In guten wie in schlechten Zeiten

Sie hat beschissen geschlafen, als der Wecker in dem schmucklosen Hotelzimmer des Tagungshotels klingelt. Ihre Augen sind rotgeweint. Es war keine schöne Nacht, die hinter ihr liegt.

Nur widerwillig kann sie den Schlaf aus den Gliedern vertreiben. Sie rollt sich aus dem Bett und auf die Beine, tappst barfuß über den kratzigen Teppich bis zum Fenster und zieht die furchtbaren Gardinen mit Fischgrätenmuster zur Seite. Eine frostige Morgensonne blinzelt zwischen lang gestreckten Wolkenschleiern hervor, die einen nahezu makellosen blauen Himmel in azurene Bänder zerschneiden. Die Straße viele Meter unter ihren Füßen ist noch beinahe wie ausgestorben, nur einige Schulkinder hasten aus der Hochhaussiedlung zur Bushaltestelle. Raureif überzieht die Buchsbäume vor dem Hotel mit einer kalt glitzernden Schicht.

Sie streckt die Hand aus, wie um nach den Himmelsstreifen zu greifen, zuckt aber wie elektrisiert zurück, als ihre Finger das eiskalte Glas berühren. Sie fröstelt und legt die Arme um ihren Oberkörper. Kondenswasser hat sich an den schwarz-porösen Gummidichtungen der Scheiben gebildet und perlt zu Boden. Sie zwingt sich, ihren Blick von der trostlosen Vorstadt loszureißen und sich in der winzigen Nasszelle ihres Zimmers für den Tag vorzubereiten.

Ihr Anblick im Spiegel erschreckt sie. Tiefe schwarze Ringe haben sich in der viel zu kurzen Nacht um ihre Augen gebildet, und ihre Haut ist von hektischen roten Flecken übersät. Ihre Haare sind strähnig und in Unordnung, die Lippen spröde und rissig. Sie dreht den Wasserhahn auf und spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht. Wieder fröstelt sie, als die Tropfen auf ihrer Haut zerplatzen und den Kragen ihres Pyjamas durchnässen, bis er an ihren Schlüsselbeinen klebt. Sie putzt sich schnell die Zähne und bindet die wirren Haare zu einem Pferdeschwanz. Dann greift sie sich irgendwelche Kleidungsstücke aus ihrem Koffer: Die gammelige Jeans, ein verwaschenes T-Shirt von irgendeiner Band, die kein Mensch mehr kennt, fadenscheinige Socken. Sie merkt nicht einmal, ob die Sachen zueinander passen; Hauptsache etwas tragen, runter in den Speisesaal, frühstücken, Normalität vortäuschen.

Der Lift braucht Ewigkeiten, um sie die drei Stockwerke in die Tiefe zu tragen. Sie betrachtet sich in den verspiegelten Wänden, ohne sich wahrzunehmen, während sie an ihrer Unterlippe saugt und die Augen schließt. Ihre linke Hand ballt sich zur Faust, sodass die Knöchel weiß hervortreten, und die ungleichmäßig geschnittenen Fingernägel graben sich tief in ihre Handfläche. Erst als die Lifttüren sich im Foyer des Hotels öffnen, öffnet auch sie die Hand wieder. Vier sichelförmige Abdrücke bleiben zurück; sie bemerkt sie nicht einmal.

Im Speisesaal ist noch nicht viel Betrieb, nur die übliche Klientel aus Pensionären und Tagungsteilnehmern. Die Gespräche verwaschen zu einem ständigen Murmeln, einem Hintergrundrauschen, das sie begleitet, während sie einen winzigen Tisch am Fenster auswählt, der Kellnerin ihre Essensmarke gibt und die Frage, ob sie Kaffee wünscht, mit einem teilnahmslosen Nicken beantwortet. Sie steht auf, kaum dass die Bedienung wieder gegangen ist, und nimmt sich Müsli vom Büfett, übergießt es großzügig mit Milch und kehrt an ihren Platz zurück. Der Löffel wandert mechanisch zwischen Schüssel und Mund hin und her, das Müsli verwandelt sich in eine unappetitlich graue Pampe. Sie merkt es nicht, genauso gut könnte sie in diesem Augenblick Tapetenkleister essen. Es ist, als wären ihre Sinneszellen heute nicht mit ihrem Gehirn verbunden. Als würde ein feiner Schleier über ihren Synapsen liegen.

Sie kehrt auf ihr Zimmer zurück, kaum dass sie ihr Frühstück beendet hat, und beginnt damit, sich in der klaustrophobischen Enge der Nasszelle zumindest notdürftig in ein menschliches Wesen zu verwandeln. Sie lässt sich Zeit, das Taxi kommt erst in einer Stunde. Sie nimmt eine Dusche, stellt das Wasser so heiß wie es die mit einer Kindersicherung gegen Verbrühungen ausgestattete Armatur zulässt, und das Wasser hilft zumindest ein bisschen, um die Betäubung in ihrem Körper zu lösen. Sie reibt sich mit den kratzigen Handtüchern trocken, die das Hotel bereit stellt, und schlüpft in ihre Kleidung für den Tag: Weißer Rock, weiße Bluse, weißes Haarband, weiße Schuhe. Weiß, weiß, weiß. Die Farbe soll für Unschuld stehen. Nur dass sie sich nicht sonderlich unschuldig fühlt. Zu guter Letzt streift sie das silberne Armband mit dem kleinen Lapislazuli über, das ihr eine Freundin geborgt hat. Instinktiv sucht sie ihren Ring, bis ihr einfällt, dass der nicht bei ihr ist.

Die Rezeption ruft an, um mitzuteilen, dass das Taxi da ist. Sie bestätigt, streift ihren schwarzen Mantel über und verschließt die Tür zu ihrem Zimmer. Die Liftfahrt geht diesmal viel zu schnell. Sie gibt den Schlüssel an der Rezeption ab, und das junge Mädchen, das Dienst hat, lächelt ihr aufmunternd zu. Der Taxifahrer ist ein rundlicher Typ, der ihr den Wagenschlag öffnet und die Tür sanft ins Schloss drückt, als sie eingestiegen ist und den Gurt angelegt hat. Er fragt nach dem Ziel, und sie nennt ihm die Adresse des Standesamtes im Stadtzentrum. Er mustert sie im Innenspiegel.

“Sie sehen nicht glücklich aus”, sagt er. “Wer heiratet denn?”

Sie bleibt die Antwort schuldig und lehnt den Kopf gegen das Fenster, und er ist schlau genug, nicht weiter nachzuforschen. Vorsichtig fädelt er sich in den langsam dichter werdenden Berufsverkehr ein und lenkt die Droschke in Richtung der Innenstadt. Der Himmel zieht sich zu, und bald klatschen die ersten Regentropfen gegen die Scheiben des Benz. Die schalldämpfende Karosse wirkt isolierend und trennt sie schmerzhaft beruhigend von der Außenwelt.

Die Taxifahrt ist ereignislos, und sie zahlt ihrem Fahrer ein großzügiges Trinkgeld, ohne es so recht zu bemerken. Die anderen sind bereits da, sie warten auf der ausgetretenen Betontreppe unter dem schmalen Vordach, um nicht nass zu werden, während der Himmel all seine Schleusen öffnet. Er weint für mich, denkt sie, weil ich es jetzt nicht darf sondern tapfer sein muss.

Er trägt einen dunklen Anzug, das Sakko ist feucht vom Regen. An seiner Seite steht seine Mutter; ihre eigenen Eltern konnten wegen der Entfernung nicht kommen. War vermutlich aber auch besser so. Ein Arbeitskollege von ihm hält sich etwas im Hintergrund. Ihr einziger Halt ist ihre beste Freundin, die sich gedämpft mit ihm und seiner Mutter unterhält. Sie unterbrechen ihr Gespräch, als das Taxi vorfährt, und ihre Freundin mustert sie forschend. Sie hat auf Make Up verzichtet und die Spuren der letzten Nacht nicht verdeckt, und so weiß sofort jeder, was Sache ist.

Sie betreten das Standesamt. Im Inneren ist die Luft kühl und klamm. Die Fliesen, abwechselnd schwarz und weiß, tragen schmutzige Fußspuren, wo der von den Angestellten herein getragene Regen getrocknet und nur eine dünne Patina aus Dreck und Schlamm zurück geblieben ist. Sie fröstelt wieder, trotz ihres Mantels, und als sie wankt, muss er sie stützen.

Die Formalitäten vor der eigentlichen Formalität ziehen sich ewig. Erst müssen sie zur Standesbeamtin, um Dokumente vorzubereiten, dann will die Standesbeamtin noch mit ihrer Freundin und seinem Arbeitskollegen reden. Der Minutenzeiger an der hässlichen mechanischen Uhr über dem Haupteingang rückt erbarmungslos vorwärts. Sie lehnt sich an die Wand und schließt die Augen.

Eigentlich soll heute der glücklichste Tag in ihrem Leben sein, stattdessen fühlt es sich an, als halte schon seit Wochen jemand ihr Herz in einen Schraubstock gespannt. Ganz in Weiß. Etwas neues, etwas altes, etwas geborgtes und etwas blaues. In guten wie in schlechten Zeiten. Bis dass der Tod sie scheide. Alles Unsinn. Worthülsen, ohne jegliche Bedeutung, zumindest in ihrem Fall.

Sie hat mit ihm einen Ehevertrag aufgesetzt, inoffiziell und ohne Notar, weil sie beide das Gefühl hatten, einander in diesem Punkt bedenkenlos vertrauen zu können. Ein ganz nüchterner Text, vier Seiten. Sie musste das Dokument formulieren, und er hat es unterschrieben, ohne es auch nur zu lesen. Im Kern steht darin, dass es sich um eine Zweckbeziehung handelt und dass ein jeder den Anspruch an seinen eigenen Gütern behalten werde, sofern es zur Scheidung kommt. Getrennte Konten, getrennter Besitz, getrennte Wohnungen, getrennte Leben.

Der Grund, wieso sie ihn trotzdem heiratet, obwohl da außer Freundschaft nicht viel im Spiel ist, ist simpel. Für ihn bedeutet es eine bessere Steuerklasse, sodass ihm am Ende jedes Monats mehr Geld bleibt. Für sie bedeutet es, dass sie über ihn versichert ist und ihr Studium beenden kann, das wegen diverser Krankheiten, ihrem Alter und einer mangelnden sozialen Absicherung auf eher wackeligen finanziellen Beinen steht.

Die Beamtin ruft die kleine Gesellschaft in das Trauzimmer. Sie setzen sich in die erste Reihe, flankiert von ihren Trauzeugen, seine Mutter direkt hinter ihnen. Sie zittert wie Espenlaub und muss eine Panikattacke unterdrücken. Nicht er drückt zur Beruhigung ihre Hand sondern ihre beste Freundin. Sie heftet ihren Blick auf das kleine Kissen mit den Ringen. Schmuckloser Edelstahl, nur ihr Ring gekrönt mit einem winzigen Kristallsplitter. Die Ringe sind nicht einmal neu, sie hat sie aus ihrem eigenen Schmuckkästchen genommen und schlicht ein wenig poliert.

Die Zeremonie beginnt. Vage bekommt sie mit, dass sich alle erheben und wieder Platz nehmen. Die Standesbeamtin redet viel und lächelt noch viel mehr. Was sie sagt, kommt bei ihr nicht an; in ihrem Magen tobt ein ganzer Schmetterlingsschwarm.

Die Beamtin wendet sich an ihn. “So frage ich nun Sie: Wollen Sie die hier Stehende aus freien Stücken zu Ihrer rechtmäßigen Frau nehmen, so antworten Sie mit Ja.”

Er blickt zu ihr und schluckt. Dann nickt er entschlossen. “Ja. Ich will.”

Die Beamtin dreht sich zu ihr. “Auch Sie frage ich nun: Wollen Sie den hier Anwesenden aus freien Stücken zu Ihrem rechtmäßigen Mann nehmen, so antworten auch Sie mit Ja.”

Das Blut tobt in ihren Ohren. Aus freien Stücken? Nein, aus reiner Notwendigkeit! Sie denkt an den langen Brief, den sie an Gott geschrieben hat und der sich in ihrem Tagebuch befindet – dem echten, das niemand kennt, nicht dem Blog, das sie online führt, um ihre verstreuten Freunde über ihr klägliches Leben zu informieren. Sie hat mit ihm gehadert, ihn beschimpft, ihn verantwortlich gemacht, ihn angefleht, ihn nach dem Sinn gefragt. Sie hat sich selber nach dem Sinn gefragt, in vielen endlos langen Nächten. Wenn andere ihr sagten, sie soll sich keine Sorgen machen, hat sie sich Sorgen gemacht. Wie viel Verzweiflung kann ein Mensch ertragen, bis er zerbricht? Mit 25 den seelischen Zusammenbruch, mit 35 Burnout, mit 45 den Herzinfarkt? Oder vielleicht jedes verdammte Jahr einen seelischen Zusammenbruch, seit ihrem zwölften Lebensjahr, mit Tränen und dem Gefühl, einsam und völlig verloren und hilflos zu sein?

Sie sieht von ihren Händen auf. Die Beamtin blickt sie fragend an. “Entschuldigen Sie, möchten Sie, dass ich…”

“Nein!” Sie schreit es fast. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. “Nein. Ich kann das nicht. Ich…”

Sie verstummt, springt auf. Der Stuhl poltert zu Boden. Sie stürzt zum Ausgang, fummelt an der Türklinke herum, bekommt die Tür nicht geöffnet. Weinend wie ein kleines Kind bricht sie einfach zusammen, stützt den Kopf auf die Knie und lässt ihren Tränen freien Lauf.

Jemand legt ihr einen Arm um die Schulter und zieht sie an sich, drückt sie feste. Geruch nach Wildkräutern und Zigaretten. Wärme.

“Komm. Ich bringe dich hier raus”, sagt ihre beste Freundin. Sie zieht sie auf die Beine und stützt sie. An die anderen gerichtet sagt sie: “Ich gehe mit ihr in ein Café. Kommt Ihr klar?”

Der Weg nach draußen scheint ihr endlos. Sie rotzt ein ganzes Paket Taschentücher leer. Als sie durch das Hauptportal ins Freie tritt, raubt die eisige Septemberluft ihr den Atem. Ihre beste Freundin bleibt auf der Schwelle stehen und zündet sich eine Zigarette an. Dann mustert sie sie.

“Das war eine ziemlich dumme Idee”, sagt sie und bläst Rauchkringel in den Regen hinaus.

“Ich weiß.”

“Und? Was wirst du jetzt tun? Wieder hinein gehen?”

Sie zuckt die Schultern. Streift das Armband mit dem Lapislazuli ab und betrachtet es. Etwas blaues, etwas geborgtes. “Keine Ahnung. Was ich immer mache. Zusammenbrechen. Um mich schlagen. Fluchen und schreien und die Welt ganz furchtbar finden. Mich wieder aufrappeln. Mir etwas neues einfallen lassen.”

Ihre beste Freundin streicht ihr durch die klatschnassen Haare. “Mach das. Reg dich ein bisschen auf und dann reg dich auch ein bisschen ab. Vergiss nur den Teil mit dem Aufrappeln nicht.”

Sie schüttelt den Kopf. “Nein. Aufgeben ist feige.”

“Das ist mein Mädchen!” Ihre Freundin lächelt. “Also, wie wäre es jetzt mit einem Kaffee?”

Sie greift nach der Türklinke aus Messing; das Metall unter ihren Händen ist eiskalt vom Regen. “Geh schon einmal vor. Ich sage ihm nur schnell, dass es mir Leid tut. Das ist das mindeste, was ich ihm schulde, neben vielen vielen anderen Dingen.”

Sie schlüpft durch das Portal ins Innere, und der schwere Holzflügel fällt klirrend ins Schloss zurück.

Love Doll

Ich bin nur eine Love Doll. Ein Spielzeug für gelangweilte Männer und Frauen, die etwas erleben wollen, was weit abseits der üblichen Normen ist. Ich gehörte zu einem edlen Club im Stadtteil Chiba. Ich lebte in dem Club in einem winzigen Zimmer mit Möbeln aus abgewetztem Hartplastik. Es war hässlich und kein Ort, an dem man sich geborgen fühlte oder den man Zuhause nannte. Mein Arbeitsplatz war ein Entzugstank, in dem mit gutem Willen drei Menschen Platz haben. Einen dieser hochgezüchteten Soldaten in diesen Tank zu kriegen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. So blieb mir zumindest dieser »Genuss« erspart.

Ich war in dieser Branche tätig, solange ich denken kann. Skitty, mein Boss, sammelte mich in der Gosse einer namenlosen Trabantenstadt am Rand von Tokyo auf und brachte mich in seinen Club, als ich gerade fünfzehn war. Die frustrierten Execs hatten ständig Bedarf an frischem Fleisch, und ich war jung und sah einigermaßen gut aus. Mein Aufgabenfeld war zunächst die Bedienung in der Bar, ehe Skitty mich von seinem Hausarzt operieren ließ, damit ich den Ansprüchen seiner Kunden genügte.

Ich habe nicht viel Cyberware in meinem Körper, gemessen an einem Konzerngardisten zumindest. Meine Veränderungen dienten immer nur dem Spaß anderer und halfen mir selber nie. Meine Reflexrecorder, die Wissens- und Talentleitungen, die Chip- und die Datenbuchse, sie alle erfüllen nur einen Zweck: Möglichst viele perverse Spiele für die Kunden zuzulassen. Meine künstlichen Pheromone sollen stimulierend wirken. Ich sehe aus wie eine japanische Elfe mit Hörnern, dabei war ich vor nicht einmal zwei Jahren noch ein ganz normaler Mensch, und meine Familie muss europäischer Abstammung gewesen sein. All das interessierte Skitty nicht wirklich, als er mich von seinem Ripperdoc verändern ließ. Mystische Wesen liefen gut, weil exotische Modifikationen in Japan gesellschaftlich verpönt und damit reizvoll waren, und die Kunden standen auf japanische Schulmädchen. Ihm war auch egal, dass er etwas anderes an mir veränderte und mich langsam brach.

In den folgenden Jahren bekamen meine Chipbuchsen viele Programme zu fressen: Kamasutra, exotische Liebespraktiken, Grundlagen von Sado-Maso, derlei Dinge. Etwa ein Jahr lang schlief ich mit jedem, der Skitty genug Geld einbrachte. Studenten, Fabrikarbeiter, junge Ehepaare, frustrierte Hacker, Cops – sie alle standen auf der Liste. Ich lernte, mein Bewusstsein so weit wie möglich auszublenden. Am Anfang beschwerten sich die Kunden noch, dass ich kalt und abweisend wäre. Ich wurde verprügelt und vergewaltigt, bis ich gelernt hatte, die Kundenwünsche wie im Reflex und unterbewusst zu erfüllen. Mehr und mehr sehnte ich mich nach den wenigen freien Stunden, die ich in der Einsamkeit meiner Zelle hatte.

Als ich Skitty bewiesen hatte, wie gut ich in meinem Job war, veränderten sich plötzlich die Kunden. Sie wurden vornehmer und stanken nach Geld. Ich erfuhr zum ersten Mal, dass Skitty meinen Sex mit diesen Kunden aufzeichnete, um sie später erpressen zu können. Einige der reichen Pinkel waren nett und unterschieden sich kaum von einem normalen Liebhaber, die meisten jedoch waren jene gelangweilte Sorte Kunden, die auf der Suche nach dem ultimativen Kick waren.

Eines Tages, es muss vor ungefähr einem Jahr gewesen sein, kam Skitty zu mir und gab mir einen kleinen Chip. Er sagte, dass ein ausgesprochen reicher und mächtiger Kunde nach mir gefragt habe. Der Kunde habe ganz besondere Wünsche, und dieser Chip würde mir das erforderliche Wissen vermitteln. Ich nahm den Chip und benutzte ihn. An den Rest erinnere ich mich nicht mehr. Es war das erste Mal, dass Skitty Drogen benutzte, um meine Erinnerungen an einen Kunden zu löschen.

Die Löcher in meinen Erinnerungen wurden eine willkommene Abwechslung zu all den brutalen Szenen, die sich bei dem Sex mit den normalen Kunden in mein Gehirn gebrannt hatten. Ich wusste nicht, wer meine Kunden waren. Ich wusste nicht, was sie von mir verlangten. Vielleicht war das gut so. Zurückblickend denke ich, dass einige der Dinge, die die Leute von mir verlangt haben könnten, weitaus schlimmer gewesen waren als das, was letztendlich meine Flucht veranlasste. Solange Skitty zufrieden war, war alles in Ordnung und mein Leben folgte zumindest geringfügig normalen Bahnen.

Dass es in Skittys Laden eine Love Doll gab, die bereit war, beinahe jeden Wunsch zu erfüllen – ein Hohn, wenn man bedachte, dass ich ungefähr so bereit zu diesen Taten war wie ein Tier, das zum Schlachter geführt wird -, sprach sich unter den oberen Zehntausend in Japan offenbar schnell herum. Ich bekam kaum noch Ruhepausen, sah man von den Phasen der Bewusstlosigkeit ab, die die Anwendung der Drogen bei mir hervor riefen. Die Arbeit und der Mangel an Schlaf hinterließen ihre Spuren, und Skittys Ripperdoc hatte alle Hände voll zu tun, meine Jugend zu erhalten. Mein Gesicht und mein Körper seien mein Kapital, betonte Skitty öfter.

Dann jedoch kam der Tag, der mein Leben radikal umwerfen würde. Skitty war bereits seit einer Woche sehr aufgeregt, und ich ahnte, dass er einen ganz besonderen Gast erwartete und mit den Vorbereitungen beschäftigt war. Ich bekam einige Tage Ruhe, meine übliche Kundschaft wurde abgewiesen. Ich nutzte die Zeit, um zu entspannen, nachdem Skitty mich im Zuge der Vorbereitungen für den Gast einer weiteren Operation unterziehen und mir rubinrot lackierte Nagelmesser implantieren ließ. Sie waren von normalen Fingernägeln nicht zu unterscheiden, aber ich wusste, dass sie gefährliche Schnittwunden verursachen konnten.

Es war ein regnerischer Frühlingsabend, als Skittys Sekretär mir den Chip und das Glas mit dem Drogencocktail gab. Er führte mich nicht in einen der üblichen Entzugtanks sondern brachte mich in einen großen Salon mit einem gewaltigen Bett. Sanfte Musik spielte im Hintergrund, Champagner stand bereit. Ich legte den Chip ein und setzte mich auf die Bettdecke aus rotem Samt.

Die Tür öffnete sich, und herein kam mein Gast. Ich erkannte Kanzler Shiteru aus dem Kabinett des Kaisers auf den ersten Blick. Er war einer der wichtigsten Vertrauten des Kaisers. Er kam in Begleitung eines jungen Mädchens, die wie eine traditionelle Geisha gekleidet und geschminkt war, und ich kann nicht einmal ausschließen, dass sie kein Poser sondern ein echtes Mitglied dieser geachteten Zunft war. Er gab ihr einen leisen Befehl und setzte sich dann in einen Sessel neben der Tür. Die Geisha legte ihr wertvolles Gewand ab und kam zu mir aufs Bett. Ich fragte mich einen Moment, wieso mir Skitty einen Chip gab, wenn es hier nur um eine lesbische Liebesszene vor einem Spanner ging. Ich hatte mit mehr gerechnet und schaltete den Chip ein.

Eine Welle von Hass und Brutalität traf mich. Ich fand mich mitten in einem künstlich induzierten Albtraum voller Blut und Gewalt wieder. Ohne mich kontrollieren zu können, fuhr ich die Nagelmesser aus und ging auf die Geisha los, die mich entsetzt anblickte und einen spitzen Schrei ausstieß. Ich versuchte, mich unter Kontrolle zu kriegen, während Kanzler Shiteru in seinem Sessel lachte und sich ein Glas Champagner eingoss. Als ich jedoch den ersten Schnitt setzte und das rote Blut über meine Hand und die Haut der Geisha, die wie Porzellan schimmerte, spritzen sah, konnte ich mich nicht mehr beherrschen. In einem wahren Rausch zerfleischte ich das junge Mädchen, schnitt ihr bei lebendigem Leib die Augen aus den Höhlen und die Zunge aus dem Mund, trennte Finger, Zehen und Brüste ab und schlitzte mich wie ein Berserker durch Knochen und Eingeweide. Erst als das Mädchen blutüberströmt und reglos auf den klebrigen, durchtränkten Laken lag, ebbte die blinde Wut ab. Ich keuchte, als ein stechender Schmerz durch meine Datenbuchse ging.

Zuerst war ich geschockt. Ich hatte nie zuvor einen Menschen getötet. Dann griff ich nach dem Glas mit der Droge. Ich würde selig schlafen und alles vergessen, was ich getan hatte. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, meine Nagelmesser zu reinigen oder einzufahren und leerte das Glas mit einem Zug. Dann wartete ich auf die Ohnmacht.

Sie kam nicht.

Als mir klar wurde, dass ich diesmal nicht darauf hoffen konnte, zu vergessen, wusste ich, dass mein Leben in Gefahr war. Kanzler Shiteru wandte sich bereits zum Ausgang, die Hand immer noch an der Knopfleiste seiner Hose. Das grausame Spiel hatte ihm ganz offensichtlich gefallen. Meine einzige Chance war, ihm eine Zugabe zu bieten – die letzte seines Lebens. Ich stürzte mit einem Schrei auf ihn, der ihn dazu veranlasste, herumzufahren. Meine Nagelmesser bohrten sich tief in seinen Hals und rissen blutende Striemen in Kehlkopf und Schlagader. Ich ließ ihn einfach zu Boden fallen, stürzte aus dem Raum und verschwand, so schnell ich konnte. Ich wollte mich an Skitty rächen, aber ich wusste, dass seine Bodyguards und sein Bluthund mich zerlegen würden, ehe ich ihn auch nur zu Gesicht bekam. Ich stürzte aus seinem Bordell auf die hell erleuchtete Einkaufsstraße irgendwo im Herzen von Chiba und tauchte in der Menschenmenge unter. Zum ersten Mal seit vier Jahren war ich wieder auf der Straße. Und ich hatte nicht einmal die Chance, meine Freiheit zu genießen. Ich rannte, bis meine Lungenflügel bei jedem Atemzug brannten, und verschwand schließlich in einer dunklen Seitengasse.

Niemand konnte mir bisher erklären, wieso die Droge damals ihren Dienst versagte. Vielleicht hatte ich mit der Zeit eine Toleranz entwickelt, sodass mir diesmal kein Vergessen vergönnt war. Vielleicht gab es nichts mehr zu vergessen. Ich weiß inzwischen jedoch, dass die Chips, die mir Skitty gab, spezielle Programme enthielten, deren internen Schaltkreise mich der Kontrolle über meinen Körper beraubten und , den unterschwelligen Signalen auf dem Chip Folge leistend, jeden Wunsch der perversen Kunden erfüllen ließen. Ich hatte davon schon früher gehört, das war Militärtechnologie. Einmal selber Opfer zu werden, war mir im Traum nicht eingefallen.

Ich weiß, dass Skitty mich suchen wird, sobald er eine Ahnung hat, wo ich mich befinde. Ich weiß, dass ich nicht nach Japan zurückkehren kann, denn die Polizei dort sucht nach mir als Mörderin, und Skitty hat ihnen sicher die Aufzeichnungen gegeben, die er von dieser Nacht gemacht hat, um den Kanzler später erpressen zu können. Ich kann nicht beweisen, dass mich der Chip zum Mord an der Geisha gezwungen hat, weil er sich zerstörte, als das Programm abgelaufen war. Und selbst wenn ich beweisen könnte, dass ich unter Zwang gehandelt habe, so entlastet das nicht meinen Mord an Kanzler Shiteru. Ich stecke tief in der Klemme, und meine wenigen Ersparnisse sind nahezu aufgebraucht, investiert in meine Flucht und eine neue SIN hier in diesem Land.

Ich bin nur eine Love Doll. Aber wenn Sie bereit sind, für jemanden zu bezahlen, der vier Jahre lieben musste ohne jemals geliebt zu haben, wäre ich erfreut, wenn Sie meine Dienste als ernstzunehmende Söldnerin in Anspruch nehmen würden.

Gestellte Weichen

Ihr Zug ist nicht sehr voll, als sie ihn durch die samtene Schwärze der lauen Juninacht steuert. Es ist ihre letzte Tour für heute, die letzte Fahrt hinaus an den Stadtrand und in die Wendeanlage, die sich in einem kleinen Wäldchen verbirgt, abgeschirmt von neugierigen Augen. Es ist halb drei in der Früh, und die Schleife kann um diese Uhrzeit schon beängstigend sein, insbesondere wenn man ganz alleine auf dem Wagen ist.

Nur eine Handvoll Fahrgäste sitzen in den beiden Wagen, aus denen sich ihr Zug zusammensetzt, verlorene Seelen, Nachtschwärmer. Menschen, die wie sie bis in die Nacht gearbeitet haben. Menschen, die ihre Freizeit in der Innenstadt verbracht haben und sich nun nach einem Bett sehnen, ehe der Arbeitsalltag wieder von ihnen Besitz ergreift. Menschen, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen, für die ihr Zug eine warme Zwischenstation ist, in der sie einige Stunden unbehelligt und im Trockenen schlafen können, ehe sie zurück auf die Straßen und in einen Hauseingang gezwungen werden.

Die Fahrsignalanlage kommt in Sicht, halb verdeckt von den in der milden Witterung sprießenden Bäumen, ein beruhigender, orangefarben leuchtender Balken von links unten nach rechts oben, der ihr anzeigt, dass die Weichen in die Schleife hinein korrekt eingelaufen sind. Sie zieht den Sollwertgeber in den Bremsbereich und bremst ihren Zug sanft ab. Der Umformer summt, und die Dachlüfter springen an, um die durch das Bremsen entstehende Wärme abzuleiten. Es gibt einen Stoß, als das vordere Triebgestell auf die Weichenzunge trifft und ihr Zug nach rechts abgeleitet wird, in die scharfe Kurve, die den Beginn der Wendeanlage markiert. Die beiden Wagen schütteln sich, und die vierundzwanzig Radkränze kreischen ein beängstigendes Wehklagen durch den stockfinsteren Forst.

An der Haltetafel des Bahnsteigs bringt sie die siebzig Tonnen ihres Arbeitsplatzes mit ruhiger Hand zum Stehen und öffnet die Türen auf der rechten Seite. Kühle Nachtluft strömt in den Fahrgastraum. Es ist stockfinster, nur die Hydrogeräte ihrer Federspeicherbremsen surren. Sie drückt den Taster für die Innenlautsprecher und macht ihre Durchsage: “Verehrte Fahrgäste, wir haben die Endstelle erreicht. Bitte steigen Sie aus. Ich wünsche Ihnen eine schöne Nacht.”

Im Spiegel beobachtet sie den Bahnsteig, der nur spärlich von sechs Natriumdampflampen beleuchtet wird, die ein fade-terrakottafarbenes Licht abgeben. Ein Pärchen steigt aus dem ersten Waggon aus, die beiden haben die ganze Zeit seit der Innenstadt hinter ihr gesessen und miteinander gekuschelt. Auch aus dem hinteren Wagen kommt eine Gestalt, in weite, dunkle Kleidung gehüllt. Sie geht vornüber gebeugt, die Hände tief in den Taschen ihrer Jacke vergraben, und ihre Schritte scheinen unsicher und wankend zu sein. Zu viel über den Durst getrunken, denkt sie, während sie die Beleuchtung ihres Fahrstandes einschaltet und nach ihrem Fahrtennachweis greift, nichts ungewöhnliches an einem Samstagabend und in dieser lauen Sommerluft.

Mit dem Ausfüllen der Formulare lässt sie sich Zeit, ihr IBIS zeigt für die Abfahrt beruhigende 28 Minuten Pause an. Fast eine halbe Stunde, in der sie in Ruhe die Wagendurchsicht machen und sich einen heißen Tee und einen Keks genehmigen kann. Sie schätzt die meditative Ruhe der letzten Fahrt des Tages, der nur noch das Einrücken in den Betriebshof folgt. Sie kommt nicht gut mit Menschen zurecht. Mehr beiläufig geht ihr Blick noch einmal zum Außenspiegel, doch der Betrunkene aus dem hinteren Wagen ist in der Dunkelheit des Waldweges verschwunden. Er wird ihre Hilfe heute nicht benötigen.

Der Tee aus ihrer Thermoskanne ist noch heiß und duftet lieblich nach Früchten und Savanne im Abendrot. Sie legt den Fahrtennachweis und ihren Kuli fort und nippt an dem Edelstahlbecher. Die rechte Hand schaltet die Monitoranlage ein, vier Kameras in jedem der beiden Fahrzeuge. Eine gute Methode, sich einen schnellen Überblick zu verschaffen, ehe man selber durch die Wagen geht und möglicherweise in unliebsamer Gesellschaft landet. Sie hat schon einiges erlebt in der Hinsicht, auch wenn sie nicht unbedingt unter Angstzuständen leidet.

Der Wagen in ihrem Rücken ist leer, verwaiste Sitzbänke aus blauem Hartplastik leuchten ihr aus den statischen Störungen der Kameraanlage entgegen. Sie drückt den Taster für die Wagenfortschaltung und ruft so das Übersichtsbild des Beiwagens auf, das alle vier Kameras gleichzeitig zeigt. Und stutzt. Beugt sich vor, während ihr Finger mit einem hektischen Stakkato die vier Kameras durchschaltet, bis sie sieht, was sie irritiert hat. Was sie gehofft hatte, niemals sehen zu müssen. Blut im Beiwagen.

Sie schließt die Augen, atmet tief durch. Hunderttausend Szenarien huschen vor ihrem inneren Auge vorbei. Ihre Hand tastet nach dem Stelleisen in ihrem Rücken, einem Meter beruhigend schwerem Stahl, mit dem sie Weichen von Hand stellt. Oder aufsässige Kunden abschreckt, als allerletzte Möglichkeit. Sie zieht den Schlüssel aus dem Wagenschloss, verlässt den Fahrstand und geht langsam nach hinten, in den Beiwagen.

Es ist so ruhig im Fahrzeug, dass sich ihre Nackenhaare aufrichten. Sie kann ihr Herz schlagen hören, und als das Hydrogerät auf dem Dach anspringt, macht sie einen kleinen Satz. Das Blut ist deutlich zu sehen, ganz am Ende des Wagens, eine dünne Spur, die im kalten Neonlicht tiefrot glitzert. Langsam tastet sie sich heran und ist beruhigt, als sie auf den Bänken keinen Körper erkennen kann, keine verräterischen Schatten eines Angreifers, der nur auf sie wartet. Aber irgendetwas ist da.

Unwillkürlich packt sie das Stelleisen fester und wagt einen Blick über die millimeterdünne Kunststofflehne des Sitzes. Nichts. Nichts außer dieses Gefühls. Sie beugt sich weiter vor. Erblickt, was auf dem Sitz liegt. Ihre Augen weiten sich, und das Stelleisen poltert zu Boden.

“Oh mein Gott.”

Sie hat vieles gesehen in den letzten fünf Jahren auf dem Bock. Messerstechereien, Prügeleien, Junkies, die sich in der scheinbaren Ruhe einer abgelegenen U-Bahn-Station einen Druck in den Arm setzen. Säufer, die ihr in das Fahrzeug pinkelten. Schüler, die die Noteinrichtungen missbrauchen und die Türschließsensoren beschädigen. Fußballfans, die in wenigen Minuten einen ganzen Zug auseinandernehmen im Siegestaumel. Sie hat mehrfach erfolgreich Selbsttötungen verhindert und war einmal zu spät und hat einen jungen Mann überfahren. Aber niemals hätte sie damit gerechnet, einen Neugeborenen zu finden. Ein winziges Mädchen. Blutverschmiert. Die Nabelschnur mit einem schartigen Taschenmesser durchtrennt, das neben dem Baby in einer blutigen Pfütze liegt.

Erst jetzt dringen die Informationen, die in dem sich ihr bietenden Anblick eingebettet sind, in ihren für die Ratio zuständigen Teil des Hirnes vor. Für einen endlos erscheinenden Augenblick setzt ihr Denken komplett aus. Dann hat sie auch schon ihre Dienstjacke ausgezogen und das mit Blut und klebriger Nachgeburt verschmierte Bündel Mensch darin eingewickelt. Sie weiß nicht viel über Babys, aber dieses scheint immerhin wohlauf zu sein, die Umstände in Betracht ziehend.

Wie sie auf ihren Fahrstand gekommen ist, weiß sie nicht genau. Jetzt sitzt sie auf ihrem Fahrerplatz, das Baby, das leise gluckst, in ihrer Jacke eingewickelt auf dem Schoß, und drückt mit zitternden Fingern auf den roten Unfallruf an ihrem IBIS. Den Knopf, den niemand jemals drücken will. Bange Sekunden vergehen, bis der diensthabende Verkehrsmeister sich endlich meldet.

“Leitstelle für Neun Fünfzehn, Sie haben den Unfallruf ausgelöst?”

Sie schluckt. Nicht mehr allein. Alles wird gut werden. “Leitstelle, ich muss eine Fundsache melden”, sagt sie, atmet dann noch einmal durch und beendet ihren Satz: “Ich habe im Fahrzeug ein Neugeborenes gefunden.”

Stille im Funk. Fast will sie erneut auf den Unfallruf drücken, da meldet sich der Verkehrsmeister. “Neun Fünfzehn, bitte wiederholen Sie das.”

“Ich habe bei der Wagendurchsicht ein Neugeborenes im Fahrzeug gefunden”, wiederholt sie und wundert sich darüber, wie ruhig sie jetzt ist. “Die Mutter scheint es auf dem Weg zur Endstelle in meinem Zug entbunden und dann im Stich gelassen zu haben.”

Sie kann hören, wie ihr Kollege schluckt, während die Zahnräder in seinem Kopf versuchen, irgendein Protokoll, eine Dienstanweisung zu finden, was in so einem Fall zu tun ist. Sein Professionalismus und seine Erfahrung übernehmen. “Leitstelle hat verstanden. Ich alarmiere die Polizei und einen RTW, der das Kind übernehmen wird. Sind Sie noch fahrtauglich?”

Sie will erst nicken und sagen, dass es nicht so schlimm ist, dass sie ja ohnehin nur noch die Einfahrt in den Betriebshof hat, aber die Tränen quellen ihr aus den Augen. “Ich fürchte nicht”, sagt sie.

“Ich schicke einen Verkehrsmeister und die Bereitschaft. Bleiben Sie auf jeden Fall vor Ort stehen und beim Kind. Wenn was ist, rufen Sie mich unverzüglich wieder an. Insbesondere wenn die Mutter wieder auftauchen sollte, halten Sie sie dann unbedingt fest. Leitstelle Ende.”

Das IBIS verstummt. Sie lehnt sich zurück, das Kind fest an sich gedrückt. Alles wird gut. Man wird sich um sie kümmern.


Sechs Jahre waren vergangen. Sie hat sich einschränken müssen, hat viele Abstriche machen müssen, als Celeste in ihr Leben trat. Es war ein lauer Juniabend, so wie heute, und tausende Sterne haben über dem Forst gefunkelt, in den die Wendeanlage eingebettet ist. Den Zug zu fahren, Menschen sicher an ihr Ziel zu bringen, das war ihr Leben. Niemals hätte sie sich vorstellen können, das irgendetwas denselben hohen Stellenwert würde einnehmen können wie dieser Beruf. Nein, es war kein Beruf, für sie war es Berufung. Sie war die Züge-Flüstererin.

Die Prioritäten haben sich in jener Nacht verschoben, vor sechs Jahren. Plötzlich war eine andere Sache in den Vordergrund gerückt. Nein, keine Sache, ein Menschenleben, ein junges Mädchen. Das Ereignis hatte sie mehr beeinflusst als jeder Suizidversuch. Mehr als der junge Mann, dem es gelungen war, sich vor ihren Zug zu werfen und sich so das Leben zu nehmen. Als Celeste, die damals noch nicht Celeste hieß, ihren Finger umklammerte und leise wimmerte.

Celestes Mutter war nicht aufzufinden gewesen, und das Mädchen kam zunächst in ein Heim. Ihre Adoption gestaltete sich als schwierig, war ein harter Kampf gegen Behörden und Regeln und Vorschriften. Ihr Lebenswandel, ihr Beruf mit Schichtdienst ließen eine problemlose Adoption nicht zu. Sie stellte ihren Dienstplan auf Mitteldienste und Tagdienste um. Trotzdem vergingen lange Jahre, ehe sie das Mädchen wiedersah. Ehe sie das Mädchen zum ersten Mal aus dem Hort abholen und in ihre neue Wohnung, ihr neues Leben bringen durfte. Einfach waren die zurückliegenden Jahre nicht gewesen. Aber wenn sich das Schicksal mit so großer Macht in das eigene Leben drängt, dann muss man überlegen, ob der eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist oder ob es nicht an der Zeit ist, die Weichen neu zu stellen und die Prioritäten neu zu sortieren.

Sie liegen auf dem Rücken im warmen Gras. Celeste ist eingeschlafen und hat sich in der Kuhle ihrer Armbeuge zusammengerollt. Das Mädchen wimmert leise im Schlaf; das hat sie seit ihrer Geburt nicht abgelegt. Sie streicht diesem schönsten aller Wesen durch die dunklen Haare und wirft einen Blick zum Himmel hinauf, wo die Sterne funkeln. Der Himmel. Vom Himmel kommend. Celestrisch. Daher der Name für das Kind.

Die Kleine ist aufgewacht und blickt nun auch hinauf in das funkelnde Schauspiel, die Endlosigkeit der Schöpfung. Deutlich hebt sich das Band der Milchstraße aus dem Sternenmeer ab.

“Die anderen Kinder ärgern mich. Sie sagen, du bist nicht meine richtige Mama.”

“Ich habe dich nicht auf die Welt gebracht. Aber ich liebe dich trotzdem genauso sehr, als hätte ich dich geboren.”

“Hast du meine richtige Mama gekannt?”

“Nein.” Sie schüttelt den Kopf, streichelt das Mädchen weiter. “Man hat sie nicht gefunden, in der Juninacht damals.”

Celeste überlegt. Dann sagt sie leise: “Wenn meine richtige Mama mich weggeworfen hat wie ein kaputtes Spielzeug, dann war sie vielleicht nicht meine richtige Mama. Und wenn du mich aufgenommen hast, dann bist du vielleicht meine richtige Mama.”

Sie stutzt und stellt das Streicheln ein. Dann lacht sie leise, aber das Lachen schlägt in ein Schlicksen um, und ehe sie sich versieht, rinnen ihr die Tränen über die Wangen und zu den Ohren hinab und fallen ins Gras unter ihr.

“Weinst du, Mama? Habe ich etwas schlimmes gesagt?”, fragt das Kind erschreckt.

“Nein”, erwidert sie und zieht Celeste an sich. “Du hast etwas wunderschönes gesagt. Etwas so schönes werde ich nie wieder in meinem Leben hören.” Eine Liebe gegen eine andere. Eine Berufung gegen eine andere. Eine Verantwortung gegen eine andere. Sie küsst das Mädchen auf den Schopf. “Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, mein Augenstern.”

Eisscherbe

Die Kirschen erblühten vor den Fenstern der Bibliothek und kündeten davon, dass der Frühling in Kaldenbach nördlich der Wolkenstürmerzinnen Einzug gehalten hatte. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel herab und ließ das Eis auf dem nahen See schmelzen. Die milde Witterung markierte den Beginn der Aussaat in unserer kleinen Siedlung im Norden Myrrahs, und so begannen Elfen, Satyre und Zentauren gleichermaßen damit, die Felder vorzubereiten.

Für mich selber galt dies indes nicht. Anders als meine elfischen Brüder und Schwestern nahm ich nicht in dieser Form am gesellschaftlichen Leben teil. Stattdessen traf man mich immer häufiger in der Bücherei des Dorfes an, wo ich meine Studien der elfischen Geschichte vorantrieb. Dass es in den Hallen voller Bücher angenehm kühl war, betrachtete ich als erfreulichen Nebeneffekt.

»Ich habe euch gefunden, Herrin!«, plapperte meine Assistentin, die kindgroße Eisfee Nyssa in die Stille und unterbrach damit meine Lektüre in Eolais Federstolzens ‘Wohlfeilem Brevier für den reisigen Kaufmann und Abenteurer’. Als Eisfee war Nyssa immun gegen die schweren Winter in Kaldenbach, und ihre zierlichen, eisblauen Flügel widerstanden der beißenden Kälte.

»Selbstverständlich«, erwiderte ich und blickte auf, »ich sagte dir doch, dass ich in die Bücherei gehen werde.«

»Sucht ihr immer noch nach dem Grab des elfischen Kriegsherren Svartwulf?« Nyssa blickte mir über die Schulter und versuchte, Eolais’ Handschrift zu entziffern, aber da sie des Zentaurischen nicht fließend mächtig war, verlor sie schnell das Interesse. »Was steht dort?«

»Nicht viel von Nutzen, fürchte ich.« Ich streckte mich und schöpfte Atem. »Die Encyclica Myrraea ist nicht unbedingt das beste Werk für derlei Nachforschungen. Milady Federstolz nimmt jedoch an, dass Svartwulf sein Leben vor zwei Jahrhunderten in der Schlacht um die Eisbruch-Pässe verlor. Sie schreibt von Spuren, die darauf hindeuten, dass er in einem Grab in der Gegend beigesetzt wurde.«

»Vielleicht solltet ihr eure Suche beim alten Rory Trübeblick fortsetzen?«, schlug Nyssa vor. »Er kämpfte Seit an Seit mit Svartwulf, er könnte also genaueres darüber wissen, ob der Kriegsherr nach seinem Tode in seine Heimat verbracht wurde.«

»Meistens weiß Rory nicht einmal, wo sich seine Beinkleider befinden«, entgegnete ich und kratzte mich am Hinterkopf. Dann jedoch nickte ich und schloss Eolais’ Nachschlagewerk. »Du hast Recht. Es wäre kurzsichtig, ihn nicht zu fragen. Seine Informationen mögen fragwürdig sein, doch er ist ein Kriegsheld und kannte Swartwulf.«


Rory Trübeblick lebte in einer winzigen baufälligen Hütte nahe dem Friedhof, für dessen Bewachung er auch vom Stadtrat beschäftigt wurde, wenngleich diese Aussage vielleicht etwas übertrieben anmutete. Dass der Stadtrat ihm Stelle und Gehalt zuteilte, lag vermutlich eher an seinem Status als Kriegsheld denn an tatsächlicher Befähigung.

Als wir bei Rory eintrafen, saß der alte Elf vor seiner Kate auf einer Bank und schmauchte seine Pfeife. Er zwinkerte Nyssa zu, als er unserer gewahr wurde, und begrüßte uns freundlich. »Ah, Milady Kalla Tiefwasser, eure Hoheit. Und natürlich auch euch willkommen, Milady Nyssa. Was führt euch an diesem Tage zum alten Rory?«

»Wir suchen nach Svartwulfs Grab!«, entfuhr es Nyssa freudig erregt, ehe ich auch nur ein Wort sagen konnte.

»Wirklich?« Rory lächelte amüsiert und hob eine Augenbraue.

Ich räusperte mich und ergänzte: »Ihr habt an seiner Seite gekämpft, ist es nicht so?«

»Ich war einer seiner nächsten Vertrauten, das ist wohl wahr, doch ihr könnt mir glauben, dass ich es kaum mit Svartwulf und seiner mächtigen ‘Eisscherbe’ aufnehmen konnte. Das konnte niemand.«

»Eisscherbe?«, bohrte ich nach.

»Sein treues Langschwert«, erklärte Rory. »Fünf Fuß und aus der feinsten Gletscherjade, die man für Geld kaufen kann. Die Klinge war mit Runen in Zentaurim verziert. Magisch sollte sie sein, erzählte man sich. Der Träger verlor niemals einen Kampf. ‘Eisscherbe’ hasste es, zu verlieren. Aber irgendwann mussten die beiden verlieren. Den Tod betrügt man nicht, auch nicht Svartwulf und seine ‘Eisscherbe’.«

»Ich nehme an, man hat ihn mit seiner Waffe beigesetzt?«

»Das wohl.« Der alte Elf nickte und stopfte seine Pfeife mit frischem Tabak. »Niemand hat die beiden je wieder gesehen.«

»Das Schwert muss sehr wertvoll sein, wenn die Klinge aus Gletscherjade ist«, bemerkte Nyssa nachdenklich. Sie hatte Recht: Gletscherjade, jener hellblaue, beinahe transparente Edelstein mit den weißen Wolkenschleier-Einschlüssen, war nur sehr schwer aus den Wolkenstürmerzinnen abzubauen und zu Schmucksteinen zu verarbeiten, und vollständiger Schmuck war sehr kostspielig, ganz zu schweigen von einer vollständigen Klinge. Und es gab noch einen weiteren Grund, an der Legende zu zweifeln.

»Gletscherjade ist auch nicht robust genug, um dauerhaft als Klinge zu dienen«, ergänzte ich. »Wie verhinderte Svartwulf, dass ‘Eisscherbe’ im Gefecht zerbrach?«

»Er hatte ein kleines Schlachtlied, das er vor jedem Kampfe sang«, erwiderte Rory. »Lud damit die Runen auf. Die Klinge begann zu leuchten, wie die Aurora. Beängstigend, das sag ich euch. Wartet, lasst mich überlegen, ob ich das Lied noch zusammen bekomme.« Er summte, und nach einer Weile rezitierte er:

»Pob taith yn dechrau gyda cam cyntaf
Eisscherbe, fy helpu i weld y llwybr
Ddall fy ngelynion gyda tennyn a chrefft
Gyrru i mewn i nos ddiddiwedd
A byddwn yn fuddugol!
«

»Zentaurim?«, fragte ich überrascht. »Svartwulf war doch ein Elf.«

»Und der stärkste, der mir je unterkam. Besiegte mich unzählige Male im Armdrücken.« Rory nickte. »Aber ‘Eisscherbe’ war nicht elfisch. Das Schwert stammte aus einer satyrischen Schmiede, und die Runen waren von einem Zentauren geschnitzt worden. Um die Magie zu aktivieren, musste Svartwulf auf zentaurisch singen.«

»Ich frage mich, wieso wir vergessen haben, wo sein Grab ist«, sagte ich nachdenklich. »Man sollte annehmen, dass wir wissen, wo seine Gebeine liegen, wo er ein solch bedeutender Kriegsheld der Elfen war.«

»Wenn ihr meinen Rat beherzigen mögt, so lasst Svartwulf in Frieden ruhen. Es gibt Geheimnisse, die besser unerforscht bleiben sollten. ‘Eisscherbe’ ist ein solches Ding.« Rory musterte uns mit seinen beinahe blinden Augen. Dann seufzte er. »Ich kenne diesen Blick, Kalla. Ihr habt nicht vor, so schnell aufzugeben.«

Ich zuckte die Schultern. »Ich denke, wir schulden es den Elfen und auch Svartwulf selber, mehr über ihn und unsere Geschichte zu erfahren. Ich bin kein Grabräuber, Rory. Mein Antrieb ist rein dem Wissensdurst geschuldet.«

»Für die eure mag das zutreffen.« Der alte Elf schnaubte, dann erhob er sich mühsam. »Ich habe da möglicherweise ein Erinnerungsstück, das euch bei eurer Suche helfen mag. Wartet hier.«

Er verschwand in seiner Hütte und ließ uns in der Sonne zurück. Deutlich konnten wir hören, wie er im Inneren durch seine Besitztümer wühlte und dabei zweifelsfrei zahllose Erinnerungsstücke an vergangene Heldentage zutage förderte. Als er zurückkehrte, hielt er einen Gegenstand in der Hand, der entfernt an das dreibeinige Stativ eines Apothekarius erinnerte. In der rostfleckigen Plattform jedoch war ein T-förmiges Stück goldenen Stahls eingebettet, dessen vertikaler Teil mit uraltem Hanf und Stoff umwickelt war.

»Hier«, sagte er und überreichte mir das Artefakt. »Svartwulf selbst gab es mir, als wir uns voneinander verabschiedeten. Vielleicht hilft es euch bei eurer Suche.«

Ich nahm das Dreibein entgegen und untersuchte es. Augenblicklich bemerkte ich die in den Rand der Plattform eingeritzten Nummern. Konnte es sich dabei um Koordinaten handeln, zu zu Swartwulfs Grabe gar? »Danke«, sagte ich. »Dies wird uns eine große Hilfe sein.«


Wir packten unsere Siebensachen und sandten nach unserem Freund Alistair Goldpelz. Dem Satyr gehörte ein fliegendes Schiff, eine dæmonische Drakka namens »Kuss des Morgens«. Ich wusste, dass er dem Ruf des Abenteuers niemals widerstehen können würde, und er bestätigte uns auch, dass die Koordinaten auf dem Dreibein sich irgendwo in den Weiten der Eisbruch-Pässe lagen. Binnen einer Stunde waren wir in der Luft und nahmen Kurs auf die Pässe.

Wir überflogen die kargen Steppen, die größtenteils immer noch mit Schnee bedeckt waren. Nur stellenweise war dieser schon geschmolzen und hatte den Grund in tückisches Sumpfland verwandelt.

Ich hatte jedoch keine Augen für die Schönheit der nördlichen Steppen, denn ich kehrte zu meinen Studien zurück, sobald Kaldenbach hinter uns lag. Immer noch versuchte ich, die Bedeutung des Artefaktes zu verstehen – Handelte es sich um einen Schlüssel? Und wenn ja, wofür? – und Svartwulfs Ballade zu übersetzen. Nyssa leistete mir Gesellschaft, stets um Verbesserung ihrer Lesefähigkeiten bemüht.

»Ich glaube, ich hab’s!«, rief ich schließlich nach mehreren Stunden aus. Dann las ich vor:

»Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt
Eisscherbe, hilf mir, den Weg zu sehen
Blende meine Feinde mit List und Tücke
Vertreibe sie in die dunkelste Nacht
Und wir werden siegreich sein.
«

»Das klingt nach einem weiteren Rätsel«, sagte Nyssa nach einer Weile, die Stirn in Falten gelegt. »Nun, wir werden auch dieses lösen, nicht wahr, Herrin?«

»Richtig.« Ich nickte, auch wenn ich mir dessen im Augenblick nicht zu sicher war. Andererseits lösten sich viele Probleme von selber, wenn man erst einmal am Ort des Geheimnisses ankam. »Ich habe noch mehr herausgefunden. Eolais berichtet, dass Svartwulf eine Frau hatte, die Scharlachfarbene Agapa. Die Encyclica listet sie als eine satyrische Schmiedin.«

»Daraus können wir schließen, dass sie etwas über Waffen wusste«, sagte Nyssa. »Glaubt ihr, dass sie auch ‘Eisscherbe’ geschmiedet hat?«

»Das könnte durchaus sein.« Ich zuckte die Schultern. »Der Text ist nicht eindeutig.«

»Es muss sonderbar gewesen sein, mit ihr verheiratet zu sein, als der Krieg gegen die Satyre und Zentauren begann«, sagte die Fee leise. »Ich frage mich, wie Svartwulf sich gefühlt hat.«

Ich nickte. »Da fragt man sich schon, ob vielleicht nicht alle Legenden über den alten Kriegsherren der Wahrheit entsprachen.«

Ein Schatten fiel auf unsere Notizen. Alistair gesellte sich zu uns. »Macht ihr Fortschritte?«

»Ich glaube, wir haben eine Spur«, erwiderte ich, »aber genaues kann ich nicht sagen.«

»Ich verstehe.« Er nickte und schwieg eine Weile. Dann überreichte er mir sein Fernblickrohr. »Wir werden verfolgt.«

»Hier oben, am Himmel?« Ich erhob mich, trat an das Heck der »Kuss des Morgens« und nahm das Fernblickrohr ans Auge. Ich musste etwas suchen, ehe ich unseren Verfolger schließlich fand, ein fliegendes Schiff, das ich nur allzu gut von vorherigen Abenteuern kannte. »Fiend Harradan!«

»Ja.« Alistair nahm sein Fernblickrohr wieder entgegen. »Er wäre mir beinahe nicht aufgefallen, doch die Sonne hat sich in seinen Segeln gespiegelt.«

»Mam yn ast mangy!«, fluchte ich auf zentaurisch. Wie war er uns diesmal auf die Schliche gekommen? Oder war unsere Begegnung ein Zufall? »Kannst du ihn abhängen, Alistair?«

»Tut mir Leid, Kalla.« Er zuckte die Schultern. »Der Himmel ist wolkenklar, und wir sind beinahe gleich schnell. Er kennt unseren Kurs, und wenn wir ihn jetzt ändern, wird er uns den Weg abschneiden.«

»Du hast Recht«, erwiderte ich seufzend. »Wann erreichen wir die Eisbruch-Pässe?«

Mein Freund blickte zur Sonne und sagte: »Zwei, vielleicht drei Glasen.«

»Dann fahren wir mit unserem Plan fort. Um Harradan können wir uns immer noch kümmern.« Ich war mir sicher, dass es uns gelingen würde, ihn zu überlisten. Es war nicht das erste Mal, dass sich unsere Wege kreuzten – doch diesmal hatte ich Wissen, das er nicht besaß.


Wir bemühten uns, Fiend Harradan in einigen verstreuten Wolken abzuschütteln, doch er blieb uns dicht auf den Fersen, bis wir schließlich unser Ziel erreichten. Mit nur wenigen Minuten Vorsprung landete Alistair die »Kuss des Morgens« nahe der Stelle, an der wir den Zugang zu Svartwulfs Gruft vermuteten.

In dieser Höhe schneite es immer noch. Wir trugen Fuchspelz, um uns gegen den eisigen, schneidenden Wind zu schützen, und doch klapperten wir mit den Zähnen, weil uns die Kälte unter die Kleider fuhr. Wir mussten uns beeilen, wenn wir nicht wollten, dass unser Schiff am Boden festfror.

Wir entzündeten die Gleiris-Kristalle in unseren tragbaren Canhwyllbren und stiegen in die Höhle hinab. Der Grund im Tunnelmund war schlüpfrig von Schnee und Eis, doch nach einigen Schritt war der Boden wieder trocken, sodass wir unseren Weg sicher fortsetzen konnten.

Einige Minuten später weitete sich der Korridor in eine größere Kaverne, die von Gleiris-Kristallen und Glühmoos in dämmriges Licht getaucht wurde. Der Boden wies ein regelmäßiges Muster aus sechseckigen Fliesen auf, die sich von Wand zu Wand spannten. Jede einzelne Fliese trug eine Zentaurim-Rune und war in einer anderen Farbe ausgeführt.

»Dies ist keine natürliche Formation«, sagte ich und war von meinem eigenen Echo überrascht, das vieltausendfach von den Wänden zurückgeworfen wurde. »Wir sind in der richtigen Höhle.«

»Ich beglückwünsche euch zu eurem Fund, Tiefwasser!«, rief eine mir nicht unbekannte Stimme, und ihr Besitzer klatschte langsam in die Hände. Wir wandten uns um und erblickten Fiend Harradan, ein feistes Grinsen auf seinem schmallippigen Mund. Er war in Begleitung von vier Handlangern, die Armbrüste auf uns gerichtet hielten. »Wenn ihr nun beiseite treten würdet, damit meine Freunde und ich uns den Schatz sichern können?«

»An eurer Stelle würde ich nicht weitergehen«, erwiderte ich.

»Bitte«, fügte Harradan hinzu, grinsend wie eine Katze.

Ich zuckte die Schultern und trat beiseite, und mein Gegner nickte einem seiner Gefolgsleute zu. Der arme Tropf senkte die Armbrust und trat – nicht wenig zögerlich – auf die ihm am nächsten liegende Platte. Sobald sein Fuß sie jedoch berührte, schossen blaue Flammen aus dem Boden, hüllten ihn ein und verbrannten ihn unter infernalischem Schreien zu einem Häuflein Asche.

»Eine Falle!« Harradan warf mir einen zornigen Blick zu, aber schnell hatte er sich wieder im Griff. »Milady Tiefwasser, wenn ihr uns dann bitte den Weg weisen würdet?«

Nun war ich in der Klemme: Durch Harradans Einmischung hatte ich noch keine Gelegenheit, über das Rätsel nachzudenken. Ich spürte Angst, und mein Kopf war wie leergefegt. Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht gut unter Stress arbeitete.

»Herrin«, flüsterte meine Assistentin mir ins Ohr. Sie hatte sich in einen Schwarm Glühwürmchen verwandelt, kaum dass Harradan auf der Bildfläche erschienen war. »Ich kenne die Lösung. Erinnert euch an die Ballade von Svartwulf und Agapa!« Sie summte die Melodie und sagte dann: »Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.«

»Pob taith yn dechrau gyda cam cyntaf«, wiederholte ich auf Zentaurim und überlegte, wieso Nyssa die Scharlachfarbene Agapa nicht bei ihrem vollen Namen genannt hatte. »Natürlich!«, rief ich schließlich. »Die erste Rune dieser Zeile gibt die Rune auf der Platte an! Und scharlachfarben ist ein anderes Wort für rot!« Ich tat einen tiefen Atemzug und trat auf die mir am nächsten liegende rote Platte, die die korrekte Rune trug. Nichts geschah, sah man von dem Felsgebirge ab, welches mir vom Herzen purzelte. »Und ich weiß auch, welche Runen als nächstes kommen. Es sind die Anfangsbuchstaben der Verse in Svartwulfs Lied!«

Wir überquerten das Mosaik und durchquerten einen Bogen aus Felsgestein, der über und über mit nordischen Reliefen bedeckt war. Er führte in eine zweite Höhle, deren hohes Dach von massiven Säulen getragen wurde. In ihrem Zentrum stand ein steinerner Sarkophag auf einem Sockel. Unsere Canhwyllbren warfen lange Schatten auf die Wände.

Wir umrundeten den Sarkophag. Harradan deutete mit einem Fingerschnipsen auf seine Gefolgsleute. »Öffnen!«

Wenig überraschend schüttelten die verbliebenen Männer die Köpfe, und die Angst vor weiteren Fallen war ihnen überdeutlich anzusehen. Der Tod ihres Gefährten lag nun wahrlich auch noch nicht so weit zurück, und ehrlich gesagt konnte ich es ihnen nicht verübeln, dass sie weiteren Toden gegenüber abgeneigt waren.

»Das wird euch nicht gelingen«, sagte ich also. Ich war näher an den Sarkophag getreten und hatte den Deckel und seinem Relief näher untersucht. »Der Deckel ist verriegelt. Ihr benötigt einen Schlüssel.«

»Einen Schlüssel?« Mein Gegenspieler zog eine Augenbraue nach oben. »Wenn ihr mich verschaukeln wollt, werde ich euch töten lassen, Tiefwasser.«

Ich schüttelte den Kopf und setzte meinen Tuchbeutel ab, um diesem den Dreifuß zu entnehmen. »Seht ihr diese drei Löcher?«, fragte ich und deutete dazu auf den Steindeckel. »Ich schätze, dass sich der Sarkophag damit entriegeln lässt.«

Harradan entriss mir den Dreifuß und stopfte ihn deutlich ungeduldig in die Löcher, bis er mit einem deutlichen Klicken einrastet. Dann drehte er den Dreifuß, wobei er das T-förmige Objekt in der Plattform als Griff benutzte. Im Inneren des Sarkophags rieb Stein auf Stein, dann glitt der Deckel beiseite.

»Bringt mir Licht!«, befahl Harradan, währenddessen der Deckel auf dem Boden aufschlug. Der Dreifuß löste sich aus seinem Sockel und kullerte in die Dunkelheit davon. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass Nyssa ihm folge, um ihn zu mir zurück zu bringen.

In der Zwischenzeit hatten Harradans Gefolgsleute ihre Canhwyllbren nahe an den Sarkophag gebracht, und wir alle rückten näher an die Kiste, um ins Innere zu spähen. Sie war leer, abgesehen von einer Statue von Svartwulf selbst, die auf dem Grund lag. Sie hatte die Hände gefaltet, als bete er zu unserer Göttin Devana.

»Was soll das?«, knurrte mein Gegner. »Ein weiteres von Svartwulfs Rätseln?«

Ich zuckte die Schultern und sagte: »Vielleicht ist uns jemand zuvor gekommen. Diese Gruft hat seit mindestens zwei Jahrhunderten existiert, und anfangs wussten die Wesen wohl noch, wo sich Svartwulfs Grab befand.«

»Mam yn ast mangy!«, fluchte Harradan zornig. »Die ganze Arbeit für nichts!« Mit einer Geste gab er seinen Männern zu verstehen, dass sie die Canhwyllbren und Armbrüste einsammeln und ihm folgen sollten; eine Aufforderung, der diese nur zu gerne nachkamen. Ehe sich Harradan ihnen anschloss, richtete er ein letztes Mal sein Wort an uns. »Die einzige Genugtuung, die ich aus diesem Fehlschlag ziehe, ist, dass auch ihr nicht in der Lage sein werdet, Svartwulfs Schatz zu bergen!«

Ich wartete sanft lächelnd, bis Harradan und seine Männer die Höhle verlassen hatten. Dann wandte ich mich wieder dem Sarkophag zu.

»Also«, sagte Alistair, »ziehen wir uns auch zurück?«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf und nahm den Dreifuß und das T-förmige Metallstück von meiner Assistentin entgegen. »Weißt du, ich habe Harradan nicht die ganze Wahrheit über Svartwulfs Sarg erzählt. Dahinter steckt mehr. Du hast es auch gespürt, nicht wahr, Nyssa?« Sie nickte. »Harradan mag eine Pestbeule sein, aber er ist auch nur ein kleiner Dieb. Er nutzt Armbrüste und Dolche, wenn er kämpfen muss. Svartwulf war jedoch ein Krieger, und Agapa war eine Schmiedin. Dieses T-förmige Teil ist kein Schmuckstück. Es ist ein Heft.«

»Du redest vom Heft von ‘Eisscherbe’?«, fragte Alistair.

»Bildlich gesprochen, ja.« Ich kletterte in den Sarkophag und inspizierte die gefalteten Hände der Statue. »Wie ich es mir dachte. Hier ist ein Loch zwischen den Händen, welches das Heft aufnehmen könnte.«

Ich platzierte den Schwertgriff über dem Loch, und tatsächlich glitt er ohne Widerstand in die Öffnung hinein. Ein Summen erscholl, und dann entstand unter dem Heft eine Klinge aus blauem Licht. Gleichzeitig ertönte aus dem Schatten das Kratzen von Stein, als sich eine geheime Öffnung in der Wand auftat und den Weg in eine weitere Höhle freigab. Ein gespenstisches blaues Licht schien durch den Spalt.

Sobald die Wand sich nicht mehr bewegte, liefen wir durch die Öffnung und betraten Svartwulfs wahre Gruft. Die Kammer war klein im Vergleich zu den vorangegangenen Höhlen, und in ihre Wände waren Gleiris-Kristalle eingebettet, die alles in sanften hellblauen Schimmer tauchten. Im Zentrum der Kaverne standen auf Podesten in einem leichten Winkel zwei gläserne Sarkophagi. Sie enthielten die toten Körper zweier Personen, die mit den Füßen zur Öffnung lagen. Säulen und Wände waren an den freien Stellen mit Zentaurim-Runen bedeckt, die ebenfalls sanft glühten und vermutlich die Geschichte der hier begrabenen Wesen erzählte. Waffen, Rüstungen, Münzen und Kisten waren auf dem Boden verstreut.

Langsam traten wir auf die Sarkophagi zu, und tatsächlich lag in einem von ihnen der sagenumwobene Kriegsherr Svartwulf. Der andere Körper war eine größere Überraschung. Es handelte sich um eine wunderschöne junge Satyra mit feuerroten Haaren, zweifelsfrei Svartwulfs Gattin, die Scharlachfarbene Agapa. Beide hielten Waffen in ihren gefalteten Händen: Svartwulf die legendäre Klinge »Eisscherbe«, seine Frau Agapa einen gewaltigen Kampfhammer mit einem runenverzierten Kopf.

Wir hatten Svartwulfs Gruft gefunden.


Wir blieben noch für drei oder vier Glasen und erwiesen den beiden toten Helden unseren Respekt. Alistair half mir, so viel von den Runeninschriften an der Wand zu kopieren wie nur irgend möglich. Svartwulfs Schätze rührten wir nicht ab, und auch die gläsernen Sarkophagi öffneten wir nicht. Ihre letzte Ruhe sollte ungestört bleiben, und »Eisscherbe« verblieb im Besitz des Helden.

Als wir in das Atrium zurückkehrten, trat ich an den steinernen Sarg und zog das Heft aus seinem Sockel in den Händen der Statue. Sofort begann die geheime Wand, sich wieder zu schließen. Wir warteten gemeinsam, sahen zu, wie die Wand sich zwischen uns und den Helden schob. Nur wenige Augenblicke, ehe sich der Durchgang schloss, warf ich das Heft und den Dreifuß durch den schmaler werdenden Spalt in die Gruft. Dann schloss sich die Wand und versperrte den Zugang für alle Ewigkeit.

»Wieso habt ihr das getan, Herrin?«, fragte Nyssa.

»Ich habe mich an Rory Trübeblicks Worte erinnert«, sagte ich. »Es gibt Geheimnisse, die besser unerforscht bleiben sollten.« Ich lächelte und nickte gen Ausgang. »Gehen wir. Das Abenteuer ruft.«

Hans

Sie schließt die Wohnungstür ab und steigt, die Reisetasche auf dem Rücken, in den Fahrstuhl. Der Schlüssel fällt klimpernd in ihre Handtasche, zu der Zugfahrkarte, Stuttgart Hamburg mit Rückfahrt. Zu ihren Eltern und ihrem Bruder. Heiligabend feiern und Weihnachten.

Zum Bahnhof nimmt sie die Tram. Es ist voll, die Geschäfte haben bis zum Mittag noch geöffnet, und die Menschen kaufen für das Festessen ein oder die letzten Geschenke oder gehen ein letztes Mal auf den Weihnachtsmarkt. Verkniffen sehen sie aus und gestresst, insbesondere wenn man bedenkt, dass sie heute Abend im Radio dem Kinderchor dabei zuhören werden, wie er Stille Nacht, Heilige Nacht singt. Mit ihrer großen Reisetasche dringt sie in den persönlichen Raum ihrer Mitreisenden ein, spürt, wie sich das bisher ungerichtete Brüten der Umstehenden auf sie bündelt. Sie versucht, sich klein zu machen, aber die Bahn ist zu voll, um verschwinden, sich auflösen zu können.

Der Zug kommt zum Stehen, die Türen gleiten auf, kalte Luft und Feuchtigkeit drängen ins Innere. Die anderen Menschen weichen zurück, wie um vor der Kälte zu flüchten. Der Himmel ist bleigrau, Regen fällt in Bindfäden zu Boden. Über die Köpfe hinweg kann sie sehen, dass am anderen Ende des Wagens ein Penner eingestiegen ist. Sie kennt den Mann vom Sehen, er ist öfter in den Straßenbahnen, um zu betteln. Er ist eine dieser typischen gescheiterten Seelen, die jede große Stadt bevölkern. Er zittert und hat einen Sprachfehler, begrüßt jeden, bei dem er bettelt, und hält den Menschen einen uralten Pappbecher aus einem Steh-Café, der genauso verknittert und zerrissen aussieht wie er, unter die Nase. Sie vermutet, er will nicht aufdringlich sein, doch weil er immer etwas zu lange innehält, sind die Menschen schnell von ihm genervt. Sie gibt ihm immer wieder einmal ein paar Euro, wenn sie gerade Münzgeld in den Taschen hat, und er freut sich darüber, bedankt sich herzlich und zieht dann seiner Wege.

Sie beobachtet ihn. Beobachtet die Menschen um sich herum. Sie sind schwer beladen mit Geschenken für ihre Lieben, mit Lebensmitteln aus dem Supermarkt für das Weihnachtsessen. Sie weisen ihn ab oder ignorieren ihn, blicken demonstrativ zur Seite oder stecken sich Kopfhörer in die Ohren. Sie wollen ihn nicht wahrnehmen. Und sie weiß, dass auch sie nicht viel anders war.

Ändert sich etwas, wenn man einem Bettler hilft? Wandelt sich die Welt zum Guten, oder ist diese kleine Geste eigentlich nur dem eigenen Egoismus geschuldet, dem Gefühl, doch kein ganz schlechter Mensch zu sein? Sie weiß: Viel hätte nicht gefehlt, und sie hätte Weihnachten an seiner Seite gefeiert, unter einer Brücke mit Wein aus dem Tetrapack, einer aus Abfällen gedrehten krummen Kippe und dem miesesten Hamburger aus dem Fast Food-Laden, den man für einen Euro kriegen kann. Sie hatte Glück, hat eine Familie, die sie unterstützt, hat eine Chance bekommen. Er hatte keins. Das unterscheidet sie. Nicht seine kaputte, für das Wetter unpassende Kleidung, sein verfilzter Bart, sein Geruch nach Dreck und Schweiß, seine tief in den Höhlen liegenden Augen. Sondern ein metaphysisches, ungreifbares Konzept, Umstände, zur richtigen Zeit die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hätte auch anders laufen können.

Er hat sie erreicht, sagt seinen Satz: Guten Tag, haben Sie vielleicht Kleingeld für was zu essen? Seine Aussprache ist undeutlich, sein Tick ist heute stärker, er verschluckt die Silben.

Sie antwortet nicht direkt. Ihre Hand schließt sich um die Fahrkarte in ihrer Manteltasche, das Ticket für den Inter City nach Hamburg zu ihrer Familie. Ihr Blick schweift zum Fenster hinaus, dunkel und nass ist es, Laternen und Scheinwerfer spiegeln sich in den tiefen Pfützen, deren Oberfläche vom Regen aufgewühlt wird. Er deutet ihr Verhalten als Ablehnung, wendet sich resigniert ab.

Sie fasst einen Entschluss. Die Hand schießt aus der Manteltasche und umschließt sein schmutziges, ausgemergeltes und vernarbtes Handgelenk.

Warte, sagt sie. Wie heißen Sie überhaupt?

Er wendet sich zu ihr um. Sie kann die Frage in seinen Augen sehen. Sie nimmt zum ersten Mal wahr, dass seine Augen hellgrau sind, wie Wolken eines sanften Sommerregens. Hans, sagt er, Hans Gruber.

Die anderen Menschen starren. Sie ignoriert es. Ich bin Nienke, sagt sie, Nienke Jensen. Blickt über seine Schulter zum Hotel am Bahnhof. Denkt an ihre Eltern. Dann sagt sie: Lassen Sie uns hier aussteigen, Hans. Ich möchte Ihnen was schenken. Es ist schließlich Weihnachten. In Ordnung?

Er antwortet nicht. Lässt sich von ihr durch die Menschen ziehen, an ihrer Hand, ohne Widerstand, wie ein folgsames Hündchen. Der Geruch von Verwesung und altem Schweiß kitzelt ihre Nase. Wie man eben riecht, wenn man sich lange nicht wäscht. Ihre Fahrkarte verschwindet in einem Mülleimer, den Zug wird sie ohnehin nicht bekommen.

Sie betreten das Hotel, gehen zur Rezeption. Pianomusik klimpert unaufdringlich aus verborgenen Lautsprechern. Es ist warm, ein Springbrunnen rauscht, kaum jemand spricht, und der dicke Teppich verschluckt ihre Schritte. Die Frau hinter dem Tresen begrüßt sie und lächelt höflich, aber sie weiß, was sie denkt. Hans ist lethargisch. Seine Kleidung uralt, eine fadenscheinige Jeans, ausgetretene Schuhe, die Jacke von einem Jogginganzug aus Ballonseide, alles andere als dem Wetter angemessen. Sie trägt einen eleganten Hosenanzug, makellose Stiefel und einen warmen Mantel.

Ich möchte gerne ein Zimmer für die Nacht für Herrn Gruber, sagt sie und schiebt der Rezeptionistin ihre Kreditkarte zu. Und senden Sie ihm bitte etwas zu Essen und für die Haarpflege auf das Zimmer. Wenn Sie vielleicht auch einen Mantel und frische Kleidung für ihn besorgen könnten, wäre das auch nicht von Nachteil.

Selbstverständlich, Frau Jensen, sagt die Rezeptionistin und schiebt Hans das Anmeldeformular zu. Bleiben Sie auch in unserem Haus?

Sie schüttelt den Kopf und sagt: Ich werde Herrn Gruber nur helfen, sich einzurichten. Ich muss heute noch nach Hamburg.

Die Rezeptionistin ruft einen jungen Mann in Livree und gibt ihm die Schlüsselkarte zu Hans’ Zimmer. Während sie auf den Fahrstuhl warten, schreibt sie eine Nachricht an ihre Eltern, dass sie sich verspäten wird.

Warum, fragt Hans.

Sie blickt vom Handy auf und sagt: Vielleicht aus egoistischen Gründen, damit ich mich wie ein guter Mensch fühle. Vielleicht aus altruistischen Gründen, damit Sie zumindest für eine Nacht in Würde leben dürfen. Vielleicht aus Schuldgefühlen, weil ich Glück hatte und Sie nicht. Vielleicht bin ich ein Arschloch. Oder ein Engel. Ich weiß es nicht.

Sie zuckt mit den Schultern. Die Lifttüren öffnen sich, und sie betreten die Kabine.

Frohe Weihnachten, Hans, sagt sie und wirft ihm einen Seitenblick zu.

Hans antwortet nicht und weint leise.