Unmutter

Als wir unseren Planeten endlich so weit ruiniert hatten, dass die Schäden nicht mehr zu leugnen, die Folgen nicht mehr zu vertuschen waren, als die Mächtigen dieser Welt uns im Dreck sitzen ließen und in ihren Vaults verschwanden, nur um nie wieder aus ihnen empor zu steigen, als schwere Unwetter, Hitzewellen und Sandstürme unseren Fortschritt zu Trümmern zerrieben und nichts zurück ließen als Ruinen, all ihrer Annehmlichkeiten beraubt, als auch die letzte saubere Quelle versiegt oder ungenießbar geworden war von den in ihrem Wasser gelösten Salzen und Schwermetallen, dachten wir alle, dachten unsere Vorfahren, dass wir den tiefsten Punkt in der Geschichte unserer Spezies, unserer Zivilisation erreicht hatten.

Dies waren die letzten Tage, der einstmals strahlende Chor, der von unseren Taten berichtete, reduziert auf ein jammerndes Heulen, der Abgesang all unserer Errungenschaften. Wir hatten den Grund erreicht, schlimmer konnte es nicht kommen, von hier ausgehend konnten wir unsere Welt wieder aufbauen, etwas neues, größeres, niemals dagewesenes schaffen, die Menschheit zum Phönix unter der ewig brennenden Sonne machen, die aus der Asche auferstand, auf den Gebeinen all jener Spezies, die wir auf dem Weg zu unserem Ende ausgerottet hatten.

Wir bildeten Clans. Wir führten Kriege um das wenige, was noch verblieben war. Wasser. Nahrung. Waffen. Energie. Wissen. Wir gründeten neue Siedlungen, wo die geänderten Bedingungen unserer Umwelt uns einen fruchtbaren Fleck versprachen. Wir eröffneten Handelsrouten. Wir verhandelten mit den Nachbarn und führten Kämpfe gegen sie, um sie auszurotten oder zu unterwerfen. Wir brachen die Vaults der einstmals Mächtigen auf und plünderten, was noch nicht verdorben, töteten, wo noch Leben vorhanden war. Wir waren Barbaren, reduziert auf das essenzielle. Wir klammerten uns an das wenige Leben, das uns verblieben war. Stagnation, die Illusion von Stabilität.

Doch es kam schlimmer. Die Strahlung der Sonne und die Strahlung der gebändigten Kernkraft fraßen an unseren Genen, zerstörten die biologischen Programme, die unser aller Fortbestand sicherten, die wir seit undenklichen Zeiten weitergaben, von unserer Generation an die nächste, von der letzten Generation an unsere. Die Krankheiten, die in unseren Reihen tobten, als unsere Zivilisation zusammenbrach, waren schlimm, aber sie waren nicht zu vergleichen mit den Schrecken, die der in unseren Zellen, im Innersten aller Dinge tobende Kampf gegen die ständigen Mutationen mit sich brachte. Viele starben an alten und neuen Erbkrankheiten oder gingen qualvoll an Krebs zugrunde, der uns alle auffraß, die einen mehr, die anderen weniger. Ohne sauberes Wasser, ohne gesunde Lebensmittel und ohne medizinische Versorgung kämpften unsere Körper eine aussichtslose Schlacht gegen den unsichtbaren Feind, der unsere Körper selbst waren.

Und dann wurden wir weniger. Nicht weil die Krankheiten, die Mängel, die Naturkatastrophen oder die verzweifelten Kämpfe ums Überleben uns aufrieben. Sondern weil das ständige Bombardement harter Strahlung uns langsam unfruchtbar machte. Zuerst fiel es nicht auf, und bis sich in dem Chaos jemand fand, der noch genug Ahnung von Wissenschaft hatte, um die Teile zu einem Bild zusammenzusetzen, war es beinahe zu spät.

Wir erfanden Wege, die wenigen von uns zu schützen, die den Fortbestand unserer Spezies sichern konnten. Und während die Männer wie so oft in unserer Geschichte mit einer eher geringen Beeinträchtigung ihres Komforts und ihrer persönlichen Freiheit davon kamen, waren es wie üblich die Frauen, die unter der Situation am meisten zu leiden hatten. Wir gaben den Maschinen niemals einen Namen, sie blieben autonome Parasiten, eine weitere menschgemachte Gefahr im Ödland, die all jene für immer zeichnete, die noch Kinder gebären konnten und in den Ruinen in flüchtiger Freiheit lebten. Transformierte sie in widernatürlichster Form, verwandelte ihre Bäuche in gläserne Kuppeln, die dem heranwachsenden Baby und den Eierstöcken Schutz boten vor Gewalteinwirkung, Umweltgiften und harter Strahlung, zwangen sie zu einem Leben in ständiger Fruchtbarkeit, hielten stets eine neue Eizelle bereit, für den Fall, dass ein zeugungsfähiger Mann mit ihnen Geschlechtsverkehr hatte, erzwangen einen ständigen Strom von Muttermilch. Reduzierten die Frauen auf die Funktion eines Automaten, dessen einzige Aufgabe es war, Babys in die Welt zu setzen.

Clan-Herrscher zahlten hohe Kopfgelder für die sogenannten Verlorenen Mütter. Nicht in klingender Münze, sondern in Wasser, in Treibstoff oder in Munition. Sie bewachten die Frauen, horteten sie in Harems, zusammen mit einigen Männern, die fähig waren, Kinder zu zeugen. Es gab einen neuen Rohstoff, den es zu jagen galt und um den es sich Kriege zu führen lohnte. Wer die Verlorenen Mütter kontrollierte, kontrollierte die Zukunft der Menschheit, kontrollierte die Stärke seiner Armeen, die Menge seiner Arbeiter, seine eigene Erbfolge. Wer die Verlorenen Mütter kontrollierte, hatte Macht.

Vielleicht fürchten sie darum alle die Unmutter. Wispern ihren Namen hinter vorgehaltener Hand. Sie hat das Undenkbare getan, hat ihren eigenen Körper vergiftet, nachdem sie zu einer Verlorenen Mutter wurde, und so ihre Fruchtbarkeit zerstört. Sie hat Verrat begangen an den Menschen und ihrem Recht auf Zukunft. Wenn ihre Wahl sich verbreitet, wenn andere Verlorene Mütter auch wählen, dann bleibt auf der Erde nichts mehr. Sie beseitigen ihre Spuren, wo sie sie finden, die auf der Seite liegende Acht, das Unendlichkeitssymbol. Ouroboros, die Schlange, die sich selbst beißt. Der Endlosknoten skandinavischer Mythologie. Zwei pralle Brüste. Verbergen, dass es sie gibt, leugnen, dass nicht zu gebären eine Form von Freiheit ist, die erstrebenswert ist, wenn man doch stattdessen Leben schenken kann, Leben für die Zukunft aller, für das große Ziel. Bieten gleichzeitig alles, was ein Mensch sich erträumen kann, für ihren Kopf. Sie glauben, dass man das Signal stoppen, den Status Quo aufrecht erhalten, das Wissen auslöschen kann. Sie glauben, dass die Menschen ihre Lügen über die Unmutter glauben, wenn sie sie nur lange genug wiederholen, laut genug in die Wüste hinaus brüllen. Dass die Unmutter zur verhassten Täterin wird und sie selbst zu den Opfern. Dass die Unmutter verschwindet, zu einem Schatten wird wie die Spuren der Alten Welt.

Sie haben Unrecht.

Prolog zu meiner Fingerübung „Unmutter“, Post-Apocalyptica in Nordeuropa. Ähnlichkeiten zu meiner Kurzgeschichte „Fleischmaschinen“ sind sicherlich kein Zufall.

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