Dass Scathách am Morgen nicht mehr angetrunken war, hatte sie lediglich ihrer modifizierten Leber zu verdanken, die sich in der Nacht um den Restalkohol in ihrem Blut gekümmert hatte. Trotzdem kämpfte sie schwer mit der Müdigkeit und war mehr als dankbar, als sie mit ihren Koffern die Treppe herunter kam und Artyom ihr eine Aluminiumdose mit heißem Milchkaffee aus dem Automaten entgegenhielt.

„Du siehst müde aus“, sagte er dazu. „Wann bist du im Bett gewesen?“

Sie presste ein gutturales Knurren an der Dose vorbei, während sie in gierigen Schlücken trank. Der reptiloide Teil ihres Hirns produzierte neuronales Elmsfeuer, als das Koffein reinschlug. „Jo konnte kein Nein akzeptieren“, log sie schließlich, „aber ich komme schon klar. Ich hab drauf geachtet, nicht über die Stränge zu schlagen.“

„Wieso warst du bei Jo?“

„Weil sie eine gute Freundin ist.“ Sie zuckte die Schultern, zerquetschte die leere Dose und warf sie in den Müll. Eigentlich hatte sie keine Lust darauf, sich vor ihm zu rechtfertigen. „Ich habe die beiden Locations inspiziert, und nur die erste taugt, um deine Verfolger zu erledigen. Die zweite ist eine Todesfalle, mit zusammengestürzte Gebäuden und mannshohen Ranken.“

„Ich werde Jette in der Nähe der Autobahn abstellen.“ Artyom griff einen ihrer Rollkoffer und hielt ihr dann die Tür nach draußen auf. „Wir müssen den Wagen und deine Maschine noch verladen.“

Die Luft war so frostig, dass sie Scathách in der Kehle biss. Der Regen hatte nachgelassen, und zwischen den Bäumen hing Bodennebel. Sie rückte ihren Schal zurecht und blickte zum Himmel. Tintenschwarze Wolken verdeckten den Mond und die Sterne, vollgesogen mit einem weiteren Tag voller Dauerregen. Auf dem Dach zu liegen und auf den Konvoi zu warten würde unangenehm werden. Zum Glück trug sie mehrere Schichten warmer Kleidung übereinander.

Während Artyom die rückwärtigen Türen des Aufliegers öffnete und Rampen anbrachte, über die er Mercedes und Mistral hineinfahren konnte, verlud sie ihr Gepäck in der Koje der Zugmaschine. Sie hatte darauf geachtet, dass sie alle Waffen am Körper trug oder im Rucksack mitführte, falls der Lastwagen in ihrer Abwesenheit von einem übereifrigen Poldi gefilzt wurde, darum enthielten die Rollkoffer nur noch Kleidung, Hygieneartikel und persönliche Elektronik, deren Gewicht einfacher zu handhaben war. Dann schaltete sie das Radio auf einen lokalen Punkrock-Sender.

Nach einer knappen Viertelstunde hörte sie, wie die Türen des Aufliegers zuschlugen, und kurz darauf kletterte Artyom auf den Fahrersitz. Unter seinem Daumenabdruck erwachte Jette zum Leben, und die Klimatisierung pustete ihr eine trockene Wolke heißer Luft ins Gesicht.

„Wir müssen die Klima ‘n bisschen runterdrehen“, sagte sie, „sonst beschlägt an Masamune das Zielfernrohr, wenn ich aussteige.“

„Gib mir einen Moment, bitte.“

Sobald sie auf der Bundesstraße waren, regelte ihr Partner die Temperatur nach unten. Dann stellte er den Tempomaten und den Fahrassistenten ein und überließ es Jette, sich ihren Weg alleine zu suchen. Für alle Fälle verband er seinen eigenen taktischen Computer mit ihren Bordsystemen, sodass er zu jedem Zeitpunkt mental die Kontrolle behielt. Das war seine Spezialität: Wenn ein Fahrzeug eine passende Schnittstelle hatte, konnte er es direkt mit seinem Hirn kontrollieren – und natürlich auch die Sicherheitssysteme überbrücken und Fahrzeuge gefügig machen, für die er keinen Schlüssel hatte.

Scathách trommelte den Rhythmus des aktuell laufenden Songs mit den Fingern auf der Seitenkonsole mit. Aktuell hatte der Punkrock eine Phase, in der weibliche Künstler die abgeschlossenen Beziehungen zu ihren sie missbrauchenden Ex-Partnern verarbeiteten. Dabei ging es dann auch schon einmal deutlich expliziter zur Sache, wenn sie ihren Zorn und ihren Schmerz in wüsten Verwünschungen und Flüchen in die Welt hinausbrüllten.

Schließlich sagte sie: „Luke war gestern auch da. Er geht nach Australien zurück in zwei Wochen. Nach Brisbane.“

„Das wundert mich nicht“, antwortete er.

„Mich auch nicht.“ Sie blickte ihn von der Seite an. „Er hat mir seine Nummer aufgeschrieben. Soll ich dir geben, damit du dich melden kannst.“

„Ich telefoniere nicht gerne.“

„Weiß er. Er sagte, du kannst auch vorbeikommen. Aber er will noch mit dir reden ehe er zurück muss.“ Sie legte Strenge in ihre Stimme. „Das war ihm echt wichtig, Art.“

„Ich werde mich bei ihm melden. Ich verspreche es dir.“

„Musst du nicht. Ist letztendlich deine Entscheidung, und ich bin nur der Bote.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich fand nur, dass du von seiner Abreise wissen solltest.“

„Ich danke dir.“

Sie seufzte. Mit Artyom über zwischenmenschliches zu reden konnte sehr ermüdend sein. Und jetzt gerade musste sie sich auf den Auftrag konzentrieren. Menschen würden heute durch ihre Hand ums Leben kommen. Auch mit fast zwanzig Jahren Erfahrung war das alles andere als normal geworden. Auch wenn Jo Recht hatte, wenn sie sie eine Mörderin nannte, leicht machte sie sich ihren Beruf nicht, und Spaß hatte sie dabei auch nie empfunden. Es war etwas, das sie gut konnte, mehr nicht. Und dass sie nun von ihrem eigenen Körper aufgefressen wurde und in ein paar Jahren schmerzhaft zugrunde gehen würde, betrachtete sie als Tilgung einer karmischen Schuld, die sie in all den Jahren aufgebaut hatte.

Bis sie den Parkplatz erreichten, auf dem Jette auf sie warten würde, war die Sonne aufgegangen. Die Wolken über ihnen hatten Farbe und Struktur von hellem Schiefer angenommen, eine brodelnde Wetterküche, die nur darauf wartete, ihre Schleusen zu öffnen. Artyom zog die Handbremse an und fuhr Jettes Bordcomputer herunter, dann zog er aus einem der Fächer über der Tür einen Satz dänischer Nummernschilder. Da Dänemark den deutschen Poldis keinen Zugriff auf ihre Zulassungsdatenbank gewährte, und die Privatbullen in der Regel zu faul waren, die Routineüberprüfung eines potenziell illegal abgestellten Sattelzugs an die offiziellen Polizeibehörden des Kreises weiterzuleiten und den damit einhergehenden Papierkrieg zu bewältigen, erhöhte dies ihre Chancen, Jette bei ihrer Rückkehr überhaupt noch vorzufinden.

Während er sich um die Nummernschilder kümmerte, öffnete sie die Ladetür und brachte die Rampen an. Dann kletterte sie hinauf und rollte ihre Mistral ins Freie. Das Display des Bordcomputers flammte auf einen mentalen Befehl von ihr auf, und die Elektromotoren durchliefen ihre Initialisierungssequenz. Aus dem Staufach unter dem Sitz holte sie ihren Helm, setzte ihn auf und schwang sich in den Sattel. Die Mistral war warm unter ihren Schenkeln, in den Fiberglaskörper waren Heizelemente eingegossen, die ein Fahren auch bei diesem Wetter zu einem Vergnügen machten.

Auf Artyoms Höhe hielt sie an. „Ich bin dann los. Du kommst klar?“

„Ja“, antwortete er. „Ich werde den Zeitplan einhalten. Doktor Takada erwartet mich um halb neun. Deine Position erreichen wir gegen halb zehn. Bis dahin habe ich dir durchgegeben, ob wir verfolgt werden.“

„Prima. Dann kriegen wir das Kind auch geschaukelt.“ Sie lächelte. „Und Art – denk bitte an Luke.“

„Mache ich“, sagte er. „Gib bitte auf dich Acht, Scar.“

„Na logo.“ Sie klappte das Visier zu und zeigte ihm den Daumen nach oben. Dann drehte sie den Gaszug voll auf und brachte ihre Maschine auf die Landstraße.

Die Straße war schlüpfrig, weil der Asphalt noch immer feucht vom Regen war, und sie musste vor jeder Kurve hart einbremsen, damit es sie nicht aus der Ideallinie trug. Ihr Verhalten war nicht einfach selbstzerstörerisch, es hatte Methode. Es gab ihr Aufschluss darüber, wie wahrscheinlich es war, Doktor Takadas Aufpassern durch einen gezielten Schuss auf die Reifen ihres Wagens die Kontrolle über das Fahrzeug zu entziehen. Wenn es sich überschlug oder von der Straße abkam, standen die Chancen gut, dass sich die Insassen verletzten und ihr nicht mehr in die Quere kamen. Erledigte sie nur den Fahrer mit einem gezielten Schuss, bestand die Gefahr, dass seine Mitfahrer entkamen und sich ihrer annahmen.

Um diese Uhrzeit war kaum Betrieb auf der Straße, nur gelegentlich kam ihr ein einsamer Berufspendler oder der Traktor eines Landwirts entgegen. Unbeobachtet bog sie auf das Gelände der alten Ziegelei ein und stellte ihre Mistral hinter dem Gebäude mit dem Sheddach ab, das sie als Aussichtspunkt auserkoren hatte. Den Helm verstaute sie unter dem Sitz, dann kletterte sie auf das Dach und robbte über die einzelnen Reiter, bis sie das der Straße zugewandte Ende erreichte. Hier, an der tiefsten Stelle zwischen zwei Reitern, öffnete sie ihren Rucksack und holte eine dünne Tarndecke heraus, auf die sie Masamunes Einzelteile ausbreitete.

Gewissenhaft überprüfte sie jedes einzelne und rieb es trocken, ehe sie die Waffe zusammensetzte. Mit einem sauberen Tuch putzte sie die Optik des Zielfernrohrs, ehe sie es in die Montageschiene einrastete. Ließ sich Zeit mit der Kalibrierung, zu deren Hilfe sie einen Laserpointer verwendete. Zum Schluss lud sie die Waffe mit 50er Stahlmantelgeschossen, eine volle Ladung von acht Schuss im Magazin und ein weiterer in der Kammer. Dann legte sie sich auf die Lauer, gegen die neugierigen Augen vorbeifliegender Drohnen durch ihre Tarndecke unsichtbar gemacht.

„Ich bin am Resort“, meldete Artyom. „Doktor Takada wird zum Wagen gebracht. Ich muss eine Sicherheitsüberprüfung bestehen. Ich werde also nicht mehr antworten können.“

„Geht klar“, gab sie zurück. „Ich bin in Position.“

Das Warten war zermürbend, nicht nur, weil sie nicht wusste, ob bei ihrem Partner vielleicht etwas schief gelaufen war. Der Niederschlag hatte wieder eingesetzt, ein feiner Nieselregen, der in ihre Lederkombi kroch, und auf dem Dach war sie dem nasskalten Nordwind beinahe ungeschützt ausgesetzt. Sie beschloss, einen Augenblick der Unachtsamkeit zu riskieren, und holte zwei Taschenwärmer aus dem Rucksack.

Es dauert noch beinahe eine halbe Stunde, bis der Mercedes endlich in ihrem Zielfernrohr auftauchte. Sie erhöhte den Zoom und stellte sicher, dass tatsächlich Artyom am Steuer saß. Er hatte sich umgezogen und trug jetzt einen nicht allzu formalen Anzug, gerade edel genug, dass man ihm den bestellten Fahrer abkaufte, aber nicht so ausgefallen, dass es gekünstelt wirkte.

Sie verkleinerte den Ausschnitt wieder und folgte mit dem Lauf der Straße, um nach Doktor Takadas Schatten Ausschau zu halten. Sie folgten mit nicht ganz zweihundert Metern Abstand, ein schwarzer Minivan von VW mit getönten Scheiben. Sie fuhren knapp unterhalb der erlaubten Geschwindigkeit, wohl auch, um ihren Passagier nicht zu gefährden.

Scathách wartete, bis der Konvoi die Stelle erreichte, an der die Straße in einer doppelten Biegung um die alte Fabrik herum geführt wurde. Sie konnte hören, dass Artyom beschleunigte, was auch den Fahrer des Vans zwang, noch vor dem Scheitelpunkt der Kurve aufs Gaspedal zu drücken, wenn er seinen Schützling nicht verlieren wollte. Die Traktionskontrolle in dem Fahrzeug sprang an. Ihr Finger krümmte sich um den Abzug. Dann gefror die Zeit, und im gleichen Augenblick bellte Masamune.

Automatisch repetierte sie die nächste Patrone in den Lauf, aber das hätte sie sich auch sparen können. Der Schuss war ein Volltreffer, der linke Vorderreifen hatte sich in eine Explosionswolke schwarzer Gummifetzen aufgelöst. Der Fahrer reagierte, indem er voll auf die Bremse trat, als sein Van sich nach links neigte, und gegensteuerte. Das und die Linkskurve genügte, damit er die Kontrolle über den Wagen verlor. Der Van geriet ins Schleudern, brach mit einem metallischen Kreischen durch die Leitplanke, prallte gegen einen Baum und blieb wie ein verwundetes Tier liegen.

Sie sicherte Masamune und ließ sich vom Dach fallen. Im Laufen zog sie Engelsmacher aus dem Holster unter ihrer Jacke, lud die schwere Pistole fertig und entsicherte sie. Die letzten Meter ging sie in der Hocke, stets um Deckung bemüht und mit einem Auge auf den Wagen. Aber der Van bot ein erbärmliches Bild, die Windschutzscheibe war mit einem Spinnennetzmuster überzogen, und Blut klebte in den Bruchkanten der kleinen Splitter. Wasserdampf quoll unter der verbogenen Frontschürze hervor, der Motor zischte und tickte wie ein zorniger Drache, der Geruch von Benzin hing in der Luft, wohl weil die Benzinleitung oder sogar der Tank gerissen war bei dem Aufprall.

Sie waren zu dritt, und trotz Gurten und Airbags waren sie alle in bemitleidenswertem Zustand. Der Fahrer hatte sich eine Platzwunde an der Stirn zugezogen, die heftig blutete, und er war ohne Bewusstsein. Der Beifahrer hielt sich den Arm, der in einem für die menschliche Anatomie unmöglichen Winkel aus der Schulter stand, und Blut floss ihm in einem steten Rinnsal aus der Nase. Nummer Drei auf dem Rücksitz glotzte sie benommen an, schien aber ansonsten unverletzt zu sein.

Hatten sie Partner? Kinder vielleicht? Durfte sie sich als Richter über Leben und Tod aufspielen? Seit ihrer Diagnose ertappte sie sich immer öfter bei diesen Überlegungen, und dass Jo sie eine bezahlte Mörderin genannt hatte, hatte sie auch nicht kalt gelassen.

Der Typ auf dem Rücksitz nahm ihr die Entscheidung ab. Er schüttelte in diesem Augenblick die Verwirrung ab, und seine Hand wanderte unter die Jacke.

„Skita.“ Sie hob ihre Waffe und jagte ihm eine Kugel in die Schulter. „Ist nichts persönliches, Mann.“

Dann legte sie die drei um, zwei Kugeln pro Antagonist. Registrierte, was einen perversen mentalen Widerspruch mit den Einwänden ihres Gewissens auslöste, dass Engelsmacher tatsächlich hielt, was Jo versprochen hatte. Zog ein Paket mit Papiertaschentüchern aus der Tasche, tränkte diese in der Benzinlache unter dem Wagen, entzündete sie mit ihrem Zippo und warf sie in die Pfütze. Funktionierte besser als sie es sich vorgestellt hatte; der Treibstoff fing in einer blauen Flamme Feuer und schickte eine Hitzewelle unter dem Wagen hervor.

Sie drehte sich nicht mehr um, bis sie ihre Ausrüstung verstaut hatte und die Ziegelei in den Rückspiegeln der Mistral hinter einer Biegung verschwunden war. Dann gab sie Vollgas, trieb die Elektromotoren in den Naben beider Räder bis an die Belastungsgrenze. Es dauerte keine fünf Minuten, bis sie die Limousine überholte. Zu schnell, um ins Wageninnere zu spähen, aber Artyom hätte sich gemeldet, wenn er Schwierigkeiten gehabt hätte. Auch der Mercedes verschwand im nun langsam wieder an Intensität zunehmenden Nebel.

Bis der Mercedes mit Artyom und ihrer Zielperson auf dem kleinen Parkplatz angekommen war, hatte Scathách die Rampe fertig gemacht und die dänischen Nummernschilder wieder gegen deutsche ausgetauscht. Dann verlud sie ihre Mistral und setzte sich auf die Ladefläche des Aufliegers, um mit einer Zigarette die Wartezeit abzukürzen. Als sie allerdings das Feuerzeug in den Händen hielt, überkamen sie Zweifel. Selbst dieser an sich unscheinbare Gegenstand war in ihren Händen zum Beiwerk eines Mordes geworden.

„Scheiße“, fluchte sie leise und holte aus, um das Zippo in den Wald zu werfen, überlegte es sich aber dann doch anders. Wenn die Polizei sich um den zerstörten Van und die verbrannten Leichen kümmerte, bestand die Möglichkeit, dass es zu einer Spur werden konnte, die die Ermittlungsbehörden schließlich zu ihr führte. Und auch wenn sie vor dem starken Arm des Gesetzes keine Angst hatte – für die schwarzen Teams von Sakura AI, die sich um solche Sachen kümmerten, galt das nicht. Immerhin hatte sie gerade drei Mitarbeiter des japanischen Konzerns ausgeschaltet, und jetzt entführten sie eine wichtige Wissenschaftlerin.

In diesem Augenblick bog der Mercedes auf den Parkplatz und ersparte ihr das finstere Gedankenkarussell. Sie zog Engelsmacher aus dem Holster und trat zur Seite, sodass Artyom vor der Rampe anhalten und ihr Zugriff auf seinen Passagier gewähren konnte. Sobald der Wagen stand, riss sie die Tür zum Rücksitz auf und richtete die Mündung der Waffe auf den Kopf der Wissenschaftlerin.

„Lassen Sie die Hände, wo ich sie sehen kann!“, brüllte sie. „Langsam aussteigen! Ihre Fahrt endet hier, Doktor Takada!“

„Nandayo?“, entfuhr es der Japanerin, die bis eben noch in Dokumenten geblättert hatte, dann schaltete sie übergangslos auf Deutsch um. „Was fällt Ihnen ein?“

„Zwingen Sie mich nicht, von meiner Lady hier Gebrauch zu machen.“ Scathách trat einen Schritt zurück. „Los jetzt. Und deaktivieren Sie den Tracker in Ihrem UIS.“

Takada nickte. „Erledigt.“ Dann rutschte sie über den Rücksitz, bis sie vor der Tür stand.

„Zumachen, die Tür“, befahl Scar, und sobald die Japanerin ihrer Aufforderung nachgekommen war, nickte sie auf Jettes Beifahrertür. „In die Zugmaschine und dort in die Koje. Ich will Ihre Hände die ganze Zeit sehen.“

Während sie die Wissenschaftlerin vor sich her trieb, fuhr ihr Partner den Mercedes über die Rampe in den Auflieger und machte den Sattelzug abfahrbereit. Als er auf den Fahrersitz kletterte und ohne ein Wort zu sagen den Daumen auf das Zündschloss legte, hatte ihr neues Teammitglied wider Willen es sich bereits auf der Liege im hinteren Bereich der Zugmaschine bequem gemacht.

„Würden Sie mir bitte erklären, was hier vor sich geht?“, fragte sie erstaunlich ruhig.

„Sie werden abgeworben“, antwortete Scathách. „Feindlich. Wir brauchen Ihre Hilfe bei einem Lauf gegen Sakura AI. Sie werden uns mit Ihrer Expertise zur Seite stehen und beim Diebstahl eines Datenträgers aus dem Rechenzentrum in Tórshavn zur Hand gehen.“

„Sie wollen, dass ich mich gegen meinen Mutterkonzern wende? Warum sollte ich das tun?“

Scathách griff mit der freien Hand nach dem Ordner in der Ablage und warf ihn ihrer Gefangenen zu. „Da drin ist ein Polsterumschlag. Ich nehme an, der Inhalt dürfte Sie interessieren.“

Doktor Takada schlug die Mappe auf, griff nach dem Umschlag und nestelte eine Weile an dem Verschluss. Im Inneren befand sich ein Einmal-Datenträger mit einem kleinen Display, das Gehäuse aus gebürstetem Metall. Keine Markierungen, nur ein beinahe spurlos in das Aluminium eingelassener Taster. Die Ärztin berührte ihn mit dem Daumen, und japanische Schriftzeichen erschienen auf der Anzeige. Daumendruck, neue Seite.

Vielleicht fünf oder sechs Mal wiederholte sie die Geste, wobei sie zunehmend bleicher wurde, dann schließlich steckte sie den Datenspeicher in die Tasche ihres Jacketts.

„Ich bin einverstanden mit allen Konditionen unseres gemeinsamen Beschäftigungsverhältnisses“, sagte sie dazu.

„Das freut mich.“ Scathách ließ die Waffe unter ihrer Lederjacke verschwinden. „Meinen Partner Art kennen Sie schon, und mich können Sie Scar nennen. Willkommen im Team, Doktor Takada.“

 

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