Wenn Wörter zu Worten werden

Kategorie: Ferien im Wunderland Seite 3 von 6

Briefe aus Japan, Tag 3

Minako Ohaaaaaa~you, Minato-ku!

Umeko Und auch von mir ein herzliches „Guten Morgen“ zu diesem dritten Tag unserer Reise.

Minako Während wir in Hamamatsucho (JY28) auf die Yamanote nach Harajuku (JY19) warten – es wird übrigens bunt, nebenbei gesagt, gefällt euch das? – müssen wir eine kleine Korrektur zu unserem gestrigen Bericht über das Ghibli-Museum anbringen. Leser haben uns darauf hingewiesen, dass der Shop durchaus Sachen führt, die man in den regulären Stores nicht kriegt, zum Beispiel sehr schöne und vergleichsweise erschwingliche Model Kits und natürlich DVDs und BluRays mit den Filmen und Kurzfilmen.

Umeko Außerdem wurden wir darauf hingewiesen, dass die Bücherei tatsächlich ein Buchladen ist. Das ist besonders ärgerlich, wo Herrin sich selbst doch immer als Bibliophil bezeichnet. Aber nun gut, dann haben wir wenigstens einen Grund, noch einmal hinein zu gehen. Sehenswert ist das Museum nämlich bei all den Details auch mehrfach.

Minako Übrigens, unsere kleine Statue, die normalerweise bekanntlich in ein Becken pieselt, ist derzeit ganz im Zeichen Halloweens. Wie generell die ganze Stadt, scheint’s.

Umeko Unser eigentliches Ziel ist das Ōta-Kunstmuseum für Ukiyo-e, aber bis das aufmacht, haben wir noch etwas Zeit. Also lass uns zum Meiji Jingu laufen.

Minako Schade dass es Hunde und Katzen regnet, ich wäre gerne auch wieder durch den Wald gegangen. Aber ohne festes Schuhwerk ist das bei diesem Wetter einfach nicht angebracht, und außerdem würde dein Yukata nur unnötig schmutzig. Also bleiben wir halt auf den befestigten Wegen.

Umeko Bisher war ich jedes Mal hier, wenn ich in Tokyo war. Etwas an den Schreinen im Stadtgebiet ist besonders. Vielleicht dass es in ihnen immer vergleichsweise ruhig ist, obwohl der Trubel der Hauptstraßen üblicherweise nur einen Steinwurf entfernt ist.

Minako Oder es ist der Zauber des Ortes mit der wundervollen Architektur und diesem Hauch von Erhabenheit. Guck mal! Eine Braut im Kimono! Na, ich kann mir auch schöneres vorstellen als bei diesem Wetter zu heiraten. Aber schön ist sie schon, ganz in weißer Seide, das muss man ehrlich anerkennen.

Umeko Das Wetter ist eben ein Faktor, den man nicht so ohne weiteres planen kann. Während wir in Deutschland bei unserer Abfahrt spätsommerliche Temperaturen und strahlenden Sonnenschein hatten, wird Japan derzeit von einem Taifun geplagt. Da kommen wir mit dem bisschen Regen noch ganz glimpflich davon; es könnte deutlich schlimmer sein, wenn man die Nachrichten anschaut.

Minako Auch ein Vorteil von Herrins neuer Japan Travel Sim: das mobile Internet ermöglicht nicht nur die Kommunikation mit den Daheimgebliebenen und die Planung von Fahrten und Suche nach interessanten Orten, sondern warnt auch vor Katastrophen und gibt uns Hinweise, was wir zu tun haben, wenn es zu einer solchen kommt.

Umeko Das Museum sollte jetzt übrigens geöffnet haben. Fotografieren darf man im Inneren leider nicht, die dort ausgestellten Kunstwerke sind ziemlich empfindlich und stammen aus dem 19. Jahrhundert.

Minako Na ja, aber zum Beispiel Kanagami-oki nami-ura aus den 36 Ansichten des Berges Fuji kenne ja sogar ich, also können sich die Leser sicher ein Bild davon machen, was hier zu sehen ist.

Umeko Falls die werten Leser sich ein Bild machen wollen, die Ausstellung handelt von Utagawa Kunijoshi und seinen Töchtern.

Minako Sehr interessant jedenfalls und sehr verschieden von dem, was wir aus der westlichen Kunst gewöhnt sind. Mir hat’s sehr gefallen, und ich habe sogar ein paar Sachen gelernt. Aber wohin geht’s jetzt?

Umeko Alice on Wednesday. Du solltest den Kopf einziehen; der Eingang ist nur einen knappen Meter hoch und imitiert damit die Szene, in der Alice im Buch so weit schrumpft, dass sie in den Garten hinter der kleinen Tür kommt.

Minako Was genau finden wir hier?

Umeko Das Geschäft verkauft Schmuck, Accessoires, Taschen, Deko-Stücke und allerlei Naschzeug rund um Alice im Wunderland.

Minako Ich kriege hier vor allem die totale Reizüberflutung. Ich meine, versteh mich nicht falsch, das sind tolle Sachen, und ich verstehe, dass Herrin noch einmal herkommen und ihren gesamten Konto-Inhalt verbrennen will, aber mir wird schon etwas schummerig.

Umeko Dann hilft es dir wohl nicht, wenn ich dir sage, dass im Laden zehn kleine Geheimnisse versteckt sein sollen?

Minako Eines hab ich schon einmal gefunden. Da ist ’ne Maus im Mauseloch.

Wie geht’s jetzt weiter?

Umeko Herrin und ihr Begleiter fahren mit der Yamanote von Harajuku (JY19) nach Shinjuku (JY17) und dann mit der Odeo Line weiter nach Ochiai-Minami-Nagasaki (E33).

Minako Ah. Der obligatorische Besuch im KATO Hobby Center.

Umeko Ja, genau. Ich schlage vor, wir lassen die beiden in Ruhe ihren Hobbies fröhnen und treffen dann in Odaiba wieder mit ihnen zusammen.

Minako Wieder ein Tag zu Ende gegangen. In diesem sonderbaren Zwielicht sieht die Rainbow Bridge beinahe aus als sei sie aus einem Computerspiel geklaut worden.

Umeko Über der Bucht hängt eine Dunstglocke. Nach dem Regen ist die Sonne durch die Wolken gebrochen, und hier in Tokyo führt das direkt zu hoher Luftfeuchtigkeit und schwüler Luft.

Minako Jetzt verstehe ich, was Herrin meint, wenn sie schreibt, der Himmel habe die Farbe von Silber, das dringend einmal geputzt werden müsste.

Braut sich aber auch schon wieder die nächste Regenfront zusammen. Hoffentlich bleibt es bei finster-bedrohlichen Wolkenbergen. Japan könnte dringend eine Verschnaufpause brauchen.

Umeko Mal ganz abgesehen davon, dass es ganz schön wäre, morgen einigermaßen trockenen Fußes nach Yokohama zu kommen.

Minako Wir gehen ins Marine-Museum, oder?

Umeko Richtig. Dann war C. Jane Doe, esq. nicht mehr die einige von uns, die schon einmal auf einem alten Schiff herumgestreunt ist.

Minako Na dann, auf zur Yurikamome und zurück nach Minato-ku, wo unsere Reise vor zehn Stunden begann. Mir tun auch wirklich die Füß weh. Bis morgen, liebe Leser!

Umeko Sayounara!

Briefe aus Japan, Tag 2

Minako Ohaaaaaayou, Minato-ku!

Umeko Der Anime hat’s dir ja echt angetan, wie es scheint. Ich muss dich aber enttäuschen, nach Miyakejima fahren wir in den zwei Wochen nicht, denn auch wenn es auf der Insel einen aktiven Vulkan gibt, man muss die Nachtfähre ab Tokyo nehmen und ist mehrere Stunden auf dem Schiff.

Minako Das macht fast gar nichts. Dafür geht’s heute schließlich ins Ghibli-Museum. Unsere Pingu-Route: Mit der Yamanote bis Tokyo (JY01) und dann mit der Chuo Rapid bis Mitaka (JC12). Von dort kann man zwar den Katzenbus nehmen, aber wir sind dann doch mal klimaneutral zu Fuß unterwegs.

Umeko Während wir die knapp anderthalb Kilometer bezwingen, nehme ich es auf mich, die Leser schon einmal vorzuwarnen, dass im Museum selbst fotografieren verboten ist.

Minako Macht aber nix. Das Wetter ist so trübe, dass selbst Außenaufnahmen einiges zu wünschen übrig lassen, und da Herrin jetzt auch noch technische Probleme hat… Na ja, wir wollen es euch nicht vorenthalten, ihr freut euch ja drauf.

Minako Die Außenansicht lässt jedenfalls schon einmal Gutes erhoffen. Ein Bisschen Hundertwasser, ein wenig Verwunschenes Schloss und ganz viel Phantasie auf engstem Raum.

Umeko Die Sonne steht eigentlich ziemlich schlecht für vernünftige Bilder: Genau hinter dem Museum und dem Giganten auf dem Dach. Das lässt die Qualität der Bilder zwangsläufig leiden, weil man ständig ins Gegenlicht fotografiert.

Minako Sei nicht so streng mit Herrin. Auf manche Dinge hat man eben keinen Einfluss. Gehen wir lieber zum Eingang, ehe die Menschenmassen eintreffen.

Umeko Das Kontingent der Karten für jeden Tag ist streng limitiert, und das ist auch wirklich notwendig. Das Haus ist innen eng und verschachtelt, und es gibt so viel zu sehen, dass die Besucher sich in den einzelnen Räumen sehr lang aufhalten. Das gilt umso mehr, wenn man die Sprache versteht, denn fast alle Exponate sind auf japanisch beschriftet.

Minako Es sind auch viele Schulklassen hier. Ich habe jetzt schon zwei Klassen mit jeweils mindestens vier Betreuern gesehen. Wie alt mögen die Kinder sein? Sechs, sieben Jahre?

Umeko Hier ist deine Eintrittskarte, Schatz. Pass gut drauf auf.

Minako Eigentlich ist die für das Kino – aber die Idee mit dem Filmstreifen ist schon sehr cool. Komm, wir funktionieren Herrins Mobiltelefon mal kurz in einen Leuchttisch um, dann kann man die Bilder besser sehen.

Die Armen, so hinter Glas und Gittern zusammengepfercht.

Umeko Die sind das doch gewohnt, im Keller zu leben, wo der Kessel steht.

Minako Na ja, richtig ist das trotzdem nicht, finde ich. Aber ich vertraue dir mal. Gehen wir also rein?

Umeko Ja, und während du den Lesern erzählst, was sich im Inneren abspielt, streuen wir ab und an mal Fotos von Außen ein. Einverstanden?

Minako Klingt gut. Also, die Ausstellung besteht aus acht Teilen. Im Erdgeschoss befindet sich das Kino, außerdem wird hier erklärt, wie die Bilder das Laufen lernen. Ein schneller Galopp durch die Geschichte des Films, vereinzelt auch immer zum Mitmachen. Selbst ohne Sprachkenntnisse lernt man hier, wie im Kino unsere Augen ausgetrickst werden, um aus vielen Einzelbildern einen Film zu machen. Auch der Aufwand lässt sich hier schon erahnen, der hinter den Animes von Ghibli steckt.

Umeko Deutlicher wird das im ersten Stock, in der Dauer-Ausstellung „ein Film entsteht“. Die Ateliers und Arbeitsplätze der Zeichner sind hier detailliert nachgebildet. Die Ära liegt irgendwo zwischen Totoro, Porco Rosso und Kikis Kleinem Lieferservice; die meisten Motive handeln von diesen drei Filmen und von Mononokehime.

Minako Dieser Teil der Ausstellung gefällt mir sehr gut. Alles wirkt so lebendig, mit den vielen Notizen an den Wänden, den Regalen voller Referenz-Büchern zu allen möglichen Themen, den Pantone-Feldern für die Farben, den kleinen Modellen und gesammelten Schätzen… Sogar an benutzte Teebecher und Aschenbecher voller Zigarettenstummel haben die Kuratoren gedacht. Alles ist zwar inszeniert, aber es atmet Leben, als sei hier erst gerade eben einer der großen Ghibli-Filme abgeschlossen worden.

Umeko Die zweite Ausstellung hier oben widmet sich diversen Detail-Elementen im Entstehungsprozess. Das hier zum Beispiel ist eine ganze Sektion über die Darstellung von Wasser im Ghibli-Film.

Minako Es ist unglaublich, wie viel Arbeit alleine in dieses Element fließt. So viele Ebenen für Blasen, Schatten, Wellenmuster, Pflanzen und all die kleinen Details, die dann auf der Leinwand nur wenige Sekunden dauern – und jede Ebene hat eigene Cels.

Umeko Als Cel bezeichnet man übrigens eine Folie aus dem Folienstapel, der zusammen einem Bild in einem fortlaufenden Film mit fast dreißig Bildern in der Sekunde entspricht.

Minako Das Museum geht ja nur auf den Entstehungsprozess so ungefähr während der Neunziger ein. Wie ist das eigentlich heute?

Umeko Ich könnte dir jetzt natürlich einen Vortrag über Key Frames und Inbetweenern halten. Aber wenn dich das wirklich interessiert, können wir zuhause eigentlich auch Kurumi gucken. Das zeigt ja das Leben einer Neueinsteigerin im Business und welche Schritte es so braucht.

Minako Na gut. Wenn ich mich hier so umsehe, fällt übrigens auf, dass einige Ghibli-Filme mehr vertreten sind als andere. Porco Rosso ist wie erwähnt stark dabei, auch Kikis Kleiner Lieferservice, Totoro und Mononokehime. Vereinzelt habe ich auch Laputa, Sen to Chihiro und Die Letzten Glühwürmchen gesehen. Dafür fehlen von Nausicaä, Arietty oder all den „Alltags“-Ghiblis jede Spur, oder täusche ich mich?

Umeko Bei so vielen Filmen und so begrenztem Raum muss man zwangsläufig eine Auswahl treffen, und die liegt bei den Kuratoren vielleicht anders als wir das im Westen wahrnehmen. Es ist ja auch durch die Rezeption in Japan geprägt, was für das Museum wichtig ist.

Minako Herrin freut sich jedenfall über die vielen Bilder von Lady Eboshi, der Herrin der Eisenschmiede aus Mononokehime. Aber war die denn nicht eher auf Seiten der Bösen?

Umeko Ghibli handelt kaum in Absoluten, so wie zum Beispiel Disney. Lady Eboshi hatte die richtigen Intentionen, immerhin gewährte ihre Schmiede den Kranken, Schwachen und Geächteten eine Zuflucht, und das will finanziert werden. Ihre Wahl der Mittel war fragwürdig, und dafür musste sie einen hohen Preis bezahlen.

Minako Dritter Stock. Museums-Shop und Kinderparadies mit Leseecke.

Umeko Können wir auslassen. Was du hier kaufen kannst, kriegst du auch in all den Ghibli-Stores im Stadtgebiet.

Minako Herrin hat ja eh keinen einzigen Yen, den sie ausgeben könnte. Und außerdem wird’s langsam wirklich voll. Kaum zu glauben, dass das nur zweihundert Leute sein sollen. Was machen wir dann jetzt?

Umeko Der Inokashira-Zoo ist in der Nähe. Aus tier-ethischen Gesichtspunkten sind die Haltungsbedingungen dort zwar alles andere als ideal, aber die meisten Tiere dort sind in Japan heimisch. Du kriesgst also einen recht guten Überblick über das Wildleben in Japan.

Minako Schade nur, dass die Käfige alle so engmaschig sind. Da kann man die Kamera einstellen, wie man will, man kriegt immer nur das Gitter scharf. Dabei waren die kleinen Fenneks so putzig.

Umeko Ansonsten gibt’s eigentlich gar nicht so viel zu berichten vom ersten richtigen Tag in Japan. Ich mein, ihr merkt’s ja selber, liebe Leser, wir sind noch nicht so richtig im Urlaubsmodus.

Minako Liegt aber auch an der Kombination aus Jetlag und Schlafmangel, denn Herrins Begleiter hat ganze Regenwälder abgeholzt. Wenn du selbst trotz Meditation drüber nachdenkst, jemanden mit dem Kopfkissen zu ersticken, und dann vielleicht drei Stunden Schlaf kriegst, dann ist das Hirn halt nicht zu mentaler Höchstleistung fähig.

Umeko Ich stimme dir zu, im Vergleich zu den letzten beiden Malen kommt Herrin einfach nicht in den richtigen Rhythmus. Aber ich sehe auch den Silberstreif. Wir sind erst am Ende des ersten Tages angekommen. Da ist noch massiv Luft nach oben. Ist natürlich Schade, weil das Ghibli-Museum darunter etwas gelitten hat, aber auf den Tag, an dem man ein Ticket kriegt, hat man leider wenig Einfluss.

Minako Ja, ich stimme dir zu, wir kommen bestimmt noch in Schwung, spätestens wenn…

Umeko Schatz!

Minako Huch, jetzt hätte ich mich fast verplappert! Na ja, wir sind ja auch müde. Wir machen für heute also Schluss, und morgen schaffen wir dann hoffentlich etwas mehr Struktur in diesen Bericht. Gibt es schon einen Plan?

Umeko Ja, aber er ist wenig spektakulär: Harajuku und danach ein wenig leichtes Bummeln. Die Kamera ist da natürlich wieder dabei, und hoffentlich hat dann auch der Bericht etwas mehr Struktur als dieses unzusammenhängende Chaos. Ansonsten zeigen wir die Handy-Bilder von der Nachtwanderung, die waren ganz nett. Und überhaupt: Wir haben jetzt mobiles Internet auf Herrins Mobiltelefon. Das wird einiges vereinfachen und neue Möglichkeiten bieten.

Minako Und wie ich Herrin kenne, wird sie auch diesen Bericht nachbearbeiten. Sie ist eine unverbesserliche Perfektionistin. Also, freut euch einfach auf mehr, in Ordnung? Bis morgen!

Umeko Und schlaft gut – oder wenigstens besser als wir.

Briefe aus Japan, Tag 1

Minako Gooooooo~d Evening, Minato-ku!

Umeko Und auch ich wünsche euch ein etwas weniger enthusiastisches Konban wa, minna aus dem Land der Aufgehenden Sonne.

Minako Ach komm schon, Ume-chan, ist doch alles gut gegangen.

Umeko Ja, am Ende hatten Herrin und ihre Begleitung dann doch noch ziemliches Glück, aber vielleicht sollten wir vorne beginnen mit dem Erzählen?

Minako Wie weit willst du denn zurück? Bis zu der Stelle, wo die Sicherheit am Fraport Herrin und ihre Tasche rausgepickt hat, weil sie dachten, die Spiele-Speicherkarten für ihren DS seien gefährliche unidentifizierte Chips?

Umeko Nein, ich glaube, es reicht, wenn wir bis zu der Stelle springen, an der Herrins Begleitung eine Viertelstunde vor dem Boarding auffällt, dass er seine Kreditkarte nicht eingesteckt hat.

Minako Ja, die beiden waren schon kurz davor, einfach gar nicht in den Flieger zu steigen, insbesondere weil Herrin ja keinen so großen Kreditrahmen hat, dass sie davon die vierzehn Tage Doppelzimmer zahlen könnte. Glücklicherweise hatte ihr Begleiter genügend Bargeld dabei, um zumindest das Hotel und auch die Versorgung mit Lebensmitteln abzudecken – aber für Ausflüge sah es schon echt eng aus, von Shopping gar nicht zu spechen.

Umeko Glücklicherweise gelang es den beiden aber, eine andere Geldquelle aufzutun.

Minako Wie das wieder klingt, Ume-chan! Als ob Herrin ihren Körper verkauft hätte!

Umeko Du hast ein sonderbares Bild von diesem Land. Nein, die Lösung ist viel einfacher. EC-Karten, die hier an den ATMs als Kreditkarten erkannt werden. Die Gebühren sind horrend, aber das ist eben der Preis, den man für Schusseligkeit zahlen muss.

Minako Ich liebe dieses Land, Ume-chan, und das solltest du auch wissen. Die Höflichkeit der Menschen, die Eindrücke, die Kultur, das tägliche Leben und nicht zuletzt die Landschaften – Japan hat mich verzaubert, als ich vor vier Jahren das erste Mal hier war. Will ich hier leben und arbeiten? Nein, weil es nicht meine Kultur ist. Möchte ich so viel wie möglich vom Land sehen? Yes, eintausendmal Yes!

Umeko Nun, dazu wirst du Gelegenheit bekommen, das sei dir versprochen. Wegen der Enttäuschung über „Kreditgate“ hat Herrins Begleiter bereits eines der Ziele verraten, obwohl er sie damit überraschen wollte.

Minako Dann bist du jetzt besser still, damit unsere Leser dann überrascht sind. Erzähl mir stattdessen, was wir morgen unternehmen, nachdem unser erster Tag hier weniger dem Tourismus gewidmet war.

Umeko Sagen wir mal, es hat mit einem gewissen japanischen Anime-Studio zu tun, und ein Katzenbus ist vielleicht auch involviert.

Minako Ooh! Das wird in den kommenden Tagen schwer zu übertreffen sein! Immerhin gibt es morgen dann aber auch die ersten Fotos – dazu hat uns heute nämlich ein wenig der Kopf gefehlt.

Umeko Versprich nichts, was du nicht halten kannst. Im Ghibli-Museum darf man leider nicht fotografieren. Aber trotzdem geht unser Bericht dann ab morgen so richtig los. Und wir werden uns wie die letzten beiden Male auch große Mühe geben, uns wieder in das eine oder andere Bild zu schmuggeln.

Minako Aber für heute machen wir hier Schluss. Es ist ja auch schon neun Uhr am Abend. Wir springen jetzt noch schnell unter die Dusche, und dann geht’s in die Federn.

Umeko Dem schließe ich mich an; Minako kann auch schon kaum noch die Augen offen halten. Also gute Nacht – und noch einmal unsere aufrichtige Entschuldigung, dass es heute noch nichts zu gucken gibt. Wir sehen uns morgen!

Briefe aus Tokyo, Finale (11.11.15)

Umeko: Konban wa, liebe Leser, und herzlich Willkommen zu unserem Reisebericht vom zehnten und letzten Tag aus Tokyo.

Minako: Ume-chan, sag doch bitte nicht so furchtbare Dinge. Sag mir lieber, womit wir uns heute von unserem Abschiedsschmerz ablenken.

Umeko: Also, wir werden sicher noch ein letztes Mal die Geschäfte unsicher machen und auch einen letzten Okonomiyaki essen gehen. Aber vorher steht eine Fahrt nach Ome an.

Minako: Wir sind hier so weit draußen, dass die Minako Line nur noch mit vier statt elf Waggons fährt. Also, was gibt es hier? Wandern wir?

Umeko: Gewandert bin ich hier vor drei Jahren tatsächtlich, rund um den Mitakesan. Aber heute geht’s nur in ein weiteres Eisenbahn-Museum.

Minako: Das wirft zwei Fragen auf. Erstens, willst du mich verkohlen? Und zweitens, wie haben die komplette Züge diese Hügel hinauf bekommen? Gibt’s da einen Schienenanschluss?

Umeko: Zu deiner ersten Frage: Nein, das ist mein Ernst, aber es ist auch nur ein kleines Museum, wir sind vor allem wegen der Landschaft hier. Und zur zweiten Frage: Warte es ab.

Minako: Ist ja schon echt schön hier. Nicht ganz so einsam wie der Takao-san, aber auch kein Stadtgebiet. Aber selbst hier gibt’s Hochhäuser.

Umeko: Darum kommst du nicht herum. Japan ist ein kleines Land. Was denkst du, wieso sie mit gomi künstliche Inseln aufschütten. Oh! Gib auf die Spinne acht!

Minako: Verdammt, ist das ein riesiges Viech! Das Foto müssen wir aber hinter einen Spoiler packen.

ACHTUNG!!! Es folgt ein Spinnenfoto! Öffnet diesen Link nur, wenn ihr glaubt, damit klar zu kommen! Ihr seid gewarnt!

Umeko: Minako, du bist weiß wie die Wand. Hast du Arachnophobie?

Minako: Nein, geht schon, es ist nur… Ugh, zum Glück gibt’s auch schöne Blumen in diesem Land.

Umeko: Dieser Friedhof ist auch sehr hübsch. Schau nur, wie er sich in den Hang schmiegt und den Berg hinauf schwingt.

Minako: Das ist ziemlich faszinierend. Oh. Ich glaube, ich kann das Museum hören.

Umeko: Wie du siehst, gibt es hier vor allem Dampfrösser. Aber auch diesen Shinkansen hier, in den man rein darf.

Minako: Du schuldest mir aber immer noch eine Erklärung. Ich sehe hier nirgends einen Gleisanschluss. Also wie ist der Shinkansen auf den Berg gekommen?

Umeko: Die meisten Lokomotiven haben sie in Unterbau und Aufbau zerlegt und dann auf Sattelschleppern den Berg hinauf geschafft und mit Kränen zusammengesetzt. Beim Shinkansen war es etwas anders, da haben sie die Drehgestelle gelöst und den Wagenkasten auf Selbstfahrer gesetzt. Danach ist er selber den Berg hinauf gefahren und wurde hier auf die Drehgestelle zurückgehoben.

Minako: Okay, ich gebe zu, Ome war schön, aber das hier ist noch schöner. Ein torii, richtig?

Umeko: Ja, es gehört zum Meiji Jingu, einem Schrein in Harajuku. Wir sind gar nicht weit von der Brücke entfernt, auf der sich sonntags immer die Cosplayer tummeln. Aber es ist Mittwoch, also gehen wir lieber in den Schreingarten.

Das ist das Teehaus, in dem immer noch gelegentlich Teezeremonien abgehalten werden. Aber heute ist es mal wieder geschlossen, wie’s aussieht.

Minako: Schade. Das hätte ich mir zu gerne angesehen.

Aber die Seerosen sind wunderschön.

Umeko: Wir sind leider etwas zu spät gekommen. In diesem Garten gibt es einige Bereiche, die der Zucht seltener Pflanzen gewidmet sind. Ich wundere mich, dass wir überhaupt noch Seerosen zu sehen bekommen. Normalerweise sind sie im November bereits im Winterquartier.

Minako: Ich bekomme gerade ernsthafte Flashbacks zu Crimson Butterfly. Ein uralter Waldweg, ein abweisendes Hinweisschild und zwei Mädchen, die ganz alleine unterwegs sind, während es dämmert. Rieche nur ich ein Horror-Klischee?

Umeko: Der ganze Schreingarten ist voller Touristen aus aller Herren Länder, und im Schrein selber findet gerade eine Shinto-Hochzeit statt. Also ja: Ich fürchte, du bist die einzige, die das gruselig findet.

Das ist Kiyomasas Brunnen. Du erinnerst dich sicher daran aus meinem letzten Bericht.

Minako: Unglaublich, wie klar das Wasser ist. Und auch hier hört man nichts mehr von der Stadt. Ohne die Touristen wären wir hier wirklich ganz alleine.

Umeko: Ich sag’s ungerne, Minako, aber streng genommen bist auch du „nur“ eine Touristin. Und sogar ich, meiner Wurzeln zum Trotze, bin nur als Touristin hier.

Minako: Das ist sie also? Die letzte Yamanote-Fahrt, die wir in diesem Urlaub hinter uns bringen werden?

Umeko: Ja. Aber sieh es doch auch mit einem lachenden Auge: Du hast unglaublich viel erlebt, um das dich viele Menschen beneiden werden. Ohne Herrin hättest du all das hier niemals gesehen. Das ist echt verdammt viel für zwei so kleine Puppen wie uns.

Minako: Apropos, was machen wir mit Herrin? Sie starrt schon eine ganze Weile nur auf den See.

Umeko: Geben wir ihr noch etwas Zeit. Bei unserem letzten Besuch hat sie ihr komplettes Leben überdacht. Dieses Mal wird Tokyo ähnliche Ergebnisse zeitigen. Aber das muss sie an diesem Punkt alleine lösen, da kann ihr niemand helfen.

Goodbye, farewell & amen. Es war schön hier.

Briefe aus Tokyo, Tag 9 (10.11.15)

Stitch: Kleine Puppenmädchen packen, also Stich schreibt Bericht.

Umeko: Machst du das auch ordentlich, du Fellknäuel?

Stitch: Ha!

Umeko: Wehe, wenn nicht. Dann hetze ich das Tanuki auf dich.

Stitch: Ist Tempel in Wald.

Umeko: Wirklich? Das ist der Seishouji Tempel in Minato, vielleich einen halben Kilometer zu Fuß vom Hotel entfernt. Er liegt in der Nähe des NHK-Museums, das wir eigentlich besuchen wollten, leider hatte es aber wegen Renovierung geschlossen.

Stitch: Ha. Tempel.

Ist Zug.

Minako: Das übernehme ich, kümmer du dich um die Disney-Becher, Ume-chan. Das ist die Ginza Line. Mit ihr sind wir vom Seishouji nach Ginza gefahren. Und ganz ehrlich, so langsam kann ich bei „Wetten, dass..?“ mitmachen. Wetten, dass ich alle Stationen im Streckennetz Tokyos an der Musik erkenne, die gespielt wird, wenn sich die Türen schließen?

Stitch: Ha. Musik.

Umeko: Ich halte das nicht aus. Stitch, weiterpacken. Minako, Jacke, mitkommen. Wir gehen jetzt zum Kyu-shiba-rikyu Garten.

Minako: Ich kann einfach nicht glauben, dass dieser Garten nur einen Steinwurf von der S-Bahn-Station entfernt liegt, an der wir immer in die Yamanote einsteigen.

Umeko: Der Garten ist ein Kulturerbe und einer der ältesten noch erhaltenen Gärten, die in der Edo-Zeit einem daimyo, einem Fürsten gehörten.

Er ist in verschiedene Themenbereiche unterteilt und wird im Zentrum vom Dai-Sensu dominiert, ein ungefähr 9.000 Quadratmeter großer künstlicher See, der damals eine Anbindung zum Meer hatte und darum den Gezeitenhub mitmachte.

Minako: Ja, nur heute ist das hier eindeutig Süßwasser, denn ich habe vorhin Koi gesehen. Die sind Süßwasserfische.

Umeko: Gar nicht schlecht, Minako. Du überraschst mich immer wieder. Komm, wir stellen uns eine Weile im Azumaya unter, bis der Regen ein wenig abgeebbt hat.

Minako: Weißt du eigentlich, wie sehr ich es an dir liebe, wenn du mir Sachen erklärst, ohne mich dabei wie ein kleines blondes Dummchen dastehen zu lassen? Du behandelst mich mit Respekt, das freut mich immer.

Umeko: Manchmal fällt mir das schon ein wenig schwer, muss ich gestehen. Aber weißt du, wie das Plüschviech sagen würde, du bist letztendlich immer noch ohana für mich. Und damit werde ich dich beschützen – wenn es sein muss, bis zum letzten Atemzug.

Minako: Das hast du schön gesagt, Ume-chan. Die Wortwahl macht mir zwar Angst, aber ich freue mich auch.

Du bist so still, Ume-chan.

Umeko: Ist schon in Ordnung, Minako. Mach dir keine Gedanken. Ich bin nur ein wenig nachdenklich.

Minako: Du wirst Japan vermissen, wenn wir wieder in Deutschland sind, nicht wahr? Weil es deine Heimat ist?

Umeko: …manchmal bist du einfach zu schlau.

Minako: Es wird schon dunkel, und der Regen hat nachgelassen.

Umeko: Ja. Der Park wird bald schließen. Lass uns aufbrechen.

Minako: Lass uns Udon Soba essen gehen. Ich lade dich ein. Was immer Stitch für ein Chaos angerichtet hat, wird nicht weglaufen.

Umeko: Einverstanden. Machen wir Schluss für heute. Ein letzter Tag verbleibt uns ja noch.

Minako: Also dann, liebe Leser. Hier gibt’s nichts mehr zu sehen. Den Abend wollen Ume-chan und ich für uns – ihr versteht das sicher. Bis morgen!

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