Preview: „Schrille Nacht“

Eins

„Und?“ Diablo beugte sich vornüber und reichte Allen eine Hand, um ihm aus dem schmalen Spalt zu helfen, der sich zwischen der Maschine und der Wand auftat.

„Tjo“, machte Allen und kratzte sich mit den dreckverkrusteten Klauen, die er ‚Fingernägel‘ zu nennen beliebte, in seinen stetig schwindenden Haaren. „Zwei Wochen. Maximal.“

Diablo seufzte und schnalzte mit der Zunge. „Wollte ich nicht hören.“

Allen schlug mit der flachen Hand einige Male gegen den Stahlleib der Maschine. „Die Lady ist ‘n Schluckspecht. Was erwartest du, bei ‘nem gottverdammten Schiffsdiesel? Mal ehrlich, Dee, hätte es nicht auch ‘n Heizkessel getan?“

„Wie oft hatten wir diese Diskussion jetzt, Hajo?“, erwiderte sie und entlockte Allen bei der Verwendung seines echten Vornamens ein gequältes Stöhnen. Jeder nannte den Mechaniker des Havens nur Allen, was die Kurzform von Allen Key war, dem dank eines großen schwedischen Möbelhauses in fast allen Wohnungen vorhandenen Innensechskantschlüssel. „Die Heizungsanlage hier war marode, und das Wasser hatten sie auch abge-klemmt. Ich habe besorgt, was ich finden konnte, und das kam nun einmal aus ‘ner alten Barkasse am Fluss.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Hilft ja nichts, drüber zu diskutieren. Ich werde Sprit ranschaffen müssen, wenn wir nicht erfrieren wollen.“

„Und das stat“, fügte der Mechaniker hinzu. „Wenn uns der Motorblock trocken läuft, brauchen wir Wochen, um sie wieder ans Rennen zu kriegen. Wenn wir sie überhaupt noch einmal starten können.“ Er zog ein schmierstarrendes Baumwolltuch aus der Brusttasche und putzte damit die Gläser seiner randlosen Brille, ehe er den Stofffetzen an seine Chefin reichte. „Bei all dem anderen Kram, der im Haven in absehbarer Zeit die Hufe hochwirft, hat Diesel die höchste Priorität. Und für das kommende Jahr sollten wir dringend drüber nachdenken, Solaranlagen aufs Dach zu bauen. Shenzhen Ltd. bringt im Februar die Ought-Three für den Privatkunden raus, dann fallen die Preise des aktuellen Modells ins Bodenlose. Und für unseren Bedarf reichen die völlig.“

Diablo wischte sich mit dem Tuch mehr aus Höflichkeit über die Hände; die im Gewebe eingeschlossene Schmiere verhinderte, dass sie das wenige Öl entfernen konnte, das sie bei ihrem Aufenthalt hier unten eingefangen hatte. Dann ließ sie den Lappen in den Werkzeugkasten fallen und nickte. „Dein Plan hat nur einen Schönheitsfehler, und das ist ‘ne Zahl mit einem ganzen Haufen Nullen hinten dran. Wir haben gerade genug Kohle, um die Kids bis zum Jahresende durchzufüttern, selbst mit der schmalen Miete, die ich dir, Dacapo und Black Mamba abknöpfe.“

„Wenn du keine Lösung findest, geht hier spätestens zum Nikolaus das Licht aus, und zwar nicht, weil‘s so schön romantisch ist.“ Allen zog eine eZigarette mit massivem Akku-Klotz und riesigem Verdampfer aus der Tasche und starrte sie einen Augenblick an, als wäre sie gerade vom Himmel gefallen. „Gibt ja auch noch alternative Beschaffungsmethoden.“

„Ich hab die Lütten nicht von der Straße geholt, um sie jetzt wieder zum Klauen zu schicken. Machen sie eh schon selbst.“

„Du weiß genau, was ich meine. Du warst mal Soldatin.“

„Kindersoldatin“, präzisierte Diablo. „Dacapo musste einen ziemlichen Haufen kranken Shit mit meinem Hirn anstellen, um mich zumindest wieder zum Funktionieren zu bringen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Du hast ja recht, wir brauchen ‘ne Lösung, und das besser noch vorgestern. Ich sag den anderen Bescheid, dass wir nach dem Abendessen eine Hauskonferenz abhalten.“ Sie warf ihm einen ernsten Blick zu. „Wir essen um sieben. Komm nicht wieder zu spät. Essen wird nicht überbewertet, Hajo.“

Er bleckte die Zähne und salutierte. „Aye aye, Frau Leutnant.“

„Fick dich selber.“

Sie verließ den Maschinenraum mit Allens meckerndem Lachen in den Ohren und folgte dem Kellergang zur Haupttreppe. Sofort sanken die Temperaturen; Nienke 16 (sie hatte den Schiffsdiesel nach dem Boot getauft, aus dem sie ihn ausgebaut hatten) erzeugte so viel Abwärme, dass Allen fast immer mit nacktem Oberkörper anzutreffen war. Sie mochte seine Art nicht, denn er brachte sie zum fluchen – etwas, das sie sich im Beisein der Kinder verbot. Aber er war nun einmal der einzige, der kompetent genug und für lau dazu bereit war, die maroden technischen Einrichtungen im Haven einigermaßen instand zu halten.

Der Haven war mal ein Gymnasium gewesen, das während der verheerenden Sturmfluten vor einigen Jahrzehnten gemeinsam mit der ihn umgebenden Siedlung überschwemmt und aufgegeben worden war und letztendlich der Vergessenheit anheim fiel. Als Diablo Payne nach ihrer Flucht vor dem Konzern, dem ihr Arsch rechtmäßig gehörte, hier vorbeikam, waren Teile des Mauerwerks im Keller unterspült worden und Plünderer hatten die Kellerräume durch das klaffende Loch ausgeräumt. Eine Bande, vermutlich Chromepunks, hatte das Haus danach mit Beschlag belegt und ihrer anarchistischen Zerstörungswut freien Lauf gelassen. Dann hatte die Polizei einer in der Nähe liegenden Kleinstadt dem ein Ende gesetzt und die Gangs vertrieben. Gerade deswegen hatte sie den fürchterlichen Klotz mit dem mayonnaisegelben Anstrich aller öffentlichen Einrichtungen, die in den 1960ern gebaut worden waren, für ihr Nachtlager auserwählt und war danach geblieben. Er versprach eine gewisse Sicherheit.

Seitdem waren sieben Jahre vergangen, in denen sich viel getan hatte. Anfangs hatte sie sich mit kleinen Jobs für die lokale Unterwelt über Wasser gehalten und so die ersten Renovierungen durchführen können. Dann hatte sie die Schieberin Black Mamba kennengelernt, die ihr lukrativere Jobs vermittelt hatte, mit deren Erlös sie endlich das gähnende Loch in der Wand hatte reparieren können, nachdem Nienke 16 dort installiert war. Sie hatte sich auch darum gekümmert, die Schmiergelder an die lokale Polizeibehörde zu senden, damit diese den Haven nicht aushob.

Dabei war das Gebäude von Vorteil für alle Seiten, denn sobald die Schule einigermaßen hergerichtet worden war, hatte Diablo angefangen, Straßenkinder einzusammeln und ihnen im Haven ein Asyl zu bieten. Für sie war das Therapie; sie hatte in ihren ersten achtzehn Lebensjahren genug Scheiße erlebt, dass es für zwei Menschenleben reichte.

In der Eingangshalle traf sie auf Sunshine. Das vielleicht sechsjährige Mädchen hatte mitten im Mosaik einer Kompassrose, die den Treppenabsatz zierte, eine Decke ausgebreitet und sich mit ihrem abgeliebten Teddy darauf gelegt. Ihren richtigen Vornamen kannte im Haven niemand; als Diablo sie auf der Straße auflas, konnte sie nur gutturale Laute von sich geben, und ihr Körper war von Jahren der Misshandlung gezeichnet gewesen. Auch jetzt sprach sie selten, und wenn doch, dann merkte man schnell, dass sie es nie so gelernt hatte wie andere Menschen. Aber sie hatte sich deutlich geöffnet, nicht zuletzt dank Dacapos Fürsorge.

„Hey“, machte Diablo und ging neben ihr auf die Knie. Sunshine reagierte nicht und starrte weiter durch den Schacht, den das Treppenhaus bildete, nach oben. Die junge Frau folgte ihrem Blick. „Was gibt‘s denn da oben zu sehen?“

„Ein Haken“, antwortete Sunshine langsam.

„Oh. Ich weiß, welchen du meinst. Der gehört zu dem Mosaik, auf dem du liegst. Früher, als das hier noch eine Schule war, hing dort ein Seil mit einer Kugel dran. Und die Kugel hat hier unten gezeigt, wie spät es ist.“

Sunshine drehte ihr den Kopf zu und runzelte die Stirn.

„Kannst du mir echt glauben.“ Diablo strich ihr durch die verfilzten Haare. „Wenn du nachher zu mir kommst, zeig ich dir Fotos von früher.“

Das Mädchen leckte sich über die Lippen und zog die Nase kraus, was ein sicheres Zeichen war, dass sie einen ihrer seltenen längeren Sätze vorbereitete. Dann fragte sie: „Bauen wir die Uhr auf?“

Diablo lachte, dann antwortete sie: „Wir können ja morgen mal schauen, ob wir das Seil und die Kugel finden.“ Sie richtete sich auf und hielt Sun-shine ihre gesunde, menschliche Hand hin. „Aber jetzt gibt‘s erst mal was zu futtern. Besser wir beeilen uns, sonst schimpft Nikita wieder.“

Das Mädchen ließ sich auf die Füße ziehen und folgte ihr, den Teddy im Arm, in den Korridor, der zur alten Aula führte, die sie zum Speisesaal umfunktioniert hatte. „Die Decke!“, sagte sie.

„Die holen wir gleich. Oder einer der Großen räumt sie weg.“

Im Kunstsaal herrschte bereits reger Betrieb, und der Geruch von würzigem Eintopf hing in der Luft. Die Küche und der Speisesaal waren das Refugium von Nikita, die mit sechzehn Jahren zu den älteren Kindern im Haven gehörte. Dass sie die etwa dreißigköpfige Stammbesetzung der Schule und die gelegentlichen Gäste bekochte, hatte sich mehr durch Zufall ergeben, als sich herausstellte, dass sie erstaunlich gut darin war, die häufig kargen und nicht vollständig zueinander passenden Zutaten zu etwas zu kombinieren, das der Mehrheit der Kinder tatsächlich schmeckte. Ihr Job wurde dadurch vereinfacht, dass die meisten Bewohner durchaus wussten, wie sich echter, bohrender Hunger anfühlte und daher in der Wahl dessen, was sie aßen, nicht wählerisch waren. Sie tat häufig so als sei ihr die Aufgabe eigentlich zuwider, aber das lag lediglich daran, dass sie mit Punkrock aufgewachsen war. Tatsächlich liebte sie, was sie machte. Und dazu gehörte auch, jedem Kind an seinem Geburtstag – tatsächlich bekannt oder wie beispielsweise bei Sunshine willkürlich festgelegt – einen kleinen Kuchen zu backen, ganz gleich wie schlecht es um die Vorräte stand.

Diablo stellte sich mit Sunshine in die Reihe, und als Nikita ihr die Schale mit Eintopf reichte, sagte sie leise: „Um neun Hausversammlung. Sag den anderen Großen Bescheid.“ Sobald Nikita genickt hatte, nahm sie noch ein Stück von dem frischen Fladenbrot, das es heute ausnahmsweise gab, griff nach Sunshines Hand und führte sie zu einem der Tische. Erst als sie das Mädchen sicher im Kreis Gleichaltriger wusste (Mobbing wurde im Haven nicht gerne gesehen und zog harte Strafen nach sich), gesellte sie sich zu Black Mamba und Dacapo an den Tisch der Erwachsenen.

„Gibt‘s was neues vom Herren der Unterwelt?“, fragte die Schieberin und deutete mit dem Daumen in die ungefähre Richtung des Maschinenraums.

„Zwei Wochen“, wiederholte Diablo, was Allen ihr gesagt hatte, „dann sind wir trockener als die Sahara.“

„Kaum zu glauben dass Nienke 16 schon wieder zweihundert Hektoliter verbraucht hat“, sagte Black Mamba.

„Und ich habe keine Reserven, den Tank jetzt sofort auffüllen zu lassen, zumal die Preise mitten im Winter ziemlich nach oben gehen dürften. Da hilft auch nicht, dass Allen sagt, wir sollen endlich auf Solarenergie umstellen. Der Haven kann sich beides nicht leisten.“

„Du könntest unsere Miete erhöhen“, schlug Dacapo vor.

„Danke fürs Angebot“, sagte Diablo und schüttelte den Kopf, „aber ich werd‘s wie üblich nicht machen. Nicht solange du die Kinder und mich im Wesentlichen umsonst behandelst.“ Sie stocherte missmutig in dem Eintopf herum, dann fuhr sie mit einem Blick zu ihrer Schieberin fort: „Ich werde ein paar zusätzliche Jobs erledigen müssen. Wenn du was hast, können wir gleich gerne sofort drüber reden.“

„Nicht aus dem Stegreif“, antwortete Black Mamba, „aber ich schaue, ob ich ein paar Gefallen einlösen kann.“

„Danke. Weiß ich zu schätzen. Ich habe außerdem eine Hausversammlung mit den Großen um Einundzwanzig-hundert angesetzt. Wäre gut, wenn ihr dabei seid. Allen kommt auch, hoffe ich.“

„Kein Ding.“ Black Mamba legte ihre Hand auf Diablos metallenen Unterarm. „Und lass dir das mit der Miete nochmal durch den Kopf gehen. Wenn hier im Haven die Lichter ausgehen, hilft das niemandem. Auch Dacapo und mir nicht.“

„Hast ja recht. Ich denke drüber nach.“