Wenn Wörter zu Worten werden

Terence Blacker: »boy2girl«

“Alles, was du tun musst, ist fünf Tage als Mädchen in die Schule gehen. Wenn du das machst, bist du dabei. Dann bist du einer von uns.”

Das Leben der britischen Familie Burton wird ziemlich durcheinander gewirbelt, als sie Cousin Sam aus den USA bei sich aufnehmen müssen, weil dessen Vater im Knast sitzt und seine Mutter bei einem Unfall ums Leben kam. Sam ist so alt wie Sohn Matthew, aber mit seinen 13 Jahren viel rotziger und darüber hinaus ungepflegt und voller schlechter Manieren. Trotzdem stellt Matt ihn seinen Freunden Jake und Tyrone von der Bunkerbande vor. Gemeinsam versuchen sie, Sam die Eingewöhnung möglichst leicht zu machen, doch als dieser einen Streit in ihrem Lieblings-Imbiss provoziert, schließen sie ihn aus ihrer Bande aus. Als Sam den Vorschlag macht, seine Treue zur Bande durch eine Mutprobe zu beweisen, sind die Jungen zunächst nicht begeistert, doch dann haben sie eine Idee: Aus Sam soll Samantha werden, und er soll die gesamte erste Woche des neuen Schuljahres als Mädchen zur Schule gehen. Die drei Jungen sind überzeugt, dass der raue und ungehobelte Sam diese Prüfung nie bestehen wird, doch zu ihrer Überraschung verwandelt er sich in ein perfektes Mädchen und freundet sich in kürzester Zeit mit ihren Erzfeinden an, den Zicken Elena, Zia und Charley. Dann jedoch stellt sich heraus, dass Sams Mutter ihrem Sohn ein Vermögen hinterlassen hat, und als sein Vater aus dem Knast entlassen wird und sich auf die Reise nach England macht, um seinen Sohn und die Kohle zu retten, hat Matthew darauf nur eine Antwort: Sam muss von der Bühne verschwinden und durch Samantha ersetzt werden – rund um die Uhr! Aber wie bringt man das den Erwachsenen bei, die von der Aktion “boy2girl” bisher nichts wussten?

Es ist mal wieder so weit: Alice zerreißt ein Buch. Ich wusste, dass boy2girl mich enttäuschen und wütend machen würde, kaum dass ich Cover und Klappentext gesehen hatte, und ich wurde leider bestätigt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – habe ich dieses Jugendbuch beim letzten Besuch in der Buchhandlung gekauft. Kinder- und Jugendbücher, die sich der Geschlechterthematik gleich welcher Couleur annehmen, sind immer noch rar gesät, und gute Vertreter ihrer Gattung sind seltener als schwarze Perlen. Vielleicht wollte ich deshalb bei der Lektüre von boy2girl unbedingt positiv überrascht werden, wollte sehen, dass das Buch es besser macht, nicht zuletzt, weil Terence Blacker für den Roman den Angus Book Award bekam und der Verlag (Gulliver / Beltz) es in der Rubrik Schullektüre unter dem Stichpunkt “Geschlechtertausch” führt. Zumindest unter anderem, aber dazu später mehr. Leider kommt das Buch dann aber letztendlich über eine Mischung aus “Charlys Tante” und “Die Lümmel aus der letzten Bank” nicht wirklich hinaus. Und das ist wirklich schade, denn wie bereits eingangs erwähnt, sind gute Bücher zu der Thematik nicht gerade einfach zu finden. Der Fairness halber ist das Thema “Geschlechtertausch” aber auch nicht wirklich leicht umzusetzen – gerade Männer, die zu Frauen werden müssen, haben in unserer Gesellschaft immer noch eher Comedy-Potenzial, während man das Wachsen am Geschlechtertausch lieber Frauen wie Mulan überlässt, die sich als Männer ausgeben. Diesen irgendwie unauslöschlich in den genetischen Code der Dramaturgie gegossenen Naturgesetzen folgt leider auch boy2girl.

Nun taugt eine Geschichte recht wenig ohne ihre Charaktere, und auch hier muss man leider sagen, dass diese flachen Abziehbilder von Figuren einfach zu schwach sind, um den ohnehin extrem dürftigen Plot zu tragen, und sich im Laufe der Handlung auch kaum wirklich verändern. Was an Veränderung stattfindet, wird mal eben überhastet in Nebensätzen rausgehauen und damit scheinbar zur absoluten Bedeutungslosigkeit degradiert. Lernen Sam und Matt etwas aus der Geschichte? Verändert sich Matts Beziehung zu Sam, zu seinen Eltern, zu den Zicken? Kommen Tyrone und Jake mit ihren Eltern, mit Sam, mit Matt, mit den Zicken besser klar? Ja, das berühmte Verwechselungsspielchen um Sam und Samantha, der zwischendurch auch mal zu Simon und Simone wird, ganz wie es die Handlung braucht, sorgt in der typischen Manier solcher Komödien für einiges an Verwirrungen und Chaos. Dass Matts Eltern nichts merken, gut, das kauf ich noch, Eltern sind häufig ein bisschen realitätsfremd und betriebsblind ihren Teenager-Kindern gegenüber. Dass aber die Rektorin, die dem Buch zufolge klar einen Jungen namens Sam erwartete, beim Auftauchen eines Mädchens namens Sam nicht mal ganz flott bei Familie Burton anruft und um Klärung des Sachverhaltes bittet – was die ganze Show schon auf Seite 60 gekillt hätte -, macht diese Figur absolut unglaubwürdig. Dass die Eltern, als sie endlich eingeweiht werden, nicht in der Schule anrufen und dort für Klärung sorgen (oder generell mal erzieherisch tätig werden), demontiert auch sie als Autoritätsperson. Überhaupt kommen die Erwachsenen in diesem Buch ziemlich schlecht weg und werden durchweg als klischeehaft unsympathisch und ätzend dargestellt. Aber das war irgendwie zu erwarten in dieser Schublade voller Abziehbilder, in denen der einzig interessante Charakter – Sams Mutter – in einem Nebensatz und einem Autounfall getötet wird.

Reden wir noch kurz über den Stil, in dem das Buch geschrieben ist. Terence Blacker präsentiert boy2girl als eine Art Bericht, in dem jeder Protagonist abwechselnd zu Wort kommt. Manche erzählen die Handlung über mehrere Seiten, manche tragen immer nur wenige Sätze oder sogar nur ein Wort bei, und der Löwenanteil des Erzählens kommt Matt zu. Überhaupt nicht zu Wort kommt hingegen Sam, all seine Betrachtungen, seine Gefühle, seine Motivation bleiben im Dunkeln und werden höchstens von außen beleuchtet, von Menschen, die sich in seine Krise, die Mutter verloren zu haben, nicht einfühlen können. Dadurch bleibt Sam als Figur so undefiniert wie seine Geschlechterrolle in diesem Buch. Wieso er die Mutprobe auf sich nimmt und es scheinbar sogar regelrecht genießt, als Mädchen aufzutreten, wird nie wirklich geklärt. Erst im Finale wird der Vorhang ein winziges bisschen gelüftet, als Sam gesteht, dass er nicht mehr vor seinem Vater davonlaufen will. Denn durch diesen ist er ziemlich früh an Verbrechen und Gewalt und das Recht des Stärkeren gewöhnt worden – und so hat Beltz die Themen Gewalt, Aggressionen, Erwachsenenwerden, Freundschaft und Familie auch direkt mal auf die Liste der pädagogischen Themen geschrieben, obwohl man die Themen – oder ihre Lösung – schon mit der Lupe suchen muss. Überhaupt geht das Buch mit einem guten, plausiblen Schluss sehr spärlich um. Sams Vater zieht mit seiner schwangeren Freundin in die Staaten zurück, Sam bleibt bei den Burtons und macht weiter Musik mit Zia, und die einzige Erkenntnis, die Matt aus der Geschichte zieht, ist, dass der Unterschied zwischen Mann und Frau dem Leben erst die Würze gibt – und diese Erkenntnis wird in einem einzigen Satz so sehr mit dem Holzhammer vermittelt, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, der Autor habe drei Sätze vor Finale festgestellt: “Ach ja, da war ja noch was, was kann man noch kluges zum Geschlechtertausch sagen?”

Ich kann euch leider nicht sagen, welcher Song von den Doors dieses Buch wäre, dafür kenne ich zu wenig von den Doors. Das von Matt vorgeschlagene “Break through to the other side” ist es jedenfalls nicht, dazu fehlt es der Geschichte zu sehr am Durchbruch. Insgesamt bin ich enttäuscht, dass das Buch mich wie vorhergesehen enttäuscht hat, und zornig, dass das Buch mich wie vorhergesehen zornig gemacht hat. Zu gerne wüsste ich, was die begleitenden Unterrichtsmaterialien von Beltz zu dem Schmöker sagen, aber der Download ist nur für registrierte Lehrer erhältlich, und das Buch mit den Unterrichtsmaterialien zu kaufen, das ist es mir dann doch nicht wert. boy2girl kriegt keinen Ehrenplatz neben Luna, nicht einmal neben Finding Alex. Es kriegt einfach einen Platz auf einem der Bretter – und ich werde weiter auf das Jugendbuch hoffen, das sich endlich vernünftig mit dem Thema Geschlechterrollen auseinandersetzt. Auch wenn ich fürchte, dass das niemals geschehen wird.

Terence Blacker: »boy2girl« | ISBN 978-3-407-78973-0 | 283 Seiten | 8,95€ (D)

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  1. Mia

    Sei ma nich so asozial zum Buch

    • Alice

      Hallo Mia,
      das hier ist eine Buchkritik. Kritiken sind nicht immer positiv, und ich glaube, ich habe ganz gut dargestellt, was mich an dem Buch stört. Mit „asozial“ hat das allerdings weniger zu tun.

  2. hugo

    war sehr scheiße

    • Alice

      Hallo hugo,
      das interessiert mich jetzt. Musstest du das Buch für die Schule lesen oder so?

  3. Ulrike Beetmann

    Ich musste das Buch für die Schule lesen und war positiv überrascht.

    • Alice

      Hallo Ulrike,
      finde ich gut, dass du zu deiner Meinung stehst. Magst du vielleicht erzählen, was du an dem Buch gut fandst oder wo du nicht meiner Meinung bist?

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