Waldpier war ein Drecksloch. Anstelle des namensgebenden Waldes dominierte ein halbes Dutzend Hochhäuser die Kulisse, charakterlose Fassaden aus gegossenen Fertigbetonteilen, in denen die Bewohner der Siedlung hausten. Der Pier hingegen existierte zwar, befand sich aber hinter Maschendraht und einer Zufahrtsschleuse, in der Lastwagen gefangen waren und von einem Sicherheitsdienst durchleuchtet wurden, ehe sie passieren durften. Ansonsten gab es eine Arztpraxis, einen Supermarkt, eine Tankstelle und ein Sarghotel für Fernfahrer. Drohnen behielten den ganzen Ort aus der Luft im Auge und unterstrichen das dystopische Gefühl, das sich ohnehin aufdrängte, sobald man das Ortseingangsschild passierte: In Waldpier übernachtete man als Fremder nicht, wenn man nicht einen verdammt guten Grund dafür hatte.

Scathách hängte ihre Mistral an die Elektro-Ladesäule der Tankstelle und verriegelte den Bordcomputer mit einem mentalen Befehl. Dann stellte sie den Kragen ihrer Lederjacke hoch und stapfte mit langen Schritten zu dem kleinen Diner hinüber, das irgendwie windschief zwischen die Tanke und das Sarghotel geklemmt war. Regen prasselte auf das Vordach aus Wellblech, und auf den wenigen Metern bis zum Eingang waren ihre dunklen Haare klatschnass und glänzten wie das Gefieder eines Raben. Sie ließ die Glastür hinter sich ins Schloss fallen und schüttelte sich, wobei Tropfen aus ihrem Kragen und den Haaren spritzten.

Der Laden war so anonym wie die Fassaden der Hochhäuser draußen. Tische und Bänke von der Stange, ein Tresen aus gebürstetem Aluminium mit einer Ablage im Karo-Muster. Sollte wie Americana wirken, aber da dem Diner jegliches Flair fehlte, wirkte das Zeug einfach nur völlig deplatziert. Einzige Deko war der Brief vom Gesundheitsamt, der bestätigte, dass man mal eine Kontrolle gemacht hatte vor drei Jahren.

Die Mittvierzigerin hinter dem Tresen blickte von ihrem Tablet auf, als sie eintrat. „Moin. Starker Kaffee?“

Sie nickte knapp und setzte sich in eine der Nischen, aus der sie Eingang und Straße im Auge behalten konnte. Irgendwo in der Küche dudelte ein Radio, billige Popmusik quoll aus der Durchreiche, unterbrochen von Jingles, die gute Laune verbreiten sollten aber sie immer mit ungelöster Aggression zurückließen. Sie überflog die kurze Karte, die auf dem Tisch lag. Das meiste war auf amerikanisch getrimmtes Fernfahrer-Futter, das man notfalls, wenn Zeitdruck bestand, auch mit auf den Bock nehmen konnte.

Die Bedienung wischte einmal kurz über die verkratzte Plastikoberfläche des Tisches, ehe sie einen amtlichen Pott mit Kaffee vor ihr abstellte. „Wollen Sie auch was essen? Ich habe frischen Speck und kann auch schnell Rührei zusammenmischen.“

Sie schüttelte den Kopf und griff nach dem Zuckerspender. „Ich bin Vegetarierin. Aber wenn Sie Pancakes mit Ahornsirup haben, hätten Sie mich so gut wie um den Finger gewickelt.“ Unverbindliches Lächeln.

„Sollen Sie kriegen.“ Die Frau verschwand durch eine Schwingtür in der Küche. Geschirr klapperte, dann das unverwechselbare Knacken der Pilotenflamme eines Gasherdes. Durch die Durchreiche rief sie: „Kommt nicht oft vor, dass sich jemand hierher verirrt, abgesehen von den Fernfahrern, die zur Pier liefern.“

„Bei dem Wetter halten die Akkus an meiner Maschine leider längst nicht so lang wie die Werbung verspricht“, erwiderte Scathách und rührte in dem Becher. „Da ist man dann froh, wenn man ‘ne Tankstelle findet, die seltsamerweise nicht auf der Karte verzeichnet ist.“

„Da haben Sie wirklich Glück gehabt.“ Die Wirtin kam aus der Küche, in der Hand einen Teller mit einem Turm goldbraun gebackener Pancakes. Ehe sie zu Scathách an den Tisch kam, holte sie noch eine Flasche mit Sirup aus dem Tresen. „Wohin waren Sie unterwegs, wenn Sie mir meine Neugier verzeihen?“

„Ich wollte nach Dänemark, einen Freund besuchen“, sagte sie und nickte ihrer Gastgeberin dankend zu, als diese den Teller und den Ahornsirup vor ihr abstellte. „Ich bin hier in der Ecke aufgewachsen und erinnere mich, dass Waldpier nicht mehr war als eine Feriensiedlung am Meer. Was ist passiert?“

Die Frau zuckte mit den Schultern und beobachtete, wie ihr Gast fachgerecht die Pfannkuchen zerlegte und in den Mund schob. „Sakura AI ist passiert, schätze ich. Kann mich aber nicht beklagen, immerhin bin ich jetzt Angestellte bei denen, nachdem sie meinen Diner gekauft haben.“

Scathách schluckte und nickte. „Gut für Sie. Ist sicher nicht einfach, wenn außerhalb der Saison die Gäste wegfallen.“ Sie beobachtete, wie Jette an der Tankstelle vorbeirollte und auf die Zufahrt zum Hafen einbog. „Aber mit den Fernfahrern, die hier anliefern, haben Sie sicher immer viel zu tun.“ Ein Schluck aus dem Becher. „Bei Ihrem Kaffee würde ich auch herkommen.“ Sie deutete auf die Zufahrt. „Wissen Sie, was die machen?“

„Forschungsarbeit? Sakura AI ist ein japanischer Technologie-Konzern. In der Verwaltung geht alles sehr formell vonstatten, aber mit denen habe ich zum Glück nie zu tun. Wenn mal Sararimen da sind, leben sie im Bürokomplex, vielleicht einen Kilometer die Landstraße rauf.“ Die Frau zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nur, dass jeder Laster, der da rein will, durch eine Röntgenanlage muss, wie an der Grenze.“

„Na ja.“ Scathách wandte ihrer Wirtin wieder das Gesicht zu. „Hab ja jetzt erst einmal wenigstens zwei Stunden Zeit, mir das Treiben anzuschauen, bis meine Maschine geladen ist. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich bei Ihnen unterschlüpfe? Oder muss ich bei dem Schietwetter da raus?“

„Oh, nein nein, das geht schon in Ordnung.“ Ihre Gegenüber lachte. „Machen die Fernfahrer ganz genauso. Wenn man draußen ohne Firmenkarte rumläuft, kann man eh damit rechnen, dass die Sicherheit einen früher oder später einsammelt und Fragen stellt. Das meiste hier ist ja in Firmenhand.“ Sie deutete mit dem Finger auf die dünne Plastikkarte mit Portraitfoto, die sie sich an die Brusttasche ihrer Bluse geklemmt hatte. Dem maschinenlesbaren Teil zufolge hieß sie Svenja Petersen – ein guter norddeutscher Name mit uralter Tradition.

„Stimmt, die haben sicher auch längst nicht so guten Kaffee wie Sie.“ Scathách lachte neutral. „Füllen Sie meinen Becher einfach ab und an wieder auf, und ich werde ganz brav sein.“

„Wird gemacht.“

Die Bedienung ließ sie mit ihrem Frühstück allein. Während sie weiter ihre Pancakes aß, verband sie ihr Implantat mit ihrem Mobiltelefon – einen offenen Hotspot schien das Diner nicht zu haben – und baute eine verschlüsselte Verbindung ins Internet auf. Dann startete sie das Navigationsprogramm der Galileo Satnav Authority und zentrierte die Karte auf Waldpier. Sobald sie den winzigen Ort ohne Zuhilfenahme von Positionsdaten gefunden hatte, folgte sie der virtuellen Landstraße nach Westen. Und tatsächlich fand sie dort einen Gebäudekomplex, der wohl vor der Übernahme durch Sakura AI eine Art Country Club gewesen sein musste. Das weitläufige Gelände zeigte die typischen Charakteristika eines gut gepflegten Golfplatzes, und auf den Luftbildern waren die hellblauen Tupfer mehrerer Pools zu erkennen. Vor dem Haupthaus schient ein Springbrunnen zu stehen, und auf dem Parkplatz standen mehrere Fahrzeuge.

Den Namen des ehemaligen Ferienresorts in Erfahrung zu bringen war eine reine Formalität, und sobald sie diesen in die allmächtige Suchmaschine übertrug, öffnete sich ihr eine wahre Schatzkammer an Urlaubsfotos, die ehemalige Besucher der Gegend auf ihren Social Media-Kanälen gepostet hatten. So konnte sie sich bereits jetzt, in diesem heruntergekommenen Diner und direkt in ihr Gehirn eingespeist, ein gutes Bild von der Örtlichkeit machen.

Die schlechte Nachricht war, dass das Gelände nicht genug Deckung bot, um die Wachhunde ihrer Zielperson schon an Ort und Stelle auszuschalten. Es gab auch keine erhöhten Positionen, auf denen sie sich verschanzen konnte, wie es sich für einen ordentlichen Scharfschützen gehörte. Das war aber realistisch betrachtet gar nicht so schlimm, denn wenn Takadas Schatten schon auf dem Firmengelände ins Gras bissen, hatten sie den gesamten Rest der Sicherheit schneller am Arsch als sie ihre Büchse nachladen konnte.

Nein, sie brauchte eine Position, die abgeschieden genug war, dass niemand sofort aufmerksam auf sie wurde, aber über die notwendige Infrastruktur verfügte, um aus der Höhe Tod und Verderben auf die Verfolger regnen lassen zu können. Ein Wasserturm vielleicht oder ein Hochstand boten sich an, möglicherweise auch die Schornsteine einer der vielen Industrieruinen, die überall in der Landschaft verstreut vor sich hin rotteten.

Also rief sie das Dossier auf, das Big Boss ihnen gegeben hatte, und blätterte durch die in ihrem Langzeitgedächtnis abgelegten Seiten, bis sie die geplante Route und den Zielort der morgigen Fahrt gefunden hatte. Den größten Teil der Strecke bewegte sich der Konvoi über die Autobahn, und am Flughafen war es für die Aktion zu spät. Aber zwischen Waldpier und der Autobahnauffahrt gab es mehrere kleine Dörfer, die von den Sturmfluten der vergangenen Jahre geschliffen worden waren, und in diesen lagen häufiger aufgegebene Fabriken und verlassene Gehöfte, die über ausreichend Schlote und Getreidesilos verfügten, um einen ganzen Militärkonvoi auszuschalten. Und einige lagen sogar an der geplanten Route, sodass sie sich den alten „diese Straße ist wegen eines erfundenen Problems gesperrt, Sie müssen eine Umleitung fahren“-Trick sparen konnte.

Sie wählte zwei der Orte aus – es schadete nicht, einen Plan B zu haben, falls es mit ihrem Favoriten aus irgendwelchen Gründen nicht klappte – und packte alles zu einer hübschen Datei zusammen. Sobald Artyom wieder aus dem Hafen kam, konnte sie ihm die Informationen schicken. Einer Eingebung folgend buchte sie noch zwei Einzelzimmer in einer kleinen Herberge weiter im Landesinneren und fügte die Adresse der Datei hinzu. In zwei Stunden konnte sie sich dort mit ihrem Partner treffen und das weitere Vorgehen besprechen.

Es dauerte noch fast eine Stunde, in der die Besitzerin der Diners ihr zweimal Kaffee nachschenkte, bis Jette endlich das Hafengelände verließ. Sobald der Laster auf die Landstraße eingebogen war, schickte sie die geplante Nachricht an Artyom. Dann wartete sie noch zehn Minuten, ehe sie ihre Rechnung digital beglich und das Diner mit einem lauten „Ich schau mal nach meiner Maschine“ verließ.

Sie überholte Jette kurz vor dem Resort, in dem ihre Zielperson den letzten Tag ihres Firmenurlaubs genoss und sich vermutlich bereits auf die Abreise vorbereitete. Obwohl es nicht weiter von Bedeutung war, fasste sie das der Straße zugewandte Gelände mit einem knappen Blick in Augenschein. Der taktische Computer in ihrem Kopf markierte etwa ein Dutzend Überwachungsdrohnen und fast ebenso viele Menschen, die sich trotz des Sauwetters draußen aufhielten und demzufolge vermutlich zum Werksschutz gehörten. Sie legte die Information irgendwo im Hinterkopf ab, dann schaltete sie den zweiten Elektromotor ihrer Maschine ein und drehte den Gaszug voll auf, bis Jettes Scheinwerfer und die Natriumdampflampen des Resort-Parkplatzes im Regenschleier verschwunden waren.

 

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