Briefe aus Japan, Tag 1

Minako Gooooooo~d Evening, Minato-ku!

Umeko Und auch ich wünsche euch ein etwas weniger enthusiastisches Konban wa, minna aus dem Land der Aufgehenden Sonne.

Minako Ach komm schon, Ume-chan, ist doch alles gut gegangen.

Umeko Ja, am Ende hatten Herrin und ihre Begleitung dann doch noch ziemliches Glück, aber vielleicht sollten wir vorne beginnen mit dem Erzählen?

Minako Wie weit willst du denn zurück? Bis zu der Stelle, wo die Sicherheit am Fraport Herrin und ihre Tasche rausgepickt hat, weil sie dachten, die Spiele-Speicherkarten für ihren DS seien gefährliche unidentifizierte Chips?

Umeko Nein, ich glaube, es reicht, wenn wir bis zu der Stelle springen, an der Herrins Begleitung eine Viertelstunde vor dem Boarding auffällt, dass er seine Kreditkarte nicht eingesteckt hat.

Minako Ja, die beiden waren schon kurz davor, einfach gar nicht in den Flieger zu steigen, insbesondere weil Herrin ja keinen so großen Kreditrahmen hat, dass sie davon die vierzehn Tage Doppelzimmer zahlen könnte. Glücklicherweise hatte ihr Begleiter genügend Bargeld dabei, um zumindest das Hotel und auch die Versorgung mit Lebensmitteln abzudecken – aber für Ausflüge sah es schon echt eng aus, von Shopping gar nicht zu spechen.

Umeko Glücklicherweise gelang es den beiden aber, eine andere Geldquelle aufzutun.

Minako Wie das wieder klingt, Ume-chan! Als ob Herrin ihren Körper verkauft hätte!

Umeko Du hast ein sonderbares Bild von diesem Land. Nein, die Lösung ist viel einfacher. EC-Karten, die hier an den ATMs als Kreditkarten erkannt werden. Die Gebühren sind horrend, aber das ist eben der Preis, den man für Schusseligkeit zahlen muss.

Minako Ich liebe dieses Land, Ume-chan, und das solltest du auch wissen. Die Höflichkeit der Menschen, die Eindrücke, die Kultur, das tägliche Leben und nicht zuletzt die Landschaften – Japan hat mich verzaubert, als ich vor vier Jahren das erste Mal hier war. Will ich hier leben und arbeiten? Nein, weil es nicht meine Kultur ist. Möchte ich so viel wie möglich vom Land sehen? Yes, eintausendmal Yes!

Umeko Nun, dazu wirst du Gelegenheit bekommen, das sei dir versprochen. Wegen der Enttäuschung über „Kreditgate“ hat Herrins Begleiter bereits eines der Ziele verraten, obwohl er sie damit überraschen wollte.

Minako Dann bist du jetzt besser still, damit unsere Leser dann überrascht sind. Erzähl mir stattdessen, was wir morgen unternehmen, nachdem unser erster Tag hier weniger dem Tourismus gewidmet war.

Umeko Sagen wir mal, es hat mit einem gewissen japanischen Anime-Studio zu tun, und ein Katzenbus ist vielleicht auch involviert.

Minako Ooh! Das wird in den kommenden Tagen schwer zu übertreffen sein! Immerhin gibt es morgen dann aber auch die ersten Fotos – dazu hat uns heute nämlich ein wenig der Kopf gefehlt.

Umeko Versprich nichts, was du nicht halten kannst. Im Ghibli-Museum darf man leider nicht fotografieren. Aber trotzdem geht unser Bericht dann ab morgen so richtig los. Und wir werden uns wie die letzten beiden Male auch große Mühe geben, uns wieder in das eine oder andere Bild zu schmuggeln.

Minako Aber für heute machen wir hier Schluss. Es ist ja auch schon neun Uhr am Abend. Wir springen jetzt noch schnell unter die Dusche, und dann geht’s in die Federn.

Umeko Dem schließe ich mich an; Minako kann auch schon kaum noch die Augen offen halten. Also gute Nacht – und noch einmal unsere aufrichtige Entschuldigung, dass es heute noch nichts zu gucken gibt. Wir sehen uns morgen!

Unmutter

Als wir unseren Planeten endlich so weit ruiniert hatten, dass die Schäden nicht mehr zu leugnen, die Folgen nicht mehr zu vertuschen waren, als die Mächtigen dieser Welt uns im Dreck sitzen ließen und in ihren Vaults verschwanden, nur um nie wieder aus ihnen empor zu steigen, als schwere Unwetter, Hitzewellen und Sandstürme unseren Fortschritt zu Trümmern zerrieben und nichts zurück ließen als Ruinen, all ihrer Annehmlichkeiten beraubt, als auch die letzte saubere Quelle versiegt oder ungenießbar geworden war von den in ihrem Wasser gelösten Salzen und Schwermetallen, dachten wir alle, dachten unsere Vorfahren, dass wir den tiefsten Punkt in der Geschichte unserer Spezies, unserer Zivilisation erreicht hatten.

Dies waren die letzten Tage, der einstmals strahlende Chor, der von unseren Taten berichtete, reduziert auf ein jammerndes Heulen, der Abgesang all unserer Errungenschaften. Wir hatten den Grund erreicht, schlimmer konnte es nicht kommen, von hier ausgehend konnten wir unsere Welt wieder aufbauen, etwas neues, größeres, niemals dagewesenes schaffen, die Menschheit zum Phönix unter der ewig brennenden Sonne machen, die aus der Asche auferstand, auf den Gebeinen all jener Spezies, die wir auf dem Weg zu unserem Ende ausgerottet hatten.

Wir bildeten Clans. Wir führten Kriege um das wenige, was noch verblieben war. Wasser. Nahrung. Waffen. Energie. Wissen. Wir gründeten neue Siedlungen, wo die geänderten Bedingungen unserer Umwelt uns einen fruchtbaren Fleck versprachen. Wir eröffneten Handelsrouten. Wir verhandelten mit den Nachbarn und führten Kämpfe gegen sie, um sie auszurotten oder zu unterwerfen. Wir brachen die Vaults der einstmals Mächtigen auf und plünderten, was noch nicht verdorben, töteten, wo noch Leben vorhanden war. Wir waren Barbaren, reduziert auf das essenzielle. Wir klammerten uns an das wenige Leben, das uns verblieben war. Stagnation, die Illusion von Stabilität.

Doch es kam schlimmer. Die Strahlung der Sonne und die Strahlung der gebändigten Kernkraft fraßen an unseren Genen, zerstörten die biologischen Programme, die unser aller Fortbestand sicherten, die wir seit undenklichen Zeiten weitergaben, von unserer Generation an die nächste, von der letzten Generation an unsere. Die Krankheiten, die in unseren Reihen tobten, als unsere Zivilisation zusammenbrach, waren schlimm, aber sie waren nicht zu vergleichen mit den Schrecken, die der in unseren Zellen, im Innersten aller Dinge tobende Kampf gegen die ständigen Mutationen mit sich brachte. Viele starben an alten und neuen Erbkrankheiten oder gingen qualvoll an Krebs zugrunde, der uns alle auffraß, die einen mehr, die anderen weniger. Ohne sauberes Wasser, ohne gesunde Lebensmittel und ohne medizinische Versorgung kämpften unsere Körper eine aussichtslose Schlacht gegen den unsichtbaren Feind, der unsere Körper selbst waren.

Und dann wurden wir weniger. Nicht weil die Krankheiten, die Mängel, die Naturkatastrophen oder die verzweifelten Kämpfe ums Überleben uns aufrieben. Sondern weil das ständige Bombardement harter Strahlung uns langsam unfruchtbar machte. Zuerst fiel es nicht auf, und bis sich in dem Chaos jemand fand, der noch genug Ahnung von Wissenschaft hatte, um die Teile zu einem Bild zusammenzusetzen, war es beinahe zu spät.

Wir erfanden Wege, die wenigen von uns zu schützen, die den Fortbestand unserer Spezies sichern konnten. Und während die Männer wie so oft in unserer Geschichte mit einer eher geringen Beeinträchtigung ihres Komforts und ihrer persönlichen Freiheit davon kamen, waren es wie üblich die Frauen, die unter der Situation am meisten zu leiden hatten. Wir gaben den Maschinen niemals einen Namen, sie blieben autonome Parasiten, eine weitere menschgemachte Gefahr im Ödland, die all jene für immer zeichnete, die noch Kinder gebären konnten und in den Ruinen in flüchtiger Freiheit lebten. Transformierte sie in widernatürlichster Form, verwandelte ihre Bäuche in gläserne Kuppeln, die dem heranwachsenden Baby und den Eierstöcken Schutz boten vor Gewalteinwirkung, Umweltgiften und harter Strahlung, zwangen sie zu einem Leben in ständiger Fruchtbarkeit, hielten stets eine neue Eizelle bereit, für den Fall, dass ein zeugungsfähiger Mann mit ihnen Geschlechtsverkehr hatte, erzwangen einen ständigen Strom von Muttermilch. Reduzierten die Frauen auf die Funktion eines Automaten, dessen einzige Aufgabe es war, Babys in die Welt zu setzen.

Clan-Herrscher zahlten hohe Kopfgelder für die sogenannten Verlorenen Mütter. Nicht in klingender Münze, sondern in Wasser, in Treibstoff oder in Munition. Sie bewachten die Frauen, horteten sie in Harems, zusammen mit einigen Männern, die fähig waren, Kinder zu zeugen. Es gab einen neuen Rohstoff, den es zu jagen galt und um den es sich Kriege zu führen lohnte. Wer die Verlorenen Mütter kontrollierte, kontrollierte die Zukunft der Menschheit, kontrollierte die Stärke seiner Armeen, die Menge seiner Arbeiter, seine eigene Erbfolge. Wer die Verlorenen Mütter kontrollierte, hatte Macht.

Vielleicht fürchten sie darum alle die Unmutter. Wispern ihren Namen hinter vorgehaltener Hand. Sie hat das Undenkbare getan, hat ihren eigenen Körper vergiftet, nachdem sie zu einer Verlorenen Mutter wurde, und so ihre Fruchtbarkeit zerstört. Sie hat Verrat begangen an den Menschen und ihrem Recht auf Zukunft. Wenn ihre Wahl sich verbreitet, wenn andere Verlorene Mütter auch wählen, dann bleibt auf der Erde nichts mehr. Sie beseitigen ihre Spuren, wo sie sie finden, die auf der Seite liegende Acht, das Unendlichkeitssymbol. Ouroboros, die Schlange, die sich selbst beißt. Der Endlosknoten skandinavischer Mythologie. Zwei pralle Brüste. Verbergen, dass es sie gibt, leugnen, dass nicht zu gebären eine Form von Freiheit ist, die erstrebenswert ist, wenn man doch stattdessen Leben schenken kann, Leben für die Zukunft aller, für das große Ziel. Bieten gleichzeitig alles, was ein Mensch sich erträumen kann, für ihren Kopf. Sie glauben, dass man das Signal stoppen, den Status Quo aufrecht erhalten, das Wissen auslöschen kann. Sie glauben, dass die Menschen ihre Lügen über die Unmutter glauben, wenn sie sie nur lange genug wiederholen, laut genug in die Wüste hinaus brüllen. Dass die Unmutter zur verhassten Täterin wird und sie selbst zu den Opfern. Dass die Unmutter verschwindet, zu einem Schatten wird wie die Spuren der Alten Welt.

Sie haben Unrecht.

Prolog zu meiner Fingerübung „Unmutter“, Post-Apocalyptica in Nordeuropa. Ähnlichkeiten zu meiner Kurzgeschichte „Fleischmaschinen“ sind sicherlich kein Zufall.

Briefe aus Tokyo, Finale (11.11.15)

Umeko: Konban wa, liebe Leser, und herzlich Willkommen zu unserem Reisebericht vom zehnten und letzten Tag aus Tokyo.

Minako: Ume-chan, sag doch bitte nicht so furchtbare Dinge. Sag mir lieber, womit wir uns heute von unserem Abschiedsschmerz ablenken.

Umeko: Also, wir werden sicher noch ein letztes Mal die Geschäfte unsicher machen und auch einen letzten Okonomiyaki essen gehen. Aber vorher steht eine Fahrt nach Ome an.

Minako: Wir sind hier so weit draußen, dass die Minako Line nur noch mit vier statt elf Waggons fährt. Also, was gibt es hier? Wandern wir?

Umeko: Gewandert bin ich hier vor drei Jahren tatsächtlich, rund um den Mitakesan. Aber heute geht’s nur in ein weiteres Eisenbahn-Museum.

Minako: Das wirft zwei Fragen auf. Erstens, willst du mich verkohlen? Und zweitens, wie haben die komplette Züge diese Hügel hinauf bekommen? Gibt’s da einen Schienenanschluss?

Umeko: Zu deiner ersten Frage: Nein, das ist mein Ernst, aber es ist auch nur ein kleines Museum, wir sind vor allem wegen der Landschaft hier. Und zur zweiten Frage: Warte es ab.

Minako: Ist ja schon echt schön hier. Nicht ganz so einsam wie der Takao-san, aber auch kein Stadtgebiet. Aber selbst hier gibt’s Hochhäuser.

Umeko: Darum kommst du nicht herum. Japan ist ein kleines Land. Was denkst du, wieso sie mit gomi künstliche Inseln aufschütten. Oh! Gib auf die Spinne acht!

Minako: Verdammt, ist das ein riesiges Viech! Das Foto müssen wir aber hinter einen Spoiler packen.

ACHTUNG!!! Es folgt ein Spinnenfoto! Öffnet diesen Link nur, wenn ihr glaubt, damit klar zu kommen! Ihr seid gewarnt!

Umeko: Minako, du bist weiß wie die Wand. Hast du Arachnophobie?

Minako: Nein, geht schon, es ist nur… Ugh, zum Glück gibt’s auch schöne Blumen in diesem Land.

Umeko: Dieser Friedhof ist auch sehr hübsch. Schau nur, wie er sich in den Hang schmiegt und den Berg hinauf schwingt.

Minako: Das ist ziemlich faszinierend. Oh. Ich glaube, ich kann das Museum hören.

Umeko: Wie du siehst, gibt es hier vor allem Dampfrösser. Aber auch diesen Shinkansen hier, in den man rein darf.

Minako: Du schuldest mir aber immer noch eine Erklärung. Ich sehe hier nirgends einen Gleisanschluss. Also wie ist der Shinkansen auf den Berg gekommen?

Umeko: Die meisten Lokomotiven haben sie in Unterbau und Aufbau zerlegt und dann auf Sattelschleppern den Berg hinauf geschafft und mit Kränen zusammengesetzt. Beim Shinkansen war es etwas anders, da haben sie die Drehgestelle gelöst und den Wagenkasten auf Selbstfahrer gesetzt. Danach ist er selber den Berg hinauf gefahren und wurde hier auf die Drehgestelle zurückgehoben.

Minako: Okay, ich gebe zu, Ome war schön, aber das hier ist noch schöner. Ein torii, richtig?

Umeko: Ja, es gehört zum Meiji Jingu, einem Schrein in Harajuku. Wir sind gar nicht weit von der Brücke entfernt, auf der sich sonntags immer die Cosplayer tummeln. Aber es ist Mittwoch, also gehen wir lieber in den Schreingarten.

Das ist das Teehaus, in dem immer noch gelegentlich Teezeremonien abgehalten werden. Aber heute ist es mal wieder geschlossen, wie’s aussieht.

Minako: Schade. Das hätte ich mir zu gerne angesehen.

Aber die Seerosen sind wunderschön.

Umeko: Wir sind leider etwas zu spät gekommen. In diesem Garten gibt es einige Bereiche, die der Zucht seltener Pflanzen gewidmet sind. Ich wundere mich, dass wir überhaupt noch Seerosen zu sehen bekommen. Normalerweise sind sie im November bereits im Winterquartier.

Minako: Ich bekomme gerade ernsthafte Flashbacks zu Crimson Butterfly. Ein uralter Waldweg, ein abweisendes Hinweisschild und zwei Mädchen, die ganz alleine unterwegs sind, während es dämmert. Rieche nur ich ein Horror-Klischee?

Umeko: Der ganze Schreingarten ist voller Touristen aus aller Herren Länder, und im Schrein selber findet gerade eine Shinto-Hochzeit statt. Also ja: Ich fürchte, du bist die einzige, die das gruselig findet.

Das ist Kiyomasas Brunnen. Du erinnerst dich sicher daran aus meinem letzten Bericht.

Minako: Unglaublich, wie klar das Wasser ist. Und auch hier hört man nichts mehr von der Stadt. Ohne die Touristen wären wir hier wirklich ganz alleine.

Umeko: Ich sag’s ungerne, Minako, aber streng genommen bist auch du „nur“ eine Touristin. Und sogar ich, meiner Wurzeln zum Trotze, bin nur als Touristin hier.

Minako: Das ist sie also? Die letzte Yamanote-Fahrt, die wir in diesem Urlaub hinter uns bringen werden?

Umeko: Ja. Aber sieh es doch auch mit einem lachenden Auge: Du hast unglaublich viel erlebt, um das dich viele Menschen beneiden werden. Ohne Herrin hättest du all das hier niemals gesehen. Das ist echt verdammt viel für zwei so kleine Puppen wie uns.

Minako: Apropos, was machen wir mit Herrin? Sie starrt schon eine ganze Weile nur auf den See.

Umeko: Geben wir ihr noch etwas Zeit. Bei unserem letzten Besuch hat sie ihr komplettes Leben überdacht. Dieses Mal wird Tokyo ähnliche Ergebnisse zeitigen. Aber das muss sie an diesem Punkt alleine lösen, da kann ihr niemand helfen.

Goodbye, farewell & amen. Es war schön hier.

Briefe aus Tokyo, Tag 9 (10.11.15)

Stitch: Kleine Puppenmädchen packen, also Stich schreibt Bericht.

Umeko: Machst du das auch ordentlich, du Fellknäuel?

Stitch: Ha!

Umeko: Wehe, wenn nicht. Dann hetze ich das Tanuki auf dich.

Stitch: Ist Tempel in Wald.

Umeko: Wirklich? Das ist der Seishouji Tempel in Minato, vielleich einen halben Kilometer zu Fuß vom Hotel entfernt. Er liegt in der Nähe des NHK-Museums, das wir eigentlich besuchen wollten, leider hatte es aber wegen Renovierung geschlossen.

Stitch: Ha. Tempel.

Ist Zug.

Minako: Das übernehme ich, kümmer du dich um die Disney-Becher, Ume-chan. Das ist die Ginza Line. Mit ihr sind wir vom Seishouji nach Ginza gefahren. Und ganz ehrlich, so langsam kann ich bei „Wetten, dass..?“ mitmachen. Wetten, dass ich alle Stationen im Streckennetz Tokyos an der Musik erkenne, die gespielt wird, wenn sich die Türen schließen?

Stitch: Ha. Musik.

Umeko: Ich halte das nicht aus. Stitch, weiterpacken. Minako, Jacke, mitkommen. Wir gehen jetzt zum Kyu-shiba-rikyu Garten.

Minako: Ich kann einfach nicht glauben, dass dieser Garten nur einen Steinwurf von der S-Bahn-Station entfernt liegt, an der wir immer in die Yamanote einsteigen.

Umeko: Der Garten ist ein Kulturerbe und einer der ältesten noch erhaltenen Gärten, die in der Edo-Zeit einem daimyo, einem Fürsten gehörten.

Er ist in verschiedene Themenbereiche unterteilt und wird im Zentrum vom Dai-Sensu dominiert, ein ungefähr 9.000 Quadratmeter großer künstlicher See, der damals eine Anbindung zum Meer hatte und darum den Gezeitenhub mitmachte.

Minako: Ja, nur heute ist das hier eindeutig Süßwasser, denn ich habe vorhin Koi gesehen. Die sind Süßwasserfische.

Umeko: Gar nicht schlecht, Minako. Du überraschst mich immer wieder. Komm, wir stellen uns eine Weile im Azumaya unter, bis der Regen ein wenig abgeebbt hat.

Minako: Weißt du eigentlich, wie sehr ich es an dir liebe, wenn du mir Sachen erklärst, ohne mich dabei wie ein kleines blondes Dummchen dastehen zu lassen? Du behandelst mich mit Respekt, das freut mich immer.

Umeko: Manchmal fällt mir das schon ein wenig schwer, muss ich gestehen. Aber weißt du, wie das Plüschviech sagen würde, du bist letztendlich immer noch ohana für mich. Und damit werde ich dich beschützen – wenn es sein muss, bis zum letzten Atemzug.

Minako: Das hast du schön gesagt, Ume-chan. Die Wortwahl macht mir zwar Angst, aber ich freue mich auch.

Du bist so still, Ume-chan.

Umeko: Ist schon in Ordnung, Minako. Mach dir keine Gedanken. Ich bin nur ein wenig nachdenklich.

Minako: Du wirst Japan vermissen, wenn wir wieder in Deutschland sind, nicht wahr? Weil es deine Heimat ist?

Umeko: …manchmal bist du einfach zu schlau.

Minako: Es wird schon dunkel, und der Regen hat nachgelassen.

Umeko: Ja. Der Park wird bald schließen. Lass uns aufbrechen.

Minako: Lass uns Udon Soba essen gehen. Ich lade dich ein. Was immer Stitch für ein Chaos angerichtet hat, wird nicht weglaufen.

Umeko: Einverstanden. Machen wir Schluss für heute. Ein letzter Tag verbleibt uns ja noch.

Minako: Also dann, liebe Leser. Hier gibt’s nichts mehr zu sehen. Den Abend wollen Ume-chan und ich für uns – ihr versteht das sicher. Bis morgen!

Briefe aus Tokyo, Tag 8 (09.11.15)

Umeko: Konban wa, minna! Schön, euch alle wieder an Bord begrüßen zu dürfen, wenn wir den 8. Tag unseres Japan-Urlaubs in Angriff nehmen!

Minako: Auch von mir ein fröhliches Hallo! Heute geht’s ins Disney Resort Tokyo, richtig?

Umeko: Mit einem kleinen Umweg über Tokyo Station, wo wir in die Keiyo Line umsteigen, die uns nach Maihama bringen soll.

Minako: Es gibt, glaube ich, nur zwei Arten Menschen auf der Welt: Jene, die Disney lieben und jene, denen es eher egal ist. Zu welcher Gruppe gehörst du, Ume-chan?

Umeko: Ich habe keine sonderlich stark ausgeprägte Meinung über Disney, aber ich bin neugierig und glaube, dass du deinen Spaß haben wirst. Das reicht mir.

Auch wenn es mir durch den amerikanischen Weihnachtskitsch wirklich schwerfällt.

Minako: Da wirst du nicht drum herum kommen, du Spaßbremse. In Disneyland beginnt heute nämlich die Weihnachts-Saison, und das heißt: Kitsch as kitsch can.

Umeko: Meinen Landsleuten scheint es wenigstens zu gefallen. Und vielleicht komme ich ja auch noch in Stimmung. Wohin also als erstes, Schatz?

Minako: Na, nach hinten aus der Main Street heraus…

…und einen Blick auf Cinderellas Schloss werfen! Es ist schließlich eines der ikonischen Gebäude Disneys.

Umeko: Der Himmel sieht ziemlich bedrohlich aus. Es ist zwar warm, aber ich hoffe wirklich, es bleibt auch trocken. Lass uns lieber losgehen.

Minako: Erster Halt: Adventureland!

Umeko: Und auch hier haben sie alles auf Weihnachten getrimmt. Das wird wirklich eine Geduldsprobe in Ruhe und Sanftmut für mich.

Minako: Ach, du kannst doch gar nicht böse werden. Guckie, da hat sich ein Stitch versteckt. Huhu, Stitch!

Umeko: Lass ihn bloß in Ruhe, sonst wirst du den nie wieder los.

Minako: Lass uns ein paar der Fahrgeschäfte nutzen, solange das Volk noch bei der Weihnachtsparade auf der Main Street ist.

Umeko: Einverstanden. Aber halt dich fest. Du weißt, dass Puppen nicht gut schwimmen!

Minako: Naaaaaaants ingonyama bagithi Baba!

Umeko: Der Fairness halber: Es ist von Disney. Sonst würde ich dich jetzt bremsen.

Minako: Spaßbremse!

Umeko: Entschuldige, für mich sind es eben die kleinen Details, die diesen Besuch ausmachen. Ist dir mal aufgefallen, wie genau hier alles geplant ist? Bei Odaiba hast du dich noch beschwert, es sei dir zu künstlich.

Minako: Im Gegensatz zu Odaiba vergisst du im Disneyland aber schnell, dass die Sachen bis ins kleinste Detail durchgeplant sind. Es wirkt einfach organisch.

Guck dir zum Beispiel das Baumhaus der Schweizer Robinsons an. Natürlich ist das komplett künstlich errichtet, du kannst das Plastik sogar fühlen. Aber es wirkt alles sehr stimmig, weil Leute daran gearbeitet haben, die eine Illusion verkaufen wollten.

Umeko: Minako, ich bin aufrichtig beeindruckt.

Weihnachten macht scheint’s auch vor dem wilden Westen nicht halt.

Minako: Schade, dass Thunder Mountain und die Dampfeisenbahn gerade renoviert werden. Darauf hätte ich jetzt Lust, zumal man von der Eisenbahn echt was vom Park zu sehen kriegt.

Na gut, dann müssen wir wohl den Mississippi-Raddampfer aus Tom Sawyers Themenbereich nehmen. Das macht sicher auch Spaß.

Umeko: Schon wieder Wasser. Nun gut. Gehen wir es an.

Minako: Da hängen ja überall Rettungsringe, und du kannst auch keinen Schritt tun, ohne auf einen Park-Angestellten zu treten, also denke ich mal, wir werden es überleben.

Umeko: Endlich. Das Festland hat uns wieder.

Minako: Siehst du? Das war gar nicht so schlimm. Und zur Belohnung gehen wir jetzt in Cinderellas Schloss und gucken uns die Geschichte ihrer Inthronisation an.

Umeko: Auch hier sind die Details wunderschön. Diese Mosaike zum Beispiel sind unglaublich detailliert und erzählen Dornröschens Geschichte.

Minako: Dornröschen? Das heißt hier Cinderella, Ume-chan!

Umeko: Na gut, ehe die Disney-Polizei mich lyncht: Cinderella. Was ich sagen wollte: Weil ihr Schloss ohnehin ein künstliches Bauwerk ist, fällt nicht so ins Gewicht, dass auch das Design absolut künstlich ist. Anders als bei der Natur.

Minako: Mag schon sein, aber letztendlich geht man doch nicht ins Disneyland, weil man einen besonders schönen, natürlichen Park besuchen will.

Umeko: Wohl nicht, nein. So. Ruhe jetzt, wir werden gleich zur Königin vorgelassen.

Beide: Herrin?!

Minako: Ich bin grad unsicher, was das Protokoll verlangt: Müssen wir vor ihr knien?

Umeko: Ich hab noch nie aus freien Stücken vor ihr gekniet, ich fange sicher nicht heute damit an. Verschwinden wir lieber, ehe sie uns entdeckt.

Minako: Endlich draußen aus dem Schloss. Oha! Wir sind im Wunderland gelandet.

Umeko: Kein Wunder, dass Herrin auf dem Thron saß. Wenn man das japanische „Arisu“ außer Acht lässt, dürfte sie heute die einzige hier im Park sein, die wirklich und wahrhaftig „Alice“ heißt.

Minako: Ich kriege langsam Hunger. Können wir was essen?

Umeko: Wir können ja die freundliche Katze hier fragen. Die Wegweiser sind jedenfalls keine Hilfe.

Minako: Ob du mit der Katze wirklich so viel mehr Glück haben wirst?

Umeko: Siehst du, die Grinsekatz war doch wunderbar kooperativ.

Minako: Ich hoffe nur, sie erholt sich wieder von dem Judo-Griff, den du bei ihr angewandt hast.

Umeko: Das wird schon wieder. Iss lieber dein Dessert, das du unbedingt haben wolltest.

Minako: Ich finde ja super, dass man diese Tasse und den Kuchenteller als Andenken behalten darf und dass sie sogar Knackfolie bereithalten zum Einpacken. Das macht Disney aus.

Umeko: Schade. Es hat zu Regnen begonnen. Da müssen wir wohl die Zelte abbrechen hier im Wunderland.

Minako: Habe ich da eine Spur von Bedauern gehört in deiner Stimme? Ume-chan, hast du am Ende etwa Spaß gehabt mit all dem Glitzerkitsch?

Umeko: Nein, keinesfalls! Na gut, ein bisschen. Es ist aber auch schwer, sich diesem durchorganisierten Vergnügungs-Imperium zu entziehen. Vielleicht gucke ich sogar Mulan. Aber ein Fan werde ich eher nicht.

Minako: Das finden wir einen guten Anfang. Nicht wahr, Tinkerbell?

Umeko: Ach, Mina-chan. Es gibt so Tage, da hab ich dich echt sehr gern.

Minako: Sonst nicht so?

Umeko: Doch, sonst natürlich auch.

Minako: Endlich wieder im Hotel. Man, die Züge waren vielleicht voll, weg vom Park. Aber sag mal, hattest du auch den Eindruck, dass wir verfolgt werden?

Stitch: Meega, nala kwishta!

Beide im Chor: Aaaaaaaaaah!

Umeko: Gute Nacht, liebe Leser, und bis morgen! Halt ihn von der Kettensäge fern, Minako!