Love Doll

Ich bin nur eine Love Doll. Ein Spielzeug für gelangweilte Männer und Frauen, die etwas erleben wollen, was weit abseits der üblichen Normen ist. Ich gehörte zu einem edlen Club im Stadtteil Chiba. Ich lebte in dem Club in einem winzigen Zimmer mit Möbeln aus abgewetztem Hartplastik. Es war hässlich und kein Ort, an dem man sich geborgen fühlte oder den man Zuhause nannte. Mein Arbeitsplatz war ein Entzugstank, in dem mit gutem Willen drei Menschen Platz haben. Einen dieser hochgezüchteten Soldaten in diesen Tank zu kriegen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. So blieb mir zumindest dieser »Genuss« erspart.

Ich war in dieser Branche tätig, solange ich denken kann. Skitty, mein Boss, sammelte mich in der Gosse einer namenlosen Trabantenstadt am Rand von Tokyo auf und brachte mich in seinen Club, als ich gerade fünfzehn war. Die frustrierten Execs hatten ständig Bedarf an frischem Fleisch, und ich war jung und sah einigermaßen gut aus. Mein Aufgabenfeld war zunächst die Bedienung in der Bar, ehe Skitty mich von seinem Hausarzt operieren ließ, damit ich den Ansprüchen seiner Kunden genügte.

Ich habe nicht viel Cyberware in meinem Körper, gemessen an einem Konzerngardisten zumindest. Meine Veränderungen dienten immer nur dem Spaß anderer und halfen mir selber nie. Meine Reflexrecorder, die Wissens- und Talentleitungen, die Chip- und die Datenbuchse, sie alle erfüllen nur einen Zweck: Möglichst viele perverse Spiele für die Kunden zuzulassen. Meine künstlichen Pheromone sollen stimulierend wirken. Ich sehe aus wie eine japanische Elfe mit Hörnern, dabei war ich vor nicht einmal zwei Jahren noch ein ganz normaler Mensch, und meine Familie muss europäischer Abstammung gewesen sein. All das interessierte Skitty nicht wirklich, als er mich von seinem Ripperdoc verändern ließ. Mystische Wesen liefen gut, weil exotische Modifikationen in Japan gesellschaftlich verpönt und damit reizvoll waren, und die Kunden standen auf japanische Schulmädchen. Ihm war auch egal, dass er etwas anderes an mir veränderte und mich langsam brach.

In den folgenden Jahren bekamen meine Chipbuchsen viele Programme zu fressen: Kamasutra, exotische Liebespraktiken, Grundlagen von Sado-Maso, derlei Dinge. Etwa ein Jahr lang schlief ich mit jedem, der Skitty genug Geld einbrachte. Studenten, Fabrikarbeiter, junge Ehepaare, frustrierte Hacker, Cops – sie alle standen auf der Liste. Ich lernte, mein Bewusstsein so weit wie möglich auszublenden. Am Anfang beschwerten sich die Kunden noch, dass ich kalt und abweisend wäre. Ich wurde verprügelt und vergewaltigt, bis ich gelernt hatte, die Kundenwünsche wie im Reflex und unterbewusst zu erfüllen. Mehr und mehr sehnte ich mich nach den wenigen freien Stunden, die ich in der Einsamkeit meiner Zelle hatte.

Als ich Skitty bewiesen hatte, wie gut ich in meinem Job war, veränderten sich plötzlich die Kunden. Sie wurden vornehmer und stanken nach Geld. Ich erfuhr zum ersten Mal, dass Skitty meinen Sex mit diesen Kunden aufzeichnete, um sie später erpressen zu können. Einige der reichen Pinkel waren nett und unterschieden sich kaum von einem normalen Liebhaber, die meisten jedoch waren jene gelangweilte Sorte Kunden, die auf der Suche nach dem ultimativen Kick waren.

Eines Tages, es muss vor ungefähr einem Jahr gewesen sein, kam Skitty zu mir und gab mir einen kleinen Chip. Er sagte, dass ein ausgesprochen reicher und mächtiger Kunde nach mir gefragt habe. Der Kunde habe ganz besondere Wünsche, und dieser Chip würde mir das erforderliche Wissen vermitteln. Ich nahm den Chip und benutzte ihn. An den Rest erinnere ich mich nicht mehr. Es war das erste Mal, dass Skitty Drogen benutzte, um meine Erinnerungen an einen Kunden zu löschen.

Die Löcher in meinen Erinnerungen wurden eine willkommene Abwechslung zu all den brutalen Szenen, die sich bei dem Sex mit den normalen Kunden in mein Gehirn gebrannt hatten. Ich wusste nicht, wer meine Kunden waren. Ich wusste nicht, was sie von mir verlangten. Vielleicht war das gut so. Zurückblickend denke ich, dass einige der Dinge, die die Leute von mir verlangt haben könnten, weitaus schlimmer gewesen waren als das, was letztendlich meine Flucht veranlasste. Solange Skitty zufrieden war, war alles in Ordnung und mein Leben folgte zumindest geringfügig normalen Bahnen.

Dass es in Skittys Laden eine Love Doll gab, die bereit war, beinahe jeden Wunsch zu erfüllen – ein Hohn, wenn man bedachte, dass ich ungefähr so bereit zu diesen Taten war wie ein Tier, das zum Schlachter geführt wird -, sprach sich unter den oberen Zehntausend in Japan offenbar schnell herum. Ich bekam kaum noch Ruhepausen, sah man von den Phasen der Bewusstlosigkeit ab, die die Anwendung der Drogen bei mir hervor riefen. Die Arbeit und der Mangel an Schlaf hinterließen ihre Spuren, und Skittys Ripperdoc hatte alle Hände voll zu tun, meine Jugend zu erhalten. Mein Gesicht und mein Körper seien mein Kapital, betonte Skitty öfter.

Dann jedoch kam der Tag, der mein Leben radikal umwerfen würde. Skitty war bereits seit einer Woche sehr aufgeregt, und ich ahnte, dass er einen ganz besonderen Gast erwartete und mit den Vorbereitungen beschäftigt war. Ich bekam einige Tage Ruhe, meine übliche Kundschaft wurde abgewiesen. Ich nutzte die Zeit, um zu entspannen, nachdem Skitty mich im Zuge der Vorbereitungen für den Gast einer weiteren Operation unterziehen und mir rubinrot lackierte Nagelmesser implantieren ließ. Sie waren von normalen Fingernägeln nicht zu unterscheiden, aber ich wusste, dass sie gefährliche Schnittwunden verursachen konnten.

Es war ein regnerischer Frühlingsabend, als Skittys Sekretär mir den Chip und das Glas mit dem Drogencocktail gab. Er führte mich nicht in einen der üblichen Entzugtanks sondern brachte mich in einen großen Salon mit einem gewaltigen Bett. Sanfte Musik spielte im Hintergrund, Champagner stand bereit. Ich legte den Chip ein und setzte mich auf die Bettdecke aus rotem Samt.

Die Tür öffnete sich, und herein kam mein Gast. Ich erkannte Kanzler Shiteru aus dem Kabinett des Kaisers auf den ersten Blick. Er war einer der wichtigsten Vertrauten des Kaisers. Er kam in Begleitung eines jungen Mädchens, die wie eine traditionelle Geisha gekleidet und geschminkt war, und ich kann nicht einmal ausschließen, dass sie kein Poser sondern ein echtes Mitglied dieser geachteten Zunft war. Er gab ihr einen leisen Befehl und setzte sich dann in einen Sessel neben der Tür. Die Geisha legte ihr wertvolles Gewand ab und kam zu mir aufs Bett. Ich fragte mich einen Moment, wieso mir Skitty einen Chip gab, wenn es hier nur um eine lesbische Liebesszene vor einem Spanner ging. Ich hatte mit mehr gerechnet und schaltete den Chip ein.

Eine Welle von Hass und Brutalität traf mich. Ich fand mich mitten in einem künstlich induzierten Albtraum voller Blut und Gewalt wieder. Ohne mich kontrollieren zu können, fuhr ich die Nagelmesser aus und ging auf die Geisha los, die mich entsetzt anblickte und einen spitzen Schrei ausstieß. Ich versuchte, mich unter Kontrolle zu kriegen, während Kanzler Shiteru in seinem Sessel lachte und sich ein Glas Champagner eingoss. Als ich jedoch den ersten Schnitt setzte und das rote Blut über meine Hand und die Haut der Geisha, die wie Porzellan schimmerte, spritzen sah, konnte ich mich nicht mehr beherrschen. In einem wahren Rausch zerfleischte ich das junge Mädchen, schnitt ihr bei lebendigem Leib die Augen aus den Höhlen und die Zunge aus dem Mund, trennte Finger, Zehen und Brüste ab und schlitzte mich wie ein Berserker durch Knochen und Eingeweide. Erst als das Mädchen blutüberströmt und reglos auf den klebrigen, durchtränkten Laken lag, ebbte die blinde Wut ab. Ich keuchte, als ein stechender Schmerz durch meine Datenbuchse ging.

Zuerst war ich geschockt. Ich hatte nie zuvor einen Menschen getötet. Dann griff ich nach dem Glas mit der Droge. Ich würde selig schlafen und alles vergessen, was ich getan hatte. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, meine Nagelmesser zu reinigen oder einzufahren und leerte das Glas mit einem Zug. Dann wartete ich auf die Ohnmacht.

Sie kam nicht.

Als mir klar wurde, dass ich diesmal nicht darauf hoffen konnte, zu vergessen, wusste ich, dass mein Leben in Gefahr war. Kanzler Shiteru wandte sich bereits zum Ausgang, die Hand immer noch an der Knopfleiste seiner Hose. Das grausame Spiel hatte ihm ganz offensichtlich gefallen. Meine einzige Chance war, ihm eine Zugabe zu bieten – die letzte seines Lebens. Ich stürzte mit einem Schrei auf ihn, der ihn dazu veranlasste, herumzufahren. Meine Nagelmesser bohrten sich tief in seinen Hals und rissen blutende Striemen in Kehlkopf und Schlagader. Ich ließ ihn einfach zu Boden fallen, stürzte aus dem Raum und verschwand, so schnell ich konnte. Ich wollte mich an Skitty rächen, aber ich wusste, dass seine Bodyguards und sein Bluthund mich zerlegen würden, ehe ich ihn auch nur zu Gesicht bekam. Ich stürzte aus seinem Bordell auf die hell erleuchtete Einkaufsstraße irgendwo im Herzen von Chiba und tauchte in der Menschenmenge unter. Zum ersten Mal seit vier Jahren war ich wieder auf der Straße. Und ich hatte nicht einmal die Chance, meine Freiheit zu genießen. Ich rannte, bis meine Lungenflügel bei jedem Atemzug brannten, und verschwand schließlich in einer dunklen Seitengasse.

Niemand konnte mir bisher erklären, wieso die Droge damals ihren Dienst versagte. Vielleicht hatte ich mit der Zeit eine Toleranz entwickelt, sodass mir diesmal kein Vergessen vergönnt war. Vielleicht gab es nichts mehr zu vergessen. Ich weiß inzwischen jedoch, dass die Chips, die mir Skitty gab, spezielle Programme enthielten, deren internen Schaltkreise mich der Kontrolle über meinen Körper beraubten und , den unterschwelligen Signalen auf dem Chip Folge leistend, jeden Wunsch der perversen Kunden erfüllen ließen. Ich hatte davon schon früher gehört, das war Militärtechnologie. Einmal selber Opfer zu werden, war mir im Traum nicht eingefallen.

Ich weiß, dass Skitty mich suchen wird, sobald er eine Ahnung hat, wo ich mich befinde. Ich weiß, dass ich nicht nach Japan zurückkehren kann, denn die Polizei dort sucht nach mir als Mörderin, und Skitty hat ihnen sicher die Aufzeichnungen gegeben, die er von dieser Nacht gemacht hat, um den Kanzler später erpressen zu können. Ich kann nicht beweisen, dass mich der Chip zum Mord an der Geisha gezwungen hat, weil er sich zerstörte, als das Programm abgelaufen war. Und selbst wenn ich beweisen könnte, dass ich unter Zwang gehandelt habe, so entlastet das nicht meinen Mord an Kanzler Shiteru. Ich stecke tief in der Klemme, und meine wenigen Ersparnisse sind nahezu aufgebraucht, investiert in meine Flucht und eine neue SIN hier in diesem Land.

Ich bin nur eine Love Doll. Aber wenn Sie bereit sind, für jemanden zu bezahlen, der vier Jahre lieben musste ohne jemals geliebt zu haben, wäre ich erfreut, wenn Sie meine Dienste als ernstzunehmende Söldnerin in Anspruch nehmen würden.

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