Am Abend saßen sie gemeinsam auf dem Balkon ihres Bungalows, das schmutzige Geschirr vom Abendessen in der Mitte zu niedrigen Stapeln zusammengestellt. Scar kaute auf einem Zahnstocher herum, während Takada Tee in irdenen Bechern servierte.

Auf der anderen Seite der Meerenge konnten sie im Dämmerlicht die Gebäude von Hestur sehen, und über der Siedlung ragte der graue Betonbogen der Windfalle aus den grün überwucherten Steilklippen, Bestandteil der Energieversorgung und Klimatisierung von Sakura AI. Türkisfarbene Lauflichter perlten an den Kanten des Gebäudes entlang, und über dem Scheitelpunkt seiner Öffnung blinkte fahlrot das Licht der Kollisionswarnsysteme. Ein gespenstisches dumpfes Heulen lag in der Luft, wenn der Atlantikwind durch die gewaltigen Lamellen der Einrichtung fuhr. Der Basaltboden unter ihren Füßen vibrierte mit dem Herzschlag eines gewaltigen Tieres.

„Als würde die Insel leben“, sagte Scar leise. Dann blickte sie Art an. „Wie kommen wir rein? Brauchen wir ein Boot?“

„Wir können den Sandoyartunnilin in Gamlarætt nutzen“, antwortete ihr Partner. „Er hat unter Hestur eine Ausfahrt. Sie wurde von Sakura AI finanziert, um Güter und Personal leichter zu der Einrichtung bringen zu können.“

„Wie läuft das dann vor Ort mit der Einlasskontrolle ab, Minako?“

„Üblicherweise müssen alle Fahrzeuge durch eine Sicherheitsschleuse, ganz gleich in welcher Richtung. Die Papiere werden geprüft, eventuell Besucherausweise ausgegeben, alles wird in einem Log verzeichnet. Ladung wird, sofern vorhanden, durchleuchtet. Für empfindliche Bauteile gilt eine Ausnahmeregelung, bei der nur eine oberflächliche Sichtprüfung durchgeführt wird.“

„Wie kriegen wir die Festplatte dann vom Gelände?“

„Wir können eine Drohne benutzen“, sagte Art. „Ich habe eine in Jettes Fahrerhaus. Sie ist keinem Seewind gewachsen, aber robust genug für eine kurze Flugstrecke über Land.“

„Oder über einen Zaun.“ Scar nickte. „Dann müssen wir morgen nur noch den Lieferwagen besorgen und können an die Arbeit gehen.“

Art erhob sich und griff nach den Tellern. „Du hast gekocht. Ich erledige den Abwasch.“ Sein charakteristisches flüchtiges Lächeln. „Danke dafür übrigens. Es war sehr lecker.“ Dann verschwand er durch die Balkontür ins Innere ihres Bungalows.

Sie blickten wieder zu Hestur hinüber. Die Windfalle drehte sich gemächlich; sie konnten das Knirschen des Betons über die Brandung hören. Ein vierbeiniger Walker, die Flanke und das Cockpit mit fahlen Leuchtstreifen bestückt, transportierte einen kleinen Container über den Hügelkamm. Die beiden ihn begleitenden Menschen waren nicht mehr als feine Silhouetten vor der tiefstehenden Sonne.

„Sie haben am UIS gearbeitet, oder?“, fragte Scar nach einer Weile.

„Unter anderem, ja.“ Takada nickte. „Ich bin Kybernetikerin, und mein Spezialgebiet sind Mensch-Maschine-Interfaces. Wenn Sie ein Implantat benutzen, das eine UIS³-Schnittstelle hat, finden Sie meinen Namen vermutlich in den Credits.“ Sie trank aus der Teetasse, ehe sie fortfuhr: „Seitdem habe ich auch an neuronalen Netzwerken gearbeitet. Oder mit künstlicher Intelligenz, wie es die Medien vereinfacht nennen. Echte Intelligenz ist es aber nicht, sondern Programme, die mithilfe von Trainingsdaten lernen, eine bestimmte, eng begrenzte Aufgabe zu erfüllen.“

„Wieso ist das UIS so fehleranfällig?“

„Die Architektur musste damals sehr robust konstruiert werden, weil es Einwände seitens der Ethikkommissionen gab, potenziell schädliche Dinge in einen menschlichen Körper einzusetzen und mit dem Nervensystem zu verbinden. Viele der Sicherheitsroutinen von damals sind immer noch in Kraft und verursachen unerwartete Konflikte mit der modernisierten Schnittstellensteuerung. Außerdem ist kein menschliches Gehirn wie das andere. Es gibt zwar bei jedem Menschen Parallelen im Aufbau, aber trotzdem können falsche Verbindungen mit dem UIS bestehen. Auch hier sorgen die Sicherheitsroutinen für den Schutz des Trägers, und das führt scheinbar zu Fehlern bei der Benutzung.“

„Ist nur leider kein Schutz, wenn es in einem Kriegsgebiet ausfällt.“

„Ehe Sie mich entführt haben, haben mein Team und ich an den UIS der vierten Generation gearbeitet. Diese sollten in der Lage sein, sich mithilfe von Nanotechnologie selbständig neu im Gehirn anzuordnen und anhand der Fehler neue Routen anzulegen. Dadurch reagiert das UIS auch darauf, dass das menschliche Gehirn kein statisches Gebilde ist sondern sich unter dem Einfluss neue Eindrücke ständig verändert. Der Nachteil an der neuen Technologie ist, dass sie nicht mehr rückwärtskompatibel ist. Alle aktuell auf dem Markt befindlichen Implantate sind mit einem Schlag veraltet und müssen ausgetauscht werden, um davon zu profitieren.“

„Das kommt Sakura AI sicher sehr gelegen.“ Scar zerbrach den Zahnstocher und warf die Überreste über das Balkongeländer. Die Windfalle gab ein animalisches Heulen knapp oberhalb der Hörschwelle ab. „Wenn es Ihnen gelingt, diese vierte Generation zur Marktreife zu bringen, gehen deren Verkaufszahlen und in Folge daraus der Aktienkurs sicher steil nach oben.“ Sie grinste schief. „Vielleicht sollte ich mir die halbe Million Euro, die ich bei diesem Job kassiere, in Aktien von Sakura AI auszahlen lassen.“

„Ich werde das für meinen Weihnachtsbonus im Hinterkopf behalten“, erwiderte Takada, „vorausgesetzt dass ich nach unserem … Gig morgen meine Stelle überhaupt noch inne habe.“

„Wenn Sie unsere Lingo weiter so tapfer üben, können Sie ja ansonsten die Seiten wechseln“, sagte Scar mit einem leisen Lachen. „Viele von uns sind auf unlizenzierte Kliniken angewiesen, wenn unsere Implantate streiken. So ein illegales UIS kommt selten mit Garantie. Da wäre es eine nette Abwechslung, jemanden zu kennen, der an der Technik mitgearbeitet hat und jede kleine Stellschraube daran kennt.“

„Tut mir Leid, Scar, aber ich mag die Laborarbeit und meinen Schreibtisch. Ihr Leben ist nicht das meine, und ich bin fürchterlich im Umgang mit Menschen.“

„Klappt mit Art und mir aber schon ganz gut, finde ich.“ Die Freelancerin unterbrach sich und deutete nach Hestur hinüber. „Erzählen Sie mir von den Rechenzentren. Sind solche Windfallen typisch?“

„Vielleicht in Gebieten, die über entsprechend viel und kalten Wind verfügen. Sibirien, Kanada und die Antarktis würde ich da vor allem benennen. In den wärmeren Regionen wird mit klassischer Klimatechnik gearbeitet, was die Rechenzentren sehr teuer im Unterhalt macht. Vor allem Australien und Südafrika stellen uns vor große Probleme, weil die meisten Regionen dort stark unter dem Klimawandel leiden. Sakura AI investiert in diesen Gebieten große Summen in den Bau von Kraftwerken, insbesondere im Bereich Solarenergie. Außerdem arbeiten einige unserer Tochterunternehmen auf den Gebieten der Fusionskraftwerke und Mikrowellenenergie eng mit TEPCO und JAXA zusammen.“

„Und wie ist der Komplex generell aufgebaut?“

„Üblicherweise befindet sich in den obersten Ebenen die Verwaltung der Einrichtung, häufig auch in oberirdischen Gebäuden untergebracht, um Kosten zu sparen. Außerdem sind hier die Warenannahme, Poststelle und sofern gegeben eine kleine Kaserne für den Werkschutz. Wenn es eine Kantine gibt, ist sie auch bevorzugt oberirdisch anzutreffen, damit die Mitarbeiter der tieferen Ebenen wenigstens einmal am Tag etwas Sonnenlicht abbekommen.“ Die Wissenschaftlerin deutete die Ebenen mit den Händen an. „Darunter kommen als nächstes die Forschungseinrichtungen und alle Datenspeicher, denen geringe Bedeutung zugemessen wird, üblicherweise für die Büros und zur Konsolidation von Forschungsergebnissen. Dann folgt die Haustechnik mit der Klimatisierung und der Notstromversorgung in Form eines kleinen Kraftwerks. Von diesem Punkt aus muss man noch eine Schicht von zwanzig Meter Dicke durchqueren, die mit Wasser gefüllt ist, welches dazu dient, die empfindlichen Quantencomputer vor Strahlung aus dem All zu schützen. Und erst dann, nach einer weiteren Sicherheitsüberprüfung, ist man im Datenkern. Nur mit ausdrücklichem Befehl eines Weisen dürfen dort Ersatzteile hinein gebracht werden, und alles, was den Raum verlassen soll, wird zuvor gelöscht und zerstört.“

„Außer der Mitarbeiter, nehme ich an.“ Scar hob die Hand. „Nur ein Scherz. Wie sieht die Sicherheit da unten genau aus?“

Takada zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Üblicherweise komme ich nicht über das Labor hinaus.“

„Dann nehme ich für alle Fälle meine Engelsmacher mit.“

„Das hätten Sie ohnehin getan.“ Die Wissenschaftlerin zog eine Augenbraue hoch. „Ich bezweifle immer noch, dass Sie die Waffe auf das Gelände kriegen.“

„Sie bringen uns rein“, sagte Scar, „und Art und ich bringen unser Equipment rein.“

„Was immer Sie sagen, Big Boss.“ Takada stellte ihre Teetasse ab. „Ich werde schlafen gehen. Wann brechen wir auf?“

„Kurz vor der Wachablösung, damit die Leute, die auf Posten sind, so richtig unaufmerksam sein werden. Art holt nach dem Frühstück den Lieferwagen und die Warnwesten aus Tórshavn.“ Sie lehnte sich zurück und lächelte. „Schlafen Sie gut, Minako. Wird ‘n harter Tag für Sie.“

„Machen Sie nicht mehr so lange, Scar. Ihr UIS ist kein Wundermittel und ersetzt keine acht Stunden Schlaf.“

„Ich werde es beherzigen.“

Sie wartete, bis Takada im Haus verschwunden war. Dann goss sie sich noch eine Tasse Tee ein. Rührte Kandis hinein, während sie wieder zur Windfalle auf Hestur blickte. Die riesige Anlage hatte sich mittlerweile wieder zum Wind hin ausgerichtet und zeigte ihr die Flanke, gewaltig wie ein Berg und mit geschwungener Silhouette. Bodenstrahler warfen Lichtkegel gegen den Waschbeton, auf den in mannshohen Lettern der Name der Firma stand, SAKURA🌸AI. Der Walker hatte den Anleger erreicht und manövrierte seine Fracht auf einen Turm aus Containern.

Sie prostete der vierbeinigen Maschine zu. „Morgen gehört euer Laden uns. Also hängt ein schönes Willkommens-Banner für uns an den Eingang.“