Das beständige Trommeln des Regens auf dem schmalen Vordach des Bahnsteigs nervte. Wasser stürzte in dünnen Schleiern von der Dachkante, weil die schmale Regenrinne nicht in der Lage war, den sintflutartigen Niederschlag zu bewältigen. Irgendwo hinter den Hecken, die den Bahnsteig vom kleinen Parkplatz abtrennten, grollte der Donner in der Dunkelheit, düsterer Vorbote eines weiteren Unwetters, das sich in der Nacht über dem Dorf austoben würde. Kaltes Neonlicht brachte den dünnen Ölfilm auf den Pfützen zu schimmern, die sich überall in den Schlaglöchern des zuletzt im vergangenen Jahrtausend ausgebesserten Asphalt gebildet hatten.

Artyom blickte zu der antiken Bahnsteigsuhr, die jeglichem Versuch der Modernisierung getrotzt hatte, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den Gleisen zu. Zwei rote Augen glühten zornig in der Finsternis des Sturms, wo das Ausfahrtsignal des Nebengleises stand. Die Lautsprecher rotzten blechern eine Durchsage in die klamme Luft, die Worte von den maroden Leitungen zu einem unverständlichen Gemurmel zerhackt. Er konnte das Läutwerk des Bahnübergangs hören, die sich senkenden Schranken reflektierten das Flackern der Warnleuchten. Dann schälte sich langsam das Spitzensignal des Regionalzugs aus dem Dunkel, blassgelbe, zu einem Dreieck angeordnete Scheinwerfer. Artyom konnte hören, wie der Dieselmotor durch die Drehzahlen runter schaltete, dann rollte der Zug in den Bahnhof und kam mit kreischenden Bremsen zum Stehen.

Scáthach hatte an der ersten Tür gestanden. Mit einem Fuß in der Lichtschranke stemmte sie ihre drei riesigen Aluminium-Rollkoffer auf den Bahnsteig. Artyom beeilte sich, zu ihr zu stoßen und ihr dabei zu helfen, ihr Gepäck aus dem Zug zu hieven. Gemeinsam schafften sie die Koffer unter das Vordach, während der Zug laut dieselnd aus dem Haltepunkt zog und alles mit dem Geruch unverbrannten Treibstoffs überzog.

„Schön dass du da bist“, sagte er, sobald sie alleine waren und das einzige Geräusch vom Regen herrührte, der unverändert auf das Wellblechdach prasselte.

Scáthach hatte ein Päckchen mit Zigaretten aus der Tasche ihres roten Wollmantels gezogen und eine der Kippen in den Mundwinkel gesteckt. „Willkommen am Arsch der Welt, Ecke Niemandsland und Gottverlassen, schätze ich.“ Ihr Zippo flackerte auf, als sie die Zigarette anzündete. „Scheiße, ich freu mich auch dich zu sehen, Artjom. Frag mich bloß, wieso unsere Treffen immer unter so beschissenen Umständen stattfinden.“

Er nickte und musterte sie. Sie war gealtert seit ihrem letzten Treffen, wenn auch würdevoll. Die schwarzen Haare wie immer zu einer modernen schulterlangen Frisur geschnitten, wenn nun auch eine breite Strähne das linke Auge verdeckte, wo sie beim letzten Job eine lange Narbe quer über Auge und Wange davon getragen hatte. Ihre Kleidung elegant, der rote Mantel, schlanke Lederhandschuhe, eine gerade geschnittene Stoffhose und hochhackige Stiefel. Ihr Stilbewusstsein hatte irgendwann auf ihn abgefärbt, bis er sich schließlich für ihren letzten Deal ein teures italienisches Herrenhemd, silberne Manschettenknöpfe, Bolotie und ein mit Kevlar gepanzertes Jackett angeschafft hatte. Neuer Haarschnitt. Sauber gestutzter Vollbart. Das hatte ihnen fast zwanzig Prozent Bonus eingebracht. War wohl doch was an dem deutschen Sprichwort dran, dass Kleider Leute machten.

Artyom legte eine Hand auf den ihm am nächsten stehenden Koffer und sagte: „Wir müssen noch zwei Stunden fahren. Jette wartet auf dem Parkplatz.“

„Kann nicht glauben, dass du mich mit dem Laster abholst, Art.“ Sie blies Rauch in das kalte Neonlicht.

„Zugmaschine, technisch“, sagte er. „Von einem Sattelzug.“

Scathách zuckte mit den Achseln. „Drauf geschissen.“ Warf ihre halb heruntergebrannte Zigarette in eine Pfütze und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung des Parkplatzes. „Gehen wir, ehe ich Depressionen von diesem Kaff kriege.“

Er nickte und packte sich zwei der Koffer. Sie quittierte es mit einem Schnauben, weil er diese Ritternummer immer in ihrer Gegenwart abzog, obwohl er genau wusste, dass sie ihn jederzeit körperlich in die Tasche stecken konnte. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog sie den Griff des verbliebenen Koffers aus seiner Aussparung und beeilte sich, Artyom zu folgen. Die Rollen erzeugten ein ratschendes Geräusch auf dem dunklen Betonweg, während ihre Absätze den Weg zerhackten.

Während er ihr Gepäck in der Koje hinter den Sitzen verstaute, stellte sie den Beifahrersitz ein und inspizierte das Innere der Zugmaschine. Der in ihren Hirnstamm implantierte Biocomputer identifizierte den staubigen Geruch getrockneten Glutamats, vermutlich aus der Gewürzmischung von Instant-Ramen, und den moschusartigen Geruch getragener Kleidung.

„Schläfst du auch hier drin?“, fragte sie gerade heraus.

„Bin aus der Wohnung geflogen. Hatte ‘n bisschen Pech.“

„Spielst du wieder?“

Er kletterte an ihr vorbei über die Mittelkonsole und ließ sich in den Fahrersitz fallen. Jette reagierte, sobald er den Daumen auf den Starter legte, das digitale Armaturenbrett flammte auf und spielte eine kurze Animation ab. Er nutzte die Wartezeit um den Kopf zu schütteln. „Meine Psychopharmaka waren falsch eingestellt. Die Angelegenheit ist dann etwas eskaliert.“

„Wieso hast du dich nie gemeldet?“ War eine rhetorische Frage von ihr, die Antwort kannte sie schon. Atryom war zu stolz, sich helfen zu lassen. Er kam aus einer Familie, in der man seinen Scheiß alleine auf die Reihe bekam und daran wuchs – oder irgendwo auf dem Weg durchs Leben draufging.

Er steuerte Jette vom Parkplatz, bog nach links ab, woraus sie schloss, dass es nach Osten ging, raus aus dem winzigen Nest. Drückte ordentlich drauf, das Ortsschild flog vorbei. Die Scheibenwischer leisteten Schwerstarbeit, um den Regenfilm von der Windschutzscheibe zu vertreiben, und die Xenonscheinwerfer schälten die Landstraße aus der Finsternis, ein endloses dunkelgraues Band, links und rechts von den glitzernden Katzenaugen der Leitpfosten begrenzt. Sie beugte sich vor und fummelte an der Klimaanlage rum, weil Artyom sie irgendwo knapp oberhalb von „Der Boden ist Lava“ eingestellt hatte.

„Was ist der Gig?“, fragte sie und warf ihrem Partner einen Seitenblick zu. Seine Kiefer mahlten, was hieß, dass er eben nicht so cool mit seiner Vergangenheit klar kam. „Oder erfahren wir das wie üblich erst vom Big Boss?“

„Dokumentenablage über der Tür“, antwortete er, was ihre Augenbraue in die Höhe schnellen ließ. „Darin liegt das Dossier.“

„Fass es mir zusammen. Ich muss immer kotzen, wenn ich beim Fahren lesen soll.“

„Wäre mir neu.“ Er setzte den Blinker, und sie bogen auf die Autobahn ab. „Der Auftrag ist zweiteilig. Den zweiten Teil erledigen wir zu Dritt.“

„Zu Dritt?“, wiederholte sie, und ihre Hand griff nach dem Dossier in der Ablage. „Bin nicht sicher, ob‘s dir aufgefallen ist, aber wir sind ‘n Duo. Und zwar so ungefähr seit achtzehnhundert dreiundvierzig.“ Sie schlug die Akte auf. „Wer ist der glückliche Dritte im Bunde?“

„Jemand den wir im ersten Akt abwerben werden.“ Er warf ihr einen Seitenblick zu und lächelte zum ersten Mal. „Wenn du verstehst, was ich damit andeuten will.“

„Geil. Gefällt mir schon jetzt.“

Sie schlug die Akte auf. Zuoberst lag die Kopie einer Personalakte von Sakura AI. Eine Asiatin mittleren Alters, modischer Kurzhaarschnitt mit einer vermutlich nicht ganz vorschriftsmäßigen weißen Strähne blickte sie ernst von dem kleinen Foto an. Musste eine echte Koryphäe auf ihrem Gebiet sein, wenn der Mutterkonzern ihr das durchgehen ließ.

„Doktor Takada Minako“, sagte Artyom. Jette schaltete einen Gang rauf; das Brummen ihres Motors wurde noch sonorer, fast einschläfernd. „Japanerin, Nachname vor dem Vornamen. Spezialistin für kybernetische Netzwerke und Unabhängige Implementierte Smartsysteme. Kam als Technikerin zu Sakura AI, als der Konzern noch dabei war, seine Serverfarmen aufzubauen.“

„Was macht sie so?“ Scathách blätterte um. Eine Tabelle mit Zeiten und ein Ausdruck einer Bestätigungsmail eines unabhängigen Taxidienstes.

„Derzeit Urlaub in Deutschland.“

„Klasse. Kann sie deutsch oder muss ich die paar Worte Japanisch zusammenkratzen, die ich in den Animes in der Glotze abgeguckt habe?“

„Vêves in ihrem gesamten Hirn“, antwortete Artyom, „verbunden mit einem UIS. Proprietäres System von Sakura AI. Bei Developern gehört eine Translate-App standardmäßig zum Funktionsumfang. Steht alles in ihrem Dossier.“

Sie blätterte weiter und überflog die Seiten. Zeitpläne, ein Grundriss, ein verschlossener Polsterumschlag, dem Gefühl nach mit Metall isoliert. Ihr taktischer Computer speicherte alles in ihrem Langzeitgedächtnis ab, zwang die Neuronen, die notwendigen Verbindungen auszubilden, bis es für alle Zeiten dort abgelegt war. „Viele Hintergrundinfos, aber nichts über den Job. Wie soll das also ablaufen?“

„Sie hat über ihre Firma in zwei Tagen ein Privattaxi zum Flughafen gebucht“, sagte er. „Big Boss hat über einen Hacker die Buchung umgeleitet. Ich werde Doktor Takada mit einer Limousine abholen. Eine Eskorte der Firma wird ihre Sicherheit gewährleisten. Um diese Leute kümmerst du dich.“

„Also nicht-lethales Vorgehen?“ Scathách schloss die Akte und legte sie zurück, um sich auf das Briefing konzentrieren zu können. Nicht dass es nötig war, ihre militärischen Implantate rückten echtes Multitasking problemlos in den Bereich des Möglichen.

Artyom zuckte mit den Schultern. „Big Boss hat uns keine Einschränkungen auferlegt. Nach meinem Dafürhalten heißt das, du kannst verfahren wie du es für notwendig hältst.“

„Dann legen wir sie um.“ Scathách machte eine gleichgültige Handbewegung. „Reduziert das Risiko, dass sie dich oder unsere Zielperson ausknipsen. Ich hoffe bloß, Big Boss kümmert sich ums Aufräumen. Spuren sind immer scheiße.“

Er zuckte erneut mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht sicherheitshalber einfach so wenig Spuren wie möglich hinterlassen?“

Sie konnte nicht verhindern, dass sie aufbrauste. „Was meinst du mit: Keine Ahnung? Du hast doch mit Big Fucking Boss verhandelt!“ Sie atmete durch und machte eine Geste, die sie wohl aus einer Yoga-Infomercial abgeguckt hatte. „Kein Ding, ich kümmere mich drum. Das ist mein Teil des Jobs, dafür werde ich bezahlt. Aber vielleicht kannst du mir wenigstens sagen, wieso Doktor Takada mit uns kooperieren sollte. Sie ist doch im zweiten Teil des Auftrags Mitglied unseres Teams. Oder hab ich das falsch verstanden?“

„Hast du nicht.“ Er deutete mit einem Kopfnicken zum Dossier hinauf. „Der gepolsterte Umschlag ist für sie. Der Inhalt wird sie wohl überzeugen.“

Scathách schnaubte. „Wow. Was hat Big Boss gemacht? Ihre Familie entführt und von jedem Familienmitglied einen Finger mitgeschickt?“ Sie hob die Hand, weil sie sehen konnte, dass er antworten wollte. „Vergiss es, war ‘ne rhetorische Frage, geht mich eigentlich auch nichts an. Aber ich sollte wohl besser ‘ne Zusatzversicherung abschließen.“ Deutlich entspannter lehnte sie sich mit einem Grinsen zurück. „Wir haben ja noch zwei Tage, die Lage zu sondieren. Massig Zeit, Art, wir haben schon mit deutlich weniger arbeiten müssen.“

„Es freut mich, dass du den Auftrag langsam optimistischer siehst“, sagte ihr Partner. „Sehr viel mehr als Vorbereitung gibt es für uns ohnehin nicht zu tun. Unser Ziel ist Waldpier.“

Sie rief die Daten des Ortes über ihren implantierten Net-Uplink ab. „Knapp fünfhundert Einwohner, direkt an der Ostsee. Gegründet von Sakura AI als Versorgungsstützpunkt für ihre Forschungsplattform draußen im Meer.“ Ein Knurren. „Na fantastisch. Da fallen wir dann ja überhaupt nicht auf.“

„Sarkasmus?“, fragte er und wartete gerade lange genug, dass sie nicken konnte. Die Andeutung eines Lächelns huschte über seine Gesichtszüge. „Darum habe ich dich mit Jette abgeholt. Ich erledige einen planmäßigen Lieferauftrag für den Hafen. In der Zeit kümmerst du dich um die Aufklärung. Falls wir ihn benötigen, können wir den Auflieger ebenfalls für unseren Plan einsetzen. Außerdem hat Big Boss dir ein Motorrad zur Verfügung gestellt. Das gehört zu deiner Bezahlung.“

Sie pfiff durch die Zähne. „Je nachdem was für ein Teil Big Boss mir hinstellt, reden wir da über ‘ne stolze Summe.“

„Es ist eine durch eine professionelle Rennwerkstatt verbesserte Mistral.“

„Wie viel kriegen wir für die Show?“

„In der Summe einhunderttausend pro Person. Die Hälfte erhalten wir in Form von Waren und Dienstleistungen. Die andere Hälfte wird uns nach Abschluss des Auftrags auf ein Schweizer Kryptokonto überwiesen.“

„Scheiße.“ Sie konnte die Unruhe spüren, die sich plötzlich in ihr breitmachte. „Das ist ‘ne ganz schöne Summe. Gefällt mir ganz und gar nicht, da kommt hundertpro noch ‘n dickes Ende nach.“

„Wir können noch abbrechen“, sagte er und schenkte ihr einen kurzen Seitenblick. „Willst du abbrechen, Scathách?“

„Scheiße, nein!“ Sie schleuderte die Worte förmlich raus. „Man lebt nur einmal, Art! Zeigen wir denen, was wir drauf haben!“

Artyom lächelte. „Ich freue mich sehr.“

 

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