Briefe aus Japan, Tag 11

Minako Ohaaaaaa~you, Minato-ku!

Umeko Und auch von mir einen guten Morgen zum elften Tag unserer Japan-Reise.

Minako Der Himmel hat sich wieder zugezogen, aber das hält uns nicht auf. Wo fahren wir heute mit der Yamanote hin?

Umeko Erst einmal gar nicht, stattdessen werden wir heute unseren obligatorischen Besuch auf dem Tokyo Tower absolvieren. Und dorthin können wir auch laufen.

Minako Wenn man von der Hamamatsucho Station die Straße zum Tokyo Tower entlang geht, kommt man schon bald an das erste torii des Zojoji Tempels. Die Straße endet dann am Hauptportal.

Umeko Das sangedatsu-mon wurde 1655 errichtet und ist immer noch weitestgehend im urpsrünglichen Zustand, die eigentliche Tempelanlage ist aber deutlich älter und stammt mindestens aus dem 14. Jahrhundert. Nebenbei: mon heißt nichts anderes als Tor, und das torii in der Nähe unseres Hotels gibt dem Stadtteil Daimon seinen Namen: großes Tor.

Minako Über den Friedhof mit den Jizo-Statuen hatten wir ja schon berichtet. Was ist mit der Anlage selbst?

Umeko Sie wurde von der Jodo-shu-Sekte des Buddhismus begründet. Bis auf das sanmon wurden große Teile des Tempels im zweiten Weltkrieg zerstört. Das daimon ist, wie du sicher gesehen hast, ein Nachbau aus Beton. Außerdem wurden Teile der nördlichen Tempelanlage verkauft, sodass das onarimon jetzt außerhalb der Tempelanlage steht.

Auch die Große Halle oder daiden wurde im zweiten Weltkrieg zerstört und erst 1974 wieder neu errichtet. Daher kommen auch hier viele neue Baumaterialien zum Einsatz, allen voran natürlich Beton.

Minako Sonderbar dass man in Kyoto und hier so unterschiedliche Wege beschritt, um die alten Tempelanlagen wiederherzustellen. Ich finde ja, dass der Kinkakuji Tempel deutlich kitschiger und unnatürlicher wirkte, obwohl er weitestgehend originalgetreu wiederhergestellt wurde, während dieser Tempel irgendwie seine Erhabenheit beibehalten konnte. Na ja – liegt vielleicht auch einfach daran, dass ich Gold nicht so wahnsinnig viel abgewinnen kann.

Umeko Der Tokyo Tower wurde übrigens auch renoviert. Alles in Vorbereitung auf Olympia 2020. Apropos, welches der beiden Maskottchen magst du lieber?

Minako Das der Paralympics, glaube ich. Es wirkt viel runder und weicher als das der Olympics.

Umeko Im Erdgeschoss des Turms gibt es jetzt eine Ausstellung zur Geschichte des Viertels und des Tokyo Towers. Am Modell kann man sehen, wie traditionell und altmodisch das Viertel noch aussah, als der Bau begann.

Minako Ich finde ja die Story mit dem Baseball viel witziger. 2011 wurde die Antenne des Turms beim Tohoku-Beben verbogen. Als sie die Antenne dann 2012 austauschten und das Metall zum ersten Mal seit über fünf Jahrzehnten öffneten, fanden sie einen alten Gummiball im Inneren. Keiner weiß, wie der da hin kam oder wer ihn dorthin gepackt hat. Die stellen den Ball auch da vorne aus. Das ist übrigens auch so ein Mysterium: Wieso hat Herrin davon kein Foto gemacht?

Umeko Sollen wir dann hoch fahren?

Minako Auf jeden. Solange es noch nicht wieder regnet.

Sieht aus als hätten wir Glück. Es ist zwar diesig und bewölkt, aber die Sicht ist klar. Man kann bis in die Bucht hinaus gucken. Da startet sogar gerade ein Flugzeug!

Umeko Das kommt aus Haneda. Die Brücke ist übrigens Rainbow Bridge, und im Hintergrund kannst du Odaiba sehen. Sogar die Stahlkugel oben im Gebäude der Fuji Television kann man erkennen.

Minako Die ganze Stadt ist eine einzige Baustelle.

Umeko Tokyo macht sich schön für Olympia. Ich fände es nur schade, wenn dort ein weiterer Wolkenkratzer entsteht. Immer mehr Sichtachsen fallen dem Streben nach Oben zum Opfer.

Minako Glaub ich nicht. Schließlich weiß jedes Kind, dass Wolkenkratzer in Japan unterirdisch gebaut und dann bei Tag hydraulisch nach oben gefahren werden.

Umeko Du guckst entschieden zu viel Anime.

Minako Die Kinder unter den Besuchern aber auch. Schau wie viel Angst sie vor den Glasböden haben.

Umeko Du hast leicht reden, du wiegst ja auch im Vergleich fast nichts.

Minako Ein bisschen mulmig ist mir trotzdem. Dreihundert Meter bleiben eben dreihundert Meter, auch mit starkem Glas und einem Gitter dazwischen.

Umeko Na gut, zurück auf den Boden der Tatsachen mit uns. Genieß einen letzten Blick auf das Dach des Zojoji.

Minako Ganz schön viel Polizeipräsenz hier, und kaum ein Auto unterwegs.

Umeko Heute findet im Viertel ein Marathon statt, der Awareness für Kindesmissbrauch generieren soll. Und da muss natürlich alles ganz besonders sicher sein.

Minako Wohin also als nächstes? Wir fahren ja immer noch nicht mit dem Zug, wie ich feststelle.

Umeko Ganz um die Ecke ist das NHK-Museum. Letztes Mal war es geschlossen, du erinnerst dich?

Minako Fotografieren verboten?

Umeko Leider. Hier gibt es nämlich einige sehr interessante Exponate darüber, welchen Einfluss der Rundfunk auf das alltägliche Leben der Japaner hatte. Der Übergang von ihrer Isolation als Inselnation hin zu der weltoffenen Nation, die nächstes Jahr die Welt zu Gast hat, zieht sich wie ein roter Faden durch unseren Urlaub, und Fernsehen und Radio hatten daran einen nicht unerheblichen Anteil.

Minako Interessant ist es ja auch ohne die Fotografie. Wohin aber als nächstes?

Umeko Jetzt kannst du deinen Pinguin herauskramen. Mit der Hibiya Line geht’s von Kamiyacho (H05) nach Ningyocho (H13). Dort gibt es laut unserer Informantin Hannah einen Castle Licca Store. Den schauen wir uns heute mal an.

Minako Und plötzlich bist du mitten in einem Straßenfest.

Umeko Das hatte ich völlig vergessen. Heute ist das Nihonbashi-Kyobashi. Willst du zuschauen?

Minako Ein bisschen. Erzähl mir derweil doch was über die Gegend.

Umeko Das Viertel hat seinen Namen von der Nihonbashi, dieser Brücke hier über den Sumida. Sie ist – oder eher: war berühmt, weil man von ihr einen Blick auf den Fuji erhaschen konnte. Als im Zuge der Olympiade 1964 der Express Highway darüber gebaut wurde, war es damit natürlich vorbei. Derzeit gibt es aber Pläne, die Autobahn nach den Sommerspielen 2020 unter die Erde zu legen.

Minako Zu den runter gefahrenen Wolkenkratzern eben. Und wie ich die Japaner kenne, würden sie das in zwei Wochen machen, und es wäre erdbebensicher. Aber wohin geht’s als nächstes?

Umeko Von Mitsukoshimae (G12) mit der Ginza Line nach Nihombashi (G11) und dann mit der Tozai Line raus nach Kasai (T17).

Minako Noch ein Eisenbahnmuseum?

Umeko Das Tokyo Metro Museum beschäftigt sich exklusiv mit der Geschichte der U-Bahnen in Tokyo. Während man mit den S-Bahnen nämlich als Tourist sehr viel mehr von der Stadt zu sehen bekommt, sind es die U-Bahnen, die eine größere Netzabdeckung in der Metropole ermöglichen. Nicht von ungefähr sind wir heute fast ausschließlich im Untergrund unterwegs: die meisten unserer Ziele hätten wir mit den Zügen der JR East gar nicht erreicht ohne lange Fußwege.

Minako Also gut, ich lasse mich drauf ein. Erzähl mir was.

Umeko Die Tokyo Metro gibt es im wesentlichen seit 1927 und ist inspiriert von der Londoner Underground. Gegründet wurde sie bereits 1920, damals noch als Tokyo Underground Railway, und der erste Streckenabschnitt war das knapp zwei Kilometer lange Stück zwischen Ueno und Asakusa. Der damals geplante Endbahnhof in Shinbashi nahm 1934 seinen Betrieb auf, und die Linie war so populär, dass manche Reisende bis zu zwei Stunden auf einen Platz in den Zügen der Serie 1000 warteten.

Minako Sieht man ja auch heute noch in der Rush Hour, wenn die Menschen von Angestellten in die Züge gedrückt werden.

Umeko Diese Angestellten heißen oshiya. Die Überlastung ist auch der Grund, wieso die ersten und letzten Waggons in den Zügen heutzutage in den Spitzenzeiten für Frauen reserviert sind: es gab einfach zu viele Übergriffe im Getümmel, und die Frauen fühlten sich nicht mehr sicher.

Minako Es gibt übrigens neben der Tokyo Metro noch eine weitere, „konkurrierende“ Firma, die Toei Subway. Elektronische Tickets wie Suica oder Passmo haben es für die Reisenden aber stark vereinfacht, jedes beliebige Verkehrsmittel zu nutzen und – wie es bei unseren Marketing-Vögeln so schön heißt – die Mobilität zu mischen. Da kann sich Deutschland noch einiges von abschneiden, selbst in den Verkehrsverbünden gibt’s erhebliches Klein-Klein, und die EU-weiten Ausschreibungen auf den Strecken und in den Städten zersplittern unser Netz weiter.

Umeko Das hier kennst du aber auch aus Herrins Job: ein typisches Tunnelprofil.

Minako Ja, nur ein Unterschied ist, dass hier in Japan die Schienenstöße nicht verschweißt sondern verschraubt werden. Ist ja auch sinnvoll – wenn’s zum Erdbeben kommt, sind verschraubte Stöße weniger anfällig für Schienenbruch als verschweißte.

Umeko Der Fachbegriff ist übrigens Dilatation. Und noch ein Effekt der strengen Linientrennung in Japan: Die neueren Linien arbeiten alle mit Oberleitung und fahren auf Kap-Spur, die mit 1.067 Millimeter schmaler ist als die in Deutschland verwendete Normalspur aber dafür kompatibel mit jener bei den S-Bahnen der JR East. Nur Ginza Line und Marunouchi Line nutzen Normalspur …

… und Stromschiene.

Minako Na gut, ich geb’s zu, die Geschichte des Nahverkehrs in Tokyo ist schon interessant. Insbesondere weil man immer wieder darüber stolpert, wie Tradition und Fortschritt hier friedlich ko-existieren, auch nachdem das Land sich zum Westen geöffnet hat. Wie geht’s jetzt aber weiter?

Umeko Wir bleiben im Untergrund. Mit der Tozai Line erst einmal zurück bis Kayabacho (T11) und dann mit der Hibiya Line bis Akihabara (H15). Schließlich müssen wir uns langsam einig darüber werden, wen wir als Andenken adoptieren, wo wir jetzt wissen, dass man Herrins EC-Karte als VISA-Karte missbrauchen kann.

Minako Das heißt dann aber auch, dass wir uns für heute von den Lesern verabschieden werden. Wir sehen uns dann morgen wieder. Wo fahren wir dann hin?

Umeko Nach Omiya.

Minako Mir schwant übles. Bis morgen dann, liebe Leser.

Umeko Sayounara!

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