Am Nachmittag schaltete Scathách die Glotze auf dem Herbergszimmer aus, auf der sie ein Rugby-Spiel angesehen hatte, und leerte den Becher mit dem widerlichen Instant-Kaffee. Dann packte sie ihre Ausrüstung für den nächsten Tag in einen Rucksack, zog ihre wetterfeste Lederkleidung an, griff nach ihrem Motorradhelm und verließ ihr Zimmer. Artyom öffnete ihr nach einem kurzen Klopfen und musterte ihren Aufzug, ohne ein Wort zu sagen.

„Bin ‘ne Weile unterwegs“, sagte sie. „Will die Locations auskundschaften und mir die Route einprägen, indem ich sie einmal abfahre.“

„Denkst du, dass es klug ist, Masamune auf dem Motorrad zu transportieren?“, fragte er. „Sie ist ziemlich sperrig.“

Als Antwort klopfte sie auf den Army-Rucksack. „Auch darum die Tour. Der Zeitplan morgen ist echt eng bemessen, da sollte ich Unwägbarkeiten jetzt schon ausschließen, indem ich mir die Gegend genauer anschaue. Sonst werde ich morgen bei der Arbeit noch von einem Landwirt überrascht oder so. Und das brauchen wir echt nicht.“

Er nickte und fügte hinzu: „Bleib nicht so lange weg. Du solltest ausgeschlafen sein.“

„Werd mir Mühe geben.“

Sie konnte hören, wie er seine Zimmertür doppelt abschloss, während sie die enge Stiege ins Erdgeschoss hinablief. Die Rezeption war nicht besetzt, weil sie die einzigen Gäste waren und bei diesem Wetter auch niemand sonst zu erwarten war. Falls sich doch noch jemand hierher verirrte, ein verlorener Fernfahrer zum Beispiel, musste er mit dem elektronischen Check-In-Automaten vorlieb nehmen.

Unter dem schmalen Vordach blieb sie eine Weile stehen und lauschte dem Trommeln der Tropfen auf das von einer dünnen Moosschicht trüb gefärbte Plastik. Sie angelte eine Zigarette und ihr Zippo aus der Jackentasche. Die Flamme flackerte auf, dann inhalierte sie den ersten Zug, die Kippe eine glühende Wärmequelle zwischen ihren Fingern.

Es gab keinen Grund sich abzuhetzen, also ließ sie sich Zeit. Sie wusste, dass ihr Partner sie von seinem Zimmerfenster aus beobachtete. Ihm ging ihr Laster gegen den Strich, aber da er den in die Gesellschaft eingebetteten sozialen Code nicht sonderlich gut verstand, ließ er sie mit seiner Kritik in Ruhe. Hätte ohnehin keinen Unterschied gemacht. Die Ärzte gaben ihr noch fünf Jahre. Ihren Vierzigsten würde sie nur mit Glück erleben.

Vielleicht war das der Grund gewesen, der hinter ihrer Zusage gesteckt hatte, als Artyom sie für diesen Gig anzuwerben versuchte, eine Art unterschwelliger Drang, das Leben noch einmal richtig auszukosten. Sich lebendig zu fühlen. Nützlich. Sie war Zeitlebens Freelancerin und Söldnerin gewesen, hatte in ihren Zwanzigern Hilfsmissionen von UNHCR, Ärzte ohne Grenzen oder Rotem Kreuz begleitet. Ihren Fünfundzwanzigsten hatte sie in Tokyo gefeiert, bei dem Versuch, die United Nations University vor den Angriffen einer fundamentalistischen Sekte zu schützen. Hatte ganz Afrika bereist und Konvois mit Lebensmitteln und Hilfsgütern vor Rebellen beschützt.

Wieso sie letztendlich die Seiten gewechselt und illegal zu arbeiten begonnen hatte, wusste sie nicht mehr. Gab aber einiges daran zu bereuen. Artyom in diese Scheiße mit rein zu ziehen, zum Beispiel, nur weil er der beste gottverdammte Fahrer unter der glühenden Sonne der Serengeti war. Oder ihre Ideale fallen zu lassen, nur weil die Privatwirtschaft deutlich mehr zahlte als die UNO, wenn sie ein paar willige Söldner brauchte, um ihren Scheiß wegzuräumen. Raubtierkapitalismus war fürn Arsch.

„Fuck“, knurrte sie und warf die Kippe auf den Boden. Die Rückblende zog sie runter, und nicht nur, weil sie in diesem Job niemandem wirklich helfen würde. In dieser Stimmung, wusste sie, bestand die Gefahr irrationaler Handlungen, wie zum Beispiel den Job hinzuwerfen und sich mit der Mistral nach Skandinavien abzusetzen. Die Arztrechnungen fraßen ihr Finanzpolster auf wie der Krebs ihre Innereien, ein unangenehmer Nebeneffekt der Tatsache, dass man als Auftragsmörder keinen Versicherungsschutz genoss und alles aus eigener Tasche zahlen musste. Ein teures Vergnügen für eine Illusion, für ein paar Tage oder Wochen mehr Zeit auf diesem verdorbenen Planeten.

Ihre Mistral stand neben der Limousine, die Artyom morgen fahren würde, wenn sie Doktor Takada zu ihrem Team hinzufügten. Sie prägte sich die Charakteristika des Wagens so gut wie möglich ein. Viel gab es da freilich nicht, der Mercedes war ein generisches schwarzes Fahrzeug mit Hybridmotor aus der Flotte eines namhaften Mietwagenverleihs. Keine Kratzer oder Beulen, keine Aufkleber, Wunschkennzeichen mit dem Namen der Firma. Sie speicherte es im Hinterkopf, auch wenn sie es vermutlich nicht einmal würde erkennen können. Dann schwang sie sich in den Sattel ihres Motorrads und rollte langsam auf die Landstraße raus.

Sie hielt sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung, um keine Aufmerksamkeit bei den Drohnen zu erwecken, die alles aus der Luft überwachten. Hier oben im Norden wurden viele Aufgaben, die den Verkehr betrafen, von den Polizeilichen Dienstleistern übernommen, einer privatwirtschaftlichen paramilitärischen Organisation, deren Mietbullen sich trotz fehlender Hoheitsrechte deutlich zu wichtig nahmen und vom Volksmund gemeinhin despektierlich „Poldis“ genannt wurden. Obwohl die Burschen ihr gegenüber im wesentlichen machtlos waren, musste sie nicht mit Gewalt auf sich aufmerksam machen, insbesondere mit Masamune im Rucksack.

Ihre erste Location war eine alte Ziegelei. Zwei Fabrikhallen begrenzten den Fabrikhof, auf dem früher einmal die Lastwagen Rohstoffe anlieferten und mit produzierten Baustoffen beladen wurden. Hinter der parallel zur Landstraße gelegenen Halle reckte sich ein schlanker Schornstein in den Himmel. Der Boden war aufgeplatzt, und in den Löchern stand ölig schillerndes Wasser, die Oberfläche unruhig vom Regen. Dichtes Buschwerk und gräuliche Ranken klammerten sich an das schimmelschwarze Mauerwerk. Sie bog langsam auf den Vorplatz ab, wobei sie sich bemühte, die schlimmsten Schlaglöcher zu vermeiden, und steuerte ihre Maschine um das Gebäude herum, sodass es von neugierigen Blicken von der Straße verborgen war.

Metallsprossen führten an der Außenwand des Schornsteins in die Höhe, eingefasst in einen Sicherheitskäfig aus Aluminium. Die Sprossen waren kalt und rutschig vom Regen, aber mit ihren Handschuhen und den schweren Stiefeln gelang es Scathách sicheren Tritt zu fassen. Ihr Rucksack behinderte sie und verfing sich ein paar Mal im Käfig, aber schließlich hatte sie den schmalen Steg erreicht, der sich um die Spitze des Schlotes spannte.

Von hier oben hatte sie einen guten Blick auf die Bundesstraße. Sie genoss für einen Augenblick das Gefühl zu fliegen, dann stellte sie ihren Rucksack auf das geriffelte Stahlblech, öffnete den Reißverschluss und zog die Einzelteile eines schweren Scharfschützengewehrs heraus. Gewissenhaft prüfte sie Magazin und Kammer, ob sich dort auch keine Patronen befanden, und ließ den Daumen über den Sicherungshebel gleiten, um seine Stellung auf „Gesichert“ zu wechseln. Erst dann setzte sie Masamune zusammen, wobei sie darauf achtete, dass kein Regen ins Innere der Waffe eindrang, ein durch ständige Übung in den motorischen Kortex eingebrannter Vorgang. Als sie fertig war, legte sie sich auf den Rundlauf und legte an, den Kolben in der Armbeuge, das starke Zielfernrohr am rechten Auge.

Die Sichtachse war gut, sie konnte dem Verlauf der Straße bis weit nach Waldpier folgen. Der begrenzte Platz hingegen war ein Problem, da er ein sicheres Aufstützen des Gewehrs auf seinem Zweibein unmöglich machte. Probeweise ging sie auf die Knie und legte Masamune auf das Geländer, aber dadurch schränkte sie nur ihren Aktionsradius ein, weil sie nun nur noch den Bereich in direkter Nähe zur Ziegelei abdecken konnte. Beides war nicht optimal.

Vielleicht ging es aber vom Dach der Fabrikhalle aus. Sie schulterte das Gewehr und machte sich wieder an den Abstieg, um sich auf halber Höhe auf das Sheddach hinüber zu schwingen. Die Trapezplatten aus Zink waren vom Regen schlüpfrig und boten kaum Halt, und beinahe wäre sie abgerutscht und über die Kante gestürzt. Mit klopfendem Herzen ging sie auf die Knie und setzte ihren Weg halb kriechend, halb robbend fort, bis sie schließlich den First des äußersten Reiter erreichte.

Diese Position lag zwar niedriger, bot aber dank der Kante Sichtschutz gegen neugierige Augen auf der Straße. Scathách baute ihr Gewehr auf und legte sich auf den Bauch, um durch das Zielfernrohr zu spähen. Nicht optimal, würde aber gehen und bot ihr weit mehr Manöverplatz als der schmale Rundlauf an der Spitze des Schornsteins.

Als nächstes galt es zu erproben, ob sie im Falle eines Problems auch schnell von hier fort kam. Also warf sie sich auf den Rücken und ließ sich, das Gewehr auf der Brust an sich gedrückt, die Schräge zur Dachkante hinunterrutschen, fing den Schwung mit der Ferse ihrer Stiefel ab und stürzte dann kontrolliert die vier Meter zum Boden. Sie musste sich abrollen und dabei Masamune fallen lassen, aber als sie schließlich schwer atmend im Sattel ihrer Maschine saß, war keine Minute vergangen. Das war gut.

Sie wischte den Schlamm vom Lauf ihrer Waffe und vergewisserte sich kurz, dass nichts in die Mechanik geraten war, dann zerlegte sie das Gewehr wieder und verstaute es in ihrem Rucksack. Dann programmierte sie das Navigationssystem auf das zweite Ziel, legte den Daumen auf den Starter ihrer Mistral und rollte vorsichtig auf die Bundesstraße zurück.

Nummer Zwei musste einmal zu einem Bauernhof gehört haben, und sie wäre beinahe daran vorbeigefahren, weil die Vegetation sich unkontrolliert ausgebreitet hatte. Auf dem verwahrlosten Gelände standen eine baufällige Scheune und ein Unterstand für Fahrzeuge. Das von ihr ursprünglich als Aussichtspunkt ausgewählte Standsilo war umgestürzt und hatte den Unterstand unter sich begraben, die dünnen Beine vom Zahn der Zeit zerfressen. Wilder Wein, Brombeeren und Efeu hatten damit begonnen, alles zurückzuerobern. Der beißende Geruch alten Diesels hing in der Luft.

Trotzdem bog sie auf den Hof ein und nahm die Überreste der Bebauung in Augenschein. Sah aus der Nähe aber auch nicht viel besser aus. Wenn überhaupt, so kam sie jetzt erst recht zu dem Schluss, dass es an Selbstmord grenzte, auf den Ruinen herumzuklettern, und dass die Büsche und Bäume in den Jahren der Vernachlässigung jegliche Sichtachse zugewuchert. Es gab einfach keinen Grund, überhaupt von der Mistral abzusteigen und ihr Gewehr noch einmal unnötig dem Wetter auszusetzen.

Sie wendete und wollte gerade auf die Bundesstraße zurückkehren, als ihr taktisches Implantat den Eingang eines Anrufs ankündige. „Joana“, sagte die Anzeige. Die ewig schöne Fee.

Sie nahm den Anruf an. „Hallo Jo.“

„Scar!“ Joana klang so jung und aufgekratzt wie vor fünfzehn Jahren, als Scathách sie kennengelernt hatte, ein Wirbelsturm guter Laune, der ungebremst alles mitriss, was sich in ihre Bahn wagte. „Ein Vöglein hat mir gezwitschert, dass du im Sektor bist. Ist da was dran oder hat Luke mich verladen?“

Ihr Magen spielte Achterbahn und ging in den freien Fall. Luke war Australier und an Artyom interessiert. Was sich ganz gut traf, weil Artyom jeglicher Schubladendenkerei gegenüber ohnehin abhold und damit nach Einschätzung aller seiner Freunde mindestens pansexuell war. Leider war ihr Partner aber auch beschissen darin, die zwischenmenschlichen Signale zu lesen, die Luke (und eigentlich jeder um ihn herum) ständig aussandte. Manchmal war es, als käme er von einem anderen Planeten.

Vage sagte sie: „Ist korrekt. Hat Art gepetzt?“

Joana prustete abschätzig. „Als ob. Dafür ist er viel zu professionell. Ist er bei dir?“

„Grad nicht. Motorrad fahre ich dann doch alleine. Du weiß ja, wie sehr es ihn nervt, wenn ich rauche.“

„Hast du Lust, mit uns auszugehen?“

„Ich muss morgen ziemlich früh raus“, hob sie zu einer Entschuldigung an, konnte aber schon nach den ersten beiden Worten spüren, dass Jo ihre Rehaugen auf Flunsch stellte. Auf „Muss“ reagierte sie allergisch. Sie seufzte und fuhr fort: „Also gut. Aber nicht so lang. Und ich hab Masamune dabei.“

„Girl“, erwiderte Jo tadelnd, „von wem hast du deine Spielzeuge? Von Jo. Und wer bringt dir garantiert wieder ein schönes neues Spielzeug mit? Die Jo. Also, haben wir ‘ne Achse stehen, Scar?“

„Haben wir, Jo. Schick mir die -“ Ihr Implantat meldete den Eingang einer Nachricht. „- Adresse.“ Sie rollte mit den Augen. „Ich brauch ‘ne knappe Stunde zu euch. Fang nicht ohne mich an zu saufen.“

„Du kriegst eh keinen Alkohol. Du musst noch fahren.“

Eine Antwort konnte sie nicht mehr loswerden. Die ewig schöne Fee hatte bereits aufgelegt.

 

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