Es war gegen ein Uhr in der Nacht, als Scathách aus einem verwirrenden Traum aufwachte. Den Bruchteil einer Sekunde war sie desorientiert, bis ihr taktischer Computer hochschaltete und ihr Hirn mit dem UIS verband. Diese Verzögerung hatte sie sich nach ihrem Ausstieg aus dem Söldner-Business selbst auferlegt, weil die harten Einstellungen, die im Krieg ihr Überleben gesichert hatten, sie im ziviles Leben unruhig und nervös werden ließen. Es half einfach nicht beim Wochenendeinkauf im Supermarkt, wenn man alles um sich herum als Bedrohung auffasste.

Sie wandte sich zu Doktor Takadas Koje um und fand diese verlassen vor; ihr Implantat hatte ihr längst gemeldet, dass der Atem und der Herzschlag der Wissenschaftlerin fehlten, dass im anderen Bett keine der für Menschen typischen Mikrobewegungen stattfanden. Sie richtete sich auf und schlug mit der Hand auf den Lichtschalter am Kopfende ihres Bettes. Warmes Licht flutete die Kabine und enthüllte, dass die Japanerin nicht nur einem körperlichen Bedürfnis nachging. Ihre Kleidung, die zuvor ordentlich zusammengelegt über die Stuhllehne gehangen hatte, fehlte ebenfalls.

„Himmelarsch“, knurrte sie und beeilte sich, in ihre Kampfstiefel zu kommen. „Ich hatte dich gebeten -“

Sie unterbrach ihre Tirade, als sie den Zettel auf dem schmalen Schreibtisch entdeckte. Unter dem Logo der Fährgesellschaft hatte Takada in ordentlichen Blockbuchstaben ihren Grund für die Abwesenheit ausgeführt: „Ich konnte nicht schlafen und wollte Sie nicht wecken. Sie finden mich auf dem A-Deck in der Mitternacht-Lounge.“

„Das will ich für dich hoffen.“ Sie band ihr Schulterholster um und holte ihre Engelsmacher aus dem Kabinensafe, überprüfte das Magazin und streifte ihre Lederjacke über. Dann machte sie sich auf den Weg.

Das Schiff schlief, wie nicht anders zu erwarten für die späte Stunde. Tief unten im Rumpf der Fähre wummerten die riesigen Schiffsdiesel vor sich hin; sie konnte die Vibrationen in ihren verbesserten Vestibularorganen spüren. Sie lud die Karte des Schiffs auf ihr Smartphone runter und befahl ihrem taktischen Computer, sie als transparentes Overlay direkt in den Sehnerv einzuspeisen.

Sie nutzte den Weg, um einen kurzen Abstecher über die Außengalerie der höher gelegenen Decks zu machen. Hier wurde das Geräusch der Maschinen vom Rauschen des Atlantiks überlagert; die See war kabbelig, und Brecher leckten am Rumpf der Fähre. Die Luft war beißend kalt, vertrieb aber wenigstens die letzten Reste Schlaf, die aller Modifikationen ihres Körpers zum Trotz immer noch ein wattiges Gefühl in ihrem Kopf verursachten. Sie spähte zum Mond hinauf, dessen fahles Licht immer wieder von dahinjagenden Wolkenfetzen blockiert wurde.

Die Mitternachts-Lounge hatte eine zum Bug hin offene Fensterfront mit zwei Glastüren, die auf das oberste Außendeck hinausführten. Das Mobiliar war klotzig, mit rotbraunem Furnier und dunkelgrünen Bezügen, und die über den Tischen hängenden Lampen mit ihren in grünem Glas eingefassten klassischen Glühlampen spendeten warmes Licht. Aus versteckt angebrachten Lautsprechern perlte leise Piano-Klimpermusik, die den Besucher einlullte. Strategisch platzierte Raumteiler und Pflanzen erzeugten die Illusion von Privatsphäre, ohne die Fluchtwege übermäßig zu blockieren.

Nur eine Handvoll verirrter Seelen hatte sich über die Tische verteilt und starrte fast katatonisch auf die finstere See hinaus. Takada saß am Tresen, hinter dem ein mittelalter Mann in Hemd, Weste und Fliege stoisch Gläser polierte und sichtbar das Ende seiner Schicht herbeisehnte. Die Wissenschaftlerin hatte ein achteckiges Glas vor sich stehen, auf dessen Grund die Überreste eines Eiswürfels lag. Als Scathách an ihre Seite trat, deutete sie auf den freien Barstuhl, und sobald die Söldnerin sich niedergelassen hatte, winkte sie den Barkeeper herbei.

„Noch einen Old Fashioned, Doktor?“, fragte er und fuhr, sobald sie genickt hatte, fort: „Und für Ihre Bekannte?“

„Kaffee“, antwortete Scathách, „mit Sahne und Zucker, bitte.“

Er nickte, griff nach dem leeren Glas und machte sich dann an die Arbeit, die Getränke vorzubereiten. Sie zog ihr Zigarettenpäckchen aus der Innentasche ihrer Lederjacke und steckte eine Kippe in den Mund, ohne sie aber anzustecken. Takada warf ihr einen Seitenblick zu, gerade zur richtigen Zeit, dass sie das Griffstück der Engelsmacher unter der Jacke sehen konnte, an dessen Öse immer noch Jos dämlicher Charm baumelte.

„Sie haben sich unerlaubt von der Truppe entfernt“, sagte Scathách. „Das mit der Nachricht war eine gute Idee. Aber wenn Sie wieder auf Wanderschaft gehen, um Ihre Insomnie zu kurieren, wecken Sie mich. Ich komme damit klar.“

„Ich werde es mir merken, Scar.“ Ein weiterer Seitenblick. „Es wundert mich, dass Sie sich an das Rauchverbot halten.“

„Das gehört dazu, wenn man nicht auffallen will, Doktor.“

„Wie passt das mit der Pistole zusammen, die Sie zu jedem Zeitpunkt bei sich tragen?“

„Das ist persönliche Paranoia, kultiviert durch ein Leben im Fadenkreuz von Menschen, die Sie am liebsten tot sehen wollen. Außerdem habe ich einer Freundin versprochen, sie auf Herz und Nieren zu testen.“

Sie unterbrach sich, weil der Barkeeper die Getränke brachte. Nickte ihm zum Dank zu und wollte mit der Hand in die Tasche tauchen, um den Kaffee zu bezahlen, aber Takada war schneller. Mehrere farbige Plastikmünzen, geprägt mit dem Sternenkranz der Europäischen Union, wechselten den Besitzer.

„Das mit dem Stockholm-Syndrom setzt bei Ihnen ja früh ein“, sagte Scathách mit einem schiefen Grinsen, während sie Milch und Zucker in den Kaffee rührte.

„Betrachten Sie es als Friedensangebot meinerseits“, erwiderte die Wissenschaftlerin und nahm einen Schluck vom Alkohol. „Ich habe einen Fehler gemacht. Die Höflichkeit gebietet, diesen wiedergutzumachen.“

Das Koffein kickte sofort rein und brachte ihre Synapsen zum Feuern. Sie musste das taktische Implantat bremsen, das versuchte, dem plötzlichen Ansturm auf ihre Adenosinrezeptoren regulierend entgegenzuwirken.

„Was war auf dem Stick?“, fragte sie nach einer Weile des Schweigens.

„Das sollte für Sie keine Bedeutung haben“, erwiderte Takada. „Es sichert Ihnen meine Kooperation in der kommenden Woche. Sollte Ihnen das nicht genügen?“

„Das kommt darauf an“, sagte sie. „Ihre plötzliche und widerstandslose Bereitwilligkeit zur Kooperation lässt mich nämlich fragen, was unser Big Boss gegen Sie in der Hand hat, um Sie kontrollieren zu können.“

„Für wen arbeiten Sie überhaupt, wenn Sie mir die Frage erlauben.“

Scathách zuckte mit den Schultern. „Art hat den Job an Land gezogen. Das macht er meistens, während ich mir einfach ein Veto-Recht vorbehalte. Deswegen macht mich Ihre widerstandslose Zusammenarbeit so stutzig. Es deutet darauf hin, dass Big Boss eine gewisse Machtposition inne hat, die ihm Zugriff auf gewisse Daten gibt. Und das macht mich neugierig. Nicht nur, weil ich gerne wüsste, was er irgendwann einmal in der Zukunft gegen mich ins Feld führen kann.“

„Nicht nur Daten“, sagte Takada, „sondern auch – Gegenstände, im weitesten Sinn.“

„Sie sind erpressbar“, stellte Scathách fest. „Schlecht für Sakura AI.“

„Nicht so sehr erpressbar, sondern manipulierbar“, korrigierte die Japanerin. „Haben Sie jemanden, der Ihnen am Herzen liegt?“ Sie winkte ab. „Vergessen Sie die Frage, sie war rhetorischer Natur. Mein schwacher Punkt ist eine ältere Schwester, der ich sehr viel zu verdanken habe, die aber bedauerlicherweise an einer nach aktuellem Kenntnisstand unheilbaren Krankheit leidet. Irgendwann ist das Leiden so groß und die Verzweiflung so ausgeprägt, dass man nach jedem Strohhalm greift, der einem geboten wird. Ihr Big Boss offerierte so einen Strohhalm. Also kooperiere ich mit Ihnen, in der schwachen Hoffnung, diesmal Linderung für meine Schwester zu finden.“ Sie nahm einen Schluck vom Bourbon. „War das falsch, Ihrer Meinung nach?“

Scathách konnte spüren, wie sich jedes einzelne Haar in ihrem Nacken aufrichtete. Sie dachte an die Zeitbombe, die im genetischen Code jeder einzelnen Zelle ihres Körpers tickte, und schüttelte den Kopf. „In gewisser Weise ist, was Sie tun, selbstlos, wenn auch riskant. Und Big Boss hat Ihnen sogar einen Ausweg aus Ihrer Schuld gegenüber Sakura AI gegeben, indem er dafür Sorge getragen hat, dass Sie entführt und zur Zusammenarbeit gezwungen werden. Sie werden mit einigermaßen sauberer Weste aus dieser Geschichte wieder rauskommen – und vielleicht sogar Ihrer Schwester helfen können.“

„Vielleicht.“ Mit dem Glas in der Hand deutete Takada auf die Freelancerin. „Was ist es bei Ihnen, Scar?“

Sie überlegte eine Weile, entschied sich dann aber zu Ehrlichkeit. „Arztrechnungen, ironischerweise. Ich leide unter einem inoperablen Glioblastom. Meine Arbeit als Söldnerin für große Hilfsorganisationen hat nicht genug Geld abgeworfen, um die Behandlungen und Medikamente zu bezahlen.“ Erneut eine kurze Pause, ehe sie korrigierte: „Vielleicht rede ich mir das auch nur ein.“

Die Wissenschaftlerin legte den Datenspeicher auf den Tisch. Schob ihn ihr zu, und sie musste dem Instinkt widerstehen, sich davor zurückzuziehen, als sei er ein gefährliches Tier. „Wussten Sie von dem, was – wie nannten Sie Ihren Auftraggeber? Big Boss? Wussten Sie von seinem Angebot?“

Scar lachte bitter. „Fuck, nein. Für die Information hätte ich den Job auch umsonst erledigt und all meine moralischen Bedenken über Bord geworfen. Fällt deutlich leichter, wenn Ärzte plötzlich anfangen, Lebenserwartungen in Monaten anzugeben.“ Sie deutete auf den Stick. „Was werden Sie machen, wenn das Heilmittel nicht existiert?“

„Die Nachricht versprach kein konkretes Heilmittel“, antwortete Takada. „Vielmehr war die Rede davon, dass ich alles verstehen würde, wenn wir erst einmal das Datenzentrum erreicht haben und ich in die Steuerungssoftware eingeloggt bin.“

„Darauf haben Sie sich eingelassen?“

„Wir alle klammern uns an Hoffnungen und fallen dabei auch schon einmal auf Lügner und Betrüger herein. Ich mag Wissenschaftlerin sein, aber selbst ich bin nicht gefeit gegen Heilsversprechen. Sie kennen die Gedankengänge sicher aus Ihrer eigenen Geschichte. Was wenn es diesmal doch genau die eine Sache ist, die hilft? Kann ich es vor mir und meiner Schwester verantworten, nicht zumindest die Möglichkeit in Betracht gezogen zu haben, dass das scheinbar Unmögliche eben doch möglich ist?“ Der Stick verschwand in der Tasche ihrer Strickjacke. „Die Antwort ist, dass wir es trotzdem riskieren. Umso mehr, wenn wir jemandem helfen, den wir lieben.“

Scathách dachte an Artyom, der zu ihr hielt. Sie aushielt, ihre Launen und ihre Ausbrüche. Der vermutlich auch noch an ihrer Seite stehen würde, wenn sie nicht mehr in der Lage sein würde, ihre Knarre zu halten und ihren beschissenen Job zu machen. Dachte an Jo, für die sie durch die Hölle gehen würde. Gegangen war. Nickte langsam.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Scar“, fuhr die Wissenschaftlerin fort. „Wenn an diesen Versprechen irgendetwas dran ist, bekommen Sie eine Kopie von allem, was ich finde. Wenn ich belogen wurde, sprechen wir nie wieder darüber.“

Sie schob die Kaffeetasse von sich. Ihr war plötzlich schlecht, und sie wollte raus an die frische Seeluft. „Trinken Sie aus, Doktor Takada. Wir sollten wenigstens ein paar Stunden Schlaf kriegen.“

„Sie haben vermutlich recht.“ Die Japanerin hob das Glas. Hielt in der Bewegung inne und lächelte flüchtig. „Und nennen Sie mich bitte Minako. Schließlich stecken wir gemeinsam in dieser Geschichte.“

Scathách nickte langsam. So ganz glaubte sie allerdings nicht daran, dass sie mit Takada auf der gleichen Seite stand.

 

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