Leseprobe »SenseNet liebt dich!«

01> Club Blue

Die Stroboskope tauchten die Tanzfläche in den erratischen Schein zuckender Laserstrahlen, während der DJ die Bässe der Quarz-Lautsprecher so richtig zum Dröhnen brachte. In dem Club, der nach akustischen Gesichtspunkten konstruiert war, verstärkte sich der Ton noch zusätzlich, je weiter man ins Zentrum trat. Am Rand, wo sich die Bar befand, blieb von den sich hektisch durch die unteren Tonlagen windenden Melodien häufig nur noch die Bassline übrig, die sich in den Eingeweiden festsetzte und für ein unterschwelliges Vibrieren im Beckenboden der Gäste sorgte.

Maya, in der linken Hand einen giftgrünen Cocktail, der ein sanftes Glühen abgab, die rechte locker in die Tasche der Anzughose gesteckt, zirkelte durch den Raum. Sie war auf der Jagd, Geronimo Divine, ihr Alter Ego, war auf der Jagd. SenseNet übertrug das sanfte Hintergrundrauschen der Mini Pulses, die aus dem Club abgesetzt wurden, und ließ die vielen kleinen Textschnipsel, Videos und Fotos durch ihr Blickfeld huschen. Ihr war nach einem Abenteuer, und eine der Ladies hier in dem Raum oder draußen in den angrenzenden Etablissements würde heute Nacht das Vergnügen haben, das Bett mit ihr teilen zu dürfen. Es half immer ein wenig, schon im Voraus abzustecken, wer sich besonders als Eroberung eignete, und Social Engineering im SenseNet war ein elementarer Teil ihrer Masche.

Die Mehrheit der Gäste war ganz normales Romy Folk, eine homogene Mischung aller Gesellschaftsschichten, die man zu dieser Tageszeit in einem Club antreffen konnte. Viele der Frauen waren mit ihrem Partner oder Freund hier, und die schieden bereits von vorneherein aus, denn Mayas Spiel fußte nicht darauf, einem Loser seinen Input auszuspannen. Ihr ging es um jene Frauen, die tatsächlich auf ein Abenteuer aus waren, einen One Night Stand wollten, aber trotzdem drauf standen, erobert zu werden. Nur für sie wurde Maya zu dem smarten Gentleman Geronimo Divine, für den es ganz natürlich war, eine Dame zu hofieren und ihr das Gefühl zu geben, dass es nur um sie ging. Schließlich musste sie ihr Ziel nur genauso behandeln, wie sie selbst behandelt zu werden erwartete.

Ein paar der anwesenden Frauen waren echte Celebrities, Life Streamer, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdienten, ihr gesamtes Leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen über das SenseNet zu übertragen. Einerseits war das eine unglaublich profane Angelegenheit, und die meisten Fans schalteten nur wegen der mehr oder weniger ausgeprägten sekundären Geschlechtsmerkmale der Protagonistinnen ein. Auf der anderen Seite war das für diese Möglichkeit benötigte Upgrade ihres Adapters auf SenseNet+ (oder SenPro, wie die meisten Menschen das Upgrade nannten) durchaus auch aus anderen Gründen reizvoll, denn es ermöglichte einen noch viel direkteren, schnelleren und vor allem werbefreien Zugriff auf das SenseNet. Man fühlte sich damit nicht einfach nur sinnlich, man fühlte sich übersinnlich. Sei‘s drum – auch diese sogenannten Prominenten waren Maya egal. Diese Sterne hingen in viel höheren Wolken als Sol von hier entfernt war, das Sonnensystem und die Wiege der Menschheit.

Es gab wirklich gute Gründe, das SenseNet zu lieben. Es umspannte die gesamte Expansion, die von Sol ausgehend ungefähr dreihundert Lichtjahre ins All hinaus reichte. Die Einführung des Adapters, der jedem Menschen bei der Empfängnis eingesetzt wurde und mit diesem zu einer Einheit verschmolz, hatte die Menschheit endlich geeint. Durch dieses neue Bewusstsein von Gemeinschaft, dieses Wissens, ein Teil von etwas großem zu sein, war die Kriminalitätsrate innerhalb weniger Monate fast auf den Nullpunkt gefallen. Das war der Startschuss gewesen für eine kulturelle und technologische Entwicklung, wie sie die menschliche Rasse in ihrer gesamten Geschichte nicht erlebt hatte. Grenzen fielen, und man arbeitete geeint daran, den Planeten Erde zu verlassen, über die Notwendigkeit von Arbeit und Geld hinaus zu wachsen, Krankheiten, Hunger, Armut und Hass zu überwinden und das Leben für alle, die in das SenseNet eingeklinkt waren, besser zu machen. Mittlerweile profitierten 22 Milliarden Menschen von den Vorteilen und der Sicherheit, die das System ihnen bot, und die Zahl – und mit ihr die Entwicklung von Wissenschaft, Kunst und Kultur – wuchs beständig weiter.

Um die wenigen Menschen, die tatsächlich noch Ambitionen hatten, gegen die Gesetze zu verstoßen, kümmerten sich die beiden staatlichen Institutionen SecTac und MedicAid. Wurde ein Mensch auffällig, schlug der Adapter Alarm, und die zuständigen Behörden nahmen sich die fragliche Person zur Brust, um zu ergründen, ob sich mit Therapie und Medikation etwas an dem Problem tun ließ. Die meisten konnten ein normales Leben führen. Weggesperrt wurde kaum noch jemand. Und selbst diesen unglücklichen Seelen bot der Adapter eine Möglichkeit, ihrer räumlichen Isolation zum Trotz am sozialen Leben teilzuhaben.

Diese Automatismen betrafen auch vor allem psycho- und soziopathische Störungen. Kleinere Gaunereien konnte man durchaus noch durchziehen, ohne das automatisierte System zu triggern. Wenn man sich nicht erwischen ließ, war so ein abwechslungsreiches und erträgliches Leben möglich – und Maya hielt große Stücke darauf, noch nie erwischt worden zu sein.

Und in die Träume konnte SenseNet dann bei allem Fortschritt auch immer noch nicht hineinsehen – ein Fakt, mit dem auch die Life Streamer nicht sehr glücklich waren, denn weniger Sendezeit bedeutete auch weniger Einnahmen durch geschaltete Werbung.

Maya war in der Zwischenzeit eine der aus papierdünnem Plexiglas gefertigten Treppen zur Empore hinauf flaniert, die den gesamten Raum in etwa vier Metern Höhe einfasste. Laser erzeugten in den Stufen intelligente Lichtspiele, die auf die Besucher reagierten und über eine SenseNet API ihre letzten Mini Pulses und Fotos neben ihre als Schatten zurückbleibenden Fußabdrücke zeichneten. Dazwischen immer wieder Miffys Gesicht, das Mädchen, das mit jedem befreundet war und das magische Mantra wisperte: „SenseNet liebt dich.“ Das Verb war durch ein Icon ersetzt, einen stilisierten Chip inmitten eines Geflechts aus Schaltkreisen mit einem Herzen auf der Oberfläche.

Von der Galerie führten mehrere Türen auf einen das Gebäude umspannenden Balkon hinaus. Dieser bot einen atemberaubenden Blick auf City 17, wie diese Siedlung bei ihrer Gründung wenig einfallsreich genannt worden war. Der Club lag hoch über der Stadt, und überall in der Nähe der ebenfalls aus Plexiglas gestalteten Balustrade, die Besucher vor einem Sturz in die Tiefe schützte, hielten sich intelligente Drohnen auf, die all diejenigen auffingen, denen es trotz der Sicherheitsvorkehrungen gelang, darüber zu klettern. Und das kam, wenn Alkohol und unerfahrene Teens, die ihr Limit nicht kannten, zusammentrafen, leider immer wieder einmal vor.

Maya trat in die Nacht hinaus. Die Luft war angenehm mild und angefüllt mit einem lieblichen Hauch von Vanille. Die Aromaten, die überall in den habitablen Zonen von 51-Andromedae c angetroffen werden konnten, waren ein für diesen Exoplaneten typisches Nebenprodukt des Terraformings, das immer noch im vollen Gange war. Trotzdem hatte das Gouvernement bereits eine weitestgehend autarke Lebensweise auf dem Planeten erreicht. Unsummen waren in die Infrastruktur der zwanzig großen Städte geflossen, um diese zu pulsierenden Metropolen für aufstrebende Startups und aufregende Trendsetter gleichermaßen auszubauen. Knapp über dreißig Millionen Menschen lebten, arbeiteten und feierten in den mit pechschwarzem Glas verkleideten Wolkenkratzern, die sich glitzernd in den stets mit Wolkenschleiern überzogenen Himmel reckten. Die Stadt war ebenfalls von einer künstlichen Intelligenz nach Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit entworfen worden, und so war jede der hoch aufragenden Säulen mit ihren Wohnungen und Geschäften, Büros und Vergnügungsvierteln gleichzeitig auch eine photovoltaische Anlage, die die größtmögliche Menge Energie aus der Strahlung des Klasse K3-III Sterns zu gewinnen in der Lage war. Nachts erstrahlte die Stadt hingegen im Schein unzähliger Lichtquellen. Der Anblick war, zumal auf der Galerie des in schwindelnder Höhe angesiedelten Club Blue, immer wieder atemberaubend, ein schillerndes Lichtermeer, das, alten Sirenengesängen gleich, Verlockung und Erfüllung wildester Phantasien verhieß.

Maya ließ ihren Blick über das anwesende City 17-Volk schweifen. Auf dem Balkon hielten sich vornehmlich Pärchen auf, die in der warmen Nachtluft einander ihre niemals endende Liebe gestanden. Das war natürlich Blödsinn, wie Maya wusste, schließlich war nicht einmal das Universum für die Ewigkeit gemacht, und so manches im Rausch der Vanille und der exotischen Cocktails gemachte Liebesversprechen fand bald ein jähes Ende. Nicht jedoch bei ihr, denn ihr ging es gar nicht um eine feste Beziehung, sondern um den Reiz der Eroberung, das Hochgefühl, wenn das Ziel ihrer aktuellen Begierde neben ihr im Bett lag und sich eingestand, dass Frauen manchmal doch die besseren Liebhaber waren.

Und heute schien sich zunehmend abzuzeichnen, dass das Ziel ihrer Begierde schwarze Haare haben würde. Sie lehnte alleine an der gläsernen Balustrade und blickte in das bunte Schimmern hinab. Sie war ein bisschen größer als Maya und hatte eine schlanke Statur, die von ihrem vorteilhaft geschnittenen Hosenanzug noch unterstrichen wurde. Über die schmalen Schultern trug sie ein winziges Jackett aus einem silbernen High-Tech-Gewebe, wie es wohl bei EVA-Panzern Verwendung fand. Maya gönnte sich einen Blick auf das Profil der Schönheit – alles an ihr schien auf entrückende Weise zu schmollen.

Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Volltreffer.

Sie stellte den Cocktail auf einen metallenen Tisch und trat an die Seite ihres Ziels, wobei sie sich lässig auf den Handlauf der Balustrade lehnte. Eine Weile stand sie nur schweigend dort und warf ihrer Nachbarin bewusst offensichtlich „verborgene“ Blicke zu. Das gehörte zum Spiel dazu. Dann sagte sie: „Mir gefällt, was du mit deinem Gesicht gemacht hast, Milady. Dein Lippenstift, das ist Rose Peaches aus der Herbstkollektion von Chevalier, nicht wahr?“

Die junge Frau schenkte ihr einen langen Blick aus den künstlichsten aquamarinfarbenen Augen, die Maya jemals gesehen hatte. Ihr Gesicht war nicht perfekt, es wies eine gewisse Asymmetrie auf, genau wie sie es mochte. Sie musterte Maya, dann stahl sich die Vorahnung eines Lächelns auf ihre vollen Lippen. „Das ist richtig“, sagte sie. „Ich kenne nicht viele Männer, die den Lippenstift einer Frau mit nur einem Blick erkennen. Gutaussehende Gentlemen wie du sind selten geworden.“ Sie streckte ihre Hand aus. „Ich bin Marigold, sie.“

„Ich heiße Geronimo, er“, stellte Maya sich vor, wobei sie das zu ihrem Alter Ego passende Pronomen verwendete, und nahm die ihr dargebotene Hand, um einen formvollendeten Handkuss zu vollziehen – die Lippen durften den Handrücken der Dame also nicht berühren. „Es ist eine Schande, dass man solch klassische Frauen wie dich nicht mit mehr Respekt behandelt.“

„Du klingst nicht wie die typische Klientel dieses Clubs.“ Erneut musterte sie Maya. „Bei den meisten da drin muss man froh sein, wenn sie das Klo nicht mit dem Waschbecken verwechseln.“

„Ich mag die Musik und die Ablenkung, die mir der Laden bieten“, erwiderte diese leichthin. „Ablenkung vom Tagesgeschäft. Leider verträgt sich mein Musikgeschmack nur wenig mit meinen geschäftlichen Dingen – ich handele nämlich mit Antiquitäten und Artefakten aus Sol.“ Sie winkte ab. „Aber lass uns diesen perfekten Abend doch nicht mit Gesprächen über unsere Jobs ruinieren. Wir sind hier, um uns zu vergnügen, nicht wahr, Marigold?“

Ehe Marigold antworten konnte, stürzte in nur wenigen Metern Entfernung ein schwarzer Schweber aus dem Himmel. Die vier Turbinen, die dort an dem schnittigen Rumpf angebracht waren, wo ein normales Bodenfahrzeug seine Räder hatte, jaulten und brachten die gläserne Fassade des Hochhauses zum Klirren. Die Scheiben waren verspiegelt, und die diversen Lichter, die an Flugmaschinen zur Sicherung Vorschrift waren, blendeten die beiden Frauen und die anderen Besucher von Club Blue auf höchst unangenehme Weise. Überall um Maya und Marigold herum stürzten die Menschen zur Balustrade, doch der Spuk war schon vorbei und der Schweber im Lichtermeer unter ihren Füßen verschwunden.

„Meine Güte“, sagte Marigold und kicherte leise. „Der hatte es ganz schön eilig.“

„Kommt vielleicht zu spät zu einer Party. Die Sicherheit wird sich um ihn kümmern, sobald er unten ankommt.“ Maya zuckte mit den Schultern. Dann bot sie ihrer Eroberung den Arm an. „Darf ich dich zu einem Drink an der Bar überreden?“

„Ich dachte schon, du würdest überhaupt nicht mehr fragen, G-Man.“


»SenseNet liebt dich!« | ISBN 978-3-7460-3741-7 | 364 Seiten | 12,99€ (D)