Briefe aus Tokyo, Tag 8 (09.11.15)

Umeko: Konban wa, minna! Schön, euch alle wieder an Bord begrüßen zu dürfen, wenn wir den 8. Tag unseres Japan-Urlaubs in Angriff nehmen!

Minako: Auch von mir ein fröhliches Hallo! Heute geht’s ins Disney Resort Tokyo, richtig?

Umeko: Mit einem kleinen Umweg über Tokyo Station, wo wir in die Keiyo Line umsteigen, die uns nach Maihama bringen soll.

Minako: Es gibt, glaube ich, nur zwei Arten Menschen auf der Welt: Jene, die Disney lieben und jene, denen es eher egal ist. Zu welcher Gruppe gehörst du, Ume-chan?

Umeko: Ich habe keine sonderlich stark ausgeprägte Meinung über Disney, aber ich bin neugierig und glaube, dass du deinen Spaß haben wirst. Das reicht mir.

Auch wenn es mir durch den amerikanischen Weihnachtskitsch wirklich schwerfällt.

Minako: Da wirst du nicht drum herum kommen, du Spaßbremse. In Disneyland beginnt heute nämlich die Weihnachts-Saison, und das heißt: Kitsch as kitsch can.

Umeko: Meinen Landsleuten scheint es wenigstens zu gefallen. Und vielleicht komme ich ja auch noch in Stimmung. Wohin also als erstes, Schatz?

Minako: Na, nach hinten aus der Main Street heraus…

…und einen Blick auf Cinderellas Schloss werfen! Es ist schließlich eines der ikonischen Gebäude Disneys.

Umeko: Der Himmel sieht ziemlich bedrohlich aus. Es ist zwar warm, aber ich hoffe wirklich, es bleibt auch trocken. Lass uns lieber losgehen.

Minako: Erster Halt: Adventureland!

Umeko: Und auch hier haben sie alles auf Weihnachten getrimmt. Das wird wirklich eine Geduldsprobe in Ruhe und Sanftmut für mich.

Minako: Ach, du kannst doch gar nicht böse werden. Guckie, da hat sich ein Stitch versteckt. Huhu, Stitch!

Umeko: Lass ihn bloß in Ruhe, sonst wirst du den nie wieder los.

Minako: Lass uns ein paar der Fahrgeschäfte nutzen, solange das Volk noch bei der Weihnachtsparade auf der Main Street ist.

Umeko: Einverstanden. Aber halt dich fest. Du weißt, dass Puppen nicht gut schwimmen!

Minako: Naaaaaaants ingonyama bagithi Baba!

Umeko: Der Fairness halber: Es ist von Disney. Sonst würde ich dich jetzt bremsen.

Minako: Spaßbremse!

Umeko: Entschuldige, für mich sind es eben die kleinen Details, die diesen Besuch ausmachen. Ist dir mal aufgefallen, wie genau hier alles geplant ist? Bei Odaiba hast du dich noch beschwert, es sei dir zu künstlich.

Minako: Im Gegensatz zu Odaiba vergisst du im Disneyland aber schnell, dass die Sachen bis ins kleinste Detail durchgeplant sind. Es wirkt einfach organisch.

Guck dir zum Beispiel das Baumhaus der Schweizer Robinsons an. Natürlich ist das komplett künstlich errichtet, du kannst das Plastik sogar fühlen. Aber es wirkt alles sehr stimmig, weil Leute daran gearbeitet haben, die eine Illusion verkaufen wollten.

Umeko: Minako, ich bin aufrichtig beeindruckt.

Weihnachten macht scheint’s auch vor dem wilden Westen nicht halt.

Minako: Schade, dass Thunder Mountain und die Dampfeisenbahn gerade renoviert werden. Darauf hätte ich jetzt Lust, zumal man von der Eisenbahn echt was vom Park zu sehen kriegt.

Na gut, dann müssen wir wohl den Mississippi-Raddampfer aus Tom Sawyers Themenbereich nehmen. Das macht sicher auch Spaß.

Umeko: Schon wieder Wasser. Nun gut. Gehen wir es an.

Minako: Da hängen ja überall Rettungsringe, und du kannst auch keinen Schritt tun, ohne auf einen Park-Angestellten zu treten, also denke ich mal, wir werden es überleben.

Umeko: Endlich. Das Festland hat uns wieder.

Minako: Siehst du? Das war gar nicht so schlimm. Und zur Belohnung gehen wir jetzt in Cinderellas Schloss und gucken uns die Geschichte ihrer Inthronisation an.

Umeko: Auch hier sind die Details wunderschön. Diese Mosaike zum Beispiel sind unglaublich detailliert und erzählen Dornröschens Geschichte.

Minako: Dornröschen? Das heißt hier Cinderella, Ume-chan!

Umeko: Na gut, ehe die Disney-Polizei mich lyncht: Cinderella. Was ich sagen wollte: Weil ihr Schloss ohnehin ein künstliches Bauwerk ist, fällt nicht so ins Gewicht, dass auch das Design absolut künstlich ist. Anders als bei der Natur.

Minako: Mag schon sein, aber letztendlich geht man doch nicht ins Disneyland, weil man einen besonders schönen, natürlichen Park besuchen will.

Umeko: Wohl nicht, nein. So. Ruhe jetzt, wir werden gleich zur Königin vorgelassen.

Beide: Herrin?!

Minako: Ich bin grad unsicher, was das Protokoll verlangt: Müssen wir vor ihr knien?

Umeko: Ich hab noch nie aus freien Stücken vor ihr gekniet, ich fange sicher nicht heute damit an. Verschwinden wir lieber, ehe sie uns entdeckt.

Minako: Endlich draußen aus dem Schloss. Oha! Wir sind im Wunderland gelandet.

Umeko: Kein Wunder, dass Herrin auf dem Thron saß. Wenn man das japanische „Arisu“ außer Acht lässt, dürfte sie heute die einzige hier im Park sein, die wirklich und wahrhaftig „Alice“ heißt.

Minako: Ich kriege langsam Hunger. Können wir was essen?

Umeko: Wir können ja die freundliche Katze hier fragen. Die Wegweiser sind jedenfalls keine Hilfe.

Minako: Ob du mit der Katze wirklich so viel mehr Glück haben wirst?

Umeko: Siehst du, die Grinsekatz war doch wunderbar kooperativ.

Minako: Ich hoffe nur, sie erholt sich wieder von dem Judo-Griff, den du bei ihr angewandt hast.

Umeko: Das wird schon wieder. Iss lieber dein Dessert, das du unbedingt haben wolltest.

Minako: Ich finde ja super, dass man diese Tasse und den Kuchenteller als Andenken behalten darf und dass sie sogar Knackfolie bereithalten zum Einpacken. Das macht Disney aus.

Umeko: Schade. Es hat zu Regnen begonnen. Da müssen wir wohl die Zelte abbrechen hier im Wunderland.

Minako: Habe ich da eine Spur von Bedauern gehört in deiner Stimme? Ume-chan, hast du am Ende etwa Spaß gehabt mit all dem Glitzerkitsch?

Umeko: Nein, keinesfalls! Na gut, ein bisschen. Es ist aber auch schwer, sich diesem durchorganisierten Vergnügungs-Imperium zu entziehen. Vielleicht gucke ich sogar Mulan. Aber ein Fan werde ich eher nicht.

Minako: Das finden wir einen guten Anfang. Nicht wahr, Tinkerbell?

Umeko: Ach, Mina-chan. Es gibt so Tage, da hab ich dich echt sehr gern.

Minako: Sonst nicht so?

Umeko: Doch, sonst natürlich auch.

Minako: Endlich wieder im Hotel. Man, die Züge waren vielleicht voll, weg vom Park. Aber sag mal, hattest du auch den Eindruck, dass wir verfolgt werden?

Stitch: Meega, nala kwishta!

Beide im Chor: Aaaaaaaaaah!

Umeko: Gute Nacht, liebe Leser, und bis morgen! Halt ihn von der Kettensäge fern, Minako!

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