Minako Ohaaaaaa~you, Minato-ku!

Umeko Und auch von mir einen schönen guten Morgen zum achten Tag unserer Reise nach Japan.

Minako Heute zeigt sich auch endlich, wieso wir diesmal entschieden haben, unser Tagebuch „Briefe aus Japan“ zu nennen.

Schließlich fahren wir heute nach Kyoto – mit dem Shinkansen! Das ist fast wie Fliegen, nur ohne den ganzen Security-Mist und mit erheblich weniger Luft unten drunter.

Umeko Der Shinkansen nach Kyoto fährt alle fünf Minuten und bewältigt die Strecke in etwa zwei-einhalb Stunden. Erinnerst du dich an unseren Besuch im Eisenbahnmuseum in Omiya in 2015? In Japan sind wir schon mit der Serie 0 über die Hochgeschwindigkeitssrecke gejagt, als Deutschland noch weitestgehend mit Dampfzügen gefahren ist.

Minako Schade dass das Wetter so schlecht ist. Die vielen Taifune, die sich über Japan austoben, machen viele Ausflüge unmöglich. Herrin hat zwar dank mobilem Internet die App des japanischen Katastrophenwarndienstes auf ihrem Mobiltelefon, aber wenn wir in der Wildnis von einem Sturm überrascht werden, ist es nicht weniger gefährlich.

Umeko Weniger bedenklich, eher ärgerlich: du kannst den Fuji nicht sehen, weil die Wolken zu tief hängen. Etwa auf halber Strecke zwischen Yokohama und Nagoya folgt die Strecke der südlichen Flanke des Berges, und normalerweise hat man einen fantastischen Blick darauf.

Minako Nutzen wir die Fahrt sinnvoll. Was machen wir in Kyoto?

Umeko Wir gehen ins Eisenbahn-Museum.

Minako Was. Zum. Teufel.

Umeko Ehe du mich lynchst: wir werden morgen den Vormittag und Teile des Nachmittags nutzen, um uns einige der histrorischen Orte anzuschauen, ehe wir wieder nach Tokyo zurückkehren. Aber heute müssen wir auch gegen vier Uhr im Hotel einchecken, was unser Zeitfenster etwas einschränkt. Also schauen wir uns Züge an.

Minako Na gut, ich lasse mich darauf ein. Bisher waren Züge dann ja doch immer interessanter als gedacht. Erzähl mir was, Ume-chan.

Umeko Die EF58 war eine reine Personenzug-Lokomotive, aber die haben wir auch schon in Omiya gesehen. Die EF81 ist eine Multifunktionslokomotive: sie fährt sowohl mit Gleich- als auch Wechselspannung und zieht Güter- und Personenzüge. Diese hier ist in der Lackierung des Twilight Express.

Minako Stirn-Embleme haben wir ja schon in Omiya gesehen. Ich finde das immer noch eine tolle Idee.

Umeko Dann wirst du den öffentlichen Nahverkehr in Kyoto lieben. Hier gibt es viele unterschiedliche Infrastrukturunternehmer, wie es so schön im Behörden-Deutsch heißt, und die fahren oft mit altem Fuhrpark und haben Stirn-Embleme.

Minako Wie die Choshi Electric Railroad gestern.

Umeko Der Twilight Express ist jedenfalls bis 2015 als Nachtzug von Sapporo auf Hokkaido bis Osaka hier auf Honshu gefahren. Die Fahrtzeit betrug etwa einen ganzen Tag.

Minako Kaum vorstellbar, dass solche Angebote überhaupt mal genutzt wurden. Heute würden die meisten einfach in einen Flieger springen.

Umeko Gewissensfrage, Schatz: würdest du mitkommen, sollte Herrin jemals die vollständige Transsibirische Eisenbahn abfahren?

Minako Na ja, klar. Da geht es dann ja wirklich mehr ums Happening und weniger darum, an ein Ziel zu gelangen. Ähnlich wie beim Orient Express.

Umeko Ich werde dich daran erinnern.

Minako Die haben wir in Omiya auch schon gesehen, oder? Da war sie allerdings beige mit roten Streifen. In weiß sieht sie aber auch fesch aus.

Umeko Das ist ein KuHa 489, und damit nicht ganz das gleiche wie die 161er Serie aus Omiya. Der Zug hier in Kyoto ist in der Sonderlackierung der Hakusai gehalten.

Der KuHaNe 581 hingegen ist kein Triebwagen, sondern nur der Steuerwagen eines Triebzugs. Er gehörte ursprünglich JRWest und war in Osaka stationiert. Die Lackierung in blau-beige wurde allerdings erst hier wiederhergestellt. Die Serie selbst war tatsächlich noch bis 2017 im Einsatz.

Minako Züge müssen echt lang halten, wenn man bedenkt, dass sie wirklich täglich im Einsatz sind.

Ich wollte erst sagen, dass das hier ein Shinkansen ist, aber die Nase ist irgendwie sonderbar.

Umeko Es gab viele unterschiedliche Bauformen, seit die ersten Shinkansen Ende der 60er auf die Strecke gingen. Aus diesem Museum und dem in Omiya hast du vor allem die Serien 0 und 200 vor Augen, während wir mit der Serie 700 hergekommen sind. Das hier ist ein Serie 100 Modell. Die Serie 100 kam nach der Serie 200 auf den Markt – eine Besonderheit, die der Art geschuldet ist, wie die Shinkansen durch-nummeriert wurden: Shinkansen östlich von Tokyo hatten gerade Nummern, also 0 und 200, während jene westlich von Tokyo ungerade Nummern bekamen – eben zum Beispiel die Serie 100.

Minako Oder die Serie 700, die uns hergebracht hat. Wir sind doch westlich von Tokyo, oder?

Umeko Sind wir, Schatz.

Minako Und wie immer möche ich es am liebsten alles mal selbst ausprobieren.

Umeko Heute nicht, Schatz. Es sind einfach zu viele Schulklassen im Museum, und die werden hier in einem straffen Zeitplan durchgepeitscht.

Minako Das ist einfach ungerecht!

Umeko Beschäftigen wir uns lieber mit der Sicherheit – Eisenbahnen bestehen ja nicht nur aus den Zügen, die auf Schienen fahren.

Minako Die Japaner haben bei ihren Signalen viel Inspiration bei den Amerikanern gesammelt. Das Signal in der Mitte, das drei senkrechte weiße Lichter zeigt, ist zum Beispiel ein US-amerikanisches Search Light. Es zeigt an, wie die kommende Weiche liegt.

Umeko Sehr gut. Was weißt du noch, zum Beispiel über Blocksignale?

Minako Superkurzfassung, um die Leser nicht zu langweilen: ein Block ist ein Abschnitt auf der Schiene, der auf beiden Seiten durch Signale begrenzt wird. In einem Block darf unter normalen Umständen immer nur ein Zug herumkurven. Es gibt einen Haufen unterschiedliche Systeme, aber eins haben sie alle gemeinsam: ein rotes Signal bedeutet, der Block dahinter ist belegt, ein grünes Signal bedeutet, er ist frei und ein Zug kann hineinfahren. Und danach müsste ich dann schon auf Fahrstraßen eingehen, und das will nun wirklich keiner wissen.

Umeko Das würde ich so jetzt nicht pauschal behaupten. Immerhin gab es Fahrstraßen auch schon, als Weichen und Signale noch mit Muskelkraft bewegt werden mussten. Fahrstraßen legen einfach einen Weg fest, den ein Zug nehmen wird, und die Signale verhindern dann, dass ein anderer Zug in diese Fahrstraße einfahren kann.

Minako Sehr vereinfacht gesagt. Und nein, wir wollen keinen längeren Vortrag. Wirklich nicht. Diskutier das mit Herrin.

Es regnet immer noch. Wirklich trübe Aussichten für Ausflüge zu den Tempeln.

Umeko Wir schauen morgen mal, wie sich das Wetter weiter entwickelt. Fürs erste gehen wir mal essen. Kyoto ist schließlich die Heimat eines bestimmten Gerichtes, das du so liebst: Okonomiyaki!

Minako Ohmeineherrin, das ist genau, was ich nach diesem Tag brauche. Danke, Ume-chan!

Itadakimasu!

Umeko Lass es dir schmecken, Schatz. Wir beenden das Tagebuch für heute ohnehin; es ist eigentlich alles gesagt. Den Lesern wünsche ich eine angenehme Nachtruhe, und wir sehen uns dann morgen zu Tag 9 wieder. Sayounara!