Briefe an Minako (2)

Tokyo, den 9. März 2012

Konban wa, Minako!

So einen Tag wie heute, den wünsche ich niemandem. Mein Aufenthalt zusammen mit Herrin in Tokyo hat heute durch eisigen Dauerregen einen heftigen Dämpfer erlitten. Dennoch will ich dir gerne von meinen heutigen Erlebnissen berichten – und davon, wie ich endlich zu einem neuen, sauberen Paar Hände kam.

Dass es von unserer Residenz bis zum Tokyo Tower nur ein Katzensprung ist, berichtete ich dir schon gestern. Im Schatten des Tokyo Towers liegt der Zojoji Tempel mit dem Friedhof für gestorbene Kinder. Da wir ohnehin auf den Tokyo Tower fahren wollten, aber noch etwas früh dran waren, bat ich Herrin darum, im Tempel meinen Respekt zeigen und für die verstorbenen Kinder beten zu dürfen. Natürlich erfüllte sie mir den Wunsch.

Der Eingang zum Gelände des Zojoji-Tempels. Das aus Beton rekonstruierte Toori liegt einige hundert Meter vorher mitten in Minato-ku.

Ein Detail am Eingangsportal.

Das Heiligtum des Zojoji Tempels, rechts im Hintergrund ist der Tokyo Tower zu sehen. Von hier wird an Silvester der Neujahres-Countdown aufgenommen und übertragen.

Besonders lagen mir natürlich die Seelen der Kinder am Herzen. Du musst wissen, der Glauben hier ist, dass die Reihenfolge beim Sterben einzuhalten ist: Zuerst sterben die Großeltern, dann die Eltern und schließlich die Kinder. Am Fluss der Unterwelt werden die Seelen der Kinder von ihren Eltern in Empfang genommen, aber wenn sie vorher sterben, dann ist dort niemand, der sie abholen kann.

Darum stellen Japaner diese kleinen Figuren als Schutzgeister für die Seelen ihrer verlorenen Kinder auf, damit diese sicher ins Jenseits gelangen. Das Windrad ist ein symbolisches Spielzeug, und die rote Mütze soll vor der Kälte des Winters schützen.

Im Anschluss an den Besuch im Zojoji Tempel ging es dann auf den Tokyo Tower, genau genommen auf die untere Aussichtsplattform in 150 Metern Höhe. Viel war allerdings nicht zu sehen; Tokyos Skyline versank in den dichten Wolken, die einen kleinen Vorgeschmack auf das boten, was uns heute noch widerfahren würde.

Ganz schön hoch!

Herrin fiel als Gaijin natürlich sofort auf, und sie wurde auch prompt von einem älteren Herrn hier aus dem Viertel angesprochen. Sie unterhielt sich eine Weile auf Englisch mit ihm, bis er sich schließlich verabschiedete. Reisen verbindet eben – und meine Heimat ist ein offenes Land.

Vom Tokyo Tower fuhren wir mit der Yamanote Linie bis ins Mekka aller Otaku weltweit: Akihabara!

Ja, es ist wirklich so bunt, wie sie es sich vorstellen.

Vier Figuren und ein Shop, die Akihabara auf den Radar westlicher Otaku brachten. Gemma!

In einem Laden kam auch Herrin endlich auf ihre Kosten. Nach dem Fiasko im Kato „Tempel“ fand sie in Akihabara einen Laden, in dem eine ganze Etage Kleidung und Zubehör für uns gewidmet war. Außerdem gab es hier auch Figuren wie diese drei Göttinnen…

…und ja: Sie sind lebensgroß!

…eine gewaltige Auswahl an Groove-Schönheiten und natürlich: Puppen!

Ahnst du schon was, geliebte Minako?

Akihabara war für Herrin das Wunderland, das sie gesucht hatte. Welche Kleider kaufen? Welche Puppen adoptieren? Welche Schätze anhäufen? Vielleicht doch einen japanischen Eisenbahnzug gebraucht erstehen? Außerdem hielt sie immerzu die Augen offen nach Mitbringseln für ihre Freunde. Allzu fündig wurde sie allerdings nicht – nur für mich gab es aus dem offiziellen Azone-Laden ein neues Paar Hände.

Im Anschluss daran ging es in den Norden nach Asakusa und zum Asakusa Kannon Temple. Der Regen war inzwischen richtig furchtbar geworden, und so spannten Japaner wie Touristen – die es an diesem Ort wirklich zahlreich gibt – Schirme auf und sorgten dafür, dass die ohnehin engen Gassen auf dem Weg vom Torii zum Schrein zusätzlich verstopft wurden.

Das äußerste Portal des Asakusa Kannon Tempels. Dahinter liegt ein langgezogener Markt bis zum inneren Portal.

Das Heiligtum, von Touristen wie Japanern gleichermaßen überlaufen. Diesmal war Herrin auch im Heiligtum und hat es sich angesehen – fotografiert hat sie aus Respekt aber natürlich nicht.

Für die fünfstöckige Pagode ist der Asakusa Kannon Tempel berühmt.

Als wir mit dem Tempel fertig waren und völlig durchnässt an der Asakusa Station ankamen, war es gerade einmal 15 Uhr Ortszeit. Eigentlich hatten wir das Tagesprogramm abgeschlossen, aber es war noch viel zu früh, um ins Hotel zurück zu kehren. Leider lud das Wetter auch nicht wirklich zum Bummeln ein, zumal Herrin sich eine hässliche Blase gelaufen hatte. Also fuhren wir mit der Yurikamome-Hochbahn über die Rainbow Bridge bis Toyosu.

Wie du siehst: Es war ein furchtbares Schmuddelwetter. Aus dem Zug war es nicht möglich, Fotos zu machen.

Kaum zu glauben, dass Shijo-Mae und Shin-Toyosu künstlich aufgeschüttet wurden, um mehr Land zu haben.

Dieses Gebäude sollte jeder Otaku sofort erkennen: Die umgedrehten Pyramiden beherbergen das Tokyo International Exhibition Center, die Heimat der Comicet und des Tokyo International Anime Market.

Nach diesem anstrengenden Tag ließen Herrin und ihre Reisebegleitung sich vom Reigen des abendlichen Berufsverkehrs durch den Regen ins Hotel zurück treiben. Unser Abendessen bestand aus Ramen mit Schweinefleisch; der Regen hatte uns furchtbar hungrig gemacht.

Und für mich gab es zum Abschluss noch ein paar neuer Hände.

Liebe Minako, damit schließe ich für heute diesen Brief ab. Wir wissen noch nicht, was morgen anstehen wird; die weiteren Reisepunkte sind stark von einer Verbesserung des Wetters abhängig. Es zeichnet sich jedoch ab, dass Herrin möglicherweise eine langjährige Bekanntschaft aus Tokyo treffen wird. Und dann ist da noch eine andere Geschichte, die sich gerade ergibt – aber davon erzähle ich dir ein anderes Mal. Immerhin: Herrins Reisebegleitung hat einen Adapter für den Laptop gebastelt. So werde ich dir auch morgen wieder einen Brief schreiben können.

Sayonara
Deine Umeko

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