Briefe an Minako (4)

Tokyo, den 11. März 2012

Konban wa, Minako-chan! O-genki desu ka?

Heute war ein bedeutender Tag für Japan, denn heute vor einem Jahr veränderten der Tsunami und die Reaktor-Katastrophe von Fukushima die Leben vieler Millionen Japaner. Ein Gedenken an die Opfer war daher auch überall spürbar, und im Fernsehen gibt es schon den ganzen Tag Sondersendungen – aber du musst nicht glauben, dass das Herz dieser riesigen Metropole deswegen auch nur ein wenig langsamer schlagen würde!

Für Herrin und mich stand heute eine weitere Tour auf dem Plan, die uns bis zum Pazifik führen würde. Mit der Yamanote ging es zuerst bis Shinagawa, und von dort dann mit der Yokosuka Rapid Line über Yokohama bis nach Ofuna. Eines ist gewiss, liebe Minako: Japan hat ein Platzproblem. Nirgends ist dieser Umstand so sichtbar wie in den „Vororten“, die sich von Nishi-Oi bis weit hinter Yokohama spannen.

Über Ofuna thront eine aus weißem Beton bestehende Statue der Göttin Kuan Yin, die zum Ofuna Kannon Temple gehört.

Nach einer kurzen Unterbrechung brachte uns die Shonan Monorail weiter nach Enoshima an der Pazifikküste.

Auch das gehört zu Japan: Fahren mit der Monorail. Der öffentliche Nahverkehr nutzt hier jeden freien Platz, sowohl in die Tiefe als auch in den Himmel hinauf.

Densha Umeko meldet sich in Enoshima Terminal zum Dienst!

Neue Freunde an den Schranken der Enoshima Station.

In Enoshima hieß es ein letztes Mal, umzusteigen, dann brachten uns die Triebwagen der Enoden Line bis nach Kamakura-kokomae und damit bis hinan an den Pazifik. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich auch die letzten Wolken verzogen, und die Sonne brachte den Ozean zum Glitzern, während die Brandung auf den Strand auflief. Die ideale Gelegenheit also für Herrin, ihre innere Meerjungfrau heraus zu lassen.

Das kann schon was, das Meer.

Grüße vom Pazifik in die Heimat! Spürst du schon das Fernweh, liebe Minako?

Die Enoden Line brachte uns nach dieser kurzen Unterbrechung an der Küste entlang weiter bis Hase, wo wir die Fahrt erneut unterbrachen. Mittlerweile waren die Züge gut gefüllt; viele Japaner und auch Ausländer hatten sich auf den Weg gemacht, entweder um in Kamakura einkaufen zu gehen oder sich die vielen Tempel und Schreine entlang der Pazifikküste anzusehen. Unser erster Stopp war der Hase Temple, eine wunderschöne Anlage, die sich an die Berghänge schmiegt.

Dieses Tor führt auf das Gelände des Hase Temple.

Das Haupthaus mit dem Heiligtum überragt die kleine Stadt, wird aber selber von dem dahinter liegenden Gipfel überragt.

Der Hase Temple ist eine große Anlage mit wunderschönen Gärten, die zum Entspannen und In Sich Gehen einladen. Es gibt viele Möglichkeiten zur Inneren Einkehr, mehrere Schreine, eine Bücherei, eine Höhle mit Statuen für die Götter und einen Friedhof mit Totenstatuen.

In den Weihern schwimmen natürlich Koi. Da die aber keine kleinen Puppen essen sollen, musste Herrin mich festhalten.

Lange dauert es sicher nicht mehr bis Hanabi. Im warmen Pazifikklima blühen in Hase bereits die Kirschbäume.

Endlich kann ich für die Opfer der Katastrophe vor einem Jahr und ihre Angehörigen beten.

Ebenfalls oberhalb von Hase befindet sich der Daibutsu, der aus 121 Tonnen Bronze errichtet wurde. Der Daibutsu war früher Bestandteil einer größeren Tempel-Anlage, die jedoch mehrfach einstürzte und schließlich von einem Tsunami weggefegt wurde. Wenn du dir vor Augen hältst, dass die Statue gute zwei Kilometer ins Landesinnere und vielleicht 100 Meter über dem Meeresspiegel liegt, kannst du dir sicher vorstellen, welche Macht solch ein Tsunami entwickeln kann.

Dem Daibutsu konnten die Zeiten nicht viel anhaben – allerdings wurde er mittlerweile mit einem Korsett verstärkt.

Ein letztes Mal benutzten wir die Enoden Line, um die wenigen Haltestellen bis Kamakura zu fahren. Hier befindet sich neben einer Einkaufszeile (mit einem Ghibli Store, Geheimtipp für die Nerds) auch der Tsurugaoka Hachiman-gu Shrine. Ursprünglich gehörte dieser gar nicht hier her; als der ihm übergeordnete Clan jedoch in diese Region umzog, nahmen sie den Shrine kurzerhand mit.

Farbe und Architektur sind wirklich eine Augenweide und atemberaubend schön.

Vom Tempel-Hof führt eine lange Treppe zum eigentlichen Heiligtum hinauf.

Der Shrine ist heute eine Verschmelzung von modernem Tourismus-Ziel, in der die Miko die Gäste bewirten, und traditionellem Heiligtum des Shintoismus. Als wir auf dem Gelände des Shrines unterwegs waren, fand in einem Pavillon im Vorhof eine Shinto-Hochzeit statt, und die Touristen, die den Ort besuchten, konnten ungehindert bei der Zeremonie zusehen. Fotos hat Herrin davon aus Rücksicht natürlich keine gemacht; die jungen Eheleute saßen bereits hinreichend auf dem Präsentierteller.

Nach diesem anstrengenden Ausflug brachte uns die Yokosuka Rapid Line ins Herz von Tokyo zurück. Wir verließen den Zug an der Tokyo Station und liefen von dort zum Palast des Tenno, der im Zentrum der Metropole inmitten eines weitläufigen Areals voller Bäume gelegen ist.

Für den Publikumsverkehr ist der Palast allerdings gesperrt, sodass uns nur ein Blick aus der Ferne gewährt wird…

…und ein Spaziergang durch den öffentlichen Teil des Parkes am Fuß der Skyline.

Die Tokyo Station selber konnten wir heute nicht mehr besuchen, dabei handelt es sich dabei um einen schönen Bau, der von einem Holländer errichtet wurde. Man sieht ihm den europäischen Einfluss deutlich an, und überall im Bezirk finden sich in der Architektur Hinweise auf Einflussnahme der Europäer.

Dieses Haus schmiegt sich nahe der Tokyo Station in eine Nische zwischen modernen Wolkenkratzern.

Mittlerweile hatte sich der Himmel wieder zugezogen, und es wurde auch zunehmend kühler. Trotzdem machten Herrin und ihr Begleiter auf dem Rückweg ins Hotel einen Zwischenstopp in Ginza. Wusstest du, dass in Tokyo die Hauptstraßen der großen Shopping-Bezirke wie zum Beispiel Akihabara oder Ginza an Sonntagen für den Autoverkehr gesperrt und in Fußgängerzonen verwandelt werden, um all die Japaner aufnehmen zu können?

Kein Auto weit und breit – aber das heißt nicht, dass es ruhig wäre!

Nun gut, liebste Minako-chan. Es war ein anstrengender Tag, den Herrin und ich weitestgehend zu Fuß bewältigt haben. Wir sind erschöpft, und wir können noch lange nicht zur Ruhe kommen. Für morgen steht weiteres Shopping in Akihabara an. Dann wird Herrin sicher den Azone Store plündern. Ich kann dir nicht versprechen, dass es dann einen Bericht von mir gibt; Shopping ist traditionell eher langweilig aus der Ferne anzusehen. Wenn du jedoch willst, werde ich Herrin bitten, die Kamera und mich einzustecken.

Sayounara und schlafe gut!
Umeko

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