Minako Ohaaaaaayou, Minato-ku!

Umeko Der Anime hat’s dir ja echt angetan, wie es scheint. Ich muss dich aber enttäuschen, nach Miyakejima fahren wir in den zwei Wochen nicht, denn auch wenn es auf der Insel einen aktiven Vulkan gibt, man muss die Nachtfähre ab Tokyo nehmen und ist mehrere Stunden auf dem Schiff.

Minako Das macht fast gar nichts. Dafür geht’s heute schließlich ins Ghibli-Museum. Unsere Pingu-Route: Mit der Yamanote bis Tokyo (JY01) und dann mit der Chuo Rapid bis Mitaka (JC12). Von dort kann man zwar den Katzenbus nehmen, aber wir sind dann doch mal klimaneutral zu Fuß unterwegs.

Umeko Während wir die knapp anderthalb Kilometer bezwingen, nehme ich es auf mich, die Leser schon einmal vorzuwarnen, dass im Museum selbst fotografieren verboten ist.

Minako Macht aber nix. Das Wetter ist so trübe, dass selbst Außenaufnahmen einiges zu wünschen übrig lassen, und da Herrin jetzt auch noch technische Probleme hat… Na ja, wir wollen es euch nicht vorenthalten, ihr freut euch ja drauf.

Minako Die Außenansicht lässt jedenfalls schon einmal Gutes erhoffen. Ein Bisschen Hundertwasser, ein wenig Verwunschenes Schloss und ganz viel Phantasie auf engstem Raum.

Umeko Die Sonne steht eigentlich ziemlich schlecht für vernünftige Bilder: Genau hinter dem Museum und dem Giganten auf dem Dach. Das lässt die Qualität der Bilder zwangsläufig leiden, weil man ständig ins Gegenlicht fotografiert.

Minako Sei nicht so streng mit Herrin. Auf manche Dinge hat man eben keinen Einfluss. Gehen wir lieber zum Eingang, ehe die Menschenmassen eintreffen.

Umeko Das Kontingent der Karten für jeden Tag ist streng limitiert, und das ist auch wirklich notwendig. Das Haus ist innen eng und verschachtelt, und es gibt so viel zu sehen, dass die Besucher sich in den einzelnen Räumen sehr lang aufhalten. Das gilt umso mehr, wenn man die Sprache versteht, denn fast alle Exponate sind auf japanisch beschriftet.

Minako Es sind auch viele Schulklassen hier. Ich habe jetzt schon zwei Klassen mit jeweils mindestens vier Betreuern gesehen. Wie alt mögen die Kinder sein? Sechs, sieben Jahre?

Umeko Hier ist deine Eintrittskarte, Schatz. Pass gut drauf auf.

Minako Eigentlich ist die für das Kino – aber die Idee mit dem Filmstreifen ist schon sehr cool. Komm, wir funktionieren Herrins Mobiltelefon mal kurz in einen Leuchttisch um, dann kann man die Bilder besser sehen.

Die Armen, so hinter Glas und Gittern zusammengepfercht.

Umeko Die sind das doch gewohnt, im Keller zu leben, wo der Kessel steht.

Minako Na ja, richtig ist das trotzdem nicht, finde ich. Aber ich vertraue dir mal. Gehen wir also rein?

Umeko Ja, und während du den Lesern erzählst, was sich im Inneren abspielt, streuen wir ab und an mal Fotos von Außen ein. Einverstanden?

Minako Klingt gut. Also, die Ausstellung besteht aus acht Teilen. Im Erdgeschoss befindet sich das Kino, außerdem wird hier erklärt, wie die Bilder das Laufen lernen. Ein schneller Galopp durch die Geschichte des Films, vereinzelt auch immer zum Mitmachen. Selbst ohne Sprachkenntnisse lernt man hier, wie im Kino unsere Augen ausgetrickst werden, um aus vielen Einzelbildern einen Film zu machen. Auch der Aufwand lässt sich hier schon erahnen, der hinter den Animes von Ghibli steckt.

Umeko Deutlicher wird das im ersten Stock, in der Dauer-Ausstellung „ein Film entsteht“. Die Ateliers und Arbeitsplätze der Zeichner sind hier detailliert nachgebildet. Die Ära liegt irgendwo zwischen Totoro, Porco Rosso und Kikis Kleinem Lieferservice; die meisten Motive handeln von diesen drei Filmen und von Mononokehime.

Minako Dieser Teil der Ausstellung gefällt mir sehr gut. Alles wirkt so lebendig, mit den vielen Notizen an den Wänden, den Regalen voller Referenz-Büchern zu allen möglichen Themen, den Pantone-Feldern für die Farben, den kleinen Modellen und gesammelten Schätzen… Sogar an benutzte Teebecher und Aschenbecher voller Zigarettenstummel haben die Kuratoren gedacht. Alles ist zwar inszeniert, aber es atmet Leben, als sei hier erst gerade eben einer der großen Ghibli-Filme abgeschlossen worden.

Umeko Die zweite Ausstellung hier oben widmet sich diversen Detail-Elementen im Entstehungsprozess. Das hier zum Beispiel ist eine ganze Sektion über die Darstellung von Wasser im Ghibli-Film.

Minako Es ist unglaublich, wie viel Arbeit alleine in dieses Element fließt. So viele Ebenen für Blasen, Schatten, Wellenmuster, Pflanzen und all die kleinen Details, die dann auf der Leinwand nur wenige Sekunden dauern – und jede Ebene hat eigene Cels.

Umeko Als Cel bezeichnet man übrigens eine Folie aus dem Folienstapel, der zusammen einem Bild in einem fortlaufenden Film mit fast dreißig Bildern in der Sekunde entspricht.

Minako Das Museum geht ja nur auf den Entstehungsprozess so ungefähr während der Neunziger ein. Wie ist das eigentlich heute?

Umeko Ich könnte dir jetzt natürlich einen Vortrag über Key Frames und Inbetweenern halten. Aber wenn dich das wirklich interessiert, können wir zuhause eigentlich auch Kurumi gucken. Das zeigt ja das Leben einer Neueinsteigerin im Business und welche Schritte es so braucht.

Minako Na gut. Wenn ich mich hier so umsehe, fällt übrigens auf, dass einige Ghibli-Filme mehr vertreten sind als andere. Porco Rosso ist wie erwähnt stark dabei, auch Kikis Kleiner Lieferservice, Totoro und Mononokehime. Vereinzelt habe ich auch Laputa, Sen to Chihiro und Die Letzten Glühwürmchen gesehen. Dafür fehlen von Nausicaä, Arietty oder all den „Alltags“-Ghiblis jede Spur, oder täusche ich mich?

Umeko Bei so vielen Filmen und so begrenztem Raum muss man zwangsläufig eine Auswahl treffen, und die liegt bei den Kuratoren vielleicht anders als wir das im Westen wahrnehmen. Es ist ja auch durch die Rezeption in Japan geprägt, was für das Museum wichtig ist.

Minako Herrin freut sich jedenfall über die vielen Bilder von Lady Eboshi, der Herrin der Eisenschmiede aus Mononokehime. Aber war die denn nicht eher auf Seiten der Bösen?

Umeko Ghibli handelt kaum in Absoluten, so wie zum Beispiel Disney. Lady Eboshi hatte die richtigen Intentionen, immerhin gewährte ihre Schmiede den Kranken, Schwachen und Geächteten eine Zuflucht, und das will finanziert werden. Ihre Wahl der Mittel war fragwürdig, und dafür musste sie einen hohen Preis bezahlen.

Minako Dritter Stock. Museums-Shop und Kinderparadies mit Leseecke.

Umeko Können wir auslassen. Was du hier kaufen kannst, kriegst du auch in all den Ghibli-Stores im Stadtgebiet.

Minako Herrin hat ja eh keinen einzigen Yen, den sie ausgeben könnte. Und außerdem wird’s langsam wirklich voll. Kaum zu glauben, dass das nur zweihundert Leute sein sollen. Was machen wir dann jetzt?

Umeko Der Inokashira-Zoo ist in der Nähe. Aus tier-ethischen Gesichtspunkten sind die Haltungsbedingungen dort zwar alles andere als ideal, aber die meisten Tiere dort sind in Japan heimisch. Du kriesgst also einen recht guten Überblick über das Wildleben in Japan.

Minako Schade nur, dass die Käfige alle so engmaschig sind. Da kann man die Kamera einstellen, wie man will, man kriegt immer nur das Gitter scharf. Dabei waren die kleinen Fenneks so putzig.

Umeko Ansonsten gibt’s eigentlich gar nicht so viel zu berichten vom ersten richtigen Tag in Japan. Ich mein, ihr merkt’s ja selber, liebe Leser, wir sind noch nicht so richtig im Urlaubsmodus.

Minako Liegt aber auch an der Kombination aus Jetlag und Schlafmangel, denn Herrins Begleiter hat ganze Regenwälder abgeholzt. Wenn du selbst trotz Meditation drüber nachdenkst, jemanden mit dem Kopfkissen zu ersticken, und dann vielleicht drei Stunden Schlaf kriegst, dann ist das Hirn halt nicht zu mentaler Höchstleistung fähig.

Umeko Ich stimme dir zu, im Vergleich zu den letzten beiden Malen kommt Herrin einfach nicht in den richtigen Rhythmus. Aber ich sehe auch den Silberstreif. Wir sind erst am Ende des ersten Tages angekommen. Da ist noch massiv Luft nach oben. Ist natürlich Schade, weil das Ghibli-Museum darunter etwas gelitten hat, aber auf den Tag, an dem man ein Ticket kriegt, hat man leider wenig Einfluss.

Minako Ja, ich stimme dir zu, wir kommen bestimmt noch in Schwung, spätestens wenn…

Umeko Schatz!

Minako Huch, jetzt hätte ich mich fast verplappert! Na ja, wir sind ja auch müde. Wir machen für heute also Schluss, und morgen schaffen wir dann hoffentlich etwas mehr Struktur in diesen Bericht. Gibt es schon einen Plan?

Umeko Ja, aber er ist wenig spektakulär: Harajuku und danach ein wenig leichtes Bummeln. Die Kamera ist da natürlich wieder dabei, und hoffentlich hat dann auch der Bericht etwas mehr Struktur als dieses unzusammenhängende Chaos. Ansonsten zeigen wir die Handy-Bilder von der Nachtwanderung, die waren ganz nett. Und überhaupt: Wir haben jetzt mobiles Internet auf Herrins Mobiltelefon. Das wird einiges vereinfachen und neue Möglichkeiten bieten.

Minako Und wie ich Herrin kenne, wird sie auch diesen Bericht nachbearbeiten. Sie ist eine unverbesserliche Perfektionistin. Also, freut euch einfach auf mehr, in Ordnung? Bis morgen!

Umeko Und schlaft gut – oder wenigstens besser als wir.