Briefe an Minako (3)

Tokyo, den 10. März 2012

Liebe Minako!

Stell dir vor, was über Nacht aus dem furchtbaren Eisregen geworden ist, der uns gestern den ganzen Tag gequält hat. Es hat geschneit! Und als Herrin zum Frühstück ging, taumelten immer noch dicke Flocken vom mit aschegrauen Wolken bedeckten Himmel. Natürlich blieb der Schnee nicht liegen, und am Boden war es einfach nur nass, zusätzlich zum ohnehin schneidenden Wind. Aber dennoch ist Schnee um Längen besser als Regen.

Heute war bei Herrin irgendwie der Wurm drin. Zusätzlich zu den schmerzenden Füßen und der Blase am Fuß wurde sie den gesamten Tag über von leichtem Unwohlsein geplagt. Wir hatten uns Ueno ins Programm geschrieben, um dort das National Museum of Nature and Science zu besuchen. Normalerweise kostet die Fahrt mit der Yamanote von Hamamatsucho nach Ueno 160 Yen und dauert sieben Stationen. Man kann allerdings auch – wie die eisenbahn-verrückten Menschlinge, an die ich gekettet bin – eine Weltreise durch Tokyo machen, indem man zunächst drei Stationen mit der Yamanote bis Tokyo fährt, dort in die Chuo-Linie umsteigt und in Shinjuku ein letztes Mal wechselt, um mit der Yamanote bis Ueno zu fahren. Und all das zu einem Preis, für den man in Deutschland nicht einmal eine Kurzstrecke bekäme.

Das Museum selber wirkte von außen unscheinbar, von innen zeigte es jedoch, was wirklich darin steckt.

Japanische Architektur wie in den schönsten europäischen Häusern.

Der vordere Bereich des Museums beherbergt neben einem umfangreich ausgestatteten Museumsshop, in dem man sogar Geräte für chemische Experimente, Astronautennahrung und Indikatorpapiere bekommt, mehrere Dauer-Ausstellungen, die sich insbesondere mit Japan beschäftigen: Geologische Entstehung, Entwicklung des japanischen Volks, Flora und Fauna der japanischen Inseln. Der Löwenanteil der Ausstellung befand sich jedoch in einem hinter dem Haupthaus gelegenen Anbau. Auf sechs Stockwerken führte das Museum hier von den Anfängen des Universums, den Grundbausteinen allen Lebens und den physikalischen Grundgrößen über die Evolution bis hin zu den modernen Errungenschaften der Menschheit.

Zum Glück basiert seine Wahrnehmung ausschließlich auf Bewegung. Und zum Glück ist er ziemlich tot.

Und auch der Rafflesia will man eigentlich nicht wirklich begegnen. Das sind „kleine“ Stinker! (Und über einen halben Meter groß.)

Kleiner Jagdausflug in der biologischen Abteilung. Psst! Verscheuch das Wild nicht!

Sternzeichen Büffel oder: Auf Tuchfüllung mit dem inneren Hornochsen.

Krieg. Krieg bleibt immer gleich.

Mister Zulu, Energie!

Diese japanischen Verwandten von uns haben einen versteckten Mechanismus unter den Kleidern, der Kopf, Hände und Füße bewegt. Gruselig!

Das Museum war sehr anstrengend, und für eine Weile haderte Herrin mit sich, ob sie sich im Museums-Shop mit Glasschliffgeräten und fingergliedkleinen Mikroskopen eindecken sollte. Da jedoch Samstag ist, füllte sich das Museum langsam mit vielen Menschen und kleinen Kindern, und es wurde zunehmend wärmer, sodass Herrin und ihr Begleiter schnell das Weite suchten.

Nach einem Bummel durch den Rand von Ueno und einem aus einem der vielen Automaten gezogenen heißen Kakao ging es dann mit der Yamanote zurück nach Tokyo. Hier sollte ich dir vielleicht kurz erklären, dass es nicht nur den Großbezirk Tokyo, also die Stadt selber, gibt, sondern auch eine Station namens Tokyo mitten im Herzen der Stadt. Hier treffen sich viele der S-Bahnen und viele U-Bahn-Linien, und natürlich die Shinkansen.

Kein Wunder, dass Herrin so für Eisenbahnen schwärmt – hier in Tokyo kommt der Reigen der Züge einem riesigen Ballett aus Edelstahl gleich!

Unter Tokyo Station erstreckt sich auf drei Ebenen eine gewaltige Einkaufspassage, die viele große Einkaufszentren in Deutschland mit Leichtigkeit in den Schatten stellt. Herrin und ihr Freund gingen wieder auf die Jagd nach Mitbringseln für ihre Freunde, außerdem wurde es langsam Zeit für einen Imbiss. Leider dachte der Rest von Tokyo wohl ziemlich ähnlich, und so war es in der Passage stickig, heiß und laut. All das trug nicht gerade zu Herrins Wohlbefinden bei, und als sie an einem der zahlreichen Ausgänge beinahe das Bewusstsein verloren hätte, beschlossen die beiden Menschlinge klugerweise, Shopping Shopping sein zu lassen und ins Hotel zurück zu kehren, um die Wunden zu lecken.

Nach einer kurzen Erholungsphase machten die Menschlinge sich dann aber doch noch einmal auf den Weg, um in den vielen Gassen nach einem Lokal mit japanischer Küche zu suchen. Herrin hängt der ständige Fraß aus dem Kombini an der Ecke zum Hals raus, und sie droht mittlerweile wirklich mit Hungerstreik, musst du wissen! Und so kehrten die beiden schließlich (ohne mich) in einem Ramen-Restaurant unter dem World Trade Center Building von Minato ein. Herrins erste echte japanische Mahlzeit, nach drei Tagen! Ich erzähle dir später, wieso das so lange dauerte…

Der Gang zum Family Mart stand danach aber trotzdem noch an – schließlich will Herrin des Nachts ja nicht nur vom complimentary coffee leben, den das Hotel zur Verfügung stellt.

Welche Drogen dürfen es für dich sein, geliebte Minako? Pocky Erdbeere, Kitkat Green Tea oder Peach Flavoured Water?

Liebe Minako, damit schließe ich diesen Brief für heute. Bitte drücke uns die Daumen, dass das Wetter morgen mitspielt, denn dann wollen wir nach Kamagura und bis zum Pazifik fahren. Wenn es nicht allzu regnerisch und kühl ist, bieten sich dort sicher viele Möglichkeiten für Fotografien. Außerdem gibt es dort viele Tempel, um den Opfern der Tsunami-Katastrophe im letzten Jahr zu gedenken, deren Jahrestag Japan morgen begeht.

Ich wünsche dir eine gute Nacht und schreibe dir morgen wieder.

In Liebe
Umeko

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