Sie schließt die Wohnungstür ab und steigt, die Reisetasche auf dem Rücken, in den Fahrstuhl. Der Schlüssel fällt klimpernd in ihre Handtasche, zu der Zugfahrkarte, Stuttgart Hamburg mit Rückfahrt. Zu ihren Eltern und ihrem Bruder. Heiligabend feiern und Weihnachten.

Zum Bahnhof nimmt sie die Tram. Es ist voll, die Geschäfte haben bis zum Mittag noch geöffnet, und die Menschen kaufen für das Festessen ein oder die letzten Geschenke oder gehen ein letztes Mal auf den Weihnachtsmarkt. Verkniffen sehen sie aus und gestresst, insbesondere wenn man bedenkt, dass sie heute Abend im Radio dem Kinderchor dabei zuhören werden, wie er Stille Nacht, Heilige Nacht singt. Mit ihrer großen Reisetasche dringt sie in den persönlichen Raum ihrer Mitreisenden ein, spürt, wie sich das bisher ungerichtete Brüten der Umstehenden auf sie bündelt. Sie versucht, sich klein zu machen, aber die Bahn ist zu voll, um verschwinden, sich auflösen zu können.

Der Zug kommt zum Stehen, die Türen gleiten auf, kalte Luft und Feuchtigkeit drängen ins Innere. Die anderen Menschen weichen zurück, wie um vor der Kälte zu flüchten. Der Himmel ist bleigrau, Regen fällt in Bindfäden zu Boden. Über die Köpfe hinweg kann sie sehen, dass am anderen Ende des Wagens ein Penner eingestiegen ist. Sie kennt den Mann vom Sehen, er ist öfter in den Straßenbahnen, um zu betteln. Er ist eine dieser typischen gescheiterten Seelen, die jede große Stadt bevölkern. Er zittert und hat einen Sprachfehler, begrüßt jeden, bei dem er bettelt, und hält den Menschen einen uralten Pappbecher aus einem Steh-Café, der genauso verknittert und zerrissen aussieht wie er, unter die Nase. Sie vermutet, er will nicht aufdringlich sein, doch weil er immer etwas zu lange innehält, sind die Menschen schnell von ihm genervt. Sie gibt ihm immer wieder einmal ein paar Euro, wenn sie gerade Münzgeld in den Taschen hat, und er freut sich darüber, bedankt sich herzlich und zieht dann seiner Wege.

Sie beobachtet ihn. Beobachtet die Menschen um sich herum. Sie sind schwer beladen mit Geschenken für ihre Lieben, mit Lebensmitteln aus dem Supermarkt für das Weihnachtsessen. Sie weisen ihn ab oder ignorieren ihn, blicken demonstrativ zur Seite oder stecken sich Kopfhörer in die Ohren. Sie wollen ihn nicht wahrnehmen. Und sie weiß, dass auch sie nicht viel anders war.

Ändert sich etwas, wenn man einem Bettler hilft? Wandelt sich die Welt zum Guten, oder ist diese kleine Geste eigentlich nur dem eigenen Egoismus geschuldet, dem Gefühl, doch kein ganz schlechter Mensch zu sein? Sie weiß: Viel hätte nicht gefehlt, und sie hätte Weihnachten an seiner Seite gefeiert, unter einer Brücke mit Wein aus dem Tetrapack, einer aus Abfällen gedrehten krummen Kippe und dem miesesten Hamburger aus dem Fast Food-Laden, den man für einen Euro kriegen kann. Sie hatte Glück, hat eine Familie, die sie unterstützt, hat eine Chance bekommen. Er hatte keins. Das unterscheidet sie. Nicht seine kaputte, für das Wetter unpassende Kleidung, sein verfilzter Bart, sein Geruch nach Dreck und Schweiß, seine tief in den Höhlen liegenden Augen. Sondern ein metaphysisches, ungreifbares Konzept, Umstände, zur richtigen Zeit die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hätte auch anders laufen können.

Er hat sie erreicht, sagt seinen Satz: Guten Tag, haben Sie vielleicht Kleingeld für was zu essen? Seine Aussprache ist undeutlich, sein Tick ist heute stärker, er verschluckt die Silben.

Sie antwortet nicht direkt. Ihre Hand schließt sich um die Fahrkarte in ihrer Manteltasche, das Ticket für den Inter City nach Hamburg zu ihrer Familie. Ihr Blick schweift zum Fenster hinaus, dunkel und nass ist es, Laternen und Scheinwerfer spiegeln sich in den tiefen Pfützen, deren Oberfläche vom Regen aufgewühlt wird. Er deutet ihr Verhalten als Ablehnung, wendet sich resigniert ab.

Sie fasst einen Entschluss. Die Hand schießt aus der Manteltasche und umschließt sein schmutziges, ausgemergeltes und vernarbtes Handgelenk.

Warte, sagt sie. Wie heißen Sie überhaupt?

Er wendet sich zu ihr um. Sie kann die Frage in seinen Augen sehen. Sie nimmt zum ersten Mal wahr, dass seine Augen hellgrau sind, wie Wolken eines sanften Sommerregens. Hans, sagt er, Hans Gruber.

Die anderen Menschen starren. Sie ignoriert es. Ich bin Nienke, sagt sie, Nienke Jensen. Blickt über seine Schulter zum Hotel am Bahnhof. Denkt an ihre Eltern. Dann sagt sie: Lassen Sie uns hier aussteigen, Hans. Ich möchte Ihnen was schenken. Es ist schließlich Weihnachten. In Ordnung?

Er antwortet nicht. Lässt sich von ihr durch die Menschen ziehen, an ihrer Hand, ohne Widerstand, wie ein folgsames Hündchen. Der Geruch von Verwesung und altem Schweiß kitzelt ihre Nase. Wie man eben riecht, wenn man sich lange nicht wäscht. Ihre Fahrkarte verschwindet in einem Mülleimer, den Zug wird sie ohnehin nicht bekommen.

Sie betreten das Hotel, gehen zur Rezeption. Pianomusik klimpert unaufdringlich aus verborgenen Lautsprechern. Es ist warm, ein Springbrunnen rauscht, kaum jemand spricht, und der dicke Teppich verschluckt ihre Schritte. Die Frau hinter dem Tresen begrüßt sie und lächelt höflich, aber sie weiß, was sie denkt. Hans ist lethargisch. Seine Kleidung uralt, eine fadenscheinige Jeans, ausgetretene Schuhe, die Jacke von einem Jogginganzug aus Ballonseide, alles andere als dem Wetter angemessen. Sie trägt einen eleganten Hosenanzug, makellose Stiefel und einen warmen Mantel.

Ich möchte gerne ein Zimmer für die Nacht für Herrn Gruber, sagt sie und schiebt der Rezeptionistin ihre Kreditkarte zu. Und senden Sie ihm bitte etwas zu Essen und für die Haarpflege auf das Zimmer. Wenn Sie vielleicht auch einen Mantel und frische Kleidung für ihn besorgen könnten, wäre das auch nicht von Nachteil.

Selbstverständlich, Frau Jensen, sagt die Rezeptionistin und schiebt Hans das Anmeldeformular zu. Bleiben Sie auch in unserem Haus?

Sie schüttelt den Kopf und sagt: Ich werde Herrn Gruber nur helfen, sich einzurichten. Ich muss heute noch nach Hamburg.

Die Rezeptionistin ruft einen jungen Mann in Livree und gibt ihm die Schlüsselkarte zu Hans’ Zimmer. Während sie auf den Fahrstuhl warten, schreibt sie eine Nachricht an ihre Eltern, dass sie sich verspäten wird.

Warum, fragt Hans.

Sie blickt vom Handy auf und sagt: Vielleicht aus egoistischen Gründen, damit ich mich wie ein guter Mensch fühle. Vielleicht aus altruistischen Gründen, damit Sie zumindest für eine Nacht in Würde leben dürfen. Vielleicht aus Schuldgefühlen, weil ich Glück hatte und Sie nicht. Vielleicht bin ich ein Arschloch. Oder ein Engel. Ich weiß es nicht.

Sie zuckt mit den Schultern. Die Lifttüren öffnen sich, und sie betreten die Kabine.

Frohe Weihnachten, Hans, sagt sie und wirft ihm einen Seitenblick zu.

Hans antwortet nicht und weint leise.