Fleischmaschinen

Montag. Das Wochenende wie immer viel zu kurz. Die vergangene Arbeitswoche steckte ihr immer noch in den Knochen, als sie sich zum schrillen digitalen Kreischen ihres Küchendruckers aus dem Bett quälte. Barfuß stapfte sie durch ihre winzige Condo und kratzte sich an den kurz geschorenen Haaren. Sie waren schon wieder gewachsen; in ihrer nächsten Ruhephase würde sie sie schneiden lassen müssen, was weitere Freizeit kosten würde. Abwesend strichen ihre Finger über die leichte Schwellung in ihrem Nacken, wo ihr GNAT seinen Stachel ansetzte.

Sie bestätigte, dass sie wach war, indem sie auf den abgewetzten Taster am Küchendrucker drückte. Dann entnahm sie dem Ausgabefach die beiden Aluminiumdosen, die dort wie jeden Montag für sie bereit lagen. Die eine enthielt das ihr zugeordnete Frühstück, eine geschmacklose, viskose Brühe, der alle lebensnotwendigen Nährstoffe beigesetzt waren, die andere war das Coding-Pheromon für ihr GNAT. Sie öffnete ihre Dose und nahm einen Schluck, spürte ihn zähflüssig und kühl die Kehle hinunter fließen. Die Coding-Pheromone rochen heute nach Himbeeren und frischem Chilipulver, als sie sie in die Ladestation ihres GNAT goss.

Arbeit wurde erträglich, wenn man sie nicht ertragen musste. Sie war eine unumstößliche Facette des Lebens, irgendwie musste man für die Annehmlichkeiten des Wochenendes und die Condo, die man in den überbevölkerten Städten bewohnte, bezahlen. Nichts war umsonst, alles ließ sich beziffern in harten Zahlen. Und menschliche Arbeit war billig, billiger als Maschinen, die dann wiederum jemand bauen, programmieren und reparieren musste. Menschliche Arbeitskräfte waren außerdem flexibler, sie konnten sich an fast alle Arbeitsbedingungen anpassen. Und die GNATs besorgten diese Anpassung, während die Arbeiter mental durch eine Halluzinationen wandelten, ausgesperrt aus ihrer eigenen körperlichen Wahrnehmung, bis die Coding-Pheromone dem GNAT befahlen, die Kontrolle über den Menschen zu beenden.

In den Geschichtsbüchern konnte man nachlesen, wie die Welt vor den GNATs gewesen war. Als Adoleszente sich selbst für einen Beruf entscheiden sollten, den sie dann ein Leben lang auszuüben hatten, in einem Alter, in dem sie die Implikationen einer solchen Entscheidung noch gar nicht überblicken konnten. Das hatte zu Unzufriedenheit und in Folge daraus zu Einbußen in der Produktivität geführt. Eine gesunde und global konkurrenzfähige Wirtschaft war nur zu führen, wenn jeder seinen Teil beitrug und niemand totes Kapital war.

Sie ging in die Dusche, wobei sie den Wasserzähler im Auge behielt, der ihr mit dem orangeroten Glühen seiner Nixieröhren den Verbrauch anzeigte. Sie durfte heute nur zehn Liter benutzen, ohne dass sie Aufpreis zahlen musste, weil die Condo wusste, dass sie in einer halben Stunde zur Arbeit aufbrechen würde. Während sie ihren Körper einseifte und ein ätherisches Öl in die Schwellung im Nacken einmassierte, rief sie die aktuellen Nachrichten ab. Die Kriege im Nahen Osten spitzten sich zu, weil die Scheichs dem Westen Zugang zum letzten Öl verweigerten. Für sie hieß das, dass es vermutlich in die Munitionsfabrik ging. Das war gut; die Arbeit war zwar hart, wurde aber mit dem anderthalbfachen des üblichen Lohns vergolten, da es den Kriegsbemühungen diente. Frauen waren in diesen Stellen besonders gefragt, weil sie leichter mit den Händen in schmale Zwischenräume der schweren Panzer und Flugzeuge kamen und dort problemlos stundenlang Nieten in den Stahl schlagen konnten.

Die Ladestation ihres GNATs meldete sich mit dem schrillen Läuten einer metallenen Glocke. Schnell spülte sie die letzten Flocken des geruchsneutralen Schaums aus ihren Stoppelhaaren, griff nach einem Handtuch und rubbelte sich trocken. Als sie in die Küche kam, war das GNAT bereits aus dem Kokon geschlüpft und starrte sie aus ausdruckslosen Facettenaugen an. Der Spitzname des GNATs kam nicht von ungefähr, es ähnelte einer riesigen Mücke, der jemand die Flügel entfernt und zwei zusätzliche Beinpaare an den Rumpf geklebt hatte. Sie hatte keine Ahnung, ob es ein Lebewesen war oder eine Maschine, das war aber auch unerheblich. Es würde ihr einen fünftägigen Traum bescheren, währenddessen ihr Körper in der Fabrik die harte Arbeit des Rümpfenietens übernahm.

Das GNAT legte sich mit seinem langen, schlanken Körper auf ihre Wirbelsäule, wand das Ende seines Abdomens zwischen ihre Schenkel und seine zehn Beine um ihren Rumpf und die Taille. Sie beeilte sich, ihre Arbeitskluft überzuziehen, weiße Unterwäsche aus grober Baumwolle und einen stabilen blauen Overall. Dann bestätigte sie an der Ladestation den Alarm.

Der Stich war kaum zu spüren. Sanft und mit gewohnter Routine führte das GNAT seine Mundwerkzeuge in ihre Halswirbelsäule ein, durchstach die Bandscheiben und leckte an ihrem Liquor. Sie konnte die Zunge auf den Nerven ihres Rückenmarks spüren; die feinen Härchen in ihrem Nacken richteten sich, einem uralten Reflex folgend, auf. Klebriges Sedativ, vom Rüssel des GNATs ausgespuckt, legte sich auf die Nervenverbindungen. Sie ließ es geschehen, ließ zu, dass ihr die Kontrolle über den Körper entglitt.

Sie ließ sich fallen, bis ihr Bewusstsein in den warmen Ozean einer Südseeinsel eintauchte, die es nur in ihrer Einbildung gab. Bunte Fische tobten durch ein Korallenriff, das in leuchtenden Farben um ihre Bewunderung buhlte. Sie schwamm tiefer, und dann entdeckte sie die junge Frau, die sie schon in der vergangenen Woche getroffen hatte. Sie wusste nicht, ob ihre schöne Liebhaberin wirklich existierte oder auch nur Teil ihrer Einbildung war. Aber diese Woche würde wunderbar werden.


Sie seufzte, als das GNAT seinen Stachel aus ihrem Rücken zog, aber sofort stellte sich das Gefühl bisher ungekannter Schmerzen ein. Ihre Haut fühlte sich an als stünde sie in Flammen, und auf den Beinen lasteten tonnenschwere Gewichte. Als sie versuchte, sich auf den Rücken zu drehen, griffen beherzt kühle Hände in klebrigen Einmalhandschuhen nach Arm und Schulter und halfen ihr.

Sie musste sich zwingen, die Augen zu öffnen. Der Geruch nach Desinfektionsmittel bohrte sich scharf in ihre Nase und ließ ihre Augen tränen. Sie wandte den Kopf zu den beiden Frauen, die an ihrem Bett standen, die eine Ärztin mittleren Alters, die andere junge Pflegerin in perfekt gemangeltem und kaum etwas verhüllendem Leinenkittel. Die Ärztin schenkte ihr keine Beachtung, während ihr Füllfederhalter über die Papiere auf dem Klemmbrett kratzte, und die Schwester lächelte sie höflich aber irgendwie entrückt an.

„Wo bin ich?“, fragte sie schließlich, nachdem sich niemand um sie zu kümmern scheinen wollte.

„Klinik 16“, antwortete die Ärztin ohne aufzublicken. „Sie lagen vier Monate im Koma.“

„Vier Monate. Dann ist mittlerweile…“ Sie unterbrach sich und rechnete im Kopf nach, erwartete fast eine Antwort, aber die einzigen Geräusche waren das fortgesetzte Kratzen und das hochfrequente Summen der Starkstromtransformatoren in den Röhrenrechnern an ihrem Bett. „Was ist passiert?“

„Die Pan-Asiatische Kapitalismus-Tangente PACT hat Ihre Formation mit Pheromonraketen beschossen und alle GNATs umgeschrieben. Sie waren die einzige Überlebende. Sofern man davon nach einem mehrtägigen Aufenthalt im Radioaktiven Meer von Novosibirsk überhaupt noch reden kann.“

„Novosibirsk?“, fragte sie verwirrt. „Da muss ein Fehler vorliegen. Ich habe in einer Munitionsfabrik in Gorod 21 gearbeitet. In meiner Heimatstadt.“

Die Ärztin blickte sie das erste Mal direkt an, ehe sie sagte: „Großrechner machen keine Fehler.“ Sie schloss die Kappe ihres Füllfederhalters. „Ihre Behandlung ist mit dem Ende Ihres Komas abgeschlossen. Zu mehr sind wir gesetzlich nicht verpflichtet.“

„Dann kann ich gehen?“

„Gehen?“, wiederholte die Ärztin, und ihr Gesichtsausdruck lag irgendwo zwischen Mitleid und Abscheu. „Wohl kaum. Sie haben große Teile Ihrer Epidermis und beide Beine verloren.“

„Ich dachte, meine Behandlung ist abgeschlossen!“ Sie spürte Tränen. „Ich bin versichert, ich habe Anspruch auf Prothesen und Rehabilitation!“

„Die Versicherung ist ausgelaufen, als Ihnen gekündigt wurde, danach wurde Ihr Besitz gepfändet, um die Kosten zu decken. Mit der darauffolgenden Betreuung hier im Haus haben Sie die Sozialgemeinschaft belastet. Diese gesellschaftliche Schuld werden Sie wohl kaum jemals zurückzahlen können.“

Sie kannte die Gestrandeten in den Gassen und Hinterhöfen, Menschen mit verhärmten Gesichtern, Haut und Kleidung so staubgrau wie der Beton der Stadt, die sie langsam auffraß. Eine Endstation, nach der nur noch die Verwertung folgte, erst das Ausweiden brauchbarer Körperteile und Organe, dann die Verwertung zu Lebensmitteln. Der letzte Dienst an der Gesellschaft, die sie alle vor PACT, der Afrikanischen Wirtschaftsallianz oder dem Konglomerat Antarctica schützte.

„Wenn Sie mir neue Beine geben, kann ich ein neues GNAT beantragen und meine Schulden bei der Sozialgemeinschaft abzahlen“, sagte sie flehentlich. Sie hasste es, betteln zu müssen, weil es Schwäche bedeutete. Wer schwach war, taugte nicht, das System zu tragen.

„Die Regeln des Staats lassen da keinen Spielraum zu“, erwiderte die Ärztin kalt. Dann musterte sie sie, wohl um abzuschätzen, wie entschlossen sie war, was sie zu opfern gewillt war, um ihren Körper wiederherzustellen. „Es gibt aber vielleicht eine Möglichkeit, Ihre Schulden von einem privaten Investor übernehmen zu lassen.“

Sie schloss die Augen. „Was habe ich einem privaten Investor schon zu bieten?“

„Einen jungen Körper, der an den gefragten Stellen keinen Schaden genommen hat, und ein hübsches Gesicht. Wenn Sie gewillt sind, Ihre Unabhängigkeit für eine Weile aufzugeben, können Sie daraus Kapital schlagen. Ich kann Ihnen einen Kontrakt besorgen und werde Sie dann operieren.“

„Und eine Love Doll aus mir machen“, sagte sie leise.

Die Ärztin zuckte gleichgültig die Schultern. „Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Aber zur Sperrstunde werden Sie entlassen. Das Krankenhaus braucht Ihr Bett für zahlungsfähige Patienten.“

Sie wischte sich über die Augen und atmete tief ein. Sie wusste, dass es keine Entscheidung war. Die Gesellschaft erwartete, dass sie ihren Teil beitrug, wenn sie leben wollte. Sie erlaubte sich einen Augenblick der Schwäche und schniefte. Dann nickte sie. „Besorgen Sie den Kontrakt.“

Die Ärztin nickte knapp, dann klappte sie das Klemmbrett zu und wandte sich ab, um den Raum zu verlassen. Sie richtete ihren Blick auf die Rigips-Platten, aus denen die Decke ihres Zimmers gefügt war, und atmete aus, aber die unsichtbare Faust, die ihre Brust umklammert hielt, ließ sich nicht abschütteln.

„Kopf hoch“, sagte die Schwester, „das wird schon wieder.“

Sie wandte ihr den Blick zu und wollte etwas erwidern, aber die junge Frau lächelte nur weiter ihr normiertes Staatslächeln und wandte sich dann ab. Sie sah das GNAT unter ihrem viel zu kurzen Kleidchen, den Kopf mit dem Stachel knapp unterhalb ihrer Schädelbasis. Das GNAT schien zu saugen, wie GNATs das immer taten, und zum ersten Mal verursachte der Anblick Ekel und Abscheu in ihr.

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