In guten wie in schlechten Zeiten

Sie hat beschissen geschlafen, als der Wecker in dem schmucklosen Hotelzimmer des Tagungshotels klingelt. Ihre Augen sind rotgeweint. Es war keine schöne Nacht, die hinter ihr liegt.

Nur widerwillig kann sie den Schlaf aus den Gliedern vertreiben. Sie rollt sich aus dem Bett und auf die Beine, tappst barfuß über den kratzigen Teppich bis zum Fenster und zieht die furchtbaren Gardinen mit Fischgrätenmuster zur Seite. Eine frostige Morgensonne blinzelt zwischen lang gestreckten Wolkenschleiern hervor, die einen nahezu makellosen blauen Himmel in azurene Bänder zerschneiden. Die Straße viele Meter unter ihren Füßen ist noch beinahe wie ausgestorben, nur einige Schulkinder hasten aus der Hochhaussiedlung zur Bushaltestelle. Raureif überzieht die Buchsbäume vor dem Hotel mit einer kalt glitzernden Schicht.

Sie streckt die Hand aus, wie um nach den Himmelsstreifen zu greifen, zuckt aber wie elektrisiert zurück, als ihre Finger das eiskalte Glas berühren. Sie fröstelt und legt die Arme um ihren Oberkörper. Kondenswasser hat sich an den schwarz-porösen Gummidichtungen der Scheiben gebildet und perlt zu Boden. Sie zwingt sich, ihren Blick von der trostlosen Vorstadt loszureißen und sich in der winzigen Nasszelle ihres Zimmers für den Tag vorzubereiten.

Ihr Anblick im Spiegel erschreckt sie. Tiefe schwarze Ringe haben sich in der viel zu kurzen Nacht um ihre Augen gebildet, und ihre Haut ist von hektischen roten Flecken übersät. Ihre Haare sind strähnig und in Unordnung, die Lippen spröde und rissig. Sie dreht den Wasserhahn auf und spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht. Wieder fröstelt sie, als die Tropfen auf ihrer Haut zerplatzen und den Kragen ihres Pyjamas durchnässen, bis er an ihren Schlüsselbeinen klebt. Sie putzt sich schnell die Zähne und bindet die wirren Haare zu einem Pferdeschwanz. Dann greift sie sich irgendwelche Kleidungsstücke aus ihrem Koffer: Die gammelige Jeans, ein verwaschenes T-Shirt von irgendeiner Band, die kein Mensch mehr kennt, fadenscheinige Socken. Sie merkt nicht einmal, ob die Sachen zueinander passen; Hauptsache etwas tragen, runter in den Speisesaal, frühstücken, Normalität vortäuschen.

Der Lift braucht Ewigkeiten, um sie die drei Stockwerke in die Tiefe zu tragen. Sie betrachtet sich in den verspiegelten Wänden, ohne sich wahrzunehmen, während sie an ihrer Unterlippe saugt und die Augen schließt. Ihre linke Hand ballt sich zur Faust, sodass die Knöchel weiß hervortreten, und die ungleichmäßig geschnittenen Fingernägel graben sich tief in ihre Handfläche. Erst als die Lifttüren sich im Foyer des Hotels öffnen, öffnet auch sie die Hand wieder. Vier sichelförmige Abdrücke bleiben zurück; sie bemerkt sie nicht einmal.

Im Speisesaal ist noch nicht viel Betrieb, nur die übliche Klientel aus Pensionären und Tagungsteilnehmern. Die Gespräche verwaschen zu einem ständigen Murmeln, einem Hintergrundrauschen, das sie begleitet, während sie einen winzigen Tisch am Fenster auswählt, der Kellnerin ihre Essensmarke gibt und die Frage, ob sie Kaffee wünscht, mit einem teilnahmslosen Nicken beantwortet. Sie steht auf, kaum dass die Bedienung wieder gegangen ist, und nimmt sich Müsli vom Büfett, übergießt es großzügig mit Milch und kehrt an ihren Platz zurück. Der Löffel wandert mechanisch zwischen Schüssel und Mund hin und her, das Müsli verwandelt sich in eine unappetitlich graue Pampe. Sie merkt es nicht, genauso gut könnte sie in diesem Augenblick Tapetenkleister essen. Es ist, als wären ihre Sinneszellen heute nicht mit ihrem Gehirn verbunden. Als würde ein feiner Schleier über ihren Synapsen liegen.

Sie kehrt auf ihr Zimmer zurück, kaum dass sie ihr Frühstück beendet hat, und beginnt damit, sich in der klaustrophobischen Enge der Nasszelle zumindest notdürftig in ein menschliches Wesen zu verwandeln. Sie lässt sich Zeit, das Taxi kommt erst in einer Stunde. Sie nimmt eine Dusche, stellt das Wasser so heiß wie es die mit einer Kindersicherung gegen Verbrühungen ausgestattete Armatur zulässt, und das Wasser hilft zumindest ein bisschen, um die Betäubung in ihrem Körper zu lösen. Sie reibt sich mit den kratzigen Handtüchern trocken, die das Hotel bereit stellt, und schlüpft in ihre Kleidung für den Tag: Weißer Rock, weiße Bluse, weißes Haarband, weiße Schuhe. Weiß, weiß, weiß. Die Farbe soll für Unschuld stehen. Nur dass sie sich nicht sonderlich unschuldig fühlt. Zu guter Letzt streift sie das silberne Armband mit dem kleinen Lapislazuli über, das ihr eine Freundin geborgt hat. Instinktiv sucht sie ihren Ring, bis ihr einfällt, dass der nicht bei ihr ist.

Die Rezeption ruft an, um mitzuteilen, dass das Taxi da ist. Sie bestätigt, streift ihren schwarzen Mantel über und verschließt die Tür zu ihrem Zimmer. Die Liftfahrt geht diesmal viel zu schnell. Sie gibt den Schlüssel an der Rezeption ab, und das junge Mädchen, das Dienst hat, lächelt ihr aufmunternd zu. Der Taxifahrer ist ein rundlicher Typ, der ihr den Wagenschlag öffnet und die Tür sanft ins Schloss drückt, als sie eingestiegen ist und den Gurt angelegt hat. Er fragt nach dem Ziel, und sie nennt ihm die Adresse des Standesamtes im Stadtzentrum. Er mustert sie im Innenspiegel.

“Sie sehen nicht glücklich aus”, sagt er. “Wer heiratet denn?”

Sie bleibt die Antwort schuldig und lehnt den Kopf gegen das Fenster, und er ist schlau genug, nicht weiter nachzuforschen. Vorsichtig fädelt er sich in den langsam dichter werdenden Berufsverkehr ein und lenkt die Droschke in Richtung der Innenstadt. Der Himmel zieht sich zu, und bald klatschen die ersten Regentropfen gegen die Scheiben des Benz. Die schalldämpfende Karosse wirkt isolierend und trennt sie schmerzhaft beruhigend von der Außenwelt.

Die Taxifahrt ist ereignislos, und sie zahlt ihrem Fahrer ein großzügiges Trinkgeld, ohne es so recht zu bemerken. Die anderen sind bereits da, sie warten auf der ausgetretenen Betontreppe unter dem schmalen Vordach, um nicht nass zu werden, während der Himmel all seine Schleusen öffnet. Er weint für mich, denkt sie, weil ich es jetzt nicht darf sondern tapfer sein muss.

Er trägt einen dunklen Anzug, das Sakko ist feucht vom Regen. An seiner Seite steht seine Mutter; ihre eigenen Eltern konnten wegen der Entfernung nicht kommen. War vermutlich aber auch besser so. Ein Arbeitskollege von ihm hält sich etwas im Hintergrund. Ihr einziger Halt ist ihre beste Freundin, die sich gedämpft mit ihm und seiner Mutter unterhält. Sie unterbrechen ihr Gespräch, als das Taxi vorfährt, und ihre Freundin mustert sie forschend. Sie hat auf Make Up verzichtet und die Spuren der letzten Nacht nicht verdeckt, und so weiß sofort jeder, was Sache ist.

Sie betreten das Standesamt. Im Inneren ist die Luft kühl und klamm. Die Fliesen, abwechselnd schwarz und weiß, tragen schmutzige Fußspuren, wo der von den Angestellten herein getragene Regen getrocknet und nur eine dünne Patina aus Dreck und Schlamm zurück geblieben ist. Sie fröstelt wieder, trotz ihres Mantels, und als sie wankt, muss er sie stützen.

Die Formalitäten vor der eigentlichen Formalität ziehen sich ewig. Erst müssen sie zur Standesbeamtin, um Dokumente vorzubereiten, dann will die Standesbeamtin noch mit ihrer Freundin und seinem Arbeitskollegen reden. Der Minutenzeiger an der hässlichen mechanischen Uhr über dem Haupteingang rückt erbarmungslos vorwärts. Sie lehnt sich an die Wand und schließt die Augen.

Eigentlich soll heute der glücklichste Tag in ihrem Leben sein, stattdessen fühlt es sich an, als halte schon seit Wochen jemand ihr Herz in einen Schraubstock gespannt. Ganz in Weiß. Etwas neues, etwas altes, etwas geborgtes und etwas blaues. In guten wie in schlechten Zeiten. Bis dass der Tod sie scheide. Alles Unsinn. Worthülsen, ohne jegliche Bedeutung, zumindest in ihrem Fall.

Sie hat mit ihm einen Ehevertrag aufgesetzt, inoffiziell und ohne Notar, weil sie beide das Gefühl hatten, einander in diesem Punkt bedenkenlos vertrauen zu können. Ein ganz nüchterner Text, vier Seiten. Sie musste das Dokument formulieren, und er hat es unterschrieben, ohne es auch nur zu lesen. Im Kern steht darin, dass es sich um eine Zweckbeziehung handelt und dass ein jeder den Anspruch an seinen eigenen Gütern behalten werde, sofern es zur Scheidung kommt. Getrennte Konten, getrennter Besitz, getrennte Wohnungen, getrennte Leben.

Der Grund, wieso sie ihn trotzdem heiratet, obwohl da außer Freundschaft nicht viel im Spiel ist, ist simpel. Für ihn bedeutet es eine bessere Steuerklasse, sodass ihm am Ende jedes Monats mehr Geld bleibt. Für sie bedeutet es, dass sie über ihn versichert ist und ihr Studium beenden kann, das wegen diverser Krankheiten, ihrem Alter und einer mangelnden sozialen Absicherung auf eher wackeligen finanziellen Beinen steht.

Die Beamtin ruft die kleine Gesellschaft in das Trauzimmer. Sie setzen sich in die erste Reihe, flankiert von ihren Trauzeugen, seine Mutter direkt hinter ihnen. Sie zittert wie Espenlaub und muss eine Panikattacke unterdrücken. Nicht er drückt zur Beruhigung ihre Hand sondern ihre beste Freundin. Sie heftet ihren Blick auf das kleine Kissen mit den Ringen. Schmuckloser Edelstahl, nur ihr Ring gekrönt mit einem winzigen Kristallsplitter. Die Ringe sind nicht einmal neu, sie hat sie aus ihrem eigenen Schmuckkästchen genommen und schlicht ein wenig poliert.

Die Zeremonie beginnt. Vage bekommt sie mit, dass sich alle erheben und wieder Platz nehmen. Die Standesbeamtin redet viel und lächelt noch viel mehr. Was sie sagt, kommt bei ihr nicht an; in ihrem Magen tobt ein ganzer Schmetterlingsschwarm.

Die Beamtin wendet sich an ihn. “So frage ich nun Sie: Wollen Sie die hier Stehende aus freien Stücken zu Ihrer rechtmäßigen Frau nehmen, so antworten Sie mit Ja.”

Er blickt zu ihr und schluckt. Dann nickt er entschlossen. “Ja. Ich will.”

Die Beamtin dreht sich zu ihr. “Auch Sie frage ich nun: Wollen Sie den hier Anwesenden aus freien Stücken zu Ihrem rechtmäßigen Mann nehmen, so antworten auch Sie mit Ja.”

Das Blut tobt in ihren Ohren. Aus freien Stücken? Nein, aus reiner Notwendigkeit! Sie denkt an den langen Brief, den sie an Gott geschrieben hat und der sich in ihrem Tagebuch befindet – dem echten, das niemand kennt, nicht dem Blog, das sie online führt, um ihre verstreuten Freunde über ihr klägliches Leben zu informieren. Sie hat mit ihm gehadert, ihn beschimpft, ihn verantwortlich gemacht, ihn angefleht, ihn nach dem Sinn gefragt. Sie hat sich selber nach dem Sinn gefragt, in vielen endlos langen Nächten. Wenn andere ihr sagten, sie soll sich keine Sorgen machen, hat sie sich Sorgen gemacht. Wie viel Verzweiflung kann ein Mensch ertragen, bis er zerbricht? Mit 25 den seelischen Zusammenbruch, mit 35 Burnout, mit 45 den Herzinfarkt? Oder vielleicht jedes verdammte Jahr einen seelischen Zusammenbruch, seit ihrem zwölften Lebensjahr, mit Tränen und dem Gefühl, einsam und völlig verloren und hilflos zu sein?

Sie sieht von ihren Händen auf. Die Beamtin blickt sie fragend an. “Entschuldigen Sie, möchten Sie, dass ich…”

“Nein!” Sie schreit es fast. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. “Nein. Ich kann das nicht. Ich…”

Sie verstummt, springt auf. Der Stuhl poltert zu Boden. Sie stürzt zum Ausgang, fummelt an der Türklinke herum, bekommt die Tür nicht geöffnet. Weinend wie ein kleines Kind bricht sie einfach zusammen, stützt den Kopf auf die Knie und lässt ihren Tränen freien Lauf.

Jemand legt ihr einen Arm um die Schulter und zieht sie an sich, drückt sie feste. Geruch nach Wildkräutern und Zigaretten. Wärme.

“Komm. Ich bringe dich hier raus”, sagt ihre beste Freundin. Sie zieht sie auf die Beine und stützt sie. An die anderen gerichtet sagt sie: “Ich gehe mit ihr in ein Café. Kommt Ihr klar?”

Der Weg nach draußen scheint ihr endlos. Sie rotzt ein ganzes Paket Taschentücher leer. Als sie durch das Hauptportal ins Freie tritt, raubt die eisige Septemberluft ihr den Atem. Ihre beste Freundin bleibt auf der Schwelle stehen und zündet sich eine Zigarette an. Dann mustert sie sie.

“Das war eine ziemlich dumme Idee”, sagt sie und bläst Rauchkringel in den Regen hinaus.

“Ich weiß.”

“Und? Was wirst du jetzt tun? Wieder hinein gehen?”

Sie zuckt die Schultern. Streift das Armband mit dem Lapislazuli ab und betrachtet es. Etwas blaues, etwas geborgtes. “Keine Ahnung. Was ich immer mache. Zusammenbrechen. Um mich schlagen. Fluchen und schreien und die Welt ganz furchtbar finden. Mich wieder aufrappeln. Mir etwas neues einfallen lassen.”

Ihre beste Freundin streicht ihr durch die klatschnassen Haare. “Mach das. Reg dich ein bisschen auf und dann reg dich auch ein bisschen ab. Vergiss nur den Teil mit dem Aufrappeln nicht.”

Sie schüttelt den Kopf. “Nein. Aufgeben ist feige.”

“Das ist mein Mädchen!” Ihre Freundin lächelt. “Also, wie wäre es jetzt mit einem Kaffee?”

Sie greift nach der Türklinke aus Messing; das Metall unter ihren Händen ist eiskalt vom Regen. “Geh schon einmal vor. Ich sage ihm nur schnell, dass es mir Leid tut. Das ist das mindeste, was ich ihm schulde, neben vielen vielen anderen Dingen.”

Sie schlüpft durch das Portal ins Innere, und der schwere Holzflügel fällt klirrend ins Schloss zurück.

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