Alan Bradley: »Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet«

Ich würde gerne behaupten, dass ich mich gefürchtet hätte, aber das stimmte nicht. Ganz im Gegenteil. Es war das mit Abstand spannendste, was ich je erlebt hatte.

Eines Tages liegt im zum Landsitz der de Luces gehörigen Gurkenbeet ein rothaariger Mann und haucht der elfjährigen Flavia de Luce seinen letzten Atemzug ins Gesicht. Und das neunmalkluge Mädchen mit einem Faible für Chemie riecht sofort Lunte – nicht nur, weil der nun Verstorbene ihr quasi die Mordwaffe in die Nüstern geblasen hat, sondern auch, weil der Unbekannte am Abend zuvor mit ihrem Vater, dem ehemaligen Offizier der Britischen Armee und jetzigen Philatelisten Colonel de Luce, einen heftigen Streit gehabt hat. Auch Inspektor Hewitt zieht schnell diese Verbindung und verhaftet den alleinerziehenden Vater, und dabei kennt er noch nicht einmal die ganze Wahrheit: Dass nämlich dem Mord eine Drohung vorangegangen war, in Form einer auf den Schnabel einer toten Schnepfe aufgespießten Briefmarke! Für Flavia ist klar: Die Aufklärung des Falls kann sie nicht den Beamten seiner Majestät König George überlassen! Sie heftet sich auf die Spur des unbekannten Rotschopfes und stößt dabei tief in die Vergangenheit ihres Vaters vor, in eine Zeit, als er selber noch ein Schuljunge war und die Saat des Briefmarkensammlers in ihm gesät wurde. Durch ihre Neugier gerät sie immer tiefer in ein gefährliches Spiel, bei dem es schließlich nicht nur um eines der Symbole für die Überlegenheit der Britischen Krone gegenüber den Oraniern, die beiden seltenen Briefmarken Rächer von Ulster, von denen eine keinem geringeren gehört als König George von Großbritannien selbst, geht, sondern auch um die Freiheit ihres Vaters und ihr eigenes Leben.

Krimis sind definitiv kein Genre, das mich sonderlich glücklich macht. Ich kann nicht einmal genau den Finger auf das Warum legen; ich finde Krimis einfach nicht so spannend wie andere Romane. Insofern war ich gegenüber Flavia de Luce auch zunächst skeptisch. Dass die Elfjährige aber ein unbändiges Interesse an Chemie zeigt und ihr ein eigenes Labor, geerbt von ihrem Großonkel Tar de Luce, für ihre Experimente zur Verfügung steht, hat sicherlich geholfen, meine anfängliche Ablehnung zu zerstreuen. Außerdem muss ich gestehen, dass ich eine begeisterte Leserin der Fünf Freunde von Enid Blyton bin und immer noch alle 21 Bände im Regal stehen habe. Außerdem kann man sich dem Bann der so neunmal- wie altklugen Flavia nur schwer entziehen. Irgendwas hat das Mädchen an sich, was viele ihrer Missetaten schnell vergessen lässt. Vielleicht liegt es ein wenig an ihrer Familienkonstellation: Der Vater ein Offizier alter Schule, ihre Mutter im Himalaja verstorben, als sie ein Baby war, ihre beiden älteren Schwestern stets darauf bedacht, ihr das Leben schwer zu machen. Vielleicht fiebert man deshalb mit ihr mit, während sie der gesamten Bevölkerung von Bishops Lacey und der Polizei zeigt, was sie so auf dem Kasten hat.

Erfreulicherweise wird die Polizei in Mord im Gurkenbeet nicht als inkompetent dargestellt, ganz im Gegenteil. Inspektor Hewitt und Flavia kommen ziemlich zeitgleich auf dieselben Schlüsse, wenngleich anhand unterschiedlicher Indizien. Natürlich ist es Flavia, die die chemischen Beweise zusammenträgt, während der Inspektor vor allem klassische Polizeiarbeit leistet, und es stellt sich sogar heraus, dass Hewitt das Mädchen die ganze Zeit im Auge behalten hat, damit sie keinen Unsinn anstellt. Trotzdem kann er nicht verhindern, dass Flavia am Ende vom Drahtzieher der ganzen Geschichte überrumpelt und in eine lebensgefährliche Situation gebracht wird – aber zum Glück gibt es ja noch Dogger, das Faktotum auf dem de Luce’schen Landsitz Buckshaw, der das unheimliche Talent hat, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. In dieser Notlage zeigt sich auch am ehesten, dass Flavia ein verhältnismäßig normales Mädchen ist, denn jetzt, wo ihr Leben auf dem Spiel steht, zeigt sie echte Angst. Das unterscheidet sie wiederum wohltuend zum Beispiel von Anne aus den oben bereits zitierten Fünf Freunden, die stets lieber daheim blieb, wenn die Jungs auf Entdeckungsreise gingen, und für dieses Verhalten von ihren Brüdern und ihrer Cousine George auch gerne mal als Hausmütterchen geneckt wurde – hier blieben die Figuren immer irgendwie eindimensional. Das zeigt meiner Meinung nach auch, was von den Rezensenten zum Beispiel auf Amazon zu halten ist, die Flavia unerträglich weil neunmalklug finden. Die Frage muss erlaubt sein, was solche Leser von einem Krimi erwarten, in dem die Hauptfigur elf Jahre alt und ein Mädchen im England der 1950er ist.

Als Krimi hat Mord im Gurkenbeet meiner Meinung nach wenige Schwächen. Alle Fäden werden gut miteinander verknüpft, und es entsteht eine von der ersten bis zur letzten Seite spannende Geschichte. Die wenigen Logikfehler können auch der Übersetzung zugeschrieben werden, so fragt der Täter im Finale nur nach einem der beiden Rächer von Ulster, obwohl er nicht wissen kann, dass die zweite zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Flavias Besitz ist. Auch die Streifzüge durch die Geschichte der Chemie sind durchweg gut recherchiert – davor Hut ab! Nur einen Mecker habe ich, aber das auch nur, weil es mir als Chemikerin sofort aufgefallen ist. Als Flavia aus Hühnersuppe und Backpulver ein Wunderschnupfenmittel mischt, bezeichnet sie das Backpulver zwar korrekt als NaHCO3, verwendet dann aber nicht den richtigen Namen Natriumhydrogencarbonat, sondern die beiden falschen Bezeichnungen Natriumcarbonat beziehungsweise Natriumbicarbonat, und letzteres ist so richtig schmerzhaft falsch. Das sind aber Kleinigkeiten, die man wirklich verschmerzen kann. Stattdessen habe ich mich gefreut, eine weitere berühmte Naturwissenschaftlerin – Marie-Anne Paulze Lavoisier – auf meine Liste bedeutender Frauen schreiben zu dürfen.

Insgesamt hat mir Mord im Gurkenbeet so gut gefallen, dass mittlerweile auch die Nachfolge-Bände bis einschließlich Mord ist nicht das letzte Wort in meinem Bücherregal stehen. Keiner davon kommt meiner Meinung nach an Bradleys Erstlingswerk heran, und vor allem in Halunken, Tod und Teufel hatte ich mehrfach den Eindruck, dass da ganze für die Handlung wichtige Szenen der Schere zum Opfer gefallen sind. Zum Schluss wurde Flavia de Luce zu sehr zu einer Auserwählten ausgebaut, die das schwere Erbe ihrer Mutter antreten soll, und dieser Story-Bogen mündet in Eine Leiche wirbelt Staub auf in eine Geschichte an einer Akademie für besondere Schülerinnen. Dass Flavia nach diesem Fall zurück nach Buckshaw darf, fühlt sich beinahe wie ein Reboot an – als habe Alan Bradley gewusst, dass seine altkluge Heldin außerhalb der alterwürdigen Hallen nicht funktionieren kann. Ganz gleich, bei aller Kritik und allen Problemen habe ich Flavias Fälle durchweg als kurzweilig und angenehm zu lesen empfunden, des ganzen „Auserwählte“-Plots zum Trotz. Und das ist aus dem Mund einer Leserin, die mit Krimis nichts anfangen kann und Serien verabscheut, vermutlich das größte Lob.

Alan Bradley: Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet | ISBN 978-3-442-37624-7 | 400 Seiten | 10,99€ (D)

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