In der Nähe der Shetland-Inseln geriet die Fähre in einen Atlantiksturm, den zu umfahren das Schiff acht Stunden kostete. Obwohl der Kapitän danach alles daran setzte, die Verzögerung wieder aufzuholen, war es bereits Abend, als die Färöer endlich in Sicht kamen. Die sanften Hügel hinter dem Hafengelände sind gesprenkelt mit funkelnden Lichtern, abgegeben von den kleinen Wohnhäusern der Stadt.

Viele Passagiere verfolgen das Einlaufen ihrer Fähre vom offenen Vorderdeck aus, die meisten von ihnen sind Touristen, für die mit diesem Moment der Urlaub so richtig beginnt. Für Scathách und Artyom bedeutet die Menge vor allem Tarnung, in der sie sich halbwegs unbeobachtet koordinieren können.

„Unsere Herberge ist in Velbastaður“, sagte Scar. „Von dort werden wir einen großartigen Blick auf Hestur haben, wo der Zugang zum Rechenzentrum von Sakura AI liegt.“

„Was machen wir mit Jette?“

„Wir stellen sie auf einem Parkplatz hier im Hafen ab. Für die Insel reicht die Limousine. Ich muss ohnehin noch ein paar Sachen in Tórshavn erledigen, ehe wir einchecken.“

„Hattest du schon Kontakt mit ihr?“, fragte Artyom.

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Über das Satellitensystem des Schiffes hätte sie ohnehin nicht mit mir kommuniziert. Du weißt, wie paranoid sie ist.“ Sie wandte sich Takada zu. „Sie haben die Entwürfe für die Gastzugangskarten?“

Die Wissenschaftlerin nickte und überreichte ihr einen Umschlag aus dem bordeigenen Briefpapier, das in jeder Kabine auslag. „Ich hoffe, dass Ihnen diese Skizzen ausreichen.“

„Keine Angst. Meine Freundin ist die beste in dem, was sie tut.“ Sie wurde vom Schiffshorn unterbrochen, welches in diesem Augenblick das Einlaufen in den Hafen ankündigte. „Alles klar, gehen wir zu den Fahrzeugen. Art, du stellst Jette ab und suchst etwas zu futtern, dann schickst du mir die Adresse, wo wir dich abholen sollen. Ich kümmere mich derweil um unsere Eintrittskarten. Sie bleiben bei mir, Minako.“

Es dauerte noch fast eine Stunde, bis die Fähre sicher an ihrem Kai vertäut war und sich die Frontklappe öffnete, sodass die Passagiere das Fahrzeugdeck räumen konnten. Scar reihte sich in den Strom aus Lastwagen und PKW ein, die den Rumpf verließen. Die Luft war nasskalt und schwanger mit dem Geruch nach Ozean, Diesel und Fisch, und das Schreien der Möwen, die über dem Anleger kreisten, übertönte sogar die geschäftige Melange aus Stimmen, Motoren und der Brandung der Wellen. Selbst hier, in der größten Siedlung der Färöer, hatte das Land etwas wildes, wie eine Kreuzung aus den schroffen Fjorden Skandinaviens und den mit blendend grünem Gras überwucherten Steilklippen Irlands.

Sobald sie das Hafengelände verlassen und den Zoll passiert hatten und Scars Mobiltelefon sich mit dem lokalen Netzwerk verbunden hatte, wählte sie die Nummer von Rogue Byte.

Scar war seit wenigstens ihrem achten Lebensjahr mit Rogue befreundet. Damals hieß diese allerdings noch Gwenhwyfar. Jetzt lebte sie in einem traumhaften Einfamilienhaus am Rand von Kopenhagen, zusammen mit einem sie vergötternden Mann, einer herzallerliebsten Tochter (deren Patin Scar war) und ungefähr einer Hundertschaft Katzen, Hunde, Meerschweinchen, Hamster, Kaninchen, Vögel und Fische in wechselnder Konfiguration. Sie waren ein perfektes Abbild der perfekten Familie, die man sonst nur in politischer Propaganda und der Werbung zu Gesicht bekam. Zumindest solange man dabei vernachlässigte, dass Rogues Job darin bestand, unbemerkt irgendwo reinzukommen oder jemanden unbemerkt irgendwo reinzubringen. Sie war Pen-Testerin, sowohl für Einrichtungen in der echten Welt als auch für Datenfestungen und Firmennetzwerke, und ihre Vorträge wurden bei Hacker-Konferenzen überall auf dem Planeten gebucht. Den legalen Anteil ihres Jobs verstand sie als Wettbewerb, und das Wissen, das sie dort erwarb, nutzte sie im illegalen Teil ihres Lebens, um die Welt ein kleines bisschen zu verbessern, indem sie geheime Informationen an die Presse leakte.

Sie war beim dritten Klingeln dran. „Scar! Was steht an?“

„Kirschblütenfest“, antwortete die Söldnerin. „Ich habe gehört, man sollte das wenigstens einmal im Leben mitgemacht haben.“

„Ich weiß nicht, ob ich beleidigt oder glücklich sein soll, dass du mich nur wegen der Arbeit anrufst.“ Rogue kicherte. „Dem Mann geht‘s gut, das Kind hat erste Anzeichen von Pubertät, und die Hunde vermissen dich.“

„Scheiße, ist Ada echt schon so alt?“ Scar fühlte sich ehrlich mies bei der Frage. „Ich muss wirklich mal wieder vorbeikommen, Gwen.“

„Sie wird im Frühjahr zwölf.“ Diesmal klang die Hackerin tadelnd, aber ihre Stimme wurde sofort wieder weich. „Sie würde sich aber sicher über einen Besuch freuen. Bist du in der Gegend?“

„Nicht direkt. Ich könnte es aber in einer knappen Woche einrichten. Dann bin ich mit meinem aktuellen Auftrag fertig und kann mir ein paar freie Tage genehmigen. Ein bisschen Erholung tut mir sicher ganz gut.“

Rogue lachte. „Sofern man in unserer Villa Kunterbunt von Erholung sprechen kann. Aber du bist uns natürlich herzlich Willkommen. Ruf einfach einen Tag vor deiner Ankunft kurz durch, und Bjarne macht dir das Gästezimmer fertig.“ Ein scharfes Knacken in der Leitung zeugte davon, dass sie auf harte Verschlüsselung umgeschaltet hatte. „Okay. Wir sind ungestört. Was hast du mit Sakura AI zu schaffen?“

„Ich soll ‘ne Festplatte aus dem Datenzentrum in Hestur klauen.“

Die Hackerin pfiff durch die Zähne. „Ambitioniert. Den Trick hat bisher noch keiner versucht. Verrat mir dein Geheimnis.“

„Ich habe ein bisschen bei dir abgeschaut. Ein Insider hat mir ‘ne Zugangskarte für Besucher zugespielt, allerdings für eine andere Einrichtung von Sakura AI. Ich brauche davon zwei modifizierte Kopien, eine für Art und eine für mich.“

„Und das ganze möglichst bis gestern, nehme ich an.“

„Nicht ganz, aber spätestens morgen früh. Wir wollen den Lauf morgen gegen Mittag durchziehen, kurz vor dem Schichtwechsel der Wachmannschaft.“

„Der Geburtstag des tennō“, kommentierte Rogue, und Anerkennung schwang in ihrer Stimme mit. „Gar nicht blöde. Da haben die ohnehin nur eine Stammbesetzung vor Ort.“ Sie unterbrach sich. „Okay, so kommt ihr aufs Gelände. Aber was dann? Wie wollt ihr in den Server selbst reinkommen? Der ist gerüchteweise ganz unten, im Permafrost.“

„Unser Insider hilft uns. Mehr musst du darüber nicht wissen. Sag mir nur, ob du das bis zum Frühstück schaffst.“

„Ich liebe es, wenn du mich rauszuhalten versuchst. Als ob das jemals geklappt hätte.“ Rogue schnaubte amüsiert. „Um deine Frage zu beantworten: ja, das kriege ich hin. In der Mikkjalstrøð wohnt ein Bekannter von mir, mit dem ich manchmal auf Konferenzen zu tun habe. Er hat das nötige Equipment dafür. Ich sage ihm Bescheid, dass du vorbeikommst.“

„Danke. Du hast was gut bei mir.“

„Kannst du einlösen, indem du dich mal wieder um dein Patenkind kümmerst. Sagen wir in – mmmh – einer Woche etwa?“

Scar lachte. „Klar, mach ich.“ Dann legte sie auf.

Von der Mikkjalstrøð hatten sie einen großartigen Blick hinunter auf den Hafen und den Stadtkern von Tórshavn. Im Gegensatz zum Festland und dem Sturm auf dem Atlantik war das Wetter auf der Insel nachgerade pervers schön, mit von der tiefstehenden Sonne in goldenes Glühen getauchten Wolkentupfern an einem ansonsten azurblauen Himmel. Für einen kurzen Augenblick genossen die beiden Frauen den Anblick, dann durchquerte Scar den schmalen Vorgarten und klopfte an die weißlackierte Tür des Einfamilienhauses, in dem Rogues Kontakt lebte.

Ein älterer Mann in einem gestrickten Norweger-Pullover und mit einer Pfeife im Mundwinkel öffnete und musterte sie misstrauisch. „Kan jeg hjælpe dig?“

„Gwen hat mir Ihre Adresse genannt“, erwiderte sie, und sofort hellte sich seine Miene auf.

Jetzt auf Englisch stellte er fest: „Dann müssen Sie Scathách sein. Kommen Sie rein.“

Sie folgten ihm ins Innere, und er führte sie in den hinteren Bereich, der aus einer kombinierten Wohnküche bestand. Fußböden und Möbel waren aus heller Kiefer gefertigt, und alles war in warmen Farben gehalten. Auf dem Esstisch stand ein Laptop, und in einem Bücherregal an der rechten Wand standen mehrere spezialisierte Drucker.

„Möchten Sie einen Tee?“, fragte er höflich, und sie nickte, also betrat er die Küche und füllte Wasser in einen speziellen Teekocher. „Rogue sagte, dass Sie Zugangskarten benötigen. Haben Sie die notwendigen Dateien?“

„Wir haben eine authentische Vorlage, die ein bisschen angepasst werden muss“, antwortete sie. „Meine Begleitung hier wird Ihnen die notwendigen Informationen geben; sie kennt die fragliche Firma sehr gut.“

Er warf Takada einen Blick zu und sagte: „Sakura AI.“

„Rogue versicherte mir, dass mein Besuch bei Ihnen mit gebotener Professionalität gehandhabt wird.“

„Machen Sie sich keine Sorgen, das wird es.“ Er stellte jeweils einen Teebecher vor Scar und Takada ab. „Sie sollten aber auch wissen, dass so ziemlich jeder auf diesen Inseln jemanden kennt, der in Hestur arbeitet.“

„Hestur wird weiter operieren können“, sagte die Söldnerin. „Wir sind nicht hier, um die Firma oder das Datenzentrum zu zerstören.“

Er hob die linke Hand. „Das reicht mir. Haben Sie die notwendigen Dateien dabei?“

Takada griff in die Innentasche ihres Anoraks, zog ihren Besucherausweis für Waldpier hervor und schob ihn über den Tisch. Dazu sagte Scar: „Sie wird Ihnen erklären, wie die Karte für Hestur aussieht, und von mir erhalten Sie die einzusetzenden Informationen. Wir brauchen zwei Karten, meine Begleiterin hat ihren eigenen Zugang.“

„Sie haben Glück, ich hatte schon einmal einen Besucherausweis für Hestur in den Händen. Das wird den Auftrag vereinfachen. Ich brauche ungefähr eine Stunde, um beide Ausweise herzustellen, und Sie zahlen siebenunddreißig Tausend Króna je Ausweis.“

„Einverstanden.“ Sie schob einen Einmal-Transferchip mit fünftausend Euro über den Tisch. „Die Hälfte jetzt. Den Rest zahle ich, wenn meine Partnerin hier sie als authentisch absegnet.“

„Dann mache ich mich besser an die Arbeit. Fühlen Sie sich solange wie zuhause.“

Scar bedeutete der Wissenschaftlerin mit einem Kopfnicken, ihr zu folgen, dann traten beide Frauen in den kleinen Garten hinter dem Haus hinaus. Die Freelancerin steckte sich eine Zigarette an. Während sie ein paar Züge nahm, beobachtete sie Takada, die sich auf eine Gartenbank hockte und an ihrem Parka zupfte.

„Was denken Sie, Minako?“, fragte sie.

„Ich bin beeindruckt von den Ressourcen, die Sie in so kurzer Zeit auffahren können. Es erlaubt einen faszinierenden Blick auf die andere Seite des Vorhangs. Arbeiten alle freischaffenden Läufer auf dieser Basis?“

„Schwerlich“, antwortete Scar amüsiert. „Wie Art schon erklärt hat, wir sind am besten, wenn wir auf Situationen reagieren können. Unsere Vorbereitungen sind sehr elementar. Er organisiert die Gigs und sagt mir, welche Ausrüstung grob gebraucht wird. Dann treffen wir uns und gehen an die Arbeit. Mit der Zeit sind wir verdammt gut geworden, auf all die Unwägbarkeiten zu reagieren, die uns entgegen geworfen werden.“

„Und Sie verfügen über ein umfangreiches Netzwerk aus Kontakten.“

„Überwiegend Freunde aus der Vergangenheit.“ Scar löschte den Zigarettenstummel und verstaute ihn in einer kleinen Pillendose, die sie bei sich trug. „Art und ich sind sehr spezialisiert in unserem Feld. Er ist der Fahrer, ich bin der Killer. Wenn wir was erledigen müssen, das darüber hinaus geht, müssen wir um Hilfe fragen.“ Sie lächelte schief. „Oder die Hilfe entführen und zur Kooperation überreden.“

„Kommt so etwas öfter vor?“

„Normalerweise haben wir die notwendigen Experten von vorneherein im Team oder Big Boss verweist uns an solche. Informanten sind eine ganz andere Geschichte, mit denen haben wir üblicherweise nicht direkt zu tun sondern erhalten nur ein Dossier. Sie sind also für Art und mich so etwas wie eine Premiere.“

„Und Sie sehen was von der Welt.“ Takada blickte zum Himmel. „Glauben Sie, dass wir Nordlichter sehen werden, während wir hier sind?“

„Gut möglich. Nördlich genug sollten wir sein.“ Scars Mobiltelefon summte in ihrer Tasche. „Das ist Art. Entschuldigen Sie.“ Sie trat ein paar Schritte von der Wissenschaftlerin fort, dann nahm sie den Anruf mithilfe ihres Implantates entgegen. „Ja?“

„Ich habe Jette abgestellt“, meldete ihr Partner. „Ich werde jetzt etwas zu Essen für den Abend besorgen. Hast du bestimmte Wünsche?“

„Wenn du in Rom bist, oder?“ Sie überlegte. „Fisch, denke ich. Schau mal, ob du irgendwo fiskabolli findest und Kartoffeln, vielleicht auch Speck und Zwiebeln. Dann machen wir selber was in der Herberge.“

„Du willst kochen?“

„Bisschen was kann ich schon zusammen brutzeln.“

„Wie läuft es ansonsten bei euch?“

„Unsere Karten sind in Arbeit. Knappe Stunde, dann sind wir hier fertig, und ich kann die Mistral einsammeln.“

„Alles klar. Ich warte dann bei Jette auf dich. Dann können wir das Gepäck umladen und zum Hotel fahren.“

Und damit legte er auf, ohne sich zu verabschieden oder zu warten, ob sie noch etwas sagen wollte. Sie seufzte, weil sie sich schon wieder so fühlte, als hätte sie mit einem Alien gesprochen. Sie ließ sich der Wissenschaftler gegenüber auf einen Gartenstuhl fallen, dann schlug sie eine Kippe aus dem Zigarettenpäckchen. Es war die letzte.

Etwa eine Minute starrte sie die Zigarette an, dann steckte sie sie in den Mundwinkel, zündete sie aber nicht an. Takada nahm es mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis, sagte aber nichts. Vielleicht hatte sie gespürt, dass Scar nicht mehr reden wollte. Würde ohnehin noch genug zu besprechen sein, im Hotel. Und bis dahin blieb nur abzuwarten, dass ihre Besucherausweise fertig wurden.

 

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