E.F. von Hainwald: »Cyberempathy«

„[…] Es ist unlogisch, Freiheit statt Sicherheit zu wählen. Wer sicher ist, lebt lang und glücklich. Wer frei ist, lebt gefährlich und achtet nicht auf das Wohl seiner Mitmenschen“, die Stimme nahm einen tadelnden Klang an.

In der Stadt Skyscrape sind alle Menschen über das Cybernet verbunden und können so in einer großen Gemeinschaft an den Gefühlen der anderen Mitmenschen teilhaben. Aufgrund dieser Gemeinschaft gehören Kriege und Verbrechen der Vergangenheit an, und wer doch eine Emotion loswerden will, geht zu einem Erinnerungskonstrukteur. Ein solcher ist auch Leon, und er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, mit der wunderbaren Star-Sängerin Janica an seiner Seite und der Aussicht darauf, nur die exklusivsten Kunden behandeln zu dürfen. Dann jedoch geht eine solche Behandlung beim Sohn eines einflussreichen Bankers schief, und der Junge begeht Selbstmord. Das System befindet Leon für schuldig, trennt ihn vom Cybernet und verbannt ihn in die Unterstadt, tief im Fundament von Skyscrape. Leon ist klar, dass man ihn in dieser verwirrenden Welt aus abstoßender Gewalt und offenem Hass verrecken lassen will. Als er fast alle Hoffnung aufgeben will, wird er jedoch vom Ex-Soldaten Rade aus der Klemme geholt, und dieser bietet dem Newcomer im Slum eine Bleibe und seinen Schutz. Nach und nach lernt Leon auch Rades Geliebte, die Hure Lux, und seine Mechanikerin Skylynn kennen. Gemeinsam mit diesen neuen Freunden gelingt es ihm, in der Unterwelt Tritt zu fassen und sich ein neues Leben aufzubauen. Dann jedoch tritt der undurchsichtige Yas in sein Leben, der unfreiwillige Spender ihrer Organe beraubt, und macht Leon ein verlockendes Angebot. Er bringt ihn zurück in die Oberstadt, wenn Leon ihm hilft, das Trauma seiner Opfer zu lindern. Leon willigt ein – und wird zu einem Spielball von Mächten, die er nicht begreifen kann.

Ich bin bekennender Cyberpunk-Fan, seit ich den Neuromancer gelesen, den Blade Runner gesehen und Shadowrun gespielt habe. Leider fristet diese besondere Untergattung des Sci-fi im Literaturbetrieb immer ein gewisses Schattendasein (als ob Sci-fi selber so eine große Rolle spielen würde), und darum gebe ich Newcomern auf der Bühne gerne eine faire Chance. Das gilt insbesondere, wenn ich mit dem Autoren ein paar Takte über dieses Genre wechseln konnte – wie im Falle von Hainwalds auf der LBM geschehen. (Dass ich als Indie-Autorin mit anderen Indies mitfühlen kann, könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben.) Als ich das Buch dann schließlich las, beschlich mich zusehends dieses seltsame Gefühl von déjà vu, das alles irgendwo schon einmal gelesen oder gesehen zu haben. Cyberempathy trägt seine Inspirationen sehr offen mit sich herum, mit einer tiefen Verwurzelung im Anime – hier sollen vor allem Battle Angel Alita und Akira genannt werden – und dem beinahe formulaischen Befolgens all jener Punkte, die den Cyberpunk ausmachen. Cyber? Check. Punk? Check. Mehr Schein als Sein? Check. Immer auf des Messers Schneide? Check. Einstellung ist alles? Check. Drogen, Sex und sinnlose Gewaltexzesse? Check, check uuuund check. Es geht gefühlt wenige Risiken ein, die Heldenreise ist ebenso in allen Punkten vorhanden wie die klar definierte Drei-Akt-Struktur und das im Cyberpunk so typische Fehlen eines sauberen auflösenden Endes. Für Kenner des Genres ist von vorneherein absehbar, wie sich die Geschichte von Schlecht zu Katastrophal dreht. Die Welt ist dabei durchsetzt von auf den ersten Blick coolen Gimmicks, denen aber das eher cineastische Verständnis für die zugrunde liegenden Technologien, das geradewegs aus Scottys Enterprise-Mechaniker-Wortschatz zu stammen scheint, häufig anzumerken ist. Ständig wird irgendein neuer abgedrehter Scheiß in die Manege geschmissen und gemäß dem Grundsatz „Style over Substance“ in kurzen Vignetten verheizt. Irgendwann wird das sehr ermüdend, der Zauber der sehr eigenwilligen Welt verfliegt und die Ungläubigkeit lässt sich nicht mehr willentlich aussetzen. Wie und warum die Gesellschaft in Skyscrape funktioniert, bleibt immer im Hintergrund, wenn man vom Cybernet und den miteinander verknüpften Emotionen absieht.

Die Figuren sind ziemlich simple Archetypen: Da ist der naive optimistische Newcomer, der Ex-Elitesoldat mit der dunklen Vergangenheit, die Hure mit dem Herz aus Gold und die Wunderkind-Mechanikerin. Die Mischung funktioniert, auch wenn sie auf den ersten Blick wenig Überraschung verspricht – man erwartet einfach, dass diese vier zueinander finden. Trotzdem legt von Hainwald viel Augenmerk darauf, zumindest Leon und Rade umfangreich mit Empathie und Gefühlen auszustatten. Immerhin geht es in dem Roman genau um diese Empathie und um das (bei Philip K. Dick sehr populäre) Motiv der Frage nach dem, was uns menschlich macht und an welchem Punkt wir aufhören, Menschen zu sein. Gerade bei Rade und den anderen aufgemotzten Gestalten in der Unterwelt kommt mir das aber manchmal zu kurz; in den Cyberpunk-Rollenspielen wird das sehr coole Konzept des Menschlichkeitsverlustes gepflegt, bei dem man immer, wenn man ein Körperteil durch Blech ersetzt, ein wenig vom eigenen Selbst aufgeben muss, bis man einer Psychose anheim fällt. Es gibt bei Rade zwar Indizien dafür, und auch die allgegenwärtige Gewalt und Abwertung menschlichen Lebens und die Kriecher im Fundament sind Hinweise auf ein solches Prinzip, aber in einem Roman, der sich so stark um Empathie und Emotionen dreht, wäre hier etwas plakativeres Vorgehen sicher nicht verkehrt gewesen. Besonders Wundermechanikerin Skylynn scheint sonderbar emotionslos gegenüber dem Fakt zu sein, dass ihr irgendein Arschloch die Arme abgesäbelt hat, als sie noch ein kleines Kind war. „Das ist lange her“, lautet ihr lakonischer Kommentar – als ob man das Trauma eines solchen Übergriffes einfach ad acta legen könnte. (Eigene Erfahrungswerte: PTSD ist ’ne Bitch.) Ich mag die Menagerie trotzdem, auch wenn sie jetzt nicht so viele Schichten wie Zwiebeln oder Oger hat. Und während Rade und Leon auf der letzten Seite im Widerschein der brennenden Unterstadt Händchen halten, wandern meine Gedanken zu Skylynn und Lux und der bangen Frage, ob es ihnen gut geht.

Reden wir noch kurz über das Handwerkliche des Verlags. Gedankenreich ist sehr klein und steckt einen Haufen Herzblut in seine Projekte. Das kenne ich aus eigener Erfahrung, man möchte die Welt an seiner Liebe ein bisschen teilhaben lassen. Umso schmerzhafter ist es dann, Fehler zu sehen, die mit etwas mehr Sorgfalt hätten vermieden werden können. Immer wieder sind dem Lektorat Rechtschreib- und Grammatikfehler durchgerutscht, und die Satzzeichen (insbesondere die Kommas) scheint jemand mit der Schrotflinte nach dem Zufallsprinzip in den Satz geschossen zu haben. Das Layout ist zwar liebevoll, mit ansprechenden Trennern und Kapitelköpfen, aber auch hier merkt man, dass im Wesentlichen nur die Silbentrennung und die Hurenkinderregelung in Office eingeschaltet und danach nicht noch einmal drüber gelesen wurde. Das macht den Satz stellenweise sehr unruhig, mit riesigen Wortabständen oder Stellen, an denen nur die Satzzeichen einer wörtlichen Rede in die neue Zeile rutschen und dann der Absatz endet. Ich meine, ich weiß selber, wie viel Zeit (und für einen Verlag auch Geld) es kostet, diesen ganzen Mist zu finden und zu beseitigen, und ich ärgere mich schwarz, dass mir in meinen eigenen Werken vereinzelt solche Fehler durchgegangen sind. Aber wenn man sich eines Lektorates und eines Layouters rühmt, sollte das doch möglich sein, oder?

Nach derart geharnischten Worten erwartet vermutlich niemand mehr versöhnliche Töne aus meiner Feder. Aber der Punkt ist, dass Cyberempathy bei all meiner Kritik irgendetwas wohl fundamental richtig gemacht haben muss. Immerhin habe ich das Buch tatsächlich bis zum Ende gelesen, und ich hatte niemals während der 560 Seiten das Gefühl, es wäre nur Arbeit oder eine unangenehme Pflicht – und das konnten in den vergangenen Wochen wirklich wenige Bücher in meiner Sammlung von sich behaupten. So formulaisch und nach Checkliste der Roman auch allem Anschein nach entstanden sein mag: Er funktioniert. Die Charaktere sind keine Katastrophe, die ich ständig gehasst habe, und die unterschwellige Botschaft der obrigkeitsbefohlenen Political Correctness bis zur Selbstverleugnung gepaart mit einer diffusen nicht ganz greifbaren globalen Bedrohung klickt gut in den aktuellen Zeitgeist. Sex-Anspielungen sind gehäuft, aber nicht aufdringlich, und Cyberempathy dürfte der erste Cyberpunk-Roman sein, in dem der obligatorische Fick des Hauptcharakters homoerotisch ist. Das alleine hat fette Bonuspunkte verdient. Kurz gesagt: Wer das Genre liebt und ein Herz für Indie-Autoren und -Verlage hat, sollte bei aller Kritik zugreifen. Schon allein, um’s dem Establishment der großen Verlage zu zeigen. Das wäre nämlich ziemlich Cyberpunk von euch.

E.F. von Hainwald: »Cyberempathy« | ISBN 978-3-947147-48-9 | 560 Seiten | 16,90 € (D)

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