Briefe aus Tokyo, Tag 4 (05.11.15)

Umeko: Konban wa, liebe Leser! Es ist Tag 4 unseres Urlaubs in Japan, und das Wetter ist unverändert schön, also werden wir heute in die Berge fahren.

Minako: Wir haben uns schon einmal im Kombini mit Proviant eingedeckt und haben das erste Etappenziel unserer Reise mit der Yamanote erreicht: Tokyo Station. Wie geht’s jetzt weiter?

Umeko: Wir nehmen die Chuo Line bis nach Takao.

Minako: Sie hat einen orangefarbenen Streifen – da sollte sie wirklich Minako Line heißen! Na ja, man kann wohl nicht alles haben. Wie lange sind wir unterwegs?

Umeko: Eine knappe Stunde bis Takao und dann noch ein paar Minuten mit der Keio Line zum eigentlichen Wandergebiet auf dem Takao-san.

Minako: Ist das da ein Friedhof?

Umeko: Mhm, richtig erkannt. Das sind Grabpfeiler. Stelen.

Minako: Das ist hier richtig ländlich. Sollte man gar nicht glauben, nachdem die Chuo Line uns eine knappe Stunde durch irgendwelche Vororte gekutscht hat.

Umeko: Wenn du soweit bist, sollten wir los. Vor uns liegen knapp 600 Höhenmeter.

Minako: Ganz schön steil und eng.

Umeko: Ach, das geht noch alles. Weiter oben wird’s zu einem richtigen Hohlweg, da können kaum zwei schmale Leute nebeneinander stehen.

Minako: Eine Hängebrücke? Müssen wir wirklich da rüber? Ich hab Höhenangst, Ume-chan!

Umeko: Hier, ich helfe dir hinüber, nimm meine Hand. Und guck nicht nach unten, dann ist es nicht so schlimm.

Minako: Hier ist es echt unglaublich schön. Wäre es trotzdem okay, wenn wir von dieser Brücke runter kommen? Ich spüre meine Knie nicht mehr, und da geht es seeeehr weit hinab!

Gipfelstüüüürmer!

Umeko: Freu dich nicht zu früh. Wir haben gerade einmal die Hälfte geschafft, und vom Gipfel aus müssen wir auch noch bis zur Bergstation der Seilbahn hinabsteigen.

Minako: Yush! Gehen wir’s an!

Immerhin gibt es hier Treppen, das wird den Aufstieg vereinfachen.

Umeko: Das sind immer nur kurze Stücke. Weiter oben wird der Weg wieder schmaler. Aber vom Gipfel zur Bergstation ist der Weg dann etwas flacher und auch gangbarer.

Minako: Weißt du, dass „Yush“ ein sehr seltsamer Laut ist? Aber ich kann verstehen, wieso die Japaner es beim Bergwandern so gerne sagen. Es wirkt irgendwie befreiend und gibt neue Energie.

Umeko: Barbara würde es hier sicher gefallen… Eto… Nein…

Minako: So. Bis hierher hab ich ungefähr elfunddrölfzig Mal „Konnichi wa“ gesagt.

Umeko: So sind die Japaner beim Wandern eben. Rücksichtnahme ist auf den engen und gefährlichen Wegen eben sehr wichtig.

Minako: Manchmal übertreiben sie es aber schon. Wieso gibt es keine Floskel für „Es ist okay, machen Sie sich keine Gedanken, Sie haben mich nicht behindert“?

Umeko: Die Japaner sind – und das sage ich als Exil-Japanerin – höflich bis zur Selbstverleugnung.

Minako: Gipfelstürmer…?

Umeko: Ja, diesmal sind wir wirklich ganz oben, auf knapp 600 Metern Höhe. Der Takao-san kann den Tokyo Sky Tree nicht in den Schatten stellen, und der Mitake-san war auch höher.

Minako: Trotzdem, was für eine Aussicht.

Umeko: Abwärts nehmen wir die Standseilbahn. Dann sind’s nur einige hundert Meter zu Fuß bis zur Bahnstation. Wie fit bist du noch?

Minako: Meine Füße schmerzen ein bisschen, aber es wird gehen, wenn wir mit Herrins Suica was zu trinken kaufen.

Umeko: Dann schlage ich vor, dass wir mit der Keio Line nach Shinjuku fahren und von dort mit der Yamanote nach Ikkebukuro. Das sind beides ziemlich beliebte Shopping-Distrikte.

Minako: Das dürfte wohl am ehesten dem Bild entsprechen, das die Leute im Kopf haben, wenn sie an Japan denken.

Umeko: Shinjuku, Ikkebukuro, Ginza oder Akihabara unterscheiden sich massiv in Aufbau und Auswahl der Geschäfte. Aber vermutlich hast du Recht, die meisten Menschen sehen bei „Tokyo“ glitzernde Hochhäuser mit knallbunten Werbetafeln vor sich,die Straßen mit Menschen überlaufen.

Minako: In Shinjuku ging’s ja noch, aber hier in Ikkebukuro herrscht schon ziemlicher Betrieb. Es scheint auch eher Richtung Akihabara zu tendieren, während Shinjuku der Ginza gleicht.

Umeko: Gut beobachtet. Jetzt lass uns aber ein paar Yen in die japanische Wirtschaft schießen, okay?

Minako: Jaaaa! Shopping!

Umeko: So, liebe Leser. Wir sind mittlerweile wieder in Daimon angekommen und in ein Ramen-Lokal eingekehrt. Wir werden den Tag jetzt mit einer riesigen Portion Udon Soba ausklingen lassen.

Minako: Itadakimasu!

Umeko: Dem kann ich mich nur anschließen. Itadakimasu und bis morgen!

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