Briefe aus Tokyo, Tag 3 (04.11.15)

Umeko: Konban wa, ihr Lieben! Ich grüße euch zum Reisebericht unseres dritten Tages in Tokyo!

Minako: Sieht nicht so aus, als sei der letzte Bericht von vielen gelesen worden. Schade.

Umeko: Mach dir nichts daraus, Minako. Davon sollten wir uns den Tag nicht verderben lassen. Was hältst du davon, wenn wir zum Hinode Pier am Sumida hinunter gehen und die Sonne genießen, bis die Rush Hour durch ist und wir in den Zügen nicht mehr totgetrampelt werden?

Minako: Das Wetter ist soooo wundervoll! Wheee!

Umeko: Sei bitte vorsichtig, dass du nicht abstürzt!

Das da hinten ist übrigens unser Ziel für den Tag: Sky Tree Tower in Asakusa.

Minako: Der sieht ganz schön gewaltig aus.

Umeko: Mhm. 600 Meter und ’n bisschen Kleingeld.

Minako: Und da willst du wirklich hinauf? Über einen halben Kilometer senkrecht nach oben?

Umeko: Keine Sorge, bis ganz oben kannst du ohnehin nicht, das ist nur die Antenne. Und die Lifts im Sky Tree bringen uns mit 70 Kilometern pro Stunde nach oben auf die Aussichtsplattform in 350 Metern Höhe, und bis auf etwas Druck auf den Ohren wirst du von der Fahrt nichts merken, so gut sind Beschleunigung und Bremsung ausbalanciert.

Minako: Und wieso sagt dieses niedliche Mskottchen dann, dass wir auf 450 Meter Höhe sind?

Umeko: Na, willst du nun Abenteuer erleben oder bei den anderen Anfängern auf der unteren Ebene bleiben?

Minako: Schau mal, eine alte Stadt!

Umeko: Das ist der Asakusa Kannon Tempel. Den besuchen wir gleich auch noch. Der Bazar auf der Zufahrtsstraße ist eine beliebte Touristenfalle, und vielleicht sehen wir ja sogar eine Geiko.

Minako: Ist das da hinten im Dunst der Tokyo Tower?

Umeko: Ganz genau. Dort drüben liegt Daimon und Minato-ku.

Minako: Der ist ja winzig im Vergleich zum Sky Tree.

Umeko: Von da drüben kannst du sogar den Fuji-san sehen. Leider ist der Dunst so dick, dass Herrins Kamera nicht damit zurecht kommt, sonst… Minako? Wo ist dieses Flausenhirn jetzt wieder hingerannt?

Minako: Tokyo erstreckt sich echt, soweit das Auge reicht. Da fühlt man sich total winzig.

Umeko: Das Schild hast du aber schon gelesen? Wir werden Ärger bekommen.

Minako: Mach dich nicht lächerlich, wir sind Puppen. Wenn hier einer Ärger kriegt, dann Herrin, und die hat den gaijin-Bonus.

Umeko: Wenn du dich satt gesehen hast, schlage ich vor, wir fahren zum Asakusa Kannon rüber. Der ist auch eine Augenweide.

Minako: Du hast nicht übertrieben. Die Farben und all die Zierrat, das ist eine echte Augenweide.

Umeko: Warte, bis du die Pagode und das Heiligtum gesehen hast.

Minako: Wow. Mir fehlen echt die Worte. So viel Pracht für die Religion.

Umeko: Die Japaner haben eine interessante Einstellung zur Religion. Das meiste ist eine Mischung aus Buddhismus und Shintoismus, weswegen du überall auf dem Gelände des Asakusa Kannon Hakenkreuze finden wirst, die aber nichts mit irgendwelchen Nazis zu tun haben. Aber die Japaner bedienen sich auch in anderen Religionen, wenn sie etwas mögen. Zum Beispiel Weihnachten.

Minako: Da vorne brennt’s ja!

Umeko: Das ist ein Räucherbecken, neben dem Brunnen die zweite Form, sich – oder den Geist – für den Besuch im Tempel zu reinigen.

Minako: Das war erhellend und beeindruckend zugleich. Wie geht es jetzt weiter?

Umeko: Wir nehmen den Bus zurück zur Hinode Pier.

Minako: Den Bus? Da ist es in dem Wetter total warm und stickig drin! Bitte tu mir das nicht an, dann lieber die Oedo-Linie der U-Bahn!

Umeko: Du solltest mich besser kennen, Minako. Ich rede von einem Wasser-Bus. Einem Schiff, das uns den Sumida hinunter bringen wird.

Minako: Tschüss, Asakusa. Tschüss, Sky Tree.

Aber sag mal, Umeko, was sind das eigentlich für Tore überall am Ufer?

Umeko: Das sind Tsunami-Schutztore. Sie können geschlossen werden, wenn ein Tsunami – zum Beispiel nach einem Seebeben – Wellen vom Pazifik in die Tokyoter Bucht hinauftreibt. Bis zu einer gewissen Höhe schützen sie das Land vor Überschwemmungen.

Minako: Die Gefahr ist hier immer präsent, oder?

Umeko: Jedes Kind weiß in Japan, was bei Erdbeben zu tun ist. Wenn so etwas passiert wie in Fukushima vor vier-einhalb Jahren, dann ist natürlich trotzdem jede Vorbereitung für die Katz.

Trotzdem haben die Menschen schon ewig hier am Fluss gelebt, und sie werden es auch in Zukunft tun.

So. Wir sind fast da. Das hier sind die Hochhäuer, die du heute früh von der Pier aus gesehen hast.

Minako: Den Zug kenne ich schon. Das ist die Yurikamome-Hochbahn nach Odaiba hinüber.

Umeko: Richtig. Bei diesem Wetter wird der Zug wieder rappelvoll sein. Na ja, bis Aomi halten wir schon durch.

Minako: Das Gebäude kenne ich auch. Das sind die umgedrehten Pyramiden des Tokyo Convention Centers.

Umeko: Stimmt. Als ich das letzte Mal hier war, hat’s fürchterlich geschüttet. In dem Licht sieht das alles viel freundlicher aus. Aber da geht’s heute nicht hin, wir sind hier für den Shopping-Distrikt, das Venus Fort.

Kitsch as kitsch can…

Minako: Ich kann es einfach nicht abschütteln, Odaiba wirkt auf mich einfach zu gezwungen und künstlich.

Umeko: Damit bist du der Wahrheit schon recht nahe. Hier war nicht immer eine Insel mit einem Naherholungsgebiet. Das ganze Land wurde künstlich mit gomi aufgeschüttet, und dann hat man Hotels, Bürogebäude und Shopping Malls draufgepflanzt und alles mit Straßen und Zuglinien verbunden.

Minako: Gomi?

Umeko: Müll. Du stehst wortwörtlich auf dem Müll einer Metropole.

Minako: Herrin kann es nicht lassen…

Umeko: Trag’s mit Fassung. LEGO ist überall auf der Welt gleich, wie McDonald’s. Sie wird schnell fertig sein.

Minako: Zum Glück hast du Recht behalten. Um nichts in der Welt will ich diesen Blick missen.

Ich bin echt echt echt froh, hier zu sein – mit dir.

Umeko: Du bist lieb, Minako…

Minako: Die Stadt hat uns wieder. Aus die trügerische Ruhe des Strandes von Odaiba.

Umeko: Wir haben noch ein bisschen Zeit, ehe wir zurück ins Hotel müssen. Hast du Lust, noch einen Bummel durch Ginza zu machen? Heute fährt die Yamanote hier aus Shimbashi alle drei Minuten, wir kommen also sicher wieder zurück.

Minako: Oh ja, lass uns shoppen, bis unsere Füße bluten!

Umeko: Ihr habt das Flausenhirn gehört, liebe Leser. Ich verabschiede mich von euch und hänge mich an Minako, ehe sie in dem Trubel hier auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Wir sehen uns morgen wieder. Sayounara!

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