Umeko Ohayou gozaimasu, Kyoto.

Minako Und auch von mir ein enthusiastisches Guuuuu~ten Morgen, Kyoto! Auch wenn er so gut gar nicht ist. Japan wurde letzte Nacht vom nächsten Taifun erwischt, und auch hier bei uns regnet es Bindfäden. Ein Glück dass wir trotzdem eher am Rand liegen; die Bilder im Fernsehen sind beängstigend.

Umeko Wir werden natürlich sehr vorsichtig sein, aber trotzdem wollen wir uns ein wenig die älteren Teile der Stadt ansehen, nicht wahr? Von Kyoto Station nehmen wir zunächst die Karasuma bis Shijo, dort steigen wir in die Hankyu Kyoto bis Omiya um…

Minako Nicht zu verwechseln mit dem Omiya nördlich von Tokyo, wo sich ein weiteres Eisenbahnmuseum befindet!

Umeko … um schließlich mit der Randen Tram via Katabirano Tsuri bis Kitano-Hakubaicho zu fahren. Dann noch ein kleiner Fußmarsch…

Minako – bei dem wir wirklich bis auf die Knochen durchweicht wurden –

Umeko… und wir erreichen den Goldenen Pavillon des Kinkakuji Tempel. Die oberen beiden Stockwerke sind mit Blattgold bedeckt, und bei Sonnenschein wird das Licht auf den See reflektiert und verleiht dem Tempel eine besondere Aura.

Minako Der Tempel ist sicher ziemlich alt, oder? Er sieht wie neu aus.

Umeko Traurigerweise zündete ein fehlgeleiteter buddhistischer Mönch die Pagode im Jahr 1950 an. Das Gebäude brannte nieder und wurde fast vollständig zerstört. Obwohl es mittlerweile originalgetreu restauriert wurde, hat es seinen Status als Nationalschatz dadurch natürlich verloren.

Minako Den Besucherströmen tut das aber wohl keinen Abbruch, ebenso wenig wie der Dauerregen. Es ist wirklich rappelvoll hier, Schulkinder und Touristen aus aller Herren Länder treten sich gegenseitig auf die Füße.

Umeko Der Park rund um den Tempel ist ja trotzdem sehr schön.

Minako Ehrlich gesagt mag ich das Licht bei diesem Wetter fast noch lieber. Alles wirkt so weich.

Umeko Wenn man sich etwas Zeit nimmt, findet man auch trotz des Andrangs den einen oder anderen schönen Blickfang.

Minako Trotzdem wird man im wesentlichen nur durch die Anlage hindurch geschoben und macht an drei, vier Punkten seine Pflichtfotos. Ich will ehrlich gesagt gar nicht wissen, wie voll es hier ist, wenn die Sonne scheint.

Umeko Na komm, wir fahren zurück nach Omiya. Hast du übrigens die Stirn-Embleme an den Zügen bemerkt? Wir hatten ja gestern darüber geredet.

Minako Tatsächlich! Aber die Randen ist streng genommen ja ohnehin eine Tram-Linie.

Umeko Sie nehmen auch nur einen Festpreis, egal wie weit man in ihrem Streckennetz fährt. Dass sie überhaupt die Suica akzeptieren, ist ein Wunder. Wir kehren jedenfalls an den Ausgangspunkt zurück und nehmen von dort die Hankyu Kyoto bis Kawaramachi.

Jenseit des Flusses liegt mit Gion eines der ältesten Viertel Kyotos.

Minako Schau dir nur mal all die jungen Frauen in ihren verzierten Yukata an! Und das trotz des Regens, wollen die sich alle eine Lungenentzündung holen?

Umeko Der Regen wird wieder stärker. Wir sollten uns in den Untergrund flüchten; wir haben nämlich noch Zeit für genau eine weitere Station auf unserer Reise. Schade – ich hätte zu gerne gesehen, ob wir tiefer im Viertel eine Maiko sehen. Aber bei diesen ständigen Wolkenbrüchen hat das einfach keinen Sinn.

Minako Wohin also?

Umeko Mit der Keihan bis Fushimi-Inari.

Minako Fushimi-Inari sagt mir was. Das ist doch der Schrein mit den ganzen roten torii im Wald, oder? Der Führer im Edo Museum hatte ihn erwähnt, als er über die Hausschreine sprach.

Umeko Ja, genau. Die Architektur wurde noch stark vom chinesischen Einfluss geprägt. Inari bezeichnet dabei die in diesem Tempel verehrte Gottheit, von dem Inari zu sprechen, ist also streng genommen falsch. Vielmehr gibt Fushimi den Ort an, an dem der Schrein steht.

Minako Auch hier wird man dem Regen zum Trotz fast totgetrampelt von all den Touristen. Aber ich glaube, da vorn im Wald sehe ich bereits die berühmten torii.

Umeko Das ist nur der untere Teil, nahe dem Hauptschrein. Weiter oben geht es noch weiter; die torii ziehen sich hier durch den ganzen Wald.

Wir werden sie aber nicht alle ablaufen, denn auch wenn der Shinkansen nach Tokyo alle fünf Minuten fährt, sollten wir spätestens um halb fünf zurück am Bahnhof sein.

Minako Erzählst du mir noch was über diese Schakal-Statuen, die überall im Wald am Wegrand stehen? Sie erinnern mich die ganze Zeit schon an Anubis.

Umeko Oh, richtig. Das sind Fuchsstatuen. Inari ist die Göttin von Reis, Fruchtbarkeit und der Füchse. Schneeweiße Füchse gelten als ihre Boten. Unsere Leser kennen sie vielleicht auch als kitsune.

Minako Und was ist nun mit den torii? Wieso sind es so viele, und was steht da genau drauf?

Umeko Die torii im Fushimi Inari-Taisha wurden fast alle von Einzelpersonen, Familien oder Firmen gestiftet. Ihre Namen und das Datum der Stiftung sind auf den Säulen des torii eingeschnitzt. Sie erhoffen sich davon Glück und Erfolg in ihren Unternehmungen. Die Allee führt bis hinauf auf den Berg, wo sich dann das Allerheiligste befindet. Ungewöhnlich für einen Shinto-Schrein ist es hier öffentlich einzusehen. Es handelt sich übrigens um einen Spiegel – nur zur Information, weil im Allerheiligsten fotografieren natürlich verboten ist.

Minako Immerhin gehen auch Menschen, die sich nicht gleich ein ganzes torii leisten können, nicht ganz leer aus. Es gibt, wie in jedem Schrein, Talismane und Gebetsstäbchen zu kaufen, die Glück und Gesundheit verheißen. Erstaunlich dass selbst im 21. Jahrhundert in einem so modernen Land wie Japan immer noch Menschen an die alten Götter glauben. Schau, selbst Herrin hat sich einen Kitsune-Talisman gekauft.

Umeko Bei ihr stelle ich allerdings in Frage, dass sie wirklich dran glaubt. Immerhin behandelt sie den Glauben aber mit Respekt. Was aber, denke ich, vor allem daran liegt, dass der Shintoismus niemandem wirklich etwas antut.

Minako Und damit sind wir wieder auf dem Rückweg nach Tokyo. Schade dass uns der Regen den Besuch in dieser faszinierenden Stadt so zunichte gemacht hat, aber im Vergleich zu anderen Regionen in Japan sind wir wirklich glimpflich davon gekommen.

Umeko Der Himmel klart auch auf. Vielleicht bekommen wir morgen also noch einmal einen schönen Tag. Bis wir beim Fuji ankommen, wird es allerdings dunkel sein, den Anblick hätte ich dir sehr gegönnt, Schatz.

Minako Ach, der läuft ja nicht weg, der olle Berg. Irgendwann sehe ich den schon aus der Nähe. Ich freue mich einfach, wenn es morgen trocken und vor allem etwas wärmer wird. Und bis dahin sollten wir uns verabschieden und unser ekibento genießen.

Umeko Ja, du hast recht. Also, bis morgen, liebe Leser, und sayounara!