Kirsten Boie: »Seeräuber-Moses«

Es war eine wilde, stürmische Gewitternacht, als Moses zu den Seeräubern kam. Die Blitze zuckten nur so am Horizont und dazu rollte der Donner über den Himmel mit einem Krachen wie ein rumpeliges Fass: Und alle Landratten, die schon seekrank werden, sobald sie nur die Deckplanken eines Schiffs unter ihren Füßen spüren, sollten jetzt vielleicht nicht weiterlesen und sich stattdessen mit einer Wärmflasche und einer schönen Tasse Kakao gemütlich in ihr kuscheliges Bett legen.

Das Piratenschiff “Wüste Walli” gerät auf der Ostsee in einen schweren Sturm, und die Piraten unter Käptn Klaas werden Zeugen, wie in ihrer Nähe ein Schiff untergeht. In der Hoffnung, dass es sich dabei um ihren Erzfeind Olle Holzbein mit seinem Schiff, der “Süßen Suse”, handelt, kümmern sie sich nicht weiter darum. Als der Sturm dann nachlässt, wird eine Balje mit einem Stoffbündel an die “Wüste Walli” geschwemmt, und obwohl das auf den ersten Blick nur Lüttschiet zu sein scheint, fischen die Piraten die Balje aus dem Wasser und sind enorm überrascht, unter dem Stoff ein Baby zu finden. Man beschließt, das Baby erst einmal an Bord zu behalten, denn vielleicht kann man dafür ja Lösegeld kriegen, und Bruder Marten der Smutje tauft das Kind auf den Namen Moses, in Anlehnung an die Bibelgeschichte. Da gibt es nur ein Problem: Moses ist gar kein Junge, sondern eine lütt Dern! Und Weibsvolk an Bord eines Schiffes, das bringt ganz klar Unglück, das weiß auch der dösigste Pirat! Aber weil da ja (vielleicht) ein fettes Lösegeld zu kriegen ist, beschließen die Piraten, einfach zu vergessen, dass ihre Moses eine kleine Dame ist, und behalten sie an Bord, statt sie über die Reling zurück ins Wasser zu schmeißen. Und so wächst Moses unter ruppigen, struppigen Seeräubern auf und wird mit den Jahren zu einem richtigen Schiffsjungen-Mädchen. Dabei ahnt sie nicht, dass auf sie schon ein großes Abenteuer voller Rätsel und Merkwürdigkeiten wartet, mit neuen Freunden, neuen Feinden und einem Schatz, der alle so reich machen wird wie die Königin von Saba: Der blutrote Blutrubin des Verderbens, auf dem ein furchtbarer Fluch lasten soll!

Dieses Buch ist perfekt. Damit ist eigentlich alles wichtige schon gesagt – trotzdem soll hier wie immer ein etwas detaillierter Blick auf den Seeräuber-Moses erfolgen. Zuerst fällt sicherlich die wundervolle Aufmachung auf: Das Papier ist robust, der Einband stabil, und als Lesezeichen dient ein Stoffbändchen – die scheinen in letzter Zeit glücklicherweise wieder auf dem Vormarsch zu sein! Die fast 320 Seiten wurden von Barbara Scholz liebevoll illustriert; dabei unterstreichen ihre Bilder die Geschichte immer nur, ohne das Geschehen zu dominieren oder Inhalte vorweg zu nehmen. Die Sprache ist herrlich authentisch und gleichzeitig doch simpel genug für Kinder, und Kirsten Boie hat ihren Text mit allerlei Worten aus der Sprache der Seemänner und der Küstenbewohner angereichert. Damit auch Landratten alles verstehen, die üblicherweise ja einen Palstek nicht von einem Anderthalbfachen Rundtörn unterscheiden können, gibt es am Ende des Buches ein ausführliches kleines Lexikon, in dem kindgerecht alle Begriffe von “abbeldwatsch” bis “Zuber” erklärt werden, und wem das immer noch nicht reicht, der findet vorne eine zweiseitige Abbildung einer typischen Ostsee-Kogge, bei der alle wichtigen Teile beschrieben sind. Immer wieder spricht Kirsten Boie ihre Leser auch direkt an, was vor allem beim Vorlesen die Kinder sicher noch mehr an das Buch bindet, und dabei gehört sie meiner Meinung nach zu den ganz ganz wenigen Autoren, bei denen das nicht gekünstelt klingt sondern wirklich zur Atmosphäre beiträgt.

Überhaupt hatte ich während der Lektüre durchweg das Gefühl, dass Kirsten Boie ihre Leser – die Großen wie auch die Kleinen – zu jedem Zeitpunkt ernst nimmt. Dieses Buch ist kein Kinderbuch, das man mal eben zwischendurch lesen und dann wieder vergessen kann. Seeräuber-Moses fordert Konzentration, denn die Sätze sind trotz ihres einfachen Aufbaus lang und voller Informationen. Kirsten Boie weiß, dass Kinder nicht dumm sind und mehr verstehen, als wir Erwachsenen ihnen zutrauen. Sie fordert ihre kleinen Leser bewusst; nicht umsonst tritt sie immer wieder aktiv für die Leseförderung in Deutschland ein. Und noch etwas fällt positiv auf. Obwohl das Buch mit Handlungsfäden nicht geizt, schafft Kirsten Boie es geschickt, all die Geheimnisse in ihrem Buch glaubwürdig aufzuklären, ohne dass die Spannung auch nur eine Minute lang einbricht. Was hat es mit Moses’ Vergangenheit auf sich? Woher kennen sich Käpten Klaas und Olle Holzbein? Welches Geheimnis hat Olles Matrose Hinnerk mit dem Hut? Und was ist wirklich dran an der Geschichte um den Fluch, der auf dem blutroten Blutrubin des Verderbens lastet? All diese Fragen werden am Ende beantwortet, und sogar die ersten Kapitel, die scheinbar nur eine Einleitung in die Geschichte darstellen, werden an späterer Stelle wieder aufgegriffen und geschickt in die Geschichte eingebunden. Kurz: Dieses Buch ist rundum gelungen, und wenn man gewillt ist, sich auf die teilweise arg langen Sätze einzulassen, dann kann man mit dem Kauf vom Seeräuber-Moses nicht viel falsch machen – stattdessen wird man sich einen wahren Piratenschatz nach Hause holen!

Kann man ein Kinderbuch voller Piraten so schreiben, dass auch Mädchen daran ihren Spaß haben? Ich behaupte: Kirsten Boie kann! Schon an der Inhaltsangabe lässt sich sehen, dass sie die typischen Geschlechtergrenzen mit ihrer Moses aufweicht. Die Frage, die Moses stellt, als sie das erste Mal den “feinen Damen” ihrer Zeit – die tatsächlich Dirnen in einer Hafenstadt sind – begegnet, ist durchaus berechtigt, wird aber immer noch viel zu selten gestellt: Was spricht dagegen, gleichzeitig eine Dame und ein Seeräuberkapitän zu sein? (Also – im übertragenen Sinne.) Für Moses zum Glück nicht viel, und so kämpft sie mit ganz viel Witz und Intelligenz und ganz wenig Hauen und Stechen an der Seite ihres Freundes Dohlenhannes gegen den finsteren Olle Holzbein und darum, den blutroten Blutrubin des Verderbens zuerst zu finden. Sie erinnert teilweise wirklich an eine moderne, emanzipierte Variante des Wikingers Wickie. Und an all die Mütter, denen das für ihre Töchter immer noch nicht pink und rüschig genug ist: Es kommt auch eine gewitzte und intelligente Prinzessin vor, die ganz besonders wichtig für die Geschichte ist. Aber mehr wird nicht verraten – das müsst ihr schon selber lesen!

Kirsten Boie: »Seeräuber-Moses« | ISBN 978-3-7891-3180-6 | 320 Seiten | 18,00€ (D)

In guten wie in schlechten Zeiten

Sie hat beschissen geschlafen, als der Wecker in dem schmucklosen Hotelzimmer des Tagungshotels klingelt. Ihre Augen sind rotgeweint. Es war keine schöne Nacht, die hinter ihr liegt.

Nur widerwillig kann sie den Schlaf aus den Gliedern vertreiben. Sie rollt sich aus dem Bett und auf die Beine, tappst barfuß über den kratzigen Teppich bis zum Fenster und zieht die furchtbaren Gardinen mit Fischgrätenmuster zur Seite. Eine frostige Morgensonne blinzelt zwischen lang gestreckten Wolkenschleiern hervor, die einen nahezu makellosen blauen Himmel in azurene Bänder zerschneiden. Die Straße viele Meter unter ihren Füßen ist noch beinahe wie ausgestorben, nur einige Schulkinder hasten aus der Hochhaussiedlung zur Bushaltestelle. Raureif überzieht die Buchsbäume vor dem Hotel mit einer kalt glitzernden Schicht.

Sie streckt die Hand aus, wie um nach den Himmelsstreifen zu greifen, zuckt aber wie elektrisiert zurück, als ihre Finger das eiskalte Glas berühren. Sie fröstelt und legt die Arme um ihren Oberkörper. Kondenswasser hat sich an den schwarz-porösen Gummidichtungen der Scheiben gebildet und perlt zu Boden. Sie zwingt sich, ihren Blick von der trostlosen Vorstadt loszureißen und sich in der winzigen Nasszelle ihres Zimmers für den Tag vorzubereiten.

Ihr Anblick im Spiegel erschreckt sie. Tiefe schwarze Ringe haben sich in der viel zu kurzen Nacht um ihre Augen gebildet, und ihre Haut ist von hektischen roten Flecken übersät. Ihre Haare sind strähnig und in Unordnung, die Lippen spröde und rissig. Sie dreht den Wasserhahn auf und spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht. Wieder fröstelt sie, als die Tropfen auf ihrer Haut zerplatzen und den Kragen ihres Pyjamas durchnässen, bis er an ihren Schlüsselbeinen klebt. Sie putzt sich schnell die Zähne und bindet die wirren Haare zu einem Pferdeschwanz. Dann greift sie sich irgendwelche Kleidungsstücke aus ihrem Koffer: Die gammelige Jeans, ein verwaschenes T-Shirt von irgendeiner Band, die kein Mensch mehr kennt, fadenscheinige Socken. Sie merkt nicht einmal, ob die Sachen zueinander passen; Hauptsache etwas tragen, runter in den Speisesaal, frühstücken, Normalität vortäuschen.

Der Lift braucht Ewigkeiten, um sie die drei Stockwerke in die Tiefe zu tragen. Sie betrachtet sich in den verspiegelten Wänden, ohne sich wahrzunehmen, während sie an ihrer Unterlippe saugt und die Augen schließt. Ihre linke Hand ballt sich zur Faust, sodass die Knöchel weiß hervortreten, und die ungleichmäßig geschnittenen Fingernägel graben sich tief in ihre Handfläche. Erst als die Lifttüren sich im Foyer des Hotels öffnen, öffnet auch sie die Hand wieder. Vier sichelförmige Abdrücke bleiben zurück; sie bemerkt sie nicht einmal.

Im Speisesaal ist noch nicht viel Betrieb, nur die übliche Klientel aus Pensionären und Tagungsteilnehmern. Die Gespräche verwaschen zu einem ständigen Murmeln, einem Hintergrundrauschen, das sie begleitet, während sie einen winzigen Tisch am Fenster auswählt, der Kellnerin ihre Essensmarke gibt und die Frage, ob sie Kaffee wünscht, mit einem teilnahmslosen Nicken beantwortet. Sie steht auf, kaum dass die Bedienung wieder gegangen ist, und nimmt sich Müsli vom Büfett, übergießt es großzügig mit Milch und kehrt an ihren Platz zurück. Der Löffel wandert mechanisch zwischen Schüssel und Mund hin und her, das Müsli verwandelt sich in eine unappetitlich graue Pampe. Sie merkt es nicht, genauso gut könnte sie in diesem Augenblick Tapetenkleister essen. Es ist, als wären ihre Sinneszellen heute nicht mit ihrem Gehirn verbunden. Als würde ein feiner Schleier über ihren Synapsen liegen.

Sie kehrt auf ihr Zimmer zurück, kaum dass sie ihr Frühstück beendet hat, und beginnt damit, sich in der klaustrophobischen Enge der Nasszelle zumindest notdürftig in ein menschliches Wesen zu verwandeln. Sie lässt sich Zeit, das Taxi kommt erst in einer Stunde. Sie nimmt eine Dusche, stellt das Wasser so heiß wie es die mit einer Kindersicherung gegen Verbrühungen ausgestattete Armatur zulässt, und das Wasser hilft zumindest ein bisschen, um die Betäubung in ihrem Körper zu lösen. Sie reibt sich mit den kratzigen Handtüchern trocken, die das Hotel bereit stellt, und schlüpft in ihre Kleidung für den Tag: Weißer Rock, weiße Bluse, weißes Haarband, weiße Schuhe. Weiß, weiß, weiß. Die Farbe soll für Unschuld stehen. Nur dass sie sich nicht sonderlich unschuldig fühlt. Zu guter Letzt streift sie das silberne Armband mit dem kleinen Lapislazuli über, das ihr eine Freundin geborgt hat. Instinktiv sucht sie ihren Ring, bis ihr einfällt, dass der nicht bei ihr ist.

Die Rezeption ruft an, um mitzuteilen, dass das Taxi da ist. Sie bestätigt, streift ihren schwarzen Mantel über und verschließt die Tür zu ihrem Zimmer. Die Liftfahrt geht diesmal viel zu schnell. Sie gibt den Schlüssel an der Rezeption ab, und das junge Mädchen, das Dienst hat, lächelt ihr aufmunternd zu. Der Taxifahrer ist ein rundlicher Typ, der ihr den Wagenschlag öffnet und die Tür sanft ins Schloss drückt, als sie eingestiegen ist und den Gurt angelegt hat. Er fragt nach dem Ziel, und sie nennt ihm die Adresse des Standesamtes im Stadtzentrum. Er mustert sie im Innenspiegel.

“Sie sehen nicht glücklich aus”, sagt er. “Wer heiratet denn?”

Sie bleibt die Antwort schuldig und lehnt den Kopf gegen das Fenster, und er ist schlau genug, nicht weiter nachzuforschen. Vorsichtig fädelt er sich in den langsam dichter werdenden Berufsverkehr ein und lenkt die Droschke in Richtung der Innenstadt. Der Himmel zieht sich zu, und bald klatschen die ersten Regentropfen gegen die Scheiben des Benz. Die schalldämpfende Karosse wirkt isolierend und trennt sie schmerzhaft beruhigend von der Außenwelt.

Die Taxifahrt ist ereignislos, und sie zahlt ihrem Fahrer ein großzügiges Trinkgeld, ohne es so recht zu bemerken. Die anderen sind bereits da, sie warten auf der ausgetretenen Betontreppe unter dem schmalen Vordach, um nicht nass zu werden, während der Himmel all seine Schleusen öffnet. Er weint für mich, denkt sie, weil ich es jetzt nicht darf sondern tapfer sein muss.

Er trägt einen dunklen Anzug, das Sakko ist feucht vom Regen. An seiner Seite steht seine Mutter; ihre eigenen Eltern konnten wegen der Entfernung nicht kommen. War vermutlich aber auch besser so. Ein Arbeitskollege von ihm hält sich etwas im Hintergrund. Ihr einziger Halt ist ihre beste Freundin, die sich gedämpft mit ihm und seiner Mutter unterhält. Sie unterbrechen ihr Gespräch, als das Taxi vorfährt, und ihre Freundin mustert sie forschend. Sie hat auf Make Up verzichtet und die Spuren der letzten Nacht nicht verdeckt, und so weiß sofort jeder, was Sache ist.

Sie betreten das Standesamt. Im Inneren ist die Luft kühl und klamm. Die Fliesen, abwechselnd schwarz und weiß, tragen schmutzige Fußspuren, wo der von den Angestellten herein getragene Regen getrocknet und nur eine dünne Patina aus Dreck und Schlamm zurück geblieben ist. Sie fröstelt wieder, trotz ihres Mantels, und als sie wankt, muss er sie stützen.

Die Formalitäten vor der eigentlichen Formalität ziehen sich ewig. Erst müssen sie zur Standesbeamtin, um Dokumente vorzubereiten, dann will die Standesbeamtin noch mit ihrer Freundin und seinem Arbeitskollegen reden. Der Minutenzeiger an der hässlichen mechanischen Uhr über dem Haupteingang rückt erbarmungslos vorwärts. Sie lehnt sich an die Wand und schließt die Augen.

Eigentlich soll heute der glücklichste Tag in ihrem Leben sein, stattdessen fühlt es sich an, als halte schon seit Wochen jemand ihr Herz in einen Schraubstock gespannt. Ganz in Weiß. Etwas neues, etwas altes, etwas geborgtes und etwas blaues. In guten wie in schlechten Zeiten. Bis dass der Tod sie scheide. Alles Unsinn. Worthülsen, ohne jegliche Bedeutung, zumindest in ihrem Fall.

Sie hat mit ihm einen Ehevertrag aufgesetzt, inoffiziell und ohne Notar, weil sie beide das Gefühl hatten, einander in diesem Punkt bedenkenlos vertrauen zu können. Ein ganz nüchterner Text, vier Seiten. Sie musste das Dokument formulieren, und er hat es unterschrieben, ohne es auch nur zu lesen. Im Kern steht darin, dass es sich um eine Zweckbeziehung handelt und dass ein jeder den Anspruch an seinen eigenen Gütern behalten werde, sofern es zur Scheidung kommt. Getrennte Konten, getrennter Besitz, getrennte Wohnungen, getrennte Leben.

Der Grund, wieso sie ihn trotzdem heiratet, obwohl da außer Freundschaft nicht viel im Spiel ist, ist simpel. Für ihn bedeutet es eine bessere Steuerklasse, sodass ihm am Ende jedes Monats mehr Geld bleibt. Für sie bedeutet es, dass sie über ihn versichert ist und ihr Studium beenden kann, das wegen diverser Krankheiten, ihrem Alter und einer mangelnden sozialen Absicherung auf eher wackeligen finanziellen Beinen steht.

Die Beamtin ruft die kleine Gesellschaft in das Trauzimmer. Sie setzen sich in die erste Reihe, flankiert von ihren Trauzeugen, seine Mutter direkt hinter ihnen. Sie zittert wie Espenlaub und muss eine Panikattacke unterdrücken. Nicht er drückt zur Beruhigung ihre Hand sondern ihre beste Freundin. Sie heftet ihren Blick auf das kleine Kissen mit den Ringen. Schmuckloser Edelstahl, nur ihr Ring gekrönt mit einem winzigen Kristallsplitter. Die Ringe sind nicht einmal neu, sie hat sie aus ihrem eigenen Schmuckkästchen genommen und schlicht ein wenig poliert.

Die Zeremonie beginnt. Vage bekommt sie mit, dass sich alle erheben und wieder Platz nehmen. Die Standesbeamtin redet viel und lächelt noch viel mehr. Was sie sagt, kommt bei ihr nicht an; in ihrem Magen tobt ein ganzer Schmetterlingsschwarm.

Die Beamtin wendet sich an ihn. “So frage ich nun Sie: Wollen Sie die hier Stehende aus freien Stücken zu Ihrer rechtmäßigen Frau nehmen, so antworten Sie mit Ja.”

Er blickt zu ihr und schluckt. Dann nickt er entschlossen. “Ja. Ich will.”

Die Beamtin dreht sich zu ihr. “Auch Sie frage ich nun: Wollen Sie den hier Anwesenden aus freien Stücken zu Ihrem rechtmäßigen Mann nehmen, so antworten auch Sie mit Ja.”

Das Blut tobt in ihren Ohren. Aus freien Stücken? Nein, aus reiner Notwendigkeit! Sie denkt an den langen Brief, den sie an Gott geschrieben hat und der sich in ihrem Tagebuch befindet – dem echten, das niemand kennt, nicht dem Blog, das sie online führt, um ihre verstreuten Freunde über ihr klägliches Leben zu informieren. Sie hat mit ihm gehadert, ihn beschimpft, ihn verantwortlich gemacht, ihn angefleht, ihn nach dem Sinn gefragt. Sie hat sich selber nach dem Sinn gefragt, in vielen endlos langen Nächten. Wenn andere ihr sagten, sie soll sich keine Sorgen machen, hat sie sich Sorgen gemacht. Wie viel Verzweiflung kann ein Mensch ertragen, bis er zerbricht? Mit 25 den seelischen Zusammenbruch, mit 35 Burnout, mit 45 den Herzinfarkt? Oder vielleicht jedes verdammte Jahr einen seelischen Zusammenbruch, seit ihrem zwölften Lebensjahr, mit Tränen und dem Gefühl, einsam und völlig verloren und hilflos zu sein?

Sie sieht von ihren Händen auf. Die Beamtin blickt sie fragend an. “Entschuldigen Sie, möchten Sie, dass ich…”

“Nein!” Sie schreit es fast. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. “Nein. Ich kann das nicht. Ich…”

Sie verstummt, springt auf. Der Stuhl poltert zu Boden. Sie stürzt zum Ausgang, fummelt an der Türklinke herum, bekommt die Tür nicht geöffnet. Weinend wie ein kleines Kind bricht sie einfach zusammen, stützt den Kopf auf die Knie und lässt ihren Tränen freien Lauf.

Jemand legt ihr einen Arm um die Schulter und zieht sie an sich, drückt sie feste. Geruch nach Wildkräutern und Zigaretten. Wärme.

“Komm. Ich bringe dich hier raus”, sagt ihre beste Freundin. Sie zieht sie auf die Beine und stützt sie. An die anderen gerichtet sagt sie: “Ich gehe mit ihr in ein Café. Kommt Ihr klar?”

Der Weg nach draußen scheint ihr endlos. Sie rotzt ein ganzes Paket Taschentücher leer. Als sie durch das Hauptportal ins Freie tritt, raubt die eisige Septemberluft ihr den Atem. Ihre beste Freundin bleibt auf der Schwelle stehen und zündet sich eine Zigarette an. Dann mustert sie sie.

“Das war eine ziemlich dumme Idee”, sagt sie und bläst Rauchkringel in den Regen hinaus.

“Ich weiß.”

“Und? Was wirst du jetzt tun? Wieder hinein gehen?”

Sie zuckt die Schultern. Streift das Armband mit dem Lapislazuli ab und betrachtet es. Etwas blaues, etwas geborgtes. “Keine Ahnung. Was ich immer mache. Zusammenbrechen. Um mich schlagen. Fluchen und schreien und die Welt ganz furchtbar finden. Mich wieder aufrappeln. Mir etwas neues einfallen lassen.”

Ihre beste Freundin streicht ihr durch die klatschnassen Haare. “Mach das. Reg dich ein bisschen auf und dann reg dich auch ein bisschen ab. Vergiss nur den Teil mit dem Aufrappeln nicht.”

Sie schüttelt den Kopf. “Nein. Aufgeben ist feige.”

“Das ist mein Mädchen!” Ihre Freundin lächelt. “Also, wie wäre es jetzt mit einem Kaffee?”

Sie greift nach der Türklinke aus Messing; das Metall unter ihren Händen ist eiskalt vom Regen. “Geh schon einmal vor. Ich sage ihm nur schnell, dass es mir Leid tut. Das ist das mindeste, was ich ihm schulde, neben vielen vielen anderen Dingen.”

Sie schlüpft durch das Portal ins Innere, und der schwere Holzflügel fällt klirrend ins Schloss zurück.

Alan Bradley: »Flavia de Luce: Mord im Gurkenbeet«

Ich würde gerne behaupten, dass ich mich gefürchtet hätte, aber das stimmte nicht. Ganz im Gegenteil. Es war das mit Abstand spannendste, was ich je erlebt hatte.

Eines Tages liegt im zum Landsitz der de Luces gehörigen Gurkenbeet ein rothaariger Mann und haucht der elfjährigen Flavia de Luce seinen letzten Atemzug ins Gesicht. Und das neunmalkluge Mädchen mit einem Faible für Chemie riecht sofort Lunte – nicht nur, weil der nun Verstorbene ihr quasi die Mordwaffe in die Nüstern geblasen hat, sondern auch, weil der Unbekannte am Abend zuvor mit ihrem Vater, dem ehemaligen Offizier der Britischen Armee und jetzigen Philatelisten Colonel de Luce, einen heftigen Streit gehabt hat. Auch Inspektor Hewitt zieht schnell diese Verbindung und verhaftet den alleinerziehenden Vater, und dabei kennt er noch nicht einmal die ganze Wahrheit: Dass nämlich dem Mord eine Drohung vorangegangen war, in Form einer auf den Schnabel einer toten Schnepfe aufgespießten Briefmarke! Für Flavia ist klar: Die Aufklärung des Falls kann sie nicht den Beamten seiner Majestät König George überlassen! Sie heftet sich auf die Spur des unbekannten Rotschopfes und stößt dabei tief in die Vergangenheit ihres Vaters vor, in eine Zeit, als er selber noch ein Schuljunge war und die Saat des Briefmarkensammlers in ihm gesät wurde. Durch ihre Neugier gerät sie immer tiefer in ein gefährliches Spiel, bei dem es schließlich nicht nur um eines der Symbole für die Überlegenheit der Britischen Krone gegenüber den Oraniern, die beiden seltenen Briefmarken Rächer von Ulster, von denen eine keinem geringeren gehört als König George von Großbritannien selbst, geht, sondern auch um die Freiheit ihres Vaters und ihr eigenes Leben.

Krimis sind definitiv kein Genre, das mich sonderlich glücklich macht. Ich kann nicht einmal genau den Finger auf das Warum legen; ich finde Krimis einfach nicht so spannend wie andere Romane. Insofern war ich gegenüber Flavia de Luce auch zunächst skeptisch. Dass die Elfjährige aber ein unbändiges Interesse an Chemie zeigt und ihr ein eigenes Labor, geerbt von ihrem Großonkel Tar de Luce, für ihre Experimente zur Verfügung steht, hat sicherlich geholfen, meine anfängliche Ablehnung zu zerstreuen. Außerdem muss ich gestehen, dass ich eine begeisterte Leserin der Fünf Freunde von Enid Blyton bin und immer noch alle 21 Bände im Regal stehen habe. Außerdem kann man sich dem Bann der so neunmal- wie altklugen Flavia nur schwer entziehen. Irgendwas hat das Mädchen an sich, was viele ihrer Missetaten schnell vergessen lässt. Vielleicht liegt es ein wenig an ihrer Familienkonstellation: Der Vater ein Offizier alter Schule, ihre Mutter im Himalaja verstorben, als sie ein Baby war, ihre beiden älteren Schwestern stets darauf bedacht, ihr das Leben schwer zu machen. Vielleicht fiebert man deshalb mit ihr mit, während sie der gesamten Bevölkerung von Bishops Lacey und der Polizei zeigt, was sie so auf dem Kasten hat.

Erfreulicherweise wird die Polizei in Mord im Gurkenbeet nicht als inkompetent dargestellt, ganz im Gegenteil. Inspektor Hewitt und Flavia kommen ziemlich zeitgleich auf dieselben Schlüsse, wenngleich anhand unterschiedlicher Indizien. Natürlich ist es Flavia, die die chemischen Beweise zusammenträgt, während der Inspektor vor allem klassische Polizeiarbeit leistet, und es stellt sich sogar heraus, dass Hewitt das Mädchen die ganze Zeit im Auge behalten hat, damit sie keinen Unsinn anstellt. Trotzdem kann er nicht verhindern, dass Flavia am Ende vom Drahtzieher der ganzen Geschichte überrumpelt und in eine lebensgefährliche Situation gebracht wird – aber zum Glück gibt es ja noch Dogger, das Faktotum auf dem de Luce’schen Landsitz Buckshaw, der das unheimliche Talent hat, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. In dieser Notlage zeigt sich auch am ehesten, dass Flavia ein verhältnismäßig normales Mädchen ist, denn jetzt, wo ihr Leben auf dem Spiel steht, zeigt sie echte Angst. Das unterscheidet sie wiederum wohltuend zum Beispiel von Anne aus den oben bereits zitierten Fünf Freunden, die stets lieber daheim blieb, wenn die Jungs auf Entdeckungsreise gingen, und für dieses Verhalten von ihren Brüdern und ihrer Cousine George auch gerne mal als Hausmütterchen geneckt wurde – hier blieben die Figuren immer irgendwie eindimensional. Das zeigt meiner Meinung nach auch, was von den Rezensenten zum Beispiel auf Amazon zu halten ist, die Flavia unerträglich weil neunmalklug finden. Die Frage muss erlaubt sein, was solche Leser von einem Krimi erwarten, in dem die Hauptfigur elf Jahre alt und ein Mädchen im England der 1950er ist.

Als Krimi hat Mord im Gurkenbeet meiner Meinung nach wenige Schwächen. Alle Fäden werden gut miteinander verknüpft, und es entsteht eine von der ersten bis zur letzten Seite spannende Geschichte. Die wenigen Logikfehler können auch der Übersetzung zugeschrieben werden, so fragt der Täter im Finale nur nach einem der beiden Rächer von Ulster, obwohl er nicht wissen kann, dass die zweite zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Flavias Besitz ist. Auch die Streifzüge durch die Geschichte der Chemie sind durchweg gut recherchiert – davor Hut ab! Nur einen Mecker habe ich, aber das auch nur, weil es mir als Chemikerin sofort aufgefallen ist. Als Flavia aus Hühnersuppe und Backpulver ein Wunderschnupfenmittel mischt, bezeichnet sie das Backpulver zwar korrekt als NaHCO3, verwendet dann aber nicht den richtigen Namen Natriumhydrogencarbonat, sondern die beiden falschen Bezeichnungen Natriumcarbonat beziehungsweise Natriumbicarbonat, und letzteres ist so richtig schmerzhaft falsch. Das sind aber Kleinigkeiten, die man wirklich verschmerzen kann. Stattdessen habe ich mich gefreut, eine weitere berühmte Naturwissenschaftlerin – Marie-Anne Paulze Lavoisier – auf meine Liste bedeutender Frauen schreiben zu dürfen.

Insgesamt hat mir Mord im Gurkenbeet so gut gefallen, dass mittlerweile auch die Nachfolge-Bände bis einschließlich Mord ist nicht das letzte Wort in meinem Bücherregal stehen. Keiner davon kommt meiner Meinung nach an Bradleys Erstlingswerk heran, und vor allem in Halunken, Tod und Teufel hatte ich mehrfach den Eindruck, dass da ganze für die Handlung wichtige Szenen der Schere zum Opfer gefallen sind. Zum Schluss wurde Flavia de Luce zu sehr zu einer Auserwählten ausgebaut, die das schwere Erbe ihrer Mutter antreten soll, und dieser Story-Bogen mündet in Eine Leiche wirbelt Staub auf in eine Geschichte an einer Akademie für besondere Schülerinnen. Dass Flavia nach diesem Fall zurück nach Buckshaw darf, fühlt sich beinahe wie ein Reboot an – als habe Alan Bradley gewusst, dass seine altkluge Heldin außerhalb der alterwürdigen Hallen nicht funktionieren kann. Ganz gleich, bei aller Kritik und allen Problemen habe ich Flavias Fälle durchweg als kurzweilig und angenehm zu lesen empfunden, des ganzen „Auserwählte“-Plots zum Trotz. Und das ist aus dem Mund einer Leserin, die mit Krimis nichts anfangen kann und Serien verabscheut, vermutlich das größte Lob.

Alan Bradley: Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet | ISBN 978-3-442-37624-7 | 400 Seiten | 10,99€ (D)

Love Doll

Ich bin nur eine Love Doll. Ein Spielzeug für gelangweilte Männer und Frauen, die etwas erleben wollen, was weit abseits der üblichen Normen ist. Ich gehörte zu einem edlen Club im Stadtteil Chiba. Ich lebte in dem Club in einem winzigen Zimmer mit Möbeln aus abgewetztem Hartplastik. Es war hässlich und kein Ort, an dem man sich geborgen fühlte oder den man Zuhause nannte. Mein Arbeitsplatz war ein Entzugstank, in dem mit gutem Willen drei Menschen Platz haben. Einen dieser hochgezüchteten Soldaten in diesen Tank zu kriegen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. So blieb mir zumindest dieser »Genuss« erspart.

Ich war in dieser Branche tätig, solange ich denken kann. Skitty, mein Boss, sammelte mich in der Gosse einer namenlosen Trabantenstadt am Rand von Tokyo auf und brachte mich in seinen Club, als ich gerade fünfzehn war. Die frustrierten Execs hatten ständig Bedarf an frischem Fleisch, und ich war jung und sah einigermaßen gut aus. Mein Aufgabenfeld war zunächst die Bedienung in der Bar, ehe Skitty mich von seinem Hausarzt operieren ließ, damit ich den Ansprüchen seiner Kunden genügte.

Ich habe nicht viel Cyberware in meinem Körper, gemessen an einem Konzerngardisten zumindest. Meine Veränderungen dienten immer nur dem Spaß anderer und halfen mir selber nie. Meine Reflexrecorder, die Wissens- und Talentleitungen, die Chip- und die Datenbuchse, sie alle erfüllen nur einen Zweck: Möglichst viele perverse Spiele für die Kunden zuzulassen. Meine künstlichen Pheromone sollen stimulierend wirken. Ich sehe aus wie eine japanische Elfe mit Hörnern, dabei war ich vor nicht einmal zwei Jahren noch ein ganz normaler Mensch, und meine Familie muss europäischer Abstammung gewesen sein. All das interessierte Skitty nicht wirklich, als er mich von seinem Ripperdoc verändern ließ. Mystische Wesen liefen gut, weil exotische Modifikationen in Japan gesellschaftlich verpönt und damit reizvoll waren, und die Kunden standen auf japanische Schulmädchen. Ihm war auch egal, dass er etwas anderes an mir veränderte und mich langsam brach.

In den folgenden Jahren bekamen meine Chipbuchsen viele Programme zu fressen: Kamasutra, exotische Liebespraktiken, Grundlagen von Sado-Maso, derlei Dinge. Etwa ein Jahr lang schlief ich mit jedem, der Skitty genug Geld einbrachte. Studenten, Fabrikarbeiter, junge Ehepaare, frustrierte Hacker, Cops – sie alle standen auf der Liste. Ich lernte, mein Bewusstsein so weit wie möglich auszublenden. Am Anfang beschwerten sich die Kunden noch, dass ich kalt und abweisend wäre. Ich wurde verprügelt und vergewaltigt, bis ich gelernt hatte, die Kundenwünsche wie im Reflex und unterbewusst zu erfüllen. Mehr und mehr sehnte ich mich nach den wenigen freien Stunden, die ich in der Einsamkeit meiner Zelle hatte.

Als ich Skitty bewiesen hatte, wie gut ich in meinem Job war, veränderten sich plötzlich die Kunden. Sie wurden vornehmer und stanken nach Geld. Ich erfuhr zum ersten Mal, dass Skitty meinen Sex mit diesen Kunden aufzeichnete, um sie später erpressen zu können. Einige der reichen Pinkel waren nett und unterschieden sich kaum von einem normalen Liebhaber, die meisten jedoch waren jene gelangweilte Sorte Kunden, die auf der Suche nach dem ultimativen Kick waren.

Eines Tages, es muss vor ungefähr einem Jahr gewesen sein, kam Skitty zu mir und gab mir einen kleinen Chip. Er sagte, dass ein ausgesprochen reicher und mächtiger Kunde nach mir gefragt habe. Der Kunde habe ganz besondere Wünsche, und dieser Chip würde mir das erforderliche Wissen vermitteln. Ich nahm den Chip und benutzte ihn. An den Rest erinnere ich mich nicht mehr. Es war das erste Mal, dass Skitty Drogen benutzte, um meine Erinnerungen an einen Kunden zu löschen.

Die Löcher in meinen Erinnerungen wurden eine willkommene Abwechslung zu all den brutalen Szenen, die sich bei dem Sex mit den normalen Kunden in mein Gehirn gebrannt hatten. Ich wusste nicht, wer meine Kunden waren. Ich wusste nicht, was sie von mir verlangten. Vielleicht war das gut so. Zurückblickend denke ich, dass einige der Dinge, die die Leute von mir verlangt haben könnten, weitaus schlimmer gewesen waren als das, was letztendlich meine Flucht veranlasste. Solange Skitty zufrieden war, war alles in Ordnung und mein Leben folgte zumindest geringfügig normalen Bahnen.

Dass es in Skittys Laden eine Love Doll gab, die bereit war, beinahe jeden Wunsch zu erfüllen – ein Hohn, wenn man bedachte, dass ich ungefähr so bereit zu diesen Taten war wie ein Tier, das zum Schlachter geführt wird -, sprach sich unter den oberen Zehntausend in Japan offenbar schnell herum. Ich bekam kaum noch Ruhepausen, sah man von den Phasen der Bewusstlosigkeit ab, die die Anwendung der Drogen bei mir hervor riefen. Die Arbeit und der Mangel an Schlaf hinterließen ihre Spuren, und Skittys Ripperdoc hatte alle Hände voll zu tun, meine Jugend zu erhalten. Mein Gesicht und mein Körper seien mein Kapital, betonte Skitty öfter.

Dann jedoch kam der Tag, der mein Leben radikal umwerfen würde. Skitty war bereits seit einer Woche sehr aufgeregt, und ich ahnte, dass er einen ganz besonderen Gast erwartete und mit den Vorbereitungen beschäftigt war. Ich bekam einige Tage Ruhe, meine übliche Kundschaft wurde abgewiesen. Ich nutzte die Zeit, um zu entspannen, nachdem Skitty mich im Zuge der Vorbereitungen für den Gast einer weiteren Operation unterziehen und mir rubinrot lackierte Nagelmesser implantieren ließ. Sie waren von normalen Fingernägeln nicht zu unterscheiden, aber ich wusste, dass sie gefährliche Schnittwunden verursachen konnten.

Es war ein regnerischer Frühlingsabend, als Skittys Sekretär mir den Chip und das Glas mit dem Drogencocktail gab. Er führte mich nicht in einen der üblichen Entzugtanks sondern brachte mich in einen großen Salon mit einem gewaltigen Bett. Sanfte Musik spielte im Hintergrund, Champagner stand bereit. Ich legte den Chip ein und setzte mich auf die Bettdecke aus rotem Samt.

Die Tür öffnete sich, und herein kam mein Gast. Ich erkannte Kanzler Shiteru aus dem Kabinett des Kaisers auf den ersten Blick. Er war einer der wichtigsten Vertrauten des Kaisers. Er kam in Begleitung eines jungen Mädchens, die wie eine traditionelle Geisha gekleidet und geschminkt war, und ich kann nicht einmal ausschließen, dass sie kein Poser sondern ein echtes Mitglied dieser geachteten Zunft war. Er gab ihr einen leisen Befehl und setzte sich dann in einen Sessel neben der Tür. Die Geisha legte ihr wertvolles Gewand ab und kam zu mir aufs Bett. Ich fragte mich einen Moment, wieso mir Skitty einen Chip gab, wenn es hier nur um eine lesbische Liebesszene vor einem Spanner ging. Ich hatte mit mehr gerechnet und schaltete den Chip ein.

Eine Welle von Hass und Brutalität traf mich. Ich fand mich mitten in einem künstlich induzierten Albtraum voller Blut und Gewalt wieder. Ohne mich kontrollieren zu können, fuhr ich die Nagelmesser aus und ging auf die Geisha los, die mich entsetzt anblickte und einen spitzen Schrei ausstieß. Ich versuchte, mich unter Kontrolle zu kriegen, während Kanzler Shiteru in seinem Sessel lachte und sich ein Glas Champagner eingoss. Als ich jedoch den ersten Schnitt setzte und das rote Blut über meine Hand und die Haut der Geisha, die wie Porzellan schimmerte, spritzen sah, konnte ich mich nicht mehr beherrschen. In einem wahren Rausch zerfleischte ich das junge Mädchen, schnitt ihr bei lebendigem Leib die Augen aus den Höhlen und die Zunge aus dem Mund, trennte Finger, Zehen und Brüste ab und schlitzte mich wie ein Berserker durch Knochen und Eingeweide. Erst als das Mädchen blutüberströmt und reglos auf den klebrigen, durchtränkten Laken lag, ebbte die blinde Wut ab. Ich keuchte, als ein stechender Schmerz durch meine Datenbuchse ging.

Zuerst war ich geschockt. Ich hatte nie zuvor einen Menschen getötet. Dann griff ich nach dem Glas mit der Droge. Ich würde selig schlafen und alles vergessen, was ich getan hatte. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, meine Nagelmesser zu reinigen oder einzufahren und leerte das Glas mit einem Zug. Dann wartete ich auf die Ohnmacht.

Sie kam nicht.

Als mir klar wurde, dass ich diesmal nicht darauf hoffen konnte, zu vergessen, wusste ich, dass mein Leben in Gefahr war. Kanzler Shiteru wandte sich bereits zum Ausgang, die Hand immer noch an der Knopfleiste seiner Hose. Das grausame Spiel hatte ihm ganz offensichtlich gefallen. Meine einzige Chance war, ihm eine Zugabe zu bieten – die letzte seines Lebens. Ich stürzte mit einem Schrei auf ihn, der ihn dazu veranlasste, herumzufahren. Meine Nagelmesser bohrten sich tief in seinen Hals und rissen blutende Striemen in Kehlkopf und Schlagader. Ich ließ ihn einfach zu Boden fallen, stürzte aus dem Raum und verschwand, so schnell ich konnte. Ich wollte mich an Skitty rächen, aber ich wusste, dass seine Bodyguards und sein Bluthund mich zerlegen würden, ehe ich ihn auch nur zu Gesicht bekam. Ich stürzte aus seinem Bordell auf die hell erleuchtete Einkaufsstraße irgendwo im Herzen von Chiba und tauchte in der Menschenmenge unter. Zum ersten Mal seit vier Jahren war ich wieder auf der Straße. Und ich hatte nicht einmal die Chance, meine Freiheit zu genießen. Ich rannte, bis meine Lungenflügel bei jedem Atemzug brannten, und verschwand schließlich in einer dunklen Seitengasse.

Niemand konnte mir bisher erklären, wieso die Droge damals ihren Dienst versagte. Vielleicht hatte ich mit der Zeit eine Toleranz entwickelt, sodass mir diesmal kein Vergessen vergönnt war. Vielleicht gab es nichts mehr zu vergessen. Ich weiß inzwischen jedoch, dass die Chips, die mir Skitty gab, spezielle Programme enthielten, deren internen Schaltkreise mich der Kontrolle über meinen Körper beraubten und , den unterschwelligen Signalen auf dem Chip Folge leistend, jeden Wunsch der perversen Kunden erfüllen ließen. Ich hatte davon schon früher gehört, das war Militärtechnologie. Einmal selber Opfer zu werden, war mir im Traum nicht eingefallen.

Ich weiß, dass Skitty mich suchen wird, sobald er eine Ahnung hat, wo ich mich befinde. Ich weiß, dass ich nicht nach Japan zurückkehren kann, denn die Polizei dort sucht nach mir als Mörderin, und Skitty hat ihnen sicher die Aufzeichnungen gegeben, die er von dieser Nacht gemacht hat, um den Kanzler später erpressen zu können. Ich kann nicht beweisen, dass mich der Chip zum Mord an der Geisha gezwungen hat, weil er sich zerstörte, als das Programm abgelaufen war. Und selbst wenn ich beweisen könnte, dass ich unter Zwang gehandelt habe, so entlastet das nicht meinen Mord an Kanzler Shiteru. Ich stecke tief in der Klemme, und meine wenigen Ersparnisse sind nahezu aufgebraucht, investiert in meine Flucht und eine neue SIN hier in diesem Land.

Ich bin nur eine Love Doll. Aber wenn Sie bereit sind, für jemanden zu bezahlen, der vier Jahre lieben musste ohne jemals geliebt zu haben, wäre ich erfreut, wenn Sie meine Dienste als ernstzunehmende Söldnerin in Anspruch nehmen würden.

E.F. von Hainwald: »Cyberempathy«

„[…] Es ist unlogisch, Freiheit statt Sicherheit zu wählen. Wer sicher ist, lebt lang und glücklich. Wer frei ist, lebt gefährlich und achtet nicht auf das Wohl seiner Mitmenschen“, die Stimme nahm einen tadelnden Klang an.

In der Stadt Skyscrape sind alle Menschen über das Cybernet verbunden und können so in einer großen Gemeinschaft an den Gefühlen der anderen Mitmenschen teilhaben. Aufgrund dieser Gemeinschaft gehören Kriege und Verbrechen der Vergangenheit an, und wer doch eine Emotion loswerden will, geht zu einem Erinnerungskonstrukteur. Ein solcher ist auch Leon, und er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, mit der wunderbaren Star-Sängerin Janica an seiner Seite und der Aussicht darauf, nur die exklusivsten Kunden behandeln zu dürfen. Dann jedoch geht eine solche Behandlung beim Sohn eines einflussreichen Bankers schief, und der Junge begeht Selbstmord. Das System befindet Leon für schuldig, trennt ihn vom Cybernet und verbannt ihn in die Unterstadt, tief im Fundament von Skyscrape. Leon ist klar, dass man ihn in dieser verwirrenden Welt aus abstoßender Gewalt und offenem Hass verrecken lassen will. Als er fast alle Hoffnung aufgeben will, wird er jedoch vom Ex-Soldaten Rade aus der Klemme geholt, und dieser bietet dem Newcomer im Slum eine Bleibe und seinen Schutz. Nach und nach lernt Leon auch Rades Geliebte, die Hure Lux, und seine Mechanikerin Skylynn kennen. Gemeinsam mit diesen neuen Freunden gelingt es ihm, in der Unterwelt Tritt zu fassen und sich ein neues Leben aufzubauen. Dann jedoch tritt der undurchsichtige Yas in sein Leben, der unfreiwillige Spender ihrer Organe beraubt, und macht Leon ein verlockendes Angebot. Er bringt ihn zurück in die Oberstadt, wenn Leon ihm hilft, das Trauma seiner Opfer zu lindern. Leon willigt ein – und wird zu einem Spielball von Mächten, die er nicht begreifen kann.

Ich bin bekennender Cyberpunk-Fan, seit ich den Neuromancer gelesen, den Blade Runner gesehen und Shadowrun gespielt habe. Leider fristet diese besondere Untergattung des Sci-fi im Literaturbetrieb immer ein gewisses Schattendasein (als ob Sci-fi selber so eine große Rolle spielen würde), und darum gebe ich Newcomern auf der Bühne gerne eine faire Chance. Das gilt insbesondere, wenn ich mit dem Autoren ein paar Takte über dieses Genre wechseln konnte – wie im Falle von Hainwalds auf der LBM geschehen. (Dass ich als Indie-Autorin mit anderen Indies mitfühlen kann, könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben.) Als ich das Buch dann schließlich las, beschlich mich zusehends dieses seltsame Gefühl von déjà vu, das alles irgendwo schon einmal gelesen oder gesehen zu haben. Cyberempathy trägt seine Inspirationen sehr offen mit sich herum, mit einer tiefen Verwurzelung im Anime – hier sollen vor allem Battle Angel Alita und Akira genannt werden – und dem beinahe formulaischen Befolgens all jener Punkte, die den Cyberpunk ausmachen. Cyber? Check. Punk? Check. Mehr Schein als Sein? Check. Immer auf des Messers Schneide? Check. Einstellung ist alles? Check. Drogen, Sex und sinnlose Gewaltexzesse? Check, check uuuund check. Es geht gefühlt wenige Risiken ein, die Heldenreise ist ebenso in allen Punkten vorhanden wie die klar definierte Drei-Akt-Struktur und das im Cyberpunk so typische Fehlen eines sauberen auflösenden Endes. Für Kenner des Genres ist von vorneherein absehbar, wie sich die Geschichte von Schlecht zu Katastrophal dreht. Die Welt ist dabei durchsetzt von auf den ersten Blick coolen Gimmicks, denen aber das eher cineastische Verständnis für die zugrunde liegenden Technologien, das geradewegs aus Scottys Enterprise-Mechaniker-Wortschatz zu stammen scheint, häufig anzumerken ist. Ständig wird irgendein neuer abgedrehter Scheiß in die Manege geschmissen und gemäß dem Grundsatz „Style over Substance“ in kurzen Vignetten verheizt. Irgendwann wird das sehr ermüdend, der Zauber der sehr eigenwilligen Welt verfliegt und die Ungläubigkeit lässt sich nicht mehr willentlich aussetzen. Wie und warum die Gesellschaft in Skyscrape funktioniert, bleibt immer im Hintergrund, wenn man vom Cybernet und den miteinander verknüpften Emotionen absieht.

Die Figuren sind ziemlich simple Archetypen: Da ist der naive optimistische Newcomer, der Ex-Elitesoldat mit der dunklen Vergangenheit, die Hure mit dem Herz aus Gold und die Wunderkind-Mechanikerin. Die Mischung funktioniert, auch wenn sie auf den ersten Blick wenig Überraschung verspricht – man erwartet einfach, dass diese vier zueinander finden. Trotzdem legt von Hainwald viel Augenmerk darauf, zumindest Leon und Rade umfangreich mit Empathie und Gefühlen auszustatten. Immerhin geht es in dem Roman genau um diese Empathie und um das (bei Philip K. Dick sehr populäre) Motiv der Frage nach dem, was uns menschlich macht und an welchem Punkt wir aufhören, Menschen zu sein. Gerade bei Rade und den anderen aufgemotzten Gestalten in der Unterwelt kommt mir das aber manchmal zu kurz; in den Cyberpunk-Rollenspielen wird das sehr coole Konzept des Menschlichkeitsverlustes gepflegt, bei dem man immer, wenn man ein Körperteil durch Blech ersetzt, ein wenig vom eigenen Selbst aufgeben muss, bis man einer Psychose anheim fällt. Es gibt bei Rade zwar Indizien dafür, und auch die allgegenwärtige Gewalt und Abwertung menschlichen Lebens und die Kriecher im Fundament sind Hinweise auf ein solches Prinzip, aber in einem Roman, der sich so stark um Empathie und Emotionen dreht, wäre hier etwas plakativeres Vorgehen sicher nicht verkehrt gewesen. Besonders Wundermechanikerin Skylynn scheint sonderbar emotionslos gegenüber dem Fakt zu sein, dass ihr irgendein Arschloch die Arme abgesäbelt hat, als sie noch ein kleines Kind war. „Das ist lange her“, lautet ihr lakonischer Kommentar – als ob man das Trauma eines solchen Übergriffes einfach ad acta legen könnte. (Eigene Erfahrungswerte: PTSD ist ’ne Bitch.) Ich mag die Menagerie trotzdem, auch wenn sie jetzt nicht so viele Schichten wie Zwiebeln oder Oger hat. Und während Rade und Leon auf der letzten Seite im Widerschein der brennenden Unterstadt Händchen halten, wandern meine Gedanken zu Skylynn und Lux und der bangen Frage, ob es ihnen gut geht.

Reden wir noch kurz über das Handwerkliche des Verlags. Gedankenreich ist sehr klein und steckt einen Haufen Herzblut in seine Projekte. Das kenne ich aus eigener Erfahrung, man möchte die Welt an seiner Liebe ein bisschen teilhaben lassen. Umso schmerzhafter ist es dann, Fehler zu sehen, die mit etwas mehr Sorgfalt hätten vermieden werden können. Immer wieder sind dem Lektorat Rechtschreib- und Grammatikfehler durchgerutscht, und die Satzzeichen (insbesondere die Kommas) scheint jemand mit der Schrotflinte nach dem Zufallsprinzip in den Satz geschossen zu haben. Das Layout ist zwar liebevoll, mit ansprechenden Trennern und Kapitelköpfen, aber auch hier merkt man, dass im Wesentlichen nur die Silbentrennung und die Hurenkinderregelung in Office eingeschaltet und danach nicht noch einmal drüber gelesen wurde. Das macht den Satz stellenweise sehr unruhig, mit riesigen Wortabständen oder Stellen, an denen nur die Satzzeichen einer wörtlichen Rede in die neue Zeile rutschen und dann der Absatz endet. Ich meine, ich weiß selber, wie viel Zeit (und für einen Verlag auch Geld) es kostet, diesen ganzen Mist zu finden und zu beseitigen, und ich ärgere mich schwarz, dass mir in meinen eigenen Werken vereinzelt solche Fehler durchgegangen sind. Aber wenn man sich eines Lektorates und eines Layouters rühmt, sollte das doch möglich sein, oder?

Nach derart geharnischten Worten erwartet vermutlich niemand mehr versöhnliche Töne aus meiner Feder. Aber der Punkt ist, dass Cyberempathy bei all meiner Kritik irgendetwas wohl fundamental richtig gemacht haben muss. Immerhin habe ich das Buch tatsächlich bis zum Ende gelesen, und ich hatte niemals während der 560 Seiten das Gefühl, es wäre nur Arbeit oder eine unangenehme Pflicht – und das konnten in den vergangenen Wochen wirklich wenige Bücher in meiner Sammlung von sich behaupten. So formulaisch und nach Checkliste der Roman auch allem Anschein nach entstanden sein mag: Er funktioniert. Die Charaktere sind keine Katastrophe, die ich ständig gehasst habe, und die unterschwellige Botschaft der obrigkeitsbefohlenen Political Correctness bis zur Selbstverleugnung gepaart mit einer diffusen nicht ganz greifbaren globalen Bedrohung klickt gut in den aktuellen Zeitgeist. Sex-Anspielungen sind gehäuft, aber nicht aufdringlich, und Cyberempathy dürfte der erste Cyberpunk-Roman sein, in dem der obligatorische Fick des Hauptcharakters homoerotisch ist. Das alleine hat fette Bonuspunkte verdient. Kurz gesagt: Wer das Genre liebt und ein Herz für Indie-Autoren und -Verlage hat, sollte bei aller Kritik zugreifen. Schon allein, um’s dem Establishment der großen Verlage zu zeigen. Das wäre nämlich ziemlich Cyberpunk von euch.

E.F. von Hainwald: »Cyberempathy« | ISBN 978-3-947147-48-9 | 560 Seiten | 16,90 € (D)