Briefe an Minako (1)

Tokyo, den 8. März 2012

Liebe Minako,

ich weiß, dass diese Zeilen dich zu einer ungewöhnlichen Zeit erreichen werden, doch ist es so, dass es dort, wo ich nun bin, bereits halb neun am Abend ist. Ich habe mittlerweile den Verdacht, dass du gewusst haben musst, wo die Reise für mich hingehen wird, als Herrin mich vor zwei Tagen in ihrer Tasche verstaute. Die Überraschung war für mich perfekt, als ich schließlich am Frankfurter Flughafen aus der Tasche entlassen wurde und einen Blick auf eine Maschine der JAL werfen durfte.

(Leider war es schon dunkel, darum ist das Bild nicht so gut geworden.)

Nach einem zwölfstündigen Flug, einer problemlosen Zollabwicklung (Herrin hatte heimlich meinen japanischen Reisepass verlängert) und einer einstündigen Zugfahrt kamen wir gestern müde im Hotel an. Weißt du, dass man von unserem Hotel aus den Tokyo Tower sieht? Natürlich weißt du das. Du und Herrin habt euch gegen mich verschworen.

Für knapp über 1 Euro kann man den ganzen Tag kreuz und quer durch Tokyo fahren – wenn man an der Haltestelle aussteigt, bis zu der man bezahlt hat.

Herrins erster Kontakt mit der fremden Währung. So viele Nullen allein auf den Münzen!

Unser Ziel an unserem ersten richtigen, dem heutigen Tage, war jedoch nicht Tokyo Tower, sondern der Meiji Jingu in Harajuku. Cosplayer waren weit und breit nicht zu sehen, dafür war es wohl zu kalt. Für mich war ohnehin der Tempel und der zugehörige Garten viel wichtiger.

Das Torii an der Harajuku Station begrenzt das südliche Ende des Meiji Jingu.

Sehnsucht – und der erste Kontakt seit vielen Jahren mit meiner Heimat.

Meine rituelle Waschung an Kyomasas Brunnen, um meinen Ahnen den Respekt zu erweisen.

Das Tee-Haus im Zentrum des Parks, in dem regelmäßig Tee-Zeremonien stattfinden. Leider war es geschlossen, und so konnte ich nicht ausprobieren, ob ich sie noch beherrsche.

Im Heiligtum des Tempels waren wir nicht, da Herrin sich nicht respektlos verhalten und Fehler bei der Reinigung machen wollte. Vermutlich ist der Ablauf für sie wirklich zu kompliziert. Die äußeren Tempelanlagen haben wir aber angesehen.

Durch dieses Tor betritt man den eigentlichen Tempel. Das Heiligtum ist innerhalb dieser Mauern.

Blick aus respektvoller Distanz auf das Heiligtum. Nach der Waschung wirft man eine Münze in die Kästen, verbeugt sich, klatscht in die Hände und richtet seinen Wunsch an die Götter.

Nach dem Besuch im Tempel gingen Herrin und ihre Reisebegleitung mit mir weiter nach Shinjuku, einem der bunten Einkaufszentren in Tokyo.

Das nördliche Torii bildet die Grenze zwischen dem Park des Tempels und dem lärmenden nimmermüden Shinjuku. Im richtigen Winkel kann man durch das Tor hindurch die Skyline sehen.

Hier ist immer Betrieb, und dies ist nur ein kurzer Blick auf das Treiben in Shinjuku, aufgenommen von einer Fußgängerbrücke nahe Shinjuku Station.

Shinjuku ist laut und bunt und voller enger Straßen mit zahllosen Lokalen, Spielhallen und Geschäften. Es ist nicht wirklich einfach, hier Fotos zu machen, da man immerzu geschoben wird oder im Weg steht. Leider hatte das Geschäft, nach dem Herrins Reisebegleitung suchte, in den letzten Jahren wohl auch einem Animate Platz gemacht, und so setzten wir unsere Reise schnell nach Ochiai-minami-nagasaki fort, wo sich das Kato Hobby Center befindet. Angeblich handelt es sich hierbei um einen „Tempel“ für Eisenbahn-Freaks – aber was weiß ich schon.

Das „Heiligtum“ von außen.

Für Herrin war es letztendlich eher enttäuschend – es gibt wohl nicht wirklich etwas für ihre Eisenbahn dort. Dabei fällt mir ein: Während meiner Abwesenheit musst du ein Auge auf die Mini-As haben, sonst schnallen sie Mini-Anne wieder auf die Schienen!

Jedenfalls ging die Reise von dort zunächst nach Daimon und ins Hotel zurück, damit Herrins Reisebegleitung seine Beute abladen konnte, und danach machten wir uns, weil noch früher Nachmittag war, auf den Weg nach Shimbashi, um Ginza unsicher zu machen.

Auf der Plaza vor Shimbashi Station steht eine C11 Dampflokomotive. Und natürlich gibt’s bunte Werbung, wie überall in Tokyo.

Du kennst Herrin. Ohne mich geht nichts. Ohne Eisenbahnen aber auch nicht.

Direkt im ersten Laden erstand Herrin ein Andenken für Alita-sama, und dort an der Kasse erregte ich die Aufmerksamkeit der Verkäuferin, die Herrin darüber informierte, dass man eine große Puppenabteilung im Basement habe. Und das war nicht wirklich gelogen. Neben Barbies gab es dort Licca, Jenny, einige wenige BJDs und mehrere Schönheiten von Groove. Die älteste Pullip dort war Papin. Und im Eingang hing ein Poster von Groove mit Puppen, die Herrin und mir nicht direkt etwas sagten.

In Ginza blieben wir, bis die Sonne untergegangen war, und Herrin erwarb ihre obligatorische „Alice im Wunderland“-Ausgabe in der Landessprache für ihre Sammlung. Danach ging es im Dunkeln durch die hell erleuchtete und mit knallbunten Reklamen gesäumte Hauptstraße zurück zum Bahnhof und von dort mit der Yamanote nach Hause.

Ginza bei Dunkelheit…

…und milde Rush Hour auf der Yamanote. Die Züge waren allerdings erheblich voller als es auf diesem Foto scheint.

Liebe Minako, damit beende ich diesen Brief an dich von Herrins ersten Tag in Tokyo. Im Moment stehen sie und der Laptop noch im Kriegsfuß mit dem Stromnetz, und der Akku geht langsam zur Neige. Ich werde meine Beobachtungen weiter aufschreiben, und wenn es Herrin gelingt, ihr Notebook aufzuladen, werde ich dir morgen wieder schreiben. Die Überraschung, das sei dir gesagt, ist Herrin und dir in jedem Falle gelungen. Ich freue mich bereits darauf, am Wochenende den 1. Gedenktag an die Katastrophe von Fukushima begehen und mein Mitgefühl mit den Opfern angemessen zum Ausdruck bringen zu dürfen. Erwarte mehr Bilder und mehr Berichte aus Tokyo.

Sayonara!
Deine Umeko

Preview: „Schrille Nacht“

Eins

„Und?“ Diablo beugte sich vornüber und reichte Allen eine Hand, um ihm aus dem schmalen Spalt zu helfen, der sich zwischen der Maschine und der Wand auftat.

„Tjo“, machte Allen und kratzte sich mit den dreckverkrusteten Klauen, die er ‚Fingernägel‘ zu nennen beliebte, in seinen stetig schwindenden Haaren. „Zwei Wochen. Maximal.“

Diablo seufzte und schnalzte mit der Zunge. „Wollte ich nicht hören.“

Allen schlug mit der flachen Hand einige Male gegen den Stahlleib der Maschine. „Die Lady ist ‘n Schluckspecht. Was erwartest du, bei ‘nem gottverdammten Schiffsdiesel? Mal ehrlich, Dee, hätte es nicht auch ‘n Heizkessel getan?“

„Wie oft hatten wir diese Diskussion jetzt, Hajo?“, erwiderte sie und entlockte Allen bei der Verwendung seines echten Vornamens ein gequältes Stöhnen. Jeder nannte den Mechaniker des Havens nur Allen, was die Kurzform von Allen Key war, dem dank eines großen schwedischen Möbelhauses in fast allen Wohnungen vorhandenen Innensechskantschlüssel. „Die Heizungsanlage hier war marode, und das Wasser hatten sie auch abge-klemmt. Ich habe besorgt, was ich finden konnte, und das kam nun einmal aus ‘ner alten Barkasse am Fluss.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Hilft ja nichts, drüber zu diskutieren. Ich werde Sprit ranschaffen müssen, wenn wir nicht erfrieren wollen.“

„Und das stat“, fügte der Mechaniker hinzu. „Wenn uns der Motorblock trocken läuft, brauchen wir Wochen, um sie wieder ans Rennen zu kriegen. Wenn wir sie überhaupt noch einmal starten können.“ Er zog ein schmierstarrendes Baumwolltuch aus der Brusttasche und putzte damit die Gläser seiner randlosen Brille, ehe er den Stofffetzen an seine Chefin reichte. „Bei all dem anderen Kram, der im Haven in absehbarer Zeit die Hufe hochwirft, hat Diesel die höchste Priorität. Und für das kommende Jahr sollten wir dringend drüber nachdenken, Solaranlagen aufs Dach zu bauen. Shenzhen Ltd. bringt im Februar die Ought-Three für den Privatkunden raus, dann fallen die Preise des aktuellen Modells ins Bodenlose. Und für unseren Bedarf reichen die völlig.“

Diablo wischte sich mit dem Tuch mehr aus Höflichkeit über die Hände; die im Gewebe eingeschlossene Schmiere verhinderte, dass sie das wenige Öl entfernen konnte, das sie bei ihrem Aufenthalt hier unten eingefangen hatte. Dann ließ sie den Lappen in den Werkzeugkasten fallen und nickte. „Dein Plan hat nur einen Schönheitsfehler, und das ist ‘ne Zahl mit einem ganzen Haufen Nullen hinten dran. Wir haben gerade genug Kohle, um die Kids bis zum Jahresende durchzufüttern, selbst mit der schmalen Miete, die ich dir, Dacapo und Black Mamba abknöpfe.“

„Wenn du keine Lösung findest, geht hier spätestens zum Nikolaus das Licht aus, und zwar nicht, weil‘s so schön romantisch ist.“ Allen zog eine eZigarette mit massivem Akku-Klotz und riesigem Verdampfer aus der Tasche und starrte sie einen Augenblick an, als wäre sie gerade vom Himmel gefallen. „Gibt ja auch noch alternative Beschaffungsmethoden.“

„Ich hab die Lütten nicht von der Straße geholt, um sie jetzt wieder zum Klauen zu schicken. Machen sie eh schon selbst.“

„Du weiß genau, was ich meine. Du warst mal Soldatin.“

„Kindersoldatin“, präzisierte Diablo. „Dacapo musste einen ziemlichen Haufen kranken Shit mit meinem Hirn anstellen, um mich zumindest wieder zum Funktionieren zu bringen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Du hast ja recht, wir brauchen ‘ne Lösung, und das besser noch vorgestern. Ich sag den anderen Bescheid, dass wir nach dem Abendessen eine Hauskonferenz abhalten.“ Sie warf ihm einen ernsten Blick zu. „Wir essen um sieben. Komm nicht wieder zu spät. Essen wird nicht überbewertet, Hajo.“

Er bleckte die Zähne und salutierte. „Aye aye, Frau Leutnant.“

„Fick dich selber.“

Sie verließ den Maschinenraum mit Allens meckerndem Lachen in den Ohren und folgte dem Kellergang zur Haupttreppe. Sofort sanken die Temperaturen; Nienke 16 (sie hatte den Schiffsdiesel nach dem Boot getauft, aus dem sie ihn ausgebaut hatten) erzeugte so viel Abwärme, dass Allen fast immer mit nacktem Oberkörper anzutreffen war. Sie mochte seine Art nicht, denn er brachte sie zum fluchen – etwas, das sie sich im Beisein der Kinder verbot. Aber er war nun einmal der einzige, der kompetent genug und für lau dazu bereit war, die maroden technischen Einrichtungen im Haven einigermaßen instand zu halten.

Der Haven war mal ein Gymnasium gewesen, das während der verheerenden Sturmfluten vor einigen Jahrzehnten gemeinsam mit der ihn umgebenden Siedlung überschwemmt und aufgegeben worden war und letztendlich der Vergessenheit anheim fiel. Als Diablo Payne nach ihrer Flucht vor dem Konzern, dem ihr Arsch rechtmäßig gehörte, hier vorbeikam, waren Teile des Mauerwerks im Keller unterspült worden und Plünderer hatten die Kellerräume durch das klaffende Loch ausgeräumt. Eine Bande, vermutlich Chromepunks, hatte das Haus danach mit Beschlag belegt und ihrer anarchistischen Zerstörungswut freien Lauf gelassen. Dann hatte die Polizei einer in der Nähe liegenden Kleinstadt dem ein Ende gesetzt und die Gangs vertrieben. Gerade deswegen hatte sie den fürchterlichen Klotz mit dem mayonnaisegelben Anstrich aller öffentlichen Einrichtungen, die in den 1960ern gebaut worden waren, für ihr Nachtlager auserwählt und war danach geblieben. Er versprach eine gewisse Sicherheit.

Seitdem waren sieben Jahre vergangen, in denen sich viel getan hatte. Anfangs hatte sie sich mit kleinen Jobs für die lokale Unterwelt über Wasser gehalten und so die ersten Renovierungen durchführen können. Dann hatte sie die Schieberin Black Mamba kennengelernt, die ihr lukrativere Jobs vermittelt hatte, mit deren Erlös sie endlich das gähnende Loch in der Wand hatte reparieren können, nachdem Nienke 16 dort installiert war. Sie hatte sich auch darum gekümmert, die Schmiergelder an die lokale Polizeibehörde zu senden, damit diese den Haven nicht aushob.

Dabei war das Gebäude von Vorteil für alle Seiten, denn sobald die Schule einigermaßen hergerichtet worden war, hatte Diablo angefangen, Straßenkinder einzusammeln und ihnen im Haven ein Asyl zu bieten. Für sie war das Therapie; sie hatte in ihren ersten achtzehn Lebensjahren genug Scheiße erlebt, dass es für zwei Menschenleben reichte.

In der Eingangshalle traf sie auf Sunshine. Das vielleicht sechsjährige Mädchen hatte mitten im Mosaik einer Kompassrose, die den Treppenabsatz zierte, eine Decke ausgebreitet und sich mit ihrem abgeliebten Teddy darauf gelegt. Ihren richtigen Vornamen kannte im Haven niemand; als Diablo sie auf der Straße auflas, konnte sie nur gutturale Laute von sich geben, und ihr Körper war von Jahren der Misshandlung gezeichnet gewesen. Auch jetzt sprach sie selten, und wenn doch, dann merkte man schnell, dass sie es nie so gelernt hatte wie andere Menschen. Aber sie hatte sich deutlich geöffnet, nicht zuletzt dank Dacapos Fürsorge.

„Hey“, machte Diablo und ging neben ihr auf die Knie. Sunshine reagierte nicht und starrte weiter durch den Schacht, den das Treppenhaus bildete, nach oben. Die junge Frau folgte ihrem Blick. „Was gibt‘s denn da oben zu sehen?“

„Ein Haken“, antwortete Sunshine langsam.

„Oh. Ich weiß, welchen du meinst. Der gehört zu dem Mosaik, auf dem du liegst. Früher, als das hier noch eine Schule war, hing dort ein Seil mit einer Kugel dran. Und die Kugel hat hier unten gezeigt, wie spät es ist.“

Sunshine drehte ihr den Kopf zu und runzelte die Stirn.

„Kannst du mir echt glauben.“ Diablo strich ihr durch die verfilzten Haare. „Wenn du nachher zu mir kommst, zeig ich dir Fotos von früher.“

Das Mädchen leckte sich über die Lippen und zog die Nase kraus, was ein sicheres Zeichen war, dass sie einen ihrer seltenen längeren Sätze vorbereitete. Dann fragte sie: „Bauen wir die Uhr auf?“

Diablo lachte, dann antwortete sie: „Wir können ja morgen mal schauen, ob wir das Seil und die Kugel finden.“ Sie richtete sich auf und hielt Sun-shine ihre gesunde, menschliche Hand hin. „Aber jetzt gibt‘s erst mal was zu futtern. Besser wir beeilen uns, sonst schimpft Nikita wieder.“

Das Mädchen ließ sich auf die Füße ziehen und folgte ihr, den Teddy im Arm, in den Korridor, der zur alten Aula führte, die sie zum Speisesaal umfunktioniert hatte. „Die Decke!“, sagte sie.

„Die holen wir gleich. Oder einer der Großen räumt sie weg.“

Im Kunstsaal herrschte bereits reger Betrieb, und der Geruch von würzigem Eintopf hing in der Luft. Die Küche und der Speisesaal waren das Refugium von Nikita, die mit sechzehn Jahren zu den älteren Kindern im Haven gehörte. Dass sie die etwa dreißigköpfige Stammbesetzung der Schule und die gelegentlichen Gäste bekochte, hatte sich mehr durch Zufall ergeben, als sich herausstellte, dass sie erstaunlich gut darin war, die häufig kargen und nicht vollständig zueinander passenden Zutaten zu etwas zu kombinieren, das der Mehrheit der Kinder tatsächlich schmeckte. Ihr Job wurde dadurch vereinfacht, dass die meisten Bewohner durchaus wussten, wie sich echter, bohrender Hunger anfühlte und daher in der Wahl dessen, was sie aßen, nicht wählerisch waren. Sie tat häufig so als sei ihr die Aufgabe eigentlich zuwider, aber das lag lediglich daran, dass sie mit Punkrock aufgewachsen war. Tatsächlich liebte sie, was sie machte. Und dazu gehörte auch, jedem Kind an seinem Geburtstag – tatsächlich bekannt oder wie beispielsweise bei Sunshine willkürlich festgelegt – einen kleinen Kuchen zu backen, ganz gleich wie schlecht es um die Vorräte stand.

Diablo stellte sich mit Sunshine in die Reihe, und als Nikita ihr die Schale mit Eintopf reichte, sagte sie leise: „Um neun Hausversammlung. Sag den anderen Großen Bescheid.“ Sobald Nikita genickt hatte, nahm sie noch ein Stück von dem frischen Fladenbrot, das es heute ausnahmsweise gab, griff nach Sunshines Hand und führte sie zu einem der Tische. Erst als sie das Mädchen sicher im Kreis Gleichaltriger wusste (Mobbing wurde im Haven nicht gerne gesehen und zog harte Strafen nach sich), gesellte sie sich zu Black Mamba und Dacapo an den Tisch der Erwachsenen.

„Gibt‘s was neues vom Herren der Unterwelt?“, fragte die Schieberin und deutete mit dem Daumen in die ungefähre Richtung des Maschinenraums.

„Zwei Wochen“, wiederholte Diablo, was Allen ihr gesagt hatte, „dann sind wir trockener als die Sahara.“

„Kaum zu glauben dass Nienke 16 schon wieder zweihundert Hektoliter verbraucht hat“, sagte Black Mamba.

„Und ich habe keine Reserven, den Tank jetzt sofort auffüllen zu lassen, zumal die Preise mitten im Winter ziemlich nach oben gehen dürften. Da hilft auch nicht, dass Allen sagt, wir sollen endlich auf Solarenergie umstellen. Der Haven kann sich beides nicht leisten.“

„Du könntest unsere Miete erhöhen“, schlug Dacapo vor.

„Danke fürs Angebot“, sagte Diablo und schüttelte den Kopf, „aber ich werd‘s wie üblich nicht machen. Nicht solange du die Kinder und mich im Wesentlichen umsonst behandelst.“ Sie stocherte missmutig in dem Eintopf herum, dann fuhr sie mit einem Blick zu ihrer Schieberin fort: „Ich werde ein paar zusätzliche Jobs erledigen müssen. Wenn du was hast, können wir gleich gerne sofort drüber reden.“

„Nicht aus dem Stegreif“, antwortete Black Mamba, „aber ich schaue, ob ich ein paar Gefallen einlösen kann.“

„Danke. Weiß ich zu schätzen. Ich habe außerdem eine Hausversammlung mit den Großen um Einundzwanzig-hundert angesetzt. Wäre gut, wenn ihr dabei seid. Allen kommt auch, hoffe ich.“

„Kein Ding.“ Black Mamba legte ihre Hand auf Diablos metallenen Unterarm. „Und lass dir das mit der Miete nochmal durch den Kopf gehen. Wenn hier im Haven die Lichter ausgehen, hilft das niemandem. Auch Dacapo und mir nicht.“

„Hast ja recht. Ich denke drüber nach.“

Kirsten Boie: »Seeräuber-Moses«

Es war eine wilde, stürmische Gewitternacht, als Moses zu den Seeräubern kam. Die Blitze zuckten nur so am Horizont und dazu rollte der Donner über den Himmel mit einem Krachen wie ein rumpeliges Fass: Und alle Landratten, die schon seekrank werden, sobald sie nur die Deckplanken eines Schiffs unter ihren Füßen spüren, sollten jetzt vielleicht nicht weiterlesen und sich stattdessen mit einer Wärmflasche und einer schönen Tasse Kakao gemütlich in ihr kuscheliges Bett legen.

Das Piratenschiff “Wüste Walli” gerät auf der Ostsee in einen schweren Sturm, und die Piraten unter Käptn Klaas werden Zeugen, wie in ihrer Nähe ein Schiff untergeht. In der Hoffnung, dass es sich dabei um ihren Erzfeind Olle Holzbein mit seinem Schiff, der “Süßen Suse”, handelt, kümmern sie sich nicht weiter darum. Als der Sturm dann nachlässt, wird eine Balje mit einem Stoffbündel an die “Wüste Walli” geschwemmt, und obwohl das auf den ersten Blick nur Lüttschiet zu sein scheint, fischen die Piraten die Balje aus dem Wasser und sind enorm überrascht, unter dem Stoff ein Baby zu finden. Man beschließt, das Baby erst einmal an Bord zu behalten, denn vielleicht kann man dafür ja Lösegeld kriegen, und Bruder Marten der Smutje tauft das Kind auf den Namen Moses, in Anlehnung an die Bibelgeschichte. Da gibt es nur ein Problem: Moses ist gar kein Junge, sondern eine lütt Dern! Und Weibsvolk an Bord eines Schiffes, das bringt ganz klar Unglück, das weiß auch der dösigste Pirat! Aber weil da ja (vielleicht) ein fettes Lösegeld zu kriegen ist, beschließen die Piraten, einfach zu vergessen, dass ihre Moses eine kleine Dame ist, und behalten sie an Bord, statt sie über die Reling zurück ins Wasser zu schmeißen. Und so wächst Moses unter ruppigen, struppigen Seeräubern auf und wird mit den Jahren zu einem richtigen Schiffsjungen-Mädchen. Dabei ahnt sie nicht, dass auf sie schon ein großes Abenteuer voller Rätsel und Merkwürdigkeiten wartet, mit neuen Freunden, neuen Feinden und einem Schatz, der alle so reich machen wird wie die Königin von Saba: Der blutrote Blutrubin des Verderbens, auf dem ein furchtbarer Fluch lasten soll!

Dieses Buch ist perfekt. Damit ist eigentlich alles wichtige schon gesagt – trotzdem soll hier wie immer ein etwas detaillierter Blick auf den Seeräuber-Moses erfolgen. Zuerst fällt sicherlich die wundervolle Aufmachung auf: Das Papier ist robust, der Einband stabil, und als Lesezeichen dient ein Stoffbändchen – die scheinen in letzter Zeit glücklicherweise wieder auf dem Vormarsch zu sein! Die fast 320 Seiten wurden von Barbara Scholz liebevoll illustriert; dabei unterstreichen ihre Bilder die Geschichte immer nur, ohne das Geschehen zu dominieren oder Inhalte vorweg zu nehmen. Die Sprache ist herrlich authentisch und gleichzeitig doch simpel genug für Kinder, und Kirsten Boie hat ihren Text mit allerlei Worten aus der Sprache der Seemänner und der Küstenbewohner angereichert. Damit auch Landratten alles verstehen, die üblicherweise ja einen Palstek nicht von einem Anderthalbfachen Rundtörn unterscheiden können, gibt es am Ende des Buches ein ausführliches kleines Lexikon, in dem kindgerecht alle Begriffe von “abbeldwatsch” bis “Zuber” erklärt werden, und wem das immer noch nicht reicht, der findet vorne eine zweiseitige Abbildung einer typischen Ostsee-Kogge, bei der alle wichtigen Teile beschrieben sind. Immer wieder spricht Kirsten Boie ihre Leser auch direkt an, was vor allem beim Vorlesen die Kinder sicher noch mehr an das Buch bindet, und dabei gehört sie meiner Meinung nach zu den ganz ganz wenigen Autoren, bei denen das nicht gekünstelt klingt sondern wirklich zur Atmosphäre beiträgt.

Überhaupt hatte ich während der Lektüre durchweg das Gefühl, dass Kirsten Boie ihre Leser – die Großen wie auch die Kleinen – zu jedem Zeitpunkt ernst nimmt. Dieses Buch ist kein Kinderbuch, das man mal eben zwischendurch lesen und dann wieder vergessen kann. Seeräuber-Moses fordert Konzentration, denn die Sätze sind trotz ihres einfachen Aufbaus lang und voller Informationen. Kirsten Boie weiß, dass Kinder nicht dumm sind und mehr verstehen, als wir Erwachsenen ihnen zutrauen. Sie fordert ihre kleinen Leser bewusst; nicht umsonst tritt sie immer wieder aktiv für die Leseförderung in Deutschland ein. Und noch etwas fällt positiv auf. Obwohl das Buch mit Handlungsfäden nicht geizt, schafft Kirsten Boie es geschickt, all die Geheimnisse in ihrem Buch glaubwürdig aufzuklären, ohne dass die Spannung auch nur eine Minute lang einbricht. Was hat es mit Moses’ Vergangenheit auf sich? Woher kennen sich Käpten Klaas und Olle Holzbein? Welches Geheimnis hat Olles Matrose Hinnerk mit dem Hut? Und was ist wirklich dran an der Geschichte um den Fluch, der auf dem blutroten Blutrubin des Verderbens lastet? All diese Fragen werden am Ende beantwortet, und sogar die ersten Kapitel, die scheinbar nur eine Einleitung in die Geschichte darstellen, werden an späterer Stelle wieder aufgegriffen und geschickt in die Geschichte eingebunden. Kurz: Dieses Buch ist rundum gelungen, und wenn man gewillt ist, sich auf die teilweise arg langen Sätze einzulassen, dann kann man mit dem Kauf vom Seeräuber-Moses nicht viel falsch machen – stattdessen wird man sich einen wahren Piratenschatz nach Hause holen!

Kann man ein Kinderbuch voller Piraten so schreiben, dass auch Mädchen daran ihren Spaß haben? Ich behaupte: Kirsten Boie kann! Schon an der Inhaltsangabe lässt sich sehen, dass sie die typischen Geschlechtergrenzen mit ihrer Moses aufweicht. Die Frage, die Moses stellt, als sie das erste Mal den “feinen Damen” ihrer Zeit – die tatsächlich Dirnen in einer Hafenstadt sind – begegnet, ist durchaus berechtigt, wird aber immer noch viel zu selten gestellt: Was spricht dagegen, gleichzeitig eine Dame und ein Seeräuberkapitän zu sein? (Also – im übertragenen Sinne.) Für Moses zum Glück nicht viel, und so kämpft sie mit ganz viel Witz und Intelligenz und ganz wenig Hauen und Stechen an der Seite ihres Freundes Dohlenhannes gegen den finsteren Olle Holzbein und darum, den blutroten Blutrubin des Verderbens zuerst zu finden. Sie erinnert teilweise wirklich an eine moderne, emanzipierte Variante des Wikingers Wickie. Und an all die Mütter, denen das für ihre Töchter immer noch nicht pink und rüschig genug ist: Es kommt auch eine gewitzte und intelligente Prinzessin vor, die ganz besonders wichtig für die Geschichte ist. Aber mehr wird nicht verraten – das müsst ihr schon selber lesen!

Kirsten Boie: »Seeräuber-Moses« | ISBN 978-3-7891-3180-6 | 320 Seiten | 18,00€ (D)

In guten wie in schlechten Zeiten

Sie hat beschissen geschlafen, als der Wecker in dem schmucklosen Hotelzimmer des Tagungshotels klingelt. Ihre Augen sind rotgeweint. Es war keine schöne Nacht, die hinter ihr liegt.

Nur widerwillig kann sie den Schlaf aus den Gliedern vertreiben. Sie rollt sich aus dem Bett und auf die Beine, tappst barfuß über den kratzigen Teppich bis zum Fenster und zieht die furchtbaren Gardinen mit Fischgrätenmuster zur Seite. Eine frostige Morgensonne blinzelt zwischen lang gestreckten Wolkenschleiern hervor, die einen nahezu makellosen blauen Himmel in azurene Bänder zerschneiden. Die Straße viele Meter unter ihren Füßen ist noch beinahe wie ausgestorben, nur einige Schulkinder hasten aus der Hochhaussiedlung zur Bushaltestelle. Raureif überzieht die Buchsbäume vor dem Hotel mit einer kalt glitzernden Schicht.

Sie streckt die Hand aus, wie um nach den Himmelsstreifen zu greifen, zuckt aber wie elektrisiert zurück, als ihre Finger das eiskalte Glas berühren. Sie fröstelt und legt die Arme um ihren Oberkörper. Kondenswasser hat sich an den schwarz-porösen Gummidichtungen der Scheiben gebildet und perlt zu Boden. Sie zwingt sich, ihren Blick von der trostlosen Vorstadt loszureißen und sich in der winzigen Nasszelle ihres Zimmers für den Tag vorzubereiten.

Ihr Anblick im Spiegel erschreckt sie. Tiefe schwarze Ringe haben sich in der viel zu kurzen Nacht um ihre Augen gebildet, und ihre Haut ist von hektischen roten Flecken übersät. Ihre Haare sind strähnig und in Unordnung, die Lippen spröde und rissig. Sie dreht den Wasserhahn auf und spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht. Wieder fröstelt sie, als die Tropfen auf ihrer Haut zerplatzen und den Kragen ihres Pyjamas durchnässen, bis er an ihren Schlüsselbeinen klebt. Sie putzt sich schnell die Zähne und bindet die wirren Haare zu einem Pferdeschwanz. Dann greift sie sich irgendwelche Kleidungsstücke aus ihrem Koffer: Die gammelige Jeans, ein verwaschenes T-Shirt von irgendeiner Band, die kein Mensch mehr kennt, fadenscheinige Socken. Sie merkt nicht einmal, ob die Sachen zueinander passen; Hauptsache etwas tragen, runter in den Speisesaal, frühstücken, Normalität vortäuschen.

Der Lift braucht Ewigkeiten, um sie die drei Stockwerke in die Tiefe zu tragen. Sie betrachtet sich in den verspiegelten Wänden, ohne sich wahrzunehmen, während sie an ihrer Unterlippe saugt und die Augen schließt. Ihre linke Hand ballt sich zur Faust, sodass die Knöchel weiß hervortreten, und die ungleichmäßig geschnittenen Fingernägel graben sich tief in ihre Handfläche. Erst als die Lifttüren sich im Foyer des Hotels öffnen, öffnet auch sie die Hand wieder. Vier sichelförmige Abdrücke bleiben zurück; sie bemerkt sie nicht einmal.

Im Speisesaal ist noch nicht viel Betrieb, nur die übliche Klientel aus Pensionären und Tagungsteilnehmern. Die Gespräche verwaschen zu einem ständigen Murmeln, einem Hintergrundrauschen, das sie begleitet, während sie einen winzigen Tisch am Fenster auswählt, der Kellnerin ihre Essensmarke gibt und die Frage, ob sie Kaffee wünscht, mit einem teilnahmslosen Nicken beantwortet. Sie steht auf, kaum dass die Bedienung wieder gegangen ist, und nimmt sich Müsli vom Büfett, übergießt es großzügig mit Milch und kehrt an ihren Platz zurück. Der Löffel wandert mechanisch zwischen Schüssel und Mund hin und her, das Müsli verwandelt sich in eine unappetitlich graue Pampe. Sie merkt es nicht, genauso gut könnte sie in diesem Augenblick Tapetenkleister essen. Es ist, als wären ihre Sinneszellen heute nicht mit ihrem Gehirn verbunden. Als würde ein feiner Schleier über ihren Synapsen liegen.

Sie kehrt auf ihr Zimmer zurück, kaum dass sie ihr Frühstück beendet hat, und beginnt damit, sich in der klaustrophobischen Enge der Nasszelle zumindest notdürftig in ein menschliches Wesen zu verwandeln. Sie lässt sich Zeit, das Taxi kommt erst in einer Stunde. Sie nimmt eine Dusche, stellt das Wasser so heiß wie es die mit einer Kindersicherung gegen Verbrühungen ausgestattete Armatur zulässt, und das Wasser hilft zumindest ein bisschen, um die Betäubung in ihrem Körper zu lösen. Sie reibt sich mit den kratzigen Handtüchern trocken, die das Hotel bereit stellt, und schlüpft in ihre Kleidung für den Tag: Weißer Rock, weiße Bluse, weißes Haarband, weiße Schuhe. Weiß, weiß, weiß. Die Farbe soll für Unschuld stehen. Nur dass sie sich nicht sonderlich unschuldig fühlt. Zu guter Letzt streift sie das silberne Armband mit dem kleinen Lapislazuli über, das ihr eine Freundin geborgt hat. Instinktiv sucht sie ihren Ring, bis ihr einfällt, dass der nicht bei ihr ist.

Die Rezeption ruft an, um mitzuteilen, dass das Taxi da ist. Sie bestätigt, streift ihren schwarzen Mantel über und verschließt die Tür zu ihrem Zimmer. Die Liftfahrt geht diesmal viel zu schnell. Sie gibt den Schlüssel an der Rezeption ab, und das junge Mädchen, das Dienst hat, lächelt ihr aufmunternd zu. Der Taxifahrer ist ein rundlicher Typ, der ihr den Wagenschlag öffnet und die Tür sanft ins Schloss drückt, als sie eingestiegen ist und den Gurt angelegt hat. Er fragt nach dem Ziel, und sie nennt ihm die Adresse des Standesamtes im Stadtzentrum. Er mustert sie im Innenspiegel.

“Sie sehen nicht glücklich aus”, sagt er. “Wer heiratet denn?”

Sie bleibt die Antwort schuldig und lehnt den Kopf gegen das Fenster, und er ist schlau genug, nicht weiter nachzuforschen. Vorsichtig fädelt er sich in den langsam dichter werdenden Berufsverkehr ein und lenkt die Droschke in Richtung der Innenstadt. Der Himmel zieht sich zu, und bald klatschen die ersten Regentropfen gegen die Scheiben des Benz. Die schalldämpfende Karosse wirkt isolierend und trennt sie schmerzhaft beruhigend von der Außenwelt.

Die Taxifahrt ist ereignislos, und sie zahlt ihrem Fahrer ein großzügiges Trinkgeld, ohne es so recht zu bemerken. Die anderen sind bereits da, sie warten auf der ausgetretenen Betontreppe unter dem schmalen Vordach, um nicht nass zu werden, während der Himmel all seine Schleusen öffnet. Er weint für mich, denkt sie, weil ich es jetzt nicht darf sondern tapfer sein muss.

Er trägt einen dunklen Anzug, das Sakko ist feucht vom Regen. An seiner Seite steht seine Mutter; ihre eigenen Eltern konnten wegen der Entfernung nicht kommen. War vermutlich aber auch besser so. Ein Arbeitskollege von ihm hält sich etwas im Hintergrund. Ihr einziger Halt ist ihre beste Freundin, die sich gedämpft mit ihm und seiner Mutter unterhält. Sie unterbrechen ihr Gespräch, als das Taxi vorfährt, und ihre Freundin mustert sie forschend. Sie hat auf Make Up verzichtet und die Spuren der letzten Nacht nicht verdeckt, und so weiß sofort jeder, was Sache ist.

Sie betreten das Standesamt. Im Inneren ist die Luft kühl und klamm. Die Fliesen, abwechselnd schwarz und weiß, tragen schmutzige Fußspuren, wo der von den Angestellten herein getragene Regen getrocknet und nur eine dünne Patina aus Dreck und Schlamm zurück geblieben ist. Sie fröstelt wieder, trotz ihres Mantels, und als sie wankt, muss er sie stützen.

Die Formalitäten vor der eigentlichen Formalität ziehen sich ewig. Erst müssen sie zur Standesbeamtin, um Dokumente vorzubereiten, dann will die Standesbeamtin noch mit ihrer Freundin und seinem Arbeitskollegen reden. Der Minutenzeiger an der hässlichen mechanischen Uhr über dem Haupteingang rückt erbarmungslos vorwärts. Sie lehnt sich an die Wand und schließt die Augen.

Eigentlich soll heute der glücklichste Tag in ihrem Leben sein, stattdessen fühlt es sich an, als halte schon seit Wochen jemand ihr Herz in einen Schraubstock gespannt. Ganz in Weiß. Etwas neues, etwas altes, etwas geborgtes und etwas blaues. In guten wie in schlechten Zeiten. Bis dass der Tod sie scheide. Alles Unsinn. Worthülsen, ohne jegliche Bedeutung, zumindest in ihrem Fall.

Sie hat mit ihm einen Ehevertrag aufgesetzt, inoffiziell und ohne Notar, weil sie beide das Gefühl hatten, einander in diesem Punkt bedenkenlos vertrauen zu können. Ein ganz nüchterner Text, vier Seiten. Sie musste das Dokument formulieren, und er hat es unterschrieben, ohne es auch nur zu lesen. Im Kern steht darin, dass es sich um eine Zweckbeziehung handelt und dass ein jeder den Anspruch an seinen eigenen Gütern behalten werde, sofern es zur Scheidung kommt. Getrennte Konten, getrennter Besitz, getrennte Wohnungen, getrennte Leben.

Der Grund, wieso sie ihn trotzdem heiratet, obwohl da außer Freundschaft nicht viel im Spiel ist, ist simpel. Für ihn bedeutet es eine bessere Steuerklasse, sodass ihm am Ende jedes Monats mehr Geld bleibt. Für sie bedeutet es, dass sie über ihn versichert ist und ihr Studium beenden kann, das wegen diverser Krankheiten, ihrem Alter und einer mangelnden sozialen Absicherung auf eher wackeligen finanziellen Beinen steht.

Die Beamtin ruft die kleine Gesellschaft in das Trauzimmer. Sie setzen sich in die erste Reihe, flankiert von ihren Trauzeugen, seine Mutter direkt hinter ihnen. Sie zittert wie Espenlaub und muss eine Panikattacke unterdrücken. Nicht er drückt zur Beruhigung ihre Hand sondern ihre beste Freundin. Sie heftet ihren Blick auf das kleine Kissen mit den Ringen. Schmuckloser Edelstahl, nur ihr Ring gekrönt mit einem winzigen Kristallsplitter. Die Ringe sind nicht einmal neu, sie hat sie aus ihrem eigenen Schmuckkästchen genommen und schlicht ein wenig poliert.

Die Zeremonie beginnt. Vage bekommt sie mit, dass sich alle erheben und wieder Platz nehmen. Die Standesbeamtin redet viel und lächelt noch viel mehr. Was sie sagt, kommt bei ihr nicht an; in ihrem Magen tobt ein ganzer Schmetterlingsschwarm.

Die Beamtin wendet sich an ihn. “So frage ich nun Sie: Wollen Sie die hier Stehende aus freien Stücken zu Ihrer rechtmäßigen Frau nehmen, so antworten Sie mit Ja.”

Er blickt zu ihr und schluckt. Dann nickt er entschlossen. “Ja. Ich will.”

Die Beamtin dreht sich zu ihr. “Auch Sie frage ich nun: Wollen Sie den hier Anwesenden aus freien Stücken zu Ihrem rechtmäßigen Mann nehmen, so antworten auch Sie mit Ja.”

Das Blut tobt in ihren Ohren. Aus freien Stücken? Nein, aus reiner Notwendigkeit! Sie denkt an den langen Brief, den sie an Gott geschrieben hat und der sich in ihrem Tagebuch befindet – dem echten, das niemand kennt, nicht dem Blog, das sie online führt, um ihre verstreuten Freunde über ihr klägliches Leben zu informieren. Sie hat mit ihm gehadert, ihn beschimpft, ihn verantwortlich gemacht, ihn angefleht, ihn nach dem Sinn gefragt. Sie hat sich selber nach dem Sinn gefragt, in vielen endlos langen Nächten. Wenn andere ihr sagten, sie soll sich keine Sorgen machen, hat sie sich Sorgen gemacht. Wie viel Verzweiflung kann ein Mensch ertragen, bis er zerbricht? Mit 25 den seelischen Zusammenbruch, mit 35 Burnout, mit 45 den Herzinfarkt? Oder vielleicht jedes verdammte Jahr einen seelischen Zusammenbruch, seit ihrem zwölften Lebensjahr, mit Tränen und dem Gefühl, einsam und völlig verloren und hilflos zu sein?

Sie sieht von ihren Händen auf. Die Beamtin blickt sie fragend an. “Entschuldigen Sie, möchten Sie, dass ich…”

“Nein!” Sie schreit es fast. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. “Nein. Ich kann das nicht. Ich…”

Sie verstummt, springt auf. Der Stuhl poltert zu Boden. Sie stürzt zum Ausgang, fummelt an der Türklinke herum, bekommt die Tür nicht geöffnet. Weinend wie ein kleines Kind bricht sie einfach zusammen, stützt den Kopf auf die Knie und lässt ihren Tränen freien Lauf.

Jemand legt ihr einen Arm um die Schulter und zieht sie an sich, drückt sie feste. Geruch nach Wildkräutern und Zigaretten. Wärme.

“Komm. Ich bringe dich hier raus”, sagt ihre beste Freundin. Sie zieht sie auf die Beine und stützt sie. An die anderen gerichtet sagt sie: “Ich gehe mit ihr in ein Café. Kommt Ihr klar?”

Der Weg nach draußen scheint ihr endlos. Sie rotzt ein ganzes Paket Taschentücher leer. Als sie durch das Hauptportal ins Freie tritt, raubt die eisige Septemberluft ihr den Atem. Ihre beste Freundin bleibt auf der Schwelle stehen und zündet sich eine Zigarette an. Dann mustert sie sie.

“Das war eine ziemlich dumme Idee”, sagt sie und bläst Rauchkringel in den Regen hinaus.

“Ich weiß.”

“Und? Was wirst du jetzt tun? Wieder hinein gehen?”

Sie zuckt die Schultern. Streift das Armband mit dem Lapislazuli ab und betrachtet es. Etwas blaues, etwas geborgtes. “Keine Ahnung. Was ich immer mache. Zusammenbrechen. Um mich schlagen. Fluchen und schreien und die Welt ganz furchtbar finden. Mich wieder aufrappeln. Mir etwas neues einfallen lassen.”

Ihre beste Freundin streicht ihr durch die klatschnassen Haare. “Mach das. Reg dich ein bisschen auf und dann reg dich auch ein bisschen ab. Vergiss nur den Teil mit dem Aufrappeln nicht.”

Sie schüttelt den Kopf. “Nein. Aufgeben ist feige.”

“Das ist mein Mädchen!” Ihre Freundin lächelt. “Also, wie wäre es jetzt mit einem Kaffee?”

Sie greift nach der Türklinke aus Messing; das Metall unter ihren Händen ist eiskalt vom Regen. “Geh schon einmal vor. Ich sage ihm nur schnell, dass es mir Leid tut. Das ist das mindeste, was ich ihm schulde, neben vielen vielen anderen Dingen.”

Sie schlüpft durch das Portal ins Innere, und der schwere Holzflügel fällt klirrend ins Schloss zurück.

Alan Bradley: »Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet«

Ich würde gerne behaupten, dass ich mich gefürchtet hätte, aber das stimmte nicht. Ganz im Gegenteil. Es war das mit Abstand spannendste, was ich je erlebt hatte.

Eines Tages liegt im zum Landsitz der de Luces gehörigen Gurkenbeet ein rothaariger Mann und haucht der elfjährigen Flavia de Luce seinen letzten Atemzug ins Gesicht. Und das neunmalkluge Mädchen mit einem Faible für Chemie riecht sofort Lunte – nicht nur, weil der nun Verstorbene ihr quasi die Mordwaffe in die Nüstern geblasen hat, sondern auch, weil der Unbekannte am Abend zuvor mit ihrem Vater, dem ehemaligen Offizier der Britischen Armee und jetzigen Philatelisten Colonel de Luce, einen heftigen Streit gehabt hat. Auch Inspektor Hewitt zieht schnell diese Verbindung und verhaftet den alleinerziehenden Vater, und dabei kennt er noch nicht einmal die ganze Wahrheit: Dass nämlich dem Mord eine Drohung vorangegangen war, in Form einer auf den Schnabel einer toten Schnepfe aufgespießten Briefmarke! Für Flavia ist klar: Die Aufklärung des Falls kann sie nicht den Beamten seiner Majestät König George überlassen! Sie heftet sich auf die Spur des unbekannten Rotschopfes und stößt dabei tief in die Vergangenheit ihres Vaters vor, in eine Zeit, als er selber noch ein Schuljunge war und die Saat des Briefmarkensammlers in ihm gesät wurde. Durch ihre Neugier gerät sie immer tiefer in ein gefährliches Spiel, bei dem es schließlich nicht nur um eines der Symbole für die Überlegenheit der Britischen Krone gegenüber den Oraniern, die beiden seltenen Briefmarken Rächer von Ulster, von denen eine keinem geringeren gehört als König George von Großbritannien selbst, geht, sondern auch um die Freiheit ihres Vaters und ihr eigenes Leben.

Krimis sind definitiv kein Genre, das mich sonderlich glücklich macht. Ich kann nicht einmal genau den Finger auf das Warum legen; ich finde Krimis einfach nicht so spannend wie andere Romane. Insofern war ich gegenüber Flavia de Luce auch zunächst skeptisch. Dass die Elfjährige aber ein unbändiges Interesse an Chemie zeigt und ihr ein eigenes Labor, geerbt von ihrem Großonkel Tar de Luce, für ihre Experimente zur Verfügung steht, hat sicherlich geholfen, meine anfängliche Ablehnung zu zerstreuen. Außerdem muss ich gestehen, dass ich eine begeisterte Leserin der Fünf Freunde von Enid Blyton bin und immer noch alle 21 Bände im Regal stehen habe. Außerdem kann man sich dem Bann der so neunmal- wie altklugen Flavia nur schwer entziehen. Irgendwas hat das Mädchen an sich, was viele ihrer Missetaten schnell vergessen lässt. Vielleicht liegt es ein wenig an ihrer Familienkonstellation: Der Vater ein Offizier alter Schule, ihre Mutter im Himalaja verstorben, als sie ein Baby war, ihre beiden älteren Schwestern stets darauf bedacht, ihr das Leben schwer zu machen. Vielleicht fiebert man deshalb mit ihr mit, während sie der gesamten Bevölkerung von Bishops Lacey und der Polizei zeigt, was sie so auf dem Kasten hat.

Erfreulicherweise wird die Polizei in Mord im Gurkenbeet nicht als inkompetent dargestellt, ganz im Gegenteil. Inspektor Hewitt und Flavia kommen ziemlich zeitgleich auf dieselben Schlüsse, wenngleich anhand unterschiedlicher Indizien. Natürlich ist es Flavia, die die chemischen Beweise zusammenträgt, während der Inspektor vor allem klassische Polizeiarbeit leistet, und es stellt sich sogar heraus, dass Hewitt das Mädchen die ganze Zeit im Auge behalten hat, damit sie keinen Unsinn anstellt. Trotzdem kann er nicht verhindern, dass Flavia am Ende vom Drahtzieher der ganzen Geschichte überrumpelt und in eine lebensgefährliche Situation gebracht wird – aber zum Glück gibt es ja noch Dogger, das Faktotum auf dem de Luce’schen Landsitz Buckshaw, der das unheimliche Talent hat, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. In dieser Notlage zeigt sich auch am ehesten, dass Flavia ein verhältnismäßig normales Mädchen ist, denn jetzt, wo ihr Leben auf dem Spiel steht, zeigt sie echte Angst. Das unterscheidet sie wiederum wohltuend zum Beispiel von Anne aus den oben bereits zitierten Fünf Freunden, die stets lieber daheim blieb, wenn die Jungs auf Entdeckungsreise gingen, und für dieses Verhalten von ihren Brüdern und ihrer Cousine George auch gerne mal als Hausmütterchen geneckt wurde – hier blieben die Figuren immer irgendwie eindimensional. Das zeigt meiner Meinung nach auch, was von den Rezensenten zum Beispiel auf Amazon zu halten ist, die Flavia unerträglich weil neunmalklug finden. Die Frage muss erlaubt sein, was solche Leser von einem Krimi erwarten, in dem die Hauptfigur elf Jahre alt und ein Mädchen im England der 1950er ist.

Als Krimi hat Mord im Gurkenbeet meiner Meinung nach wenige Schwächen. Alle Fäden werden gut miteinander verknüpft, und es entsteht eine von der ersten bis zur letzten Seite spannende Geschichte. Die wenigen Logikfehler können auch der Übersetzung zugeschrieben werden, so fragt der Täter im Finale nur nach einem der beiden Rächer von Ulster, obwohl er nicht wissen kann, dass die zweite zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Flavias Besitz ist. Auch die Streifzüge durch die Geschichte der Chemie sind durchweg gut recherchiert – davor Hut ab! Nur einen Mecker habe ich, aber das auch nur, weil es mir als Chemikerin sofort aufgefallen ist. Als Flavia aus Hühnersuppe und Backpulver ein Wunderschnupfenmittel mischt, bezeichnet sie das Backpulver zwar korrekt als NaHCO3, verwendet dann aber nicht den richtigen Namen Natriumhydrogencarbonat, sondern die beiden falschen Bezeichnungen Natriumcarbonat beziehungsweise Natriumbicarbonat, und letzteres ist so richtig schmerzhaft falsch. Das sind aber Kleinigkeiten, die man wirklich verschmerzen kann. Stattdessen habe ich mich gefreut, eine weitere berühmte Naturwissenschaftlerin – Marie-Anne Paulze Lavoisier – auf meine Liste bedeutender Frauen schreiben zu dürfen.

Insgesamt hat mir Mord im Gurkenbeet so gut gefallen, dass mittlerweile auch die Nachfolge-Bände bis einschließlich Mord ist nicht das letzte Wort in meinem Bücherregal stehen. Keiner davon kommt meiner Meinung nach an Bradleys Erstlingswerk heran, und vor allem in Halunken, Tod und Teufel hatte ich mehrfach den Eindruck, dass da ganze für die Handlung wichtige Szenen der Schere zum Opfer gefallen sind. Zum Schluss wurde Flavia de Luce zu sehr zu einer Auserwählten ausgebaut, die das schwere Erbe ihrer Mutter antreten soll, und dieser Story-Bogen mündet in Eine Leiche wirbelt Staub auf in eine Geschichte an einer Akademie für besondere Schülerinnen. Dass Flavia nach diesem Fall zurück nach Buckshaw darf, fühlt sich beinahe wie ein Reboot an – als habe Alan Bradley gewusst, dass seine altkluge Heldin außerhalb der alterwürdigen Hallen nicht funktionieren kann. Ganz gleich, bei aller Kritik und allen Problemen habe ich Flavias Fälle durchweg als kurzweilig und angenehm zu lesen empfunden, des ganzen „Auserwählte“-Plots zum Trotz. Und das ist aus dem Mund einer Leserin, die mit Krimis nichts anfangen kann und Serien verabscheut, vermutlich das größte Lob.

Alan Bradley: Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet | ISBN 978-3-442-37624-7 | 400 Seiten | 10,99€ (D)