Briefe an Minako (6)

Tokyo, den 13. März 2012

Liebe Minako,

bitte entschuldige, dass ich gestern keine Zeit gefunden habe, dir einen Brief nach Hause zu senden. Der gestrige Tag war sehr anstrengend, und Herrin muss sich etwas überanstrengt haben, denn sie klage den ganzen Abend über Kopfschmerzen und Unwohlsein und schlief in der Nacht sehr unruhig. Der heutige Tag war dann angefüllt mit einer letzten Shopping-Tour, von der ich dir allerdings keine Fotos zeigen kann. Ich bin mir sicher, dass dich die immer gleichen Straßenzüge in Ginza, Akihabara und Shinjuku ohnehin langsam langweilen.

Vom gestrigen Tag jedoch will ich dir gerne berichten. Auch wenn wir vor zwei Tagen den Fujisan vom Riesenrad aus sehen konnten, so sind wir dennoch nicht dorthin gefahren. Zum einen liegt der Berg gute 200 Kilometer von Tokyo entfernt und ist damit in realistischer Zeit nur mit dem Schnellzug oder dem Auto zu erreichen, zum anderen darf man auf dem Berg normalerweise nicht wandern, da er für den Publikumsverkehr gesperrt ist.

Stattdessen sind wir in aller Früh mit der Chuo Line nach Mitake aufgebrochen, um rund um den Mitakesan zu wandern.

Um diese Uhrzeit ist in Daimon immer viel Betrieb – hier der Blick von der Bahnstation Hamamatsucho in Richtung Tokyo Tower und Zojoji Shrine.

Zu bestimmten Zeiten sind komplette Waggons auf der Chuo Line für Frauen reserviert, weil es immer wieder zu Belästigungen kam.

Die Fahrt nach Mitake dauert gut und gerne anderthalb bis zwei Stunden, und man fährt tunlichst nicht in der Rush Hour, damit man nicht die ganze Zeit stehen muss. Über die gesamte Strecke hinweg gibt es nur sehr wenige Punkte, wo die Region um die Bahnlinie nicht besiedelt ist, und das Land ist unglaublich flach. Das letzte Stück fährt die Chuo Line nicht mit 11 Waggons, sondern „nur“ mit vier Wagen.

Von der gewaltigen Tokyo Station mit ihren beinahe 30 Gleisen bleibt in Mitake nur noch eine eingleisige Strecke übrig.

Mitake selber ist eine winzige Siedlung am Fuße des Mitakesan. Der Berg ist ungefähr 930 Meter hoch, und auf seiner Spitze gibt es einen Schrein, eine noch viel winzigere Ansammlung von Häusern, einen Steingarten, mehrere Wasserfall-Kaskaden und sehr viel Nichts.

Die Landschaft ist traumhaft. An der Palme siehst du, dass wir hier ungefähr auf der Höhe von Italien oder Spanien sind. Barbara-sama würde es hier sicher gut gefallen.

Eine Standseilbahn überbrückt den steilsten Streckenabschnitt, aber von der Mitake Station bis zur Talstation dieser Seilbahn sind es etwa zwei Kilometer. Für Japaner und Touristen (derer es scheinbar nicht so viele gibt) verkehrt zwischen diesen Stationen ein Bus. Herrin und ihr Begleiter sind die Strecke aber natürlich zu Fuß gegangen und wurden dafür mit wunderschönen Landschaften belohnt.

Der Fluss unter dieser Brücke führt vom Staudamm zu einem Wasserkraftwerk.

Der ruhigere Wanderweg führt über diese Brücke – der Bus muss natürlich der Hauptstraße folgen.

Große Teile des Weges führen an der Straße entlang – woran man sieht, dass es nicht viele Deppen gibt, die diesen Weg zu Fuß bewältigen.

Abseits der Straße gibt es aber immer wieder schöne, ruhige Nischen zum Durchatmen, denn die Straße hat hier eine Steigung von 15%.

Der Fluss ist ein ständiger Begleiter den Berg hinauf. Er verläuft beiderseits der Straße, aber es gibt auch trocken gefallene Zuflüsse.

Nach ungefähr zwei Stunden Kletterei wie die Gemsen erreichten wir die Bergstation. Die Standseilbahn braucht ungefähr sechs Minuten für die Fahrt. Es gibt zwei Wagen, die über ein Seil verbunden sind. Fährt der eine hinauf, muss der andere herunter fahren. Darum ist die Strecke in der Mitte zweigleisig, sodass die Wagen aneinander vorbei können.

Ganz schön steil. Hoffentlich hält das Seil!

Der Ausblick entschädigt für jede Mühen. Bei diesem Wetter kann man in der Ferne sogar die Wolkenkratzer von Tokyo erkennen!

Ein Torii kündet davon, dass wir uns wieder einem Schrein nähern.

Die Hänge sind bewaldet, und von der Mitake Station aus kann man sehen, dass hier Holzschlag betrieben wird.

Dieses alte Haus steht auf dem Weg zum Gipfel am Wegesrand.

Entlang dem Weg zum Gipfel hat die Touristik-Behörde diese hübschen, laminierten Nachschlagewerke aufgestellt, in denen man die Vögel der Region nachschlagen kann.

Vielleicht 20 Meter unterhalb des Gipfels gibt es eine winzige Siedlung mit einer klitzekleinen Einkaufspassage – sofern die vier Geschäfte diesen Namen überhaupt verdienen. Diese Siedlung ist auch der Grund, wieso alle Wege asphaltiert sind: Nur so kommen die Lastwagen und Motorroller den Berg hinauf und nur so lässt sich der Schnee, der hier immer noch liegt, problemlos räumen.

Direkt hinter der Siedlung liegt der Zugang zum Schrein mit dem Reinigungsbrunnen und dem Torii.

Ja, hier oben, auf 900 Metern Höhe gibt es noch Schnee! Dieser Schneeball hier ist für Herrin reserviert, damit sie nicht noch mehr Geld ausgibt.

Der Schnee war dann letztendlich auch der Grund, wieso wir nicht zum Steingarten und zu den Wasserfällen gelangen konnten. Hier sind die Wege nicht geräumt, und über einer dünnen Schlammschicht machte sich eine tückische Schicht aus Schnee und Eis breit. Es wäre einfach zu gefährlich gewesen, hier oben weiter zu gehen und sich möglicherweise fernab jeder Zivilisation zu verletzen!

Liebe Minako, ich muss an dieser Stelle leider unterbrechen – Japan wird gerade von einem Erdbeben getroffen! Für die nördlichen Küstengebiete wurde eine Tsunami-Warnung ausgerufen. Wir beobachten die Situation im Fernsehen; es scheint sich hier im Süden aber nur um einen kleinen Rumpler mit Mag 3 gehandelt zu haben. Ich halte dich auf jeden Fall auf dem Laufenden, ich denke aber, dass die Nacht ruhig bleibt und dass wir morgen früh wie vorgesehen in Narita starten werden. Ich freue mich schon auf daheim.

In Liebe
Umeko


Nachtrag, 16. März: Es gab an dem Abend zwei Erdbeben, eines mit Mag 6.4 vor Hokkaido und anschließender Tsunami-Warnung, eines mit Mag 6.1 knapp vor der Tokyoter Bucht. Im Hotel kam von letzterem noch etwa Mag 3 an; wir wurden an dem Abend also wirklich ein wenig durchgeschüttelt. Größere Schäden oder gar Feuer gab es aber glücklicherweise nicht, sodass schon kurz danach die Infrastruktur wieder lief. Die Nachbeben in der Nacht mit Mag 4 haben wir dann auch gar nicht mehr gespürt und sind am Folgetag problemlos in Narita gestartet.

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