Minako Ohaaaaaa~you, Minato-ku!

Umeko Und auch von mir wie jeden Tag einen herzlichen Guten Morgen.

Minako Also, Herrins Reisebegleitung ist bereits zu seinem Solo-Trip aufgebrochen. Wo gehen wir heute hin?

Umeko Wir nehmen die Toei Oedo ab Daimon (E20) und fahren bis Kiyosumi-Shirakawa (E14). Viele Museen und Geschäfte haben leider montags geschlossen, aber Steffi hat uns gestern einen heißen Tipp gegeben:

Das Fukagawa Edo Museum hat nämlich heute geöffnet. Also lass uns ein bisschen was über das Leben in der Edo-Periode lernen.

Minako Ich hoffe nur, dass es dort mehr gibt als Tafeln mit ewig langen Texten, vielleicht noch in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Geschichte finde ich persönlich immer etwas sperrig in Museen.

Umeko Das ist hier ein kleines Bisschen anders. Hier wurde ein kompletter Abschnitt der Stadt nachgebaut, nach den offiziellen Plänen und Dokumenten von…

Minako NEKO! … entschuldige, fahr bitte fort.

Umeko Dieser Raum enthält einen Ausschnitt aus Fukagawa, wie es in der Edo-Epoche aussah. Und das beste ist: Du darfst alles anfassen und ausprobieren. Die einzige Regel – außer der offensichtlichen – ist: Schuhe aus!

Minako Zum Glück sind meine bei den Wechselhänden.

Umeko Der linke Teil stellt das Händlerviertel dar. Diese Straße war öffentlicher Bereich, im Gegensatz zu den Wohnquartieren. Sie führt zum Fluss hinunter; ganz dahinten kannst du das Stadttor – mangels eines besseren Begriffs – erkennen. Links der schwarze Bottich mit dem Dach ist ein Feuerlösch-Brunnen.

Minako Die Häuser sind alle aus Holz. Da gab es sicher viele Feuer.

Umeko Es gibt Aufzeichnungen über mehr als 1 000 Feuersbrünste. Teilt man das durch die Länge der Epoche, kommt man auf etwa fünf Feuerstürme im Jahr. Der verheerendste kostete etwa ein Fünftel der Bewohner das Leben. Von oben hast du hinten rechts den hohen Turm sicher bemerkt. Der gehörte zur Feuerwehr. Er ist höher als alle Gebäude im Viertel, sodass man von dort oben immer sehen konnte, wo das Feuer war. Außerdem gab es eine Glocke, um Alarm zu schlagen.

Minako Das hier ist die Händlerstraße, hast du gesagt? Dann ist das hier wohl ein Gemüsehändler? Ich sehe Rettich, Pilze, Spinat, Mohrrüben und … was immer das hier ist.

Umeko So eine Art japanischer Birne.

Zum Handwerkszeug der Händler gehörte natürlich auch ein Abakus, außerdem hatten sie eine kleine, verschlossene Holzkiste, in der sich das Geld befand.

Minako Praktisch. Wenn es zu einem Feuer kam, konnte man die einfach unter den Arm nehmen und flüchten. Aber sag mal, was sind das für dicke Bücher da an der Wand?

Umeko Händler gaben oft auch Kredite aus. Die Schuldner wurden in diesen Büchern vermerkt, und einmal im Jahr wurde das Geld eingetrieben.

Der Ofen wurde mit Holzkohle befeuert und mit Flint entzündet. Heißes Wasser diente dazu, Tee zu machen. Das quadratische Kästchen davor ist für die Tabakspfeifen, die ebenfalls mit Holzkohle entzündet wurden.

Minako Der Reishändler war sicher ebenfalls ein reicher Mann.

Umeko Reis war schon damals das wichtigste Nahrungsmittel und stellte die Basis für alle drei Mahlzeiten dar. Konservativ geschätzt verspeiste jeder Bewohner drei dieser großen Reisballen hier im Jahr – jeder Ballen wiegt 60 Kilogramm! Die einseitige Nahrung hatte allerdings auch Nachteile: der durchschnittliche Japaner war mit etwa einem Meter sechzig sehr klein.

Minako Das Lagerhaus für den Reis ist als einziges Gebäude nicht aus Holz sondern aus einer Art Beton. Und die Wände sind richtig dick, das sind mindestens dreißig Zentimeter.

Umeko Da Reis so wichtig war, wurden besondere Vorsichtsmaßnahmen getroffen, ihn zu schützen, falls es zu einem Feuer kam. Nur so ließen sich Hungersnöte nach der Katastrophe verhindern.

Wir kommen jetzt übrigens in den Uferbereich des Kanals. Der diente früher vor allem dem Transport von Baumstämmen zu den Sägewerken im Osten. Aber der Kanal lieferte auch Muscheln für den Speisenplan, und generell spielte sich hier ein großer Teil des öffentlichen Lebens und der Arbeit ab.

Minako Kein Wunder dass es hier diese kleinen Stände gibt, an denen Reisgerichte und Sake verkauft werden.

Umeko Es gibt hier auch ein Restaurant, aber dort war das Essen natürlich etwas teurer.

Minako Die hier kenne ich aus Mulan. Das sind Glücksgrillen. Die wurden hier wohl verkauft, und die Menschen liebten wohl auch das Geräusch.

Also, der Kanal spielte eine wichtige Rolle.

Umeko Er ist Bestandteil eines umfangreichen Netzes aus Kanälen, die das Stadtgebiet durchzogen. Er transportierte Holz für die Sägewerke, außerdem wurde er mit diesen Barken beschifft, auf denen allerlei Güter transportiert wurden, und zu guter Letzt fand man hier Meeresfrüchte für den Markt.

Minako Das hier ist die erste größere Fläche, die ich sehe. Und sie ist am Fuß des Feuerwehr-Turms.

Umeko Der Platz verhindert, dass Feuer auf den Turm übergreifen können, wenn es in der Stadt brennt. Im Gegensatz zum Lagerhaus für Reis muss er nicht zentral stehen, man muss von seiner Spitze aus nur das ganze Viertel überblicken können. Dass dieser Platz eine Schutzzone war, heißt aber nicht, dass er nicht genutzt wurde. An dem Stand dort rechts wurden Tempura verkauft, die frisch aus der Bucht gefangen wurden, und im Hintergrund ist ein öffentlicher Rastplatz für Reisende.

Hier bekam man Tee und konnte eine Pfeife rauchen und sich etwas ausruhen. Der Tee war vergleichsweise erschwinglich und kostete den Gegenwert von etwa einhundert Yen. Besonders oft waren hier die jungen Arbeiter anzutreffen, weil häufig hübsche Mädchen die Bedienung übernahmen.

Minako Hübsche Mädchen wie du, Ume-chan?

Umeko Ach, nicht doch!

Die Wohnhäuser hatten alle nur einen Raum, und mehr als vier Fünftel von ihnen waren Mietshäuser. Die Miete berechnete sich dabei nach der Grundfläche, und die wiederum leitete sich von den tatami ab, die auf dem Boden lagen. Das typische Wohnhaus hatte eine Fläche von vier-einhalb tatami für den Wohnbereich und anderthalb tatami für Eingang und Küche.

Minako Das heißt, dieses Haus gehörte einem wohlhabenderen Bewohner. Darauf deutet ja auch die Einrichtung hin. Neben dem Hausschrein sehe ich einen Spiegel für die Ehefrau sowie den Sichtschirm für die Schlafstelle. Keine Toilette, allerdings.

Umeko Seine Notdurft verrichtete man damals in öffentlichen Toiletten. Die Fäkalien wurden dann an die Bauern verkauft, die damit ihre Felder düngten. Fast alles wurde in Edo wiederverwertet: Alte Stoffe wurden zum Ausbessern von Gewändern genutzt, Reisstroh ließ sich zu großartigen Regenmänteln verarbeiten, aus Muschelschalen und zerbrochenem Porzellan wurde Zement oder Bauland im Meer, und die Asche der Feuerstellen wurde benutzt, um Säuren zum Beispiel in den Färbereien zu neutralisieren.

Minako Praktisch – so eine Art antikes Upcycling.

Hier wohnte wohl auch jemand bedeutendes. Das Haus ist größer, und ich sehe ein Buch.

Umeko Das ist das Haus des Shamisen-Lehrers. Seine Frau unterrichtete die Kinder des Viertels im Lesen, Schreiben und Rechnen, sodass sie später eine gute Stelle bekamen. Die Alphabetisierung lag schon damals bei über achtzig Prozent. Das erstaunte Perry, als er mit der Schwarzen Flotte eintraf, so sehr, dass er gesagt haben soll, das japanische Volk könne man nicht unterwerfen. Große Teile der westlichen Welt waren zu der Zeit noch von Analphabetismus geprägt.

Minako Und das ist dann wohl der öffentliche Brunnen.

Umeko Ja, aber das Wasser war durch die nahe See von so geringer Qualität, dass Händler das gute Trinkwasser aus dem Landesinneren hierher transportierten und für gutes Geld verkauften. Wasser aus diesem Brunnen wurde eigentlich ausschließlich für die Wäsche genutzt.

Minako Und was ist unter den Holzbohlen in der Straßenmitte?

Umeko Ein Abwassersystem. Schmutzwasser und Unrat flossen unter diesen Holzplatten hindurch und geradewegs in den Kanal.

Minako Eine saubere Sache!

Umeko Neben den öffentlichen Toiletten ist dieser Schrein die letzte Station, die wir im Museum besuchen werden. Er ist dem berühmten Inari-Schrein in Kyoto nachempfunden. Die Gottheit hat die Gestalt eines Fuchses – darum die Fuchsstatuen.

Minako Inari… Das ist dieser total bekannte Schrein mit den hunderten torii im Wald, richig? Der muss damals schon irre wichtig gewesen sein; in den Hausschreinen habe ich auch immer wieder Fuchsfiguren gesehen.

Umeko Wo wir nun am Ende unserer kleinen Tour angekommen sind, sollten wir aber auf jeden Fall unserem Tour-Guide danken, einem älteren Freiwilligen, der es sich nicht nehmen ließ, uns in einer Privatführung jedes Detail zu zeigen und zu erklären.

Minako Das stimmt, die drei Stunden vergingen durch seine Erzählungen wirklich wie im Flug, und die Geschichte wurde richtig lebendig. Aber wie geht’s jetzt weiter?

Umeko Mit der Hanzomon zunächst bis Kinshicho (Z13), und dann mit der Chuo-Sobu nach Akihabara (JB19). Herrin will Ersatzteile für uns kaufen und – Heeeeh! Mein Kimono!

Minako Scheint so als wolle Herrin dich auch neu einkleiden.

Umeko Nun hör schon auf zu kichern.

Minako Und?

Umeko Ungewohnt.

Minako Na dann. Zurück ins Hotel?

Umeko Mit einem kleinen Umweg über Harajuku. Herrin will noch einmal Alice on Wednesday besuchen. Ich sehe aber keinen Grund, wieso wir uns nicht schon einmal verabschieden sollten.

Minako Und was steht dann morgen an?

Umeko Nachdem immer noch ernste Unwetterwarnungen bestehen, machen wir das besser vom Wetter abhängig. Bis dahin sollten wir uns aber ausruhen, denn es geht sicher mit vielen Fußmärschen einher.

Minako Na dann, bis morgen, liebe Leser!

Umeko Sayounara, minna!