Aber da sind die Dinge. Gerüchte von Gerüchten. Wunder. Unbeschreibliches, nie Geahntes. Nichts Genaues natürlich. Eigentlich gar nichts. Geh nur selbst. Du wirst schon sehen. Nun gut. Sehen wir also…

Der Flohzirkusdompteur und Goldschmied Julius Birdwell fällt an einem kalten Winterabend nach dem Verlust seiner Artistenflöhe in die Themse und überlebt diesen Sturz nur, weil er von einer geheimnisvollen Meerjungfrau errettet wird. Für die Rettung seines Lebens verlangt sie von ihm, dass er ihre Schwester aus den Fängen des geheimnisvollen Professor Fawkes befreit, und damit der arme Bursche sich nicht alleine mit einem wortwörtlich steinalten Magier herumschlagen muss, der es offenbar zu seinem erklärten Hobby gemacht hat, übernatürliche Wesenheiten gefangen zu nehmen und in seinem Varieté zur Schau zu stellen, verweist sie Julius an den Privatdetektiv Frank Green. Der scheint seine ganz eigenen Probleme mit einer undurchsichtigen Vergangenheit zu haben, derer er mithilfe eines Vergessenstherapeuten zu Leibe zu rücken versucht, und schnell fragt sich Julius, ob Green überhaupt fähig ist, ihm bei der Suche nach Professor Fawkes zu helfen. Als dann noch die geheimnisvolle Goth Elisabeth in sein Leben tritt und seine totgeglaubten Flöhe plötzlich wieder zum Leben erwachen und eine sehr eigenwillige Form von Intelligenz entwickeln, finden er und Green sich schnell in einer verwirrenden Geschichte voller mystischer Wesen wieder, deren Motive rundheraus undurchsichtig sind. Was ist das Legulas, das Green bei seinen Nachforschungen bei einer alten Dame findet, und wieso ist Fawkes so scharf auf das Schuppenviech? Sind Elisabeth’ Ziele wirklich so lauter wie sie vorgibt? Und sind es am Ende vielleicht die ganz normalen, mundanen Gefahren, die Schatten ihrer Vergangenheit, die Birdwell und Green das Genick brechen, und gar nicht die fantastischen Wesen aus der Anderswelt? Nur Geduld – wir werden alles zu seiner Zeit erfahren.

„Kann man auch mit Hufen und Hörnern Porsche fahren?“ Dieser Satz aus dem Klappentext war es, wegen dem ich Dunkelsprung gekauft hatte, ohne auch nur irgendwas über Inhalt oder Autorin zu wissen, und ganz ehrlich? Ich hatte das Buch aus dem einzigen Grund gekauft, dass ich es hassen wollte. Spoiler: Ging dann aber nicht, das mit dem Hass. Dabei war ich mir echt sicher: Eine Urban Fantasy Story im modernen London, in der potenziell ein Dämon vorkommt, der dann sicher wieder so überhaupt nicht meinem Bild von Dämonen entspricht, das konnte nur in die Hose gehen, das hatte doch schon Lila Black bewiesen, mit ihren knallroten Zitronendämonen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es schwierig ist, Wesen aus der existierenden Mythologie zu nehmen und „neu“ zu erfinden oder zu interpretieren. Gerade bei bekannten Wesen hat ein Leser oder Zuschauer immer schon ein gewisses Bild im Kopf, eine Erwartungshaltung, wie ein solches Wesen zu sein hat. Hinzu kommt, dass gerade die Fantasy sehr stark von einem gewissen Dualismus aus Gut und Böse lebt, aus der klaren Definition von Held und Antagonist. Mich störte daran immer schon, auch in den alten Heldensagen, dass dem „Monster” unterstellt wurde, keine Motivation für sein Handeln zu haben. Viele Fantasy-Rollenspiele treiben dieses Prinzip auf die Spitze, mit einem straff definierten moralischen Kompass, in dem manche Rassen (Orks oder Dämonen) immer böse sind, mit den Menschen spielen und bekämpft werden müssen, während andere (Elfen oder Engel) immer gut sind und den Helden helfen oder diese sogar stellen. Entfernt man sich zu stark von diesem Bild, läuft man Gefahr, dass der Leser sich von der Figur, die er unter demselben Namen aber mit anderen Merkmalen kennt, entfremdet – wie zum Beispiel bei den funkelnden Vegetarier-Vampiren aus Twilight geschehen, die mit Bram Stokers Dracula streng genommen nur noch das Typenschild teilen. Eigentlich ist das aber ziemlich traurig, weil es sehr spannende Völker zu schmückendem Beiwerk in der Szenerie degradiert.

Nicht so Dunkelsprung, in dem die phantastischen Wesen irgendwo alle ihre Motivation haben oder – wenn sie ein bisschen animalischer sind – ihren nachvollziehbaren Trieben und Lebenszyklen folgen. Wer zum großen Kreis der Hauptfiguren gehört, scheut sich dabei auch nie, seine Kräfte einzusetzen, um sein Ziel zu erreichen, und die Menschen, die in dieser Geschichte mitspielen, stehen gleichermaßen hilf- wie wehrlos vor der großen geheimnisvollen Magie des Anderen Volkes. Diejenigen von ihnen, die sich nicht „normal” verhalten, haben dafür innerhalb der Welt einen durchaus nachvollziehbaren Grund. Aber für keinen von ihnen ist das Ziel so platt und schnell definiert wie „böse sein um des Böse sein Willens”, und das macht die Figuren alle einfach interessant und hebt sie über die Masse eintöniger Abziehbilder ab, die ansonsten Fantasy und Science Fiction (und zunehmend auch ganz normale Belletristik) bevölkern. Das ist aber nicht alles, denn auch die menschlichen Figuren werden nicht zu schmückendem Beiwerk degradiert. Wer in diesem Buch auftaucht, der spielt auch irgendwann eine Rolle – das gilt sogar für die Schnecke, die Frank Green in Rose Dawns Wohnung findet, Julius Birdwells Kundin Odette Rothfield, die einen Ring mit dem Antlitz der Meerjungfrau von ihm kauft oder Mary, eine Patientin aus Franks Therapierunde, die ihm ein Paar Luftsocken schenkt. Es lohnt sich also, aufmerksam zu lesen, weil sich so vieles schon vorab abzeichnet, ohne wirklich vorhersehbar zu sein. Ach was, es lohnt sich generell, Dunkelsprung aufmerksam zu lesen, denn die Sprache und der Stil sind wirklich solide und machen Spaß, ohne unnötige Längen oder Durststrecken zu produzieren. Das ist dann glaube ich auch der richtige Augenblick, um zu gestehen, dass mir Leonie Swann vorher kein Begriff war und dass ich positiv überrascht war, in ihrer Vita zu lesen, dass sie eine Münchnerin ist, die Teilzeit in London lebt – denn das ließ Rückschlüsse darauf zu, dass sowohl die verwendete Sprache als auch das von London gezeichnete Bild so authentisch wie möglich sind.

Am Ende ist Dunkelsprung also zu einem Buch geworden, das ich nicht hassen konnte, obwohl ich es mir wirklich vorgenommen hatte, und das macht mich rückblickend betrachtet echt glücklich. Dunkelsprung enthält keinen klar definierten Schurken, auch wenn man Professor Fawkes während der fast vierhundert Seiten mehr als einmal die Pest an den Hals wünscht für das, was er all diesen wunderbaren mystischen Kreaturen antut. Aber dann stellt sich heraus, dass sogar dieser uralte Mensch eigentlich gar nicht böse oder wahnsinnig ist sondern extrem verletzlich, sensibel und müde. Dass Dinge geschehen sind in seiner Vergangenheit, die er bereut, und dass er manches gerne vergessen möchte so wie Frank Green seine geheimnisvolle Vergangenheit vergessen hat. Am Ende wird er seine Erlösung erhalten, eine Meerjungfrau wird befreit und ein Porsche erleidet einen Totalschaden, weil das mit Hufen eben doch alles nicht ganz so einfach ist. Am Ende werden die Menschenwelt und die Anderswelt ein ganz kleines bisschen Frieden finden, ein Miteinander statt eines Nebeneinanders, eine wundervolle warme Schnittmenge. Und wenn ihr das Buch lest, was ich euch nur ans Herz legen kann, wird euch am Ende vielleicht sogar bewusst, wieso ich so unglaublich auf Milch stehe – und wieso ich mich trotzdem unglaublich darüber gefreut habe, als Elisabeth ihre Milch erbrach.

Leonie Swann: »Dunkelsprung« | ISBN 978-3-442-48542-0 | 384 Seiten | 9,99€ (D)