Briefe aus Japan, Tag 12

Minako Ohayou, Minato-ku…

Umeko Nanu, was ist denn mit deiner Motivation geschehen?

Minako Ach, ich mag einfach nicht ’ne Stunde im Zug hocken, um mir mehr Züge anzuschauen. Wir waren doch letztes Mal schon in Omiya.

Außerdem ist dann auch noch ausklingende Rush Hour auf der Tokaido zwischen Shimbashi (JT02) und Omiya (JU07), da macht das alles doppelt keinen Spaß.

Umeko Und wenn ich dir eine Überraschung für hinterher verspreche?

Minako Bestechungen funktionieren bei mir nicht.

Was denn für eine Überraschung, Ume-chan?

Umeko Das wirst du dann schon sehen.

Minako Nach dem Andrang an der Kasse hatte ich damit gerechnet, dass hier drin mehr los sein würde.

Umeko Zum einen wurde das Museum seit dem letzten Mal umgebaut, das Gelände ist weitläufiger und dadurch verläuft sich die Menge etwas. Und zum anderen haben wir einigermaßen schönes Wetter, da sind viele vielleicht eher draußen unterwegs.

Minako Ganz ehrlich? Würd ich jetzt auch lieber machen.

Umeko Dabei gibt es ein paar interessante Dinge über das japanische Eisenbahnwesen zu sagen. Wie die meisten Länder mussten nämlich auch die Japaner ihr erstes Rollmaterial aus den USA oder Großbritannien kaufen, was man auch an der Optik der frühen Züge merkt. Aber auf Anraten des Briten Edmund Morel bildeten die Japaner schon damals ihr eigenes Personal aus und sicherten dadurch ihre Unabhängigkeit von ausländischen Arbeits- und Fachkräften.

Minako Ich schätze mal, nach der jahrundertelangen Isolation fiel der Vorschlag bei den Verantwortlichen aber eh auf fruchtbaren Boden.

Umeko Damit könntest du Recht haben. Die ersten Fahrzeuge mussten trotzdem gekauft werden, da es in Japan keinerlei Infrastruktur gab. Die erste Strecke führte damals von der Hafenstadt Yokohama ins gerade erst zur neuen Hauptstadt gewordene Tokyo. Der ehemalige Bahnhof, die Old Shinbashi Station, ist heute ein – sehr kleines – Museum.

Minako Hattest du nicht auch erzählt, wie sehr die Tokyo Station vom europäischen Baustil beeinflusst ist?

Umeko Ja, ebenso wie viele der älteren Gebäude im Stadtzentrum. Der Kaiserpalast ist ja auch nur einen Steinwurf entfernt, vergleichsweise zumindest.

Minako Die C57 hatten wir uns letztes Jahr schon angesehen.

Umeko Es gibt in Japan noch zwei Maschinen dieser Bauart, die aktiven Einsatz fahren. Eine gehört JREast und eine JRWest.

Minako Und diese hier ist eine Winter-Bauweise, denn sie hat ein Räumschild und am Führerhaus die Klarsichtschirme.

Umeko Ich bin beeindruckt. Woher weißt du denn so etwas?

Minako Von Herrins Modellbahn. Ihre DE10 ist doch die Winterbauweise aus Hokkaido.

Umeko Die Bauweise mit zwei Zylindern war übrigens eine deutsche Idee. Urpsrünglich gab es einen einzelnen Zylinder zwischen den Rädern. Man sieht hier aber auch, wie kompliziert das Gestänge an Dampflokomotiven war – das ganze Gewirr nennt der Fachmann auch Steuerung, und es erforderte einiges an Übung, beim Rangieren oder im Schnee nicht versehentlich alles zu verbiegen.

Minako Und diese C51 hat sich extra fein gemacht.

Umeko Das liegt daran, dass sie ursprünglich einmal den Zug des tenno gezogen hat. Während der goldenen Epoche der Eisenbahnen war es völlig normal, dass Staatsoberhäupter ihre eigenen Luxus-Züge hatten. Viele von ihnen waren regelrecht vernarrt in die Möglichkeiten der Eisenbahn.

Gestänge gab es übrigens auch später noch, bei Zahnradbahnen wie dieser ED4010 zum Beispiel. In dem Fall verhindert es, dass einzelne Achsen am Hang durchrutschen und erhöht so die Traktion.

Minako Was man auf diesem Detailfoto nicht sehen kann: Die ED4010 ist eine Mehrsystemlok. Sie hat auch einen Stromabnehmer, sodass sie über Oberleitung und Stromschiene versorgt werden kann.

Umeko KiHa 41307 kann auf eine Dienstzeit von immerhin fünfzig Jahren zurückblicken, sie war von 1934 bis 1987 im Dienst. Die Typenbezeichnung gibt Aufschluss darüber, womit wir es hier zu tun haben: Ki ist die Bezeichnung für Fahrzeuge mit Dieselmotor und Ha bezeichnet Züge der dritten und später zweiten Wagenklasse.

Minako Wir haben wieder Front-Embleme.

Umeko Das lässt Rückschlüsse darauf zu, dass diese ED75 im Personenverkehr eingesetzt wurde. Sie ist nämlich das, was man heutzutage eine Mehrzweck-Lok nennt, weil man sie für Personen- und Güterverkehr einsetzen kann. Der Typ kommt noch heute zum Einsatz, insbesondere im Express-Güterverkehr, aber die ursprüngliche Baureihe stammt ja auch erst aus den 1960ern.

Minako Sieht halt aus wie ’ne Box auf Rädern. Von der dreigeteilten Frontscheibe mal abgesehen spüre ich da jetzt nicht viel Charakter.

Umeko Mag ja sein, aber wir können auch nicht jedes Mal den 181 zeigen, oder?

Minako Zeigen nicht. Aber uns angucken.

Schade. Galaxy Express 999 fehlt.

Umeko War vielleicht nur eine Leihgabe.

Minako In Kyoto hatten sie auch wesentlich mehr Embleme in der Ausstellung. Wieso man ausgerechnet die nicht fotografieren durfte… Na ja, Schwamm drüber, diese kleine Auswahl gibt ja auch eine schöne Impression, wieso ich die Embleme so mag und finde, dass sie einem Zug Charakter geben.

Umeko Am südlichen Ende des Geländes ist ein vierstöckiger Mehrzweckbau hinzugekommen, in dem sich das Educational Center für Schulklassen befindet, ein Restaurant, ein Überblick über die Geschichte der Eisenbahnen in Japan und einige Nachbauten von modernen Shinkansen …

Minako – die alle hässlich sind –

Umeko … am nördlichen Ende sind die Bibliothek, ein KiHa11 und eine DD13 dazu gekommen.

Minako Und da sich weder Angestellte noch Kinderscharen hierher verirren, können wir auch endlich mal aus der Tasche raus und unsere Beine strecken. Aber du-hu, Ume-chan? Was ist denn nun die Überraschung fürs Durchhalten?

Umeko Es wäre ja keine Überraschung mehr, wenn ich sie dir verraten würde. Reden wir lieber noch schnell über den anderen Aspekt des Schienenverkehrs: Gütertransport.

Minako Früher gab’s für jeden Mist spezielle Waggons, heute wird das alles mit Containern erledigt, The End.

Umeko Alles klar, ich hab verstanden. Gehen wir auf die Dachterasse und genießen die Sonne und was zu trinken.

Die Sache ist nämlich, dass Eisenbahn sehr viel mehr ist als mit dem Zug von A nach B zu fahren und hinterher über „die scheiß Bundesbahn“ zu nörgeln. Sie sind eine riesige Infrastruktur, die ständigem Wandel und unkontrollierbaren äußeren Einflüssen unterworfen ist. Da man mit einem Zug auch nicht so einfach überholen kann wie mit dem Auto, lösen kleine Störungen oft einen Domino-Effekt im gesamten Netz aus. Und die Fahrgäste sind, wie du von Herrin weißt, auch nicht immer ganz unschuldig, wenn es dann mal nicht weiter geht.

Minako So, und damit hast du jetzt erstmal genug gepredigt. Wir reden jetzt seit drei Urlauben und zwanzig Tagen über nix anderes als darüber, wie toll hier der Nahverkehr im Vergleich zu Deutschland ist. Ich hab Hunger, Ume-chan! Fütter mich, sonst esse ich ein Japanerkind!

Umeko Also gut, du kleine Nervensäge, wir fahren zurück nach Tokyo rein. Aber ein bisschen Geduld musst du noch haben, denn unsere Fahrt endet erst einmal in Oji (JK36), denn hier …

… steigen wir in die letzte noch verbliebene Straßenbahnlinie Tokyos um, die Tokyo Sakura Tram.

Minako Die kostet wirklich dasselbe, ganz egal wie weit man fährt? Ist ja fast wie bei der Randen in Kyoto! Wie weit fahren wir?

Umeko Bis Higashi-Ikebukuro. Von dort gehen wir zu Fuß zur Sunshine City.

Minako Ikebukuro?! Heißt das …?

Umeko Die hast du dir verdient, Schatz. Die Mandelcreme hinterher natürlich auch.

Minako Itadakimasu!

Umeko Und bis morgen, liebe Leser, zum letzten Tag unserer Japanreise.

Minako Schwing keine Reden, hau rein! Sonst ess ich deinen auch!

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