Briefe aus Tokyo, Tag 5 (06.11.15)

Minako: Yamanote, Yamanote, bring mich quer durch Tokyo, und die Ume ebenso.

Umeko: Konban wa, liebe Leser. Wie ihr hört, sind wir bereits auf der Reise zu unserem heutigen Ziel. In der Yamanote bleiben wir allerdings nur bis Shinagawa. Von dort aus nehmen wir die Yokosuka Line über Yokohama bis Ofuna.

Über Ofuna thront die Göttin Kuan Yin in Form einer riesigen Betonstatue. Wer meine Briefe an Minako gelesen hat, erinnert sich vielleicht, dass ich damals von hier zuerst an den Pazifik gefahren und dann über Hase und Kamakura zurückgekehrt bin.

Minako: Hier ist es schon ziemlich ländlich, das muss man schon sagen. Aber sag mal, Ume-chan, von hier aus fahren zwei Linien bis nach Kamakura, wieso steigen wir hier aus.

Umeko: Weil wir als nächstes mit der Shonan Monorail fahren. Sie bringt uns hinunter nach Enoshima, und von dort nehmen wir die Enoden Line bis zum Pazifik.

Minako: Die nehmen meinen Pinguin gar nicht an.

Umeko: Hier sind nicht alle Stationen mit der notwendigen Technik ausgerüstet. Manchmal muss sich der Zugbegleiter um das Einsammeln der Fahrkarten kümmern. Daher kannst du Herrins SUICA nicht nutzen.

Minako: Schau, Ume-chan, das Meer! Komm schon!

Umeko: Renn nicht so, Minako! Du wirst noch stolpern und ins Wasser fallen!

Minako: Dort hinten im Dunst kann man, glaube ich, den Fuji-san erahnen.

Umeko: Gesehen hatten wir ihn ja schon vom Sky Tree Tower, aber Enoshima ist erheblich näher dran.

Minako: Schade, dass es so dunstig ist. Ich hoffe, die Kamera kann das Bild einigermaßen einfangen.

Wo sind wir jetzt?

Umeko: Das ist der Kodama Shrine auf Enoshima Island. Die Insel haben wir über die Brücke erreicht, aber sie war schon vor vielen hundert Jahren besiedelt.

Minako: Diese Szene kommt mir unglaublich bekannt vor.

Umeko: Das glaube ich dir gerne. Enoshima und die Pazfikküste hier in der Gegend sind der Schauplatz der Animeserie „Tari Tari“. Herrin hat die deutsche Ausgabe von Anime House zuhause stehen.

Minako: Diese Felsen und die Schluchten sind wirklich unglaublich.

Umeko: Der Pazifik und zahlreiche Tsunami haben diese Strukturen in Jahrtausenden aus dem Fels gewaschen. Dieser Teil der Enoshima Island gilt übrigens als Sammelpunkt im Falle eines Tsunamis, denn obwohl die Insel weit in die Bucht hinaus ragt, liegt ihre Spitze über 25 Meter über der Meeresoberfläche. Bei den meisten Tsunamis bleibt sie daher trocken und bietet Schutz.

Minako: Enoshima wäre dieses Glück vermutlich nicht beschieden. Ich habe überall in der Stadt Schilder gesehen, die die Höhe über dem Meer angeben und vor der Gefahr durch Tsunamis warnen.

Umeko: Einen höheren Punkt zu suchen, hat im Falle eines Tsunamis absolute Priorität. Du erinnerst dich ja sicher an die Bilder aus Fukushima von vor drei-einhalb Jahren.

Minako: Ich kann kaum glauben, dass das schon so lange her ist.

Umeko: Ja, es ist erstaunlich, wie sehr sich ein solches Ereignis in das kollektive Bewusstsein einer Gesellschaft gräbt.

Minako: Glücklicherweise hat sich die Region wieder erholt. Schau! Ein Schmetterling!

Umeko: Sind sie nicht herrlich frei und leicht, wenn man sie nicht mit einer Nadel hinter Glas festpinnt?

Minako: Die Natur hier ist wieder wunderschön, auch wenn ich immer ein wenig Angst habe, dass mich irgendein exotisches Insekt verspeisen will. Ich hab vorhin Hornissen gesehen, die doppelt so groß waren wie die in Europa.

Umeko: Üblicherweise lassen die meisten Tiere einen in Ruhe, auch wenn hier überall Warntafeln stehen, die auf die Falken hinweisen. Sag mal, wieso zappelst du plötzlich so?

Minako: Ich müsste mal all den Kakao aus den Automaten wieder wegbringen.

Umeko: Zum Glück gibt’s fast überall in Japan kostenlose öffentliche Toiletten. Ich muss dich da allerdings hier auf dem Land möglicherweise auf eine Kleinigkeit vorbereiten…

Minako: Was zum…? Muss ich hier noch Zubehör erwerben und das Klo dann selber zusammenbauen?

Umeko: Ach, Minako, manchmal bist du herzerfrischend doitsu-gaijin. Das ist eine Hock-Toilette. Komm, ich erklär’s dir, ist gar nicht so schwer…

Umeko: Besser?

Minako: Ja, und schau! Neue Freunde habe ich auch schon gemacht!

Umeko: Ja, mit diesen Vögeln habe ich mich letztes Mal auch schon angefreundet. Oh, hör, die Schranken gehen runter. Unser Zug kommt.

Minako: Das ist ja fast eine kleine Straßenbahn! Kein Vergleich mit den superlangen Zügen der Yamanote.

Umeko: Mit der Enoden Line fahren wir bis Kamakura-kokomae. Dort kann man zum Pazifik hinunter gehen. Auch das ist eine Szene, die man in „Tari Tari“ sieht.

Minako: Da kann man schon irgendwie Fernweh kriegen.

Umeko: Dir ist schon bewusst, dass wir mehrere tausend Kilometer von Zuhause entfernt sind? Noch weiter weg geht eigentlich gar nicht mehr.

Minako: Gewaltig.

Umeko: Psst. Ruinier nicht den Augenblick.

Minako: Die wissen gar nicht, wie gut sie es haben, das hier jeden Tag erleben zu dürfen.

Umeko: Das sonderbare am Menschen ist, dass er immer das haben möchte, was er gerade nicht hat, und das, was er hat, nicht wertzuschätzen weiß. Komm jetzt, ich hör unseren Zug.

Minako: Ja ja, hetz mich nicht. Sag mir lieber, wie es jetzt weiter geht.

Umeko: Erst einmal mit der Enoden Line weiter nach Kamakura, von dort mit der Shonan Shinjuku Line bis Shinjuku, dann mit der Chuo Rapid Line bis Ochanomizu und zum Abschluss mit der Chuo Sobu Line.

Minako: Wir kommen ganz schön rum. Aber warte mal kurz…

…ich kann plötzlich meine Hände bewegen! Guck!

Umeko: Das ist kein Wunder, schließlich bringt uns die Chuo Sobu Line geradewegs nach…

Beide im Chor: Akihabara!

Umeko: Das hier ist Electro Town, das kulturelle Zentrum der Nerd-Kultur, in dem du eigentlich für so ziemlich jedes Hobby den richtigen Laden findest – und halt auch einen Azone-Store mit Händen für uns. Und dazwischen gibt es Pachinko-Hallen, Restaurants und natürlich die Maid Cafés.

Minako: Ja ja ja, das interessiert hier aber doch niemanden! Los doch, verabschiede dich von den Lesern, und dann lass uns shoppen gehen, bis Herrins Kreditkarte explodiert!

Umeko: Ihr habt das Flausenhirn gehört, liebe Leser. In den meisten Läden in Akihabara ist Fotografieren ohnehin verboten, also schließe ich unseren Tagesbericht an dieser Stelle. Bis morgen.

Minako: Nun komm schon, du Slowpoke! Ich will dahin zuerst! Oder da rüber? Oooh, das hier sieht auch spannend aus! Und siehst du die Maids? Wir werden…

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