm ein Paar Luftsocken schenkt. Es lohnt sich also, aufmerksam zu lesen, weil sich so vieles schon vorab abzeichnet, ohne wirklich vorhersehbar zu sein. Ach was, es lohnt sich generell, Dunkelsprung aufmerksam zu lesen, denn die Sprache und der Stil sind wirklich solide und machen Spaß, ohne unnötige Längen oder Durststrecken zu produzieren. Das ist dann glaube ich auch der richtige Augenblick, um zu gestehen, dass mir Leonie Swann vorher kein Begriff war und dass ich positiv überrascht war, in ihrer Vita zu lesen, dass sie eine Münchnerin ist, die Teilzeit in London lebt – denn das ließ Rückschlüsse darauf zu, dass sowohl die verwendete Sprache als auch das von London gezeichnete Bild so authentisch wie möglich sind.

Am Ende ist Dunkelsprung also zu einem Buch geworden, das ich nicht hassen konnte, obwohl ich es mir wirklich vorgenommen hatte, und das macht mich rückblickend betrachtet echt glücklich. Dunkelsprung enthält keinen klar definierten Schurken, auch wenn man Professor Fawkes während der fast vierhundert Seiten mehr als einmal die Pest an den Hals wünscht für das, was er all diesen wunderbaren mystischen Kreaturen antut. Aber dann stellt sich heraus, dass sogar dieser uralte Mensch eigentlich gar nicht böse oder wahnsinnig ist sondern extrem verletzlich, sensibel und müde. Dass Dinge geschehen sind in seiner Vergangenheit, die er bereut, und dass er manches gerne vergessen möchte so wie Frank Green seine geheimnisvolle Vergangenheit vergessen hat. Am Ende wird er seine Erlösung erhalten, eine Meerjungfrau wird befreit und ein Porsche erleidet einen Totalschaden, weil das mit Hufen eben doch alles nicht ganz so einfach ist. Am Ende werden die Menschenwelt und die Anderswelt ein ganz kleines bisschen Frieden finden, ein Miteinander statt eines Nebeneinanders, eine wundervolle warme Schnittmenge. Und wenn ihr das Buch lest, was ich euch nur ans Herz legen kann, wird euch am Ende vielleicht sogar bewusst, wieso ich so unglaublich auf Milch stehe – und wieso ich mich trotzdem unglaublich darüber gefreut habe, als Elisabeth ihre Milch erbrach.

Leonie Swann: »Dunkelsprung« | ISBN 978-3-442-48542-0 | 384 Seiten | 9,99€ (D)