Gestellte Weichen

Ihr Zug ist nicht sehr voll, als sie ihn durch die samtene Schwärze der lauen Juninacht steuert. Es ist ihre letzte Tour für heute, die letzte Fahrt hinaus an den Stadtrand und in die Wendeanlage, die sich in einem kleinen Wäldchen verbirgt, abgeschirmt von neugierigen Augen. Es ist halb drei in der Früh, und die Schleife kann um diese Uhrzeit schon beängstigend sein, insbesondere wenn man ganz alleine auf dem Wagen ist.

Nur eine Handvoll Fahrgäste sitzen in den beiden Wagen, aus denen sich ihr Zug zusammensetzt, verlorene Seelen, Nachtschwärmer. Menschen, die wie sie bis in die Nacht gearbeitet haben. Menschen, die ihre Freizeit in der Innenstadt verbracht haben und sich nun nach einem Bett sehnen, ehe der Arbeitsalltag wieder von ihnen Besitz ergreift. Menschen, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen, für die ihr Zug eine warme Zwischenstation ist, in der sie einige Stunden unbehelligt und im Trockenen schlafen können, ehe sie zurück auf die Straßen und in einen Hauseingang gezwungen werden.

Die Fahrsignalanlage kommt in Sicht, halb verdeckt von den in der milden Witterung sprießenden Bäumen, ein beruhigender, orangefarben leuchtender Balken von links unten nach rechts oben, der ihr anzeigt, dass die Weichen in die Schleife hinein korrekt eingelaufen sind. Sie zieht den Sollwertgeber in den Bremsbereich und bremst ihren Zug sanft ab. Der Umformer summt, und die Dachlüfter springen an, um die durch das Bremsen entstehende Wärme abzuleiten. Es gibt einen Stoß, als das vordere Triebgestell auf die Weichenzunge trifft und ihr Zug nach rechts abgeleitet wird, in die scharfe Kurve, die den Beginn der Wendeanlage markiert. Die beiden Wagen schütteln sich, und die vierundzwanzig Radkränze kreischen ein beängstigendes Wehklagen durch den stockfinsteren Forst.

An der Haltetafel des Bahnsteigs bringt sie die siebzig Tonnen ihres Arbeitsplatzes mit ruhiger Hand zum Stehen und öffnet die Türen auf der rechten Seite. Kühle Nachtluft strömt in den Fahrgastraum. Es ist stockfinster, nur die Hydrogeräte ihrer Federspeicherbremsen surren. Sie drückt den Taster für die Innenlautsprecher und macht ihre Durchsage: “Verehrte Fahrgäste, wir haben die Endstelle erreicht. Bitte steigen Sie aus. Ich wünsche Ihnen eine schöne Nacht.”

Im Spiegel beobachtet sie den Bahnsteig, der nur spärlich von sechs Natriumdampflampen beleuchtet wird, die ein fade-terrakottafarbenes Licht abgeben. Ein Pärchen steigt aus dem ersten Waggon aus, die beiden haben die ganze Zeit seit der Innenstadt hinter ihr gesessen und miteinander gekuschelt. Auch aus dem hinteren Wagen kommt eine Gestalt, in weite, dunkle Kleidung gehüllt. Sie geht vornüber gebeugt, die Hände tief in den Taschen ihrer Jacke vergraben, und ihre Schritte scheinen unsicher und wankend zu sein. Zu viel über den Durst getrunken, denkt sie, während sie die Beleuchtung ihres Fahrstandes einschaltet und nach ihrem Fahrtennachweis greift, nichts ungewöhnliches an einem Samstagabend und in dieser lauen Sommerluft.

Mit dem Ausfüllen der Formulare lässt sie sich Zeit, ihr IBIS zeigt für die Abfahrt beruhigende 28 Minuten Pause an. Fast eine halbe Stunde, in der sie in Ruhe die Wagendurchsicht machen und sich einen heißen Tee und einen Keks genehmigen kann. Sie schätzt die meditative Ruhe der letzten Fahrt des Tages, der nur noch das Einrücken in den Betriebshof folgt. Sie kommt nicht gut mit Menschen zurecht. Mehr beiläufig geht ihr Blick noch einmal zum Außenspiegel, doch der Betrunkene aus dem hinteren Wagen ist in der Dunkelheit des Waldweges verschwunden. Er wird ihre Hilfe heute nicht benötigen.

Der Tee aus ihrer Thermoskanne ist noch heiß und duftet lieblich nach Früchten und Savanne im Abendrot. Sie legt den Fahrtennachweis und ihren Kuli fort und nippt an dem Edelstahlbecher. Die rechte Hand schaltet die Monitoranlage ein, vier Kameras in jedem der beiden Fahrzeuge. Eine gute Methode, sich einen schnellen Überblick zu verschaffen, ehe man selber durch die Wagen geht und möglicherweise in unliebsamer Gesellschaft landet. Sie hat schon einiges erlebt in der Hinsicht, auch wenn sie nicht unbedingt unter Angstzuständen leidet.

Der Wagen in ihrem Rücken ist leer, verwaiste Sitzbänke aus blauem Hartplastik leuchten ihr aus den statischen Störungen der Kameraanlage entgegen. Sie drückt den Taster für die Wagenfortschaltung und ruft so das Übersichtsbild des Beiwagens auf, das alle vier Kameras gleichzeitig zeigt. Und stutzt. Beugt sich vor, während ihr Finger mit einem hektischen Stakkato die vier Kameras durchschaltet, bis sie sieht, was sie irritiert hat. Was sie gehofft hatte, niemals sehen zu müssen. Blut im Beiwagen.

Sie schließt die Augen, atmet tief durch. Hunderttausend Szenarien huschen vor ihrem inneren Auge vorbei. Ihre Hand tastet nach dem Stelleisen in ihrem Rücken, einem Meter beruhigend schwerem Stahl, mit dem sie Weichen von Hand stellt. Oder aufsässige Kunden abschreckt, als allerletzte Möglichkeit. Sie zieht den Schlüssel aus dem Wagenschloss, verlässt den Fahrstand und geht langsam nach hinten, in den Beiwagen.

Es ist so ruhig im Fahrzeug, dass sich ihre Nackenhaare aufrichten. Sie kann ihr Herz schlagen hören, und als das Hydrogerät auf dem Dach anspringt, macht sie einen kleinen Satz. Das Blut ist deutlich zu sehen, ganz am Ende des Wagens, eine dünne Spur, die im kalten Neonlicht tiefrot glitzert. Langsam tastet sie sich heran und ist beruhigt, als sie auf den Bänken keinen Körper erkennen kann, keine verräterischen Schatten eines Angreifers, der nur auf sie wartet. Aber irgendetwas ist da.

Unwillkürlich packt sie das Stelleisen fester und wagt einen Blick über die millimeterdünne Kunststofflehne des Sitzes. Nichts. Nichts außer dieses Gefühls. Sie beugt sich weiter vor. Erblickt, was auf dem Sitz liegt. Ihre Augen weiten sich, und das Stelleisen poltert zu Boden.

“Oh mein Gott.”

Sie hat vieles gesehen in den letzten fünf Jahren auf dem Bock. Messerstechereien, Prügeleien, Junkies, die sich in der scheinbaren Ruhe einer abgelegenen U-Bahn-Station einen Druck in den Arm setzen. Säufer, die ihr in das Fahrzeug pinkelten. Schüler, die die Noteinrichtungen missbrauchen und die Türschließsensoren beschädigen. Fußballfans, die in wenigen Minuten einen ganzen Zug auseinandernehmen im Siegestaumel. Sie hat mehrfach erfolgreich Selbsttötungen verhindert und war einmal zu spät und hat einen jungen Mann überfahren. Aber niemals hätte sie damit gerechnet, einen Neugeborenen zu finden. Ein winziges Mädchen. Blutverschmiert. Die Nabelschnur mit einem schartigen Taschenmesser durchtrennt, das neben dem Baby in einer blutigen Pfütze liegt.

Erst jetzt dringen die Informationen, die in dem sich ihr bietenden Anblick eingebettet sind, in ihren für die Ratio zuständigen Teil des Hirnes vor. Für einen endlos erscheinenden Augenblick setzt ihr Denken komplett aus. Dann hat sie auch schon ihre Dienstjacke ausgezogen und das mit Blut und klebriger Nachgeburt verschmierte Bündel Mensch darin eingewickelt. Sie weiß nicht viel über Babys, aber dieses scheint immerhin wohlauf zu sein, die Umstände in Betracht ziehend.

Wie sie auf ihren Fahrstand gekommen ist, weiß sie nicht genau. Jetzt sitzt sie auf ihrem Fahrerplatz, das Baby, das leise gluckst, in ihrer Jacke eingewickelt auf dem Schoß, und drückt mit zitternden Fingern auf den roten Unfallruf an ihrem IBIS. Den Knopf, den niemand jemals drücken will. Bange Sekunden vergehen, bis der diensthabende Verkehrsmeister sich endlich meldet.

“Leitstelle für Neun Fünfzehn, Sie haben den Unfallruf ausgelöst?”

Sie schluckt. Nicht mehr allein. Alles wird gut werden. “Leitstelle, ich muss eine Fundsache melden”, sagt sie, atmet dann noch einmal durch und beendet ihren Satz: “Ich habe im Fahrzeug ein Neugeborenes gefunden.”

Stille im Funk. Fast will sie erneut auf den Unfallruf drücken, da meldet sich der Verkehrsmeister. “Neun Fünfzehn, bitte wiederholen Sie das.”

“Ich habe bei der Wagendurchsicht ein Neugeborenes im Fahrzeug gefunden”, wiederholt sie und wundert sich darüber, wie ruhig sie jetzt ist. “Die Mutter scheint es auf dem Weg zur Endstelle in meinem Zug entbunden und dann im Stich gelassen zu haben.”

Sie kann hören, wie ihr Kollege schluckt, während die Zahnräder in seinem Kopf versuchen, irgendein Protokoll, eine Dienstanweisung zu finden, was in so einem Fall zu tun ist. Sein Professionalismus und seine Erfahrung übernehmen. “Leitstelle hat verstanden. Ich alarmiere die Polizei und einen RTW, der das Kind übernehmen wird. Sind Sie noch fahrtauglich?”

Sie will erst nicken und sagen, dass es nicht so schlimm ist, dass sie ja ohnehin nur noch die Einfahrt in den Betriebshof hat, aber die Tränen quellen ihr aus den Augen. “Ich fürchte nicht”, sagt sie.

“Ich schicke einen Verkehrsmeister und die Bereitschaft. Bleiben Sie auf jeden Fall vor Ort stehen und beim Kind. Wenn was ist, rufen Sie mich unverzüglich wieder an. Insbesondere wenn die Mutter wieder auftauchen sollte, halten Sie sie dann unbedingt fest. Leitstelle Ende.”

Das IBIS verstummt. Sie lehnt sich zurück, das Kind fest an sich gedrückt. Alles wird gut. Man wird sich um sie kümmern.


Sechs Jahre waren vergangen. Sie hat sich einschränken müssen, hat viele Abstriche machen müssen, als Celeste in ihr Leben trat. Es war ein lauer Juniabend, so wie heute, und tausende Sterne haben über dem Forst gefunkelt, in den die Wendeanlage eingebettet ist. Den Zug zu fahren, Menschen sicher an ihr Ziel zu bringen, das war ihr Leben. Niemals hätte sie sich vorstellen können, das irgendetwas denselben hohen Stellenwert würde einnehmen können wie dieser Beruf. Nein, es war kein Beruf, für sie war es Berufung. Sie war die Züge-Flüstererin.

Die Prioritäten haben sich in jener Nacht verschoben, vor sechs Jahren. Plötzlich war eine andere Sache in den Vordergrund gerückt. Nein, keine Sache, ein Menschenleben, ein junges Mädchen. Das Ereignis hatte sie mehr beeinflusst als jeder Suizidversuch. Mehr als der junge Mann, dem es gelungen war, sich vor ihren Zug zu werfen und sich so das Leben zu nehmen. Als Celeste, die damals noch nicht Celeste hieß, ihren Finger umklammerte und leise wimmerte.

Celestes Mutter war nicht aufzufinden gewesen, und das Mädchen kam zunächst in ein Heim. Ihre Adoption gestaltete sich als schwierig, war ein harter Kampf gegen Behörden und Regeln und Vorschriften. Ihr Lebenswandel, ihr Beruf mit Schichtdienst ließen eine problemlose Adoption nicht zu. Sie stellte ihren Dienstplan auf Mitteldienste und Tagdienste um. Trotzdem vergingen lange Jahre, ehe sie das Mädchen wiedersah. Ehe sie das Mädchen zum ersten Mal aus dem Hort abholen und in ihre neue Wohnung, ihr neues Leben bringen durfte. Einfach waren die zurückliegenden Jahre nicht gewesen. Aber wenn sich das Schicksal mit so großer Macht in das eigene Leben drängt, dann muss man überlegen, ob der eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist oder ob es nicht an der Zeit ist, die Weichen neu zu stellen und die Prioritäten neu zu sortieren.

Sie liegen auf dem Rücken im warmen Gras. Celeste ist eingeschlafen und hat sich in der Kuhle ihrer Armbeuge zusammengerollt. Das Mädchen wimmert leise im Schlaf; das hat sie seit ihrer Geburt nicht abgelegt. Sie streicht diesem schönsten aller Wesen durch die dunklen Haare und wirft einen Blick zum Himmel hinauf, wo die Sterne funkeln. Der Himmel. Vom Himmel kommend. Celestrisch. Daher der Name für das Kind.

Die Kleine ist aufgewacht und blickt nun auch hinauf in das funkelnde Schauspiel, die Endlosigkeit der Schöpfung. Deutlich hebt sich das Band der Milchstraße aus dem Sternenmeer ab.

“Die anderen Kinder ärgern mich. Sie sagen, du bist nicht meine richtige Mama.”

“Ich habe dich nicht auf die Welt gebracht. Aber ich liebe dich trotzdem genauso sehr, als hätte ich dich geboren.”

“Hast du meine richtige Mama gekannt?”

“Nein.” Sie schüttelt den Kopf, streichelt das Mädchen weiter. “Man hat sie nicht gefunden, in der Juninacht damals.”

Celeste überlegt. Dann sagt sie leise: “Wenn meine richtige Mama mich weggeworfen hat wie ein kaputtes Spielzeug, dann war sie vielleicht nicht meine richtige Mama. Und wenn du mich aufgenommen hast, dann bist du vielleicht meine richtige Mama.”

Sie stutzt und stellt das Streicheln ein. Dann lacht sie leise, aber das Lachen schlägt in ein Schlicksen um, und ehe sie sich versieht, rinnen ihr die Tränen über die Wangen und zu den Ohren hinab und fallen ins Gras unter ihr.

“Weinst du, Mama? Habe ich etwas schlimmes gesagt?”, fragt das Kind erschreckt.

“Nein”, erwidert sie und zieht Celeste an sich. “Du hast etwas wunderschönes gesagt. Etwas so schönes werde ich nie wieder in meinem Leben hören.” Eine Liebe gegen eine andere. Eine Berufung gegen eine andere. Eine Verantwortung gegen eine andere. Sie küsst das Mädchen auf den Schopf. “Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Augenstern.”

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