Briefe aus Japan, Tag 10

Minako Ohaaaaaa~you, Minato-ku!

Umeko Und auch von mir einen schönen guten Morgen am zehnten Tag unserer Japan-Reise.

Minako Das Wetter ist heute natürlich wieder fantastisch, nachdem es uns in Kyoto beinahe weggespült hat, also werden wir einen zweiten Trip an den Pazifik wagen. Mit der Yamanote geht’s zuerst von Hamamatsucho (JY28) nach Shimbashi (JY29), wo wir in die Yokosuka-Sobu nach Ofuna (JO09) umsteigen. Aber sag mal, Umeko…

Hast du nicht auch das Gefühl, Herrin hat heute irgendwas vergessen vorzubereiten?

Umeko Kann ich mir nicht vorstellen. Sie ist doch immer so gut organisiert.

Minako Na gut. Was hältst du dann davon, wenn wir das schöne Wetter nutzen und uns endlich einmal die Ofuna-Kannon aus der Nähe ansehen? Bisher haben wir sie immer nur von hier unten gesehen, und sie ist doch so prominent.

Umeko Die Kannon gilt im Buddhismus als Friedens-Heilige. Ihr Bau wurde im Jahr 1929 begonnen, aber 1934 musste man die Konstruktion vorübergehend aussetzen. Was genau zu der Unterbrechung führte, ist heute nicht mehr zurückzuverfolgen. Es dauerte bis 1954, ehe die Pläne zum Bau wieder aufgenommen wurden, und erst 1960 wurde die Kannon eingeweiht.

Minako Auf der Rückseite sieht sie übrigens längst nicht so strahlend-weiß aus. Der Wald hinterlässt Spuren.

Umeko Du bist ein Lästermaul. Stattdessen könntest du erwähnen, dass sich im Inneren ein kleiner Schrein befindet – Fotografieren natürlich verboten – und am Hang unterhalb der Ofuna-Kannon-Tempel, der 1961 gebaut wurde, weil sich die Ofuna-Kannon-Gesellschaft auflöste.

Minako Selbst um diese Uhrzeit ist hier oben schon einiges los. Am Fuße der Statue sitzen einige Besucher und malen die Göttin. Im Schrein gab es auch Gemälde.

Umeko Wir werden sie erst einmal verlassen und mit der Shonan Monorail nach Fujisawa fahren. Die Haltestellen wurden in den letzten fünf Jahren renoviert – du kannst jetzt mit der Suica fahren – und in Enoshima gibt es sogar eine Dachterasse, von der aus man den Fuji sehen kann.

Minako Bah. Der versteckt sich doch eh wieder vor uns, der doofe Berg.

Is‘ nicht wahr.

Umeko Ach komm, hör auf zu schmollen. Gehen wir lieber über die Brücke nach Enoshima rüber.

Auf der Insel gibt es zwei shintoistische Schreine und einen buddhistischen Tempel. Wenn man von der Brücke und durch die Einkaufsstraße kommt, geht man geradewegs auf den Hetsunomiya zu. Von hier aus gehen wir gegen den Uhrzeigersinn um die Insel herum.

Teile des Schreins ziehen sich bis weit auf den westlichen Teil der Insel. Rundherum hat sich ein kleines Dorf gebildet, mit zahlreichen Lokalen und Andenkenläden. Der Weg führt hier auch auf die Klippen hinunter, die wir vor fünf Jahren von oben gesehen haben.

Minako Man hat von hier oben einen ganz schönen Ausblick auf das Festland, insbesondere wenn man auf die Sea Candle hinauffährt.

Umeko Der Aussichtsturm war ursprünglich mal ein Leuchtturm, dessen Spitze 120 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Er steht im Samuel Cocking Garden, in dem gegenwärtig das Lichterfest vorbereitet wird. Überall stellen Freiwillige Teelichter auf.

Minako Muss nachts traumhaft aussehen, wenn die alle angezündet werden. Ich drücke ihnen die Daumen, dass sich das Wetter hält. Auch wenn wir uns das Schauspiel nicht anschauen können, ich hoffe trotzdem, dass sie ihr Fest feiern können.

Umeko Die Taifune haben ohnehin einiges an Schäden in den Wäldern der Insel angerichtet. Auch die Höhle unten in den Klippen ist derzeit für den Publikumsverkehr gesperrt. Die hätte ich dir nämlich gerne gezeigt.

Minako Da drüben kann ich Kamakura sehen. Das letzte Mal haben wir vom Strand dort unten hier hinauf fotografiert. Dieses Jahr ist es umgekehrt.

Umeko Den Strand lassen wir heute ohnehin mal außen vor.

Stattdessen schlage ich vor, dass wir ins Enoshima Aquarium gehen.

Minako Ganz schön voll und düster hier. Aber na ja, ist ja auch Samstag. Hoffentlich hält Herrin durch – dunkel, eng und laut ist ja eher nicht so ihr Ding.

Umeko Ich denke mal, spätestens bei den Quallen wird sie wieder aufblühen. Sie mag diese majestätischen Wesen.

Minako Sehen ja auch unglaublich elegant aus, wie sie so durchs Wasser treiben.

Umeko Das Aquarium verdankt seine Existenz auch den Quallen. Aber vor allem ist es Teil der ozeanologischen Forschung in der Sagami-Bucht, angestoßen von der Kaiserlichen Familie. Die Ausstellungen beschäftigen sich mit der Bucht, aber auch mit dem Pazifik im Allgemeinen. Außerdem gibt es Schildkröten, deren Gelege regelmäßig ausgewildert werden, Pinguine, Capybara, Otter und ein Delphinarium.

Minako Das können wir uns aber sparen. Mir tun Delphine in Gefangenschaft immer Leid.

Umeko Dein Wunsch ist mir Befehl. Es gibt ja auch sonst genug zu sehen hier.

Minako Die Wasserschildkröten finde ich zum Beispiel unglaublich faszinierend. Auch dass man sich hier tatsächlich darum bemüht, Nachwuchs zu züchten, der dann ausgewildert werden kann.

Umeko Behalt deine Hände bei dir! Nicht nur Schnappschildkröten können schnappen!

Unter den Schildkröten befindet sich die Ausstellung der Tiefseeforschung. Dort wird auch das Shinkai 2000 ausgestellt, ein Tiefsee-Forschungsschiff.

Minako Ganz schön beengte Verhältnisse in der Konservendose. Kann ich mir gar nicht vorstellen, da drin eingesperrt zu sein, mit tonnenweise Wasser um mich herum. Wenn da was schief geht, dann…

Huch, da war plötzlich der Speicher an der Kamera voll. Komisch, eigentlich sollte die Speicherkarte doch für wenigstens achttausend Bilder reichen!

Umeko Scheint so als hätte dein Bauchgefühl dich nicht getäuscht. Heute früh muss Herrin das Flausenhirn gewesen sein – sie hat vergessen, die Speicherkarte wieder in die Kamera einzulegen!

Minako Schade, eigentlich wollte ich noch Fotos von den niedlichen Ottern machen und den Pinguinen und Robben. Ach, das ist wirklich ärgerlich.

Umeko Der Tag war aber auch ohne die Fotos lang genug, und wir haben noch fast zwei Stunden im Zug vor uns. Also, verschieben wir alle weiteren Foto-Sessions auf morgen.

Minako Ja, na ja, ’s hilft ja nix. Also, bis morgen, liebe Leser!

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