Es war eine wilde, stürmische Gewitternacht, als Moses zu den Seeräubern kam. Die Blitze zuckten nur so am Horizont und dazu rollte der Donner über den Himmel mit einem Krachen wie ein rumpeliges Fass: Und alle Landratten, die schon seekrank werden, sobald sie nur die Deckplanken eines Schiffs unter ihren Füßen spüren, sollten jetzt vielleicht nicht weiterlesen und sich stattdessen mit einer Wärmflasche und einer schönen Tasse Kakao gemütlich in ihr kuscheliges Bett legen.

Das Piratenschiff “Wüste Walli” gerät auf der Ostsee in einen schweren Sturm, und die Piraten unter Käptn Klaas werden Zeugen, wie in ihrer Nähe ein Schiff untergeht. In der Hoffnung, dass es sich dabei um ihren Erzfeind Olle Holzbein mit seinem Schiff, der “Süßen Suse”, handelt, kümmern sie sich nicht weiter darum. Als der Sturm dann nachlässt, wird eine Balje mit einem Stoffbündel an die “Wüste Walli” geschwemmt, und obwohl das auf den ersten Blick nur Lüttschiet zu sein scheint, fischen die Piraten die Balje aus dem Wasser und sind enorm überrascht, unter dem Stoff ein Baby zu finden. Man beschließt, das Baby erst einmal an Bord zu behalten, denn vielleicht kann man dafür ja Lösegeld kriegen, und Bruder Marten der Smutje tauft das Kind auf den Namen Moses, in Anlehnung an die Bibelgeschichte. Da gibt es nur ein Problem: Moses ist gar kein Junge, sondern eine lütt Dern! Und Weibsvolk an Bord eines Schiffes, das bringt ganz klar Unglück, das weiß auch der dösigste Pirat! Aber weil da ja (vielleicht) ein fettes Lösegeld zu kriegen ist, beschließen die Piraten, einfach zu vergessen, dass ihre Moses eine kleine Dame ist, und behalten sie an Bord, statt sie über die Reling zurück ins Wasser zu schmeißen. Und so wächst Moses unter ruppigen, struppigen Seeräubern auf und wird mit den Jahren zu einem richtigen Schiffsjungen-Mädchen. Dabei ahnt sie nicht, dass auf sie schon ein großes Abenteuer voller Rätsel und Merkwürdigkeiten wartet, mit neuen Freunden, neuen Feinden und einem Schatz, der alle so reich machen wird wie die Königin von Saba: Der blutrote Blutrubin des Verderbens, auf dem ein furchtbarer Fluch lasten soll!

Dieses Buch ist perfekt. Damit ist eigentlich alles wichtige schon gesagt – trotzdem soll hier wie immer ein etwas detaillierter Blick auf den Seeräuber-Moses erfolgen. Zuerst fällt sicherlich die wundervolle Aufmachung auf: Das Papier ist robust, der Einband stabil, und als Lesezeichen dient ein Stoffbändchen – die scheinen in letzter Zeit glücklicherweise wieder auf dem Vormarsch zu sein! Die fast 320 Seiten wurden von Barbara Scholz liebevoll illustriert; dabei unterstreichen ihre Bilder die Geschichte immer nur, ohne das Geschehen zu dominieren oder Inhalte vorweg zu nehmen. Die Sprache ist herrlich authentisch und gleichzeitig doch simpel genug für Kinder, und Kirsten Boie hat ihren Text mit allerlei Worten aus der Sprache der Seemänner und der Küstenbewohner angereichert. Damit auch Landratten alles verstehen, die üblicherweise ja einen Palstek nicht von einem Anderthalbfachen Rundtörn unterscheiden können, gibt es am Ende des Buches ein ausführliches kleines Lexikon, in dem kindgerecht alle Begriffe von “abbeldwatsch” bis “Zuber” erklärt werden, und wem das immer noch nicht reicht, der findet vorne eine zweiseitige Abbildung einer typischen Ostsee-Kogge, bei der alle wichtigen Teile beschrieben sind. Immer wieder spricht Kirsten Boie ihre Leser auch direkt an, was vor allem beim Vorlesen die Kinder sicher noch mehr an das Buch bindet, und dabei gehört sie meiner Meinung nach zu den ganz ganz wenigen Autoren, bei denen das nicht gekünstelt klingt sondern wirklich zur Atmosphäre beiträgt.

Überhaupt hatte ich während der Lektüre durchweg das Gefühl, dass Kirsten Boie ihre Leser – die Großen wie auch die Kleinen – zu jedem Zeitpunkt ernst nimmt. Dieses Buch ist kein Kinderbuch, das man mal eben zwischendurch lesen und dann wieder vergessen kann. Seeräuber-Moses fordert Konzentration, denn die Sätze sind trotz ihres einfachen Aufbaus lang und voller Informationen. Kirsten Boie weiß, dass Kinder nicht dumm sind und mehr verstehen, als wir Erwachsenen ihnen zutrauen. Sie fordert ihre kleinen Leser bewusst; nicht umsonst tritt sie immer wieder aktiv für die Leseförderung in Deutschland ein. Und noch etwas fällt positiv auf. Obwohl das Buch mit Handlungsfäden nicht geizt, schafft Kirsten Boie es geschickt, all die Geheimnisse in ihrem Buch glaubwürdig aufzuklären, ohne dass die Spannung auch nur eine Minute lang einbricht. Was hat es mit Moses’ Vergangenheit auf sich? Woher kennen sich Käpten Klaas und Olle Holzbein? Welches Geheimnis hat Olles Matrose Hinnerk mit dem Hut? Und was ist wirklich dran an der Geschichte um den Fluch, der auf dem blutroten Blutrubin des Verderbens lastet? All diese Fragen werden am Ende beantwortet, und sogar die ersten Kapitel, die scheinbar nur eine Einleitung in die Geschichte darstellen, werden an späterer Stelle wieder aufgegriffen und geschickt in die Geschichte eingebunden. Kurz: Dieses Buch ist rundum gelungen, und wenn man gewillt ist, sich auf die teilweise arg langen Sätze einzulassen, dann kann man mit dem Kauf vom Seeräuber-Moses nicht viel falsch machen – stattdessen wird man sich einen wahren Piratenschatz nach Hause holen!

Kann man ein Kinderbuch voller Piraten so schreiben, dass auch Mädchen daran ihren Spaß haben? Ich behaupte: Kirsten Boie kann! Schon an der Inhaltsangabe lässt sich sehen, dass sie die typischen Geschlechtergrenzen mit ihrer Moses aufweicht. Die Frage, die Moses stellt, als sie das erste Mal den “feinen Damen” ihrer Zeit – die tatsächlich Dirnen in einer Hafenstadt sind – begegnet, ist durchaus berechtigt, wird aber immer noch viel zu selten gestellt: Was spricht dagegen, gleichzeitig eine Dame und ein Seeräuberkapitän zu sein? (Also – im übertragenen Sinne.) Für Moses zum Glück nicht viel, und so kämpft sie mit ganz viel Witz und Intelligenz und ganz wenig Hauen und Stechen an der Seite ihres Freundes Dohlenhannes gegen den finsteren Olle Holzbein und darum, den blutroten Blutrubin des Verderbens zuerst zu finden. Sie erinnert teilweise wirklich an eine moderne, emanzipierte Variante des Wikingers Wickie. Und an all die Mütter, denen das für ihre Töchter immer noch nicht pink und rüschig genug ist: Es kommt auch eine gewitzte und intelligente Prinzessin vor, die ganz besonders wichtig für die Geschichte ist. Aber mehr wird nicht verraten – das müsst ihr schon selber lesen!

Kirsten Boie: »Seeräuber-Moses« | ISBN 978-3-7891-3180-6 | 320 Seiten | 18,00€ (D)