Briefe aus Tokyo, Finale (11.11.15)

Umeko: Konban wa, liebe Leser, und herzlich Willkommen zu unserem Reisebericht vom zehnten und letzten Tag aus Tokyo.

Minako: Ume-chan, sag doch bitte nicht so furchtbare Dinge. Sag mir lieber, womit wir uns heute von unserem Abschiedsschmerz ablenken.

Umeko: Also, wir werden sicher noch ein letztes Mal die Geschäfte unsicher machen und auch einen letzten Okonomiyaki essen gehen. Aber vorher steht eine Fahrt nach Ome an.

Minako: Wir sind hier so weit draußen, dass die Minako Line nur noch mit vier statt elf Waggons fährt. Also, was gibt es hier? Wandern wir?

Umeko: Gewandert bin ich hier vor drei Jahren tatsächtlich, rund um den Mitakesan. Aber heute geht’s nur in ein weiteres Eisenbahn-Museum.

Minako: Das wirft zwei Fragen auf. Erstens, willst du mich verkohlen? Und zweitens, wie haben die komplette Züge diese Hügel hinauf bekommen? Gibt’s da einen Schienenanschluss?

Umeko: Zu deiner ersten Frage: Nein, das ist mein Ernst, aber es ist auch nur ein kleines Museum, wir sind vor allem wegen der Landschaft hier. Und zur zweiten Frage: Warte es ab.

Minako: Ist ja schon echt schön hier. Nicht ganz so einsam wie der Takao-san, aber auch kein Stadtgebiet. Aber selbst hier gibt’s Hochhäuser.

Umeko: Darum kommst du nicht herum. Japan ist ein kleines Land. Was denkst du, wieso sie mit gomi künstliche Inseln aufschütten. Oh! Gib auf die Spinne acht!

Minako: Verdammt, ist das ein riesiges Viech! Das Foto müssen wir aber hinter einen Spoiler packen.

ACHTUNG!!! Es folgt ein Spinnenfoto! Öffnet diesen Link nur, wenn ihr glaubt, damit klar zu kommen! Ihr seid gewarnt!

Umeko: Minako, du bist weiß wie die Wand. Hast du Arachnophobie?

Minako: Nein, geht schon, es ist nur… Ugh, zum Glück gibt’s auch schöne Blumen in diesem Land.

Umeko: Dieser Friedhof ist auch sehr hübsch. Schau nur, wie er sich in den Hang schmiegt und den Berg hinauf schwingt.

Minako: Das ist ziemlich faszinierend. Oh. Ich glaube, ich kann das Museum hören.

Umeko: Wie du siehst, gibt es hier vor allem Dampfrösser. Aber auch diesen Shinkansen hier, in den man rein darf.

Minako: Du schuldest mir aber immer noch eine Erklärung. Ich sehe hier nirgends einen Gleisanschluss. Also wie ist der Shinkansen auf den Berg gekommen?

Umeko: Die meisten Lokomotiven haben sie in Unterbau und Aufbau zerlegt und dann auf Sattelschleppern den Berg hinauf geschafft und mit Kränen zusammengesetzt. Beim Shinkansen war es etwas anders, da haben sie die Drehgestelle gelöst und den Wagenkasten auf Selbstfahrer gesetzt. Danach ist er selber den Berg hinauf gefahren und wurde hier auf die Drehgestelle zurückgehoben.

Minako: Okay, ich gebe zu, Ome war schön, aber das hier ist noch schöner. Ein torii, richtig?

Umeko: Ja, es gehört zum Meiji Jingu, einem Schrein in Harajuku. Wir sind gar nicht weit von der Brücke entfernt, auf der sich sonntags immer die Cosplayer tummeln. Aber es ist Mittwoch, also gehen wir lieber in den Schreingarten.

Das ist das Teehaus, in dem immer noch gelegentlich Teezeremonien abgehalten werden. Aber heute ist es mal wieder geschlossen, wie’s aussieht.

Minako: Schade. Das hätte ich mir zu gerne angesehen.

Aber die Seerosen sind wunderschön.

Umeko: Wir sind leider etwas zu spät gekommen. In diesem Garten gibt es einige Bereiche, die der Zucht seltener Pflanzen gewidmet sind. Ich wundere mich, dass wir überhaupt noch Seerosen zu sehen bekommen. Normalerweise sind sie im November bereits im Winterquartier.

Minako: Ich bekomme gerade ernsthafte Flashbacks zu Crimson Butterfly. Ein uralter Waldweg, ein abweisendes Hinweisschild und zwei Mädchen, die ganz alleine unterwegs sind, während es dämmert. Rieche nur ich ein Horror-Klischee?

Umeko: Der ganze Schreingarten ist voller Touristen aus aller Herren Länder, und im Schrein selber findet gerade eine Shinto-Hochzeit statt. Also ja: Ich fürchte, du bist die einzige, die das gruselig findet.

Das ist Kiyomasas Brunnen. Du erinnerst dich sicher daran aus meinem letzten Bericht.

Minako: Unglaublich, wie klar das Wasser ist. Und auch hier hört man nichts mehr von der Stadt. Ohne die Touristen wären wir hier wirklich ganz alleine.

Umeko: Ich sag’s ungerne, Minako, aber streng genommen bist auch du „nur“ eine Touristin. Und sogar ich, meiner Wurzeln zum Trotze, bin nur als Touristin hier.

Minako: Das ist sie also? Die letzte Yamanote-Fahrt, die wir in diesem Urlaub hinter uns bringen werden?

Umeko: Ja. Aber sieh es doch auch mit einem lachenden Auge: Du hast unglaublich viel erlebt, um das dich viele Menschen beneiden werden. Ohne Herrin hättest du all das hier niemals gesehen. Das ist echt verdammt viel für zwei so kleine Puppen wie uns.

Minako: Apropos, was machen wir mit Herrin? Sie starrt schon eine ganze Weile nur auf den See.

Umeko: Geben wir ihr noch etwas Zeit. Bei unserem letzten Besuch hat sie ihr komplettes Leben überdacht. Dieses Mal wird Tokyo ähnliche Ergebnisse zeitigen. Aber das muss sie an diesem Punkt alleine lösen, da kann ihr niemand helfen.

Goodbye, farewell & amen. Es war schön hier.

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