Briefe an Minako (6)

Tokyo, den 13. März 2012

Liebe Minako,

bitte entschuldige, dass ich gestern keine Zeit gefunden habe, dir einen Brief nach Hause zu senden. Der gestrige Tag war sehr anstrengend, und Herrin muss sich etwas überanstrengt haben, denn sie klage den ganzen Abend über Kopfschmerzen und Unwohlsein und schlief in der Nacht sehr unruhig. Der heutige Tag war dann angefüllt mit einer letzten Shopping-Tour, von der ich dir allerdings keine Fotos zeigen kann. Ich bin mir sicher, dass dich die immer gleichen Straßenzüge in Ginza, Akihabara und Shinjuku ohnehin langsam langweilen.

Vom gestrigen Tag jedoch will ich dir gerne berichten. Auch wenn wir vor zwei Tagen den Fujisan vom Riesenrad aus sehen konnten, so sind wir dennoch nicht dorthin gefahren. Zum einen liegt der Berg gute 200 Kilometer von Tokyo entfernt und ist damit in realistischer Zeit nur mit dem Schnellzug oder dem Auto zu erreichen, zum anderen darf man auf dem Berg normalerweise nicht wandern, da er für den Publikumsverkehr gesperrt ist.

Stattdessen sind wir in aller Früh mit der Chuo Line nach Mitake aufgebrochen, um rund um den Mitakesan zu wandern.

Um diese Uhrzeit ist in Daimon immer viel Betrieb – hier der Blick von der Bahnstation Hamamatsucho in Richtung Tokyo Tower und Zojoji Shrine.

Zu bestimmten Zeiten sind komplette Waggons auf der Chuo Line für Frauen reserviert, weil es immer wieder zu Belästigungen kam.

Die Fahrt nach Mitake dauert gut und gerne anderthalb bis zwei Stunden, und man fährt tunlichst nicht in der Rush Hour, damit man nicht die ganze Zeit stehen muss. Über die gesamte Strecke hinweg gibt es nur sehr wenige Punkte, wo die Region um die Bahnlinie nicht besiedelt ist, und das Land ist unglaublich flach. Das letzte Stück fährt die Chuo Line nicht mit 11 Waggons, sondern „nur“ mit vier Wagen.

Von der gewaltigen Tokyo Station mit ihren beinahe 30 Gleisen bleibt in Mitake nur noch eine eingleisige Strecke übrig.

Mitake selber ist eine winzige Siedlung am Fuße des Mitakesan. Der Berg ist ungefähr 930 Meter hoch, und auf seiner Spitze gibt es einen Schrein, eine noch viel winzigere Ansammlung von Häusern, einen Steingarten, mehrere Wasserfall-Kaskaden und sehr viel Nichts.

Die Landschaft ist traumhaft. An der Palme siehst du, dass wir hier ungefähr auf der Höhe von Italien oder Spanien sind. Barbara-sama würde es hier sicher gut gefallen.

Eine Standseilbahn überbrückt den steilsten Streckenabschnitt, aber von der Mitake Station bis zur Talstation dieser Seilbahn sind es etwa zwei Kilometer. Für Japaner und Touristen (derer es scheinbar nicht so viele gibt) verkehrt zwischen diesen Stationen ein Bus. Herrin und ihr Begleiter sind die Strecke aber natürlich zu Fuß gegangen und wurden dafür mit wunderschönen Landschaften belohnt.

Der Fluss unter dieser Brücke führt vom Staudamm zu einem Wasserkraftwerk.

Der ruhigere Wanderweg führt über diese Brücke – der Bus muss natürlich der Hauptstraße folgen.

Große Teile des Weges führen an der Straße entlang – woran man sieht, dass es nicht viele Deppen gibt, die diesen Weg zu Fuß bewältigen.

Abseits der Straße gibt es aber immer wieder schöne, ruhige Nischen zum Durchatmen, denn die Straße hat hier eine Steigung von 15%.

Der Fluss ist ein ständiger Begleiter den Berg hinauf. Er verläuft beiderseits der Straße, aber es gibt auch trocken gefallene Zuflüsse.

Nach ungefähr zwei Stunden Kletterei wie die Gemsen erreichten wir die Bergstation. Die Standseilbahn braucht ungefähr sechs Minuten für die Fahrt. Es gibt zwei Wagen, die über ein Seil verbunden sind. Fährt der eine hinauf, muss der andere herunter fahren. Darum ist die Strecke in der Mitte zweigleisig, sodass die Wagen aneinander vorbei können.

Ganz schön steil. Hoffentlich hält das Seil!

Der Ausblick entschädigt für jede Mühen. Bei diesem Wetter kann man in der Ferne sogar die Wolkenkratzer von Tokyo erkennen!

Ein Torii kündet davon, dass wir uns wieder einem Schrein nähern.

Die Hänge sind bewaldet, und von der Mitake Station aus kann man sehen, dass hier Holzschlag betrieben wird.

Dieses alte Haus steht auf dem Weg zum Gipfel am Wegesrand.

Entlang dem Weg zum Gipfel hat die Touristik-Behörde diese hübschen, laminierten Nachschlagewerke aufgestellt, in denen man die Vögel der Region nachschlagen kann.

Vielleicht 20 Meter unterhalb des Gipfels gibt es eine winzige Siedlung mit einer klitzekleinen Einkaufspassage – sofern die vier Geschäfte diesen Namen überhaupt verdienen. Diese Siedlung ist auch der Grund, wieso alle Wege asphaltiert sind: Nur so kommen die Lastwagen und Motorroller den Berg hinauf und nur so lässt sich der Schnee, der hier immer noch liegt, problemlos räumen.

Direkt hinter der Siedlung liegt der Zugang zum Schrein mit dem Reinigungsbrunnen und dem Torii.

Ja, hier oben, auf 900 Metern Höhe gibt es noch Schnee! Dieser Schneeball hier ist für Herrin reserviert, damit sie nicht noch mehr Geld ausgibt.

Der Schnee war dann letztendlich auch der Grund, wieso wir nicht zum Steingarten und zu den Wasserfällen gelangen konnten. Hier sind die Wege nicht geräumt, und über einer dünnen Schlammschicht machte sich eine tückische Schicht aus Schnee und Eis breit. Es wäre einfach zu gefährlich gewesen, hier oben weiter zu gehen und sich möglicherweise fernab jeder Zivilisation zu verletzen!

Liebe Minako, ich muss an dieser Stelle leider unterbrechen – Japan wird gerade von einem Erdbeben getroffen! Für die nördlichen Küstengebiete wurde eine Tsunami-Warnung ausgerufen. Wir beobachten die Situation im Fernsehen; es scheint sich hier im Süden aber nur um einen kleinen Rumpler mit Mag 3 gehandelt zu haben. Ich halte dich auf jeden Fall auf dem Laufenden, ich denke aber, dass die Nacht ruhig bleibt und dass wir morgen früh wie vorgesehen in Narita starten werden. Ich freue mich schon auf daheim.

In Liebe
Umeko


Nachtrag, 16. März: Es gab an dem Abend zwei Erdbeben, eines mit Mag 6.4 vor Hokkaido und anschließender Tsunami-Warnung, eines mit Mag 6.1 knapp vor der Tokyoter Bucht. Im Hotel kam von letzterem noch etwa Mag 3 an; wir wurden an dem Abend also wirklich ein wenig durchgeschüttelt. Größere Schäden oder gar Feuer gab es aber glücklicherweise nicht, sodass schon kurz danach die Infrastruktur wieder lief. Die Nachbeben in der Nacht mit Mag 4 haben wir dann auch gar nicht mehr gespürt und sind am Folgetag problemlos in Narita gestartet.

Briefe an Minako (5)

Tokyo, den 12. März 2012

Minako! Herrin ist vollkommen übergeschnappt! Du glaubst nicht, was sie heute umgetrieben hat! Die Göttin stehe uns bei! Sie… Nein, halt.

Bitte entschuldige, dass ich für einen Augenblick mein Decorum vergessen habe. Gib mir bitte einige Augenblicke, um durchzuatmen, und ich werde dir der Reihe nach berichten, was heute alles vorgefallen ist.

Unser Tag begann mit strahlendem Sonnenschein, und bis zur Dämmerung am Abend sollte uns klarer, blauer Himmel bei unseren kurzen Ausflügen begleiten. Aus diesem Grunde führte uns unsere erste Fahrt zunächst mit der Yamanote zur Tokyo Station und von dort weiter mit der Keiyo Line bis Kasai-rinkaikoen. Hier gibt es direkt an der Bucht einen kleinen Park namens Kansai Rinkai Park, den man in den 60ern angelegt hat, um die letzten Reste unberührter Küste in der Bucht zu erhalten.

Auf dem Bild ist es nicht zu sehen, aber es war so klar, dass wir von der Aussichtsplattform im Park die Gebirgslinie mit dem Fuji-san sehen konnten.

Wilde Katzen leben in dem Park, der mit kleinen Sportanlagen und einem Thermalbad für die Bevölkerung des nahen Stadtteils aufwartet. Am Strand selber fanden Bauarbeiten statt, um die Fahrrinnen vor dem Versanden zu schützen. Auch hier sind große Teile des Landes künstlich mithilfe von gomi angelegt worden.

Außerdem gibt es ein 111 Meter durchmessendes Riesenrad, das bei dieser Witterung einen großartigen Überblick über das Land bietet.

Die Station der JR East liegt zwischen den Fahrspuren des Express Highways und zwischen Kansai und dem Park.

Folgt man der Bahnlinie mit dem Blick nach Westen, sieht man, dass die Stadt keine zwei Kilometer entfernt ist.

Japaner lieben das Golfspielen. In Tokyo gibt es aber nur Platz für diese Anlagen, in denen viele Golfer gleichzeitig ihren Abschlag üben können.

Im Osten liegt das Meeresaquarium und dahinter, nahe Maihama, das Tokyo Disney Resort. Vom Bahnhof aus kann man die riesigen Hotelkomplexe und das Schloss im Magical Kingdom erkennen.

Über diese Brücke verkehrt die Keiyo Line und verbindet Kasai mit der Innenstadt.

Sobald der Boden uns wieder hatte, setzten wir unseren Fußweg durch den Park fort und kamen schließlich, nach zwei Stunden, wieder an der Bahnstation an. Nach einer kurzen Stärkung aus den unzähligen Automaten, die in Tokyo wirklich an jeder Straßenecke zu finden sind, ging es zurück nach Akihabara, um den zweiten großen Shopping-Tag zu beginnen. Dem schönen Wetter angemessen, herrschte in den Straßen von Electronic Town geschäftiges Treiben, und neben den Anpreisern der Maiden Cafés trieben sich auch vereinzelt Gothic Lolitas in den Straßen herum.

Leider besteht in den meisten Geschäften in Akihabara Fotografier-Verbot, und so kann ich dich auch nicht mit Bildern aus der Dollfie Dreams-Ausstellung versorgen, die wir in einem gut versteckten Ladenlokal entdeckten. Leider dienten die Räume tatsächlich nur der Ausstellung, und es gab nur einige wenige Ersatzteile und Kleidungsstücke. Mehr Zeit vorausgesetzt, hätte Herrin sicher eine Volks SD oder MSD vorbestellen können – aber das setzt nun einmal eine gewisse finanzielle Bonität voraus.

Immerhin jedoch habe ich auf Herrins Kamera noch drei Detailaufnahmen von den Gesichtern der lebensgroßen Göttinnen-Statuen gefunden. Vielleicht tröstet dich das ja ein wenig darüber hinweg, keine Dollfies zu sehen.

Nachdem Herrin und ihr Begleiter eine locker fünfstellige Summe in den Geschäften gelassen und auch eine winzige Fetishcosplay-Abteilung in einem siebenstöckigen Erotik-Geschäft voller Hentai, Sexspielzeug, Magazinen und Unterwäsche gefunden hatten, ging es mit dem Zug über Asakusa-bashi noch ein weiteres Mal nach Asakusa.

Von Asakusa kann man den neu errichteten Tokyo Tree Tower sehen, der Tokyo Tower in den Schatten stellen soll…

…sowie den „goldenen Scheißhaufen“ auf dem Gebäude der Asahi Brauerei, der eigentlich eine Flamme oder ein Wassertropfen sein soll.

Diesmal besuchten Herrin und ihr Begleiter den Bazar, der zum Tempel führt, sowie die Einkaufsstraßen, um noch einige Andenken für Freunde zu finden. Asakusa ist im Vergleich zu den Kernbezirken regelrecht ruhig und klein und viele der Geschäfte werden von sehr alten, lange eingesessenen Japanern geführt. Früher war Asakusa ein bedeutendes Geiko-Viertel, und noch heute gibt es eine geringe Anzahl Geiko, die im Viertel aktiv sind. Leider war uns das Glück nicht hold, Mitglieder dieses sehr ehrenwerten Berufsstandes zu Gesicht zu bekommen.

An diesem Punkt hatten Herrin und ihr Begleiter mehrere Kilogramm an Andenken eingekauft und geschultert, und so beschlossen sie, zunächst mit der Asakusa Line bis Daimon zu fahren und die eingekauften Schätze ins Hotelzimmer zu bringen. Danach machten sie sich noch einmal auf die Jagd, um für ein kleines Abendessen zu sorgen, denn der Einkaufsbummel hatte sie redlich hungrig gemacht.

Da es bereits dämmerte, war Tokyo Tower hell erleuchtet und erstrahlte abwechseln in orangefarbenen und weißen Streifen.

Liebste Minako-chan, vermutlich brennst du nun bereits darauf, zu erfahren, welche Heldentat von Herrin mich dermaßen in Aufregung versetzen konnte. Nun, ich empfehle, dass du Marie und Suleika dazu anhältst, den Schreibtisch von Herrin etwas umzuräumen, denn wenn wir am Donnerstag zurückkehren, dann werden wir etwas Platz brauchen.

Ja, das ist, wonach es aussieht. Eine weitere Tüte mit Zubehör wartet ebenfalls darauf, ausgepackt und verwendet zu werden.

Liebe Minako-chan, ich werde an dieser Stelle schließen. Ich muss dich noch ein letztes Mal darum bitten, uns die Daumen zu drücken, dass das Wetter so angenehm bleibt wie es gegenwärtig ist. Morgen wollen wir zum Mitake-san fahren und uns den Berg und die Gegend darum herum ansehen. Ich bin sicher, dass es dort wieder einiges zu entdecken gibt.

Schlaf gut, geliebte Minako-chan.
Deine Umeko

Briefe an Minako (4)

Tokyo, den 11. März 2012

Konban wa, Minako-chan! O-genki desu ka?

Heute war ein bedeutender Tag für Japan, denn heute vor einem Jahr veränderten der Tsunami und die Reaktor-Katastrophe von Fukushima die Leben vieler Millionen Japaner. Ein Gedenken an die Opfer war daher auch überall spürbar, und im Fernsehen gibt es schon den ganzen Tag Sondersendungen – aber du musst nicht glauben, dass das Herz dieser riesigen Metropole deswegen auch nur ein wenig langsamer schlagen würde!

Für Herrin und mich stand heute eine weitere Tour auf dem Plan, die uns bis zum Pazifik führen würde. Mit der Yamanote ging es zuerst bis Shinagawa, und von dort dann mit der Yokosuka Rapid Line über Yokohama bis nach Ofuna. Eines ist gewiss, liebe Minako: Japan hat ein Platzproblem. Nirgends ist dieser Umstand so sichtbar wie in den „Vororten“, die sich von Nishi-Oi bis weit hinter Yokohama spannen.

Über Ofuna thront eine aus weißem Beton bestehende Statue der Göttin Kuan Yin, die zum Ofuna Kannon Temple gehört.

Nach einer kurzen Unterbrechung brachte uns die Shonan Monorail weiter nach Enoshima an der Pazifikküste.

Auch das gehört zu Japan: Fahren mit der Monorail. Der öffentliche Nahverkehr nutzt hier jeden freien Platz, sowohl in die Tiefe als auch in den Himmel hinauf.

Densha Umeko meldet sich in Enoshima Terminal zum Dienst!

Neue Freunde an den Schranken der Enoshima Station.

In Enoshima hieß es ein letztes Mal, umzusteigen, dann brachten uns die Triebwagen der Enoden Line bis nach Kamakura-kokomae und damit bis hinan an den Pazifik. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich auch die letzten Wolken verzogen, und die Sonne brachte den Ozean zum Glitzern, während die Brandung auf den Strand auflief. Die ideale Gelegenheit also für Herrin, ihre innere Meerjungfrau heraus zu lassen.

Das kann schon was, das Meer.

Grüße vom Pazifik in die Heimat! Spürst du schon das Fernweh, liebe Minako?

Die Enoden Line brachte uns nach dieser kurzen Unterbrechung an der Küste entlang weiter bis Hase, wo wir die Fahrt erneut unterbrachen. Mittlerweile waren die Züge gut gefüllt; viele Japaner und auch Ausländer hatten sich auf den Weg gemacht, entweder um in Kamakura einkaufen zu gehen oder sich die vielen Tempel und Schreine entlang der Pazifikküste anzusehen. Unser erster Stopp war der Hase Temple, eine wunderschöne Anlage, die sich an die Berghänge schmiegt.

Dieses Tor führt auf das Gelände des Hase Temple.

Das Haupthaus mit dem Heiligtum überragt die kleine Stadt, wird aber selber von dem dahinter liegenden Gipfel überragt.

Der Hase Temple ist eine große Anlage mit wunderschönen Gärten, die zum Entspannen und In Sich Gehen einladen. Es gibt viele Möglichkeiten zur Inneren Einkehr, mehrere Schreine, eine Bücherei, eine Höhle mit Statuen für die Götter und einen Friedhof mit Totenstatuen.

In den Weihern schwimmen natürlich Koi. Da die aber keine kleinen Puppen essen sollen, musste Herrin mich festhalten.

Lange dauert es sicher nicht mehr bis Hanabi. Im warmen Pazifikklima blühen in Hase bereits die Kirschbäume.

Endlich kann ich für die Opfer der Katastrophe vor einem Jahr und ihre Angehörigen beten.

Ebenfalls oberhalb von Hase befindet sich der Daibutsu, der aus 121 Tonnen Bronze errichtet wurde. Der Daibutsu war früher Bestandteil einer größeren Tempel-Anlage, die jedoch mehrfach einstürzte und schließlich von einem Tsunami weggefegt wurde. Wenn du dir vor Augen hältst, dass die Statue gute zwei Kilometer ins Landesinnere und vielleicht 100 Meter über dem Meeresspiegel liegt, kannst du dir sicher vorstellen, welche Macht solch ein Tsunami entwickeln kann.

Dem Daibutsu konnten die Zeiten nicht viel anhaben – allerdings wurde er mittlerweile mit einem Korsett verstärkt.

Ein letztes Mal benutzten wir die Enoden Line, um die wenigen Haltestellen bis Kamakura zu fahren. Hier befindet sich neben einer Einkaufszeile (mit einem Ghibli Store, Geheimtipp für die Nerds) auch der Tsurugaoka Hachiman-gu Shrine. Ursprünglich gehörte dieser gar nicht hier her; als der ihm übergeordnete Clan jedoch in diese Region umzog, nahmen sie den Shrine kurzerhand mit.

Farbe und Architektur sind wirklich eine Augenweide und atemberaubend schön.

Vom Tempel-Hof führt eine lange Treppe zum eigentlichen Heiligtum hinauf.

Der Shrine ist heute eine Verschmelzung von modernem Tourismus-Ziel, in der die Miko die Gäste bewirten, und traditionellem Heiligtum des Shintoismus. Als wir auf dem Gelände des Shrines unterwegs waren, fand in einem Pavillon im Vorhof eine Shinto-Hochzeit statt, und die Touristen, die den Ort besuchten, konnten ungehindert bei der Zeremonie zusehen. Fotos hat Herrin davon aus Rücksicht natürlich keine gemacht; die jungen Eheleute saßen bereits hinreichend auf dem Präsentierteller.

Nach diesem anstrengenden Ausflug brachte uns die Yokosuka Rapid Line ins Herz von Tokyo zurück. Wir verließen den Zug an der Tokyo Station und liefen von dort zum Palast des Tenno, der im Zentrum der Metropole inmitten eines weitläufigen Areals voller Bäume gelegen ist.

Für den Publikumsverkehr ist der Palast allerdings gesperrt, sodass uns nur ein Blick aus der Ferne gewährt wird…

…und ein Spaziergang durch den öffentlichen Teil des Parkes am Fuß der Skyline.

Die Tokyo Station selber konnten wir heute nicht mehr besuchen, dabei handelt es sich dabei um einen schönen Bau, der von einem Holländer errichtet wurde. Man sieht ihm den europäischen Einfluss deutlich an, und überall im Bezirk finden sich in der Architektur Hinweise auf Einflussnahme der Europäer.

Dieses Haus schmiegt sich nahe der Tokyo Station in eine Nische zwischen modernen Wolkenkratzern.

Mittlerweile hatte sich der Himmel wieder zugezogen, und es wurde auch zunehmend kühler. Trotzdem machten Herrin und ihr Begleiter auf dem Rückweg ins Hotel einen Zwischenstopp in Ginza. Wusstest du, dass in Tokyo die Hauptstraßen der großen Shopping-Bezirke wie zum Beispiel Akihabara oder Ginza an Sonntagen für den Autoverkehr gesperrt und in Fußgängerzonen verwandelt werden, um all die Japaner aufnehmen zu können?

Kein Auto weit und breit – aber das heißt nicht, dass es ruhig wäre!

Nun gut, liebste Minako-chan. Es war ein anstrengender Tag, den Herrin und ich weitestgehend zu Fuß bewältigt haben. Wir sind erschöpft, und wir können noch lange nicht zur Ruhe kommen. Für morgen steht weiteres Shopping in Akihabara an. Dann wird Herrin sicher den Azone Store plündern. Ich kann dir nicht versprechen, dass es dann einen Bericht von mir gibt; Shopping ist traditionell eher langweilig aus der Ferne anzusehen. Wenn du jedoch willst, werde ich Herrin bitten, die Kamera und mich einzustecken.

Sayounara und schlafe gut!
Umeko

Briefe an Minako (3)

Tokyo, den 10. März 2012

Liebe Minako!

Stell dir vor, was über Nacht aus dem furchtbaren Eisregen geworden ist, der uns gestern den ganzen Tag gequält hat. Es hat geschneit! Und als Herrin zum Frühstück ging, taumelten immer noch dicke Flocken vom mit aschegrauen Wolken bedeckten Himmel. Natürlich blieb der Schnee nicht liegen, und am Boden war es einfach nur nass, zusätzlich zum ohnehin schneidenden Wind. Aber dennoch ist Schnee um Längen besser als Regen.

Heute war bei Herrin irgendwie der Wurm drin. Zusätzlich zu den schmerzenden Füßen und der Blase am Fuß wurde sie den gesamten Tag über von leichtem Unwohlsein geplagt. Wir hatten uns Ueno ins Programm geschrieben, um dort das National Museum of Nature and Science zu besuchen. Normalerweise kostet die Fahrt mit der Yamanote von Hamamatsucho nach Ueno 160 Yen und dauert sieben Stationen. Man kann allerdings auch – wie die eisenbahn-verrückten Menschlinge, an die ich gekettet bin – eine Weltreise durch Tokyo machen, indem man zunächst drei Stationen mit der Yamanote bis Tokyo fährt, dort in die Chuo-Linie umsteigt und in Shinjuku ein letztes Mal wechselt, um mit der Yamanote bis Ueno zu fahren. Und all das zu einem Preis, für den man in Deutschland nicht einmal eine Kurzstrecke bekäme.

Das Museum selber wirkte von außen unscheinbar, von innen zeigte es jedoch, was wirklich darin steckt.

Japanische Architektur wie in den schönsten europäischen Häusern.

Der vordere Bereich des Museums beherbergt neben einem umfangreich ausgestatteten Museumsshop, in dem man sogar Geräte für chemische Experimente, Astronautennahrung und Indikatorpapiere bekommt, mehrere Dauer-Ausstellungen, die sich insbesondere mit Japan beschäftigen: Geologische Entstehung, Entwicklung des japanischen Volks, Flora und Fauna der japanischen Inseln. Der Löwenanteil der Ausstellung befand sich jedoch in einem hinter dem Haupthaus gelegenen Anbau. Auf sechs Stockwerken führte das Museum hier von den Anfängen des Universums, den Grundbausteinen allen Lebens und den physikalischen Grundgrößen über die Evolution bis hin zu den modernen Errungenschaften der Menschheit.

Zum Glück basiert seine Wahrnehmung ausschließlich auf Bewegung. Und zum Glück ist er ziemlich tot.

Und auch der Rafflesia will man eigentlich nicht wirklich begegnen. Das sind „kleine“ Stinker! (Und über einen halben Meter groß.)

Kleiner Jagdausflug in der biologischen Abteilung. Psst! Verscheuch das Wild nicht!

Sternzeichen Büffel oder: Auf Tuchfüllung mit dem inneren Hornochsen.

Krieg. Krieg bleibt immer gleich.

Mister Zulu, Energie!

Diese japanischen Verwandten von uns haben einen versteckten Mechanismus unter den Kleidern, der Kopf, Hände und Füße bewegt. Gruselig!

Das Museum war sehr anstrengend, und für eine Weile haderte Herrin mit sich, ob sie sich im Museums-Shop mit Glasschliffgeräten und fingergliedkleinen Mikroskopen eindecken sollte. Da jedoch Samstag ist, füllte sich das Museum langsam mit vielen Menschen und kleinen Kindern, und es wurde zunehmend wärmer, sodass Herrin und ihr Begleiter schnell das Weite suchten.

Nach einem Bummel durch den Rand von Ueno und einem aus einem der vielen Automaten gezogenen heißen Kakao ging es dann mit der Yamanote zurück nach Tokyo. Hier sollte ich dir vielleicht kurz erklären, dass es nicht nur den Großbezirk Tokyo, also die Stadt selber, gibt, sondern auch eine Station namens Tokyo mitten im Herzen der Stadt. Hier treffen sich viele der S-Bahnen und viele U-Bahn-Linien, und natürlich die Shinkansen.

Kein Wunder, dass Herrin so für Eisenbahnen schwärmt – hier in Tokyo kommt der Reigen der Züge einem riesigen Ballett aus Edelstahl gleich!

Unter Tokyo Station erstreckt sich auf drei Ebenen eine gewaltige Einkaufspassage, die viele große Einkaufszentren in Deutschland mit Leichtigkeit in den Schatten stellt. Herrin und ihr Freund gingen wieder auf die Jagd nach Mitbringseln für ihre Freunde, außerdem wurde es langsam Zeit für einen Imbiss. Leider dachte der Rest von Tokyo wohl ziemlich ähnlich, und so war es in der Passage stickig, heiß und laut. All das trug nicht gerade zu Herrins Wohlbefinden bei, und als sie an einem der zahlreichen Ausgänge beinahe das Bewusstsein verloren hätte, beschlossen die beiden Menschlinge klugerweise, Shopping Shopping sein zu lassen und ins Hotel zurück zu kehren, um die Wunden zu lecken.

Nach einer kurzen Erholungsphase machten die Menschlinge sich dann aber doch noch einmal auf den Weg, um in den vielen Gassen nach einem Lokal mit japanischer Küche zu suchen. Herrin hängt der ständige Fraß aus dem Kombini an der Ecke zum Hals raus, und sie droht mittlerweile wirklich mit Hungerstreik, musst du wissen! Und so kehrten die beiden schließlich (ohne mich) in einem Ramen-Restaurant unter dem World Trade Center Building von Minato ein. Herrins erste echte japanische Mahlzeit, nach drei Tagen! Ich erzähle dir später, wieso das so lange dauerte…

Der Gang zum Family Mart stand danach aber trotzdem noch an – schließlich will Herrin des Nachts ja nicht nur vom complimentary coffee leben, den das Hotel zur Verfügung stellt.

Welche Drogen dürfen es für dich sein, geliebte Minako? Pocky Erdbeere, Kitkat Green Tea oder Peach Flavoured Water?

Liebe Minako, damit schließe ich diesen Brief für heute. Bitte drücke uns die Daumen, dass das Wetter morgen mitspielt, denn dann wollen wir nach Kamagura und bis zum Pazifik fahren. Wenn es nicht allzu regnerisch und kühl ist, bieten sich dort sicher viele Möglichkeiten für Fotografien. Außerdem gibt es dort viele Tempel, um den Opfern der Tsunami-Katastrophe im letzten Jahr zu gedenken, deren Jahrestag Japan morgen begeht.

Ich wünsche dir eine gute Nacht und schreibe dir morgen wieder.

In Liebe
Umeko

Briefe an Minako (2)

Tokyo, den 9. März 2012

Konban wa, Minako!

So einen Tag wie heute, den wünsche ich niemandem. Mein Aufenthalt zusammen mit Herrin in Tokyo hat heute durch eisigen Dauerregen einen heftigen Dämpfer erlitten. Dennoch will ich dir gerne von meinen heutigen Erlebnissen berichten – und davon, wie ich endlich zu einem neuen, sauberen Paar Hände kam.

Dass es von unserer Residenz bis zum Tokyo Tower nur ein Katzensprung ist, berichtete ich dir schon gestern. Im Schatten des Tokyo Towers liegt der Zojoji Tempel mit dem Friedhof für gestorbene Kinder. Da wir ohnehin auf den Tokyo Tower fahren wollten, aber noch etwas früh dran waren, bat ich Herrin darum, im Tempel meinen Respekt zeigen und für die verstorbenen Kinder beten zu dürfen. Natürlich erfüllte sie mir den Wunsch.

Der Eingang zum Gelände des Zojoji-Tempels. Das aus Beton rekonstruierte Toori liegt einige hundert Meter vorher mitten in Minato-ku.

Ein Detail am Eingangsportal.

Das Heiligtum des Zojoji Tempels, rechts im Hintergrund ist der Tokyo Tower zu sehen. Von hier wird an Silvester der Neujahres-Countdown aufgenommen und übertragen.

Besonders lagen mir natürlich die Seelen der Kinder am Herzen. Du musst wissen, der Glauben hier ist, dass die Reihenfolge beim Sterben einzuhalten ist: Zuerst sterben die Großeltern, dann die Eltern und schließlich die Kinder. Am Fluss der Unterwelt werden die Seelen der Kinder von ihren Eltern in Empfang genommen, aber wenn sie vorher sterben, dann ist dort niemand, der sie abholen kann.

Darum stellen Japaner diese kleinen Figuren als Schutzgeister für die Seelen ihrer verlorenen Kinder auf, damit diese sicher ins Jenseits gelangen. Das Windrad ist ein symbolisches Spielzeug, und die rote Mütze soll vor der Kälte des Winters schützen.

Im Anschluss an den Besuch im Zojoji Tempel ging es dann auf den Tokyo Tower, genau genommen auf die untere Aussichtsplattform in 150 Metern Höhe. Viel war allerdings nicht zu sehen; Tokyos Skyline versank in den dichten Wolken, die einen kleinen Vorgeschmack auf das boten, was uns heute noch widerfahren würde.

Ganz schön hoch!

Herrin fiel als Gaijin natürlich sofort auf, und sie wurde auch prompt von einem älteren Herrn hier aus dem Viertel angesprochen. Sie unterhielt sich eine Weile auf Englisch mit ihm, bis er sich schließlich verabschiedete. Reisen verbindet eben – und meine Heimat ist ein offenes Land.

Vom Tokyo Tower fuhren wir mit der Yamanote Linie bis ins Mekka aller Otaku weltweit: Akihabara!

Ja, es ist wirklich so bunt, wie sie es sich vorstellen.

Vier Figuren und ein Shop, die Akihabara auf den Radar westlicher Otaku brachten. Gemma!

In einem Laden kam auch Herrin endlich auf ihre Kosten. Nach dem Fiasko im Kato „Tempel“ fand sie in Akihabara einen Laden, in dem eine ganze Etage Kleidung und Zubehör für uns gewidmet war. Außerdem gab es hier auch Figuren wie diese drei Göttinnen…

…und ja: Sie sind lebensgroß!

…eine gewaltige Auswahl an Groove-Schönheiten und natürlich: Puppen!

Ahnst du schon was, geliebte Minako?

Akihabara war für Herrin das Wunderland, das sie gesucht hatte. Welche Kleider kaufen? Welche Puppen adoptieren? Welche Schätze anhäufen? Vielleicht doch einen japanischen Eisenbahnzug gebraucht erstehen? Außerdem hielt sie immerzu die Augen offen nach Mitbringseln für ihre Freunde. Allzu fündig wurde sie allerdings nicht – nur für mich gab es aus dem offiziellen Azone-Laden ein neues Paar Hände.

Im Anschluss daran ging es in den Norden nach Asakusa und zum Asakusa Kannon Temple. Der Regen war inzwischen richtig furchtbar geworden, und so spannten Japaner wie Touristen – die es an diesem Ort wirklich zahlreich gibt – Schirme auf und sorgten dafür, dass die ohnehin engen Gassen auf dem Weg vom Torii zum Schrein zusätzlich verstopft wurden.

Das äußerste Portal des Asakusa Kannon Tempels. Dahinter liegt ein langgezogener Markt bis zum inneren Portal.

Das Heiligtum, von Touristen wie Japanern gleichermaßen überlaufen. Diesmal war Herrin auch im Heiligtum und hat es sich angesehen – fotografiert hat sie aus Respekt aber natürlich nicht.

Für die fünfstöckige Pagode ist der Asakusa Kannon Tempel berühmt.

Als wir mit dem Tempel fertig waren und völlig durchnässt an der Asakusa Station ankamen, war es gerade einmal 15 Uhr Ortszeit. Eigentlich hatten wir das Tagesprogramm abgeschlossen, aber es war noch viel zu früh, um ins Hotel zurück zu kehren. Leider lud das Wetter auch nicht wirklich zum Bummeln ein, zumal Herrin sich eine hässliche Blase gelaufen hatte. Also fuhren wir mit der Yurikamome-Hochbahn über die Rainbow Bridge bis Toyosu.

Wie du siehst: Es war ein furchtbares Schmuddelwetter. Aus dem Zug war es nicht möglich, Fotos zu machen.

Kaum zu glauben, dass Shijo-Mae und Shin-Toyosu künstlich aufgeschüttet wurden, um mehr Land zu haben.

Dieses Gebäude sollte jeder Otaku sofort erkennen: Die umgedrehten Pyramiden beherbergen das Tokyo International Exhibition Center, die Heimat der Comicet und des Tokyo International Anime Market.

Nach diesem anstrengenden Tag ließen Herrin und ihre Reisebegleitung sich vom Reigen des abendlichen Berufsverkehrs durch den Regen ins Hotel zurück treiben. Unser Abendessen bestand aus Ramen mit Schweinefleisch; der Regen hatte uns furchtbar hungrig gemacht.

Und für mich gab es zum Abschluss noch ein paar neuer Hände.

Liebe Minako, damit schließe ich für heute diesen Brief ab. Wir wissen noch nicht, was morgen anstehen wird; die weiteren Reisepunkte sind stark von einer Verbesserung des Wetters abhängig. Es zeichnet sich jedoch ab, dass Herrin möglicherweise eine langjährige Bekanntschaft aus Tokyo treffen wird. Und dann ist da noch eine andere Geschichte, die sich gerade ergibt – aber davon erzähle ich dir ein anderes Mal. Immerhin: Herrins Reisebegleitung hat einen Adapter für den Laptop gebastelt. So werde ich dir auch morgen wieder einen Brief schreiben können.

Sayonara
Deine Umeko