Sie kamen am späten Nachmittag in Hirtshals an. Auf einem Parkplatz holten sie den Mercedes aus dem Auflieger und verteilten die Fährtickets, die dem Dossier von Big Boss beigelegen hatten. Dann fuhren sie im Abstand von etwa zwanzig Minuten auf das Hafengelände. Artyom brachte Jette zum Frachtterminal, wo der Lastwagen, da die Mistral die einzige Ladung war, nur einer oberflächlichen Überprüfung durch den Zoll unterzogen und dann an Bord der Fähre nach Tórshavn gelassen wurde. Scathách und Takada checkten am Passagierterminal ein und folgten eine halbe Stunde später in den Rumpf des Schiffes.

Ihre Kabinen lagen nebeneinander, Außenwand, knapp oberhalb der Wasserlinie. Scathách und Takada mussten sich eine Doppelkabine teilen, wohl weil Big Boss nicht darauf vertraute, dass die Wissenschaftlerin von seiner Botschaft schon ausreichend überzeugt war. Sie verstauten ihr Gepäck, und Scar nutzte die Gelegenheit, das Magazin der Engelsmacher aufzufüllen und die Pistole wieder im Holster unter ihrer Jacke zu verstauen. Sie beobachtete, wie Takada ihren Koffer ebenfalls auspackte, und stellte fest, dass der überwiegende Teil der Kleidung bereits getragen war. Überraschend kam das nicht, die Wissenschaftlerin war auf dem Heimweg gewesen.

„Wir können Ihre Kleidung zur Wäscherei bringen“, sagte sie.

„Ich habe zugestimmt, mit Ihnen zu kooperieren, bis Sie Ihr Ziel erreicht haben“, erwiderte Takada. „Von Freundschaft war nicht die Rede, und erwarten Sie nicht, dass ich zu einem Opfer des Stockholm-Syndroms werde.“

„In einer Stunde läuft das Schiff aus, in zwei befinden wir uns auf dem Atlantik. Bis dahin bleiben Sie in meiner Nähe, danach gebe ich Ihnen ein bisschen mehr Freiraum, bis wir in Tórshavn einlaufen. Mir ist nicht daran gelegen, mich mit Ihnen gut zu stellen. Ich bin nicht das Meisterhirn hinter diesem Auftrag, ich erledige nur einen Job. Kooperieren Sie, gewähre ich Ihnen Freiheiten. Stellen Sie sich quer, lege ich Ihnen Daumenschrauben an. Hintergehen Sie mich -“ Sie ließ den Rest des Satzes bewusst im Raum stehen.

Die Wissenschaftlerin musterte sie von Kopf bis Fuß, distanzierter nüchterner Gesichtsausdruck bis auf eine hochgezogene Augenbraue. Dann sagte sie: „Scar, das war Ihr Name, richtig? Wie sind Sie zu dem Namen gekommen? Ist das nur wegen der Narbe über Ihrem Auge, die Sie so erfolglos zu verbergen versuchen?“

„Die Mehrheit aller Narben, die wir im Leben davontragen, sind nicht äußerlich.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie einen Grund für meinen Namen brauchen, dann ist die Narbe über meinem Auge so gut wie jeder andere.“

„Sie haben recht“, sagte Takada und fügte hinzu: „mit den Narben, meine ich. Und diejenigen, die man nicht sieht, sind üblicherweise die schlimmsten Wunden.“

Scathách wollte etwas erwidern, überlegte es sich aber anders. Stattdessen deutete sie mit einem Kopfnicken auf die Betten. „Sie können am Fenster schlafen. Ich liege an der Tür. Sicherheitshalber.“

„Selbstverständlich. Es ist nur nachvollziehbar, dass Sie mir nicht trauen. Es gibt keinen Grund dazu.“

Sie wollte etwas erwidern, aber es klopfte an der Kabinentür. Mit einer Geste bedeutete sie Takada, sich aufs Bett zu setzen und die Klappe zu halten, während ihre rechte Hand sich auf den Griff der Engelsmacher legte. Laut sagte sie: „Ja?“

„Ich bin es“, antwortete Art auf der anderen Seite.

Sie öffnete die Tür und ließ ihn ein. Er blieb in der Nähe des Schreibtisches stehen, immer ein bisschen zu schlaksig und deplatziert.

„Setz dich“, befahl sie ihm, und jetzt ließ er sich endlich in den frei gebliebenen Schreibtischstuhl fallen, während sie sich auf ihre Bettkante hockte. „Reden wir über den Job. Erzählen Sie uns von diesem Rechenzentrum in Tórshavn.“

„Ich war noch nicht auf den Färöer-Inseln“, erwiderte Takada, „aber ich kenne die Rechenzentren in Hongkong, Tokyo und Sydney, und diese sind ähnlich aufgebaut. Ich sollte Sie allerdings warnen, dass meine Sicherheitsfreigabe uns nicht bis zu den Datenspeichern gelangen lassen wird. Meine Arbeit liegt im Bereich der UIS, wohingegen die Datenbanken von gerade einmal sechs Menschen gewartet werden, die firmenintern als ‚die Weisen‘ bekannt sind.“

„Wie kommen wir rein?“

„Unter normalen Umständen würde ich hinter Ihrem Rücken über die Naivität lachen, die Ihnen als gaikokujin eigen ist.“ Takada zog mit unbeweglicher Miene eine Augenbraue nach oben. „Aber Sie haben Glück. In fünf Tagen feiert Japan den Geburtstag des tennō, und Sakura AI fährt an diesem Tag traditionell nur mit einer absolut notwendigen Stammbesetzung.“

„Es werden also weniger Mitarbeiter auf dem Gelände sein, und die Wachen werden weniger aufmerksam sein“, fasste Scathách zusammen. „Ich bezweifle trotzdem, dass sie uns einfach in der Firma herumspazieren lassen werden wie verirrte Touristen.“

„Die Wachen sind keine Japaner, sondern Färöer, vergessen Sie das bitte nicht.“ Die Wissenschaftlerin griff in die Innentasche ihres Blazers und kramte einen Besucherausweis von Sakura AI hervor, ausgestellt im Firmenresort von Waldpier. „Fällt Ihnen ein guter Grund ein, wieso meine Firma externes Personal auf das Gelände bringen lässt? Und haben Sie die Möglichkeit, zwei dieser Ausweise nach meinen Angaben zu modifizieren und herzustellen?“

„Das mit den Ausweisen kriegen wir geregelt. Was den Grund angeht -“ Sie blickte ihren Partner an. „Art?“

„Wir können nicht als Wissenschaftler auftreten. Das würde uns niemand abkaufen, insbesondere nicht dir, Scar.“

„Danke“, warf sie gespielt eingeschnappt ein.

„Als Techniker hingegen könnte es funktionieren. Wenn die meisten Mitarbeiter aufgrund des japanischen Feiertages zuhause bleiben, ist anzunehmen, dass auch die Haustechnik mit reduzierter Besetzung arbeitet. Wenn etwas defekt ist, was sie nicht ohne weiteres reparieren können, werden sie auf externe Hilfe zugreifen.“

„Die Niederlassung in Tórshavn ist im wesentlichen ein gewaltiger Cloud-Speicher, der mit unserem neuronalen Netzwerk verbunden ist“, sagte Takada. „Zwei unserer vierzehn Quantenrechner stehen auf dem Gelände. Die Klimatisierung ist ein wichtiger Faktor im Betriebskonzept der Einrichtung. Einen Teil übernimmt der Permafrost im Gestein der Insel, aber wir müssen bei der Kühlung trotzdem mit technischen Mitteln nachhelfen. Wenn die Klimatisierung der Datenspeicher oder der Rechenkerne ausfällt, ist das eine Reparatur hoher Priorität.“

„Das können wir organisieren“, sagte Artyom. „Wir mieten einen Lieferwagen und Warnwesten. Das reicht erfahrungsgemäß schon. Auf dem Gelände großer Firmen wird immer irgendwo gebaut. Es ist erschreckend einfach, Wachdienste davon zu überzeugen, dass man aus gutem Grund auf dem Gelände ist.“

„Zumal wir eine Eintrittskarte haben.“ Scathách deutete auf Doktor Takada. „Der Funken Wahrheit in unserer Geschichte.“

„Demnach haben wir in Tórshavn etwas über einen Tag Zeit, um alles zu organisieren“, fasste er zusammen. „Das ist nicht viel.“

„Dann improvisieren wir. Ist doch eh unsere Spezialität.“

Doktor Takada blickte von Art zu Scar und zurück. „Es steht mir vermutlich nicht zu, meine Entführer zu kritisieren, aber hatten Sie sich überhaupt keine Gedanken über einen Plan gemacht, ehe Sie mich über den halben Atlantik verschleppen?“

„So funktioniert das bei Scar nicht, Frau Doktor.“

Scathách legte ihre Stirn in Falten. Nicht weil Arts Aussage falsch gewesen wäre, sondern weil sie der Ansicht war, dass es Takada nichts anging. Vor der Sache mit dem Auge, vor der Narbe hatte man sie Lady Luck genannt. So positiv das klang, es war abwertend gemeint. Pläne überlebten in ihrem Umfeld nicht lang. Wenn man an ihnen festhielt, hatten sie die Tendenz, spektakulär daneben zu gehen. Ein gewisses Improvisationstalent war also unabdingbar.

Und vielleicht war das letztendlich auch einer der Gründe gewesen, aus denen sie von der Söldnerin im Kriegseinsatz zur Freelancerin im Dienste zwielichtiger Gestalten geworden war. Armeen waren nicht für ihre Flexibilität bekannt. Als Freelancerin war es einfacher, auf vorhersehbar unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren. Vor allem aber setzte sie auf diese Weise selten das Leben von Schutzbefohlenen aufs Spiel. Machte sich in Armeen einfach nicht gut, wenn man immer wieder Rekruten verlor und als einzige einigermaßen unverletzt zurückkehrte.

Sie räusperte sich, weil der kurze Moment der Stille sie zu erdrücken drohte. „Ich habe einen Kontakt in Kopenhagen, der sich darum kümmern können sollte. Solange wir einen Makerspace in Tórshavn finden, kann er uns fast alles schicken und vor Ort anfertigen lassen.“ Ein flüchtiges Lächeln. „Ein Tag ist eine Menge Zeit. Ich habe schon mit erheblich weniger Vorlauf arbeiten müssen.“

Takada machte eine beschwichtigende Geste. „Sie sind die Experten. Für mich ist es das erste Mal, dass ich mich mit illegalen Kräften konfrontiert sehe. Können Sie wenigstens Färöisch? Oder Dänisch?“

„Ich kann mich verständigen. Meine Bekanntschaft in Dänemark hat mir ein paar Sachen beigebracht. Für diesen Job wird‘s reichen.“ Scar blickte sie an. „Was ist mit Ihnen? Ihr Deutsch ist so gestelzt, jeder Muttersprachler merkt sofort, dass es vom Chip kommt.“

„Mein UIS wird beide Sprachen automatisch installieren, sobald wir in Tórshavn an Land gehen“, antwortete die Wissenschaftlerin. „Das setzt allerdings voraus, dass ich es für den kurzen Augenblick, den es zur Feststellung seiner Position benötigt, wieder einschalten darf. Anderenfalls müssen wir uns auf Japanisch, Englisch oder Deutsch verständigen. Die Wahl überlasse ich selbstverständlich Ihnen, Scar.“

Der Straßenname aus ihrem Mund klang seltsam dissonant, mechanischer als ihre sonstigen Sprachfertigkeiten. Scathách war nicht sicher, ob sie daran Gefallen fand. Um das unangenehme Gefühl abzustreifen, sagte sie: „Mein Instinkt rät mir davon ab, da Sakura AI bei unserer Ankunft auf den Färöern vermutlich die Suche nach Ihnen eingeleitet haben wird. Lassen Sie das UIS auch nur kurz online gehen, wissen Ihre Arbeitgeber sofort, wo wir sind.“

„Das wissen die spätestens, wenn wir bei ihnen vor der Schranke stehen“, gab Art zu bedenken.

Scar warf den Kopf in den Nacken und ließ ein frustriertes Seufzen hören. Dann sagte sie: „Wir entscheiden das vor Ort, okay? Ich will darüber schlafen und mir die Location ansehen, ehe ich eine Strategie festlege. Können wir uns darauf einigen?“

Art nickte, und Takada antwortete: „Natürlich. Überlegen Sie sich bis dahin auch, was Sie mit Ihren Waffen zu tun gedenken. Es wird nahezu unmöglich sein, sie unbemerkt auf das Gelände zu schaffen. Wenn es Ihnen überhaupt gelingt, sie durch die Einreise in Tórshavn zu transportieren.“

„Das wird es, keine Sorge.“ Art und sie hatten aus ihrer aktiven Zeit für Ärzte ohne Grenzen eine Sondergenehmigung der Europäischen Union, die aus mirakulösen Gründen niemals widerrufen worden war und deren automatisches Ablaufdatum sich auf genauso geheimnisvolle Weise immer mal wieder um fünf Jahre in die Zukunft verschob. Gut möglich, dass dafür ein gewisser Kopenhagener Kontakt verantwortlich zeichnete. „Nach dem Gig sitzen wir noch anderthalb Tage auf den Färöern fest, ehe die Fähre zurück geht. Abgesehen davon, dass wir also den Kopf unten halten werden, wird es notwendig sein, sich zu überlegen, was wir in der Zeit tun werden.“

„Oder wir wählen eine andere Route raus“, sagte Art.

Sie nickte. „Ja, oder das. Mach dir darüber Gedanken. Sonst noch Anmerkungen?“ Sie warf einen Blick in die Runde, aber sowohl Art als auch Takada schüttelten den Kopf. „Gut. Dann vertagen wir uns.“ Sie wandte sich der Wissenschaftlerin zu. „Sie dürfen sich frei an Bord bewegen, sobald wir den Hafen verlassen haben – unter zwei Voraussetzungen. Erstens melden Sie sich immer bei mir ab und wieder an. Ich gebe Ihnen nachher einen Ping-Schlüssel für mein UIS, der für eine Woche gültig sein wird. Und zweitens kontaktieren Sie zu keinem Zeitpunkt Sakura AI oder die Behörden. Wenn Sie mein Vertrauen missbrauchen, riskieren Sie nicht nur Ihr Leben sondern das aller Menschen an Bord. Ich bin Söldnerin, und meine Spezialität ist die Improvisation. Fordern Sie es also bitte nicht heraus.“

„Sie haben mein Wort“, sagte Takada.

Scar glaubte trotzdem nicht dran.

 

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