Der Türsteher des Cutie-π machte Stress, was vor allem an ihren schlammigen Armeestiefeln lag und natürlich daran, dass sie sich weigerte, ihn einen Blick in ihren Rucksack werfen zu lassen. Erst als Jo endlich aus den Untiefen des Clubs auftauchte und für sie bürgte, ließ der Kerl sie passieren. Was er davon hielt, von einem VIP überstimmt zu werden, war ihm deutlich am Gesicht abzulesen. Aber Joana hatte schon immer ein Talent gehabt, ihren Kopf durchzusetzen.

Die ewig junggebliebene Frau trug schwindelerregend hohe Stripper-Schuhe mit Plateau und Absatz aus durchsichtigem Acryl und ein so kurzes und transparentes Kleid, dass sie auch genauso gut nackt hätte herumlaufen können. Erst als sie, Scathách untergehakt, in das von wummernden Bässen und zuckenden Lasern geschwängerte Halbdunkel des Clubs eintauchte, wurde der Freelancerin bewusst, wieso ihre Freundin diesen freizügigen Look gewählt hatte. Irgendwas hatte Jo mit ihrer Haut angestellt, und nun pulsierten unter dem durchsichtigen Kleid neonfarbene Tätowierungen im Rhythmus der Schwarzlicht-Stroboskope, ein hypnotisches Vexierbild tanzender geometrischer Formen in glühenden Pastelltönen, denen übereifrige Biologen im Tierreich sofort das Werben um ein Männchen während der Balz zugeschrieben hätten. Scathách wusste es besser: Jo war einfach so. Immer der Schmetterling. Immer im Zentrum. Immer das kleine Bisschen zu dicht am Licht, sodass ihre Flügel bereits zu verdampfen begannen.

Für ihre kleine Privatfeier hatte Jo eine der Sitznischen mit Beschlag belegt. Außer Luke, der Scathách zunickte, saßen noch drei junge Erwachsene am Tisch, zwei Männer und eine Frau. Jo machte sie miteinander bekannt, dann nötigte sie ihre neu hinzugestoßene Freundin, neben Luke hinter den Tisch zu rutschen. Der junge Australier musterte sie mit höflichem Lächeln, und sie spürte eine gewisse Unruhe, die aus ihrer Unsicherheit in Bezug auf ihre Narbe herrührte.

„Also“, sagte Jo an sie gewandt, sobald die Vorstellung abgeschlossen und ein atomalarmorange glühender Virgin Cocktail vor ihrer Nase stand, „dann lass mich mal einen Blick auf Masamune werfen.“

Scathách hob den Rucksack auf den Plexiglastisch und zog den Zipper auf. „Hoffentlich weißt du, was du tust.“

„Scar“, antwortete Jo mit diesem nörgeligen Unterton, der die Knie harter Kerle zu Marshmallows werden lassen konnte, „natürlich weiß ich das. Ich habe Masamune gebaut.“

„Ich meine nur, weil …“ Sie deutete mit einem Kopfnicken auf die drei jungen Erwachsenen.

„Die?“ Jo lachte glockenhell. „Die können sich morgen an nix mehr erinnern. In spätestens einer Stunde schießen die sich mit irgendeinem Upper ab, und dann ist die Nacht für die drei Hübschen vorbei.“

Das beruhigte Scathách keineswegs. Sie waren in einem öffentlichen Club, und ihre Freundin spielte öffentlich mit militärischer Hardware herum, die sie alle ohne Umweg über den Richter hinter Gitter bringen konnte. Trotzdem ließ sie Jo gewähren, beobachtete sie dabei, wie sie die Bauteile des Scharfschützengewehrs auf der Tischplatte ausbreitete, mit feingliedrigen Fingern und buntglimmenden Fingernägeln, die alle möglichen Assoziationen hervorriefen – aber sicher nicht, dass Joana die beste Waffenschmiedin auf dem ganzen gottverdammten Kontinent war. Exzentrisches Verhalten gehörte da vermutlich zum Image.

„Da ist etwas Schmutz im Verschluss der Kammer“, sagte sie und deutete mit einem Fingerschnipsen auf den jungen Burschen, der sich als Ben vorgestellt hatte. Er guckte sie aus glasigen Augen an, reichte ihr dann aber ein Stofftaschentuch, das Mutti ihm vermutlich mitgegeben hatte.

„Sie ist mir vorhin bei der Generalprobe in eine Pfütze gefallen“, antwortete sie und sah zu, wie Jos flinke Finger den Dreck aus den Lücken kratzten. „Ich dachte, ich hätte alles erwischt.“

„Halb so wild.“ Jo lächelte. Ihre Stimme war wie Samt. Kein Wunder, dass ihr Kerle und Weiber gleichermaßen zu Füßen lagen. „Ich kann dir doch ohnehin nicht böse sein. Sonst hätte ich dir sicher heute keine neuen Spielzeuge mitgebracht.“

„Ich hatte nichts bestellt und habe auch gar keine Kohle dabei.“

Jo war dazu übergegangen, Masamune zusammenzubauen, was ihr neugierige Blicke von anderen Gästen einbrachte. Sie scheuchte das unfreiwillige Publikum zurück auf die Tanzfläche und sagte: „Geht diesmal aufs Haus. Ich will, dass du sie testest. Ist eine neue Konstruktion von mir, soll Rückschlag und Schall dämpfen, ohne das Geschoss zu stark zu bremsen. Zieh sie bei deinem Job ein bisschen durch den Dreck und erzähl mir hinterher, wie es lief, dafür kannst du sie behalten.“

„Großzügig.“ Sie meinte es. Jo war in erster Linie Geschäftsfrau.

Es erstaunte sie jedes Mal aufs neue, wie konzentriert Jo aussah, sobald sie eine Waffe in den Händen hielt und daran herum bastelte. Fast wie die Gottesanbeterinnen, die man manchmal in den zwielichtigen Stadtteilen bei traditionellen chinesischen Apotheken fand. Sie hielt sich pedantisch an die Sicherheitsregeln, indem sie den Lauf konsequent auf die Wand gerichtet hatte und niemals in die Nähe des Abzugs kam, auch wenn es ihren Aktionsradius signifikant einschränkte. Schließlich lag Masamune vor ihr.

„Sieht gut aus. Alles ordentlich gepflegt und geölt. Ich begrüße deinen Respekt meiner Arbeit gegenüber, Scar.“ Sie nahm einen Schluck aus ihrem Cocktail. Fuhr dann fort: „Erzähl mir von deinem Job.“

Es wunderte Scathách nicht, dass Jo davon wusste. Die verdammte Fee hatte ihre Ohren überall. Trotzdem zuckte sie mit den Schultern. „Ich habe mich bewusst nicht mit allen Details beschäftigt. Ist aber ein zweiteiliger Job. Wir rekrutieren einen Hacker, der uns dann helfen soll, Daten bei einer Firma zu entwenden.“

„Unseren Standort in Betracht ziehend lehne ich mich mal aus dem Fenster und vermute, dass du von Sakura AI redest?“

„So wie die Sache steht, werde ich dir nicht sehr viel mehr sagen können.“ Sie legte den Kopf in den Nacken. „Jo, ich brauch ‘ne Kippe. Bist du mir böse, wenn ich Luke für ‘n paar Minuten entführe und dich hier mit Masamune und den Drillingen alleine lasse? Unser Aussie rutscht schon ‘ne ganze Weile nervös neben mir hin und her, weil er nicht zu Wort kommt.“

„Muss ich etwa eifersüchtig sein?“ Jo zeigte ihre im Schwarzlicht wechselweise rosa und himmelblau glühenden Zähne, rutschte aber aus der Sitzgruppe, sodass Scathách und Luke aufstehen konnten. Als sie sich an der Waffenschmiedin vorbeischob, drückte diese ihr ein kleines Aluminiumköfferchen in die Hand. „Hier. Die neue. Schau sie dir draußen mal an.“

Der Türsteher stempelte ihr ein π aus unsichtbarer fluoreszierender Tinte auf den Handrücken und kommentierte dazu: „Kannst froh sein, dass Joana für dich gebürgt hat. Du siehst aus als wärst du von ‘ner räudigen Katze aus einem Gulli gezogen worden.“

„Hat es eigentlich lange gedauert, bis der Boss von dem Laden dich abgerichtet hatte?“, erwiderte sie. „Oder kann man euch beim Wachhund-Züchter fertig trainiert kaufen?“ Dann zog sie ihre Hand weg und ließ ihn stehen.

Die Stille auf der Straße war niederschmetternd. Sie genoss, wie ihr kalter Regen in den Kragen ihrer Lederjacke tröpfelte. Klemmte den Alukoffer zwischen ihre Knie, zog das Päckchen mit Zigaretten aus der Tasche, schlug eine heraus und klemmte sie zwischen ihre Lippen. Bot das Päckchen Luke an, der höflich den Kopf schüttelte und die Hände in seinen Taschen vergrub. Das Zippo flackerte auf, dann blies sie Rauch in die klamm-feuchte Nachtluft.

„Ich fliege in anderthalb Wochen zurück nach Brisbane“, sagte Luke.

„Hatte mich eh schon gewundert, wie du es hier bei diesem Scheißwetter aushältst.“ Sie musterte ihn von der Seite. „Hast du es Art schon gesagt?“

„Noch nicht.“ Tropfnass sah er noch bedrückter aus als ohnehin schon. „Du weißt ja, wie er ist.“

„Schwierig?“

„Neurodivergent.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung, wie ich es anstellen soll, wenn ich ehrlich sein soll. Ich weiß nicht einmal, ob er überhaupt an mir Interesse hat.“

„Das weiß wohl nur Art.“ Sie nickte nachdenklich. „Ich mach dir einen Vorschlag. Ich sag ihm Bescheid und geb ihm deine Nummer. Und ich tret ihm auf die Füße, damit er dich auch anruft. Aber darüber hinaus?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Versprechen, Westerway.“

„Die erwarte ich nicht. Du sollst uns nicht verkuppeln. Aber er hört auf dich. Und wenn er nicht anrufen kann, dann soll er vorbeikommen. Ich bin in der Gegend.“ Er zog sein Mobiltelefon aus der Tasche und hielt es ihr hin, sodass sie seine Visitenkarte herunterladen konnte. Sie speicherte den Code in ihrem Implantat. Dann deutete er mit einem Kopfnicken auf den Aluminiumkoffer. „Willst du dir nicht ansehen, was Joana für dich gebaut hat?“

„Diese elendige Fee.“

Sie schnipste ihre Kippe in eine Pfütze, beugte sich zum Koffer hinunter und öffnete ihn vorsichtig. Auf anthrazitfarbenem Schaumstoff lag eine schlichte Faustfeuerwaffe, deren Design entfernt an eine tschechische CZ75 erinnerte. Der Lauf war länger, das Gehäuse schwerer, und die Bohrung war für Munition mit zehn Millimeter Kaliber ausgelegt. In die Seite des Laufes hatte Jo mit ihrer schnörkeligen Handschrift „Engelsmacher“ eingraviert, auf beiden Seiten eingefasst von geschwungenen Flügelchen im Comic-Stil. An der Öse am unteren Ende des Griffs baumelte ein winziger Charm in Form eines mattschwarzen Schmetterlings. Sie nahm die Waffe heraus und wog sie in der Hand. Die Pistole war perfekt auf sie ausbalanciert.

„Elegant“, kommentierte Luke.

„Ich hatte mit irgendwas in Pink gerechnet, wenn ich ehrlich bin.“

„Hängt ja immerhin ein niedlicher Charm dran.“

„Den ich entfernen werde. Das Klimperding verfängt sich bloß irgendwo, und nichts ist so gefährlich wie ‘ne Knarre, die man nicht im Griff hat.“

„Also wirst du das Ding nutzen?“

„Ich habe bisher alles benutzt, was Jo mir in die Hand gedrückt hat.“ Sie legte die Waffe zurück, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass keine Kugel in der Kammer lag und der Schlagbolzen gesichert war. „Sie ist ‘ne elende Exzentrikerin, aber sie ist die beste bei dem, was sie tut.“

„Das ist wahr.“ Er musste gähnen und verbarg den offenen Mund hinter der hohlen Hand. „Vielleicht sollte ich nach Hause gehen.“

„Ich wohl auch. Muss morgen früh raus, für den Job.“ Sie blickte zum Eingang des Clubs und seufzte. „Aber Masamune ist noch da drin, und die brauche ich morgen. Außerdem befürchte ich, dass Jo sie mit Kunstpelz in Pastellfarben bezieht, wenn ich nicht aufpasse.“

Er lachte. „Ist wahrscheinlich was dran.“ Streckte seine Faust aus, und sie stieß dagegen. „Pass auf dich auf, bei dem Job. Und sprich bitte mit Art.“

„Mach ich.“ Sie konstruierte ein Lächeln. „Du komm gut zurück nach Down Under. Vielleicht kommt Art ja sogar mit, wer weiß.“

„Ja.“ Er lächelte, und diesmal wirkte es traurig. „Wer weiß.“

Dann wandte er sich ab und stapfte davon, die Straße hinab. Scathách blickte ihm nach, bis der Regen ihn verschluckt hatte. Ihre Hand wanderte in die Tasche, zog das Zigarettenpäckchen heraus und steckte eine weitere in den Mund. Das Zippo zickte, der Feuerstein musste feucht geworden sein.

„Scheiße“, knurrte sie an der Kippe vorbei.

„Ist eh ‘ne dämliche Angewohnheit“, sagte Jo in ihrem Rücken.

„Ja, das sagt Art auch immer.“ Sie drehte sich um. Jos durchsichtiges Kleid musste aus irgendeinem Kunststoff sein, denn der Regen zog Perlspuren auf der Oberfläche, die ihre leuchtenden Tattoos noch weiter verzerrten. „Ist das nicht scheißkalt?“

„Die Tattoos halten warm, wenn sie das gespeicherte Licht wieder abgeben.“ Jo zuckte mit den Schultern. Dann stieß sie mit der Fußspitze gegen den Koffer. „Gefällt sie dir?“

„Der Name ist ein bisschen makaber“, antwortete sie. Engelmacher hatte man im letzten Jahrtausend Männer und Frauen genannt, die illegal Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt hatten.

„Du kannst deinen Lebensunterhalt in Zuckerguss verpacken so viel du willst“, sagte Jo, „aber letztendlich bist du ‘n bezahlter Mörder.“

„Stimmt“, sagte Scathách leise und schnipste den Deckel vom Zippo. Diesmal erwachte es flackernd zum Leben. Sie zündete die Zigarette an, dann starrte sie auf die Flamme. Sie konnte die plötzliche Dissonanz im Kopf spüren, ein disharmonisches Summen. Der Daumen krümmte sich, überwand den Widerstand in der Feder, die den Verschluss offen hielt. Mit einem metallischen Geräusch schnappte der Deckel zu und löschte das Feuer aus. „Irgendwo in den letzten beiden Jahrzehnten bin ich falsch abgebogen, glaub ich.“

„Du und die ganze beschissene Welt, Scar.“ Jo drehte eine Pirouette. Tropfen wurden von ihrem Kleid fortgeschleudert. „Gibt keinen Markt mehr für den Söldner, der Hilfskonvois beschützt. Und mit irgendwas musst du die Miete für deine Bude verdienen. Aber niemand sagt, dass du dabei keinen Spaß haben kannst. Und wenn dir das Töten keinen Spaß mehr macht, such was anderes.“ Sie legte den Kopf schief. „Ich glaub nur nicht, dass du dich besser fühlen würdest, wenn du jeden Tag von acht bis sechs an einem Terminal sitzt und Daten eingibst, die genauso gut ein Scanner einlesen könnte.“

„Was ist mit dir?“, fragte Scathách. „Macht es dir nichts aus, Mordwerkzeuge zu verkaufen?“

Jo hob den Zeigefinger. „Das operative Wort ist ‚Werkzeug‘. Waffen sind nicht inhärent böse. Ich betrachte sie vielmehr als notwendiges Übel, das in den richtigen Händen für eine Balance der Kräfte sorgen kann.“

„Wie viele Polizeieinheiten hast du denn so ausgestattet in den letzten Jahren?“, fragte sie, bereute es aber augenblicklich. „Entschuldige. Läuft gerade nicht so fantastisch bei mir.“

„Ist mir aufgefallen. Wie lange noch?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Sagt einem keiner so genau. Fünf Jahre, maximal?“

„Scheiße.“ Jo betrachtete sie stumm, während sie sich plötzlich total blöde vorkam, die Kippe im Mundwinkel. Schließlich fuhr die Waffenschmiedin fort: „Fünf Jahre können ‘ne lange Zeit sein. Hör einfach auf mit dem Job. Fahr ein bisschen rum und schau dir die Welt an. Diesmal nicht durch ein Zielfernrohr.“

„Danke. Das hilft gar nicht.“

„Drüber reden denn?“

„Leidlich.“ Sie zuckte die Schultern. Die Zigarette schmeckte plötzlich nicht mehr, also warf sie sie in den Regen hinaus. „Ich mein, Sterblichkeit ist so ‘ne Sache, mit der wir alle uns beschäftigen müssen. Aber das ganze Ding verliert seine abstrakte Ebene, wenn die einem verbleibende Zeit plötzlich in Monaten angegeben wird. Das läuft mental sogar auf einer anderen Ebene ab als im Krieg, wo du zumindest immer die Chance hast, gesund wieder aus einem Einsatz zurückzukommen.“

Jo nickte. „Wenn du aus diesem Einsatz zurückkommst, kommst du zu mir, und wir arbeiten einen Plan aus. Und jetzt geb ich dir erst einmal einen Drink aus.“

„Geht nicht. Ich muss noch fahren.“

Schmerzhaft bohrte die Waffenschmiedin ihr einen leuchtenden Fingernagel ins Brustbein und sagte dazu: „Du musst sterben. Alles andere ist optional.“

Scathách seufzte. Die Uhr im Sehnerv zeigte halb Acht am Abend. „Widerstand zwecklos?“

Jo grinste und hakte sich unter. „Aber mal so was von.“

 

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